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Essai 80: Über die Akkumulation gleichgearteter Nutzlosigkeiten

21. Januar 2012

Männer und Kinder haben ja bekanntermaßen so Einiges gemeinsam. Sie brauchen ständig Aufmerksamkeit, verstehen einen so, wie es ihnen gerade in den Kram passt, obwohl sie ganz genau verstanden haben, was man meint, sie sind laut und manchmal nervig, dabei aber irgendwie putzig, mitunter gar rührend.
Es gibt noch eine Gemeinsamkeit zwischen Männern und Kindern, die ich heute mal dem geneigten Leser und seinem weiblichen Pendant schildern möchte: Die Sammelwut. Oder anders gesagt, die Akkumulation gleichgearteter Nutzlosigkeiten. Ich habe zum Beispiel als Kind Schneekugeln, Parfumflacons und Stofftiere gesammelt, es gab auch mal eine Münz- und Briefmarkensammelphase. Jetzt da ich allmählich altersweise werde (meine Sammelhochzeit hatte ich zu Beginn der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts) habe ich die kathartische Wirkung des Ausmistens für mich entdeckt und meine Schneekugeln und Flacons im Müll entsorgt, meine Münzsammlung für mickrige 10 Euro verschachert (ich vermute, der feiste Kerl, Typ „Klischee-Kapitalist“, der in dem kleinen Münzgeschäft-Kabuff wie die Made im Speck auf seinem Stuhl thronte, hat mich über den Tisch gezogen. Aber bei Krempel muss man immer abwägen, ob man ihn los- oder reich werden will.), einen Großteil der Stofftiere für Tombolas gespendet und die Briefmarkensammlung verschenkt. Herrlich! Dinge, die einfach nur herumstehen und Staub fangen, dabei aber keinerlei Nutzen aufweisen, loszuwerden ist ungemein befreiend. Bücher und DVDs zählen übrigens nicht dazu, die haben nämlich einen Nutzen.

Nun begibt es sich aber so, dass Männer, erwachsene Männer, es häufig total super finden, völlig nutzfreie Dinge anzusammeln, zu katalogisieren, in Alben zu stecken und diese Alben wiederum ins Regal zu stellen, sich eine Extravitrine zuzulegen, wo dann die gesamte Reihe irgendwelcher Sammelfiguren von geringem ästhetischen Wert Platz hat und sich einfach nur daran zu erfreuen, dass sie die Reihe komplett haben und dass sie mit diesem Sachverhalt vor anderen Männern angeben können. Wie gesagt, rührend und putzig und liebenswert. Solange sie alleine wohnen auch überhaupt kein Problem. Ansonsten sehe ich den Beziehungsknatsch schon vorprogrammiert: „MUSS das sein, dass deine Sammlung von Fantasy-Skulpturen in unserem Schlafzimmer steht? Diese Elfe hat überhaupt nichts drunter an und wie dieser Troll mich anstarrt, das irritiert mich!“ – „Stehe NICHT zwischen mir und meinem Hobby!“ … Man stelle sich vor, die Frau nutzt einen unbeobachteten Moment und wischt zum Beispiel ein wenig Staub und aus Versehen, wirklich aus Versehen! verschiebt sich der Troll oder die Elfe fällt herunter und ein Zacken ihres Sternchen-Haarbands bricht ab… Es hat sicher schon Morde gegeben deswegen.

Ich habe da ja so eine Theorie, was männliche und kindliche Sammelwut voneinander unterscheidet. Kinder sammeln Dinge, die sie schön finden. Es macht ihnen Spaß und sie haben Freude daran, hübsche Dinge – egal ob diese einen realen monetären Wert haben oder nicht – nebeneinander zu stellen, mit anderen ähnlichen Dingen zu ergänzen, mit ihren Freunden zu tauschen und ähnliches. Im Vordergrund steht immer der Spaß an der Freude. Diese Einstellung scheinen übrigens auch erwachsene Frauen mit ausgeprägtem Sammeltrieb zu teilen (Ja, ja, die gibt es auch, schon klar). Sammelnde Frauen akkumulieren bevorzugt Kitsch-Figuren, wie Porzellanpuppen oder neckisch aus der Wäsche guckende Clowns mit Luftballons und Grübchen, die mit flauschigen, kulleräugigen Kätzchen spielen, die ebenfalls Grübchen haben. Alles in allem an Scheußlichkeit nur von nackten Elfen zu überbieten. Ich möchte nicht wissen, was das mit der sensiblen Kinderpsyche macht, wenn sie in einem Umfeld aufwachsen, indem sie von Porzellanpuppen und Grinseclowns zugekitscht werden. Da wird man bestimmt ganz komisch von und sammelt sowas später selbst. Wenn hingegen erwachsene Männer sammeln, steht der Spaß an der Freude eher im Hintergrund. Es geht darum, möglichst eine bestimmte Reihe komplett zu haben, von der irgendwelche anderen männlichen Sammler – selbsternannte Sammelexperten – behaupten, man müsse sie komplett haben, sonst wäre sie nichts wert. Und wenn eines von diesen Teilen aus welchen Gründen auch immer von diesen ‚Experten‘ als besonders schwer zu bekommen qualifiziert wird, ist es umso toller, dieses Ding zu erwerben. Ganz egal, ob das eine geschmacklose, hässliche Elfenskulptur, ein kleines Plastikfigürchen  oder ein Stückchen buntes Papier ist. Das ist natürlich super für Leute, die ihr Gerümpel loswerden wollen, die brauchen das dann nur ins Netz zu stellen oder bei irgendeinem Gerümpelhändler vorbeizubringen und schon kriegen sie Geld für etwas, das bei ihnen zu Hause eh nur im Weg herumgestanden hat. Wenn sie sich vorher bei selbsternannten Sammelexperten schlau gemacht haben, vielleicht sogar viel Geld.

Ich muss ganz ehrlich gestehen, dass ich noch halbwegs nachvollziehen kann, dass die Jagd nach einem imaginiert kostbaren Objekt Spaß machen kann. Ich verstehe aber überhaupt nicht, was daran Spaß macht, sich die Sammlung – ist sie einmal komplett – ins Regal zu stellen und nie wieder anzufassen. Wenn das irgendwelche Sammelkarten sind, die man einrahmt, das ist vielleicht nicht immer im eigentlichen Sinne schön, nimmt aber wenigstens keinen Platz weg, also jedem Tierchen sein Pläsierchen. Aber dicke Alben mit Zeugs drin oder Skulpturen nehmen Platz weg und Figürchen versperren einem den Weg zu den Büchern, ist das nicht irgendwann nervig? Fällt einem da nicht manchmal vor lauter Gedöns in der Umgebung die Decke auf den Kopf? Kriegt man da nicht irgendwann einen Rappel und schmeißt die ganze Scheiße weg?

Neulich bin ich auf eine unsäglich peinliche Fernsehsendung gestoßen, die in bester ‚Scripted reality‘-Manier gerümpelgeplagten Ehegattinnen hilft, ihren Mann dazu zu bewegen den Trödel zu entsorgen, den er schon seit Jahren hortet und allen Ernstes glaubt, der Schrott sei irgendetwas wert. Alte Kaffeemaschinen, bei der einen fehlt die Kanne, bei der anderen ist der Deckel abgebrochen, bei der dritten ist das Kabel durchgeschmort. Milchkannen von monströser Kitschigkeit, angemalte Schaufeln, jede Menge Harken und Kisten mit undefinierbarem Kleinkram. Der küchentischpsychologisch geschulte Hanswurst von einem Moderator äußerte dann auch gleich die Vermutung, dass die Gattin sich durch das Vergraben ihres Mannes in seinen Krempel vernachlässigt fühle. Nun bin ich nicht minder küchentischpsychologisch geschult und vermute, dass das Problem gar nicht Liebesentzug ist, wenn die Sammelwut des Göttergatten soweit geht, dass der Mann nichts wegwerfen mag (Kann man noch kleben! Ist doch noch gut! Kann man doch noch gebrauchen! Da kann man doch noch was draus machen! Man weiß ja nie! Wieso, was stimmt denn damit nicht! Das ist doch schön! Man muss nur Leute finden, die das auch wertschätzen können!), sondern schlicht und ergreifend darin, dass ein Übermaß an Krempel einfach erdrückend ist. Wenn es mit der Sammelwut des Gatten soweit ist, muss man als Frau tricksen. Am besten nicht fragen und die Sachen heimlich entsorgen. Ja, ja, ja, das macht man nicht, von wegen Ehrlichkeit blablabla. Aber Extremsituationen erfordern mitunter drastische Methoden. Man muss das natürlich geschickt machen und erst mal nur Kleinigkeiten entsorgen und nicht zu viel auf einmal. Ich wette, das merkt der gar nicht. Aber wenn man ihn fragt, ob man diese ramponierte Kaffeemaschine ohne Kanne, die kein Mensch mehr benutzt, entsorgen darf, wird er sich vehement weigern. Schmeißt man sie einfach weg, sind alle zufrieden.

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Essai 70: Über das Böse in Daniel Kehlmanns „Töten“

11. Dezember 2010

Dies hier ist ein Essai, den ich im Mai 2010 auf meinem Kulturjournalismus-Workshop in Saarbrücken in der Festivalzeitung des deutsch-französischen Bühnenkunst-Festivals „Perspectives“ veröffentlicht habe. Ich denke, da das ein spannendes Thema ist, über das sich gut diskutieren lässt, veröffentliche ich ihn zusätzlich hier. Kommentare, Fragen, Feedback sind natürlich wie immer willkommen.

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Unbegreiflich

„Wir nennen es ‚böse’, aber das ist irreführend. […]Weil sein Wesen eben der Mangel ist, und die Abwesenheit. Darum ist es ohne Kraft wie ohne Wirklichkeit …“, wird Augustinus zitiert in Daniel Kehlmanns Kurzgeschichte „Töten“ aus dem Erzählband „Unter der Sonne“.

Tatsächlich werden in „Töten“ zwei Konzepte des Bösen einander gegenübergestellt:

Zum einen ist da der Schäferhund des Nachbarn „mit spitz aufstehenden Ohren und länglichen roten Augen“, in denen nichts weiter als „stumpfe Bosheit“ zu sehen ist. Assoziationen aus der griechischen Mythologie drängen sich auf: Zerberus, der Höllenhund und Hüter der Unterwelt.

Zum anderen ist da der Junge, der laut Verlagstext in „zielloser Gewalt“ den „einzigen Ausweg aus der Langeweile der Sommerferien“ findet. Ein Artikel der FAZ über Kehlmanns Erzählband spricht davon, dass dem Jungen „die Sicherungen durchbrennen“ und von „Killerinstinkte[n]“, die in ihm geweckt würden. Ganz so einfach, wie diese Texte den Sachverhalt zusammenfassen, ist es allerdings nicht. Der Junge lässt einen Ziegelstein von einer Brücke auf ein fahrendes Auto fallen und provoziert einen Unfall (ob mit oder ohne tödlichen Ausgang, erfährt man nicht). Dann vergiftet er den Hund. Beide Handlungen sind durchaus gezielt. Er lässt bei vollem Bewusstsein und in absoluter Klarheit über die Konsequenzen den Stein fallen und wählt mit voller Absicht den Hund aus, um ihn mit Rattengift zu füttern. Der Junge geht ruhig und überlegt vor. Er wählt keine rohe Brutalität, um zu töten. Kehlmann hätte den Jungen ja auch jemanden abstechen und den Hund erschlagen lassen können. Aber der Junge tötet auf indirekte, distanzierte Weise. Er sieht nicht, wer im Auto sitzt, auf das er den Stein fallen lässt. Er bleibt nicht dabei, als der Hund stirbt. Er hört ihn verrecken, als er wieder im Haus ist.

Sicherungen brennen bei einem Amoklauf durch, nicht aber bei einer klaren, gezielten Handlung, deren Konsequenzen einem bewusst sind. Und Killerinstinkte implizieren, dass das Töten-Wollen in der Natur des Jungen liege, dass er eine Art wildes Tier sei, das einfach nicht anders könne, als zu morden. Der Junge aber hat die Möglichkeit, sich anders zu entscheiden. Da er bewusst, bei klarem Verstand handelt, könnte er ebenso gut den Stein in der Hand behalten und den Hund in Ruhe lassen.

Das Böse sei ein Mangel, eine Abwesenheit, sagt der Fernsehphilosoph in der Erzählung. Und genau darin liegt die Perfidie des Bösen in „Töten“. Es gibt keine Erklärung für das Böse, keine Motive, keine Gründe, keinen Anlass. Der Junge tötet nicht aus Spaß, nicht aus Neugier, nicht aus Langeweile, nicht aus Sadismus, nicht um sich selbst einen Vorteil zu verschaffen. Und doch ist da eine Sehnsucht nach Erklärungen. Der Junge sei gewalttätig, habe Killerinstinkte, ihm brennten die Sicherungen durch. Als sei der Junge nicht normal, als stimme mit ihm etwas nicht. Aber selbst das kann man über den Jungen nicht sagen.

Der Hund ist einfach böse, es liegt in seiner Natur. Als das personifizierte Böse stellt er einen Erklärungsversuch der Menschen für das Unbegreifliche dar. Die Erklärungsversuche sind verständlich. Das Unbegreifliche macht Angst, und die hat keiner gern. Doch genau das ist das Böse bei Kehlmann: Unbegreiflich.

(Isabelle Dupuis)

Essai 69: Über unterschwellige Ideologievermittlung in angeblichen Kinderfilmen

16. November 2010

Die Kategorisierung medialer Erzeugnisse stößt bei mir immer wieder auf höchste Verwunderung. Vor allem die Kriterien der Kategorie „Kinder-irgendwas“ sind mir völlig schleierhaft. Da wird etwas als Kinderbuch bezeichnet und darin geht es um Mord, Totschlag, selbsternannte „Herrenrassen“ und vielerlei weiterer Grausamkeiten.

Ich bin ja der Meinung, ein gutes Buch, ein guter Film, überhaupt eine gute Geschichte, funktioniert immer auf mehreren Ebenen. In „Harry Potter“ zum Beispiel gibt es Elemente, die für Kinder tatsächlich zu brutal sind (wie bereits erwähnter Mord, Totschlag und „Herrenrassen“-Fascho-Gedöns), aber es gibt auch Elemente, die Kinder toll finden (Tiere, Magie, Freundschaft). Das ist aber längst nicht alles, es gibt auch Elemente, die eher Jugendliche ansprechen (Liebe und Streit, Generationskonflikte und nicht zuletzt bewährte Suspense-Elemente) und wenn man will, findet man sogar als Literaturwissenschaftler jede Menge Material, welches man analysieren kann (alles was bisher erwähnt wurde und bestimmt kann man das auch psychoanalytisch irgendwie deuten. Das geht nämlich immer).

Vor ein paar Wochen startete ein vermeintlicher „Kinderfilm“ in den Kinos, „Die Legende der Wächter“, nach einem vermeintlichen „Kinderbuch“. Ich kann jetzt nur von dem Film sprechen, das Buch kenne ich nicht. Jedenfalls ist es mir auch hier Schleier(eulen)haft, wieso man einen solchen ideologie-gespickten Streifen als „Kinderfilm“ verkauft. Gut, die Figuren sind Tiere (Eulen) und es ist ein Animationsfilm (übrigens atemberaubend animiert), da sind ja gerade meine Landsleute immer schnell dabei, solchergleichen als „Kinder-irgendwas“ zu deklassieren. Über dieses Thema hatte ich ja bereits im Essai 61 geschrieben. Man scheint hier nämlich so zu denken, wie der eine Einbrecher in „Kevin – allein zu Haus“: „Er ist ein Kind und Kinder sind doof.“ Folglich ist auch alles, was „für Kinder“ ist, für Idioten. Also unseriös und minderwertig. Und alles was mit Tieren ist und dann auch noch gezeichnet/animiert, ist natürlich nur was für Kinder, also Volltrottel, Nullpeiler, Schwachköpfe. Wer was auf sich hält, belächelt solche Machwerke von möglichst weit oben herab, damit alle merken, wie ungemein seriös, klug und erwachsen man ist.

Würde man allerdings sich weniger wichtig nehmen und stattdessen mal genauer hinsehen, würde man auch in Animations-Tierfilmen vieles entdecken können, das man kritisch betrachten, hinterfragen und analysieren kann. Was – man korrigiere mich gerne, sollte ich mich irren – doch wohl durchaus eine hirnbedingte Tätigkeit ist. Und da das Hirn wie ein Muskel funktioniert – hält man es in Bewegung, freut es sich und belohnt seinen Besitzer mit erhöhter Leistungsbereitschaft – ist das sogar das Gegenteil von bescheuert, dämlich und unseriös.

Aber ich schweife ab…

In der „Legende der Wächter“ also geht es um zwei verfeindete Lager, die Figuren sind Eulen, könnten aber genauso gut Menschen sein. Aber dann könnte man es nicht mehr als Kinderfilm verkaufen und die Kinder schon im frühesten Alter mit fragwürdigem Schwarz-Weiß-Denken und dualistischen Weltbildern indoktrinieren. Das Ganze funktioniert also als eine Art Perversion des Fabelprinzips. In der Fabel treten ja wie man weiß auch Tiere anstatt Menschen auf, die aber allesamt menschliche Züge tragen. In exemplarischer Weise werden moralische Fragestellungen verhandelt und zum Schluss in einem Epimythion die moralisch erwünschte Verhaltensweise auf den Punkt gebracht („Und die Moral von der Geschicht:…“). Dieses Prinzip finden wir im Grunde auch in der „Legende der Wächter“ mit dem nicht unerheblichen Unterschied, dass in der Fabel die erwünschte Lesart und moralische Interpretation explizit am Ende zusammengefasst, in diesem Film aber unterschwellig, implizit, dem Zuschauer untergeschummelt wird.

Wir haben in dem Film also auf der einen Seite „die Bösen“, die sich in dieser Variante des „Kampf Gut gegen Böse“-Plots „die Reinsten“ nennen. Auch sie jonglieren mit faschistoidem „Herrenrassen“-Gedankengut und wollen so eine Art Elite-Eulenrasse zurecht züchten, damit… äh… weil… öhm… nun ja… weil sie halt böse sind. Und deswegen wollen sie auch alle, die aufmucken oder sonstwie nicht in ihr kleines „Herrenrassen“-Hirnchen passen, abmurksen. Aber zum Glück gibt es ja noch „die Guten“, die in diesem Fall „die Wächter“ heißen. Die setzen sich zusammen aus lauter Auserwählten, wo jeder seinen vorherbestimmten Platz hat, seine „Bestimmung“. Und sie wollen „die Reinsten“ vernichten, weil… äh… nun ja… öhm… weil sie halt gut sind und die anderen halt böse. Und deswegen wollen sie auch alle, die aufmucken oder sonstwie nicht in ihr vermeintlich überdimensionales „Weltretter“-Hirn passen, abmurksen.

Wer jetzt aufgepasst hat, merkt, das ist ja beides das Gleiche in Grün. Genau. Und das ist der Punkt. Dem Zuschauer wird nämlich unterschwellig vorgegaukelt, es gäbe so etwas wie angeborene Bosheit und angeborene Gutheit. Und dass es die Aufgabe der „Guten“ ist, die „Bösen“ – O-Ton Film – „auszurotten“ (Das Zitat lautet allen Ernstes: „Wir werden nicht ruhen […] bis alles Unrecht ausgerottet ist“). Sicher, das ist ein beliebtes Motiv von Fantasy-Filmen und ähnlichem Machwerk. Dass man eine Bestimmung hat, der man folgen muss, dass alles Schicksal ist, dass man tun muss, wofür man geboren wurde, laber Rhabarber sülz und schwafel. Aber es macht doch einen Riesenunterschied, ob das Menschen sind, die solch fatalistisches Gedöns verzapfen, oder süße, putzig-flauschige Tierchen. Dadurch wird der Metadiskurs des dualistischen Weltbildes (Gut – Böse, Gott – Teufel, Wir – Sie) nämlich eklatant verharmlost und eingeniedlicht. Kindern wird dieser Quatsch als Normalität vorgegaukelt und somit erschwert, dass sie zu selbständig denkenden, kritisch hinterfragenden und differenzierenden Erwachsenen werden. Und das betrachte ich persönlich als kritisch…

Essai 61: Über das zwiespältige Verhältnis der Deutschen zu Comics, Trickfilmen etc.

13. Mai 2010

Manchmal sind meine Landsleute – tut mir leid das sagen zu müssen – ignorante Banausen. Und nicht nur das, sie ignorieren sogar ihr ignorantes Banausentum. Schlimm, schlimm, schlimm möchte man da sagen.

Wie oft erlebe ich hierzulande, dass sich jemand für furchtbar intellektuell und über alle Maßen gebildet wähnt und dann noch nie auch nur eine Folge von den „Simpsons“ gesehen hat. Geschweige denn in ein Album von Tim und Struppi, Johann und Pfiffikus oder Asterix und Obelix geschaut.

Warum nicht? Weil es „was für Kinder“ sei. Warum das? Weil es gezeichnet ist.

Das ist der einzige Grund.

Denn – wie ja allgemein bekannt ist – Kinder sind dumm (wie einst schon die überaus intelligenten Einbrecher in Kevin allein zu Haus feststellten und die müssen es ja wissen). Daher kann das, was „für Kinder“ ist, auch nur was für Idioten sein und da ist sich unsere erwachsene intellektuelle Elite zu schade für.

Es ist hier in unserer Kultur wirklich ein großer Irrtum zu beobachten. Allein schon, dass man alles, was gezeichnet ist, in einen Pott schmeißt, ist eine Riesenidiotie. Man kann doch nicht die Simpsons mit zum Beispiel dieser Barbie-Trickfilm-Serie auf SuperRTL vergleichen oder Asterix und Obelix mit Hulk. Wobei… Warum eigentlich nicht? Ich bin mir sicher, dass man mit etwas Interesse, Neugierde und wissenschaftlicher Offenheit auch bei Barbie und Hulk etwas finden kann, über das es sich kritisch nachzudenken lohnt. Das Frauenbild bei Barbie im Vergleich zur Simpsons-Folge Lisa contra Malibu Stacy oder die Rolle der Gewalt in Asterix und Obelix im Vergleich zu Hulk. Wäre bestimmt interessant.

Comics und Trickfilme ermöglichen doch gerade dadurch, dass sie gezeichnet sind, Sozial- und Gesellschaftskritik, politische Anspielungen, literarische Zitate und historische Zusammenhänge ironisch und nur scheinbar harmlos zu verpacken.

Und wenn man sich dann einfach hinstellt und hoch erhobenen Hauptes deklariert, man halte von „so etwas“ nichts, dann finde ich das borniert und dämlich. Wenn man nämlich einfach mal genauer hinschaute, würde man entdecken, dass sich die Macher zumeist einiges dabei gedacht haben und dass Trickfilme und Comics häufig – wenn sie gut gemacht sind – auf mehreren Ebenen funktionieren. Eine Ebene ist sicher oft, dass es auch für Kinder gemacht ist. Aber es gibt immer auch Ebenen, die den Intellekt ansprechen, auch den eines Erwachsenen (sofern vorhanden), wenn man bereit ist, neugierig hinter die Oberfläche zu gucken.

Das aber würde bedeuten, dass das doch ganz gut funktionierende Weltbild und die Definition der eigenen Persönlichkeit als intellektueller Kunstkenner ins Wanken geriete. Und das darf natürlich nicht passieren. Wo kämen wir denn da hin.

Ich hab zum Beispiel als Kind literarische Meisterwerke wie Krieg und Frieden, Die Leiden des jungen Werther oder Der geteilte Viscomte durch die Lustigen Taschenbücher kennengelernt und bin dadurch überhaupt erst dazu angeregt worden, das Original zu lesen. Durch Asterix und Obelix habe ich meine Lateinkenntnisse erlangt (ich spreche zwar nicht fließend, aber immerhin). Durch Johann und Pfiffikus verfeinerte ich meine Sprachkenntnisse (im Original ist es in einem hervorragenden Französisch geschrieben und auch übersetzt ist die Sprache einwandfrei) und lernte, wie die mittelalterliche Gesellschaft aufgebaut war. Und die Simpsons bringen mich auch dann noch mit ihrer Gesellschaftskritik zum Lachen und Staunen, wenn ich die Folge schon fünf Mal gesehen habe.

Und dann soll noch einer sagen, alles was gezeichnet ist, ist für Vollidioten (Kinder)?

Es ist wohl eher umgekehrt. Wer es nötig hat, herablassend über Dinge zu urteilen, über die er nichts weiß, ist ein Idiot.

Aber was weiß denn ich schon. Ich mag Comics und Trickfilme. „So jemandem“ kann man doch nicht trauen…

Essai 6: Über Kulturdrückeberger, Kunstmuffel und andere Idioten.

28. April 2008

Ich bin entsetzt darüber, wieviele Menschen es gibt, die die Frage „Kommst du mit ins Museum?“ mit „Nö, Kunst ist langweilig“ und die Frage „Kommst du mit ins Theater“ mit „Nä, ich bezahl doch nicht um mich über die Eitelkeiten eines größenwahnsinnigen Regisseurs zu ärgern“ beantworten.

Diese Antworten kommen nämlich prinzipiell von Leuten, die prinzipiell nie ins Theater oder Museum gehen. Woher wissen sie denn dann, dass es langweilig ist oder größenwahnsinnig? Vielleicht tue ich diesen Menschen ja auch Unrecht, wenn ich sie als Idioten und bornierte Schwachköpfe bezeichne? Vielleicht haben sie einfach so etwas wie einen sechsten Sinn, der langweilige und größenwahnsinnige Machwerke zehn Meilen gegen den Wind erschnuppert. Demnach wäre ich der Idiot, wenn ich sage, man sollte nicht vorschnell urteilen und sich auch ruhig mal zutrauen, Neues kennenzulernen und offen und interessiert durch die Weltgeschichte zu wandeln.
Sicher muss man nicht alles gut finden, was die Künstlerwelt so fabriziert.

Neulich hörte ich im Radio von einem Künstler, der Bilder sang.

Klingt komisch, ist aber so.

Der hatte dann so leere Leinwände vor sich stehen und besang diese Leinwände beispielsweise mit einem Blumenstrauß, und das in reichlich schiefer und schräger Tongestaltung. Ich fand es nicht schön, aber so hatte ich für den Rest des Tages was zum fremdschämen. Und das ist ja auch schonmal was.
Dennoch sollte man sich von komischen Künstler-Käuzen nicht dazu verleiten lassen, grundsätzlich alles abzulehnen, was auch nur annähernd kreativ ist. Wo kämen wir denn da hin, wenn wir alles Kreative lassen würden? DAS wäre langweilig.


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