Archive for Juli 2014

Essai 130: Über Schüchternheit

27. Juli 2014

Mir ist das immer irgendwie unangenehm, Leute zu unterbrechen, sie zu stören oder sonstwie zu nerven. Ich lasse Menschen ganz gerne erstmal ausreden, bevor ich meinen Quark dazu gebe und ihren Kram zuende machen, bevor ich sie mit einem Anliegen behellige. Mit anderen Worten, ich bin da eher schüchtern. Das ist eigentlich auch gar nicht weiter schlimm, weil ich – wenn es sein muss – meine Schüchternheit überwinde. Das heißt, wenn ich ein wirklich wichtiges Anliegen habe oder es für nicht zumutbar halte, meine Weisheiten der Außenwelt vorzuenthalten, dann mache ich schon auf mich aufmerksam.

Das Problem ist, dass wir in einer Gesellschaft leben, die leise, zurückhaltende, höfliche Menschen für seltsam hält. Schüchternheit, so scheint es mir, wird wie ein Makel behandelt. Und man ruft mit einer eher introvertierten Art den Helferkomplex seiner Mitmenschen auf den Plan. Man wird dann mit gut gemeinten Ratschlägen wie „Du musst gar nicht schüchtern sein“ oder „Komm doch mal mehr aus dir heraus“ oder „Trau dich doch einfach mal was“ traktiert. Ich fang dann immer an, mich zu rechtfertigen. Dabei will ich doch nur erklären, dass das mein Problem ist und dass ich schon damit klar komme, wenn ich mehrere Anläufe brauche oder besonders hartnäckig und penetrant sein muss, um etwas durchzusetzen. Aber ich komme dann in einen Gewissenskonflikt, weil die mir doch bloß helfen wollen und das von Herzen gut meinen, da kann ich doch nicht einfach so undankbar sein und ihnen entgegenblaffen, dass sie sich um ihren eigenen Kram kümmern und mich in Ruhe vor meiner eigenen Haustür fegen lassen sollen. Ich sag schon Bescheid, wenn ich Hilfe brauche, nur will ich erstmal versuchen, selbst eine Lösung zu finden, bevor ich andere mit meinem Gedöns belästige.

Natürlich wäre ich gern manchmal einfach rücksichtslos, laut und unsensibel. Aber das entspricht einfach nicht meiner Persönlichkeit, deswegen bin ich doch kein hilfloses kleines Dummchen, das man ständig retten muss. Wenn mir etwas wichtig ist, dann bleibe ich schon am Ball und wenn ich das nicht tue, dann ist das ganz allein mein Pech oder es war doch nicht so wichtig. Außerdem hat doch alles seine Vor- und Nachteile. Manchmal ist das gar nicht so unschlau, erstmal die Lage zu peilen, auf den passenden Moment zu warten und dann erst seinen Mut zusammenzunehmen und zu handeln. Natürlich kann es dann sein, dass jemand einem die Chance wegschnappt, der erst handelt und dann nachdenkt – aber damit muss man dann halt leben und sich in dem Fall umorientieren.

Schüchternheit, Introvertiertheit und Zurückhaltung sind keine Krankheiten, die man behandeln lassen muss. Das sind einfach Persönlichkeitszüge, bestimmte Eigenarten oder Tendenzen des Charakters. Es muss auch leise Menschen geben, wenn alle laut und wild durcheinander krakeelen, alle die erste Geige spielen wollen und impulsiv handeln, bevor sie über die Konsequenzen nachdenken, dann funktioniert unsere Gesellschaft nicht mehr. Andererseits kommt man nicht vom Fleck, wenn immer alle „Bitte nach Ihnen“ – „Oh nein, nach Ihnen“ – „Ich bestehe darauf: Nach Ihnen“ sagen. Die Mischung macht’s und ich denke, wir können alle voneinander profitieren und uns was von den anderen abgucken. Introvertierte können von Extrovertierten Spontaneität und Durchsetzungsvermögen lernen. Extrovertierte können von Introvertierten Geduld, Feingefühl und Überlegtheit lernen. Aber nur, wenn alle aufhören, sich für etwas Besseres zu halten und den jeweils anderen (bewusst oder unbewusst) verbiegen zu wollen.

Essai 129: Über Unsichtbarkeit

26. Juli 2014

Es gibt so bestimmte Situationen im Leben, da ist das ganz praktisch, wenn man sich unsichtbar machen kann. Zum Beispiel, wenn man gemütlich durch die Stadt bummelt und Leute mit Klemmbrettern sieht. Ich klicke dann innerlich auf eine Art metaphorischen Lichtschalter und tarne mich mit Unsichtbarkeit. Zumindest, wenn ich rechtzeitig bemerke, dass das schon wieder irgendwelche Berufsnervensägen sind, die meine Meinung zu Weichspülern und Smartphones (benutze ich beides nicht) wissen oder unter Vorgaukelung edler Motive Geld haben wollen. Wenn nicht, werde ich fast immer angesprochen, vermutlich, weil ich irgendwie harmlos und leicht verarschbar aussehe.

Wenn man nicht auffallen möchte, ist es übrigens kontraproduktiv, sich innerlich wie ein Mantra vorzusagen „Bitte nicht ich! Bitte nicht ich!“ Außenstehende sehen nur, dass man sich unwohl fühlt und es ist gut möglich, dass sie dann erst recht aufmerksam werden und wissen wollen, was man hat. Dann zu sagen „Nichts“ wirkt wenig überzeugend. Ziel von Unsichtbarkeit ist ja, dass man seine Ruhe hat und nicht Mitleid oder gar Aufmerksamkeit erregt. Was meistens ganz gut funktioniert, ist das Bild mit dem inneren Lichtschalter, den man an- und ausknipsen kann. Oder man stellt sich vor, dass man unter einem Tarnumhang à la Harry Potter steckt. Wer es mit Fantasie nicht so hat, kann auch einfach den Blick abwenden und möglichst ins Leere schauen und sich dabei körperlich entspannen. Dann wirkt man ziemlich neutral und fällt nicht weiter auf.

Blöd ist jedoch, wenn dieser innere Lichtschalter einen Kurzschluss hat und man gelegentlich aus Versehen und ungewollt unsichtbar wird. Mir passiert das manchmal in größeren Gruppen, wenn viel Lärm und Gewusel um mich herum ist. Dann macht es „Plopp“ und ich bin plötzlich unsichtbar und unhörbar. Ich glaube, das liegt dann an der Reizüberflutung. Ich weiß gar nicht, worauf ich zuerst achten soll, weil so viele Reize und Eindrücke gleichzeitig auf mich einprasseln. Die versehentliche Unsichtbarkeit ist in dem Fall vielleicht auch ein Schutzmechanismus, der mir wieder etwas Ruhe verschafft. Ein bisschen wie eine Schnecke oder Schildkröte, die sich in ihr Häuschen beziehungsweise ihren Panzer verkriecht oder wie ein Igel, der sich einrollt. Trotzdem ist das doof, wenn man irgendwas Witziges oder Geistreiches sagen will und keiner kriegt es mit. Das muss ich dann wohl noch ein wenig üben.

Essai 128: Über die Unlogik von Rassismus

5. Juli 2014

Zurzeit habe ich Idioten ziemlich auf dem Kieker. Es ist bloß so: Ich kann das nicht leiden, wenn ich etwas nicht verstehe. Das lässt mir dann keine Ruhe und ich versuche, den Sachverhalt von möglichst vielen Seiten aus zu beleuchten und auseinander zu frickeln und zu analysieren. Aber bei einer Unterart der Idioten, die sich auch häufig unter den Internet-Trollen tummeln, stoße ich mit meiner Fähigkeit zu Verständnis einfach komplett an meine Grenzen: Rassisten. Fremdenhass ist so unlogisch, dass es mir unerklärlich ist, wie man das trotzdem ernsthaft und voller Überzeugung für die Wahrheit halten kann.

Das beginnt zum Beispiel schon beim Begriff „Migrationshintergrund“. Den biegt man sich doch so zurecht, wie es einem gerade in den Kram passt. Die Mehrheit der Schweizer (wenn auch eine sehr knappe Mehrheit) wollen keine Einwanderer, keine Menschen mit „Migrationshintergrund“ in „ihrem“ Land. Aber wenn die Schweizer Fußballmannschaft, wo bestimmt 80 Prozent nichtschweizerische Wurzeln haben, gut spielt und ins Achtelfinale kommt, dann sind das plötzlich alles ganz normale Schweizer. Und das sind ja nicht nur die Schweizer, das ist doch überall genauso. Sobald jemand, der irgendwelche ausländischen Wurzeln hat, egal, wie lange die her sind, Mist baut, ist er ein Ausländer. Macht jemand, der vergleichbare ausländische Wurzeln hat, irgendwas Tolles, dann ist er plötzlich ein Inländer und der Migrationshintergrund ist etwas Positives.

Fällt denn Rassisten wirklich nicht auf, wie superscheinheilig das ist?

Was an Rassismus außerdem völlig unlogisch ist, ist der Aspekt der Völkerwanderung. Deutschland war nicht immer Deutschland und hatte nicht immer die Grenzen, die es jetzt hat. Überhaupt sind Landesgrenzen etwas, das von Menschen erschaffen wurde und nichts, was naturgegeben wäre. Sicher, unterschiedliche Sprachen, Kulturen, Traditionen, Gewohnheiten und Sitten gibt es. Aber das ist doch spannend und interessant, sich darüber auszutauschen, warum sollte man das als Anlass nehmen, sich gegenseitig scheiße zu finden? Wenn man nur ein wenig neugierig ist, anderen Menschen offen begegnet, entsteht Fremdenhass gar nicht erst. Weil man das Fremde dann plötzlich nicht als Bedrohung sieht, sondern als etwas, das man kennen lernen möchte. Überdies sollten sich Rassisten einmal fragen, ob die Urmenschen sich überhaupt auch nur einen feuchten Furz um Landesgrenzen, Religionen und Gedöns gekümmert haben. Damals gab es die heutigen Länder, Nationen, Sprachen und Kulturen gar nicht. Die waren viel zu sehr mit Überleben beschäftigt, um sich Ausländerhass leisten zu können. Also soll mir bitte keiner mit „Herkunftsdeutschen“ ankommen, das ist Mumpitz.

Davon abgesehen ist es ja auch schon alleine völliger Blödsinn, überhaupt von unterschiedlichen menschlichen Rassen zu sprechen. Rassen gibt es bei Haustieren und die werden erst zurechtgezüchtet. Dabei kommt es zu Inzucht und genetischen Mutationen und Rassetiere vererben oft typische Krankheiten oder Gebrechen an ihre Nachfahren. Deutsche Schäferhunde haben oft Hüftprobleme, Möpse oder Perserkatzen Atembeschwerden und bestimmte Katzenrassen sind empfindlich für Herzkrankheiten oder Nierenprobleme. Natürlich müssen Rassetiere nicht krank werden und die Züchtervereine geben große Acht darauf, dass Erbkrankheiten möglichst vermieden werden. Auch versucht man heute, durch Rückzüchtung gesündere Versionen der Rasse hervorzubringen. Nichtsdestotrotz sind Rassen zutiefst künstlich und von Menschen erschaffen. In der Natur gibt es verschiedene Gattungen, Untergattungen und so weiter. Keine Rassen. Warum spricht man bei Menschen unterschiedlicher Hautfarbe von „Rassen“, wenn doch alle Hauskatzen als Hauskatzen gelten, ob sie nun rot gestreift, schwarz-weiß gescheckt, tiefschwarz, mehrfarbig oder schneeweiß sind? Ich warte ja noch darauf, dass mich mal jemand fragt, welche „Rasse“ ich sei. Ich würde entgegnen: „Europäisch Kurzhaar, weiblich, stubenrein.“

Obwohl Rassismus also wie nun ausreichend bewiesen völlig unlogisch und bescheuert ist, ist er überall so präsent wie eh und je. Das hat man ja bei der Europawahl gesehen, wie gut (oder vielmehr: schlecht) die ganzen Nazi-Parteien abgeschnitten haben. Ein wenig ironisch mutet es da an, dass die ganzen Rassisten es bislang (zum Glück) nicht gebacken bekommen haben, sich genug zu einigen, um eine eigene rechtspopulistische Fraktion im Europaparlament zu kriegen. Ich stell mir das vor wie beim Kasperletheater: „Wir sind super, ihr seid scheiße!“ – „Gar nicht wahr! Wir sind die Besten und ihr seid alle Sozialschmarotzer“ – „Voll nicht! Wir sozialschmarotzen mitnichten, wir sind Herrenrasse und nehmen uns nur, was uns naturgemäß zusteht“ – „Oho! Da muss ich widersprechen! WIR sind Herrenrasse und davon gibt’s nur eine, ihr seid Lügner und außerdem doof.“ – „Selber doof!“ – …

Interessant ist auch, dass Rassisten offenbar überhaupt nicht bemerken, dass sie selbst zu Ausländern werden, sobald sie ihre Landesgrenze passiert haben. Dieser eine NPD-Hanswurst hat auf Mallorca eine Kneipe eröffnet und ich frage mich, ob er sich deswegen immer selbst eine aufs Maul haut oder ob er oft vor dem Spiegel steht und sich beleidigt und sich vorwirft, dass er den Einheimischen auf Mallorca die Arbeit wegnimmt. Absurderweise hat ja auch diese Marine Lepen die Entscheidung der Schweizer für eine Begrenzung der Einwanderung gelobt – ohne sich offenkundig darüber Gedanken zu machen, dass auch sie in der Schweiz als Ausländerin gilt.

Es ist doch wirklich zum Haare raufen. Wenn man auch nur zwei Sekunden nachdenkt, bevor man eine irgendwo aufgeschnappte Meinung wiederkäut und als seine eigene ausgibt, dann kann man doch unmöglich Rassist sein. Es gibt einfach überhaupt nichts, was Rassismus in irgendeiner Weise rechtfertigt. Außer man ist ein neidischer, von Minderwertigkeitskomplexen und Großmannkomplexen zerfressener Totalversager, der Schiss vor allem hat, was er nicht kennt. Und das kann man doch nicht ernsthaft sein wollen?


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