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Essai 176: Über Eitelkeit

23. Juli 2017

Ich habe da so eine Theorie, und die lautet: Jeder ist eitel. Ich zum Beispiel bilde mir unheimlich viel auf meine vermeintliche Uneitelkeit ein. Aber wenn ich ehrlich bin, ist das Quatsch. Zwar bin ich nicht so eitel, was mein Aussehen angeht, insofern ich mich nicht schminke, hohe Absätze meide und am liebsten in Jeans und bequemem Oberteil herumlaufe. Ich habe auch keine Lust, mir den Umstand zu machen, Kontaktlinsen zu tragen. Und dass die weißen Haare auf meinem Kopf allmählich immer mehr werden, stört mich auch nicht. Das finde ich eher spannend. In zehn Jahren sind die Haare vielleicht ganz grau und dann sehe ich endlich mal seriös aus.

Da sind wir dann auch schon bei meiner Eitelkeit angelangt. Ich denke nämlich, dass Eitelkeit sich nicht nur aufs Aussehen beschränkt, sondern generell aufs eigene Selbstbild. Und da hat jeder seine Empfindlichkeiten, wunden Punkte. Eigenschaften, die man gern hätte, wo man sich vielleicht auch halbwegs einreden kann, dass man sie besitzt, aber tief in seinem Inneren weiß man, dass das vielleicht so nicht stimmt. Bei mir ist das – manchmal – dass ich gern ernst genommen werden würde. Ich bin also zugegebenermaßen ziemlich eitel, was meine geistigen Fähigkeiten angeht.

Nennt mich jemand hässlich und unattraktiv und gibt zu bedenken, dass er nicht gewillt wäre, mit mir zu schlafen, selbst wenn sich die Gelegenheit dazu böte, lässt mich das kalt. Das ist nicht die innere Baustelle, auf der meine Komplexe herumliegen. Ich finde, ich sehe ganz OK aus. Solange niemand vor meinem Anblick angewidert und schreiend davonläuft, bin ich zufrieden. Und bisher ist das noch nicht vorgekommen, also sind meine optischen Attribute wohl einigermaßen erträglich.

Aber behandelt mich jemand herablassend, tut so, als hätte ich keine Ahnung von gar nichts, wäre saudumm und hätte nichts auf dem Kasten, merke ich, wie das an meiner Eitelkeit rührt. Ernsthaft, das kann ich nicht ab! Und damit meine ich jetzt nicht so Standard-Beleidigungen wie „Dumme Kuh“ oder „Blöde Gans“, sondern eher so eine Art oder Grundhaltung, die ganz selbstverständlich davon ausgeht, dass ich nichts alleine auf die Kette kriege.

Das ist nicht unbedingt Absicht von den Leuten, es kann auch sein, dass sie mir gut gemeinte Anti-Komplimente machen („Du bist doch sooo hübsch, du kannst sooo stolz auf dich sein!“) oder mir ungefragt helfen wollen, bevor ich die Zeit hatte, selbst das Problem zu analysieren und gegebenenfalls selbst eine Lösung zu finden – und wenn nicht, um Hilfe zu bitten. Da bin ich superempfindlich. Vor allem macht mich dann sauer, dass die das ja gut mit mir meinen und ich dankbar sein muss, und sie nicht einfach anfauchen kann, dass ich mein Aussehen betreffend gar keine Komplexe habe, dass ich durchaus stolz auf mich bin, wenn es dazu einen Grund gibt, und dass ich verdammtnochmal schon Bescheid sage, wenn ich Hilfe brauche!

Allerdings ist es jetzt auch nicht so, dass ich wie ein schlecht erzogener Terrier gleich auf 180 bin, sobald jemand mich wie einen Trottel behandelt. Das wäre auch nicht gut für meinen Blutdruck, da hätte ich schon längst einen Herzinfarkt bekommen. Es sind halt jedes Mal kleine Piekser, und die meisten kann ich mit Humor und Selbstironie wegstecken. Nur manchmal wird es mir halt zu viel.

Apropos Humor: Das ist auch so eine Eitelkeit von mir. Ich finde mich meistens ziemlich witzig, aber wenn auf einen Scherz meiner Wenigkeit nur Schweigen und Verständnislosigkeit folgen, zerschmettert das mein Selbstvertrauen in Millionen Scherben. Ebenso, wenn man mir zu verstehen gibt, dass meine Geschichten und mein Geplauder nicht ansatzweise interessant sind. „Jahaaa, das hast du schon tausendmal erzählt!“ – Krawumms, nimm das, Selbstwertgefühl! Hallo, Minderwertigkeitskomplexe und Selbsthass!

OK, das war jetzt etwas überdramatisch. Trotzdem bin ich ziemlich geknickt, wenn man mich entweder wie einen Dummdödel oder einen nervigen Langweiler behandelt.

Aber genug von mir, man könnte sonst noch denken, ich wäre eitel, Höhöhö.

Bei manchen Leuten habe ich den Eindruck, sie übertreiben es mit der Eitelkeit. Ich denke, mein Ausmaß an Eitelkeit bewegt sich noch im normalen Rahmen. Zumindest bin ich nicht sooo empfindlich, dass ich quasi dauerbeleidigt bin und nur auf vermeintliche Demütigungen warte, um der ganzen Welt Schuld daran zu geben, dass mein Selbstwertgefühl nicht unerschütterlich ist. Sobald man jede Gelegenheit, die sich bietet oder auch nicht, dazu nutzt, eingeschnappt zu sein, und dafür zu sorgen, dass sich alles nur noch um einen selbst dreht, ist es zu viel der Eitelkeit.

Ich denke, diese Menschen definieren ihr Selbstbild ausschließlich über äußere Umstände wie Statussymbole, Meinungen anderer oder Ideologien. Und wenn jemand daran kratzt – sich nichts aus Statussymbolen macht, eine wenig schmeichelhafte Meinung äußert oder die eigene Ideologie bescheuert findet – fühlen sie sich in ihrem ganzen Selbstverständnis angegriffen. Und reagieren entsprechend aggressiv und tödlich beleidigt.

Ein Kumpel von mir hatte sich zum Beispiel eine schwarze Kunstleder-Couch gekauft, als er damals in seine erste eigene Wohnung zog. Er wusste, dass meine Anforderungen an eine Couch Folgende sind: fläzbar, kuschelig und gemütlich. Trotzdem fragte er mich, wie ich sein stylishes, aber unfassbar unbequemes Sofa finde. Da dachte ich, er wollte meine ehrliche Meinung hören, also sagte ich: „Sieht schick aus, aber ist mir persönlich zu ungemütlich“.

Uiuiui, war der beleidigt! Ich glaube, das hat er mir heute noch nicht verziehen. Seitdem behalte ich meine Ansichten auch lieber für mich, wenn er mal wieder mit seinen Statussymbolen angibt. Posaunt er etwa vollmundig herum, dass ihm Geld ja gaaar nicht so wichtig sei, sage ich „Mhm“ und denke mir meinen Teil.

Ein ehemaliger Freund von mir war da aber noch schlimmer. Der hatte anscheinend überhaupt kein stabiles Selbstbild, nicht einmal im Kern, und war vollkommen abhängig vom Urteil anderer Leute. Auf der Schauspielschule hat er von den Lehrern immer sehr viel Lob bekommen und hob dann völlig ab, hielt sich für absolut supertoll und duldete keinen Widerspruch. Nachdem wir uns zerstritten hatten, sah ich aber nicht mehr ein, weshalb ich sein fragiles (respektive nicht vorhandenes) Selbstwertgefühl weiter schonen sollte.

Und dann habe ich ab und zu auch mal eine kleine spöttische Bemerkung gemacht (zum Beispiel „Aufmerksamkeit!“ geflötet, wenn er mal wieder einen Geltungssuchtanfall hatte) oder zum Ausdruck gebracht, dass er mit seiner Egomanie allen auf die Nerven geht (etwa, indem ich laut aufgeseufzt habe, als er mit seiner „Aber die anderen sind alle gemein zu mir“-Jammertirade den ohnehin knapp bemessenen Gruppenunterricht bereits seit einer Stunde aufhielt). Der hätte mich jedesmal fast erwürgt. Wenn ich es recht bedenke, hatte er ganz schön Ähnlichkeit mit Trump … Aber das nur so am Rande.

Und, wie ist das bei euch? Wo liegen eure Eitelkeiten?

Essai 157: Über rhetorische Tricks für Wichtigtuer

24. April 2016

Manchmal will man gern Eindruck schinden, hat aber gar nichts Interessantes zu sagen. Das muss jedoch kein Hinderungsgrund sein, denn man kann auch Nichtssagendes eindrucksvoll aufplüschen, sodass es total wichtig klingt und keiner merkt, dass es nur heiße Luft ist. Oder zumindest: fast keiner – aber selbst, wenn da jemand im Publikum sitzt, der merkt, dass der Kaiser keine neuen Kleider, sondern gar nichts trägt, braucht man sich beim rhetorischen Aufplustern in der Regel keine Sorgen zu machen. Zumindest habe ich das noch nie erlebt, dass jemand in solchen Situation losgetrötet hätte: „Laaaangweilig, du laberst doch nur hohlen Stuss, komm‘ doch mal auf den Punkt!“ Das macht irgendwie keiner, vielleicht, weil es doch sehr unhöflich ist. Oder weil man, wenn man im Publikum sitzt und gezwungen ist, dem Wichtigtuer beim Phrasendreschen zuzuhören, normalerweise weniger wichtig ist und sich den Wichtigtuer nicht zum Feind machen möchte. Mit den Konsequenzen zu leben, sich einen ehrlichen, aber wenig konstruktiven und ziemlich unhöflichen Kommentar verkniffen zu haben, ist wohl einfacher, als eine wichtige Person gegen sich aufzubringen.

Wer auch mal mitmachen möchte beim Zirkus Richtig-wichtig-popichtig, für den habe ich heute ein paar Tipps parat. Ganz besonders wichtig: die richtige Haltung (oder auf Wichtigtuerisch „Attitude“). Damit der Unfug nämlich überzeugend rüberkommt und tatsächlich nur Wenige merken, dass man eigentlich keine Ahnung von der Materie hat (oder der „Craft“, wie einer meiner Lieblingswichtigtuer Herr T. S. sagen würde), muss man schon auch selbst davon überzeugt sein, dass man supertoll ist und die Erde auf der Stelle stillstünde, wenn man nicht da wäre, damit sie sich um einen dreht.

1. Mit Anglizismen jonglieren

Man findet Sachen nicht einfach gut, sondern man findet sie „nice“. Und wenn Dinge gar nicht gehen, dann sind sie ein „No-Go“. Anglizismen sind für Wichtigtuer unverzichtbar, denn das wirkt voll „internäschenell“ (also weltmännisch), wenn man alles Mögliche und Unmögliche mit englischen Phrasen aufbauscht. Da wird dann also vom „Commitment“ geschwafelt und davon, dass alles „no problem“ ist, weil das ja alles zur „Challenge“ dazugehört. Oder es wird von „Compliance“ gesprochen (das Wort musste ich erstmal ergooglen, heißt wohl so viel wie „Regeltreue“) und „values“. Übrigens macht es überhaupt nichts, wenn die Zuhörerschaft bei den ganzen Anglizismen höchstens die Hälfte versteht. Das soll so. Je weniger die Zuhörerschaft von dem Quatsch versteht, den man von sich gibt, desto geringer ist das Risiko, dass sie es als Quatsch erkennen. Die Chancen steigen, dass sie denken: „Wow! Ich versteh kein Wort! Also muss es unfassbar klug sein, was der Mensch da redet!“

Diesen Zweck erfüllen übrigens nicht nur Anglizismen, sondern auch andere Fremdwörter oder Fachbegriffe. Allerdings ist da die Gefahr gegeben, dass man übers Ziel hinausschießt und arrogant wirkt. Das will man auch nicht, denn Wichtigtuer sind ja noch einigermaßen erträglich, aber Streber kann keiner leiden. Bevor man also etwas „goutiert“, anstatt gut findet, oder von einer „cauchemardesken Atmosphäre“ anstelle einer „alptraumhaften Stimmung“ spricht, sollte man schauen, ob man dieses Ausmaß an Schnöselvokabular seinem Publikum zumuten kann. Befindet man sich unter einem Haufen hochkultureller Geisteswissenschaftler und Intellektueller, kann – ja, sollte – man sich so ausdrücken und vorzugsweise viele Gallizismen in seinem Geschwafel unterbringen. Wendet man sich als Mediziner an andere Mediziner, sollte man seinen Vortrag entsprechend mit lateinischen Fachbegriffen aufplustern, und so weiter.

2. Sich selbst loben

Ein Wichtigtuer, der etwas auf sich hält, hat nichts davon, wenn nur er selbst sich seiner eigenen Großartigkeit bewusst ist. Es schadet also nichts, es zwischendurch auch mal explizit zu betonen. Außerdem sollte man auch seine Untergebenen, äh, das Fußvolk, genauer gesagt, alle anderen, in seiner Eigenlobeshymne nicht unerwähnt lassen. Schließlich will man ja, dass die sich zu den „values commiten“ und die „Challenge“ „nice“ finden. Also sagt man dann, dass man ganz große Klasse ist, aber, dass man – selbstverständlich – nur so toll sein kann, weil man so eine wunderbare Unterstützung hat. Das muss man nicht unbedingt selbst glauben, das genügt völlig, wenn man das einigermaßen überzeugend äußert.

3. Hyperbolische Ausdrucksweise: Alles ist fantastisch (mindestens)!

Beim Selbstlob darf man übrigens auf keinen Fall bescheiden sein, sonst wirkt das unglaubwürdig. Man ist also nicht einfach nur soweit ganz in Ordnung oder nicht schlecht, auch nicht einfach nur gut – sondern fantastisch, „amazing“, „awesome“, großartig, phänomenal, superkallifragelistikextraalligetisch (Mist, jetzt habe ich mir selbst einen Ohrwurm verpasst!), … Das nennt sich hyperbolische Ausdrucksweise (ein Fremdwort, mit dem man unter Geisteswissenschaftlern ein bisschen Eindruck schinden kann) und heißt schlicht und ergreifend, dass man heillos übertreibt.

4. Körpersprache für Wichtigtuer

Wie gesagt, wer ein richtiger Wichtigtuer sein will, muss erst einmal die richtige, wichtige Haltung an den Tag legen. Dies bezieht sich nicht nur auf die innere Einstellung und Überzeugung, dass man etwas ganz besonders Tolles ist, sondern auch buchstäblich auf die Körperhaltung. Wer mit hängenden Schultern von „commitment“ und „amazing challenges“ schwadroniert, macht sich lächerlich und wird sofort durchschaut. Also: Brust raus, Bauch rein, Kopf hoch und sein Publikum mit dem Blick fixieren. Am besten stellt man sich breitbeinig hin, so nimmt man mehr Raum ein und wirkt gleich noch viel wichtiger. Die Hände kann man lässig an den Daumen in die Gürtelschnallen hängen, in die Hüften stemmen oder eindrucksvoll verschränken. Auf keinen Fall sollte man sie hinterm Rücken verstecken, das wirkt zu zurückhaltend und bescheiden.

5. Auf den Ton achten, der die Musik macht

Der Tonfall, mit dem man seinen aufgeplüschten Schwachsinn unters Volk bringen möchte, sollte ebenfalls allumfassende Wichtigkeit ausstrahlen. Man sollte alle „Ähs“ und „Öhms“, alle „eigentlichs“ und „Na jas“ sowie sämtliche anderen Denkpausenfüller und abmildernden Ausdrücke aus seinem Vokabular streichen. Stattdessen kann man aber prima Kunstpausen einbauen und dabei ganz wichtig auf sein Publikum herabschauen. Ansonsten spricht man am besten laut, deutlich und klar, so, als wäre man es schon sein Leben lang gewöhnt, andere herumzukommandieren. Es soll ja keiner das Schwafeln bemerken.

6. Was, wenn man wirklich etwas zu sagen hat?

Sollte man kein echter Wichtigtuer sein, sondern wirklich etwas zu sagen haben, braucht man die Punkte 1 bis 3 nicht. Allerdings empfiehlt es sich, an 4 und 5 zu arbeiten, denn dann hören die Leute einem eher zu und sind eher gewillt, das Gesagte aufzunehmen und für richtig und wichtig zu befinden.

Und, habt ihr noch ein paar Tipps für Wichtigtuer oder Menschen, die wirklich Wichtiges zu sagen haben?

Essai 152: Über die Fähigkeit zur kritischen Selbstreflexion

6. Februar 2016

Mit der Selbstkritik oder der Fähigkeit zur kritischen Selbstreflexion ist das so eine Sache. Alle behaupten, das wäre was Tolles, aber toll findet man eher die, die diese Fähigkeit anscheinend nicht besitzen. Die, die hemmungslos herumposaunen, wie unfassbar großartig sie sind, die sich an ihrer eigenen Existenz ergötzen und vollkommen von sich und ihrer absoluten Phänomenalität überzeugt sind, werden allseits bewundert. Man glaubt ihnen bereitwillig den größten Unsinn, weil man so gern glauben möchte, dass diese selbsternannten Superhelden wirklich die Welt retten werden.

Zweifel, differenzierte Ansichten, logische Argumente, das sorgfältige Abwägen von Pro und Contra – das alles interessiert keine Sau. Außer vielleicht Leute, die selbst der kritischen Selbstreflexion fähig sind, und wissen, dass es im Grunde genommen keine einfachen Wahrheiten und eindeutigen Antworten auf komplexe Fragen gibt. Aber diesen Leuten hört keiner zu, weil niemand die Geduld und die Lust hat, sich das ganze Geschwafel anzuhören. Markige Sprüche und Angeberposen kommen da viel besser an.

Ich würde ja jetzt gern sowas Melodramatisches schreiben wie: Ach und Weh! Wann ist unsere Welt nur so verkommen, dass wir lieber herumpolternden Wichtigtuern folgen als wirklich klugen Menschen, die die Zusammenhänge leise, bescheiden, aber differenziert und sinnvoll zerpflücken, erklären und langsam, Stück für Stück ändern wollen? Aber das würde voraussetzen, dass es jemals anders war. Wenn man sich die Geschichte der Welt mal so anschaut, war das aber schon immer so, dass man lieber den Großmäulern hinterhergedackelt ist und sich von ihnen vorschreiben ließ, was man machen soll, anstatt mit anderen Zweiflern gemeinsam nachzudenken und nach konstruktiven, langfristigen Lösungswegen zu suchen.

Ich merke selbst, dass ich mich schnell überzeugen lasse, dass mein Gegenüber weiß, wovon es da redet, wenn es nur sicher genug auftritt. Ein „So und so ist das und nicht anders, basta!“ klingt auf Anhieb überzeugender als ein „Na ja, man könnte das einerseits so interpretieren, aber wenn man das aus einer anderen Perspektive betrachtet, ist andererseits auch die gegenteilige Interpretation durchaus nachvollziehbar“. Hand aufs Herz, wer hat nach dem „Na ja, man könnte …“ noch aufmerksam weitergelesen?

Gerade, weil ich selbst ja zu übertriebener kritischer Selbstreflexion neige und immer erst einmal davon ausgehe, dass ich falsch liege und die anderen alle richtig, falle ich auf so großspuriges Gehabe immer wieder herein. Man muss mich im Prinzip nur unfreundlich genug anpampen, dann traue ich mich schon gar nicht mehr, die Aussage des kurz angebundenen Unsympathen anzuzweifeln. Dann hinterfrage ich eher meinen eigenen Standpunkt noch mal. Und wenn ich irgendwann nach ewig langem Gegrüble zu dem Schluss komme, dass ich doch gar nicht mal so bescheuerte Ansichten habe, ist der Großkotz schon längst über alle Berge.

Ich find’s schade, dass Selbstkritik immer erst einmal als Schwäche angesehen wird. Genauso wie Bescheidenheit, von wegen Zier, am Arsch hängt der Hammer, so sieht’s aus. Klar, wenn man nur am Grübeln ist und nie eine Entscheidung trifft, kommt man auch nicht vorwärts, das sehe ich ein. Man sollte es also nicht – so wie ich zum Teil (nehmt euch bloß kein Beispiel 😛 ) – mit der kritischen Selbstreflexion so weit übertreiben, dass man sich im Vergleich mit anderen standardmäßig für grundsätzlich im Unrecht hält. Dann ist es nämlich wurscht, was für zauberhafte innere Werte in einem schlummern, das kriegt nämlich ohnehin keiner mit, und dann nützen sie auch keinem was.

Aber ich arbeite dran 🙂 Immerhin schaffe ich es inzwischen, meinen Ansichten treu zu bleiben und sie mit guten Argumenten zu untermauern, wenn ich ein wenig Zeit zum Nachdenken habe. Sprich, wenn ich zum Beispiel schriftlich kommuniziere (was ich ohnehin bevorzuge) oder wenn man mich nicht völlig aus dem Nichts überrumpelt, dann kriege ich das inzwischen ganz gut hin, meine kritische Selbstreflexion mit ein wenig Selbstvertrauen zu bremsen. Woran ich noch tüfteln muss, ist, wie schaffe ich das, mich nicht einschüchtern zu lassen, wenn man mich vollkommen unvorbereitet und ohne Vorwarnung ankläfft. Aber das ist eine Herausforderung, die ich gern annehme 🙂 Ist ja auch langweilig, wenn man alles schon supertoll kann und nichts mehr dazulernen muss, dann kann man nur noch dasitzen, sich selbst fantastisch finden, und auf das Ende warten. Schnarch.

Essai 128: Über die Unlogik von Rassismus

5. Juli 2014

Zurzeit habe ich Idioten ziemlich auf dem Kieker. Es ist bloß so: Ich kann das nicht leiden, wenn ich etwas nicht verstehe. Das lässt mir dann keine Ruhe und ich versuche, den Sachverhalt von möglichst vielen Seiten aus zu beleuchten und auseinander zu frickeln und zu analysieren. Aber bei einer Unterart der Idioten, die sich auch häufig unter den Internet-Trollen tummeln, stoße ich mit meiner Fähigkeit zu Verständnis einfach komplett an meine Grenzen: Rassisten. Fremdenhass ist so unlogisch, dass es mir unerklärlich ist, wie man das trotzdem ernsthaft und voller Überzeugung für die Wahrheit halten kann.

Das beginnt zum Beispiel schon beim Begriff „Migrationshintergrund“. Den biegt man sich doch so zurecht, wie es einem gerade in den Kram passt. Die Mehrheit der Schweizer (wenn auch eine sehr knappe Mehrheit) wollen keine Einwanderer, keine Menschen mit „Migrationshintergrund“ in „ihrem“ Land. Aber wenn die Schweizer Fußballmannschaft, wo bestimmt 80 Prozent nichtschweizerische Wurzeln haben, gut spielt und ins Achtelfinale kommt, dann sind das plötzlich alles ganz normale Schweizer. Und das sind ja nicht nur die Schweizer, das ist doch überall genauso. Sobald jemand, der irgendwelche ausländischen Wurzeln hat, egal, wie lange die her sind, Mist baut, ist er ein Ausländer. Macht jemand, der vergleichbare ausländische Wurzeln hat, irgendwas Tolles, dann ist er plötzlich ein Inländer und der Migrationshintergrund ist etwas Positives.

Fällt denn Rassisten wirklich nicht auf, wie superscheinheilig das ist?

Was an Rassismus außerdem völlig unlogisch ist, ist der Aspekt der Völkerwanderung. Deutschland war nicht immer Deutschland und hatte nicht immer die Grenzen, die es jetzt hat. Überhaupt sind Landesgrenzen etwas, das von Menschen erschaffen wurde und nichts, was naturgegeben wäre. Sicher, unterschiedliche Sprachen, Kulturen, Traditionen, Gewohnheiten und Sitten gibt es. Aber das ist doch spannend und interessant, sich darüber auszutauschen, warum sollte man das als Anlass nehmen, sich gegenseitig scheiße zu finden? Wenn man nur ein wenig neugierig ist, anderen Menschen offen begegnet, entsteht Fremdenhass gar nicht erst. Weil man das Fremde dann plötzlich nicht als Bedrohung sieht, sondern als etwas, das man kennen lernen möchte. Überdies sollten sich Rassisten einmal fragen, ob die Urmenschen sich überhaupt auch nur einen feuchten Furz um Landesgrenzen, Religionen und Gedöns gekümmert haben. Damals gab es die heutigen Länder, Nationen, Sprachen und Kulturen gar nicht. Die waren viel zu sehr mit Überleben beschäftigt, um sich Ausländerhass leisten zu können. Also soll mir bitte keiner mit „Herkunftsdeutschen“ ankommen, das ist Mumpitz.

Davon abgesehen ist es ja auch schon alleine völliger Blödsinn, überhaupt von unterschiedlichen menschlichen Rassen zu sprechen. Rassen gibt es bei Haustieren und die werden erst zurechtgezüchtet. Dabei kommt es zu Inzucht und genetischen Mutationen und Rassetiere vererben oft typische Krankheiten oder Gebrechen an ihre Nachfahren. Deutsche Schäferhunde haben oft Hüftprobleme, Möpse oder Perserkatzen Atembeschwerden und bestimmte Katzenrassen sind empfindlich für Herzkrankheiten oder Nierenprobleme. Natürlich müssen Rassetiere nicht krank werden und die Züchtervereine geben große Acht darauf, dass Erbkrankheiten möglichst vermieden werden. Auch versucht man heute, durch Rückzüchtung gesündere Versionen der Rasse hervorzubringen. Nichtsdestotrotz sind Rassen zutiefst künstlich und von Menschen erschaffen. In der Natur gibt es verschiedene Gattungen, Untergattungen und so weiter. Keine Rassen. Warum spricht man bei Menschen unterschiedlicher Hautfarbe von „Rassen“, wenn doch alle Hauskatzen als Hauskatzen gelten, ob sie nun rot gestreift, schwarz-weiß gescheckt, tiefschwarz, mehrfarbig oder schneeweiß sind? Ich warte ja noch darauf, dass mich mal jemand fragt, welche „Rasse“ ich sei. Ich würde entgegnen: „Europäisch Kurzhaar, weiblich, stubenrein.“

Obwohl Rassismus also wie nun ausreichend bewiesen völlig unlogisch und bescheuert ist, ist er überall so präsent wie eh und je. Das hat man ja bei der Europawahl gesehen, wie gut (oder vielmehr: schlecht) die ganzen Nazi-Parteien abgeschnitten haben. Ein wenig ironisch mutet es da an, dass die ganzen Rassisten es bislang (zum Glück) nicht gebacken bekommen haben, sich genug zu einigen, um eine eigene rechtspopulistische Fraktion im Europaparlament zu kriegen. Ich stell mir das vor wie beim Kasperletheater: „Wir sind super, ihr seid scheiße!“ – „Gar nicht wahr! Wir sind die Besten und ihr seid alle Sozialschmarotzer“ – „Voll nicht! Wir sozialschmarotzen mitnichten, wir sind Herrenrasse und nehmen uns nur, was uns naturgemäß zusteht“ – „Oho! Da muss ich widersprechen! WIR sind Herrenrasse und davon gibt’s nur eine, ihr seid Lügner und außerdem doof.“ – „Selber doof!“ – …

Interessant ist auch, dass Rassisten offenbar überhaupt nicht bemerken, dass sie selbst zu Ausländern werden, sobald sie ihre Landesgrenze passiert haben. Dieser eine NPD-Hanswurst hat auf Mallorca eine Kneipe eröffnet und ich frage mich, ob er sich deswegen immer selbst eine aufs Maul haut oder ob er oft vor dem Spiegel steht und sich beleidigt und sich vorwirft, dass er den Einheimischen auf Mallorca die Arbeit wegnimmt. Absurderweise hat ja auch diese Marine Lepen die Entscheidung der Schweizer für eine Begrenzung der Einwanderung gelobt – ohne sich offenkundig darüber Gedanken zu machen, dass auch sie in der Schweiz als Ausländerin gilt.

Es ist doch wirklich zum Haare raufen. Wenn man auch nur zwei Sekunden nachdenkt, bevor man eine irgendwo aufgeschnappte Meinung wiederkäut und als seine eigene ausgibt, dann kann man doch unmöglich Rassist sein. Es gibt einfach überhaupt nichts, was Rassismus in irgendeiner Weise rechtfertigt. Außer man ist ein neidischer, von Minderwertigkeitskomplexen und Großmannkomplexen zerfressener Totalversager, der Schiss vor allem hat, was er nicht kennt. Und das kann man doch nicht ernsthaft sein wollen?

Essai 117: Über Leute mit eingebildeter schlimmer Kindheit

23. März 2014

Es gibt Menschen, die hatten tatsächlich eine schwere Kindheit – und es gibt Leute, deren Eltern haben ein paar Dinge getan, die nicht total in Ordnung waren und die diesen Umstand zum Anlass nehmen, sich Jahre später als Erwachsene wie die Vollidioten aufzuführen. Über Letztere möchte ich mich heute mal ein bisschen aufregen. Ich bin der Meinung, es ist Menschen, die wirklich Furchtbares in ihrer Kindheit erlebt haben, gegenüber nicht fair, wenn irgendwelche unreifen Egomanen mit unstillbarem Geltungsdrang sich mit ihren eingebildeten Problemchen wichtig machen.

Denn, seien wir doch einfach mal ehrlich, alle Eltern machen irgendwann irgendwas, was nicht hundertprozentig supertoll ist. Man darf nicht vergessen, dass Eltern auch nur Menschen sind, dass die auch manchmal müde, genervt, gestresst, schlecht gelaunt, überfordert – kurz: nicht in Höchstform – sind und dass sie infolgedessen halt auch nicht immer alles richtig machen können. Und da kann man natürlich als erwachsenes Kind Jahrzehnte später noch darauf herumreiten, dass die Eltern mal ungerecht waren, laut geworden sind oder sonst irgendwie doof reagiert haben, oder man macht irgendwann seinen Frieden damit und gut ist.

Es scheint mir, dass manche Leute sich jedoch davor scheuen, Verantwortung für ihre eigene Unperfektion zu übernehmen und dann alles darauf schieben, dass die Eltern angeblich das Geschwisterkind bevorzugt behandelt haben, dass ihnen einmal die Hand ausgerutscht ist (nicht regelmäßig und nicht mit Absicht) oder sonst irgendwas. Wenn man irgendeine Ausrede dafür braucht, sich wie ein egozentrisches Arschloch aufzuführen, dann findet man ganz bestimmt irgendwas in der Kindheit, was man zu einem Drama hochstilisieren und sich daran festbeißen kann. Dann heißt es plötzlich, das männliche Vorbild hätte gefehlt, weil der Vater die ganze Zeit arbeiten war oder die Mutter allein erziehend. Oder der Mutter wird vorgeworfen, dass sie arbeiten gegangen ist. Oder der Mutter wird vorgeworfen, dass sie nicht arbeiten gegangen ist. Oder dem Vater wird vorgeworfen, dass er zu viel zuhause war. Irgendwas ist immer. War die Anwesenheit der Eltern so weit in Ordnung, dass sich daraus nicht glaubwürdig eine unzumutbare Katastrophe basteln lässt, dann findet man eben etwas anderes. Als Einzelkind kann man herummoppern, dass man ja zum Egoisten werden musste, weil die Eltern einem ja kein Geschwister zur Seite gestellt haben und man somit nie lernen konnte, zu teilen. Wenn man Geschwister hat, findet man garantiert unumstößliche Beweise dafür, dass eines davon bevorzugt wurde. Deswegen hat man dann auch noch als Erwachsener Schiss, zu kurz zu kommen und ist dann besonders argusäugig darauf erpicht, sich alles unter den Nagel zu reißen, bevor es einem jemand wegnimmt.

Bei mehreren Kindern ist immer ein Kind dabei, das in manchen Bereichen mehr Unterstützung braucht als in anderen Bereichen. Das ist ganz normal. Auch wenn Eltern sich ganz fest vornehmen, alle Kinder gleich zu erziehen, gleich zu behandeln und gleich lieb zu haben, ist immer ein Kind dabei, bei der die löblichen Vorsätze nicht so zum gewünschten Erfolg führen. Nicht alle Kinder sind gleichermaßen verantwortungsvoll, pflichtbewusst und lernwillig. Die, die eher rebellisch sind, die lauter ihren Willen kund tun, die vielleicht in der Schule nicht so gut mitkommen, die irgendwie mehr Hilfe zu brauchen scheinen, bekommen naturgemäß mehr Unterstützung von den Eltern als die Kinder, die scheinbar problemlos auch auf sich selbst aufpassen können und von alleine ihre Hausaufgaben machen, für Klassenarbeiten lernen, ihr Gemüse essen und so weiter. Oft werden die jüngeren Geschwister daher scheinbar bevorzugt, weil sie einfach die Jüngeren und Kleineren sind und im Vergleich zum älteren Kind hilfloser wirken. Aber es kann auch vorkommen, dass das ältere Kind nicht so richtig klar kommt, warum auch immer, und dann braucht das mehr Unterstützung.

Da ist das doch nicht fair, wenn man deswegen Jahrzehnte später, wenn man schon längst ausgezogen ist, vielleicht sogar schon selbst eine Familie hat und Kinder, die man auf seine Weise verkorkst, den Eltern Vorwürfe macht und sich selbst küchentischpsychoanalysiert und sich hinstellt und sagt: „Ich darf mich hier so dämlich und ungerecht aufführen, weil ich eine schlimme Kindheit hatte.“

Ich denke, entweder war die Kindheit wirklich traumatisierend, dann soll man eine Therapie machen, anstatt den Eltern Vorwürfe und sich selbst dem Schicksal zu ergeben und im Selbstmitleid zu suhlen. Oder die Kindheit war ganz normal schlimm wie bei jedem anderen auch, dann soll man sich – pardon – nicht so anstellen.

Ansonsten sind nämlich die ewigen Familienstreitereien schon vorprogrammiert und dann darf das Enkelkind die Großeltern nicht sehen oder die Tante macht jedes Mal schlechte Stimmung, wenn sie zu Besuch kommt oder es kommt zum Zerwürfnis unter Geschwistern sobald die Eltern pflegebedürftig werden oder es um Erbgeschichten geht. Dabei wäre es doch so einfach, die Vergangenheit als vergangen zu akzeptieren, anzunehmen, dass Eltern auch nicht immer alles richtig machen können und sein Leben selbst in die Hand zu nehmen.

Aber manche Leute haben sich schon so an ihre Bitterkeit, ihr nachtragendes Gedankenkarussel und ihre eingebildete schlimme Kindheit gewöhnt, dass sie gar nicht mehr anders können als überall Verrat zu wittern und sich ständig übergangen zu fühlen. Und ihren Mitmenschen mit giftigem Misstrauen zu begegnen, in der Überzeugung, dass diese einen auch mit voller Absicht enttäuschen und betrügen werden. Was dann ja auch früher oder später nach dem Prinzip der selbsterfüllenden Prophezeiung tatsächlich passiert, weil das ja niemand auf Dauer aushält, sich ständig die ewig gleichen Schimpftiraden auf die ach so bösen Eltern (die in Wirklichkeit ganz normal schlimm waren) und das weinerliche Gegreine über die angebliche Bevorzugung von Geschwistern oder das Fehlen von Vorbildern anzuhören. Da zieht man sich dann irgendwann zurück und rettet das letzte Bisschen Seelenfrieden, das man noch hat.

Essai 114: Über Pantoffeltyrannen, Wohnzimmerdiktatoren und Machtkomplexe

16. Februar 2014

Wenn in einem Menschen Feigheit, Neid, Missgunst, Frust, ein cholerisches Naturell sowie das Gefühl, ständig benachteiligt zu werden, zusammenkommen, dann ist das eine ziemlich üble Mischung. Heraus kommen dann Leute, die ich als Pantoffeltyrannen oder Wohnzimmerdiktatoren bezeichnen möchte. Enttäuschte Narzissten, die nicht damit klar kommen, dass sie ganz normale Durchschnittsleute sind und auch nicht besser, interessanter oder großartiger als andere. Mit der Zeit wächst ein Machtkomplex in ihnen heran, sodass sie jedes Mal, wenn sie den subjektiven Eindruck haben, man nehme sie nicht ernst, völlig durchdrehen und einen Tobsuchtanfall bekommen oder sich schmollend und grollend zurückziehen und irgendwann aus heiterem Himmel mit irgendeinem zickigen Kommentar herausbrechen, wenn alle anderen den „Vorfall“ schon längst wieder vergessen haben.

Solche Pantoffeltyrannen und Wohnzimmerdiktatoren würden sich übrigens niemals trauen, jemanden anzugiften oder ihren Frust an irgendwem auszulassen, den sie als stärker als sich selbst einschätzen. Ihre Wutanfälle und Zickereien müssen in der Regel nur diejenigen ertragen, bei denen sie sich am wenigsten Gegenwehr erhoffen. Denn, vergessen wir nicht, sie sind vor allem sehr, sehr feige. Die Attacken eines Pantoffeltyrannen müssen demnach vor allem sehr sanftmütige, pazifistisch veranlagte Menschen ertragen. Denn insgeheim weiß der feige Kotzbrocken natürlich, dass er mit seinen Vorwürfen, Hasstiraden und Zickereien völlig im Unrecht ist und dafür eigentlich eins auf die Fresse verdient hätte. Deswegen lässt er seinem quer sitzenden Furz nur Menschen gegenüber Luft, die er als harmlos einstuft.

Im Prinzip sind Leute mit unerfüllten Machtkomplexen ziemlich arme Schweine. Alle halten sie für hitzköpfige Vollpfosten, die nicht ganz richtig ticken, und je mehr sie versuchen, das Gegenteil zu beweisen, desto hitzköpfiger und irrationaler werden sie. Nichtsdestotrotz bin ich nicht der Meinung, dass Mitleid angebracht ist. Denn Menschen, in denen so viele negative Emotionen brodeln, können schnell mal explodieren. Da möchte man nicht in der Nähe sein.

Das Beste ist wohl, zu diesen tickenden Zeitbomben einen Sicherheitsabstand einzuhalten. Dann kann man zwischendurch auch seine Nervenakkus wieder aufladen und dem Pantoffeltyrann ein kleines Bisschen Wertschätzung entgegenbringen, damit er keinen Grund hat, auszurasten. Auf Dauer hält man das nicht durch, jemandem Achtung und Respekt entgegen zu bringen, der alles dafür tut, sich vollkommen lächerlich zu machen und wie ein hyperaktives HB-Männchen zu wirken. Aber wenn man zwischen zwei Begegnungen die Zeit hatte, sich von dem Gezicke, Geschmolle und Gezeter zu erholen, fällt es leichter. Auf diese Weise kann man ganz gut eine Eskalation verhindern. In eine WG zu ziehen mit einem Pantoffeltyrannen oder einen Wohnzimmerdiktator zu heiraten halte ich hingegen für keine gute Idee.

Essai 113: Über Ehrgeizlinge und Leistungsfaschisten

5. Februar 2014

Bevor hier ein Shitstorm losbricht: Ich hab nichts gegen Leistung und ich hab auch nichts gegen gesunden Ehrgeiz. Ohne Ehrgeiz kommt man nicht vom Fleck und ohne Leistung auch nicht. Was mich aber extrem nervt, sind Leute, die ständig immer nur das Allerbeste geben und dauernd besser sein müssen als andere. Und das nicht auf eine spielerische, humorvolle Art und Weise, sondern verbissen, krampfig und intolerant.

Im Job sollte man selbstverständlich sein Bestes geben und ab und zu auch mal dezent darauf hinweisen, dass man das tut. Sonst kraucht man ewig völlig unterfordert, unterbezahlt und unterschätzt vor sich hin und es ändert sich nie irgendwas. Das ist frustrierend und macht auf Dauer unzufrieden und krank. Aber wenn ich frei hab, dann hab ich frei. Dann ist mir das scheißegal, ob meine Freunde sportlicher sind als ich (sind sie ohnehin, was übrigens keine Leistung ist), ob sie öfter beim Pokern gewinnen als ich (tun sie, ich kann weder gut lügen noch überzeugend bluffen) oder mehr chemische Elemente auswendig kennen (was ebenfalls eine unverschweigbare Tatsache ist).

Ich möchte bitte in meiner Freizeit, in meinem Privatleben in Ruhe versagen dürfen. Ich möchte mir auf einer Radtour die Landschaft ansehen, gelegentlich anhalten und Fotos machen, zwischendurch in einem Café ein Eis oder ein Stück Torte essen und mit meinen Freunden klönen. Wer da nun am schnellsten am Ziel ist, ist mir doch wurscht. Ob ich meinen persönlichen Rekord breche oder nicht, ist mir auch wumpe – ich kenne meinen persönlichen Rekord noch nicht einmal, der jedoch nicht viel höher als meine Zu-Fuß-Geschwindigkeit liegen dürfte. Ich muss auch für eine Fahrradtour nicht am Wochenende um 6 Uhr morgens aufstehen, um möglichst viel zu schaffen und eine möglichst weite Strecke zu fahren. Wozu, wenn man sich die Landschaft eh nicht anguckt, sowieso keine Fotos macht und sich ohnehin nicht die Zeit nimmt, spontan in ein muckeliges kleines Lokal einzukehren. Aber bei manchen Leuten trifft man mit dieser entspannten Einstellung auf völliges Unverständnis.

Da gilt man dann als bequemer Faulpelz, wenn man einen Ausflug in aller Ruhe genießen möchte. Ich finde, wir haben doch ohnehin schon so wenig Zeit im Leben. Wenn man da wie ein Bekloppter durchhetzt ist irgendwann alles vorbei und man kann sich nicht daran erinnern, was man eigentlich die ganze Zeit gemacht hat. Weil man die Augen auf das Ziffernblatt der Armbanduhr, auf die Anzeige der Waage, auf sein Smartphone oder irgendwelche persönlichen Zahlen und Daten gerichtet hatte und gar nicht mehr mitbekommen hat, was in der wirklichen Welt um einen herum passiert ist.

Und dieser ewige Zeitersparnisterror! Wir sind hier doch nicht bei Momo, verdammt noch mal! Und ich seh hier auch keine grauen Herren Zigarre rauchend umherspazieren. Meistens kommt es doch auf ein paar Minuten mehr oder weniger nicht an, es sei denn, man muss eine Bahn oder einen Flug bekommen.

Richtig nervig sind Leistungsfaschisten und Ehrgeizlinge aber bei Spielen. Das sind nämlich ganz schlechte Verlierer. Selbstverständlich sollte man schon versuchen, zu gewinnen, sonst macht das keinen Spaß. Aber man muss doch nicht gleich miese Laune haben, herumzetern und die Mitspieler beleidigen, nur weil man Zweitbester war und nicht gewonnen hat. Unter Freunden muss man doch keinen idiotischen Konkurrenzkampf vom Zaun brechen. Damit macht man sich doch das eigene Leben unnötig schwer. Schlimm genug, dass man im Job ab und zu mal auf den Tisch hauen muss, um nicht unterzugehen, wenn ich Feierabend habe, will ich davor meine Ruhe haben. Dann will ich ganz entspannt und normal mit den Leuten umgehen und nicht ständig kämpfen müssen.

Essai 111: Über Wohlstandswehwehchen

25. November 2013

Je älter ich werde, desto weniger Geduld habe ich mit Leuten, denen es objektiv betrachtet fantastisch geht, die sich aber ständig wie die Jammerlappen aufführen. Ernsthaft, die regen mich sowas von auf! Ich möchte sie am liebsten schütteln und sagen, jetzt halt die Schnauze und sei glücklich, du Idiot! Bisher hat mich meine pazifistische Grundeinstellung allerdings noch daran gehindert. Aber um einen zornigen Essai zu schreiben, reicht meine Wut dann doch aus. Ohnehin ist es vermutlich ratsamer für einen schmächtigen, vergeistigten Winzling wie meine Wenigkeit, sich mit Worten zu wehren, anstatt nervigen Leuten eins in die Fresse zu hauen. Wenn die nämlich zurückschlagen, bin ich Matsch.

Wie dem auch sei, ich bin es wirklich leid. Es gibt nicht viele Menschen, die sich keinerlei Sorgen um ihre Finanzen, ihren Job, ihre Existenz machen müssen. Noch seltener aber sind die Menschen, die sich keine Sorgen machen müssen und sich deswegen auch keine Sorgen machen. Die sich dann einfach ihres Lebens freuen und fröhlich sind, weil sie das eben können. Nein, was viel häufiger der Fall ist, wenn es Menschen gut geht und sie sich keine Gedanken über die Erfüllung existenzieller Grundbedürfnisse machen müssen, ist, dass sie sich irgendwelche Wohlstandswehwehchen zulegen. Und die hegen und pflegen sie dann so lange, bis sie sich einbilden, das wären echte Probleme und sie wären die unglücklichsten Menschen unter der Sonne.

Natürlich können diese eingebildeten Wohlstandswehwehchen über kurz oder lang auch psychosomatische Auswirkungen machen, wenn man nur verbissen genug an ihnen festhält. Dann haben Betroffene ihr Ziel erreicht und sich ihre Gesundheit damit ruiniert, sich die ganze Zeit Sorgen und Probleme ausgedacht zu haben. Und dann freuen sie sich zur Abwechslung tatsächlich mal. Denn dann können sie all den Ungläubigen und Zweiflern ärztliche Befunde unter die Nase reiben, die da beweisen, dass es ihnen wirklich schlecht geht. Und dass sie sich das nicht bloß einbilden. Nee, nee. Wehe, es kommt dann jemand mit Lösungsvorschlägen! Da wird dann die Leidensmiene aufgesetzt und klar gestellt, dass dem (ursprünglich eingebildeten) Kranken nicht mehr zu helfen und seine Lage überhaupt vollkommen hoffnungslos sei. Seufz.

Das. Ist. Sowas. Von. Anstrengend.

Meine Vermutung, warum sich Menschen ohne Probleme Wohlstandswehwehchen heranzüchten, ist, dass diesen feinen Herrschaften schlicht und ergreifend langweilig ist. Sie wissen nichts mit sich anzufangen. Vermutlich haben sie auch keine spaßigen Hobbies und nicht viele Freunde, weil sie diese entweder mit ihrem Dauergejammer verscheucht oder sich selbst zurückgezogen haben, da diese sogenannten Freunde ihr Dauergejammer ja gar nicht richtig ernst nehmen (Nanu? Wie kommen sie denn auf die Idee?). Wahrscheinlich neigen solche Leute zu Wohlstandswehwehchen, die sich selbst am wenigsten leiden können. Wenn sie jedoch alles haben, um glücklich zu sein, haben sie keine Probleme, an denen sie arbeiten müssen. Ihnen fehlt eine Aufgabe, eine Beschäftigung. Und dann müssen sie es mit sich aushalten, weil keine Sorgen da sind, die sie davon ablenken.

Anstatt sich dann einfach eine sinnvolle Beschäftigung zu suchen – Ehrenamt, Wohltätigkeit, soziales Engagement – denken sie sich lieber irgendwelche Zipperlein aus, an denen sie dann herumpfriemeln können, bis sich tatsächlich ein gesundheitlicher Nachteil daraus ergeben hat. Ich finde das zum Kotzen. Es gibt so viele Menschen, denen diese Wohlstandswehwehchen-Züchter helfen könnten, indem sie ihre Tatkraft, ihre Freizeit, einen Teil ihres Vermögens spenden. Und was machen die statt dessen? Nerven andere Leute mit der Frage, ob sie sich eine Spülmaschine kaufen sollten oder bilden sich ein, sie hätten die Vogelgrippe, weil sie einen kleinen Schnupfen haben.

Essai 107: Über private Sittenwächter

2. Juni 2013

Heute möchte ich meiner sehr verehrten Leserschaft ein ganz besonders nerviges Exemplar der menschlichen Spezies vorstellen: Den privaten Sittenwächter. Offenbar genügt es vielen Menschen nämlich nicht, dass die professionelle Sittenpolizei ein Auge auf Anstand und Benehmen ihrer Mitmenschen hat. So nehmen sie es selbst in die Hand, zu überwachen, dass auch ja alle die Regeln einhalten. Wobei mit „die“ Regeln, „ihre“ Regeln gemeint sind. Dieser besonderen Gattung aus der Kontrollfreak-Familie ist zwar sehr daran gelegen, alle anderen zu überwachen, doch offenbar nimmt sie diese wichtige Aufgabe so sehr in Anspruch, dass es ihnen nicht möglich ist, auch noch darauf zu achten, ob sie sich selbst an ihre – teilweise völlig abstrusen – Regeln halten. Getreu dem Motto „Tut was ich euch sage, nicht das, was ich tue“ verurteilen sie alle, die sich nicht an ihren Regelkanon halten, drücken dafür aber bei ihrem eigenen Verhalten alle ihnen zur Verfügung stehenden Augen zu.

Ein Beispiel ist der Frührentner, der sich als Knöllchenritter aufspielt. Der sitzt – nehme ich an – den ganzen Tag am Fenster und notiert sämtliche Falschparker (auch, wenn es sich dabei um den Notarzt handelt, der mit dem Helikopter im Halteverbot steht) und geht der Polizei auf die Nerven, indem er alles und jeden anzeigt. Und siehe da, wer bekommt ein Knöllchen, weil er zu schnell gefahren ist? Unser Knöllchenritter, na sowas. Aber hat er das etwa eingesehen und brav seine zehn Euro Strafe gezahlt? Nein, denn ein wahrer Sittenwächter, der lässt sich das nicht gefallen. Der zieht vor Gericht und streitet darum, diese zehn Euro nicht zahlen zu müssen.

Oder man denke an den Kleingärtner, der fast eine ganze Familie gemeuchelt hat, weil die ihre Gartenabfälle nicht ordnungsgemäß entsorgt hatten. Der hat auch vor Gericht keinerlei Einsehen gezeigt. Schließlich wurde er ja auch provoziert und so, da kann er ja nichts für. Aber selbst, wenn die selbsternannte Sittenstasi mal nicht die Leute ermordet oder anzeigt, kann sie extrem nervtötend werden. Zum Beispiel, wenn man gerade an seiner Masterarbeit sitzt und dann aus seiner Konzentration herausgerissen wird, weil ein Sittenwächter sich über ein nach dem Frühstück nicht weggeräumtes Brettchen ereifert. Oder wenn man ein Fenster zumachen will, weil es zieht und dann gleich voller Empörung angepflaumt wird, warum man denn das Fenster zu schließen wage. Oder Leute, die ständig anderer Menschen Sachen nehmen und verbummeln oder kaputt machen oder ausleeren und die leere Packung zurück in den Schrank stellen, oder einem den Kuchen wegessen, den man für eine besondere Gelegenheit aufgespart hatte, oder oder oder … und ausgerechnet DIE weisen einen zurecht, belehren einen und spielen sich als Erziehungsberechtigte auf, wenn man sich selbst mal was ausgeborgt hat.

Sie lauern überall, die privaten Sittenwächter, darauf, dass ihre Mitmenschen irgendetwas „falsch“ machen, damit sie da gleich mit dem Finger drauf zeigen und durch die Gegend posaunen können: „Schaut mal alle her! Dieses infame Geschöpf hat sein Frühstücksbrettchen nicht in die Spülmaschine befördert! Auf den Scheiterhaufen!“ Ich vermute, diese plumpe, diffamierende Strategie der selbsternannten Sittenstasi dient der Ablenkung von eigenen Fehlern. Denn davon haben diese Anstandsterroristen mehr als genug. Da es aber – wie bereits bekannt – ziemlich anstrengend ist, an eigenen Makeln und Macken zu arbeiten, verurteilen diese Nervensägen lieber alle anderen, weil es sie dann vermeintlich besser da stehen lässt. „Guckt mal! Alle mal herhören! Diese sittenwidrige Person hier! Hat den Toilettendeckel offen stehen lassen! (ich bin zwar sonst ein Arschloch, aber den Toilettendeckel klappe ich grundsätzlich zu, das heißt ich bin super)“

Doch was kann man tun, damit einem die Sittenwächter nicht den letzten Nerv rauben? Denn eins steht fest, wenn sie einen auf Schritt und Tritt beobachten und verfolgen, um beim kleinsten Faux-pas (aus ihrer Sicht) gleich los zu krakeelen und Alarm zu schlagen, kann man sich nicht mehr frei bewegen und die Luft zum Atmen kann man auch gleich mal vergessen. Da hilft eigentlich nur Abstand. Damit man sich selbst sagen kann: „Nicht ich bin das Problem. Der/die ist zu allen so. Das ist nicht persönlich gemeint. Er/sie kommt mit sich selbst nicht klar …“ Aber was man tun kann, wenn Abstand keine Option ist, da der Sittenwächter unter dem selben Dach haust, das weiß ich auch nicht.

Essai 106: Über die Du darfst-Mentalität

26. Mai 2013

Früher gab es mal eine ganz besonders nervige Werbung für angeblich kalorienreduzierte, figurenfreundliche Nahrungsmittel. Darin versuchten die Produzenten ihre Zielgruppe zum Kauf des Zeugs zu überreden, indem eine fröhliche Frauenstimme in einer munteren Melodie „Ich will so bleiben wie ich bin“ flötete und dann total sexy hinterherhauchte „Du darfst“. Weiß nicht, vielleicht gibt’s den Quatsch immer noch, aber ich hab den Spot länger nicht mehr gesehen. Über die Unsinnigkeit von vermeintlichen „Light“-Produkten will ich mich hier gar nicht weiter auslassen. Denn ich gehe davon aus, dass inzwischen hinlänglich bekannt ist, dass, wenn man viel Fett durch viel Zucker oder viel Zucker durch viel Süßstoff ersetzt oder einfach die Wurstscheiben dünner macht, das noch lange nicht automatisch zur idealen Bikinifigur führt. Worüber ich mich heute aufregen möchte, ist diese unsympathische Mentalität, die sich in dem Werbejingle äußert.

Mir ist schon klar, dass das nett gemeint ist, wenn man gesagt bekommt, man solle so bleiben wie man sei. Und als solches nehme ich das dann meistens auch auf. Aber wenn man mal so darüber nachdenkt, dann ist das doch ziemlich witzlos, wenn man sich sein Leben lang kein bisschen entwickelt. Niemand ist perfekt, das ist denke ich eine der wenigen Feststellungen, denen ich ohne einen Essai darüber zu schreiben, zustimmen kann. Infolgedessen gibt es immer etwas, das man an sich verbessern und woran man arbeiten kann. Wenn man eine bestimmte Schwäche hat, ist das völlig OK. So lange man versucht, das Beste daraus zu machen. Das ist ein aktiver, lebendiger Prozess und das kann ja auch Spaß machen. Wenn man einfach nur auf seinen vier Buchstaben hockt, dünne Wurstscheiben mit Süßstoff futtert und allen anderen die Verantwortung für das eigene Leben überlässt, ist das doch stinklangweilig. Und mit der Bikinifigur wird das auf diese Weise auch nichts. Natürlich hat man manchmal Pech, fiese Gene, schlechte Erziehung erhalten oder was es sonst noch so an gängigen Ausreden dafür gibt, dass irgendwas, das man gern hätte, nicht klappt. Doch muss das einen daran hindern, trotzdem – oder erst recht – ein Problem zu erkennen, zu überlegen, was man dagegen tun kann und es dann auch in die Tat umzusetzen? Beziehungsweise sich Hilfe holt, wenn man es allein nicht hinkriegt? Muss das sein, dass man sich dann schmollend hinstellt und patzig sagt: „Ich bin nun mal eben so“, anstatt mit kritischer Selbstreflexion auf Lösungssuche zu gehen?

Mir geht diese „Du darfst“-Mentalität nämlich unglaublich auf den Senkel, fast noch mehr, als dieser debile Werbespot. Da wird dann gejammert und lamentiert und immer sind die ominösen „Anderen“ an „allem“ Schuld und man selbst ist das arme kleine Opfer, das doch Ach so perfekt ist, aber keiner hat es lieb, weil die Welt ja so gemein ist. Das ist ja völlig OK, wenn das mal eine kurze Phase oder eine momentane Stimmung ist und man sich nur mal kurz ein bisschen ausheulen muss und dann ist auch wieder gut. Was nervt, ist, wenn das zur lebensbestimmenden Grundeinstellung wird. Wenn jemand dann mit so einem imaginären Selbstvertrauen durch die Gegend stolziert und innerlich summt „Ich will so bleiben wie ich bin“ und dann erwartet, dass ihm alle wohlwollend entgegenhauchen „Du darfst“. Na gut, dürfen tut man natürlich schon. Zumindest in dem Sinne, dass es legal ist, wenn man sich dusselig anstellen und dafür auch noch betüddelt werden möchte. Man darf sich rechtlich gesehen auch hinterher darüber wundern, wenn man nicht ständig mit Lob dafür überschüttet wird, dass man überhaupt nicht an sich arbeitet und sich gehen lässt. Nur, sollte man das deswegen auch, weil man es darf? Denn weder hat man selbst etwas davon, wenn man sich stur weigert, sich zu entwickeln und zu verändern, noch irgendjemand anders. Außerdem kann man sich da auch einfach mal ganz zynisch fragen, was das Leben überhaupt für einen Sinn machen soll, wenn nicht fließende Entwicklung statt Stillstand. Die Welt um einen herum bleibt ja auch nicht so wie sie ist. Und das ist auch gut so. Da sollte man sich dran anpassen, wenn man nicht als alter Mensch mit Reue auf sein Leben zurückblicken und feststellen will, dass man alle seine Möglichkeiten tatenlos hat verstreichen lassen.


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