Archive for August 2010

Essai 66: Über das vorurteilsbedingte Zurechtbiegen nichtssagender Sachverhalte

12. August 2010

Ich bin mal wieder fündig geworden. In der Zeitung. Die ist fürwahr ein nichtversiegender Quell typisch menschlichen (grenzdebilen) Gebahrens. Heute möchte ich mal einen Artikel über die Schließung einer Moschee zum Anlass nehmen, mir die menschliche Eigenart vorzuknöpfen, jedes noch so nichtssagende Detail so zurechtzubiegen, dass es irgendwie ins eigene Weltkonzept passt, das man sich zusammengebastelt hat und aus welchem man seine Vorurteile speist.

Es geht um die Moschee, in der sich die Hamburger Attentäter vom 11. September häufiger getroffen haben. Nach jahrelanger Untersuchung steht jetzt fast fest, dass mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit in besagter Moschee „religiöse Fanatiker herangezüchtet“ worden sein sollen. Ob das nun stimmt oder nicht, will ich hier nicht weiter debattieren. Ich habe nämlich nicht die leiseste Ahnung, ob das stimmt oder nicht. Kann ich auch gar nicht wissen. Das ist auch egal, denn was mich interessiert, ist die Wirkung dieser – meiner Meinung nach sozial ungeschickten – Aktion.

In dem Artikel kamen nämlich die Nachbarn der Moschee zu Wort und die waren äußerst erleichtert über die Schließung (laut Artikel). „Die leben in ihrer eigenen Welt“ posaunte einem schon der Titel entgegen. Gesagt habe das ein Nachbar, der „aus Furcht anonym bleiben will“. Der verängstigte Nachbar weiß außerdem, dass „die“ (dem Artikel zufolge sind „die“, die Moschee-Besucher) sich „bewusst ausgegrenzt“ hätten. Begründung: „Für die deutsche Gesellschaft hatten die nur Verachtung übrig“. Beweis: „Das hat man gemerkt.“

Peng. Was soll man bloß gegen dieses hieb- und stichfeste Argument einwenden?

Aber es geht noch hanebüchener. Passt mal auf. Der furchtsame Anonyme fährt nämlich fort, dass bärtige, vermummte junge Männer bis spät in die Nacht vor der Moschee gestanden hätten, was „natürlich Unbehagen“ wecke. Schließlich sei er sich ja darüber im Klaren, was für „Verbindungen“ den „Leuten in der Moschee nachgesagt“ würden. Ja, sogar der Bundesnachrichtendienst sei dort „Dauergast“ gewesen, und das „spricht wohl Bände“. Unser anonymer Hasenfuß ist mit seinem Wissen nicht alleine. Weitere Nachbarn bewerteten die Besucher der Moschee als – jetzt kommt’s – auffällig unauffällig. Zum Beispiel seien die Gebete bis auf die Straße zu hören gewesen. Also, wenn die Fenster offen standen. Und das „klang […] schon merkwürdig“, stellt ein Nachbar fest, vor allem angesichts dessen, was den Moschee-Besuchern nachgesagt werde. Ansonsten habe er sich aber um seinen Kram gekümmert, und „die“ sich um ihren.

Ich kann mich einfach nicht des Eindrucks erwehren, dass auch der Autor des Artikels sich Nichtigkeiten so zurechtgebogen hat, wie es in seine vorgefertigten Meinungen passte. Jedenfalls macht er sich nicht die Mühe, diesen Quatsch zu entkräften. Dabei wäre es ein leichtes.
Nehmen wir zum Beispiel den Beweis von anonymer Feigling Nr. 1, „das hat man gemerkt“. Mit ein paar kleinen Gegenfragen kann man diese Art von Totschlagargumenten in der Luft verpuffen lassen: „Woran?“, „Wie kommen Sie darauf?“, „Können Sie ein Beispiel nennen?“, „Aber etwas Konkretes wissen Sie nicht?“, „Also was denn nun, vermummt oder bärtig?“, „Was hat denn nun auch noch der Bundesnachrichtendienst damit zu tun“, „Finden Sie nicht, dass Ihre Aussagen etwas – nun ja – paranoid anmuten?“ etc.

Oder der, der sich angeblich immer nur um seinen eigenen Kram gekümmert habe. Hat er ja nun ganz offensichtlich nicht. Sonst hätte er die Gebete, die „schon merkwürdig klangen“, gar nicht mitbekommen.

Ich hatte weiter oben erwähnt, dass ich diese Aktion als sozial ungeschickt erachte. Auf diese Art und Weise füttert, ja mästet, man die Vorurteile derer, die Fremdem gegenüber sowieso schon skeptisch sind. Außerdem füttert, ja mästet, diese Art der Berichterstattung die Vorurteile derer, die ohnehin schon skeptisch gegenüber der „deutschen Gesellschaft“ sind. Wie soll denn so jemals ein offener Dialog zustande kommen? Jeder fühlt sich in seiner wie auch immer gearteten Meinung bestätigt, die er sich schon lange vorher gebildet hatte. Und jeder ist der Meinung, Recht zu haben. Und leider ist das den meisten Menschen wichtiger als alles andere.

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Essai 65: Über konjunktivierte Lebensentwürfe

7. August 2010

„Wenn ich erst einmal XY hätte und dann irgendwas tun würde, könnte ich endlich Blablabla, aber da müsste natürlich Dings erst Bla-Blubb tun, damit …“ Jeder kennt sie, diese entschlossenheits-allergischen Kauze, die sich grundsätzlich nur im Konjunktiv ausdrücken. Diese zugegebenermaßen nicht immer leicht zu ertragende Macke geht häufig einher mit einem Mangel an Einsicht in die eigene Verantwortung.

Da sind dann immer gleich die Umstände Schuld, wenn irgendetwas nicht so läuft, wie man sich das vorher konjunktivisch zurechtgebastelt hatte. Oder „die Anderen“, die sind eigentlich auch immer Schuld. Nur man selbst natürlich schon wieder nicht. „Ja, hättest du mir das früher gesagt, dann hätte ich ja noch dingsdabums machen können, aber jetzt ist das natürlich zu spät, …“.

Interessanterweise erwarten unsere konjunktifiezierten Freunde dann ja auch von „den Anderen“, dass diese zu jeder Zeit absolut komplett total restlos im Bilde darüber sind, was sie sich in ihrem Hirn schon wieder an Bedingungsketten und Möglichkeitsbaugerüsten zurechtgeschustert haben. Sprich: Man soll Gedanken lesen können. Und sich dann an dem Gelesenen orientieren und sich GENAU so verhalten, wie diese Quälgeister sich das gedacht haben, damit ihre Bedingungskette nicht zerbricht und ihr Möglichkeitsbaugerüst nicht zusammenkracht.

Das funktioniert natürlich in den wenigsten Fällen, also eigentlich nie. Und dann hagelt’s wieder fröhlich Vorwürfe: „Du hättest doch wissen können, dass ich nicht wasweißich tun würde, während es draußen regnet und ich morgens mit dem linken Fuß aufgestanden bin. Dann wüsstest du nämlich auch, dass ich nie wasweißich tue, wenn es draußen regnet und ich grundsätzlich immer schlechte Laune habe, wenn ich nicht mit dem rechten Fuß aufgestanden bin. Ich hätte gedacht, du würdest mich inzwischen besser kennen, hätte ich gewusst, dass ich mich da so in dir täusche, wäre ich jetzt auch nicht in der Lage, in die du mich gebracht hast…“

Anstrengend, nicht wahr? Es ist wirklich zermürbend und man kann sich nicht wirklich gegen diese perfide Methode emotionaler Erpressung wehren. Die Konjunktivisten haben nämlich obendrein in den meisten Fällen auch ein hervorragendes Gedächtnis für alles Mögliche. Die erinnern sich dann noch an Gedöns, das man vor etlichen Jahren mal in einem Anfall geistiger Umnachtung vor sich hin geplappert hat und nutzen das dann, um es einem bei Gelegenheit vorzuhalten („Hättest du damals nicht blablabla gesagt, würde ich das ja jetzt ganz anders sehen“). Und man kann ihnen nicht wirklich widersprechen, weil man selbst gar nicht mehr genau weiß, ob man Besagtes nun vom Stapel gelassen hat oder nicht.

Wahrscheinlich ist es das Beste, man begegnet diesen Zeitgenossen mit einer heiteren Gelassenheit und lässt sie da ihre Konjunktive aufzählen und schmunzelt in sich hinein, wenn man wieder mal an allem Schuld ist. Denn spielte man das Spiel des Konjunktivisten mit und ließe sich auf seine Vorwürfe ein, käme man aus dieser Tretmühle niemals heraus.

Essai 64: Über die nervtötende Kombination von Geltungssucht und Intelligenzmangel

1. August 2010

Sicher, niemand hat das gern, wenn er permanent von allen ignoriert wird. Allerdings besteht meiner bescheidenen Meinung nach ein kleiner Unterschied zwischen dem natürlichen Bedürfnis nach Aufmerksamkeit von Seiten derer, die einem selbst etwas bedeuten und dem Gieren nach Aufmerksamkeit von Seiten aller.

Die Aufmerksamkeitsgier – oder Geltungssucht – raubt den Mitmenschen nämlich den letzten Nerv. Wahrscheinlich kennt jeder diese anstrengenden Zeitgenossen, deren vorherrschende Haltung „Guck mal, guck mal, guck mal!!!“ nonverbal herauskrakeelt. Na gut, nicht immer nonverbal. Manchmal formulieren sie in genauso wenig pflegeleichter Art und Weise laut ihre Hauptmotivation, aus der sie ihre ausschließliche Daseinsberechtigung rechtfertigen. Nämlich dass sie der Mittelpunkt der Welt sind und auch erwarten, dass alle anderen das genauso sehen. „Ich… mein Problem ist… ich bin ja so der impulsive Typ… “ bla-bla-bla

Das ist ja schon kaum zu ertragen, wenn man es mit einem einigermaßen intelligenten Geltungsjunkie zu tun hat. Aber es geht noch viel, viel schlimmer: Kombiniert man Aufmerksamkeitssucht nämlich mit Dummheit, gehen diese Menschen auch noch in die Medien, um wirklich die ganze Welt mit ihrer Omnipräsenz zu beglücken.

Ich könnte jetzt einige mehr oder weniger prominente Beispiele nennen, aber ich habe mir vorgenommen, diese zu ignorieren. Ich gehe mal davon aus, dass dem geneigten Leser auch ohne mein Zutun bei der Erwähnung von Geltungssucht gepaart mit Dummheit so der eine oder andere Name einfällt.

Zum Beispiel die, die immer mal wieder irgendwelche abenteuerlichen Banalitäten zum Besten gibt, meist weniger im linken Spektrum angesiedelte, polemische Phrasen, die als Schlussfolgerung immer den Alt-68ern die Schuld geben, dass Frauen heutzutage doch allen Ernstes die gleichen Rechte wie die Männer einfordern. Zuletzt waren die Alt-68er Schuld an der Katastrophe der Duisburger Loveparade.

Oder die, die mit Anfang 20 einen beinahe 50-Jährigen geheiratet hat, sich von ihm neue Brüste hat spendieren lassen, um ihre – ähäm – „Karriere“ als „Gelegenheitsmodel“ anzukurbeln, dann lustig fremdknutscht und sich auch noch dabei medial erwischen lässt und sich dann tatsächlich auch noch wundert, wenn der Mann die Scheidung einreicht. Und dann sich einem Verhör Interview einer großen deutschen Unterhaltungs-Tageszeitung stellt, um einfach mal rumzuheulen, wie gemein die ganze Welt zu ihr ist.

Ja, da fallen einem sicher die einen oder anderen Individuen ein, die ständig mehr oder weniger ungefragt ihre nicht im Geringsten interessante, wissenswerte Meinung oder ihr nicht im Geringsten interessantes, wissenswertes Privatleben unter die Nase reiben müssen. Mehr oder weniger ungefragt deswegen, weil genau darin das Problem liegt. Es gibt immer wieder Trottel, die sie eben DOCH nach ihrer Meinung und ihrem Privatleben befragen. Die es sich nicht verkneifen können, diesen geltungssüchtigen Schwachmaten eine Plattform zu bieten. Natürlich tun dann die Leute, die den Fehler begangen haben zu fragen, so als würde es sie gar nicht interessieren, was die Intelligenzbenachteiligten an Debilitäten vom Stapel lassen. Als würden sie über diesen Kretins drüberstehen und sich über sie lustig machen.

Am besten aber wehrt man sich gegen Geltungssüchtige, indem man sie einfach reden und machen und ihnen auch nicht mehr Aufmerksamkeit zukommen lässt, als allen anderen auch. Der Trick liegt darin, dass man so tut, als sei man interessiert an des Selbstdarstellers neuesten Heldentaten, und sich seinen Teil dabei eben nur denkt, um Himmels Willen aber nie laut äußert. Hilfreich sind dabei dezentes Kopfnicken und ein freundliches „Mhm“ von Zeit zu Zeit. Und am Besten, man lässt dumme Aufmerksamkeitsjunkies keine Interviews geben. Und wenn sie auf irgendwelchen dubiosen Verschwörungsparanoiker-Verlagsseiten ihren geistigen Dünnpfiff verzapfen: Einfach ignorieren. Schließlich sind sie da unter Artgenossen und Gleichgesinnten und das ist schön. Aber den Rest der Welt damit beehren, das tut nun wirklich nicht Not.


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