Archive for Oktober 2009

Essai 45: Über Liebeskonzeptionen und den rätselhaften Erfolg der Twilight-Buchreihe

26. Oktober 2009

Ich hab nun schon einen Essai über Liebe geschrieben und einen über Romantik. Nun habe ich mir inzwischen die „Twilight“-Romane von Stephenie Meyer zu Gemüte geführt und bin auf ein großes Rätsel gestoßen: Was macht bloß den Erfolg dieser Bücher aus? Noch dazu, warum haben diese Bücher gerade bei Frauen so einen Erfolg? Der Vollständigkeit halber muss ich gestehen, dass auch ich mich nicht dem „Twilight“-Fieber entziehen konnte. Dabei ist der Schreibstil echt furchtbar, trieft vor Kitsch, wiederholt sich ständig und kommt oftmals nicht zum Punkt. Außerdem sind die beiden Hauptcharaktere echt unsympathisch und als Liebespaar verkörpern sie alles, was ich im richtigen Leben absolut verabscheue, nämlich Abhängigkeit und Klettentum, kombiniert mit der Weigerung, sich für irgendetwas außerhalb der Liebesbeziehung zu interessieren. Bäh!

Eine Erklärung ist möglicherweise, dass die Nebenfiguren – allen voran Bellas bester Freund Jacob, mit dem sie meiner Meinung nach eigentlich hätte zusammenkommen sollen – sehr sympathisch sind. Im Grunde war mir die eigentliche Geschichte fast wurscht, ich wollte wissen, wie es mit den Nebenfiguren weitergeht.

Aber nichtsdestotrotz spiegelt der Erfolg dieser Kitschroman-Reihe eine Sehnsucht unter jungen Frauen wider, die mich gelinde gesagt beunruhigt. Was sagt das über uns Frauen aus, wenn wir ob solch toxischer Beziehungen in Verzückung geraten und es für romantische Liebe halten, dass die beiden sich gegenseitig wie eine Droge sind? Klar, diese Liebeskonzeption gibt es schon spätestens seit Romeo und Julia. Aber ehrlich gesagt, haben sich Romeo und Julia wie zwei Idioten aufgeführt, ich seh da nichts Romantisches dran. Tragisch, vielleicht, aber romantisch? Nä.

Man kann sich doch zum Beispiel fragen, wenn Julia Romeo so geliebt hat, warum folgt sie ihm nicht dahin, wohin er verbannt wurde? Warum bleibt sie zu Hause, klamüsert irgendeinen Murks mit einem dubiosen Schlaftrunk aus und jammert vor sich hin? Das ist doch klar, dass das böse endet. Und Tybalt und Romeo sind zwei hitzköpfige Volltrottel. Wenn die nur mal zwei Sekunden nachgedacht hätten, bevor sie zustechen, wäre der ganze Mist auch nicht passiert. Gut, ich sehe ein, dass niemand sich ein Stück ansieht, indem zwei verfeindete Parteien sich friedlich an einen Tisch setzen und die Angelegenheit – deren Grund wahrscheinlich auch eh keiner mehr kennt – sachlich zu klären. Aber trotzdem ist das die gleiche romantische Liebeskonzeption wie in Twilight. Man fragt sich, warum man davon träumt und sich wünscht, auch so zu lieben? Das ist doch unpraktisch. Warum halten wir die Menschen, die sagen, Romeo und Julia sind zwei verliebte Teenager, die ihr Gehirn ausgeschaltet haben, für Gefühlskrüppel und warum seufzen wir sehnsuchtsvoll auf, wenn Bella an ihrem Liebeskummer wegen dieses Schnösels Edward beinahe zugrunde geht?

Warum schreien wir nicht entsetzt auf, wenn Bella ihre ganze Zukunft – Bildung/Uni, einen eigenständigen Beruf, sogar ihrer Familie – aufs Spiel setzt, nur um mit diesem überfürsorglichen Quälgeist von einem sich ständig einmischenden, verkappten Macho von einem Vampir, zusammen ewig jung zu sein. Ewig jung. Noch so ein romantistischer Mythos. Was soll man denn die ganze Zeit machen? Das wäre todlangweilig, wäre man nicht unsterblich.

Es gibt einen Film, der zwei unterschiedliche Liebeskonzeptionen gegeneinanderstellt, das ist „Jules und Jim“ von François Truffaut. Vordergründig geht es um eine Dreiecksbeziehung zwischen besagten Jules und Jim und Catherine, in die sich die beiden Männer verlieben. Catherine ist ein egozentrischer, selbstzerstörerischer, leidenschaftlicher Charakter. Jules ist eher der ruhige Typ und Jim ist auch eher leidenschaftlich veranlagt. Catherine heiratet Jules. Das ist die eine Liebeskonzeption: Jules liebt Catherine so sehr, dass ihr Glück ihm wichtiger ist, als sein eigenes. Catherine hatte wohl gehofft, durch die Heirat mit Jules ein wenig Stabilität in ihr Leben zu bekommen, was nicht funktioniert hat, weil ihr schnell langweilig und sie unglücklich wurde. Sie verliebt sich leidenschaftlich in Jim und er sich auch in sie. Jules lässt seinen Freund Jim bei sich einziehen, er lebt unter einem Dach mit seiner Frau und ihrem Geliebten. Aber er ist nicht eifersüchtig und es ist für ihn in Ordnung. Denn er liebt Catherine und auch Jim (platonisch) und hat einfach ihr Glück im Sinn, anstatt auf seinem Recht zu pochen. DAS finde ich wiederum romantisch, er gibt sich nicht für sie auf, aber er erkennt – weil er sie liebt – dass sie mit ihm nicht glücklich ist und deswegen lässt er sie los. Edward und Bella, Romeo und Julia, das ist die Art von Liebe, die Catherine und Jim füreinander empfinden. Pure, konzentrierte Leidenschaft, die schließlich in der Zerstörung beider endet. Da hat dann keiner mehr was von. Das ist doch nicht romantisch, das ist doof!

Der Erfolg von Twilight erinnert fast schon an die Euphorie, die Goethes Werther nach sich gezogen hat. Wollen wir nur hoffen, dass nicht als Äquivalent zu den Werther-Selbstmorden jetzt lauter junge Teenie-Mädchen mit 19 den erstbesten Lackaffen heiraten, der ihnen schöne Augen macht, anstatt sich eine eigene Zukunft aufzubauen. Das bleibt abzuwarten.

Ich für meinen Teil bin jedenfalls entsetzt über die neokonservatistische Wertekonzeption, die die Twilight-Buchreihe unterschwellig propagiert. Ich kann nur jedem raten, die Bücher zu lesen, aber mit ironisch-kritischer, brechtscher Distanzierung, um sich selbst ein Bild zu machen und die als selbstverständlich erachteten Konzepte vielleicht auch mal in Frage zu stellen.

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Essai 44: Über „die Krise“

26. Oktober 2009

Wenn ich noch einmal etwas von „der Krise“ höre, kriege ich die Krise.

Es war nicht die erste Krise, es wird nicht die letzte Krise gewesen sein.

Der Mensch ist offenbar von Natur aus lernresistent, sobald die Konsequenzen wieder abgeschwächt sind, macht er dieselben Fehler wie vorher und wundert sich hinterher genauso über die Konsequenzen. Bis diese wiederum abgeschwächt sind.

Isa09 reloaded – Essai 43: Über Boshaftigkeit

21. Oktober 2009

Erstaunlicherweise habe ich zu diesem Thema bisher noch keinen Essai geschrieben. Das liegt möglicherweise daran, dass ich zu diesen unverbesserlichen, hoffnungslosen Naivlingen gehöre, die immer noch an das ominöse „Gute im Menschen“ glauben.

Und immer wieder werde ich eines Besseren belehrt und immer wieder falle ich auf gemeine, bösartige Menschen herein und immer wieder ärgere ich mich und immer wieder berappelt sich mein gutgläubiges Weltbild wieder, nur um beim nächsten Mal mit noch größerer Grausamkeit zerstört zu werden.

Es fängt ja schon damit an, dass man Gutgläubigkeit, Naivität, Freundlichkeit, Nettigkeit, Vertrauensseligkeit und Großzügigkeit automatisch mit Dummheit und Schwachmatentum assoziiert. Boshaftigkeit hingegen verlangt nach Intelligenz. Durchtriebene, hinterhältige, gemeine Schufte werden nie als Vollidioten dargestellt. Wer ist wohl schlauer, Lex Luthor oder Superman? Obelix oder Cäsar? Die 101 Dalmatinerwelpen oder Cruella Deville?

Aber warum ist das so? Warum können die Menschen nicht einfach fair und freundlich miteinander umgehen und ehrlich miteinander sein? Damit meine ich echte Ehrlichkeit, nicht diese Pseudo-Ehrlichkeit, die nur dazu dient, sich mit seinen vorgefertigten Meinungen zu profilieren und alle anderen Menschen als Dummdödel hinzustellen. An dieser Stelle wird der geneigte Leser wahrscheinlich sarkastisch aufgelacht und sich gedacht haben „Wie kann man nur so etwas Kindisch-bescheuertes fragen?“

Und genau DAS ist der Punkt. Das ist schon wieder so ein Meta-Diskurs, der nicht infrage gestellt wird. Es ist nunmal eben einfach so, dass gutmütige Menschen weltfremde Idioten sind, die man nicht alleine auf die Straße lassen darf, weil sie sich dann gleich wieder ein Zeitschriften-Abo andrehen lassen, das überhaupt nicht umsonst war und auch rein gar nichts mit arbeitswilligen Jugendlichen zu tun hat, die von der Gesellschaft eine letzte Chance bekommen sollen, nachdem sie nach wiederholter Straffälligkeit nun leuterungsbereit sich in die sozialen Strukturen zu reintegrieren suchen. Die Abzocker-Arschlöcher, die ebendieses Abo an mittellose Studenten verscherbeln, werden zwar als Arschlöcher angesehen, aber eben doch als intelligent und klug. Dabei ist das einfach nur gemein!

Insgeheim aber bemitleiden wir den armen Schwachkopf, der auf solche krummen Touren hereinfällt. Und zwar auf eine süffisante, selbstgefällige Art und Weise, mit der festen Überzeugung, dass wir selbst niemals so blöd wären, uns von so einem offensichtlichen Quatsch übertölpeln zu lassen. Vielleicht bewundern wir sogar die Abzocker-Satanisten, weil wir selbst doch noch einen Rest Anstand besitzen und so wohl nie zu Reichtum kommen werden.

Was aber verrät das über den Zustand unserer Gesellschaft?

P.S. (Ergänzung am 21.12.2010):

Die Schweine, die mich mit der Abo-Abzocke auf der Straße verarscht haben, haben nach über einem Jahr doch tatsächlich Eingang in die Warnhinweise der Verbraucherzentrale gefunden: http://www.vzhh.de/recht/106241/ende-der-maerchenstunde.aspx

Schön, dass da endlich mal was passiert. Jedenfalls kann ich nur jedem raten, unter keinen Umständen irgendetwas auf der Straße zu unterschreiben, ganz egal wie unschuldig, lieb und nett die jungen Leute wirken, die einem eine rührselige Geschichte auftischen. Lieber fragen, ob man sich etwas mit nach Hause nehmen und in Ruhe durchlesen kann. Und wenn sie nein sagen, ist das schon mal suspekt. Übrigens ist es nicht nur der VSR-Verlag, der mit dieser Drücker-Masche arbeitet, da gibt es ganz viele, die nicht nur auf der Straße, sondern auch am Telefon mit Gewinnspielen locken. Für gewöhnlich wird einem dann auch noch so ein bescheuerter Urlaubsgutschein auf’s Auge gedrückt, den man gar nicht will und den man auch nicht wirklich gebrauchen kann, weil die Bedingungen komisch sind. Das läuft meistens alles in der PVZ – der Presse Vertriebszentrale – zusammen. Der VSR-Verlag zum Beispiel hat in seinem Anschreiben an mich nur die Kontaktdaten der PVZ vermerkt und als ich dort angerufen habe, wurde ich unfreundlich abgewatscht mit dem Hinweis, ich hätte den Vertrag unterschrieben und damit Basta! Und die Seite, die angeblich vom VSR-Verlag stammt, führte nur auf eine weitere dubiose Seite und der Typ am anderen Ende der Leitung gab patzig vor, er wüsste von nichts.

Ich bin jetzt zu dem Schluss gekommen, wenn ich überhaupt noch Zeitschriften abonniere, dann direkt bei der Zeitschrift selbst und nicht über Zweit- und Drittanbieter.


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