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Essai 148: Über Idealismus und Naivität

10. August 2015

Ich konnte es mal wieder nicht lassen und habe mich in den Kommentaren zu einem Blogbeitrag zum Thema Flüchtlinge mit Leuten gestritten, die ich für Flüchtlingsgegner hielt. (Den Beitrag von Erzählmirnix gibt’s hier) Im Wesentlichen hatte ich die Aussage „Warum soll man nichts gegen Kriminelle haben dürfen?“ eines Kommentators im Zusammenhang von Flüchtlingen so gedeutet, dass er allen Flüchtlingen pauschal unterstellt, kriminell zu sein. Da ist mir der Kragen geplatzt und ich wurde verhältnismäßig zickig, was mir jetzt im Nachhinein peinlich ist, weil ich normalerweise etwas überlegter handle. Der Kriminalitätsgegner durchschaute mich dann auch prompt und klatschte mir als Gegenargument vor die Füße, dass ich offenbar sehr emotional reagiere und äußerte die Vermutung, mir würden meine Gefühle einen Streich spielen. „Verdammt, erwischt!“, dachte ich und antwortete daraufhin entsprechend patzig und leider viel zu offensichtlich beleidigt. Ein solches trotziges Verhalten ist vollkommen kontraproduktiv, wenn man Leute von seinem Standpunkt überzeugen will. Da kann man auch gleich antworten: „Mimimi, selber doof!“ und die Zunge herausstrecken. Es verwundert also wenig, dass sich kurz darauf ein zweiter Kommentator einmischte, und mein Verhalten als „blöde“ abkanzelte.

Das Problem war, dass ich in der Tat für meinen Standpunkt „Flüchtlinge sind Menschen in Not und Menschen in Not brauchen Hilfe!“ keinerlei rationale Argumente vorzubringen wusste, sondern nur verzweifelt wiederholte, dass das doch wohl aus menschlich-ethischer Sicht selbstverständlich sei. Während also die beiden Herren mit (scheinbar) rationalen Gründen ihre Sichtweise untermauerten, stand ich da mit meinem moralischen Kompass, der wie verrückt ausschlug, und konnte nur emotionale Gründe vorbringen. Ich meinte, es gehe doch bei der ganzen Debatte auch um Nächstenliebe und um die Unschuldsvermutung, und das sei doch auch wichtig, oder? Nein, meinte derjenige, der mein Verhalten „blöde“ fand. Aber in dem Punkt bleibe ich dann doch anderer Meinung.

Lange Vorgeschichte, nun komme ich zum eigentlichen Thema dieses Essais, nämlich Naivität und Idealismus. Meine Ansicht ist und bleibt, dass Menschen in Not Hilfe brauchen, dass man sie nicht pauschal als zukünftige mögliche Kriminelle betrachten, sondern sie nach Kräften darin unterstützen sollte, sich möglichst schnell zu berappeln, zur Ruhe zu kommen und möglicherweise eine neue Heimat zu finden, dort arbeiten zu gehen und sich zu integrieren. Das wird anscheinend von manchen Leuten als emotionaler Unfug, als naives Geschwätz und dämlicher Idealismus abgetan. Sie wiederum halten sich für Realisten, weil sie überall nur das Schlechte in anderen Menschen sehen. Was ich im Gegenzug für defätistisch und nicht zielführend halte.

Was hat denn irgendjemand davon, wenn man alles negativ sieht, jedem Menschen erst einmal tiefes Misstrauen entgegenbringt und von vorneherein davon ausgeht, dass alle anderen nur Schlechtes im Sinn haben? Ab und zu hat man damit vielleicht zufällig ein bisschen recht. Die Aspekte, in denen man sich irrt und die die eigene Sichtweise eventuell infrage stellen könnten, weil sie zeigen, dass der pessimistische Standpunkt zu schwarzweiß gedacht ist und dass die Realität viel komplexer und facettenreicher ist, kann man ja ganz rational und unnaiv ignorieren. Dann passt es aus eigener Sicht wieder und die selbsterfüllende Prophezeiung wird subjektiv betrachtet wahr. Ansonsten nützt es gar nichts. Warum sollte man schließlich versuchen, die Welt ein wenig besser zu machen, wenn man davon ausgeht, dass das sowieso nichts bringt? In diesem Zusammenhang begegnet einem unter Flüchtlingsgegnern dann ja auch des Öfteren das (scheinbar rationale) Argument, wir (Deutschen) könnten ja nicht jeden (Flüchtling) aufnehmen. Nee, jeden nicht. Müssen wir ja auch gar nicht. Aber mit meiner naiven, idealistischen Einstellung, dass man sein Bestes geben sollte, um Menschen in Not zu helfen, nimmt man so viele auf, wie man kann. Nur weil man nicht allen helfen kann, soll man niemandem helfen? Das mag ja manchen „Realisten“ als logisch erscheinen, ich find’s unmenschlich, unethisch und arschig. Sorry, da bin ich wieder emotional geworden. Und das war jetzt pampiger Sarkasmus. Ach je, ich lern’s auch einfach nicht, ich Naivchen.

Ich verstehe nicht, warum Naivität immer mit Dummheit, Pessimismus und Defätismus mit Intelligenz synonym verstanden wird. Wenn es um Menschen geht, um Existenzen, um Leben, dann kann man da doch nicht damit umgehen wie mit Schuhkartons! „So, jetzt ist die Lagerhalle voll, jetzt passen keine Schuhkartons mehr hinein. Der Karton ist angeditscht, der kommt weg“, das ist bei Ware, bei Objekten, eine logische, sinnvolle Vorgehensweise. Aber wenn Menschen andere Menschen so betrachten, dann müsste eigentlich jeder moralisch anständige Mensch emotional werden und aufschreien! Das ist doch nicht dumm! Es ist gutgläubig, sicher, davon auszugehen, dass wenn die Mehrheit der Menschen sich gegen Ungerechtigkeiten ausspricht, sich möglicherweise nach und nach etwas an den Ungerechtigkeiten ändert. Ich weiß, ich bin eine hoffnungslose Idealistin, aber deswegen ist mein Standpunkt doch nicht bescheuert!

Man könnte jetzt natürlich einwenden, dass aus Idealismus Fanatismus werden kann. Die Gefahr besteht tatsächlich, wenn man aufhört, selbstkritisch zu sein und seine eigene Sichtweise zu reflektieren. Ab und zu leisen Zweifeln zu lauschen, ist ein gutes Gegengewicht zu übertriebenem Idealismus. Aber das ist ein anderes Thema.


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