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Essai 145: Über den Unterschied zwischen Heimatliebe und Nationalstolz

12. Juli 2015

„Heutzutage darf man ja gar nicht mehr stolz auf sein Land sein, ohne gleich als Nazi beschimpft zu werden“, schmollen Internet-Trolle gern mal in Online-Foren. Aber was bedeutet das denn, stolz auf sein Land zu sein? Und kann man stolz auf ein Land sein, in welchem Menschen dagegen protestieren, Hilfsbedürftigen aus anderen Ländern Zuflucht zu gewähren? Aber so gesehen könnte man ja auf gar kein Land stolz sein, denn in jeder Nation gibt es rassistische Arschlöcher, die ihre dumme Meinung bei jeder sich bietenden Gelegenheit herauskrakeelen und Menschen mit Füßen treten, die am Boden liegen. Doch ist Nationalstolz gleichzusetzen mit Rassismus?

Na jaaa …

Es kommt drauf an. Ich mit meinen unklaren Ansagen schon wieder, schlimm das. Es ist jedoch meines Erachtens wirklich nicht möglich, darauf eine eindeutige Antwort zu geben. Oft dient Nationalstolz nämlich Rassisten als Tarnung für ihre fremdenfeindlichen Ansichten. Dann kommt so ein Spruch wie der eingangs Zitierte und dann sind die Leute eingeschnappt und tun so, als wären die anderen alle gemein zu ihnen und sie das eigentliche Opfer. Widerlich, aber raffiniert. Denn so können sie an ihrem Selbstbild des rechtschaffenen Bürgers von einwandfreier Moral festhalten, ohne ihre Einstellung kritisch hinterfragen zu müssen. In diesem Fall also ist Nationalstolz ein Synonym und Euphemismus für Rassismus. Auch, wenn es den Rassisten selbst vielleicht nicht bewusst ist.

Es ist allerdings kein Rassismus, wenn man es schafft, stolz auf sein Land zu sein, ohne andere Länder deswegen pauschal scheiße zu finden. Ich habe den Eindruck, dass viele Menschen, die sich selbst als nationalstolz betrachten, schlicht und ergreifend das Bedürfnis haben, besser zu sein als alle anderen Länder. Küchentischpsychologen sprechen bei dem Phänomen, nichts gut finden zu können, wenn nicht alles andere schlecht ist, gern von nicht aufgearbeiteten Minderwertigkeitskomplexen. Jemand, der wirklich stolz auf etwas ist, kann auch damit leben, wenn Vergleichbares ebenfalls gut oder sogar besser ist. Nur, wer Angst hat und zweifelt, muss andere für das Aufpolieren des eigenen Selbstwertgefühls nieder machen.

Weil jedoch in den meisten Fällen, wenn von Nationalstolz die Rede ist, tatsächlich diese „Wir Inländer sind besser als die Ausländer“-Einstellung dahinter steckt, ist der Begriff eher negativ konnotiert. Als positiven Nationalstolz im Sinne von „Ich fühle mich in diesem Land wohl, mag die Kultur, interessiere mich für die Geschichte und schätze die Sprache hier“, ohne dass man etwas gegen Migrationshintergründe hat, würde ich daher den Begriff der Heimatliebe nutzen wollen. Und Heimatliebe kann man auch empfinden, ohne ein Nazi zu sein, um die eingangs zitierte Bemerkung (die ich übrigens nicht erfunden habe) als falsch zu entlarven.

Denn Liebe kann nur dort bestehen, wo es keine Verachtung gibt, wo das Andere mit Respekt behandelt wird. Heimat ist außerdem etwas anderes als das Konzept der Nation. Unabhängig von der Nationalität ist Heimat das Land oder die Gegend, in der man sich heimisch fühlt, das heißt, in der man die Sprache, die Kultur liebt und mit anderen teilen kann. Ohne jedoch seine Neugier gegenüber anderen Sprachen und Kulturen deswegen aufgeben zu müssen. Die Nation hingegen ist das, was im Pass steht, wo man zufällig hineingeboren wurde. Darauf stolz zu sein ist albern, man hat ja dafür nichts geleistet.

Essai 101: Über Nazi-Witze

17. März 2013

Heute habe ich mal wieder ein ganz besonders kontroverses Thema für meine werte Leserschaft hervorgekramt: Nazi-Witze. Darf man das, über Nazis Witze zu machen? Und darf man das überhaupt, darüber zu schreiben, ob man über Nazis Witze machen darf? Ich bin der Meinung, man darf das natürlich, aber es müssen ein paar Bedingungen erfüllt sein, damit daraus keine Respektlosigkeit gegenüber den Opfern des Nationalsozialismus wird. Aber aufzeigen und entlarven, mit dem Mittel des Humors und der Satire, wie Nazis ticken, wie Mitläufer ticken und wie es möglich sein konnte (und nach wie vor möglich ist!), dass ein paranoider Fanatiker so viele Anhänger finden konnte, halte ich nicht nur für erlaubt, sondern auch für dringend notwendig. Das reicht ja nicht, dass etwas verboten ist. Wenn man gar nicht weiß, warum etwas verboten ist und es auch nicht versteht, scheint es in der menschlichen Natur zu liegen, dieses Etwas erst recht zu tun oder gut zu finden. Da sind Menschen wie kleine Kinder.

Allerdings birgt die Satire auch immer die Gefahr, nicht verstanden zu werden. So geschehen mit Timur Vermes Roman „Er ist wieder da“. Das hat beim NPD-Obermotz großen Anklang gefunden, weil der nicht kapiert hat, dass das Satire war. Und offenbar auch überlesen hat, dass gerade die NPD ihr Fett weg kriegt in dem Roman. Aber nur, weil ein paar Leute zu doof sind, sollte man meiner Meinung nach nicht einfach alles unter den Teppich kehren oder mit dem Vermerk „verboten“ abheften, denn dann nimmt man den Menschen die Möglichkeit, zu verstehen. Wer nicht versteht, kann es auch nicht besser machen. Oder anders gesagt: „Wer die Vergangenheit nicht versteht, ist gezwungen, sie zu wiederholen.“ (Leider habe ich vergessen, von wem das Zitat ist, aber ich finde es sehr zutreffend). Und gibt es ein besseres Mittel, um zu verstehen, als Humor? Der erhobene moralische Zeigefinger jedenfalls nicht und das Verbergen und zum Tabu erklären auch nicht.

Was ich schon eher problematisch finde, ist, wenn man wie im Film „Der Untergang“ mit vollem Ernst und bar jeden Humors Hitler als kranken Menschen präsentiert, ohne dabei jedoch seine Denke, seine Strategie, seine Motivation und so weiter zu entlarven. Stattdessen wird durch Pathos und Katastrophenkitsch verhindert, dass man begreift, was da eigentlich geschehen ist zu der Zeit. Das Mittel der Überwältigung und Faszination haben ja auch die Nazis für ihr Propagandakino genutzt, wenn sie nicht gerade durch Ablenkung und Heiterkeit in Filmen wie „Die Feuerzangenbowle“ so getan haben, als sei alles paletti. Bei beiden Methoden geht es jedenfalls darum, dem Publikum zu suggerieren, „wir“ seien toll, moralisch überlegen und voll die Helden, aber „die Anderen“ seien böse, moralisch unterlegen und „unsere“ Feinde. Was ich von diesem dualistischen Weltbild und diesem Schwarz-Weiß-Denken halte, habe ich ja schon das eine oder andere Mal erwähnt. Nämlich nichts. Man beraubt sich durch diese bornierte Haltung der Möglichkeit, selbständig zu denken und das ist die Grundvoraussetzung dafür, dass der gesunde Menschenverstand entscheidet und nicht irgendein fanatischer selbsternannter „Führer“. Aber diesen Mechanismus muss man erst mal verstehen. Das tut man nicht, wenn man alles vorgekaut bekommt. Aber auch nicht, wenn man vom eigentlichen Thema abgelenkt wird.

Leider haben nicht nur Satiren über Nazis das Problem, missverstanden zu werden, sondern Satiren im Allgemeinen. „Fight Club“ von David Fincher zum Beispiel, ist meiner Meinung nach eine der genialsten Satiren auf den modernen Konsumzwang überhaupt. Trotzdem gibt es Idioten, die denken: „Geil, auf die Fresse, cool!“ und das dann nachmachen und sich toll vorkommen. Und dabei nicht kapieren, dass genau diese Haltung im Film verarscht und dabei entlarvt wird. Oder die Fernsehserie „Dexter“, da gibt’s natürlich reaktionäre Vollpfosten, die denken: „Selbstjustiz, geil, auf die Fresse, böse Buben plattmachen, cool!“ und in der Tat kann man die Serie so verstehen. Man kann sie aber auch kritisch als Satire lesen, die genau dieses Selbstjustizthema hinterfragt. Kürzlich habe ich Paul Thomas Andersons „The Master“ im Kino gesehen und auch da ist mir aufgefallen, dass man es entweder als Satire und Kritik an Fanatikern, fehlgeleiteten Idealisten und Sekten sehen kann, aber auch als Befürwortung dessen missverstehen könnte. Vielleicht hat deswegen Scientology noch nicht lauthals zum Boykott dieses Films aufgerufen. Es ist halt immer die Gefahr, wenn Kunstwerke – gleich ob literarisch, theatral, filmisch, musikalisch oder anderes – ihren Rezipienten nicht zweifelsfrei vorschreiben, wie sie das dargestellte Geschehen zu bewerten haben, dass nicht voraus zu sehen ist, wie es interpretiert wird. Deswegen darauf umzuschwenken, die moralische Botschaft eines Werkes widerspruchsfrei und ohne jede Ambivalenz den Leuten vor den Latz zu knallen, halte ich für keine gute Idee. Denn das ist dann wieder Propaganda, die eigenes freies Denken und somit echtes Verstehen verhindert. Und dann macht man die gleichen Fehler immer und immer wieder.


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