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Essai 120: Über das Bereuen vergangener Dinge

27. April 2014

Eines meiner Lieblingslieder ist „Non, je ne regrette rien“ von Édith Piaf. Darin singt sie davon, dass sie zwar viel erlebt hat, sowohl Gutes als auch Schlechtes, aber nichts davon bereut. Gut, die Pointe bei dem Lied ist, dass sie deswegen nichts bereut, weil sie eine neue Liebe gefunden hat, mit der sie noch mal ganz von vorn anzufangen gedenkt, doch trotzdem gefällt mir dieser Grundgedanke, dass man nichts bereuen sollte, was man im Leben durchgemacht hat, weil es halt dazu gehört. Schließlich haben all die kleinen und großen Erlebnisse der Vergangenheit einen zu dem Menschen gemacht, der man heute ist. Und wer sich ständig grämt und Dinge bereut, die sich nicht mehr ändern lassen, verlernt, sich selbst gut leiden zu können und dann kann man sein Lebensglück in die Tonne treten und sich schon mal darauf vorbereiten, als Grummel Griesgram, Grinch oder Ebenezer Scrooge zu enden.

Verbitterung ist meiner Meinung nach verkappter Selbsthass und dieser wiederum kommt davon, dass man sein ganzes gegenwärtiges Leben damit verplempert, Dinge zu bereuen, die längst vergangen sind. Dass man mit seinem Verhalten eine Beziehung ruiniert hat zum Beispiel. Oder dass man sich nicht getraut hat, einem Arschloch Paroli zu bieten. Dass man bei der Berufswahl nicht seinem Herzen, sondern dem Verstand oder dem Willen, viel Geld zu verdienen, gefolgt ist. Und, und, und. Wenn man genug in der eigenen Vergangenheit herumwühlt, findet man garantiert ganz viele Dinge, die sich bereuen lassen. Und während man so vor sich hin bereut, braucht man sich auch nicht damit zu beschäftigen, ob sich nicht in der Gegenwart oder in der Zukunft das eine oder andere nicht doch noch umsetzen lässt.

Wenn man zum Beispiel bereut, dass man vor Ewigkeiten seine große Liebe vergrault hat, weil man sich wie ein Idiot benommen hat, dann hält einen (außer man selbst) keiner davon ab, es bei der nächsten Beziehung besser zu machen. Das ist das, worüber Édith Piaf letztendlich singt: Ja, ich hab in der Vergangenheit auch viel Mist gebaut und bin weiß Gott auf die Fresse gefallen, aber heute, hier und jetzt, fange ich noch einmal, zusammen mit dir, von vorne an. Gut, ganz von vorne sollte man nicht anfangen, dann wiederholt sich das gleiche Szenario noch einmal und man verliert die Lust, es noch einmal zu versuchen. Aber ein neuer Versuch mit dem Vorwissen, das man aus der Vergangenheit durch seine Fehler gewonnen hat, kann durchaus gelingen. Und wenn nicht, ist man wieder ein wenig schlauer und macht es halt das Mal darauf besser. Schließlich gehört das Lernen zum Leben dazu, wäre ja auch langweilig sonst.

Hat man sich nicht getraut, jemandem die Stirn zu bieten, der einen wie Dreck behandelt hat, kann man eben beim nächsten Pantoffeltyrannen aufmucken. Keine Sorge, von dieser Spezies gibt es reichlich Vertreter auf dem Planeten Erde, die für Übungszwecke genutzt werden können. Etwas kniffliger ist da schon etwas so Lebensbestimmendes wie die Berufswahl. Da ist man irgendwann zu alt, um sich noch groß umzuentscheiden. Da würde ich jedem raten, in jungen Jahren lieber dem Herzen zu folgen. Wenn man jung ist, braucht man noch nicht so viel Geld, weil man sich noch keinen Lebensstandard auf einem bestimmten Niveau angewöhnt hat, die Eltern einen eventuell noch unterstützen können, bis man auf eigenen Füßen stehen kann und weil man dann noch die Möglichkeit hat, sich umzuentscheiden, wenn man merkt, dass das doch nichts für einen ist. Deswegen habe ich auch erst die Schauspielausbildung gemacht und das ausprobiert, um nicht hinterher mit 40 oder 50 da zu sitzen mit einer Midlifecrisis und zu bereuen, es nie versucht zu haben. Und jetzt weiß ich ganz sicher, dass das nicht mein Ding ist, bereue aber auch nicht, diesen Weg eingeschlagen zu haben. Ich habe Freunde dort gefunden und – das klingt jetzt ziemlich doof nach Selbstfindungskitsch par excellence – mich selbst besser kennen gelernt. Und später den Mut gefunden, mich umzuentscheiden und einen anderen Weg einzuschlagen.

Ist es bereits zu spät, um sich beruflich noch einmal woanders hin zu entwickeln, bringt das Bereuen jedoch auch nichts. Gut, dann ist das eben so. Es bringt nichts, sich selbst mit Vorwürfen zu zerfleischen und sich mit hätte, wenn und aber zu quälen. So schlimm wird die Arbeit schon nicht sein und es lassen sich bestimmt viele positive Kleinigkeiten entdecken. Und dann hält niemand einen davon ab, in der Freizeit seinem Herzen zu folgen und sich ein spaßiges Hobby zu suchen. Dann ist man eben nicht Schauspieler geworden, aber man kann einer Laienspielgruppe beitreten. Dann ist man eben nicht Sänger geworden, aber man kann im Chor mitmachen oder mit Kumpels eine Band gründen. Dann ist man eben nicht Bestsellerautor geworden, aber man kann bloggen oder nach Feierabend Kurzgeschichten schreiben. Dann ist man eben nicht Spitzensportler geworden, aber man kann sich einen Verein oder einen Kurs suchen, bei dem man mitmacht.

Es findet sich also immer eine Lösung, die besser ist als sich hinzusetzen, zu bereuen und sich von Schuldgefühlen zerfressen zu lassen. Es sei denn natürlich, man will überhaupt nicht, dass es einem besser geht. Für manche ist das Bereuen und das Verbittern schon längst Lebenszweck, Lebensinhalt und zum Identitätsersatz geworden. Die klammern sich dann an die Fehler ihrer Vergangenheit, weil sie sonst nichts mehr mit sich anzufangen wissen. Diesen traurigen Gesellen zu helfen, ist ein nahezu unmöglich zu erfüllendes Unterfangen. Da sollte man lieber etwas Distanz wahren, bevor man das hinterher noch bereut.

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Essai 118: Über Glück

6. April 2014

Jede Essai-Sammlung, die etwas auf sich hält, sollte auch einen Essai über Glück enthalten. Bislang fand ich es immer Quatsch, über Glück herumzuphilosophieren, weil einer der besten Wege, um seinem Glück im Weg zu stehen, der ist, darüber nachzudenken, was Glück überhaupt ist. Aber da ich gerade Zeit und keine besseren Ideen habe, kann ich ja auch mal meinen Beitrag zur Glücksforschung leisten.

In Deutschland liebt man es ja, aus allem eine Wissenschaft zu machen. Da wird dann der Grüntee bei exakt 75 Grad genau zwei Minuten ziehen gelassen, weil irgendwelche Experten behaupten, so schmecke er am besten. Oder es gibt Leute, die sind allen Ernstes Humorforscher. Oder eben Glücksforscher. Es werden Statistiken erstellt, wo die glücklichsten Menschen wohnen (Dänemark ist im Moment Glücksparadies Nummer 1) und nach der ultimativen, allgemeingültigen Glücksformel gesucht.

Ich weiß nicht, ob das wirklich so übermäßig sinnvoll ist, über Glück herumzuforschen. Ich frage mich, ob die Ergebnisse der Glücksforschung einen Mehrwert bringen über etwaige Kalendersprüche und Weisheiten à la „Du musst nur an dich glauben, dann schaffst du alles“. Aber wenn man den Mumpitz gut verkaufen kann, ist einem ein Dauerabo auf Fernsehtalkshows sicher, dann kriegt man auch eigene Sendungen und geht mit seinen Weisheiten auf Tour und schreibt Bücher, die tatsächlich von Leuten gekauft, wenn nicht sogar gelesen werden.

Die neueste Erkenntnis in Sachen Glücksformeln, die anlässlich zum Tag des Glücks am 20. März ausgetüftelt wurde (den gibt es tatsächlich, den haben sich die vereinten Nationen vor zwei Jahren ausklamüsert), hat überraschenderweise entdeckt, dass Glück darin besteht, dass Haben (materielle und finanzieller Besitz), Lieben (Sozialleben, Partnerschaft, Familie und Freunde) sowie Sein (das Beste aus seinen Möglichkeiten machen) sich im Gleichgewicht befinden. Nun ist das sicherlich nicht verkehrt, doch braucht es wirklich jahrelange intensive Forschung um diese Selbstverständlichkeit zu entdecken?

Das kann ich innerhalb von Sekunden herausfinden, dass Glück die Abwesenheit von Unglück bedeutet. Man munkelt überdies, dass Glück da ist, wo kein Pech ist. Ich finde, da müsste ich jetzt eigentlich einen Orden bekommen, für diese ungeheuerliche Erkenntnis.

Absurd ist außerdem, dass ausgerechnet notorische Pechvögel solche Patentrezepte zum Glücklichsein für bare Münze nehmen. Menschen, die einfach glücklich sind, ohne sich darüber den Kopf zu zermartern, warum sie glücklich sind, lachen sich über solchen Schwachsinn schlapp und freuen sich einfach ihres Lebens. Aber Menschen, denen es wirklich, aus welchen Gründen auch immer, nicht gut geht, die traurig sind und Aufmunterung gebrauchen könnten, fühlen sich doch durch solche Patentrezepte noch mehr unter Druck gesetzt. Da fragt man sich doch, wenn es so einfach ist, glücklich zu sein, wieso kriege ich Vollpfostenversager das schon wieder nicht hin? Oder man fragt sich: Mist, bei mir stimmt das Haben, Lieben oder Sein nicht so ganz, ich darf also laut Naturgesetz und Glücksformel nicht glücklich sein. Das ist doch – mit Verlaub und bei allem Respekt – bescheuert.

Und trotzdem laufen auf den Öffentlich-Rechtlichen Fernsehsendern schwachsinnige „Glückswochen“, es werden Tage des Glücks beschlossen, die Ratgeberfraktion quillt über vor Tipps zum Glücklichsein und Leute, die die Glücksweisheit mit Suppenkellen in sich hineingeschaufelt haben, scheffeln ordentlich Kohle mit ihren selbstgefälligen, selbstbeweihräuchernden, selbstverliebten und selbstverständlichen Ratschlägen. Da stimmt dann immerhin schon mal das „Haben“.

Meine Botschaft an all die Glückskandidaten dort draußen ist: Scheiß drauf. Völlig wurscht, was die ganzen Glücksexperten labern. Drauf geschissen auf positives Denken, gutes Karma und den ganzen Tröt. Dann hat man nämlich Zeit, das zu genießen, was man gern tut und das auszuhalten, was man tun muss, auch wenn man da nicht so Bock drauf hat. Und ganz nebenbei, völlig aus Versehen, ist man dann glücklich.


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