Posts Tagged ‘Scheinheiligkeit’

Essai 178: Über Berufsbeleidigte Leberwürste

9. September 2017

Manche Menschen haben das Beleidigtsein zu einer Kunstform erhoben und beherrschen diese auf virtuose Weise. Das ist wirklich faszinierend. Und raffiniert, denn mit professionellem Beleidigtsein kann man andere Menschen hervorragend manipulieren.

Die Politiker von der AfD zum Beispiel haben das Prinzip begriffen: Wenn jemand mit kritischen Fragen oder guten Argumenten kommt, einfach schmollen und pikiert tun. Die Leute, die die AfD sowieso scheiße finden, denken dann: „Ach, die schon wieder, Mimimi, Idioten“ und ziehen gar nicht in Betracht, dass diese Partei eine ernsthafte Bedrohung für irgendwas darstellen könnte. Und wer die AfD gut findet, denkt: „Richtig so! Wir lassen uns von dieser Lügenpresse nicht den Mund verbieten! Das wurde auch Zeit, dass sich mal wieder jemand für unser Deutschland stark macht und da konsequent bleibt!“

Derweil kann die AfD dann fröhlich an ihrer menschenfeindlichen Ideologie weiterfeilen, ohne dass sie irgendjemand dabei stört. Das professionell beleidigte Leberwursttum hat bei denen schon System. Erst tun sie empört, weil man sie angeblich nie in Talkshows einlädt. Dann lädt man sie in Talkshows ein. Sie wettern über illegale Einwanderung, als ob das das einzige oder zumindest größte Problem wäre, weshalb in Deutschland keine soziale Gerechtigkeit herrscht, zählen bis drei … und wenn dann ein Talkshowgast erwartungsgemäß das Stichwort „rechtsextrem“ in den Raum wirft, verlassen sie selbigen. Dabei murmeln sie noch hochempört weiter was von „Einwanderung“ und „muss-ich-mir-nicht-bieten-lassen“ und freuen sich schon darauf, ihre vorbereitete Pressemeldung auf Facebook zu posten.

Zackbumm, Ziel erreicht: Die AfD-Gegner amüsieren sich darüber, wie doof die doch sind, dass die immer gleich beleidigt tun. Die AfD-Sympathisanten fühlen sich in ihrer Rolle als Opfer der bösen Medien und naiven Bahnhofsklatscher/linksrotgrünversifften Gutmenschen/Merkel bestätigt.

Das funktioniert aber nicht nur in der Politik, mit berufsbeleidigtem Lebergewurste die Menschen in seinem Umfeld so zu manipulieren, dass sie nach der eigenen Pfeife tanzen. Auch privat ist das eine sehr effektive Strategie, um sich selbst für nichts anstrengen zu müssen, und trotzdem alles zu bekommen, was man will.

Klar, es gibt immer ein paar Leute, die gegen diese meisterhafte emotionale Erpressungstaktik immun sind, die Profi-Mimosen einfach vor sich hin schmollen lassen, und sich weiter ihrem Kram widmen. Aber es gibt auch immer Leute wie mich, die möchten, dass alle glücklich sind, die es nicht ertragen, wenn jemand traurig oder verletzt erscheint, und die sich nach Kräften bemühen, für Harmonie zu sorgen.

Und berufsbeleidigte Leberwürste spüren intuitiv, mit wem sie ihre Spielchen erfolgreich betreiben können, und mit wem nicht. Die beinharten Knochen, an denen sie sich die Zähne ausbeißen würden, ignorieren sie einfach. Dafür konzentrieren sie ihre geballte Energie auf die Harmoniebedürftigen, um gezielt ihre Drama-Queen-Auftritte zu inszenieren.

Das Pfiffige an diesem systematischen Dauerbeleidigtsein ist, dass man sich damit als Märtyrer stilisieren kann, dem immer von allen übel mitgespielt wird. Das gibt einem natürlich das Recht, anderen Leuten Vorwürfe zu machen (ist ja egal, ob die auch stimmen). Und das Tolle ist: Wenn man selbst anderen Vorwürfe macht, ist es ja vollkommen ausgeschlossen, dass man selbst das Vorgeworfene ebenfalls tut. Die AfD ist auch darin ein Meister. Sie werfen allen anderen Lügen vor, da kommt keiner (von ihren Anhängern) auf die Idee, dass sie selber Scheiß erzählen.

Anstrengend ist das. Wenn irgendwer einen guten Tipp hat, wie man sich vor diesen Manipulationen schützen kann, immer her damit!

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Essai 173: Über Nettigkeit und Schmierigkeit

4. Juni 2017

Anscheinend ist es gar nicht so einfach Nettigkeit und Schmierigkeit auseinander zu halten. Dieser Eindruck entsteht zumindest, wenn man sich in Facebook-Diskussionen zum Thema Flirten einmischt. Da kann man sich wirklich die Finger fusselig tippen und immer wieder betonen, dass derjenige, der den ersten Schritt macht, einfach nur nett sein muss, das glaubt einem keiner. Es dauert in der Regel nicht lange, und irgendwer macht das Fass auf, von wegen: „Frauen stehen eh nur auf Arschlöcher. Wenn man als Mann nett ist, ist man doch gleich unten durch. Nett ist gleichbedeutend mit langweilig.“

Das gibt es zwar auch in der umgekehrten Variante, dass Frauen herumjammern, die guten Männer wären immer alle mit solchen Oberzicken zusammen, allerdings begegnet mir persönlich diese Version nicht so oft. Aber dass Männer, die sich selbst für total nett halten, den einen oder anderen Korb kassieren, und das darauf schieben, dass sie halt zu nett sind, das höre oder lese ich relativ häufig.

Und ich wundere mich darüber. Denn mir ist das noch nie passiert, dass ich eine Abfuhr bekommen hätte, weil ich zu nett war. Ein Arschloch bin ich aber auch nicht. Wenn ich eine Abfuhr bekommen habe, dann, weil der andere einfach nicht wollte. Punkt. Mehr steckt nicht dahinter. In allen anderen Fällen – das bezieht sich übrigens nicht alleine aufs Flirten, sondern grundsätzlich auf zwischenmenschliche Kommunikation – war es stets hilfreich, freundlich, höflich und nett zu bleiben. Sicher, manchmal kriegt man trotzdem ziemlich unfreundliche, arrogante oder aggressive Vorwürfe und Tiraden um die Ohren gehauen. Aber das liegt dann nicht an der Nettigkeit, sondern daran, dass der andere ein ernsthaftes Problem mit seinem Selbstwertgefühl und seiner Impulskontrolle hat.

Woran aber scheitern Flirtversuche, die der Anflirtende als nett empfindet, dann? Ich vermute, dass der Anflirtende in dem Moment nicht nett ist, weil er nett ist. Sondern, dass er nett ist, weil er was von dem anderen will, in der Regel Sex oder wenigstens ein sexy Herumgeplänkel mit späterer Aussicht auf Sex. Und das Objekt des Angeflirtetwerdens merkt, dass die Nettigkeit nicht aufrichtig ist, sondern Mittel zum Zweck. Und das, meine lieben Leserinnen und Leser, ist schmierig. Wer nett tut, weil er damit seine Bedürfnisse dem anderen aufoktroyieren möchte, weil er Nettigkeit als eine Währung begreift, und glaubt, er könnte sich damit die sofortige Erfüllung aller seiner Wünsche kaufen, ist ein Schmierlappen.

Da die Wenigsten Lust haben, mit einem Schmierlappen ins Bett zu gehen, klappen diese Flirtversuche in der Regel nicht. Das liegt nicht daran, dass man nett war, sondern daran, dass die Nettigkeit falsch, aufgesetzt, unehrlich, unauthentisch und berechnend war.

Wer wirklich nett ist, ist immer nett, auch, wenn er nichts von seinen Mitmenschen will. Die Nettigkeit ist dann eine Grundeinstellung, die immer mitschwingt, selbst, wenn man verärgert ist. Trotzdem bemüht man sich dann, in seinem Zorn nicht total unfair zu werden, bei sich zu bleiben und Eigenverantwortung zu übernehmen. Und wenn man sich als aufrichtig netter Mensch dann doch mal im Ton vergreift oder in seiner Wut gemein zu anderen wird, hat man kein Problem damit, sich hinterher – ebenfalls ehrlich und aufrichtig – zu entschuldigen.

Kann man das nicht, ist man nicht wirklich nett. Das ist ja nicht schlimm, es muss ja nicht jeder ein netter Mensch sein. Wobei, ich fände es persönlich sehr viel schöner, wenn es mehr wirklich nette Menschen gäbe, aber das nur so am Rande. Was mich aber nervt, ist, wenn man sich dann so eitel aufplustert, sämtliche Eigenverantwortung über Bord wirft, und sich aufs moralisch hohe Ross schwingt, indem man von sich behauptet, man wäre zu nett, und bekäme deswegen seinen Willen nicht anderen Menschen aufgezwungen.

Das finde ich einfach total widerlich, wenn man sich selbst als feiner Mensch, der nur das Wohl aller anderen im Sinn hat, aufbauscht, obwohl es einem in Wahrheit nur darum geht, immer und überall von jedem jeden Wunsch von den Lippen abgelesen und umgehend erfüllt zu bekommen. Entschuldigung! Wo leben wir denn hier? Im Leben hat man es nun mal eben mit anderen Menschen zu tun, die unterschiedliche Ziele, Wünsche, Bedürfnisse und Persönlichkeiten haben. Da kann ich nicht erwarten, dass sich alle nach mir, meinen Zielen, Wünschen und Bedürfnissen richten. Warum sollten sie das tun, wenn ich nicht dazu bereit bin, das für sie zu tun? Wie Ich-bezogen kann man eigentlich sein?

So. Und wer so dermaßen egomanisch unterwegs ist, mit überzogenen Ansprüchen an seine Umwelt und völlig unrealistischen Erwartungen an seine Mitmenschen, wer sich so dermaßen weigert, für sich Verantwortung zu übernehmen, der. Ist. NICHT. NETT!!! Der ist ein Arschloch. Und nur, weil ein Arschloch sich für unfassbar nett und charmant hält, ändert es nichts an seinem Arschlochtum. Es bekommt eben nur diesen schmierigen, klebrigen Schleim der Unaufrichtigkeit übergezogen.

Ich denke, wenn Frauen auf Arschlöcher stehen beziehungsweise Männer auf Oberzicken, dann liegt das daran, dass sich diese Leute nicht verstellen. Die sind so, wie sie sind, und das kann man mögen oder auch nicht, aber man weiß dann, woran man ist. Genauso weiß man intuitiv bei wirklich netten Menschen, dass sie es ehrlich meinen. Und das funktioniert meines Erachtens auch wunderbar. Es kommt halt nur seltener vor, dass man auf einen wirklich netten Menschen trifft.

Was meint ihr dazu?

Essai 142: Über Alkohol

6. Juni 2015

Es ist Zeit, mich zu outen: Ich trinke keinen Alkohol. Und das, obwohl ich überhaupt keinen triftigen Grund für diesen freiwilligen Verzicht vorweisen kann. Sofern man überhaupt von einem Verzicht sprechen kann, wenn etwas einfach nicht zu jemandes Leben dazu gehört, darin einfach keine Rolle spielt. Ich sage ja auch nicht, ich verzichte auf eine dritte Brust. Wobei ich mich, hätte ich drei Brüste, vermutlich weniger exotisch fühlen würde als als Nicht-Alkoholtrinkerin und auch seltener den Eindruck hätte, ich müsste mich irgendwie rechtfertigen, erklären, dafür, dass ich es nicht als Genuss empfinde, meine Sinne zu benebeln.

Vielleicht wurde ich als Kind mit einem Alien-Baby vertauscht, vielleicht fehlt mir das entsprechende Lust-am-Rausch-Gen, das offenbar die meisten Menschen besitzen, vielleicht bin ich aber auch einfach nur ein wunderliches kleines Käuzchen. Jedenfalls, Fakt ist, ich habe ohne Alkohol viel mehr Spaß am Leben als mit. Und trotzdem kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, anders zu sein, im Sinne von seltsam, eigenartig und nicht ganz richtig im Kopf.

Es ist sehr schwierig, mit Menschen, die gern Alkohol trinken (und das sind mit Abstand die meisten), eine sachliche Diskussion darüber zu führen. Manchmal packt mich dann ja doch das Sendungsbewusstsein und ich möchte mich verständlich machen und erklären, dass man keinen Alkohol braucht, um einen gemütlichen Abend mit Freunden oder allein, zuhause oder in der Kneipe zu verbringen. Man braucht auch keinen Alkohol, um auf einer Party Spaß zu haben, vorausgesetzt, es ist eine gute Party mit toller Musik, netten Leuten und ausgelassener Stimmung.

Immer, wenn ich versuche, das irgendwem begreiflich zu machen, fühlen die sich angegriffen und glauben, ich würde sie belehren wollen. Dann komme ich mir, weil man mich so eklatant missversteht und ich mich bemüßigt fühle, meinen Standpunkt noch deutlicher zu erklären, tatsächlich wie ein Moralapostel vor. Dabei gibt es doch nicht nur das eine oder andere Extrem. Ich will doch überhaupt nicht sagen, dass man nie Alkohol trinken darf. Ich will nur sagen, dass man nicht immer Alkohol trinken MUSS, um zu genießen, Spaß zu haben und sich wohl zu fühlen.

Der Fairness halber möchte ich auch noch betonen, dass inzwischen die meisten Leute, mit denen ich mich darüber mal unterhalte, recht aufgeschlossen reagieren und das auch gut finden, dass ich keinen Alkohol trinke. Oft bekomme ich auch mit, dass viele gar nicht immer freiwillig auf Partys Alkohol trinken, sondern vor allem deswegen, weil es halt dazu gehört und weil es (fast) alle machen. Aber trotzdem kommt es dann zu Problemen wie „Ach Mist, dann kann ich ja gar nicht mit dem Auto fahren, wie komme ich dann nach Hause?“, „Ach Mist, ich wollte doch am nächsten Tag noch dies und das machen, das kann ich nicht, wenn ich verkatert bin“, etc. Da bin ich dann immer diejenige, die mit Verständnislosigkeit reagiert.

Allerdings, was auch die freundlichsten Mitmenschen bei meiner Nicht-Alkohol-Beichte nur schwer verbergen können, ist ihre Verwunderung. Oft kommen dann Rückfragen, warum ich keinen Alkohol trinke, ob aus Überzeugung oder anderen Gründen. Ehrlich gesagt, ich weiß das gar nicht so genau. Ich hab halt einfach nie damit angefangen, weil ich keinen Grund hatte, damit anzufangen und den hatte ich bis heute nicht. Und mit über 30 noch mit dem Alkohol trinken anzufangen finde ich irgendwie überflüssig. Jetzt habe ich mich da schon dran gewöhnt, mein Ruf als Sondervogel ist etabliert, da muss ich mich doch nicht zu etwas zwingen, was mir überhaupt keinen Mehrwert gibt und meine Gesundheit ankratzen könnte.

Denn, tut mir leid, aber so ist das, gesund ist Alkohol nicht. Es gibt eine bestimmte Dosis, die nicht weiter schädlich ist und mit der die Leber gut fertig wird. Aber einen gesundheitlichen Nutzen hat man dadurch nicht. Einige Studien behaupten zwar, dass Wein gesund ist. Allerdings liegt das nicht am Alkohol, sondern an den besonderen Inhaltsstoffen des Weins, die sich aus den Weintrauben heraus im Gärungsprozess entwickeln.

Wenn Alkohol wenigstens lecker wäre, dann würde ich ab und zu in Maßen sicher etwas mittrinken. Denn, dass ich den Rausch nicht mag, hindert mich ja nicht daran, ein bisschen Alkohol zu genießen. Es ist für mich aber kein Genuss, ich finde den Geschmack ganz scheußlich. Ich glaube auch, dass sich da jeder erst einmal dran gewöhnen muss. Oder fand irgendjemand, der heute gern Alkohol trinkt, seinen ersten Schluck wirklich so köstlich? Das würde mich wirklich mal interessieren, weil ich mich da so schwer hineinversetzen kann. Ein Freund von mir versucht immer, mir weiszumachen, dass Alkohol keinen Eigengeschmack hätte. Er behauptet, es gäbe verschiedene alkoholische Getränke, die jeweils einen Eigengeschmack hätten und der Alkohol selbst schmecke nach nichts. Warum aber mag ich dann mit Wein kochen und finde das Aroma wunderbar, wenn der Alkohol größtenteils verpufft ist? Oder warum schmeckt mir Tiramisú, wo der beißende, aggressive, stechende Alkoholgeschmack im Amaretto vom Mascarpone und Espresso neutralisiert wird und nur das feine Mandelaroma übrig bleibt?

Mein Eindruck ist, dass in Sachen Alkohol ganz viel über gesellschaftlichen Gruppenzwang läuft. Es ist Teil der Kultur, Teil der Geschichte, gehört untrennbar zu unserem sozialen Zusammenleben, zu den Regeln der Geselligkeit, ein „Gläschen zu trinken“. Wer da nein sagt, wirkt schnell unhöflich und wird als Spaßbremse betrachtet.

Früher, als ich mich noch in Schauspieler- und Theaterkreisen tummelte, war die Verwunderung über meinen Alkohol“verzicht“ noch größer. Schauspieler tun ja ganz gern mal psychologisch und da wurde ich dann immer gleich analysiert: „Du hast Angst. Warum? Brauchst du doch gar nicht!?“ Oh, wie ich das gehasst habe! Vielleicht reagiere ich auch deshalb heute noch mit einer gewissen skeptischen Abwehrhaltung, wenn jemand sich freundlich nach den Gründen erkundigt. Das tut mir dann immer leid, aber ich denke dann immer sofort, na super, jetzt halten die mich wieder alle für merkwürdig.

Vielleicht habe ich Angst. Davor, dass ich irgendwas Dummes im Rausch sage oder tue, das andere verletzt oder womit ich mich ganz fürchterlich selbst bloßstelle. Aber ist das so schlimm, davor Angst zu haben und etwas deswegen nicht zu tun? Wenn man aus Angst etwas vermeidet, was einem in irgendeiner Weise nützen könnte, dann ist das natürlich doof. Aber Alkohol zu trinken würde mir doch überhaupt nichts nützen. Ich verstehe also wirklich nicht, warum ich damit heute noch anfangen sollte?

Seltsamerweise scheinen viele, die Alkohol trinken, den umgekehrten Gedankengang zu verfolgen. „Warum sollte ich keinen Alkohol trinken?“ ist eine häufige Reaktion, wenn ich versuche, meinen Standpunkt zu erläutern. „Weil es nichts bringt und weil es nicht schmeckt“, ist dann nicht wirklich ein überzeugendes Argument, denn diesen Menschen bringt es ja Freude und Genuss und es schmeckt ihnen. Was ich ja auch überhaupt nicht verurteile, ich wünsche mir nur manchmal ein bisschen mehr Verständnis dafür, dass nur, weil man einen Standpunkt vertritt, mit dem 99 % der Menschen des eigenen Kulturkreises d’accord gehen, das nicht heißt, dass die restlichen 1 % falsch liegen und einen Knall haben.

Das kriegt man wahrscheinlich gar nicht so mit, wenn man selbst betrunken ist, aber betrunkene Menschen sind immer unangenehm. Sie sind laut, manche rücken einem viel zu nah auf die Pelle, sie stinken, einige sind aggressiv, andere weinerlich, wieder andere werden großkotzig und halten sich für unbesiegbar. Ganz selten werden einige bei leichtem Betrunkensein auch netter und gesprächiger. Aber da denke ich immer, die sind halt im nüchternen Zustand schüchtern oder glauben, immer Stärke beweisen zu müssen, und trauen sich nicht, nett und unterhaltsam zu sein. Da wäre es doch möglich, auch ohne Alkohol seine Hemmungen, der sympathische Mitmensch zu sein, der man im Kern ist, zu überwinden. Das ist schwieriger, sicher, aber unmöglich ist es nicht.

Einmal habe ich den Fehler begangen und meinen Geburtstag ohne Alkohol feiern wollen. Das hatte ich allerdings vorher nicht angekündigt, weil ich damit für mich gegen das unausgesprochene Diktat protestieren wollte, Partys wären nur mit Alkohol möglich. Mit meiner pädagogisch gemeinten Motivation habe ich natürlich die Rebellionslust einiger Gäste angestachelt und prompt schmuggelte jemand eine Flasche Wodka ins Haus. Irgendwann wunderte ich mich, dass die Stimmung irgendwie kippte. Einige wurden erst pubertär kicherig, dann aggressiv und plötzlich entbrach zwischen zwei Personen ein völlig idiotischer Streit und ich stand dazwischen als Gastgeberin und verstand die Welt nicht mehr. Bis ich dann am nächsten Tag die leere Flasche entdeckte und mich fürchterlich schämte, so naiv gewesen zu sein, dass andere meine Einstellung verstehen, vielleicht sogar teilen könnten. Und ich war sauer, weil man mich nicht einfach gefragt hatte, ob das OK sei. Da hätte ich vielleicht ein wenig mit den Zähnen geknirscht, aber mich einverstanden erklärt. Mir dabei aber auch gedacht, also, wenn man einen Abend mit netten Leuten in gemütlicher Atmosphäre nicht ohne Alkohol genießen kann, dann sollte man sich doch mal Gedanken machen … Na ja, inzwischen kündige ich halt immer an, dass jeder, der Alkohol trinken möchte, diesen mitbringen kann und gut ist.

Sicher kommt einem eine grauenhaft langweilige Party mit Alkohol weniger furchtbar vor, das mag sein. Aber wenn ich auf einer grauenhaft langweiligen Party bin, dann will ich da doch nicht länger bleiben als nötig. Dann suche ich mir nette Gesprächspartner, laufe ab und zu zum Buffet und wenn ich glaubhaft verkaufen kann, dass ich los muss, weil die letzte Bahn fährt oder ich morgen früh raus muss, verkrümel ich mich. Also auch kein Grund, Alkohol zu trinken. Sonst würde ich am Ende tatsächlich die letzte Bahn verpassen.

Dass mich keiner zu verstehen scheint (außer die wenigen Menschen in meinem Bekanntenkreis, die ebenfalls Alkohol nichts abzugewinnen vermögen), wurmt mich. Es scheint keine sachliche Diskussion über das Thema möglich zu sein. Aber was mich wirklich richtig wütend macht, das ist diese ekelhafte Doppelmoral in Bezug auf Alkohol und Sucht!

Solange man fröhlich und gesellig mittrinkt, ist man ein Genussmensch und allseits beliebt. Aber auch Genussmenschen können (müssen nicht) irgendwann nicht mehr vom Alkohol loskommen. Meine Oma zum Beispiel, die war ein sehr geselliger Mensch und hatte einen großen Freundeskreis. Die haben sich oft getroffen, gemeinsam getrunken („Dummheit frisst, Intelligenz säuft“, war ein Motto meiner Großmutter) und über Hochkultur debattiert. Dann starb mein Opa und meine Oma rutschte in die Sucht ab. Ihre sogenannten Freunde ließen sie nach und nach alle fallen, keiner wollte mehr mit ihr zu tun haben, alle waren ihr gegenüber peinlich berührt. Sie wurde einsam. Und sie telefonterrorisierte ihre Kinder und Enkel mit volltrunkenen, weinerlichen Anrufen, viele Male am Tag. Wir haben versucht, zu ihr zu stehen, aber leicht hat sie es einem nicht gemacht. Sie war gemein, garstig, verletzend und ungerecht. Misstrauisch und paranoid. Dann wieder hilflos und verloren.

Als Teenager habe ich das alles miterlebt und es war für mich sicher nicht der Hauptgrund, auf Alkohol zu verzichten, aber es hat meine Entscheidung zumindest gestärkt. Meine Oma tat mir sehr leid, ich hatte sie lieb, trotz allem und ich hätte ihr gern geholfen. Besser wurde es erst später, als sie dement war und ihre Sucht seltsamerweise zu vergessen schien. Sie vergaß auch ihre paranoiden Wahntheorien, vergaß, dass ihre Freunde sie im Stich gelassen hatten, vergaß ihre Verbitterung. Sie wurde friedlich. Und so werde ich sie auch in Erinnerung behalten.

Was ich mit dieser Geschichte eigentlich sagen will: Solange man seinen Alkoholkonsum soweit unter Kontrolle hat, dass man im Alltag nicht negativ auffällt, gehört man dazu. Verzichtet man hingegen komplett auf Alkohol, gehört man nicht wirklich dazu. Verliert man eines Tages die Kontrolle über seinen Alkoholkonsum (und ich bin überzeugt davon, dass davor niemand gefeit ist), dann ist man plötzlich der letzte Dreck und niemand will mehr mit einem zu tun haben. Dieselben Leute, die einen vorher zum Trinken animiert und selber mitgetrunken haben, rümpfen plötzlich die Nase und wenden sich ab. Das ist doch zum Kotzen!

Und so habe ich vielleicht doch den einen oder anderen Grund, keinen Alkohol zu trinken.

Essai 138: Über Glaube, Leben und Tod

10. März 2015

In letzter Zeit will mir das Thema Religion keine wirkliche Ruhe lassen. Inspiriert von einem Comic der wunderbaren „Erzählmirnix“ möchte ich mich heute mit dem Verhältnis von Religion und Glaube, Atheismus und dem Sinn von Leben und Tod auseinander setzen. Keine leichte Kost, dafür, dass ich Urlaub habe, aber was soll man machen. Dass ich Religion wie jeder anderen Ideologie eher skeptisch gegenüberstehe, ist nichts Neues. Da wird einfach zu schnell Fanatismus draus und dann dauert es nicht mehr lange und es gibt Tote oder zumindest Verletzte, wie zuletzt das Attentat auf die Charlie-Hebdo-Redaktion in Paris gezeigt hat. Außerdem gelingt das Wir-Gefühl, das das eigentlich Reizvolle an Ideologien/Religionen darstellt, nur, wenn es ein gegnerisches „ihr“ gibt, von dem man sich abheben und als was Besseres fühlen kann.

Das muss natürlich nicht soweit kommen, viele pflegen ihre Traditionen, Gewohnheiten und ihren Glauben auch ganz friedlich, privat und unaufdringlich. Aber die Möglichkeit, dass aus einem bestimmten Regelwerk – und nichts anderes ist Religion – Fanatismus wird, ist meines Erachtens größer als die Wahrscheinlichkeit, dass aus eigenständigem, von einer Grundskepsis gegenüber vorgefertigten „Wahrheiten“ gefärbtem Denken eine alles andere und Fremde verurteilende Ideologie wird.

In dem „Erzählmirnix“-Comic wird eine Studie erwähnt, derzufolge auch Atheisten nervös werden, wenn sie Gott dazu herausfordern sollen, die eigenen Eltern an Krebs sterben zu lassen. Die Wissenschaftler hätten demnach daraus geschlussfolgert, dass auch Atheisten einen unbewussten Glauben an Gott hätten, sonst könnten sie das ja einfach so sagen, ohne nervös zu werden. Klingt zunächst logisch. Ich hab das mit der Studie zugegebenermaßen nicht überprüft, doch wenn ich mir das vorstelle, verspüre ich auch ein gewisses Unbehagen, obwohl ich nicht an einen personalen Gott glaube, der wie ein Puppenspieler alle Schicksalsfäden in der Hand hält und nur auf einen Knopf zu drücken braucht und schon passiert irgendwas.

Woher kommt das? Die Wissenschaftler haben lediglich festgestellt, DASS die Leute nervös wurden, nicht WARUM sie nervös wurden. Mir ist nicht bekannt, ob sie vergleichsweise gemessen haben, ob die Menschen – gleich welcher Religion/Nichtreligion – auch nervös wurden, wenn sie anstelle von Gott den Weihnachtsmann, Osterhasen, Aliens, den Sonnengott, Zeus, Wotan oder ihr Haustier dazu aufforderten, ihre Eltern an Krebs sterben zu lassen. Ich bin mir ziemlich sicher, das Ergebnis wäre mehr oder weniger dasselbe. Denn es geht bei dieser Aussage nicht darum, ob man an Gott glaubt oder nicht, sondern darum, sich mit dem Gedanken auseinander zu setzen, dass Menschen, die man lieb hat, krank werden und sterben können. Dass man dann traurig und nervös wird, entlarvt einen höchstens als normalen, mitfühlenden Menschen und nicht als eigentlich gläubigen Möchtegernatheisten.

Nichtsdestotrotz setze ich mich jetzt mit meinem vermeintlichen Nichtglauben auseinander und fühle mich irgendwie bemüßigt, mich zu erklären oder meine Ansichten zu rechtfertigen. Vermutlich kann man auch als unreligiöser Mensch, der es meidet, einem Club beizutreten, der einen als Mitglied aufnehmen würde, einen gewissen Glauben oder Aberglauben nicht ganz vermeiden. Selbst ein Nihilist, der behauptet, an nichts zu glauben, glaubt ja, dass er an nichts glaubt. Hurra, ein Paradoxon!

Ich denke, auch die abgeklärtesten Realisten sind zu einem kindlichen magischen Denken fähig, das man als eine Form von Aberglauben ansehen kann. Vielleicht ist es ihnen nicht immer bewusst, vielleicht erlauben sie es sich nicht, weil sie’s für Quatsch halten, aber so ein winzigkleiner Funken Aberglaube steckt wohl in jedem von uns. Ich zum Beispiel ziehe zu Bewerbungsgesprächen fast immer ein rotes Oberteil an, weil ich damit bisher immer Erfolg hatte. Das liegt natürlich nicht am roten Oberteil, das ist mir schon klar.

Eigentlich.

Obwohl …

Vielleicht doch?

Schließlich verleiht der Glaube daran, dass eine bestimmte Farbe oder ein bestimmtes Kleidungsstück einem Erfolg verschafft, das nötige Selbstvertrauen, um sich erfolgreich zu präsentieren. So gesehen beeinflusst dieser kleine, alberne Aberglauben meine innere Einstellung zum Positiven, was sich wiederum auf meine Ausstrahlung auswirkt, die schließlich zu meinem Erfolg beiträgt.

Genauso kann der Glaube an einen Gott, der mich immer begleitet und stets an meiner Seite ist und mich unterstützt, mir Zuversicht und Kraft geben. Doch eigentlich ist es dabei wurscht, ob man nun an Gott glaubt oder daran, dass die heimische Topfpflanze einen gedanklich begleitet. Für diesen Satz komme ich jetzt aber sowas von in die Hölle, sofern es eine gibt. Aber da lande ich als ketzerische Heidin ja ohnehin. Wobei sich die Teufel der verschiedenen Religionen dann erstmal einigen müssen, in welche Hölle ich komme, wahrscheinlich will mich da keiner haben. Wenn ich nämlich anfange, mit den Höllenfürsten zu diskutieren und ihre Existenz infrage zu stellen und das Ganze mit logischen Argumenten zu untermauern, schmeißen die mich ratzfatz wieder raus – niemand mag Klugscheißer.

Also, ich bin gern bereit, zu akzeptieren, dass Glaube nützlich ist, solange kein Fanatismus draus wird. Das funktioniert nach dem Prinzip der selbsterfüllenden Prophezeiung. Aber ein Leben nach dem Tod oder irgendetwas nach dem Tod kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Ich weiß auch gar nicht, warum sich Menschen sowas überhaupt ausgedacht haben, das ist doch überhaupt nichts Tolles. Man stelle sich vor, nach dem Tod kommt noch was. Dann verliert doch der Tod völlig an Bedeutung. Und wenn der Tod seine Bedeutung verliert, dann auch das Leben.

Gut, dieser logische Denkfehler wird in Religionen für gewöhnlich dadurch gelöst, dass entweder die Paradies-Hölle-Dichotomie eingeführt wird oder dass man dann halt als irgendetwas wiedergeboren wird. Wenn man sich daneben benommen hat, dann als etwas, was der Mensch arrogant als niedere Lebensform betrachtet; Küchenschabe, Regenwurm oder so. Wobei ich die Küchenschabe für weitaus besser an ihre Umgebung angepasst halte als der Mensch. So eine Küchenschabe bekommt nie in ihrem Leben einen Burnout. Aber die Entfremdung des Menschen von sich selbst und seiner Natur durch übertriebenes Leistungsstreben ist ein anderes Thema. Regenwurm ist schon nicht so prickelnd, da wird man gleich von der nächstbesten Amsel verspachtelt. Auf der anderen Seite hat man in der kurzen Zeit nicht so viel Gelegenheit Mist zu bauen und dann wird man als Amsel wiedergeboren.

Wie dem auch sei, ich glaube an diesen Käse  Gedankengang nicht, dass nach dem Tod noch was ist. Ich verstehe nicht, was daran so schlimm sein soll. Das ist doch in Ordnung. So muss ich mir halt in diesem einen Leben, das ich habe, Mühe geben, es möglichst sinnvoll und anständig zu füllen. Wenn ich das nur mache, um nicht in die Hölle zu kommen oder um ins Paradies zu kommen, finde ich das persönlich etwas … na ja … scheinheilig. Andererseits bin ich kein Anhänger der Moralvorstellung von „Der Zweck heiligt die Mittel“, sondern vertrete eher den gegenteiligen Standpunkt „Die Handlungen heiligen die Absicht“. Sprich: Wenn ich Gutes tue, also möglichst vielen Lebewesen und Menschen helfe und nutze sowie dabei möglichst wenig Schaden anrichte, dann ist es meiner Meinung nach zweitrangig, ob ich das mache, weil ich gerade nichts Besseres zu tun habe, weil ich glaube, nach dem Tod dafür belohnt zu werden, weil ich glaube, dass sich mein Karmakonto dadurch erhöht oder aus Versehen.

Also von mir aus soll jeder glauben, was ihm hilft, mit dem Chaos, das sich Leben nennt, einigermaßen klar zu kommen. Und da muss sich auch niemand von Klugschwätzern wie mir seine Vorstellungen madig machen lassen. Nur weil ich das mit Himmel-Hölle oder Wiedergeburt für Unfug halte, muss das ja noch lange nicht stimmen. Vielleicht liege ich ja auch falsch. Der Punkt ist: Das ist erstens egal und zweitens kann das eh keiner wissen. Daher ist es auch müßig, sich darüber den Kopf zu zerbrechen.

Um so unverständlicher ist es mir, warum immer noch Kriege geführt und Attentate begangen werden im Namen irgendeiner Ideologie oder Religion. Was soll der Schwachsinn? Das ist doch alles Jacke wie Hose und das Gleiche in grün. So. Und jetzt bin ich schon mal auf mein Dasein als Küchenschabe gespannt, da gibt’s bestimmt viel zu entdecken. Klugschwätzen kann ich dann zwar nicht mehr, aber nerven schon. Gnihihi.

Essai 137: Über die Bewahrung der Integrität in Krisenzeiten

11. Januar 2015

Zwölf Menschen starben am 7. Januar 2015. Als Redakteurin und (Halb)-Französin waren Cabu, Charb und Co. meine Kollegen, meine Landsleute, Vertreter meiner Kultur. Ich stehe noch immer unter Schock und kann es nicht verstehen. Ähnlich ging es mir nach dem 11. September 2001, als die Flugzeuge ins World Trade Center flogen, aber dieses Mal ist es trotzdem anders. Kleiner zwar, aber persönlicher.

Ich verstehe nicht, was das soll und ertappe mich bei dem Gedanken: „Wenn es diesen religiösen Fanatikern in Frankreich, in einem demokratischen, freien Land, nicht gefallen hat, warum sind sie dann nicht in ein unfreies, undemokratisches Land gegangen?“ und schäme mich sofort, weil das doch Gedankengut ist, mit dem man in einer Pegida-Demo gar nicht weiter auffallen würde. Es ist gar nicht so einfach, in solchen Zeiten der Krise, in denen ein paar fundamentalistische Riesenarschlöcher Gott spielen und Menschenleben grundlos vernichten müssen, nicht an den eigenen, menschenfreundlichen Überzeugungen zu zweifeln.

Denn eigentlich glaube ich an das Gute im Menschen. Da bin ich normalerweise hoffnungslos idealistisch und immer bereit, die positiven Seiten eines Sachverhalts bevorzugt zu betrachten. Aber was gibt es Positives daran, wenn Jungs im Alter von meiner Schwester und mir sämtliche Vernunft, Logik, Humor, Mitgefühl und was sonst noch zur Menschlichkeit dazu gehört, willentlich über Bord werfen, um anderen Menschen, die niemandem etwas getan haben, die einfach nur unterhalten und auf witzige Weise auf aktuelle, gesellschaftliche und politische Ereignisse reagieren wollten, mit Kalaschnikows und Raketenwerfern hinrichten? Und wozu das alles? Weil sie beleidigt waren?

Wie bei jeder fanatischen Ideologie ist auch der Islamismus (nicht der Islam) von vorne bis hinten unlogisch. Wenn Gott allmächtig ist, braucht er keine selbsternannten Gotteskrieger, um ihn zu verteidigen. Außerdem steht er oder sie oder es da doch drüber, wenn er eh alles kann und weiß, wenn sich da irgendwer einen Spaß auf seine Kosten erlaubt. Und nicht zuletzt: Woher wissen die Fanatiker, dass da ihr Gott oder einer seiner Stellvertreter abgebildet wurde, wenn sie sich kein Bild von ihm machen dürfen und von daher auch nicht wissen können, wie er aussieht? Und wegen sowas müssen Menschen sterben?

Trotzdem und gerade deswegen ist es wichtig, sich seine Integrität zu bewahren. Wenn man sich von der Verzweiflung übermannen lässt, sich von dem Hass, der Gewalt, den Rachegelüsten dieser Terroristen anstecken lässt, dann ist man am Ende auch nicht besser als sie, hält sich aber dafür. Und dann teilt man plötzlich die Welt in Seiten ein, in Schwarz und Weiß, Gut und Böse, Westen und Osten. Und dann hat der Krieg schon begonnen und man ist mittendrin und lässt sich instrumentalisieren, damit irgendwelche verblendeten, größenwahnsinnigen Arschlöcher ihren Willen durchsetzen und anderen ihre verquere, von Hass zerfressene Weltsicht aufzwingen können.

Dann stimmt man Marine Le Pen zu, die die Todesstrafe zurückfordert (auch noch per Guillotine, geht’s noch?) oder findet plötzlich, dass die AfD, Pegida und Konsorten gar nicht so unrecht haben (wie da einige jetzt ein triumphierendes „Siehste“ unausgesprochen, aber überdeutlich vor sich hertragen ist einfach nur zum Kotzen!) oder wird seinerseits zum Fanatiker, nur dass man für seinen Hass nicht den Islam zum Deckmäntelchen wählt, sondern irgendeine andere Religion oder Ideologie. Das Ergebnis wäre eine gespaltene Gesellschaft, in der jeder das vereinfachte Weltbild für die absolute, unumstößliche, allgemeingültige Wahrheit hielte, welches ihm von religiösen oder ideologischen Anführern vorgekaut würde. Diese Anführer würden ihre Marionetten als Kanonenfutter aufeinander prallen lassen und sich die Hände reiben (nicht selbst schmutzig machen) und ihrem Machthunger frönen.

Ich will das nicht.

Ich will nicht, dass irgendjemand für mich denkt, dass mir irgendwer vorschreibt, was ich für richtig und was für falsch zu halten habe. Ich will, dass mein moralischer Kompass intakt bleibt. Ich will weiter jedem Menschen, den ich treffe, offen begegnen, neugierig sein, ihn mit all seinen Facetten kennen lernen.

Als Atheistin glaube ich nicht daran, dass uns irgendwer die Schuld, die wir auf uns laden, abnimmt. Niemand nimmt einem die Verantwortung ab, die der freie Wille mit sich bringt. Schicksal? Gibt’s nicht. Und das ist eigentlich auch gut so, denn das bedeutet, das jeder die Chance hat, das Beste aus dem zu machen, was ihm bei der Geburt und durch die Herkunft mitgegeben wird. Da ist keiner, der einem das abnimmt. Wir entscheiden selbst, ob wir etwas tun, was anderen schadet oder ob wir etwas tun, was anderen hilft.

Manchmal sind die Situationen komplexer, dann muss man abwägen. Zum Beispiel als die beiden Attentäter sich in der Druckerei verschanzt hatten und erschossen wurden. Hätte es eine andere/bessere Möglichkeit gegeben, sie zu stoppen? Vermutlich nicht. Im Gefängnis hätten die ihr Netzwerk weiter steuern können, ihren Ausbruch organisieren oder weitere Anschläge planen können. Frei herumlaufen lassen ging erst recht nicht. Und trotzdem bleibt da jetzt ein bitterer Nachgeschmack, weil diese Fundamentalisten genau das bekommen haben, was sie wollten: den Märtyrertod. Und weil da jetzt unschuldige Menschen anderen ihr Leben nehmen mussten.

Wie also soll man sich angesichts solcher Schrecken verhalten?

Ich denke, man sollte sich mit ganzer Kraft dagegen wehren, Vorurteile aufkommen zu lassen. Denn dann hätten Fanatiker jeder Couleur gewonnen, die Gesellschaft würde sich spalten. Stattdessen ist Zusammenhalt, Solidarität wichtiger denn je. Die Geschwindigkeit, mit der Journalisten, Satiriker und Karikaturisten überall auf der Welt ihr Mitgefühl zum Ausdruck brachten, gibt Hoffnung. Wenn ihre Stimme lauter nachklingt als der Hass, haben die Terroristen im Nachhinein doch noch verloren.

Spannende Kommentar zu dem Thema kamen zum Beispiel von Christoph Sieber und Oliver Kalkofe:

Und von Flix gab es einen treffenden Comic-Strip.

Essai 128: Über die Unlogik von Rassismus

5. Juli 2014

Zurzeit habe ich Idioten ziemlich auf dem Kieker. Es ist bloß so: Ich kann das nicht leiden, wenn ich etwas nicht verstehe. Das lässt mir dann keine Ruhe und ich versuche, den Sachverhalt von möglichst vielen Seiten aus zu beleuchten und auseinander zu frickeln und zu analysieren. Aber bei einer Unterart der Idioten, die sich auch häufig unter den Internet-Trollen tummeln, stoße ich mit meiner Fähigkeit zu Verständnis einfach komplett an meine Grenzen: Rassisten. Fremdenhass ist so unlogisch, dass es mir unerklärlich ist, wie man das trotzdem ernsthaft und voller Überzeugung für die Wahrheit halten kann.

Das beginnt zum Beispiel schon beim Begriff „Migrationshintergrund“. Den biegt man sich doch so zurecht, wie es einem gerade in den Kram passt. Die Mehrheit der Schweizer (wenn auch eine sehr knappe Mehrheit) wollen keine Einwanderer, keine Menschen mit „Migrationshintergrund“ in „ihrem“ Land. Aber wenn die Schweizer Fußballmannschaft, wo bestimmt 80 Prozent nichtschweizerische Wurzeln haben, gut spielt und ins Achtelfinale kommt, dann sind das plötzlich alles ganz normale Schweizer. Und das sind ja nicht nur die Schweizer, das ist doch überall genauso. Sobald jemand, der irgendwelche ausländischen Wurzeln hat, egal, wie lange die her sind, Mist baut, ist er ein Ausländer. Macht jemand, der vergleichbare ausländische Wurzeln hat, irgendwas Tolles, dann ist er plötzlich ein Inländer und der Migrationshintergrund ist etwas Positives.

Fällt denn Rassisten wirklich nicht auf, wie superscheinheilig das ist?

Was an Rassismus außerdem völlig unlogisch ist, ist der Aspekt der Völkerwanderung. Deutschland war nicht immer Deutschland und hatte nicht immer die Grenzen, die es jetzt hat. Überhaupt sind Landesgrenzen etwas, das von Menschen erschaffen wurde und nichts, was naturgegeben wäre. Sicher, unterschiedliche Sprachen, Kulturen, Traditionen, Gewohnheiten und Sitten gibt es. Aber das ist doch spannend und interessant, sich darüber auszutauschen, warum sollte man das als Anlass nehmen, sich gegenseitig scheiße zu finden? Wenn man nur ein wenig neugierig ist, anderen Menschen offen begegnet, entsteht Fremdenhass gar nicht erst. Weil man das Fremde dann plötzlich nicht als Bedrohung sieht, sondern als etwas, das man kennen lernen möchte. Überdies sollten sich Rassisten einmal fragen, ob die Urmenschen sich überhaupt auch nur einen feuchten Furz um Landesgrenzen, Religionen und Gedöns gekümmert haben. Damals gab es die heutigen Länder, Nationen, Sprachen und Kulturen gar nicht. Die waren viel zu sehr mit Überleben beschäftigt, um sich Ausländerhass leisten zu können. Also soll mir bitte keiner mit „Herkunftsdeutschen“ ankommen, das ist Mumpitz.

Davon abgesehen ist es ja auch schon alleine völliger Blödsinn, überhaupt von unterschiedlichen menschlichen Rassen zu sprechen. Rassen gibt es bei Haustieren und die werden erst zurechtgezüchtet. Dabei kommt es zu Inzucht und genetischen Mutationen und Rassetiere vererben oft typische Krankheiten oder Gebrechen an ihre Nachfahren. Deutsche Schäferhunde haben oft Hüftprobleme, Möpse oder Perserkatzen Atembeschwerden und bestimmte Katzenrassen sind empfindlich für Herzkrankheiten oder Nierenprobleme. Natürlich müssen Rassetiere nicht krank werden und die Züchtervereine geben große Acht darauf, dass Erbkrankheiten möglichst vermieden werden. Auch versucht man heute, durch Rückzüchtung gesündere Versionen der Rasse hervorzubringen. Nichtsdestotrotz sind Rassen zutiefst künstlich und von Menschen erschaffen. In der Natur gibt es verschiedene Gattungen, Untergattungen und so weiter. Keine Rassen. Warum spricht man bei Menschen unterschiedlicher Hautfarbe von „Rassen“, wenn doch alle Hauskatzen als Hauskatzen gelten, ob sie nun rot gestreift, schwarz-weiß gescheckt, tiefschwarz, mehrfarbig oder schneeweiß sind? Ich warte ja noch darauf, dass mich mal jemand fragt, welche „Rasse“ ich sei. Ich würde entgegnen: „Europäisch Kurzhaar, weiblich, stubenrein.“

Obwohl Rassismus also wie nun ausreichend bewiesen völlig unlogisch und bescheuert ist, ist er überall so präsent wie eh und je. Das hat man ja bei der Europawahl gesehen, wie gut (oder vielmehr: schlecht) die ganzen Nazi-Parteien abgeschnitten haben. Ein wenig ironisch mutet es da an, dass die ganzen Rassisten es bislang (zum Glück) nicht gebacken bekommen haben, sich genug zu einigen, um eine eigene rechtspopulistische Fraktion im Europaparlament zu kriegen. Ich stell mir das vor wie beim Kasperletheater: „Wir sind super, ihr seid scheiße!“ – „Gar nicht wahr! Wir sind die Besten und ihr seid alle Sozialschmarotzer“ – „Voll nicht! Wir sozialschmarotzen mitnichten, wir sind Herrenrasse und nehmen uns nur, was uns naturgemäß zusteht“ – „Oho! Da muss ich widersprechen! WIR sind Herrenrasse und davon gibt’s nur eine, ihr seid Lügner und außerdem doof.“ – „Selber doof!“ – …

Interessant ist auch, dass Rassisten offenbar überhaupt nicht bemerken, dass sie selbst zu Ausländern werden, sobald sie ihre Landesgrenze passiert haben. Dieser eine NPD-Hanswurst hat auf Mallorca eine Kneipe eröffnet und ich frage mich, ob er sich deswegen immer selbst eine aufs Maul haut oder ob er oft vor dem Spiegel steht und sich beleidigt und sich vorwirft, dass er den Einheimischen auf Mallorca die Arbeit wegnimmt. Absurderweise hat ja auch diese Marine Lepen die Entscheidung der Schweizer für eine Begrenzung der Einwanderung gelobt – ohne sich offenkundig darüber Gedanken zu machen, dass auch sie in der Schweiz als Ausländerin gilt.

Es ist doch wirklich zum Haare raufen. Wenn man auch nur zwei Sekunden nachdenkt, bevor man eine irgendwo aufgeschnappte Meinung wiederkäut und als seine eigene ausgibt, dann kann man doch unmöglich Rassist sein. Es gibt einfach überhaupt nichts, was Rassismus in irgendeiner Weise rechtfertigt. Außer man ist ein neidischer, von Minderwertigkeitskomplexen und Großmannkomplexen zerfressener Totalversager, der Schiss vor allem hat, was er nicht kennt. Und das kann man doch nicht ernsthaft sein wollen?

Essai 122: Über die Doppelwahl des Giovanni di Lorenzo

28. Mai 2014

Mir ist bewusst, dass mich keiner kennt und dass meine Meinung daher irrelevant ist. Das macht aber nichts. Ich sag sie einfach trotzdem. Meines bescheidenen Erachtens ist es nämlich ein absolutes Unding, wie zurzeit die versehentliche doppelte Stimmabgabe bei der Europawahl von Giovanni di Lorenzo von allen Seiten genüsslich ausgeschlachtet wird. Er habe bei Jauch „zugegeben“, zweimal gewählt zu haben, heißt es, und würde nun „behaupten“ von nichts gewusst zu haben.

Als ob so ein kluger Kopf wie di Lorenzo sich bei dem Jauch hinsetzt und ganz gelassen erzählt, er hätte die Europawahl auf perfide, hinterhältige Art mit vollster Absicht manipuliert. Der ist doch nicht bescheuert. In dem Video wirkt er zwar selbstsicher, vielleicht ein wenig arrogant, aber er macht auch den Eindruck von der Richtigkeit seines Handelns ehrlich überzeugt zu sein:

Klar, man kann jetzt natürlich mit dem moralisch erhobenen Zeigefinger herumscharwenzeln und klugscheißen, dass der feine Herr mit seinen zwei Pässen sich wohl für was Besseres halte und daher der Meinung ist, dass seine Stimme zu Recht doppelt zu zählen hat. Man kann auch triumphieren und schadenfroh sein und sagen, Ätsch, der Schlaumeier hat einen Fehler gemacht. Man kann auch, wie diese ungemein sympathische Partei AfD es gemacht hat, Giovanni di Lorenzo wegen Wahlbetrugs den Staatsanwalt auf den Hals hetzen. Oder man kann sich einfach mal mit Leuten unterhalten, die eine doppelte europäische Staatsbürgerschaft haben und gucken, was dahinter steckt und wie es so leicht zu einer doppelten Stimmabgabe kommen kann.

Genau das Gleiche hätte mir nämlich auch passieren können. Mich hat nur meine Faulheit davor bewahrt, auch noch mal für Frankreich bei der Europawahl abzustimmen. Ich hatte im Vorfeld sämtliche benötigten Zugangsdaten und Passwörter per Post und per Handy vom französischen Konsulat zugesandt bekommen, um im Internet für Frankreich bei der Europawahl meine Stimme abzugeben. Nirgendwo stand ein deutlicher, eindeutiger Warnhinweis, dass ich das nicht tun darf, wenn ich bereits für ein anderes europäisches Land meine Stimme abgegeben habe. Dabei kann das ja wohl nicht so schwer sein, das einfach dick und fett am Anfang des Briefs, der die Wahlbenachrichtigung enthält, hinzuschreiben.

Dass ich nicht doppelt abgestimmt habe, war eigentlich Zufall: Ich hatte mir vorgenommen, mir die ganzen Zugangsdaten und das Online-Abstimmverfahren in Ruhe anzugucken, sobald ich Zeit habe. Hatte ich aber nie. Als es dann Wahltag war, habe ich mir flugs meinen deutschen Personalausweis geschnappt und hab für Deutschland abgestimmt. Mir hinterher wieder alle Passwörter für die französische Wahl herauszusuchen, hatte ich dann keine Lust mehr. Ein schlechtes Gewissen hatte ich dann aber doch, weil ich für Deutschland und Frankreich eine Wahlberechtigung hatte und nur eine genutzt habe. Und dann haben in Frankreich die Nazis vom Front National so derbe abgeräumt. Offenbar waren die Gewissensbisse umsonst.

Sicher kann man sich im Vorfeld umfassend informieren und sich durch dieses doch recht komplizierte EU-Wahlrecht durchboxen. Doch das ginge wie gesagt ohne jeden Aufwand auch schneller, einfacher und eindeutiger. Und anscheinend muss es auch eindeutiger und einfacher kommuniziert werden, denn wenn nicht einmal jemand wie di Lorenzo von allein drauf kommt, dass er seine beiden Wahlbenachrichtigungen und Wahlberechtigungen nicht auch nutzen darf, dann ist das offenbar nicht selbstverständlich. Wenn das zu viel Aufwand ist – ich wüsste nicht, wieso, aber man weiß ja nie – im Brief des entsprechenden Konsulats einen Warnhinweis zu schreiben, könnte durch die Mitarbeiter oder auf der Internetseite des Konsulats kurz die Frage gestellt werden, ob man schon für Deutschland abgestimmt hätte beziehungsweise das noch vorhabe. Und dann freundlich darauf hinweisen, dass man das nicht darf. Damit das auch alle wissen, die den Skandal um den „Wahlbetrug“ nicht mitbekommen haben sollten.

So. Und wenn danach immer noch jemand in einer Talkshow vor allen Leuten einen „Wahlbetrug“ „zugibt“, dann ist derjenige wirklich bescheuert oder unfassbar dummdreist. Bis dahin sollen gefälligst mal alle die Füße still halten, ihren moralisch erhobenen Zeigefinger wieder einklappen und sich lieber mit wichtigeren Fragen auseinander setzen. Zum Beispiel mit der Frage, warum Rechtspopulismus überall in Europa immer beliebter wird.

Essai 110: Über emotionale Erpresser und Manipulatoren

15. Oktober 2013

Bislang habe ich ja nur etwas über Frustableiter und Menschen mit chronischer Entschuldigeritis geschrieben, aber noch gar nichts über ihre Gegenspieler: Emotionale Erpresser und Manipulatoren. Dabei geht das eine nicht ohne das andere. Irgendwer muss ja schließlich die personifizierten schlechten Gewissen regelmäßig daran erinnern, dass und warum sie an allem Schuld sind. Andererseits macht es natürlich überhaupt keinen Spaß, die ganze Welt zu hassen, wenn das keinen interessiert und alle darauf nur mit gleichgültigem Schulterzucken reagieren – wenn überhaupt.

Heute möchte ich also dem Rätsel auf die Spur gehen, wie es einige Leute partout schaffen keine Verantwortung für sich, ihr Leben und ihr Handeln zu übernehmen und sich wie die Vampire auf Frustableiter mit Rechtfertigungszwang zu stürzen, sich an ihnen festbeißen, bis diese völlig erschöpft zusammenklappen.

Es entspinnt sich dann ein Machtkampf, in der beide Parteien voneinander abhängig sind. Der emotionale Erpresser braucht jemanden, dem er die Schuld zuweisen und Vorwürfe machen kann, der Frustableiter braucht jemanden, den er betüddeln und um den er sich kümmern kann. Beiden ist gemeinsam, dass sie sich nicht um ihren eigenen Kram kümmern. Der Frustableiter kehrt ständig vor den Haustüren anderer Leute und der emotionale Erpresser ist schwer damit beschäftigt, den Dreck vor seiner Haustür auf die Türschwellen anderer Leute zu verteilen.

Emotionale Erpresser und Manipulatoren haben dabei mehrere Möglichkeiten, um ihr Opfer zu trietzen. Sie können zum Beispiel an das schlechte Gewissen ihres Gegenübers appellieren. Das geht prima mit Vorwürfen, einem allgemein aggressivem Tonfall und cholerischem Auftreten, wahllosen Zickereien und plötzlichen Schmollattacken ohne ersichtlichen Grund. Menschen, die immun gegen solche Manipulationsversuche sind, sind zu beneiden, denn die ignorieren das Drama Queen-Gehabe einfach und lassen den Wüterich vor sich hintoben, bis er sich von allein wieder beruhigt. Denn das tut er in der Regel, wenn er merkt, dass sein Theater nicht den gewünschten Erfolg bringt. Spürt er allerdings, dass der andere die Schuld annimmt, die er ihm in die Schuhe schiebt, beginnt der Machtkampf. Dann fährt sich dieser Mechanismus fest und beide Parteien fügen sich in ihre Rollen. Der Manipulator setzt den Frustableiter unter Druck, der Frustableiter wird von schrecklichen Schuldgefühlen gequält und versucht verzweifelt, es dem anderen recht zu machen. Was natürlich absolut unmöglich ist.

Eine weitere Möglichkeit zur emotionalen Erpressung ist, Mitleid zu erwecken und den Helferkomplex des Frustableiters zu aktivieren. Am besten klappt das, indem man einen auf hilflos macht und zur Krönung anfängt zu heulen. Hervorragend funktionieren dann solche Formulierungen wie: „Ich dachte, du wärst mein Freund“, „Ich dachte, du liebst mich“ und andere „Wenn-du-mich-wirklich-wertschätzt-dann-machst-du-gefälligst-was-ich-will“-Variationen. Oder, noch subtiler, solche Aussagen, die scheinbare Komplimente sind: „Du kannst das doch so gut“, „Du kannst das viel besser als ich“, „Dir fällt das doch leicht“ und so weiter. Am allerfiesesten ist es, wenn diese skrupellosen Gestalten obendrein die Selbstmord-Karte ausspielen – ohne das ernst zu meinen natürlich. Aber das verfehlt seine Wirkung garantiert nie, denn schließlich ist wohl kaum ein Mensch so kaltschnäuzig, um nach einer solchen Bemerkung nicht fürchterlich zu erschrecken und sich zu fragen, ob da nicht doch etwas dran ist.

Im Grunde sind emotionale Erpresser und Manipulatoren ziemlich schlau und geschickt. Denn da sie nie Schuld oder verantwortlich sind, müssen sie sich auch um nichts kümmern. Das erledigen dann ihre Opfer für sie. Und wenn die irgendwann mal keine Lust mehr dazu haben, sich ständig herumscheuchen, schlecht behandeln, beleidigen und demütigen zu lassen, ist das auch nicht weiter schlimm. Die nächsten Opfer stehen schon an der nächsten Ecke bereit. Der Nachteil ist natürlich, dass die emotionalen Erpresser voraussichtlich einsam sterben werden. Aber das ist auch halb so wild, denn das ist schließlich nicht ihre Schuld.

So ganz ist mir nicht klar, was diese manipulierenden Arschlöcher (mit Verlaub!) dazu bewegt, sich so asozial aufzuführen. Vielleicht haben sie es einfach nicht anders gelernt. Oder sie haben gemerkt, dass sie mit dem Scheißverhalten durchkommen und dass sie alle nach ihrer Pfeife tanzen lassen können, wenn sie wollen. Dann ist das wohl auch wurscht, dass einen keiner wirklich leiden kann. Vermutlich geht es schlicht und ergreifend um Macht. Und nach Macht streben immer nur Leute, die von irgendwelchen idiotischen, aber hartnäckigen Minderwertigkeitskomplexen gebeutelt werden, aber zu feige sind, das einfach mal zuzugeben und sich helfen zu lassen. Bescheuert, aber effektiv. Nur schade, dass diese Erkenntnis in keinster Weise hilft, sich gegen emotionale Erpresser zu wappnen. Da muss man sich wohl oder übel ein dickeres Fell wachsen lassen und dem Manipulator ins Gesicht sagen, dass man es satt hat, herumschikaniert zu werden.

Essai 107: Über private Sittenwächter

2. Juni 2013

Heute möchte ich meiner sehr verehrten Leserschaft ein ganz besonders nerviges Exemplar der menschlichen Spezies vorstellen: Den privaten Sittenwächter. Offenbar genügt es vielen Menschen nämlich nicht, dass die professionelle Sittenpolizei ein Auge auf Anstand und Benehmen ihrer Mitmenschen hat. So nehmen sie es selbst in die Hand, zu überwachen, dass auch ja alle die Regeln einhalten. Wobei mit „die“ Regeln, „ihre“ Regeln gemeint sind. Dieser besonderen Gattung aus der Kontrollfreak-Familie ist zwar sehr daran gelegen, alle anderen zu überwachen, doch offenbar nimmt sie diese wichtige Aufgabe so sehr in Anspruch, dass es ihnen nicht möglich ist, auch noch darauf zu achten, ob sie sich selbst an ihre – teilweise völlig abstrusen – Regeln halten. Getreu dem Motto „Tut was ich euch sage, nicht das, was ich tue“ verurteilen sie alle, die sich nicht an ihren Regelkanon halten, drücken dafür aber bei ihrem eigenen Verhalten alle ihnen zur Verfügung stehenden Augen zu.

Ein Beispiel ist der Frührentner, der sich als Knöllchenritter aufspielt. Der sitzt – nehme ich an – den ganzen Tag am Fenster und notiert sämtliche Falschparker (auch, wenn es sich dabei um den Notarzt handelt, der mit dem Helikopter im Halteverbot steht) und geht der Polizei auf die Nerven, indem er alles und jeden anzeigt. Und siehe da, wer bekommt ein Knöllchen, weil er zu schnell gefahren ist? Unser Knöllchenritter, na sowas. Aber hat er das etwa eingesehen und brav seine zehn Euro Strafe gezahlt? Nein, denn ein wahrer Sittenwächter, der lässt sich das nicht gefallen. Der zieht vor Gericht und streitet darum, diese zehn Euro nicht zahlen zu müssen.

Oder man denke an den Kleingärtner, der fast eine ganze Familie gemeuchelt hat, weil die ihre Gartenabfälle nicht ordnungsgemäß entsorgt hatten. Der hat auch vor Gericht keinerlei Einsehen gezeigt. Schließlich wurde er ja auch provoziert und so, da kann er ja nichts für. Aber selbst, wenn die selbsternannte Sittenstasi mal nicht die Leute ermordet oder anzeigt, kann sie extrem nervtötend werden. Zum Beispiel, wenn man gerade an seiner Masterarbeit sitzt und dann aus seiner Konzentration herausgerissen wird, weil ein Sittenwächter sich über ein nach dem Frühstück nicht weggeräumtes Brettchen ereifert. Oder wenn man ein Fenster zumachen will, weil es zieht und dann gleich voller Empörung angepflaumt wird, warum man denn das Fenster zu schließen wage. Oder Leute, die ständig anderer Menschen Sachen nehmen und verbummeln oder kaputt machen oder ausleeren und die leere Packung zurück in den Schrank stellen, oder einem den Kuchen wegessen, den man für eine besondere Gelegenheit aufgespart hatte, oder oder oder … und ausgerechnet DIE weisen einen zurecht, belehren einen und spielen sich als Erziehungsberechtigte auf, wenn man sich selbst mal was ausgeborgt hat.

Sie lauern überall, die privaten Sittenwächter, darauf, dass ihre Mitmenschen irgendetwas „falsch“ machen, damit sie da gleich mit dem Finger drauf zeigen und durch die Gegend posaunen können: „Schaut mal alle her! Dieses infame Geschöpf hat sein Frühstücksbrettchen nicht in die Spülmaschine befördert! Auf den Scheiterhaufen!“ Ich vermute, diese plumpe, diffamierende Strategie der selbsternannten Sittenstasi dient der Ablenkung von eigenen Fehlern. Denn davon haben diese Anstandsterroristen mehr als genug. Da es aber – wie bereits bekannt – ziemlich anstrengend ist, an eigenen Makeln und Macken zu arbeiten, verurteilen diese Nervensägen lieber alle anderen, weil es sie dann vermeintlich besser da stehen lässt. „Guckt mal! Alle mal herhören! Diese sittenwidrige Person hier! Hat den Toilettendeckel offen stehen lassen! (ich bin zwar sonst ein Arschloch, aber den Toilettendeckel klappe ich grundsätzlich zu, das heißt ich bin super)“

Doch was kann man tun, damit einem die Sittenwächter nicht den letzten Nerv rauben? Denn eins steht fest, wenn sie einen auf Schritt und Tritt beobachten und verfolgen, um beim kleinsten Faux-pas (aus ihrer Sicht) gleich los zu krakeelen und Alarm zu schlagen, kann man sich nicht mehr frei bewegen und die Luft zum Atmen kann man auch gleich mal vergessen. Da hilft eigentlich nur Abstand. Damit man sich selbst sagen kann: „Nicht ich bin das Problem. Der/die ist zu allen so. Das ist nicht persönlich gemeint. Er/sie kommt mit sich selbst nicht klar …“ Aber was man tun kann, wenn Abstand keine Option ist, da der Sittenwächter unter dem selben Dach haust, das weiß ich auch nicht.

Essai 102: Über Shitstorms und Wutbürger im Internet

25. März 2013

Früher, als noch nicht jeder einen Internetanschluss hatte, konnten Politiker, Schauspieler und andere öffentliche Personen ruhig Quatsch erzählen, in Fettnäpfchen treten oder sich grob unhöflich aufführen, ohne dass das große Konsequenten gehabt hätte. Ich spreche von einer Zeit, die die unter Zwanzigjährigen, die Digital Natives, vermutlich nicht mehr kennen und sich auch nicht vorstellen können. Ja, damals hat man sich auch an Verabredungen halten müssen, weil man nicht mal eben mit dem Handy Bescheid sagen konnte, man komme später. Es gab keine sozialen Netzwerke, keine Blogs (wir hatten stattdessen Poesiealben und Tagebücher, alles analog), keine eigenen Homepages und so weiter. Das war nicht unbedingt besser, aber auch nicht schlechter, sondern einfach anders. Hat sich also in dieser grauen Vorzeit jeder privat und für sich in Ruhe aufgeregt, wenn ein Promi sich daneben benommen hat (bei ganz üblen Verstößen gegen das Gemeinwohl gab es auch mal Zeitungs- und Fernsehberichte), fühlt sich offenbar heute jeder Wutbürger bemüßigt, seinen Unmut im Internet kund zu tun. Das, was dann auf den tollpatschigen Promi einprasselt, nennt sich gemeinhin Shitstorm.

Der neueste Fall eines Shitstorms wurde von Katja Riemann losgetreten. Sie hatte sich – vermutlich nichts Böses ahnend – in die NDR-Sendung „Das!“ zu einem Interview begeben und hatte auf die recht belanglosen Fragen etwas irritiert geantwortet. Offenbar, so meine Deutung der ganzen Affäre, war sie mit der Absicht in das Interview gegangen, über ihre Arbeit und ihre neuen Filme zu sprechen und das auf einem sehr hohen intellektuellen Niveau. Hinnerk Baumgarten, der Moderator hingegen, war vermutlich mit der Absicht ins Interview gegangen, den Menschen Katja Riemann kennen zu lernen, ihre private Seite zu beleuchten und sie dem Publikum menschlich näher zu bringen. Diese beiden konträren Motivationen sind aufeinander geprallt und es hat nicht funktioniert. Weder hatte Katja Riemann Lust, über ihr Privatleben zu reden (was ich sehr gut verstehen kann!) noch ist es dem Moderator gelungen, das zu akzeptieren und seine Interviewstrategie spontan an seinen etwas widerborstigen Gast anzupassen. Wahrscheinlich konnten die beiden sich schlichtweg nicht riechen, so ist das ja manchmal. Jedenfalls besteht meiner Meinung nach kein Anlass, Katja Riemann in irgendeiner Weise Arroganz vorzuwerfen. Natürlich hätte sie netter sein können, aber im Grunde war sie einfach ehrlich und das finde ich persönlich auch mal ganz erfrischend. Ein Problem ist jedenfalls auch, dass viele sich gar nicht das ganze Interview angesehen haben, sondern nur einen Zusammenschnitt, bei dem Katja Riemann tatsächlich ziemlich fies rüberkommt.

Aber mangelnde Information hat ja noch nie irgendwen davon abgehalten, sich künstlich aufzuregen. Erst recht nicht, wenn man das auch noch schön gesellig in der Masse machen kann, wo man sich dann auch noch gegenseitig hochschaukelt. Wie weiland aufgehetzte Bürger Fackeln und Mistgabeln schwenkend auf vermeintliche Ketzer losgingen, stürzen sich dann die selbstgerechten Wutbürger auf den bedauernswerten Promi und bombardieren diesen mit wüsten Beschimpfungen, üblen Beleidigungen bis hin zu regelrechten Drohungen. Manche Dinge ändern sich halt nie und vermutlich ist das auch ganz schön, wenn man seinen aufgestauten Frust und sorgfältig angesammelten Zorn mal an jemandem auslassen kann, den man gar nicht kennt. Und wenn dann noch andere dabei sind, die der gleichen Meinung sind, kann man ja auch nicht falsch liegen. Die eigenen Sünden verblassen zudem bis zur beinahen Unsichtbarkeit, wenn man mit dem Finger auf jemanden zeigen und lauthals krakeelen kann, der sei ja wohl viel schlimmer als man selbst. Außerdem muss man sich dann für eine kleine Weile nicht mehr mit wichtigen Dingen herumärgern, wenn man auf andere Leute wegen vermeintlicher oder tatsächlicher Fehltritte eindreschen kann. Das ist nicht nett, aber meiner bescheidenen Ansicht nach, schlichtweg menschlich. Das liegt offenbar einfach in unserer Natur, dass wir lieber unsere Zeit damit verplempern, anderen Leuten ihre Fehler in den schillerndsten Farben vorzuhalten, anstatt mal an unseren eigenen Fehlern zu arbeiten. Ich nehme an, ich bin da auch nicht anders, aber so genau weiß ich das nicht, schließlich sind wir alle mit einer eklatanten Selbstgerechtigkeit gesegnet, ohne die wir wohl nicht vorwärts kämen. Man stelle sich vor, jeder würde ständig jeden seiner Schritte und Entscheidungen hinterfragen. Das kann dann ja lange dauern, bis da mal ein Schritt gegangen oder eine Entscheidung getroffen wurde.

Wie dem auch sei, ich fände es um des allgemeinen Friedens willen dennoch wünschenswert, wenn man gelegentlich kurz innehielte, bevor man fremde Leute wüst beschimpft. Das sind ja schließlich auch nur Menschen, die manchmal eben blöd sind. Natürlich kann man denjenigen sachlich kritisieren und demjenigen sagen, man habe Missfallen an dessen Verhalten gefunden. Aber es müssen doch nicht immer gleich verbale Mistgabeln und rhetorische Fackeln sein, mit denen man auf denjenigen welchen einprügelt. Erst recht nicht so feige im Schutz der Masse. Und erst recht nicht aus so niederen Beweggründen, dass man einfach nur von seinem eigenen Frust ablenken will. So was finde ich erbärmlich. Und helfen tut das auch niemandem. Außerdem, bevor man jemanden kritisiert, sollte man sich informieren und gucken, ob man nicht vielleicht auch falsch liegt. Das kann nämlich auch mal passieren und dann zurück zu rudern, nachdem man schon auf jemanden eingedroschen hat, ist ja mal richtig peinlich.


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