Archive for the ‘Uncategorized’ Category

Essai 180: Über Sexismus gegen Männer

21. Oktober 2017

Hurra, es ist mal wieder Zeit für eine Sexismus-Debatte! Wie prophezeit, ist der letzte Sexismus-Skandal um Herrn Brüderle recht schnell wieder in der Versenkung verschwunden. Und hat die Menschheit daraus irgendwas gelernt? Nö.

Dieses Mal ist es zugegebenermaßen etwas größer, da Hollywood-Größen zu den Tätern und Opfern gehören – und nicht bloß so ein deutscher Politstoffel und eine deutsche Journalistin. Und weil es dieses Mal auch nicht nur um Sexismus und leichte sexuelle Belästigung geht, sondern um schwere sexuelle Belästigung bis hin zu sexuellem Missbrauch.

Bevor ich über Sexismus gegen Männer schreibe (Ja, den gibt es, passt mal auf), möchte ich noch mal kurz die Begriffe klären. Die werden in der Debatte nämlich gern in einen Topf geworfen und auf der Grundlage kann man nicht vernünftig argumentieren, weil dann ein whataboutism und eine slippery-slope-Behauptung auf die nächste folgt. „Ja, dann darf man am Ende gar nichts mehr sagen!“ oder „Ja, und was ist mit diesen ganzen Feminazis? Die sind auch scheiße!“

Also, hier erstmal ein kleiner Exkurs zur Begriffsklärung:

Sexismus:

Bei Sexismus geht es nicht (!) um Sexualität, sondern um geschlechtsgebundene Diskriminierung. „Alle Frauen sind so-und-so“ oder „Alle Männer sind so-und-so“ – Das ist Sexismus. Das kann auch vermeintlich positiv sein, etwa „Frauen sind das schöne Geschlecht“ und „Männer sind das starke Geschlecht“. Oder „Echte Frauen haben Kurven“ und „Echte Männer weinen nicht“. Jedes pauschalisierende Vorurteil gegenüber Frauen oder Männern, das diese in eine bestimmte Rolle drängt und ihnen gleichzeitig die Möglichkeit abspricht, aus dieser Rolle auszubrechen, ist Sexismus. Alles klar? Gut.

Sexuelle Belästigung:

So, aber was ist denn dann sexuelle Belästigung? Hier verlassen wir den reinen Geschlechtsbezug und es geht um Sexualität. Sobald man jemandem seine sexuellen Wünsche verbal oder nonverbal mitteilt, ohne dass der andere darum gebeten hat, ist das sexuelle Belästigung. Das können anzügliche Blicke, schmierige „Komplimente“ oder ein Klaps auf den Po sein. Die Grenze zum sexuellen Missbrauch ist fließend. Ich denke, sie liegt darin, ob der Belästigte der Situation noch entkommen kann oder nicht. Bei letzterem kommt noch Nötigung hinzu und dann ist meines Erachtens die Grenze zum Missbrauch überschritten.

Das Knifflige an sexueller Belästigung ist, dass sie vom Kontext, vom Belästigenden und vom Belästigten sowie deren Tagesform und Stimmung abhängt. Also von lauter Faktoren, die sich eher mit Feingefühl erspüren, als kategorisch festlegen lassen. Und dieses Feingefühl scheint vielen Menschen zu fehlen. Ich würde als Faustregel zur Orientierung vorschlagen, dass man sich einfach jeden Poklaps, jede zweideutige Bemerkung, jedes Kompliment zum Aussehen des anderen und jeden anzüglichen Blick verkneift, wenn man sich nicht hundertprozentig sicher ist, dass das Gegenüber das charmant oder lustig findet. Man kann unter Freunden zum Beispiel ruhig etwas flapsiger miteinander umgehen, wenn man weiß, dass die Freunde den eigenen Sinn für Humor zu deuten wissen. Unter Kollegen oder Bekannten sollte man lieber etwas zurückhaltender sein. Und bei Fremden auf der Straße sowieso.

Sexueller Missbrauch:

Sexueller Missbrauch beinhaltet jede sexuelle Handlung, die nicht auf gegenseitigem Einvernehmen beruht. Dabei gilt sowohl „Nein heißt Nein!“ als auch „Alles, was nicht ‚Ja‘ heißt, heißt Nein“. Das sage ich deshalb, weil gerade in der Weinstein-Affäre oft ein Machtgefälle zugunsten des Missbrauchenden besteht. Da ist man als Missbrauchter in einer Situation, in der man völlig perplex und unter Schock ist, und dann vielleicht nicht so geistesgegenwärtig ist, eindeutig „Nein“ zu sagen. Und auch, wenn man „Ja“ sagt, aber dabei einen eindeutig ironischen Unterton durchscheinen lässt, ist das eigentlich ein „Nein, natürlich nicht, was denkst du denn?“ Beispiel: Louis CK, der allen Ernstes zwei Kolleginnen fragt, ob er ihnen seinen Penis zeigen darf. Und es auf ihr „Hahahaha, Ja, klar“ hin tatsächlich tut. Wobei, da könnte man noch drüber streiten, ob das sexuelle Belästigung oder schon Missbrauch ist …


Da das nun geklärt ist: Was ist denn nun Sexismus gegen Männer? Ein paar Beispiele wie „das starke Geschlecht“ oder „Echte Männer weinen nicht“ habe ich ja schon genannt. Es gibt aber noch mehr sexistische Vorurteile gegen Männer. Das Problem hierbei: sie wurden zum Teil schon so sehr verinnerlicht – von Männern sowie von Frauen -, dass wir gar nicht mehr merken, dass es Vorurteile und keine Wahrheiten sind.

Das Blöde ist aber, der Sexismus gegen Männer und der gegen Frauen hängen miteinander zusammen. Es kann kein „starkes Geschlecht“ geben, wenn es kein „schwaches Geschlecht“ gibt, kein „schönes Geschlecht“, wenn es nicht auch ein „hässliches Geschlecht“ gibt. Solange wir also erwarten, dass Männer die Führung übernehmen, die Entscheidungen treffen, sich um Wirtschaft und Finanzen kümmern, die Familie wirtschaftlich versorgen und diesen ganzen „starkes Geschlecht“-Scheiß bewerkstelligen, können wir nicht erwarten, dass Frauen ebenfalls diese Aufgaben übernehmen. Schließlich muss ja noch jemand den ganzen ruhmlosen, aber notwendigen Kram erledigen, wie Kochen, Waschen, Putzen und Einkaufen gehen. Und Männern können wir das ja wohl schlecht zumuten, wenn sie schon die Welt retten oder zumindest eine erfolgreiche Karriere machen (sprich: Einen Haufen Geld verdienen) sollen.

Aber ironische Überspitzung beiseite, sexistische Vorurteile ziehen sich tatsächlich durch die ganze Gesellschaft und beeinflussen auch unser Selbstbild und unsere Entscheidungen, die wir treffen. Bei Frauen bemüht man sich, das durch Aktionen wie den Girls‘ Day abzumildern, indem man versucht, die Mädchen für MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) zu begeistern. Ich denke schon, dass das ein bisschen was bringt, dass die Mädchen ermutigt werden, ihren beruflichen Werdegang nicht von Vorurteilen bestimmen zu lassen.

Es gibt zwar parallel dazu einen Boys‘ Day, der Jungs dazu ermutigen soll, soziale Berufe zu ergreifen. Der wird aber längst nicht so sehr gehypt. Außerdem bringt das nichts, wenn Jungs Lust bekommen, als Krankenpfleger oder Erzieher zu arbeiten, wenn diese Berufe gleichzeitig völlig unterbezahlt und nicht angemessen wertgeschätzt werden, sodass sich die Männer der „Vernunft“ halber doch für einen Beruf entscheiden, der sie dazu befähigt, im Fall der Fälle eine Familie wirtschaftlich versorgen zu können.

Warum aber werden soziale Berufe so schlecht bezahlt und so wenig gewertschätzt? Weil das ja meistens Frauen machen, und denen ist (Achtung! sexistisches Vorurteil) Geld ja nicht so wichtig, die machen das ja, weil sie von Natur aus empathisch und altruistisch veranlagt sind. Außerdem können sie ja immer noch den Arzt heiraten, dann müssen sie ja auch nicht mehr arbeiten, wenn sie nicht wollen. Aber Männer? Die können ja wohl schlecht eine Frau heiraten, die wirtschaftlich erfolgreicher sind als sie. Wie stehen sie denn dann da vor den anderen Kerlen? Hoppla, da war ich wohl schon wieder sarkastisch.

Interessant ist, dass Sexismus gegen Männer nicht nur von Frauen ausgeht, sondern vor allem auch von anderen Männern. Meine Vermutung ist, dass der Gruppenzwang unter Männern noch viel stärker ist als bei Frauen. Unter Frauen akzeptieren wir unterschiedliche Neigungen eher, ist so meine Erfahrung. Aber wehe, man entspricht als Vertreterin des „schönen Geschlechts“ nicht den allgemein als akzeptabel anerkannten ästhetischen Idealen. Dann wird gedisst, was das Zeug hält (Ironie). Aber ob die Freundin Mathe studiert oder Chemie oder Germanistik oder eine Ausbildung zur Bürokauffrau gemacht hat, das macht für uns keinen Unterschied, wir mögen unsere Freundin so oder so.

Männer dissen sich untereinander zwar weniger wegen Klamotten oder Gewichtszunahme (wobei letzteres durchaus vorkommt, aber das nehmen die sich gegenseitig meistens nicht so krumm, scheint mir), dafür sind aber Statusfragen viel wichtiger. Und das liegt daran, dass ihnen von allen Seiten – Familie, Freunde, Schule, Beruf, Gesellschaft, Politik, Werbung – eingeredet wird, dass für Männer der soziale Status das Wichtigste ist. Wer einen wirtschaftlich erfolgreichen Beruf in einer Führungsposition ausführt, kann sich vor schönen, jungen Frauen, die ihm zu Füßen liegen, gar nicht mehr retten. Dann kann man seiner evolutionären Bestimmung folgen, und seinen kostbaren Samen überall verspritzen, um seine unverzichtbaren Gene möglichst weit zu verbreiten. Und das ist ja schließlich die Aufgabe des Mannes. Verflixt, schon wieder Sarkasmus.

Nun gibt es tatsächlich auch ein paar biologische Unterschiede zwischen Männern und Frauen. So haben Männer beispielsweise mehr Muskelmasse als Frauen. Sie sind also von Natur aus tatsächlich im Durchschnitt körperlich stärker als Frauen. Und die unterschiedliche hormonelle Zusammensetzung macht sicher auch etwas aus. Das Testosteron soll – soweit ich weiß – risikofreudiger, aber auch aggressiver machen. Östrogen soll meines Wissens sensibler machen und bei Frauen kommt es zyklusbedingt oft zu Stimmungsschwankungen. Die sexistischen Vorurteile sind also nicht völlig aus der Luft gegriffen.

Das Problem liegt in ihrer Verallgemeinerung und in ihrer Ausschließlichkeit. Nur, weil Männer durchschnittlich stärker sind als Frauen, heißt das ja nicht, dass ich als Frau automatisch völlig unsportlich bin. Ich werde nie so stark wie ein Mann sein, das ist klar. Aber ich kann trotzdem Kraftsport machen und an meiner Ausdauer arbeiten und für meine Verhältnisse (!) fit sein. Und das muss ich nicht machen, um irgendeinem Vorurteil zu entsprechen, sondern, weil ich mich selbst dann besser fühle. Im Sportunterricht an der Schule wurde mir eingeredet, ich hätte sportlich nichts drauf. Das hat gedauert, sich von diesem sexistischen Vorurteil zu befreien.

Männern und Jungs wird eingebläut, mehr oder weniger unterschwellig, dass sie keine Gefühle, keine Schwäche zeigen dürfen. Das sei Frauensache. Und vielleicht fällt es uns Frauen tatsächlich leichter, uns empathisch zu verhalten und unsere Eigeninteressen zum Wohle anderer hinten anzustellen. Weiß ich nicht. Aber nur, weil es uns leichter fällt, heißt es nicht, dass Männer das gar nicht können. Und es heißt auch nicht, dass das schlecht ist, weil Männer das nicht so gut können.

Das Ergebnis ist, dass Männer glauben, ihre Gefühle für sich behalten, Probleme selbst und alleine lösen zu müssen, keine Schwäche zeigen zu dürfen. Das ist sehr, sehr anstrengend. Weil das dann zu solchen Situationen führt, dass die Herren der Schöpfung die Zähne nicht auseinander kriegen, wenn ihnen irgendwo der Schuh drückt. Und wenn sie nichts sagen, kann man ihnen auch nicht helfen. Oft fällt es Männern auch schwer, zuzugeben, wenn sie überfordert sind, etwas nicht alleine geregelt kriegen. Das könnte man in den meisten Fällen leicht lösen, indem man andere um Hilfe bittet. Kann ja nicht jeder ein Organisationsgenie sein. Oder auch einfach so mal von seinem Tag erzählen und ein wenig plaudern, das gilt dann auch gleich als unmännlich. Und als Frau redet man sich dann den Mund fusselig. (Selbstverständlich kann man auch das nicht verallgemeinern, ich schildere lediglich eine Tendenz)

Eine Welt ohne sexistische Vorurteile, also das Ideal, wäre ein „Alles kann, nichts muss“. Männer könnten dann auch mal weinen, wenn sie traurig sind, sich Unterstützung holen, wenn sie alleine nicht weiterkommen. Sie könnten einfach offen sagen, wenn sie sich mit etwas unwohl fühlen oder sich irgendwas wünschen, ohne dass man Rätselraten müsste. Sie könnten ihren Beruf ganz frei nach Neigung aussuchen, nicht nach Gehalt. Sie könnten ihren Freunden auch mal sagen, wenn die derben Frotzeleien zu weit gehen und sie verletzen. Ohne gleich befürchten zu müssen, symbolisch kastriert zu werden. Sie müssten es aber auch nicht, wenn sie nicht wollen oder keine Notwendigkeit darin sehen.

Nun wird es sicher Männer geben, die denken, ich will aber gar keine Gefühle zeigen. Da stellt sich die Frage: Wollen sie es wirklich nicht? Oder kommt es ihnen nur komisch vor, weil sie meinen, das wäre unmännlich? In dem Fall hätten sie das sexistische Vorurteil schon so sehr verinnerlicht, dass es zu einem Teil von ihnen geworden ist.

Zugegeben, es erfordert ganz schön viel Mumm, Mut und Stärke, auch mal Schwäche zu zeigen und Gefühle zuzulassen. Schließlich macht einen das verletzlich und angreifbar. Aber es gibt auch etwas zu gewinnen. Und zwar mehr Gemeinschaft, gegenseitige Unterstützung, Ehrlichkeit und eine viel unkompliziertere zwischenmenschliche Kommunikation. Man müsste sich auch nicht mehr quälen, wenn man krank ist, und könnte sich einfach von einem Arzt helfen lassen. Das gilt übrigens auch und vor allem für psychische Krankheiten.

Und wenn dann auch noch die Frauen mitmachen, und sich bemühen, sexistische Vorurteile abzubauen, dann wäre das Flirten und Daten auch nicht mehr so kompliziert. Dann könnte jeder den ersten Schritt machen und den anderen ansprechen. Dann könnte man sich abwechseln mit dem Rechnung bezahlen oder es zahlt halt der, der mehr verdient.

Und, was ist eure Meinung dazu?

Advertisements

Essai 179: Über Schweigen und Nichtreagieren in Konfliktsituationen

21. Oktober 2017

Normalerweise bin ich nicht sooo nachtragend. Finde ich. Es ist meines Erachtens relativ schwierig, mich richtig wütend zu machen, und relativ einfach, sich hinterher wieder mit mir zu vertragen. Es gibt im Grunde nur eine Sache, die man tun muss, um garantiert alles schlimmer zu machen, und das ist: nichts. Mich macht es kirre, wenn ich mir alle Mühe gebe, eine Meinungsverschiedenheit oder sonstigen Konflikt zu klären, und mein Gegenüber schweigt und ignoriert mich komplett. Wie soll man denn zu einem Kompromiss oder einer Einigung kommen, wenn ich nur meine Sicht der Dinge kenne, von der anderen Perspektive aber einen Scheiß erfahre?

Leider ist es ziemlich schwierig, das Menschen klar zu machen, die eine andere Konfliktlösungsstrategie als ich verfolgen. Wenn ich mich mit jemandem streite, will ich das so schnell wie möglich lösen, damit wir uns wieder versöhnen und den Streit zu den Akten legen können. Generell ticke ich eher so, Unangenehmes schnell hinter mich zu bringen, es abzuhaken, und mich dann wieder den schönen Dingen des Lebens zu widmen. Ansonsten kann ich nicht richtig abschalten, weil mir das Unangenehme die ganze Zeit wie ein Damoklesschwert über dem Kopf schwebt.

Dann gibt es aber noch die – sagen wir – Vogel-Strauß-Konfliktlöser. Sie stecken einfach den Kopf in den Sand und hoffen, dass das Unangenehme sich von selbst löst, bevor sie wieder auftauchen. Oft neigen sie generell zum Prokrastinieren (Aufschieben) und erledigen Unangenehmes – wenn überhaupt – auf den letzten Drücker, lassen Unordnung sich erst anhäufen, bevor sie aufräumen und sitzen Konflikte und Streitsituationen einfach aus. Und da frage ich mich, ob das wirklich jemals funktioniert hat? Muss es ja eigentlich, sonst würden sie es ja anders machen …

Na jedenfalls, ich versuche wirklich, Verständnis dafür aufzubringen, wenn jemand anders mit Konflikten umgeht als ich. Aber diese Vogel-Strauß-Strategie ist so total unlogisch und ineffizient, überhaupt nicht vorausschauend gedacht. Dabei ist es doch viel einfacher, man klärt ein Missverständnis gleich auf, bevor es überhaupt erst zu einem Streit mutiert. Man spart sich auch jede Menge Nervkram und Arbeit, wenn man Unordnung gar nicht erst entstehen lässt, und Sachen, die man benutzt, im Anschluss wieder an ihren Platz stellt. Das ist doch mit Rechnungen zum Beispiel genauso. Wenn man sie gleich bezahlt, ist alles fein. Wenn nicht, kommen mit der Zeit noch Mahnungen und Zinsen dazu und man muss mehr bezahlen als ursprünglich.

Das ist doch nun wirklich keine sonderlich zweckdienliche Vorgehensweise. Gut, manchmal geht’s nicht anders, aber was ich halt nicht verstehe, ist, wenn man prinzipiell und grundsätzlich diese Wenn-ich-das-Problem-nur-lange-genug-ignoriere-löst-es-sich-bestimmt-von-alleine-in-Wohlgefallen-auf-ohne-dass-ich-mich-dafür-anstrengen-muss-Strategie anwendet. Das regt mich echt auf. Und ja, schon klar, ich höre mich gerade wie der übelste Streber-Klugscheißer-Korinthenkacker an, aber ich hab ja wohl einfach recht, da kann ich doch nichts für.

Es ist nun mal eben langfristig betrachtet viel angenehmer und einfacher, Nervkram so schnell wie möglich zu erledigen, anstatt ihn sich anhäufen zu lassen. Sonst steht man da vor diesem Riesenberg an unangenehmem Zeug, und denkt sich: „Puh. Wo soll ich da jetzt anfangen?“ oder „Auweia, wie konnte es denn soweit kommen?“ – Da ist doch die Hürde plötzlich viel größer, vielleicht sogar zu groß, um sie zu überwinden. Und das ist nun wirklich nicht schwierig, diese Konsequenz des Nichthandelns vorauszusehen. Weil. Das. Verdammt. Noch. Mal. LOGISCH!!! Ist.

Das gilt nicht nur für Rechnungen, doofe Haushaltstätigkeiten, Hausaufgaben oder Arbeitskram, sondern auch für Meinungsverschiedenheiten und Missverständnisse in Beziehungen. Wenn man sich größere Streitereien und lästige Grundsatzdiskussionen und peinliche Beziehungsgespräche ersparen will (und wer will das nicht?), ist es besser, man redet kontinuierlich miteinander. Das heißt nicht, dass man ständig plaudern und plappern muss, das ist ja auch nicht jedermanns Sache. Aber wenn was ist, sollte man das einfach gleich sagen, bevor es einen so sehr stört, dass man es nicht mehr ertragen kann.

Zum Beispiel hatte ich neulich eine zunächst kleine Differenz mit meinem Freund. Normalerweise verstehen wir uns prima und können auch mal nicht reden und es ist trotzdem alles gut. Wir löchern uns jetzt nicht dauernd gegenseitig und bereden auch nicht jeden Pups. Nun war er aber für fast zwei Wochen weg und wir konnten nur übers Handy kommunizieren. Ich hasse telefonieren, weil ich nie weiß, ob mein Anruf nicht gerade nervt, also schreibe ich lieber.

Ich hatte ihm ein Foto meiner neuen Kameratasche für meine neue Kamera geschickt und mich darüber gefreut, dass sie so gut passt. Daraufhin meinte er sinngemäß, klasse, dann kann ich sie ja auf die nächste Reise mitnehmen. Ich dachte erst, das wäre ein Scherz, wies aber vorsichtshalber darauf hin, dass ich meine neue Kamera in dem Zeitraum gern selbst ausprobieren möchte. Darauf er, das muss ich erst klären, eventuell muss ich meine eigene Kamera hierlassen. Und dann war ich sauer. Weil ich dachte, was soll denn das, wieso klärt er das nicht erst mit mir, ob er meine Sachen ausleihen kann, und überlegt dann, ob er seine eigene Kamera verleiht?

Dummerweise bin ich nicht sehr geübt darin, wütend zu sein, wie gesagt, das passiert mir nicht so oft. Also habe ich ihm mitten in der Nacht eine ellenlange Schimpftirade geschickt, die inhaltlich aussagen sollte, klär das bitte erst mit mir, wenn du meine Sachen brauchen könntest. Aber das war zugegebenermaßen in ziemlich viele und sehr wütende Worte verpackt. Daraufhin wurde er erst einsilbig. Und dann, als ich mich wieder etwas beruhigt hatte, und zu dem Schluss kam, vielleicht ein kleines bisschen überreagiert zu haben, habe ich mich entschuldigt. Und dann kam das große Schweigen.

So, mittlerweile haben wir uns „ausgesprochen“ (dieser Ausdruck weckt in mir einen Widerwillen, das klingt so nach Beziehungskrisengespräch, Bäh!) und es hat sich herausgestellt, dass ich ihn offenbar missverstanden habe. Warum hat er das denn dann nicht gleich gesagt? Er hätte doch einfach nur zu schreiben brauchen, nach meiner Schimpftirade, Hoppla, da ist wohl etwas in den falschen Hals geraten, gemeint war das-und-das. Zack. Sache geklärt, Konflikt gelöst, alle sind zufrieden.

Angenommen, ich habe ihn mit meinem Wortschwall so überrollt, dass er quasi unter Schock stand und deswegen so einsilbig reagiert hat. Spätestens nach meiner Entschuldigung hätte er doch einfach nur zu sagen brauchen, ja, da haben wir uns wohl missverstanden, mir tut’s auch leid, hab dich lieb – und schon wäre wieder Friede, Freude, Eierkuchen. Aber stattdessen schweigt er und reagiert gar nicht. Und überlässt mir die Interpretation, was eine Scheißidee ist, weil meine hyperaktive Fantasie sonstwas in das Schweigen hineininterpretiert. Zum Beispiel, dass er beleidigt ist und mich bestrafen will, dass das irgendsoein blödes Machtspiel ist, um mich in meine Schranken zu weisen, dass er mich nicht mehr mag und sich längst eine Neue gesucht hat, dass er heimlich als Agent oder Auftragskiller arbeitet und gerade in Schwierigkeiten steckt, …

Schweigen ist finde ich einfach das Fieseste, was man machen kann in einer Konfliktsituation. Ich kann halt auch dieses „Ja, ich wusste nicht, was ich dazu sagen soll“ nicht nachvollziehen. Irgendwas wird man doch wohl von dem halten, was ich geschrieben oder gesagt habe. Und das kann man dann doch einfach ohne Vorwürfe sagen, dann kann ich wiederum schauen, was ich davon halte. Und entweder es stellt sich heraus, dass einer von beiden recht hatte, dann sehe ich kein Problem darin, das auch so zu sagen. Oder beide Standpunkte haben ihre Daseinsberechtigung und ihre sinnigen Argumente, dann trifft man sich halt in der Mitte.

Ist doch eigentlich gar nicht so schwer, oder? Was meint ihr dazu?

Essai 178: Über Berufsbeleidigte Leberwürste

9. September 2017

Manche Menschen haben das Beleidigtsein zu einer Kunstform erhoben und beherrschen diese auf virtuose Weise. Das ist wirklich faszinierend. Und raffiniert, denn mit professionellem Beleidigtsein kann man andere Menschen hervorragend manipulieren.

Die Politiker von der AfD zum Beispiel haben das Prinzip begriffen: Wenn jemand mit kritischen Fragen oder guten Argumenten kommt, einfach schmollen und pikiert tun. Die Leute, die die AfD sowieso scheiße finden, denken dann: „Ach, die schon wieder, Mimimi, Idioten“ und ziehen gar nicht in Betracht, dass diese Partei eine ernsthafte Bedrohung für irgendwas darstellen könnte. Und wer die AfD gut findet, denkt: „Richtig so! Wir lassen uns von dieser Lügenpresse nicht den Mund verbieten! Das wurde auch Zeit, dass sich mal wieder jemand für unser Deutschland stark macht und da konsequent bleibt!“

Derweil kann die AfD dann fröhlich an ihrer menschenfeindlichen Ideologie weiterfeilen, ohne dass sie irgendjemand dabei stört. Das professionell beleidigte Leberwursttum hat bei denen schon System. Erst tun sie empört, weil man sie angeblich nie in Talkshows einlädt. Dann lädt man sie in Talkshows ein. Sie wettern über illegale Einwanderung, als ob das das einzige oder zumindest größte Problem wäre, weshalb in Deutschland keine soziale Gerechtigkeit herrscht, zählen bis drei … und wenn dann ein Talkshowgast erwartungsgemäß das Stichwort „rechtsextrem“ in den Raum wirft, verlassen sie selbigen. Dabei murmeln sie noch hochempört weiter was von „Einwanderung“ und „muss-ich-mir-nicht-bieten-lassen“ und freuen sich schon darauf, ihre vorbereitete Pressemeldung auf Facebook zu posten.

Zackbumm, Ziel erreicht: Die AfD-Gegner amüsieren sich darüber, wie doof die doch sind, dass die immer gleich beleidigt tun. Die AfD-Sympathisanten fühlen sich in ihrer Rolle als Opfer der bösen Medien und naiven Bahnhofsklatscher/linksrotgrünversifften Gutmenschen/Merkel bestätigt.

Das funktioniert aber nicht nur in der Politik, mit berufsbeleidigtem Lebergewurste die Menschen in seinem Umfeld so zu manipulieren, dass sie nach der eigenen Pfeife tanzen. Auch privat ist das eine sehr effektive Strategie, um sich selbst für nichts anstrengen zu müssen, und trotzdem alles zu bekommen, was man will.

Klar, es gibt immer ein paar Leute, die gegen diese meisterhafte emotionale Erpressungstaktik immun sind, die Profi-Mimosen einfach vor sich hin schmollen lassen, und sich weiter ihrem Kram widmen. Aber es gibt auch immer Leute wie mich, die möchten, dass alle glücklich sind, die es nicht ertragen, wenn jemand traurig oder verletzt erscheint, und die sich nach Kräften bemühen, für Harmonie zu sorgen.

Und berufsbeleidigte Leberwürste spüren intuitiv, mit wem sie ihre Spielchen erfolgreich betreiben können, und mit wem nicht. Die beinharten Knochen, an denen sie sich die Zähne ausbeißen würden, ignorieren sie einfach. Dafür konzentrieren sie ihre geballte Energie auf die Harmoniebedürftigen, um gezielt ihre Drama-Queen-Auftritte zu inszenieren.

Das Pfiffige an diesem systematischen Dauerbeleidigtsein ist, dass man sich damit als Märtyrer stilisieren kann, dem immer von allen übel mitgespielt wird. Das gibt einem natürlich das Recht, anderen Leuten Vorwürfe zu machen (ist ja egal, ob die auch stimmen). Und das Tolle ist: Wenn man selbst anderen Vorwürfe macht, ist es ja vollkommen ausgeschlossen, dass man selbst das Vorgeworfene ebenfalls tut. Die AfD ist auch darin ein Meister. Sie werfen allen anderen Lügen vor, da kommt keiner (von ihren Anhängern) auf die Idee, dass sie selber Scheiß erzählen.

Anstrengend ist das. Wenn irgendwer einen guten Tipp hat, wie man sich vor diesen Manipulationen schützen kann, immer her damit!

Essai 177: Über die angemessene Reaktion auf nicht lustige Witze

12. August 2017

Alles in allem betrachtet, bin ich leider völlig humorlos. Das ist überhaupt nicht lustig, weil es echt Nerven kostet, die vielen schlechten Witze und lästigen Verarschungsversuche meiner Mitmenschen zu ertragen, wenn mir dafür einfach komplett das Humorverständnis fehlt.

Wenn ich zum Beispiel in einem Gruppenchat eine klare Frage stelle, auf die ich eine klare Antwort mit einer bestimmten Information erhalten möchte, dann stellt es meine Geduld wirklich auf eine extrem harte Probe, wenn irgendwelche Scherzbolde dazwischenhupen. Dann geht meine – völlig unmissverständlich formulierte, einfach zu beantwortende – Frage unter den Frotzeleien unter.

Das führt dazu, dass ich meine Frage noch mal wiederholen muss, und ich hasse es, wenn ich mich wiederholen muss, obwohl es an meiner ursprünglichen Frage oder Aussage nicht viel misszuverstehen gab. Es sei denn natürlich, man greift sich ein Mini-Detail heraus und spitzfindet und haarspaltet was das Zeug hält, um witzig zu sein und den ganzen Laden aufzuhalten.

Nun will ich aber trotzdem nicht gemein sein, wenn jemand mich mit seinem Herumgewitzel nervt, und das stellt mich vor ein echtes moralisches Dilemma. Was ist denn bloß die sozial angemessene Reaktion auf Witze, die man überhaupt nicht lustig findet? Es ist ja nicht so, dass ich die Absicht witzig zu sein nicht bemerke. Das schon. Wenn jemand ironisch, sarkastisch oder spöttisch ist, aus Spaß irgendwas Dummes oder Selbstverständliches sagt, dann bin ich intellektuell durchaus in der Lage, es als „Witz“ zu identifizieren.

Aber genausowenig wie „gut gemeint“ das Gleiche wie „gut“ ist, ist „witzig gemeint“ immer das Gleiche wie „witzig“. Und manchen Leuten scheint das Feingefühl zu fehlen, um intuitiv zu spüren, wann ein Witz gerade angebracht ist, und wann er einfach nur allen anderen auf den Wecker fällt. Andere spüren das schon, sind aber von der Sorte „Lieber einen Freund verlieren, als eine Pointe zu verpassen und apropos, meinen Humor kann man bequem unter der Tür durchschieben. Höhöhö.“ und die sind nicht in der Lage, einfach mal die Fresse zu halten, wenn sich eine Gelegenheit bietet, sich mit einem blöden Spruch wichtig zu machen und vor allen aufzuplustern. Anstrengend.

Echt mal, das Leben an sich und zwischenmenschliche Kommunikation sind doch so schon kompliziert genug. Da muss man doch nicht noch mit unnützen Scherzen die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, obwohl man zur Klärung des Sachverhalts überhaupt nichts Konstruktives beizutragen hat. Kann man nicht einfach nach dem Motto handeln: „Wenn du nichts Interessantes oder Sinnvolles zu sagen hast, dann sei still.“ Ist das wirklich so schwer? Man kann dann doch seine Energie und Spucke dafür aufbewahren, einen guten, lustigen Witz zu reißen, wenn es vom Kontext her passt.

Das Problem ist: Ich habe nicht nur keinerlei Sinn für Humor, ich lege auch noch großen Wert auf Höflichkeit, freundlichen Umgang miteinander und Harmonie. Ich will ja gern Toleranz für Anderswitzige aufbringen. Aber das kostet mich wirklich einiges an Selbstbeherrschung. Und das zehrt mit der Zeit an meinen inneren Energie- und Geduldreserven, die mir dann an anderer Stelle fehlen.

Allerdings muss man wohl damit leben, dass es immer wieder irgendeinen Kasper gibt, der allen unter die Nase reiben muss, was für einen riesengroßen Clown er gefrühstückt hat. Irgendeine sozial angemessene Reaktionsstrategie bräuchte ich also doch, die möglichst wenig nervlichen Aufwand kostet.

Ist es zum Beispiel OK, wenn ich die Frotzeleien einfach ignoriere und stur meine Frage wiederhole? Oder ist es sehr unhöflich, wenn ich den Scherzcharakter der lustig gemeinten Sprüche nicht mit Aufmerksamkeit würdige?

Oder darf ich mit Ehrlichkeit reagieren und die Witzbolde mit einem „Alter, wenn du nichts zu sagen hast, dann halt die Klappe und lass die Erwachsenen ihren Kram in Ruhe regeln!“ in ihre Schranken weisen? Das kann man doch eigentlich nicht machen, oder? Schließlich war das ja nicht böse gemeint und die wollen bloß spielen. Außerdem will ich halt auch nicht wie ein Arschloch dastehen.

Ich tendiere daher zu der Strategie, das Herumgewitzel zu ignorieren. Was ist eure Meinung dazu?

Essai 176: Über Eitelkeit

23. Juli 2017

Ich habe da so eine Theorie, und die lautet: Jeder ist eitel. Ich zum Beispiel bilde mir unheimlich viel auf meine vermeintliche Uneitelkeit ein. Aber wenn ich ehrlich bin, ist das Quatsch. Zwar bin ich nicht so eitel, was mein Aussehen angeht, insofern ich mich nicht schminke, hohe Absätze meide und am liebsten in Jeans und bequemem Oberteil herumlaufe. Ich habe auch keine Lust, mir den Umstand zu machen, Kontaktlinsen zu tragen. Und dass die weißen Haare auf meinem Kopf allmählich immer mehr werden, stört mich auch nicht. Das finde ich eher spannend. In zehn Jahren sind die Haare vielleicht ganz grau und dann sehe ich endlich mal seriös aus.

Da sind wir dann auch schon bei meiner Eitelkeit angelangt. Ich denke nämlich, dass Eitelkeit sich nicht nur aufs Aussehen beschränkt, sondern generell aufs eigene Selbstbild. Und da hat jeder seine Empfindlichkeiten, wunden Punkte. Eigenschaften, die man gern hätte, wo man sich vielleicht auch halbwegs einreden kann, dass man sie besitzt, aber tief in seinem Inneren weiß man, dass das vielleicht so nicht stimmt. Bei mir ist das – manchmal – dass ich gern ernst genommen werden würde. Ich bin also zugegebenermaßen ziemlich eitel, was meine geistigen Fähigkeiten angeht.

Nennt mich jemand hässlich und unattraktiv und gibt zu bedenken, dass er nicht gewillt wäre, mit mir zu schlafen, selbst wenn sich die Gelegenheit dazu böte, lässt mich das kalt. Das ist nicht die innere Baustelle, auf der meine Komplexe herumliegen. Ich finde, ich sehe ganz OK aus. Solange niemand vor meinem Anblick angewidert und schreiend davonläuft, bin ich zufrieden. Und bisher ist das noch nicht vorgekommen, also sind meine optischen Attribute wohl einigermaßen erträglich.

Aber behandelt mich jemand herablassend, tut so, als hätte ich keine Ahnung von gar nichts, wäre saudumm und hätte nichts auf dem Kasten, merke ich, wie das an meiner Eitelkeit rührt. Ernsthaft, das kann ich nicht ab! Und damit meine ich jetzt nicht so Standard-Beleidigungen wie „Dumme Kuh“ oder „Blöde Gans“, sondern eher so eine Art oder Grundhaltung, die ganz selbstverständlich davon ausgeht, dass ich nichts alleine auf die Kette kriege.

Das ist nicht unbedingt Absicht von den Leuten, es kann auch sein, dass sie mir gut gemeinte Anti-Komplimente machen („Du bist doch sooo hübsch, du kannst sooo stolz auf dich sein!“) oder mir ungefragt helfen wollen, bevor ich die Zeit hatte, selbst das Problem zu analysieren und gegebenenfalls selbst eine Lösung zu finden – und wenn nicht, um Hilfe zu bitten. Da bin ich superempfindlich. Vor allem macht mich dann sauer, dass die das ja gut mit mir meinen und ich dankbar sein muss, und sie nicht einfach anfauchen kann, dass ich mein Aussehen betreffend gar keine Komplexe habe, dass ich durchaus stolz auf mich bin, wenn es dazu einen Grund gibt, und dass ich verdammtnochmal schon Bescheid sage, wenn ich Hilfe brauche!

Allerdings ist es jetzt auch nicht so, dass ich wie ein schlecht erzogener Terrier gleich auf 180 bin, sobald jemand mich wie einen Trottel behandelt. Das wäre auch nicht gut für meinen Blutdruck, da hätte ich schon längst einen Herzinfarkt bekommen. Es sind halt jedes Mal kleine Piekser, und die meisten kann ich mit Humor und Selbstironie wegstecken. Nur manchmal wird es mir halt zu viel.

Apropos Humor: Das ist auch so eine Eitelkeit von mir. Ich finde mich meistens ziemlich witzig, aber wenn auf einen Scherz meiner Wenigkeit nur Schweigen und Verständnislosigkeit folgen, zerschmettert das mein Selbstvertrauen in Millionen Scherben. Ebenso, wenn man mir zu verstehen gibt, dass meine Geschichten und mein Geplauder nicht ansatzweise interessant sind. „Jahaaa, das hast du schon tausendmal erzählt!“ – Krawumms, nimm das, Selbstwertgefühl! Hallo, Minderwertigkeitskomplexe und Selbsthass!

OK, das war jetzt etwas überdramatisch. Trotzdem bin ich ziemlich geknickt, wenn man mich entweder wie einen Dummdödel oder einen nervigen Langweiler behandelt.

Aber genug von mir, man könnte sonst noch denken, ich wäre eitel, Höhöhö.

Bei manchen Leuten habe ich den Eindruck, sie übertreiben es mit der Eitelkeit. Ich denke, mein Ausmaß an Eitelkeit bewegt sich noch im normalen Rahmen. Zumindest bin ich nicht sooo empfindlich, dass ich quasi dauerbeleidigt bin und nur auf vermeintliche Demütigungen warte, um der ganzen Welt Schuld daran zu geben, dass mein Selbstwertgefühl nicht unerschütterlich ist. Sobald man jede Gelegenheit, die sich bietet oder auch nicht, dazu nutzt, eingeschnappt zu sein, und dafür zu sorgen, dass sich alles nur noch um einen selbst dreht, ist es zu viel der Eitelkeit.

Ich denke, diese Menschen definieren ihr Selbstbild ausschließlich über äußere Umstände wie Statussymbole, Meinungen anderer oder Ideologien. Und wenn jemand daran kratzt – sich nichts aus Statussymbolen macht, eine wenig schmeichelhafte Meinung äußert oder die eigene Ideologie bescheuert findet – fühlen sie sich in ihrem ganzen Selbstverständnis angegriffen. Und reagieren entsprechend aggressiv und tödlich beleidigt.

Ein Kumpel von mir hatte sich zum Beispiel eine schwarze Kunstleder-Couch gekauft, als er damals in seine erste eigene Wohnung zog. Er wusste, dass meine Anforderungen an eine Couch Folgende sind: fläzbar, kuschelig und gemütlich. Trotzdem fragte er mich, wie ich sein stylishes, aber unfassbar unbequemes Sofa finde. Da dachte ich, er wollte meine ehrliche Meinung hören, also sagte ich: „Sieht schick aus, aber ist mir persönlich zu ungemütlich“.

Uiuiui, war der beleidigt! Ich glaube, das hat er mir heute noch nicht verziehen. Seitdem behalte ich meine Ansichten auch lieber für mich, wenn er mal wieder mit seinen Statussymbolen angibt. Posaunt er etwa vollmundig herum, dass ihm Geld ja gaaar nicht so wichtig sei, sage ich „Mhm“ und denke mir meinen Teil.

Ein ehemaliger Freund von mir war da aber noch schlimmer. Der hatte anscheinend überhaupt kein stabiles Selbstbild, nicht einmal im Kern, und war vollkommen abhängig vom Urteil anderer Leute. Auf der Schauspielschule hat er von den Lehrern immer sehr viel Lob bekommen und hob dann völlig ab, hielt sich für absolut supertoll und duldete keinen Widerspruch. Nachdem wir uns zerstritten hatten, sah ich aber nicht mehr ein, weshalb ich sein fragiles (respektive nicht vorhandenes) Selbstwertgefühl weiter schonen sollte.

Und dann habe ich ab und zu auch mal eine kleine spöttische Bemerkung gemacht (zum Beispiel „Aufmerksamkeit!“ geflötet, wenn er mal wieder einen Geltungssuchtanfall hatte) oder zum Ausdruck gebracht, dass er mit seiner Egomanie allen auf die Nerven geht (etwa, indem ich laut aufgeseufzt habe, als er mit seiner „Aber die anderen sind alle gemein zu mir“-Jammertirade den ohnehin knapp bemessenen Gruppenunterricht bereits seit einer Stunde aufhielt). Der hätte mich jedesmal fast erwürgt. Wenn ich es recht bedenke, hatte er ganz schön Ähnlichkeit mit Trump … Aber das nur so am Rande.

Und, wie ist das bei euch? Wo liegen eure Eitelkeiten?

Essai 175: Über Komplimente, die keine sind

16. Juli 2017

Da hat sich also US-Präsident Trump in Frankreich mal wieder in die Nesseln gesetzt und das Netz rastet aus. Anlass ist Trumps Bemerkung „You are in such a good shape!“ („Sie sind so gut in Form!“) gegenüber Brigitte Macron, Frankreichs frischgebackener First Lady. Hier das Video dazu:

Die einen sagen: „Das war eindeutig ein Kompliment, jetzt hört doch mal auf, dauernd auf Trump herumzuhacken.“ Die anderen fanden das total unverschämt, was fällt dem eigentlich ein, so eine deplatzierte Bemerkung gegenüber einer Frau zu machen, war ja klar, typisch Trump, der ist halt ein Sexist. Ich finde, beide Seiten haben recht. Und ich finde, das ist ein prima Thema für einen Essai.

Ich habe den Vorfall mit meiner Mutter gründlich analysiert und wir waren uns beide einig, dass es vom Potus definitiv als Kompliment gemeint war. Wir waren ebenfalls beide der Meinung, dass es – objektiv betrachtet – kein wirkliches Kompliment war. Das ist so, wie wenn man zu meiner Mutter, die die deutsche Grammatik und Rechtschreibung trotz französischem Migrationshintergrund besser beherrscht als jeder „Biodeutsche“ und sicher auch ein breiter gefächtertes Vokabular hat, sagt: „Sie sprechen aber gut Deutsch.“ Oder wie, wenn man zu mir sagt: „Macht doch nichts, dass du klein bist. Die Männer stehen auf kleine Frauen.“

Tja, aber ist es nicht die Absicht, die bei einem Kompliment zählt? Und wie es ankommt oder objektiv von außen wirkt, ist egal? Immerhin kann man doch froh sein, wenn jemand versucht, nett zu einem zu sein, oder?

So einfach ist das meiner Ansicht nach nicht. Es gibt ja auch Komplimente, über die man sich wirklich freut. Und über Komplimente à la „Sind Sie aber gut in Form!“ oder „Sie sprechen aber gut Deutsch“ freut man sich nicht so recht, weil sie irgendwie herablassend wirken. Aber was macht den Unterschied? Und warum wirken die Komplimente der zweiten Kategorie so unterschwellig respektlos? Mal sehen, ob ich das aufgedröselt bekomme …

An der Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit kann es nicht liegen. Denn auch jemand, der die Deutschkenntnisse von jemandem lobt, der hervorragend Deutsch spricht, meint es ja nur gut. Jemand, der die Figur von jemandem lobt, der vermutlich mit regelmäßigem Sport und bewusster, gesunder Ernährung auf eine schlanke Linie achtet, ist tatsächlich vom Anblick angetan.

Man könnte vielleicht sagen, dass es grundsätzlich daneben ist, die Figur einer First Lady überhaupt zu kommentieren. Das kann man so sehen, erklärt aber nicht, warum „Sie sprechen aber gut Deutsch“ ein ähnliches Unbehagen und Peinlichberührtsein hervorruft wie „Sie sind aber gut in Form“. Denn jemandes Sprachkenntnisse zu loben, hat nichts Anzügliches an sich.

Ich glaube, was mich an solchen Komplimenten, die keine sind, stört, ist dieser pseudofürsorgliche, möchtegerntröstende Unterton, diese ehrliche Überraschung des Komplimentierenden darüber, dass der andere irgendwas gut kann. Als hätte er ihm das vorher nicht zugetraut und sei auch jetzt noch aufrichtig perplex darüber, dass jemand, den er als weniger wertvollen Menschen betrachtet als sich selbst, überhaupt irgendetwas kann.

Hinzu kommt auch noch die über jeden Zweifel erhabene Überzeugung derer, die Anti-Komplimente machen, dass ihre Meinung über ihr Gegenüber besonders wichtig wäre. Dass der andere das Lob und die Aufmunterung des Komplimentierenden braucht, um Selbstwert zu empfinden. Und dann diese selbstgerechte Grundhaltung, dass sie sich dann total toll fühlen, weil sie einer bedauernswerten armen Seele so etwas Nettes gesagt haben, ganz uneigennützig, nur um zu helfen, weil sie Mitleid mit diesem minderbemittelten Tropf hatten.

Als jemand, der solche Anti-Komplimente empfängt, ist man in einer blöden Situation. Denn einerseits hat der andere gerade unbewusst offenbart, dass er normalerweise nicht viel von einem hält. Bewusst hat er aber von seiner Warte aus etwas Nettes gesagt und es ist nicht einfach zu erklären, was an dem Kompliment komisch und fremdbeschämend war. Also muss man das Kompliment wohl oder übel dankbar annehmen und Freude darüber heucheln. Man ist ja höflich und gut erzogen. Aber so ein leichtes Geschmäckle bleibt dann doch übrig.

Anders bei echten Komplimenten, die nicht in Wahrheit der Selbstdarstellung und Selbstbestätigung des Komplimentierenden dienen, sondern wirklich und wahrhaftig selbstlos sind und von Herzen kommen. Ich denke, wenn man so ein Kompliment bekommt, dann spürt man den Unterschied zu Anti-Komplimenten intuitiv.

Was meint ihr dazu?

Essai 174: Über grundlose Unhöflichkeit

2. Juli 2017

Beim besten Willen kann ich nicht nachvollziehen, warum manche Menschen unfreundlich zu Leuten sind, die ihnen gar nichts oder sogar etwas Nettes für sie getan haben. Da bin ich vielleicht auch etwas dogmatisch, ich weiß es nicht. Aber meiner Meinung nach gibt es keinen Grund, unhöflich zu sein, wenn der andere sich nicht wie ein Riesenarschloch aufführt. Und selbst, wenn jemand sich wie ein Riesenarschloch aufführt, sollte man höflich sein, weil man sich ja nicht zwingend auf dieses Arschloch-Niveau herabbegeben muss.

Genaugenommen gehe ich sogar soweit, zu behaupten, dass generell niemand unhöflich sein muss. Es gibt zwar manchmal begriffstutzige Vollpfosten, die völlig wahrnehmungsgestört und ich-bezogen sind, und die nicht kapieren, dass sie sich scheiße benehmen, sofern man sie nicht im Kasernentonfall anschnauzt und zusammenfaltet. Aber die haben dann ja angefangen. Sprich: Wenn die sich nicht unhöflich und achtlos verhalten hätten, gäbe es nichts, weswegen man sie anpflaumen müsste. Und für ihr ursprünglich pampiges Gebahren gibt es meines Erachtens keine Entschuldigung.

Sicher, manchmal hat man einen Pups quer sitzen, ist mit dem falschen Fuß aufgestanden oder PMS-bedingtes Hormongeschwurbel verhagelt einem die Laune (an die Herren: In diesem Fall ist davon abzusehen, eure Herzensdamen zu fragen, ob sie ihre Tage haben, wenn sie gereizt sind). Dann ist es verständlich und menschlich, wenn man etwas mürrisch ist und einem der Tonfall ein wenig harsch gerät. Aber dann kann man sich doch kurz entschuldigen, damit der andere weiß, es liegt nicht an ihm. „Sorry, heute ist echt nicht mein Tag“ oder sowas in der Art, das reicht dann ja schon, wenn man andere versehentlich brüskiert hat.

Was ich auch nicht verstehe – und es macht mich fuchsig, wenn ich was nicht verstehe – wenn Menschen grundsätzlich unhöflich und unfreundlich zu allen anderen sind. Die so eine Grundhaltung an den Tag legen, dass alle anderen immer alles falsch machen und das mit voller Absicht, nur um sie zu ärgern. Die davon ausgehen, dass alle ihnen Böses wollen. Die sich nicht vorstellen können, dass andere vielleicht Besseres zu tun haben, als jede Sekunde ihres Daseins mit Komplotten und perfiden Betrugsplänen zu verplempern, um dieser einen Person zu schaden.

Da kann man noch so aufrichtig freundlich und wohlwollend auf diese Menschen zugehen, sie finden immer irgendeinen subjektiven Vorwand, um einen auf den Schlips zu treten. Gut, es kann sein, dass dieser garstigen Grundhaltung ein langes Leben voller Gefühle der Einsamkeit, Enttäuschung und des Ungeliebtseins vorangegangen ist. Das tut mir ja auch leid. Aber trotzdem kann man sich ja wohl Leuten, die einem nichts getan haben, gegenüber zusammenreißen. Und wenn man das nicht kann, sollte man eine Psychotherapie in Erwägung ziehen. Ist ja nichts dabei, sich professionelle Hilfe bei Problemen zu holen, die man alleine nicht geregelt bekommt. Wenn man einfach weiterhin alle wie Dreck behandelt, nur weil man sich selbst wie Dreck fühlt, wird die eigene Situation nur noch schlimmer.

Früher oder später hat da nämlich keiner mehr Lust zu, sich ständig von jemandem, der den lieben langen Tag nur in seiner eigenen Galle versumpft und die ganze Welt außer sich selbst dafür verantwortlich macht, dass er sich schlecht fühlt, als Frustableiter missbrauchen zu lassen. Und dann ist derjenige wirklich einsam. Und hat dann niemanden, der ihm ab und zu mal den Spiegel vorhält, Grenzen aufzeigt, und sagt: So, jetzt reicht’s aber.

Aber vielleicht stelle ich mir das auch alles viel zu einfach vor. Ich gebe zu, ich kann mir das schwer vorstellen und mich da nicht hineinversetzen, wenn man so chronisch verbittert ist. Mich kostet es zugegebenermaßen überhaupt keine Mühe, freundlich und höflich zu meinen Mitmenschen zu sein. Klar, manchmal bin ich aus Versehen ein achtloser Paddel, und mache irgendwas, was andere verletzt, ohne es in dem Moment zu merken. Dann bin ich von meinem Selbstbild her überzeugt, dass ich voll nett war, aber in Wirklichkeit hat mich der andere als Arsch empfunden. Das habe ich noch nicht ausklamüsert, wie sich so etwas vermeiden lässt. Ich hoffe einfach, dass man mich in solchen Situationen sachlich darauf hinweist, dass ich was Blödes gemacht habe, damit ich mich entschuldigen und versuchen kann, es wieder gut zu machen.

Doch wenn jemand ständig scheiße zu allen ist, das kann ich nicht nachempfinden. Ich kann auch diesen falschen Stolz, der solche Leute daran hindert, sich Hilfe zu holen, um Probleme zu lösen, die sie alleine nicht in den Griff bekommen, nicht nachvollziehen. Gut, es gibt manche psychische Erkrankungen, die für Antriebslosigkeit sorgen, und es für Betroffene unheimlich schwer machen, eine Therapie anzufangen. Das ist dann noch mal was anderes. Aber ansonsten verstehe ich das nicht.

Was ich ebenfalls schwierig finde, ist der richtige Umgang mit solchen chronisch grundlos unhöflichen Zeitgenossen. Einerseits bin ich es allmählich leid, mein Seelenglück von solchen egozentrischen Stinkstiefeln vermiesen zu lassen. Dazu habe ich echt keine Lust mehr, ich bin jetzt Mitte 30 und langsam wirklich zu alt für diesen Scheiß. Die sollen sich entweder verdammt noch mal nicht so anstellen oder sich Hilfe suchen. Außerdem habe ich überhaupt nicht das professionelle psychologische Handwerkszeug, um solchen Leuten zu helfen. Andererseits habe ich aber ein schrecklich schlechtes Gewissen, weil ich ja niemanden im Stich lassen will, nur weil er ständig Scheißlaune hat und allen Menschen mit Misstrauen und Arroganz begegnet. Obwohl die das ja irgendwie nicht besser verdient haben, als dass ihnen die Freunde nach und nach davonlaufen.

Aber wenn sie alle Menschen gleichermaßen mies behandeln, ist es ja nicht persönlich gemeint, wenn sie bei mir keine Ausnahme machen. Und dann muss ich es doch eigentlich auch nicht persönlich nehmen … Allerdings sehe ich nicht ein, warum ich mich für Fieslinge aufreiben sollte, wenn es genug liebe, nette Menschen gibt, die meine Gesellschaft zu schätzen wissen und das ab und zu auch mal zeigen. Das muss ich doch nicht, oder?

Essai 173: Über Nettigkeit und Schmierigkeit

4. Juni 2017

Anscheinend ist es gar nicht so einfach Nettigkeit und Schmierigkeit auseinander zu halten. Dieser Eindruck entsteht zumindest, wenn man sich in Facebook-Diskussionen zum Thema Flirten einmischt. Da kann man sich wirklich die Finger fusselig tippen und immer wieder betonen, dass derjenige, der den ersten Schritt macht, einfach nur nett sein muss, das glaubt einem keiner. Es dauert in der Regel nicht lange, und irgendwer macht das Fass auf, von wegen: „Frauen stehen eh nur auf Arschlöcher. Wenn man als Mann nett ist, ist man doch gleich unten durch. Nett ist gleichbedeutend mit langweilig.“

Das gibt es zwar auch in der umgekehrten Variante, dass Frauen herumjammern, die guten Männer wären immer alle mit solchen Oberzicken zusammen, allerdings begegnet mir persönlich diese Version nicht so oft. Aber dass Männer, die sich selbst für total nett halten, den einen oder anderen Korb kassieren, und das darauf schieben, dass sie halt zu nett sind, das höre oder lese ich relativ häufig.

Und ich wundere mich darüber. Denn mir ist das noch nie passiert, dass ich eine Abfuhr bekommen hätte, weil ich zu nett war. Ein Arschloch bin ich aber auch nicht. Wenn ich eine Abfuhr bekommen habe, dann, weil der andere einfach nicht wollte. Punkt. Mehr steckt nicht dahinter. In allen anderen Fällen – das bezieht sich übrigens nicht alleine aufs Flirten, sondern grundsätzlich auf zwischenmenschliche Kommunikation – war es stets hilfreich, freundlich, höflich und nett zu bleiben. Sicher, manchmal kriegt man trotzdem ziemlich unfreundliche, arrogante oder aggressive Vorwürfe und Tiraden um die Ohren gehauen. Aber das liegt dann nicht an der Nettigkeit, sondern daran, dass der andere ein ernsthaftes Problem mit seinem Selbstwertgefühl und seiner Impulskontrolle hat.

Woran aber scheitern Flirtversuche, die der Anflirtende als nett empfindet, dann? Ich vermute, dass der Anflirtende in dem Moment nicht nett ist, weil er nett ist. Sondern, dass er nett ist, weil er was von dem anderen will, in der Regel Sex oder wenigstens ein sexy Herumgeplänkel mit späterer Aussicht auf Sex. Und das Objekt des Angeflirtetwerdens merkt, dass die Nettigkeit nicht aufrichtig ist, sondern Mittel zum Zweck. Und das, meine lieben Leserinnen und Leser, ist schmierig. Wer nett tut, weil er damit seine Bedürfnisse dem anderen aufoktroyieren möchte, weil er Nettigkeit als eine Währung begreift, und glaubt, er könnte sich damit die sofortige Erfüllung aller seiner Wünsche kaufen, ist ein Schmierlappen.

Da die Wenigsten Lust haben, mit einem Schmierlappen ins Bett zu gehen, klappen diese Flirtversuche in der Regel nicht. Das liegt nicht daran, dass man nett war, sondern daran, dass die Nettigkeit falsch, aufgesetzt, unehrlich, unauthentisch und berechnend war.

Wer wirklich nett ist, ist immer nett, auch, wenn er nichts von seinen Mitmenschen will. Die Nettigkeit ist dann eine Grundeinstellung, die immer mitschwingt, selbst, wenn man verärgert ist. Trotzdem bemüht man sich dann, in seinem Zorn nicht total unfair zu werden, bei sich zu bleiben und Eigenverantwortung zu übernehmen. Und wenn man sich als aufrichtig netter Mensch dann doch mal im Ton vergreift oder in seiner Wut gemein zu anderen wird, hat man kein Problem damit, sich hinterher – ebenfalls ehrlich und aufrichtig – zu entschuldigen.

Kann man das nicht, ist man nicht wirklich nett. Das ist ja nicht schlimm, es muss ja nicht jeder ein netter Mensch sein. Wobei, ich fände es persönlich sehr viel schöner, wenn es mehr wirklich nette Menschen gäbe, aber das nur so am Rande. Was mich aber nervt, ist, wenn man sich dann so eitel aufplustert, sämtliche Eigenverantwortung über Bord wirft, und sich aufs moralisch hohe Ross schwingt, indem man von sich behauptet, man wäre zu nett, und bekäme deswegen seinen Willen nicht anderen Menschen aufgezwungen.

Das finde ich einfach total widerlich, wenn man sich selbst als feiner Mensch, der nur das Wohl aller anderen im Sinn hat, aufbauscht, obwohl es einem in Wahrheit nur darum geht, immer und überall von jedem jeden Wunsch von den Lippen abgelesen und umgehend erfüllt zu bekommen. Entschuldigung! Wo leben wir denn hier? Im Leben hat man es nun mal eben mit anderen Menschen zu tun, die unterschiedliche Ziele, Wünsche, Bedürfnisse und Persönlichkeiten haben. Da kann ich nicht erwarten, dass sich alle nach mir, meinen Zielen, Wünschen und Bedürfnissen richten. Warum sollten sie das tun, wenn ich nicht dazu bereit bin, das für sie zu tun? Wie Ich-bezogen kann man eigentlich sein?

So. Und wer so dermaßen egomanisch unterwegs ist, mit überzogenen Ansprüchen an seine Umwelt und völlig unrealistischen Erwartungen an seine Mitmenschen, wer sich so dermaßen weigert, für sich Verantwortung zu übernehmen, der. Ist. NICHT. NETT!!! Der ist ein Arschloch. Und nur, weil ein Arschloch sich für unfassbar nett und charmant hält, ändert es nichts an seinem Arschlochtum. Es bekommt eben nur diesen schmierigen, klebrigen Schleim der Unaufrichtigkeit übergezogen.

Ich denke, wenn Frauen auf Arschlöcher stehen beziehungsweise Männer auf Oberzicken, dann liegt das daran, dass sich diese Leute nicht verstellen. Die sind so, wie sie sind, und das kann man mögen oder auch nicht, aber man weiß dann, woran man ist. Genauso weiß man intuitiv bei wirklich netten Menschen, dass sie es ehrlich meinen. Und das funktioniert meines Erachtens auch wunderbar. Es kommt halt nur seltener vor, dass man auf einen wirklich netten Menschen trifft.

Was meint ihr dazu?

Essai 172: Über Frauen, die scheiße sind

21. Mai 2017

Meine geneigte Leserschaft scheint sich sehr für das Thema „Frauen sind scheiße“ zu interessieren. Zumindest trudelt diese Suchanfrage ständig auf meinem Blog ein (WordPress verrät mir ja hin und wieder, mit welchen Suchanfragen Leute auf meinem Blog landen). Ich vermute, dass die Suchenden mit dieser Anfrage auf meinen Text über nervige Single-Männer landen, was ich ziemlich lustig finde, da sie in diesem Essai eher das Gegenteil dessen zu lesen bekommen, was sie vermutlich hören wollen. Aber da das offenbar viele Menschen umtreibt, wie gemein wir Frauen doch alle sind, dachte ich, ich kann dem ja mal einen Essai widmen und der User Intention besser gerecht werden. Oder auch nicht. Mal sehen.

Was könnte wohl einen Menschen dazu bewegen „Frauen sind scheiße“ zu googlen? Ich vermute, es handelt sich dabei überwiegend um Männer, die keinen Erfolg bei Frauen haben. Ein kleiner Teil mag auch Frauen betreffen, die von sich selbst behaupten, sie hätten nur männliche Freunde, weil unter Frauen ja immer gleich automatisch Zickenkrieg ausbricht, sobald sie aufeinander treffen. Wer kennt das nicht.

Diese beiden misogynen Menschenschläge haben dabei vor allem eines gemeinsam: Sie sind nicht schuld. Die anderen sind es.

Denn natürlich kann es nicht an ihrem eigenen Verhalten, ihrer eigenen Einstellung, ihrer eigenen Ausstrahlung liegen, dass sie von Frauen mutmaßlich schlecht behandelt werden. Nein, das liegt daran, dass alle Frauen grundsätzlich scheiße sind. Wir kommen schon scheiße auf die Welt, das liegt an den Hormonen und ist auf den X-Chromosomen so einprogrammiert (deswegen können Männer zum Beispiel auch nur höchstens halbscheiße sein). Und dann werden wir obendrein auch noch zum Scheißesein erzogen, mit diesem ganzen Pink und Lila und Glitzer und Einhörnern, Prinzessinnen und Flauschekatzenbabys. Da muss man ja einen Schaden davontragen. Den meisten von uns wird auch immernoch beigebracht, nett zu sein, zu lächeln, Hilfsbereitschaft zu zeigen und möglichst harmlos und hübsch zu sein, weil wir sonst keinen Mann abbekommen, und das wäre ja schrecklich. Was sollen wir Frauen denn so alleine auf uns gestellt bloß tun? Arbeiten? Hobbys? In Ruhe ein Buch lesen? OMG!!!11!1! Sonst noch was?

Mir wurde als Teenager von einer Seite der Verwandtschaft angemahnt: „Sei nicht immer so ironisch und sarkastisch, sonst kriegst du nie einen Mann.“ Und von anderer Seite hieß es: „Männer mögen kleine Frauen lieber“ (ich bin mit 1,58 m eher klein). Wie es aussieht, hat meine Kleinheit wohl meinen miesen Charakter wieder wettgemacht. Puh. Oder es liegt daran, dass mein Freund und ich humormäßig auf einer Wellenlinie schwimmen. Höhö.

Aber – Ach, weh – nicht jede Frau hat so viel Glück, dass ein Mann des Weges kommt, der über die ihr innewohnende Scheißheit hinwegzublicken vermag. Da sind dann alle Männer zu Tode beleidigt, wenn sich herausstellt, dass manche Frauen gelegentlich ihren eigenen Willen haben, der nicht mit ihrem Willen übereinstimmt. Potzblitz, was fällt ihnen ein? Und ich vermute, erleben Männer häufiger solche Situationen – insbesondere beim Balzverhalten -, und sind sie nicht gerade mit dem Talent zur kritischen Selbstreflexion gesegnet, dann schlussfolgern sie, dass Frauen scheiße sind.

Ähnliches gilt für Frauen, die sich vermeintlich ständig Zickenkriege mit Geschlechtsgenossinnen liefern. Sie haben in Wirklichkeit wahrscheinlich gar nicht so oft mit Stutenbissigkeit zu kämpfen gehabt, aber die entsprechenden Situationen haben sie offenbar geprägt. Sicher kommt es unter Frauen gelegentlich zu Statusstreitereien und ich meine irgendwo gelesen zu haben, dass die Hierarchie in reinen Frauengruppen keiner so klaren Hackordnung folgt, wie die Hierarchie in reinen Männergruppen. Das kann also Kabbeleien darüber geben, wer das letzte Wort hat und wessen Wort gilt.

Aber das ist doch kein Naturgesetz! Ich finde das zum Beispiel sehr angenehm, wenn die Hackordnung nicht so streng ist, weil ich mich dann nicht künstlich aufzuplustern und Dominanztheater zu spielen brauche, um einen Vorschlag zu machen oder meine Einschätzung kundzutun. Es reicht Fachwissen, Freundlichkeit, Sachlichkeit und sinnvolle Argumentation.

Mein Vorschlag für Frauen, die mit anderen Frauen nicht klarkommen, wäre der Folgende: Überdenkt noch mal euer eigenes Verhalten. Seid ihr wirklich ruhig, sachlich und freundlich geblieben? Habt ihr wirklich gute Argumente vorgebracht? Oder weiß die andere es womöglich tatsächlich besser? Es mag natürlich sein, dass man alles richtig gemacht hat und wird trotzdem angezickt, das ist mir auch schon ein paar Mal passiert. Allerdings sowohl von Frauen als auch von Männern. Aber das liegt in diesem Fall nicht an mir, sondern dann hat die/der andere irgendwelche Probleme mit sich selbst, die mich nichts angehen und für die ich nichts kann. Meistens lassen sich aber auch solche Leute zähmen, wenn man konsequent freundlich, sachlich und respektvoll bleibt, ihre Zickereien nicht persönlich nimmt, und mit Fachwissen überzeugt.

Was die Männer angeht, die dauernd Abfuhren kassieren: Auch das liegt nicht daran, dass Frauen per Definition scheiße sind. Das tut mir leid, euch da enttäuschen zu müssen. Die Wahrheit ist, wenn Frauen jemanden abblitzen lassen, dann, weil sie auf diesen Jemand nicht stehen. Badumm-Tss! So einfach ist das.

Ich hab mal wieder auf Facebook mit Leuten über das Thema diskutiert, und leider sind da viele total uneinsichtig. Einer meinte, er sei so erzogen worden, dass Frauen unerwünschtes Ansprechen als Vergewaltigung betrachten, deswegen spreche er keine Frauen an. Das sind dann so Leute, die sich irgendwann mal eine bestimmte Meinung gebildet haben, und sich dann für total integer, willensstark und großartig halten, wenn sie wider alle Logik auf dieser bescheuerten Meinung beharren.

Was ich nicht verstehe: Wenn Frauen tatsächlich so scheiße sind, warum sind die Männer dann so sauer, wenn Frauen sie abblitzen lassen? Die können doch froh sein, dass ihnen so ein scheißiges Wesen erspart blieb. Logischerweise dürften sie die Frauen auch gar nicht erst angraben, wenn sie sie so kacke finden. Und wenn ihnen jemand sagt, dass womöglich ihre Balzstrategie verbesserungswürdig ist, sind sie so tief gekränkt und rechtschaffen empört, als hätte man ihre Männlichkeit als solche angezweifelt.

Sie scheinen nicht zu begreifen, dass es einen Unterschied macht, wie ich mich einer fremden Person nähere. Ich kann zu jemandem hingehen, freundlich und unaufdringlich „Hallo“ sagen, höflich fragen, ob ich mich setzen kann, und schauen, was passiert. Stimmt die Chemie einigermaßen, entsteht zumindest ein nettes Gespräch.

Rücke ich aber einer fremden Person – eventuell sogar im angetrunkenen Zustand – nah auf die Pelle, raune ihr einen Standardspruch à la „Hat es wehgetan, als du vom Himmel gefallen bist/Du hast so schöne Augen/Darf ich dir einen Drink spendieren“ ungebeten ins Ohr, und versuche auf Tuchfühlung zu gehen oder mich ungefragt neben sie zu setzen, dann stößt das nun mal eben bei den Wenigsten auf Gegenliebe. Und dann ist eine Abfuhr sehr wahrscheinlich. Wenn diese Abfuhr ein „Nein, Danke“ ist, dann hat man sogar noch Glück gehabt. Dann hat man den Korb nicht gekriegt, weil alle Frauen scheiße sind, sondern, weil man sich selbst wie der allerletzte Arsch aufgeführt hat.

Also: Bevor man pauschal eine bestimmte Menschengruppe als scheiße abstempelt, weil man ein paar unangenehme Erlebnisse mit Vertretern dieser Gruppe hatte, sollte man sein eigenes Verhalten überdenken – und eventuell ändern. Das gilt nicht nur für Leute, die behaupten, Frauen wären scheiße, sondern auch für alle, die Männer prinzipiell scheiße finden, oder Ausländer, oder sonstwas. Außer Nazis. Die sind wirklich scheiße. Aber die sind ja auch nicht von Geburt an so, sondern haben sich dazu entschieden, hasserfüllte Riesenarschlöcher zu sein, und können sich wieder umentscheiden.

Essai 171: Über Jammern und Wehklagen

9. Mai 2017

Hin und wieder kommt man im Leben in Situationen, in denen man entscheiden muss: „Soll ich’s wirklich machen oder lass ich’s lieber sein?“ („Jein!“ – Oooohrwurm! 😛 ) Meistens befindet man sich in einem Zwiespalt, weil erwünschtes Ergebnis und unerwünschter Aufwand sich ungefähr die Waage halten, und man gründlich überlegen muss, ob man das Ergebnis wirklich unbedingt erreichen will und deswegen bereit ist, eine Tonne Nervkram zu bewältigen, oder ob man eigentlich auch ganz gut mit den Konsequenzen des Nichthandelns leben könnte, wenn erst einmal alles so bleibt wie es ist. Das sind dann so die Momente, in denen ich mit mir hadere und bevor ich mich da mit meinen Gedanken ewig im Kreis drehe und nicht vorwärts komme, teile ich sie lieber jemandem mit.

Das Problem ist, ich gehe den Leuten damit auf den Keks. Die finden nämlich, ich würde jammern und wehklagen und mich an meinem Selbstmitleid ergötzen, was ich umgekehrt ja auch nicht gerade als unterhaltsam betrachte. Das Ding ist, von meiner Warte aus hat das mit Jammern nichts zu tun, wenn ich meinen inneren Zwiespalt schildere, weil ich ja an einer Lösung interessiert bin. Und da finde ich das oft hilfreich, mein Gedankenchaos laut auszusprechen und es jemandem zu beschreiben, weil ich dabei dann etwas Ordnung in das Durcheinander bringen kann. Außerdem hilft eine Außenperspektive ja häufig dabei, alles ein bisschen realistischer zu betrachten und Dinge zu erkennen, die man vorher nicht gesehen hat, weil man selbst zu nah dran war. Blöd nur, dass ich immer anfange zu heulen, wenn ich versuche, das jemandem zu erklären, wenn ich ohnehin gerade aufgrund eines Dilemmas aufgewühlt bin. Menno!

Es ist jetzt auch nicht so, dass ich wildfremden Leuten in der U-Bahn meine Seelenqualen auf die Nase binde und ihnen als distanzloses Ungeheuer den letzten Nerv raube. Eigentlich bespreche ich meine Schwierigkeiten bei großen Entscheidungen und fiesen Zwiespälten nur mit meinem Freund und meinen engsten Freunden oder schreibe hier auf dem Blog darüber und gehe dem Internet auf den Zeiger. Leider heißt es dann meistens früher oder später, ich solle aufhören zu jammern, oder es kommen so hilfreiche Vorschläge wie: „Ja, dann mach doch das“ und wenn ich die Gegenargumente anführe: „Ja, dann lässt du’s halt.“ – Als ob ich auf diese beiden Optionen nicht auch von alleine gekommen wäre.

Tja, also, was tun? Ich will ja meinen Lieblingsmenschen nicht die Nerven zersägen und ihre Zeit mit meinen Wohlstandswehwehchen verplempern. Aber was, wenn ich alleine einfach nicht zu einer Lösung komme? Das gibt es ja manchmal, dass man lauter lose Teile und Gedankensplitter vor sich liegen hat, aber wie alles zusammenpasst, was das Gesamtbild ist, dazu braucht man ein bisschen Hilfe. Umgekehrt bin ich ja auch bereit, mir die Dilemmata meiner Freunde anzuhören, und auf Nachfrage meine Einschätzung dazu zu formulieren. Wobei zugegebenermaßen irgendwie immer alle genau zu wissen scheinen, was sie wollen und was nicht, nur ich bin dazu zu dusselig.

Ich denke, Jammern und Wehklagen ist es doch eigentlich nur, wenn man Mitleid erheischen und hören will, dass man total toll ist. Fishing for compliments, sozusagen. Insofern habe ich in diesem Essai tatsächlich ziemlich viel gejammert, denn ich würde natürlich schon gern hören: „Aber nein! Du bist nicht dusselig! Du bist kein weinerlicher Jammerlappen, der der ganzen Welt mit seinen Luxusproblemen in den Ohren liegt!“ und ich würde mich selbstverständlich gebauchpinselt fühlen, wenn jetzt jemand schreibt, dass das total gemein ist, mir Jammerei vorzuwerfen, obwohl das überhaupt nicht meine Intention ist. Ebenfalls fände ich es erbauend, wenn es anderen auch manchmal so geht, und ich nicht alleine bin.

Allerdings ist das aber nicht alles. Ich wüsste auch gern, was ich tun kann, wenn ich mit einer großen, wichtigen Entscheidung alleine nicht weiterkomme, wie ich meinen Zwiespalt meinen Freunden schildern kann, ohne dass die das für bloßes Mitleidsgeheische halten. Wie kann ich das so formulieren, dass klar wird, ich bin an Sachkritik und ehrlichen Einschätzungen interessiert, aber seid bitte trotzdem nett zu mir? Also, falls jemand eine Idee hat, bitte gern unten in die Kommentare schreiben. 🙂


%d Bloggern gefällt das: