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Essai 155: Über stilvolles Beleidigen

13. April 2016

Wer sich auf Onlineforen oder in den Kommentarspalten sozialer Medien tummelt, hat oft Gelegenheit, die Kunst des stilvollen Beleidigens zu trainieren. Es ist wirklich faszinierend, wie viel Unsinn sich Menschen ausdenken und auch noch für alle lesbar niederschreiben können. Darüber kann man verzweifeln, muss man aber nicht. Allerdings ist es auch wenig erquicklich, auf einen strunzdämlichen Kommentar zu antworten, dass der Kommentar strunzdämlich ist. Das Problem mit Idioten ist nämlich, dass die einen auf ihr Niveau herunterziehen und mit Erfahrung schlagen, wenn man sich auf eine Diskussion mit ihnen einzulassen versucht. In der Folge wirft man sich gegenseitig stillose Beleidigungen an den Kopf und hinterher hat man schlechte Laune, weil der Idiot einen längeren Atem als man selbst in Bezug darauf hat, seinen geistigen Dünnpfiff wiederzukäuen.

Was also kann man tun? Ignorieren? Ist eigentlich für den Seelenfrieden am besten, aber ab und zu juckt es einen dann ja doch in den Fingern. Oder es besteht Hoffnung, dass der Idiot vielleicht nicht ganz so dämlich ist und sich von sachlichen Argumenten möglicherweise doch zum Nachdenken anregen lässt. Und wenn schon nicht er selbst, dann vielleicht Menschen, die den Wortwechsel mitlesen. Stilvolles Beleidigen ist da eine ganz pfiffige Strategie, und die geht so:

1. Stilvolles Beleidigen ohne Beleidigungen

Hö? Stilvolles Beleidigen muss ohne Beleidigungen auskommen? Wie geht das denn? Tja, das ist paradox, aber tatsächlich ist es das Beste, wenn man den anderen nicht offensichtlich und offensiv beleidigt. Sonst ist er nämlich in der vorteilhaften Position, sich als Opfer ungerechtfertigter Angriffe stilisieren zu können und braucht überhaupt keine Argumente mehr, um als Derjenige, der recht hat, dazustehen. Blöd. Also bleibt man ganz höflich, sachlich und freundlich, zeigt Respekt und Achtung vor seinem Gegenüber und hinterfragt lediglich den Inhalt des Kommentars, wird also nicht persönlich.

Weiterer Vorteil: Der andere kennt diese Art der Kommunikation wahrscheinlich nicht, ist verwirrt und irritiert – und gerät womöglich ins Straucheln. Wenn man Glück hat, wird er selbst ausfallend und beleidigend, sodass man selbst wiederum in der vorteilhaften Position ist, sich als Opfer ungerechtfertigter Angriffe hinstellen zu können. Ausgebufft, oder? Also, anstatt zu schreiben: „Du dumme Sau hast doch überhaupt keine Ahnung und laberst hier nur Scheiße!“ sollte man lieber schreiben: „Ich verstehe Ihren Ärger, doch Ihre Argumentation erschließt sich mir noch nicht ganz.“ Dass man den Ärger des anderen versteht, ist natürlich gelogen, aber trotzdem kann der andere nichts dagegen sagen. Ätsch 😛

2. Gegenfragen stellen

Gegenfragen sind eine einfache, aber oft wirksame Strategie, damit der andere sich selbst als Idiot entlarvt. Dann muss man nämlich nicht mehr beleidigend werden und konkret aussprechen, dass der andere strunzdummes Zeug labert und nicht alle Tassen im Schrank hat, weil das dann auch so von alleine klar wird. Hübsche Gegenfragen sind zum Beispiel: „Mögen Sie mir Argument XY noch einmal genauer erläutern?“ oder „Haben Sie dafür sachliche Argumente oder wollen Sie es bei der bloßen Behauptung belassen?“ oder „Das ist ja interessant, was Sie da behaupten, aber haben Sie dafür auch stichhaltige Quellen, die Ihren Standpunkt objektiv beweisen?“

Es kann natürlich sein, dass daraufhin wirklich stichhaltige Argumente aufkommen. Sollte dieser Fall eintreten, kann sich daraus eine fruchtbare, spannende Diskussion entwickeln und dann kann man sich freuen, dass man nicht ausfallend geworden und höflich geblieben ist. Kommen daraufhin schwachsinnige Pseudoargumente à la „Ist halt so“ oder „da muss man halt über eine gewisse Intelligenz verfügen, um das so zu sehen (wie ich, weil ich bin so kluk!)“, kann man weiter nachfragen. „Tut mir leid, aber ich habe das immer noch nicht verstanden. Wie kommen Sie darauf, dass XY tatsächlich so passiert?“

3. Quellen prüfen

Fragt man nach Quellen, muss man damit rechnen, dass wirklich welche genannt werden. In diesem Fall lohnt es sich, reinzulesen und zu schauen, woher sie kommen, wer sie geschrieben hat und einen Blick ins Impressum zu werfen. Manchmal untermauern Leute ihre Behauptungen nämlich gern mit Links, die zu irgendwelchen Blogs oder Seiten von Leuten führen, die Dasselbe behaupten und ebenfalls weder objektiv nachvollziehbare Argumente noch seriöse Quellen nennen. Das kann man gut am Tonfall erkennen: Ist er polemisch, spöttisch, höhnisch oder verächtlich? Dann ist er mit großer Wahrscheinlichkeit zur objektiven Beweisführung ungeeignet.

Stutzig werden sollte man außerdem, wenn es weder ein Impressum noch ein Autorenporträt gibt. Ein Impressum habe ich auch nicht, aber immerhin könnt ihr unter „Über die Autorin“ erfahren, wer eigentlich diese Isabelle Dupuis ist, die hier so herumklugscheißert und immer alles besser weiß. So könnt ihr entscheiden, ob ihr findet, dass meine Expertise ausreicht, um hier etwas zum Thema stilvolles Beleidigen überzeugend darbringen zu können, oder ob ihr findet, ich habe zu dem Thema ja wohl gar nichts zu melden und soll mich hier gefälligst nicht so aufplustern und meine blöde Klappe halten. Gibt es keine Informationen darüber, was für Erfahrungen ein Autor hat, ist es nicht möglich, den Glaubwürdigkeitsfaktor eines Texts einzuschätzen. Es gibt Quellen, etablierte Zeitungen und Zeitschriften, öffentlich-rechtliche Medien, die bereits genug Glaubwürdigkeit mitbringen, weil man weiß, da arbeiten seriöse Journalisten. Die haben dann aber in der Regel ein Impressum und man merkt am Tonfall, ob der Autor sich um Objektivität bemüht oder seine subjektive Meinung über ein Thema äußert.

4. Rechtschreib- und Grammatikfehler korrigieren

Jetzt wird es doch ein bisschen unsachlich. Gibt es für die ersten drei Methoden zum stilvollen Beleidigen keine Ansatzpunkte, kann man, wenn man unbedingt etwas zu einem Meckerpöbeldummdödelkommentar sagen möchte, einfach seine Grammatik- und Rechtschreibfehler korrigieren. Keine Sorge, davon gibt es in Meckerpöbeldummdödelkommentaren immer welche zu entdecken. Trotzdem sollte man aber höflich und respektvoll bleiben. Beispiel für einen Dummdödelpöbelkommentar: „Dass ist so ein SCHWACHSINN was soll dass seit Ihr Dumm oder was!!!1111!!!??!?!??“ Da gibt es mannigfaltige Möglichkeiten, Grammatik, Rechtschreibung und Stil nach Manier eines Literaturkritikers zu zerpflücken. Trägt nichts zur Klärung des Sachverhalts bei, macht aber Spaß.

5. Nicken, lächeln, „Arschloch“ denken

Was bei Idioten im wirklichen Leben funktioniert, klappt auch bei unverbesserlichen Kommentar- und Forenpöblern. Sollten alle anderen Versuche gescheitert sein, zieht man sich am besten aus der Diskussion mit formvollendeten Manieren zurück. Also schreibt man so etwas wie „Ach so, na dann, wenn du meinst“, macht einen niedlichen Grinsesmiley dahinter, zum Beispiel 🙂 oder 😀 und denkt sich seinen Teil.

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Essai 127: Über Internet-Trolle

29. Juni 2014

Idioten in der Offline-Welt sind ja schon schlimm genug. Doch wenn diese Schwachmaten immerhin schlau genug sind, sich ins Internet zu begeben, entsteht eine explosive Mischung. Denn im Internet sind die Menschen durch ein gewisses Maß an Anonymität geschützt – zumindest empfindet man das persönlich so, wahrscheinlich ist das in Zeiten von NSA und Co. eine Illusion – und trauen sich daher, auch den bescheuertsten geistigen Dünnpfiff kund zu tun. Ja, mir scheint sogar, dass es für manche dieser Internet-Trolle eine Vollzeitbeschäftigung ist, durchs Netz zu surfen und überall ihre verqueren Ansichten zu hinterlassen und Unruhe zu stiften.

Zugegeben: Auch ich erliege gelegentlich der Versuchung, herumzutrollen. Wenn beispielsweise auf Facebook wieder irgendwer einen vor nostalgischer Vergangenheitsverklärung, Kitsch oder Klischees triefenden Aphorismus postet, kann ich einfach nicht an mich halten und muss den mit Sarkasmus oder Altklugheit demontieren. Dann mache ich mir einen Jux daraus, Rechtschreib- und Grammatikfehler zu monieren oder hinterfrage die Logik dieser Aussage. Es bereitet mir ein diebisches Vergnügen, diese Sprüche à la „Früher war alles besser“, „Diese Jugend heutzutage“ oder „Liebe ist blabla *irgendein-Schwachsinn* blabla“ auseinander zu nehmen.

Oder, was ich zuweilen auch ziemlich lustig finde, zumindest, bis irgendein noch größerer Troll als moi rassistisch wird, ist, den politischen, spießig-verstockt-verstaubten Ansichten der Christdemokraten, Christsozialen, Neoliberalen und AfDlern fröhlich zu widersprechen. Aber meistens dauert das nicht lange und diese Unsympathen beweisen, dass sie in Sachen Herumgetrolle weitaus versierter sind als meine Wenigkeit und dann macht’s nicht mehr so wirklich Spaß. Dann verabschiede ich mich mit einem „Ich diskutiere nicht mit Idioten. Sie ziehen dich herunter auf ihr Niveau und schlagen dich mit Erfahrung“ und schmolle ein wenig vor mich hin. Und dann merke ich mir das für einen Essai vor.

Jedenfalls bin ich manchmal fassungslos, was Internet-Trolle so alles von sich geben. Manchmal ist es zwar unfassbar dämlich, aber immerhin harmlos. Zum Beispiel, wenn sich jemand die Mühe gegeben und die Zeit genommen hat, einen Artikel zu lesen und dann kommentiert (und dafür auch noch Zeit und Mühe aufwendet): „Ja, ja. Und in China fällt ein Sack Reis um“ oder „Dieser Artikel ist sowas von überflüssig, reine Zeitverschwendung“ oder „Scheißjournalisten, haben keine Ahnung, müssen mal besser recherchieren. Was für’n Schwachsinn lol“ und andere schon zu Klassikern der Trollkommentare gewordene Perlen. Etwas beunruhigender finde ich dann die ebenfalls sehr beliebten, aber unterschwelligen Nationalismus und Rechtsradikalismus offenbarenden Kommentare, die sich aus Textbausteinen wie „armes Deutschland“, „linksgrüner Sozialismus“, „Sozialschmarotzer“ und so weiter zusammensetzen. Der Postillon hatte das mal sehr hübsch zusammengefasst.

Internet-Trolle rechtfertigen sich gern mit Sprüchen wie „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“, „freie Meinungsäußerung blablubb“, verstecken sich hinter ihren heiligen Ansichten und stellen sich als Opfer hin. Gerade die aus dem rechten Spektrum sind darin echte Virtuosen. Das ist zugleich feige und unglaublich borniert. Die bilden sich nämlich allen Ernstes ein, sie wären mit ihrer ach so tollen Meinung allein und wären die Ersten, die auf die Idee gekommen sind, sich vor „Überfremdung“ der „Herkunftsdeutschen“ durch gemeine „Zukunftsdeutsche“ und sonstigem Quatsch zu fürchten und gegen „linkssoziale Propaganda“ zu wettern oder alle, die nicht ihrer Meinung sind als „Antifa-Terroristen“ zu betrachten. Dabei sind sie selbst rechtspopulistischer Propaganda aufgesessen, ihre Meinung ist aus den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts aufgewärmt und wiedergekäut und insofern alles andere als eigenständig und originell, sowieso ist das ja heutzutage wieder in Mode, Nationalstolz mit Rechtsradikalität und Fremdenhass zu verwechseln. Ich zum Beispiel lebe gern in Deutschland, finde es ein im Großen und Ganzen recht sympathisches Fleckchen Erde und hab trotzdem keine Angst vor anderen kulturellen Einflüssen. Warum auch? Ich selbst bin das Ergebnis unterschiedlicher kultureller Einflüsse und finde es prima.

Kein noch so abwegiger Anlass ist den Internet-Trollen überdies zu schade, um ihre verschwurbelten Ansichten unters Volk zu bringen. So schreibe ich in den Kommentaren bei kino.de immer Kritiken zu den Filmen, die ich gesehen habe. Und das genügt den Internet-Trollen tatsächlich, um rassistisches oder sexistisches Gedankengut herauszupoltern. So geschehen bei Fack ju Göhte (Rassismus) und Transcendence (Sexismus). (Bei Letzterem ist rätselhafterweise der entsprechende Kommentar auf der Seite von kino.de nicht zu sehen, sondern nur auf meiner Facebook-Seite. Der Internet-Troll hatte geschrieben: „Gesellschaftskritisch? Frauen und Technik fällt mir dazu ein. Ein Wunder, dass Du nichts über die Frisuren zu heulen hattest.“)

Dass es auch anders geht, zeigt beispielsweise eine Diskussion, die ich auf meinem Kultur- und Theaterblog Hamburgische Dramaturgie 2.0 mal mit einem Scientologen und einem ehemaligen Scientologen hatte. Ich hatte in einem Artikel die Methoden Lee Strasbergs mit denen Scientologys verglichen, woraufhin ein Scientologe einen vermutlich vorformulierten PR-Text als Kommentar schrieb. Ich hinterfragte den Kommentar ein wenig kritisch, aber offen und freundlich, woraufhin sich ein spannender, interessanter Austausch von Lebensansichten entwickelte. Zumindest, bis sich der Scientologe und der Ex-Scientologe in die Wolle kriegten und Ersterer sich diskriminiert fühlte und aus der Diskussion zurückzog.

Es ist doch spannend und interessant, wenn man unterschiedlicher Ansichten ist. Selbst, wenn ich eine Meinung völlig abwegig und bescheuert finde, muss ich ja nicht gleich aggressiv und ausfallend werden. Selbst, wenn mich mal die Troll-Lust packt, versuche ich, mich auf Sachliches und Inhaltliches zu beziehen und nicht die Privatmenschen persönlich zu beleidigen. Aus sach- und inhaltsbezogener Kritik und Polemik kann sich eine Diskussion entwickeln, aus niveauloser, persönlicher Beleidigung hingegen entsteht nur Streit, der einen in der Erweiterung des eigenen Horizonts nicht weiter bringt. Und das ist eine verpasste Chance. Aber ich vermute, dass leidenschaftliche Internet-Trolle das anders sehen und ihren Horizont gar nicht erweitern wollen. Am Ende müssten sie dann ja noch einsehen, dass ihre Meinung gar nicht so unabhängig, selbstständig, frei und originell ist wie sie sich einbilden. Und dann wüssten sie vermutlich nichts mit sich anzufangen, weil sie ihre eigene Persönlichkeit über diese Meinungen definiert haben. Nimmt man ihnen die Grundlage für diese Meinungen, zieht man ihnen ihr Identitätskonstrukt als Boden für ihre Persönlichkeit unter den Füßen weg. Daher: Troll füttern lieber unterlassen und sich seinen Teil denken. Oder freundlich, höflich, sachlich und offen formulieren und gucken, was passiert.

 


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