Archive for August 2016

Essai 163: Über Dinge, die ich tue, wenn keiner guckt

21. August 2016

Es soll ja Leute geben, die um keinen Preis der Welt alleine sein wollen. Zu denen gehöre ich nicht. Ich bin zwar kein mürrischer Eigenbrötler, der alle Menschen grundsätzlich hasst und Gesellschaft überhaupt gar nicht verträgt, aber gelegentlich finde ich es sehr wohltuend, alleine zu sein. Ich tendiere nämlich dazu, es allen recht machen zu wollen, und nehme mir das immer sehr zu Herzen, wenn ich irgendwelche emotionalen Disharmonien verspüre und denke dann immer gleich, ich hätte irgendwas gemacht, weswegen der Miesepeter sich nicht wohlfühlt. Ich weiß, dass das Blödsinn ist, aber mein Herz ist da etwas schwerer von Begriff als mein Hirn 😛 Und wenn man immer andere Menschen um sich hat, tauchen früher oder später immer irgendwelche schiefen Töne auf, und das finde ich sehr anstrengend.

Manchmal meinen es Menschen obendrein auch noch gut mit mir und geben mir so sinnvolle Ratschläge, etwa, dass ich gar nicht schüchtern/zurückhaltend/etc. sein müsste, dass ich doch einfach sagen sollte, wenn irgendwas ist oder dass ich mir doch gar nicht alles so zu Herzen zu nehmen bräuchte. Ich weiß, es ist nett gemeint und man will mir nur helfen. Aber das finde ich dann noch mal doppelt anstrengend, weil ich dann das Gefühl habe, ich müsste mich nicht nur für meine dusseligen Empfindungen schämen, sondern mich auch noch dafür rechtfertigen, dass ich nun mal eben fühle, was ich fühle, und das nicht einfach ausknipse, wenn das, was ich fühle, Schwachsinn und nicht zweckdienlich ist. Ja, schon klar, ich bin ein komischer kleiner Kauz.

Wie dem auch sei, ich denke, ich bin zumindest nicht die Einzige, die hin und wieder gern unbeobachtete Momente genießt und diese dazu nutzt, Quatsch oder peinlichen Kram zu machen, einfach so, weil’s Spaß macht. Eine kleine Auswahl davon enthülle ich euch heute mal:

1. Laut singen

Ich singe unheimlich gern, aber ich fürchte, es klingt nicht immer sonderlich gut. Zumindest habe ich mal bei einem Karaoke-Wettbewerb „Unbreak my Heart“ von Toni Braxton voller Inbrunst ins Mikrofon gegrölt und damit den letzten Platz gemacht. 5 Punkte heimste ich von der dreiköpfigen Jury ein, die nach meinem Auftritt erstmal perplex dasaß. Nachdem sie sich vom Schock erholt hatten, meinte die Anführerin: „Das war zu tief“ (war’s auch), woraufhin ich meinte: „Mir hat’s gefallen“. Ach so, und dann habe ich bei einem anderen Karaoke-Auftritt „Basket Case“ von Green Day gesungen – bei Punkrock macht es ja zum Glück nichts, wenn’s ein bisschen schief klingt – und das fand die Jury dann „ganz OK“.

Wie dem auch sei, Spaß habe ich trotzdem dran, auch, wenn aus mir vermutlich nicht die nächste Céline Dion oder was wird. Um meine Mitmenschen dennoch nicht über alle Maße zu quälen, singe ich meistens nur, wenn gerade keiner zuhört, oder beim Karaoke, wo ohnehin alle fürchterlich singen und keinen Ton treffen, da falle ich dann nicht weiter auf. 😀 Mein Freund muss gelegentlich auch meinen Gesang ertragen, wenn wir im Auto Radio hören und ich das Lied kenne. Aber er trägt es mit Fassung, zum Glück hat er Nerven aus Stahl 😛

2. Voll sexy durch die Wohnung tanzen

Mindestens genauso gern wie Singen mag ich Tanzen, aber weil das irgendwie peinlich ist, auf der Straße, in der U-Bahn oder im Büro ständig vor mich hin zu tänzeln und zu hüpfen, reiße ich mich in der Öffentlichkeit lieber zusammen. Ein Hopser hier oder ein Wechselschritt da rutscht mir manchmal schon heraus, aber ansonsten beschränke ich mein Getanze darauf, wenn ich alleine bin oder in einem Kontext, in dem Tanzen angemessen erscheint, etwa auf Feiern. Zum Beispiel mache ich zu Hause beim Kochen immer das Radio an, und wenn mir ein Lied gefällt, singe ich laut mit und wackel mit dem Hintern und lasse die Hüften kreisen, während ich hingebungsvoll die Tomatensoße umrühre.

3. Grimassen schneiden vorm Spiegel

Wenn ich in den Spiegel schaue, verziehe ich mein Gesicht immer zu irgendwelchen Grimassen, die sogar Jim Carrey Konkurrenz machen würden. Das macht einfach Spaß, außerdem werden die Gesichtsmuskeln dabei gedehnt und man bewahrt sich etwas länger sein jugendliches Aussehen 😛

4. Füße auf den Tisch legen

Eigentlich gehört sich das ja nicht, die Füße auf den Tisch zu legen. Es ändert aber nichts an der Tatsache, dass das sehr bequem ist. Also mache ich das nur, wenn ich sturmfreie Bude habe. Da ich meine Füße täglich wasche und die Socken täglich wechsle, ist das auch nur ein bisschen eklig 😀

5. Handtücher zu Abendkleidern umfunktionieren

Ich brauche immer Ewigkeiten im Bad, weil ich dort so schön meine Ruhe habe und weil’s da schön warm ist, wenn ich die Heizung rechtzeitig voll aufgedreht habe. Beim Abtrocknen finde ich es außerdem immer sehr unterhaltsam, aus meinem Handtuch ein Cocktailkleid zu basteln und mir auszumalen, ich würde so zu einem wichtigen Anlass gehen. Das wäre ziemlich lustig. Wer weiß, vielleicht traut sich auch keiner, anzumerken, dass ich mir nur ein Handtuch umgetüddelt habe und ich bekomme lauter Komplimente zu meinem exquisiten Kleidungsstil, so wie in dem Märchen von des Kaisers neue Kleider. Aber dafür müsste ich wahrscheinlich irgendwie wichtig sein. Und dann hätte ich weniger Zeit für mich alleine, was auch blöd wäre. Tja, man kann halt nicht alles haben, dann bleiben meine Handtuchkleidkreationen eben hinter verschlossener Tür.

Und, was macht ihr so, wenn ihr euch unbeobachtet fühlt?

Essai 162: Über dumme Sachen, die man sagt, wenn einem nichts Schlaues einfällt

8. August 2016

Menschen sind seltsame Geschöpfe, sie scheinen es nur schwer auszuhalten, einfach mal still zu sein, wenn ihnen nichts Konstruktives einfällt, was sie in einer bestimmten Situation sagen könnten. Da bin ich keine Ausnahme, auch ich ertrage peinliches Schweigen so gut wie nie mit Fassung und versuche dann, irgendwas zu sagen, und das ist dann meistens noch viel peinlicher, als wenn ich einfach den Mund gehalten hätte.

Das Gute daran ist, dass es einen viel lustigeren Essai ergibt, wenn man über eigene Peinlichkeiten schreibt, als wenn ich jetzt hier herumtröten würde, wie unfassbar toll ich bin, dass ich nie Fehler mache und was Besseres bin als alle anderen Idioten und man sich mir als Vorbild für Anstand, gutes Benehmen und vortreffliche Manieren nehmen sollte. Ernsthaft, lasst das lieber, ich habe auch keine Ahnung von wasauchimmer.

Ich habe hier einfach mal in loser, willkürlicher Reihenfolge ein paar Allerweltsaussagen zusammengetragen, die man gern mal von sich gibt, um überhaupt etwas zu sagen, obwohl einem eigentlich gar nichts dazu einfällt. Weitere Sprüche und Geschichten dazu können gern in den Kommentaren verewigt werden 😀

1. „Vorsicht“ (nachdem das, vor dem man sich in acht nehmen soll, bereits geschehen ist)

Mich nervt es ungemein, wenn ich irgendwo gegenlaufe, mir den Kopf stoße oder ich über etwas stolpere und dann sagt irgendein Schlaumeier „Vorsicht“ oder „Achtung“ oder sowas. Leider bin ich auch oft dieser nervtötende Blitzmerker, der Leute auf Gefahren aufmerksam macht, in die sie gerade schon selbst getappt sind. Das ist eigentlich total bescheuert und nicht ansatzweise hilfreich, aber offenbar braucht das Gehirn manchmal einen Moment, vor allem, wenn es sich erschrocken hat, bis es eine potenzielle Gefahrensituation als solche erkannt hat – und dieser Moment zieht sich anscheinend gelegentlich so lang, dass die Gefahr schon längst wieder vorbei ist, bevor man sie realisiert hat.

Um die Nerven desjenigen, der gerade gestolpert ist oder sich gestoßen hat, nicht zu stark zu strapazieren, könnte man jedoch vielleicht beim nächsten Mal statt „Vorsicht“ lieber sagen „Oh, hast du dir wehgetan?“

2. „Frag doch mal“

Wenn ich einkaufen gehe und etwas Bestimmtes suche, dann gucke ich gern ersteinmal in Ruhe selbst, ob ich das Gesuchte finde. Gelingt es mir nicht, das Objekt meiner Begierde alleine aufzutreiben, frage ich einen Verkäufer. Es kann jedoch auch sein, dass ich keine Lust habe, zu fragen und dass mir die Sache so wichtig nun auch wieder nicht ist, sodass ich den Laden wieder verlasse, ohne etwas gekauft zu haben.

Das ist überhaupt nicht schlimm und gar kein Problem, was ich allerdings nicht ausstehen kann, ist, wenn mich jemand beim Einkaufen begleitet und mich dazu ermuntern will, einen Verkäufer zu fragen, während ich selbst grad noch gucke oder wenn ich bereits entschieden habe, dass ich auch ohne das Ding leben kann und ich keinen Bock habe, mit fremden Leuten zu reden. „Frag doch mal“ ist in diesem Moment ein Satz, der mich zielsicher mit 180 Sachen auf die Palme bringt, weil er suggeriert, dass ich zu doof bin, selbst auf die Idee zu kommen, jemanden um Rat zu fragen, der es besser weiß als ich, wenn ich alleine keine Lösung finde. Grummel!

3. „Ich hab’s dir ja gesagt!“

Zugegeben, diesen Satz muss ich mir selbst soooo oft verkneifen – und manchmal rutscht er mir dann doch heraus. „Ich hab’s dir ja gesagt“ oder „Das hätte ich dir auch gleich sagen können“ helfen dem anderen kein Stück und reiben ihm außerdem noch unter die Nase, dass nur eine totale Vollnulpe wie er die Konsequenzen seiner von vorneherein zum Scheitern verurteilten Idiotenentscheidung nicht hätte vorhersehen können und dass er deswegen ständig einen Anstandswauwau an seiner Seite braucht, der aufpasst, dass er keinen Mist baut.

Manche Menschen machen es einem wirklich nicht leicht, auf dumme Klugscheißersprüche zu verzichten, weil sie wirklich dauernd komplett dämliche Entscheidungen treffen und keine Sekunde vorher mal nachdenken und sich hinterher über die Konsequenzen wundern, die andere dann immer wieder geradebiegen müssen. Da muss ich mir dann richtig auf die Zunge beißen, um nicht ein sarkastisches, überhebliches „Pff, war ja klar!“ vom Stapel zu lassen. Selbst, wenn Leute allumfassend unfähig sind, ist niemandem damit gedient, wenn man es ihnen ständig sagt. So ändert sich ja nie etwas, wenn man ihr Selbstwertgefühl mit Füßen tritt. Allerdings weiß ich auch nicht, was man stattdessen machen soll, wenn erwachsene Menschen durch ihr eigenes dummes Verhalten ständig in ihr Verderben rennen, man sieht das und warnt und der andere baut trotzdem Mist, weil er meint, alles besser zu wissen. Vielleicht schweigen und den anderen sein Chaos alleine aufräumen lassen? Und konkrete Tipps geben, falls der andere seinen Fehler doch einsieht, wie sich sowas künftig vermeiden ließe?

4. „Beeil dich!“

Gut, ich bin gelegentlich etwas verträumt und mit meinen kurzen Beinchen kann ich ohnehin nicht so schnell laufen. Da kann ich verstehen, wenn das andere nervt und sie ungeduldig werden. Trotzdem weiß ich ja, wenn Eile angesagt ist, und dann mache ich halt so schnell wie ich kann, ohne dass man mir ein genervtes „Beeil dich!“ vor den Latz knallt. Oder es ist keine Eile angesagt, dann sehe ich nicht ein, warum ich mich grundlos abhetzen und herumstressen sollte. So einfach ist das.

5. „Das bist nicht du“

Menschen ändern sich, entwickeln sich und nicht immer kommt das Bild, das wir uns von ihnen gemacht haben, schnell genug hinterher. Wenn sie sich dann für uns ungewohnt verhalten, kann uns das irritieren. Allerdings ist es dann überhaupt nicht sinnvoll „Das bist nicht du“ oder sonstwas Kategorisches zu sagen, das den anderen in eine Schublade steckt, ihm ein Etikett aufklebt und ihm unterstellt, dass man viel besser weiß als er selbst, wer er ist und wer nicht. Das finde ich fürchterlich arrogant, selbstherrlich, selbstgefällig und destruktiv. Warum steht man nicht dazu, dass man überrascht ist und schildert seine Verwirrung ganz ehrlich und fragt neugierig, wie es zu der Veränderung kam? Das ist doch spannend, wenn Menschen sich entwickeln.

6. „Nicht, dass du dich hinterher beschwerst!“

Dieser Satz fällt meistens dann, wenn jemand mir einen seiner Meinung nach unverzichtbar guten Rat ungefragt aufbrummt und ich diesen dankend ablehne beziehungsweise mit einer vagen Larifari-Antwort versuche, mir die Entscheidung, ob ich den Rat befolge oder nicht, für später vorzubehalten. „Nicht, dass du dich hinterher beschwerst“ nervt deswegen, weil er ähnlich wie „Frag doch mal“ mir unterstellt, dass ich zu blöd bin, eigene Entscheidungen zu treffen und mit den Konsequenzen zu leben. Außerdem wird damit angedeutet, dass ich mich andauernd über selbstverschuldete Unannehmlichkeiten beklage, obwohl man doch ständig großmütig versucht, mich vor mir selbst zu schützen.

Das bedeutet ja nicht, dass man anderen nicht ungefragt einen guten Rat geben darf (wobei ich es immer höflicher und respektvoller finde, vorher zu fragen). Aber die Entscheidung, ob der andere dem Rat folgt oder nicht, bleibt beim Betroffenen, nicht beim Ratgebenden. Wenn dieser wirklich dem anderen helfen und ihm etwas Gutes tun will, sollte er seinen Rat geben und gut ist. Ansonsten wirkt das respektlos und übergriffig und dient nur dem Zweck, sein eigenes Ego aufzuplustern.


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