Posts Tagged ‘Ich-Bezogenheit’

Essai 176: Über Eitelkeit

23. Juli 2017

Ich habe da so eine Theorie, und die lautet: Jeder ist eitel. Ich zum Beispiel bilde mir unheimlich viel auf meine vermeintliche Uneitelkeit ein. Aber wenn ich ehrlich bin, ist das Quatsch. Zwar bin ich nicht so eitel, was mein Aussehen angeht, insofern ich mich nicht schminke, hohe Absätze meide und am liebsten in Jeans und bequemem Oberteil herumlaufe. Ich habe auch keine Lust, mir den Umstand zu machen, Kontaktlinsen zu tragen. Und dass die weißen Haare auf meinem Kopf allmählich immer mehr werden, stört mich auch nicht. Das finde ich eher spannend. In zehn Jahren sind die Haare vielleicht ganz grau und dann sehe ich endlich mal seriös aus.

Da sind wir dann auch schon bei meiner Eitelkeit angelangt. Ich denke nämlich, dass Eitelkeit sich nicht nur aufs Aussehen beschränkt, sondern generell aufs eigene Selbstbild. Und da hat jeder seine Empfindlichkeiten, wunden Punkte. Eigenschaften, die man gern hätte, wo man sich vielleicht auch halbwegs einreden kann, dass man sie besitzt, aber tief in seinem Inneren weiß man, dass das vielleicht so nicht stimmt. Bei mir ist das – manchmal – dass ich gern ernst genommen werden würde. Ich bin also zugegebenermaßen ziemlich eitel, was meine geistigen Fähigkeiten angeht.

Nennt mich jemand hässlich und unattraktiv und gibt zu bedenken, dass er nicht gewillt wäre, mit mir zu schlafen, selbst wenn sich die Gelegenheit dazu böte, lässt mich das kalt. Das ist nicht die innere Baustelle, auf der meine Komplexe herumliegen. Ich finde, ich sehe ganz OK aus. Solange niemand vor meinem Anblick angewidert und schreiend davonläuft, bin ich zufrieden. Und bisher ist das noch nicht vorgekommen, also sind meine optischen Attribute wohl einigermaßen erträglich.

Aber behandelt mich jemand herablassend, tut so, als hätte ich keine Ahnung von gar nichts, wäre saudumm und hätte nichts auf dem Kasten, merke ich, wie das an meiner Eitelkeit rührt. Ernsthaft, das kann ich nicht ab! Und damit meine ich jetzt nicht so Standard-Beleidigungen wie „Dumme Kuh“ oder „Blöde Gans“, sondern eher so eine Art oder Grundhaltung, die ganz selbstverständlich davon ausgeht, dass ich nichts alleine auf die Kette kriege.

Das ist nicht unbedingt Absicht von den Leuten, es kann auch sein, dass sie mir gut gemeinte Anti-Komplimente machen („Du bist doch sooo hübsch, du kannst sooo stolz auf dich sein!“) oder mir ungefragt helfen wollen, bevor ich die Zeit hatte, selbst das Problem zu analysieren und gegebenenfalls selbst eine Lösung zu finden – und wenn nicht, um Hilfe zu bitten. Da bin ich superempfindlich. Vor allem macht mich dann sauer, dass die das ja gut mit mir meinen und ich dankbar sein muss, und sie nicht einfach anfauchen kann, dass ich mein Aussehen betreffend gar keine Komplexe habe, dass ich durchaus stolz auf mich bin, wenn es dazu einen Grund gibt, und dass ich verdammtnochmal schon Bescheid sage, wenn ich Hilfe brauche!

Allerdings ist es jetzt auch nicht so, dass ich wie ein schlecht erzogener Terrier gleich auf 180 bin, sobald jemand mich wie einen Trottel behandelt. Das wäre auch nicht gut für meinen Blutdruck, da hätte ich schon längst einen Herzinfarkt bekommen. Es sind halt jedes Mal kleine Piekser, und die meisten kann ich mit Humor und Selbstironie wegstecken. Nur manchmal wird es mir halt zu viel.

Apropos Humor: Das ist auch so eine Eitelkeit von mir. Ich finde mich meistens ziemlich witzig, aber wenn auf einen Scherz meiner Wenigkeit nur Schweigen und Verständnislosigkeit folgen, zerschmettert das mein Selbstvertrauen in Millionen Scherben. Ebenso, wenn man mir zu verstehen gibt, dass meine Geschichten und mein Geplauder nicht ansatzweise interessant sind. „Jahaaa, das hast du schon tausendmal erzählt!“ – Krawumms, nimm das, Selbstwertgefühl! Hallo, Minderwertigkeitskomplexe und Selbsthass!

OK, das war jetzt etwas überdramatisch. Trotzdem bin ich ziemlich geknickt, wenn man mich entweder wie einen Dummdödel oder einen nervigen Langweiler behandelt.

Aber genug von mir, man könnte sonst noch denken, ich wäre eitel, Höhöhö.

Bei manchen Leuten habe ich den Eindruck, sie übertreiben es mit der Eitelkeit. Ich denke, mein Ausmaß an Eitelkeit bewegt sich noch im normalen Rahmen. Zumindest bin ich nicht sooo empfindlich, dass ich quasi dauerbeleidigt bin und nur auf vermeintliche Demütigungen warte, um der ganzen Welt Schuld daran zu geben, dass mein Selbstwertgefühl nicht unerschütterlich ist. Sobald man jede Gelegenheit, die sich bietet oder auch nicht, dazu nutzt, eingeschnappt zu sein, und dafür zu sorgen, dass sich alles nur noch um einen selbst dreht, ist es zu viel der Eitelkeit.

Ich denke, diese Menschen definieren ihr Selbstbild ausschließlich über äußere Umstände wie Statussymbole, Meinungen anderer oder Ideologien. Und wenn jemand daran kratzt – sich nichts aus Statussymbolen macht, eine wenig schmeichelhafte Meinung äußert oder die eigene Ideologie bescheuert findet – fühlen sie sich in ihrem ganzen Selbstverständnis angegriffen. Und reagieren entsprechend aggressiv und tödlich beleidigt.

Ein Kumpel von mir hatte sich zum Beispiel eine schwarze Kunstleder-Couch gekauft, als er damals in seine erste eigene Wohnung zog. Er wusste, dass meine Anforderungen an eine Couch Folgende sind: fläzbar, kuschelig und gemütlich. Trotzdem fragte er mich, wie ich sein stylishes, aber unfassbar unbequemes Sofa finde. Da dachte ich, er wollte meine ehrliche Meinung hören, also sagte ich: „Sieht schick aus, aber ist mir persönlich zu ungemütlich“.

Uiuiui, war der beleidigt! Ich glaube, das hat er mir heute noch nicht verziehen. Seitdem behalte ich meine Ansichten auch lieber für mich, wenn er mal wieder mit seinen Statussymbolen angibt. Posaunt er etwa vollmundig herum, dass ihm Geld ja gaaar nicht so wichtig sei, sage ich „Mhm“ und denke mir meinen Teil.

Ein ehemaliger Freund von mir war da aber noch schlimmer. Der hatte anscheinend überhaupt kein stabiles Selbstbild, nicht einmal im Kern, und war vollkommen abhängig vom Urteil anderer Leute. Auf der Schauspielschule hat er von den Lehrern immer sehr viel Lob bekommen und hob dann völlig ab, hielt sich für absolut supertoll und duldete keinen Widerspruch. Nachdem wir uns zerstritten hatten, sah ich aber nicht mehr ein, weshalb ich sein fragiles (respektive nicht vorhandenes) Selbstwertgefühl weiter schonen sollte.

Und dann habe ich ab und zu auch mal eine kleine spöttische Bemerkung gemacht (zum Beispiel „Aufmerksamkeit!“ geflötet, wenn er mal wieder einen Geltungssuchtanfall hatte) oder zum Ausdruck gebracht, dass er mit seiner Egomanie allen auf die Nerven geht (etwa, indem ich laut aufgeseufzt habe, als er mit seiner „Aber die anderen sind alle gemein zu mir“-Jammertirade den ohnehin knapp bemessenen Gruppenunterricht bereits seit einer Stunde aufhielt). Der hätte mich jedesmal fast erwürgt. Wenn ich es recht bedenke, hatte er ganz schön Ähnlichkeit mit Trump … Aber das nur so am Rande.

Und, wie ist das bei euch? Wo liegen eure Eitelkeiten?

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Essai 175: Über Komplimente, die keine sind

16. Juli 2017

Da hat sich also US-Präsident Trump in Frankreich mal wieder in die Nesseln gesetzt und das Netz rastet aus. Anlass ist Trumps Bemerkung „You are in such a good shape!“ („Sie sind so gut in Form!“) gegenüber Brigitte Macron, Frankreichs frischgebackener First Lady. Hier das Video dazu:

Die einen sagen: „Das war eindeutig ein Kompliment, jetzt hört doch mal auf, dauernd auf Trump herumzuhacken.“ Die anderen fanden das total unverschämt, was fällt dem eigentlich ein, so eine deplatzierte Bemerkung gegenüber einer Frau zu machen, war ja klar, typisch Trump, der ist halt ein Sexist. Ich finde, beide Seiten haben recht. Und ich finde, das ist ein prima Thema für einen Essai.

Ich habe den Vorfall mit meiner Mutter gründlich analysiert und wir waren uns beide einig, dass es vom Potus definitiv als Kompliment gemeint war. Wir waren ebenfalls beide der Meinung, dass es – objektiv betrachtet – kein wirkliches Kompliment war. Das ist so, wie wenn man zu meiner Mutter, die die deutsche Grammatik und Rechtschreibung trotz französischem Migrationshintergrund besser beherrscht als jeder „Biodeutsche“ und sicher auch ein breiter gefächtertes Vokabular hat, sagt: „Sie sprechen aber gut Deutsch.“ Oder wie, wenn man zu mir sagt: „Macht doch nichts, dass du klein bist. Die Männer stehen auf kleine Frauen.“

Tja, aber ist es nicht die Absicht, die bei einem Kompliment zählt? Und wie es ankommt oder objektiv von außen wirkt, ist egal? Immerhin kann man doch froh sein, wenn jemand versucht, nett zu einem zu sein, oder?

So einfach ist das meiner Ansicht nach nicht. Es gibt ja auch Komplimente, über die man sich wirklich freut. Und über Komplimente à la „Sind Sie aber gut in Form!“ oder „Sie sprechen aber gut Deutsch“ freut man sich nicht so recht, weil sie irgendwie herablassend wirken. Aber was macht den Unterschied? Und warum wirken die Komplimente der zweiten Kategorie so unterschwellig respektlos? Mal sehen, ob ich das aufgedröselt bekomme …

An der Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit kann es nicht liegen. Denn auch jemand, der die Deutschkenntnisse von jemandem lobt, der hervorragend Deutsch spricht, meint es ja nur gut. Jemand, der die Figur von jemandem lobt, der vermutlich mit regelmäßigem Sport und bewusster, gesunder Ernährung auf eine schlanke Linie achtet, ist tatsächlich vom Anblick angetan.

Man könnte vielleicht sagen, dass es grundsätzlich daneben ist, die Figur einer First Lady überhaupt zu kommentieren. Das kann man so sehen, erklärt aber nicht, warum „Sie sprechen aber gut Deutsch“ ein ähnliches Unbehagen und Peinlichberührtsein hervorruft wie „Sie sind aber gut in Form“. Denn jemandes Sprachkenntnisse zu loben, hat nichts Anzügliches an sich.

Ich glaube, was mich an solchen Komplimenten, die keine sind, stört, ist dieser pseudofürsorgliche, möchtegerntröstende Unterton, diese ehrliche Überraschung des Komplimentierenden darüber, dass der andere irgendwas gut kann. Als hätte er ihm das vorher nicht zugetraut und sei auch jetzt noch aufrichtig perplex darüber, dass jemand, den er als weniger wertvollen Menschen betrachtet als sich selbst, überhaupt irgendetwas kann.

Hinzu kommt auch noch die über jeden Zweifel erhabene Überzeugung derer, die Anti-Komplimente machen, dass ihre Meinung über ihr Gegenüber besonders wichtig wäre. Dass der andere das Lob und die Aufmunterung des Komplimentierenden braucht, um Selbstwert zu empfinden. Und dann diese selbstgerechte Grundhaltung, dass sie sich dann total toll fühlen, weil sie einer bedauernswerten armen Seele so etwas Nettes gesagt haben, ganz uneigennützig, nur um zu helfen, weil sie Mitleid mit diesem minderbemittelten Tropf hatten.

Als jemand, der solche Anti-Komplimente empfängt, ist man in einer blöden Situation. Denn einerseits hat der andere gerade unbewusst offenbart, dass er normalerweise nicht viel von einem hält. Bewusst hat er aber von seiner Warte aus etwas Nettes gesagt und es ist nicht einfach zu erklären, was an dem Kompliment komisch und fremdbeschämend war. Also muss man das Kompliment wohl oder übel dankbar annehmen und Freude darüber heucheln. Man ist ja höflich und gut erzogen. Aber so ein leichtes Geschmäckle bleibt dann doch übrig.

Anders bei echten Komplimenten, die nicht in Wahrheit der Selbstdarstellung und Selbstbestätigung des Komplimentierenden dienen, sondern wirklich und wahrhaftig selbstlos sind und von Herzen kommen. Ich denke, wenn man so ein Kompliment bekommt, dann spürt man den Unterschied zu Anti-Komplimenten intuitiv.

Was meint ihr dazu?

Essai 174: Über grundlose Unhöflichkeit

2. Juli 2017

Beim besten Willen kann ich nicht nachvollziehen, warum manche Menschen unfreundlich zu Leuten sind, die ihnen gar nichts oder sogar etwas Nettes für sie getan haben. Da bin ich vielleicht auch etwas dogmatisch, ich weiß es nicht. Aber meiner Meinung nach gibt es keinen Grund, unhöflich zu sein, wenn der andere sich nicht wie ein Riesenarschloch aufführt. Und selbst, wenn jemand sich wie ein Riesenarschloch aufführt, sollte man höflich sein, weil man sich ja nicht zwingend auf dieses Arschloch-Niveau herabbegeben muss.

Genaugenommen gehe ich sogar soweit, zu behaupten, dass generell niemand unhöflich sein muss. Es gibt zwar manchmal begriffstutzige Vollpfosten, die völlig wahrnehmungsgestört und ich-bezogen sind, und die nicht kapieren, dass sie sich scheiße benehmen, sofern man sie nicht im Kasernentonfall anschnauzt und zusammenfaltet. Aber die haben dann ja angefangen. Sprich: Wenn die sich nicht unhöflich und achtlos verhalten hätten, gäbe es nichts, weswegen man sie anpflaumen müsste. Und für ihr ursprünglich pampiges Gebahren gibt es meines Erachtens keine Entschuldigung.

Sicher, manchmal hat man einen Pups quer sitzen, ist mit dem falschen Fuß aufgestanden oder PMS-bedingtes Hormongeschwurbel verhagelt einem die Laune (an die Herren: In diesem Fall ist davon abzusehen, eure Herzensdamen zu fragen, ob sie ihre Tage haben, wenn sie gereizt sind). Dann ist es verständlich und menschlich, wenn man etwas mürrisch ist und einem der Tonfall ein wenig harsch gerät. Aber dann kann man sich doch kurz entschuldigen, damit der andere weiß, es liegt nicht an ihm. „Sorry, heute ist echt nicht mein Tag“ oder sowas in der Art, das reicht dann ja schon, wenn man andere versehentlich brüskiert hat.

Was ich auch nicht verstehe – und es macht mich fuchsig, wenn ich was nicht verstehe – wenn Menschen grundsätzlich unhöflich und unfreundlich zu allen anderen sind. Die so eine Grundhaltung an den Tag legen, dass alle anderen immer alles falsch machen und das mit voller Absicht, nur um sie zu ärgern. Die davon ausgehen, dass alle ihnen Böses wollen. Die sich nicht vorstellen können, dass andere vielleicht Besseres zu tun haben, als jede Sekunde ihres Daseins mit Komplotten und perfiden Betrugsplänen zu verplempern, um dieser einen Person zu schaden.

Da kann man noch so aufrichtig freundlich und wohlwollend auf diese Menschen zugehen, sie finden immer irgendeinen subjektiven Vorwand, um einen auf den Schlips zu treten. Gut, es kann sein, dass dieser garstigen Grundhaltung ein langes Leben voller Gefühle der Einsamkeit, Enttäuschung und des Ungeliebtseins vorangegangen ist. Das tut mir ja auch leid. Aber trotzdem kann man sich ja wohl Leuten, die einem nichts getan haben, gegenüber zusammenreißen. Und wenn man das nicht kann, sollte man eine Psychotherapie in Erwägung ziehen. Ist ja nichts dabei, sich professionelle Hilfe bei Problemen zu holen, die man alleine nicht geregelt bekommt. Wenn man einfach weiterhin alle wie Dreck behandelt, nur weil man sich selbst wie Dreck fühlt, wird die eigene Situation nur noch schlimmer.

Früher oder später hat da nämlich keiner mehr Lust zu, sich ständig von jemandem, der den lieben langen Tag nur in seiner eigenen Galle versumpft und die ganze Welt außer sich selbst dafür verantwortlich macht, dass er sich schlecht fühlt, als Frustableiter missbrauchen zu lassen. Und dann ist derjenige wirklich einsam. Und hat dann niemanden, der ihm ab und zu mal den Spiegel vorhält, Grenzen aufzeigt, und sagt: So, jetzt reicht’s aber.

Aber vielleicht stelle ich mir das auch alles viel zu einfach vor. Ich gebe zu, ich kann mir das schwer vorstellen und mich da nicht hineinversetzen, wenn man so chronisch verbittert ist. Mich kostet es zugegebenermaßen überhaupt keine Mühe, freundlich und höflich zu meinen Mitmenschen zu sein. Klar, manchmal bin ich aus Versehen ein achtloser Paddel, und mache irgendwas, was andere verletzt, ohne es in dem Moment zu merken. Dann bin ich von meinem Selbstbild her überzeugt, dass ich voll nett war, aber in Wirklichkeit hat mich der andere als Arsch empfunden. Das habe ich noch nicht ausklamüsert, wie sich so etwas vermeiden lässt. Ich hoffe einfach, dass man mich in solchen Situationen sachlich darauf hinweist, dass ich was Blödes gemacht habe, damit ich mich entschuldigen und versuchen kann, es wieder gut zu machen.

Doch wenn jemand ständig scheiße zu allen ist, das kann ich nicht nachempfinden. Ich kann auch diesen falschen Stolz, der solche Leute daran hindert, sich Hilfe zu holen, um Probleme zu lösen, die sie alleine nicht in den Griff bekommen, nicht nachvollziehen. Gut, es gibt manche psychische Erkrankungen, die für Antriebslosigkeit sorgen, und es für Betroffene unheimlich schwer machen, eine Therapie anzufangen. Das ist dann noch mal was anderes. Aber ansonsten verstehe ich das nicht.

Was ich ebenfalls schwierig finde, ist der richtige Umgang mit solchen chronisch grundlos unhöflichen Zeitgenossen. Einerseits bin ich es allmählich leid, mein Seelenglück von solchen egozentrischen Stinkstiefeln vermiesen zu lassen. Dazu habe ich echt keine Lust mehr, ich bin jetzt Mitte 30 und langsam wirklich zu alt für diesen Scheiß. Die sollen sich entweder verdammt noch mal nicht so anstellen oder sich Hilfe suchen. Außerdem habe ich überhaupt nicht das professionelle psychologische Handwerkszeug, um solchen Leuten zu helfen. Andererseits habe ich aber ein schrecklich schlechtes Gewissen, weil ich ja niemanden im Stich lassen will, nur weil er ständig Scheißlaune hat und allen Menschen mit Misstrauen und Arroganz begegnet. Obwohl die das ja irgendwie nicht besser verdient haben, als dass ihnen die Freunde nach und nach davonlaufen.

Aber wenn sie alle Menschen gleichermaßen mies behandeln, ist es ja nicht persönlich gemeint, wenn sie bei mir keine Ausnahme machen. Und dann muss ich es doch eigentlich auch nicht persönlich nehmen … Allerdings sehe ich nicht ein, warum ich mich für Fieslinge aufreiben sollte, wenn es genug liebe, nette Menschen gibt, die meine Gesellschaft zu schätzen wissen und das ab und zu auch mal zeigen. Das muss ich doch nicht, oder?

Essai 173: Über Nettigkeit und Schmierigkeit

4. Juni 2017

Anscheinend ist es gar nicht so einfach Nettigkeit und Schmierigkeit auseinander zu halten. Dieser Eindruck entsteht zumindest, wenn man sich in Facebook-Diskussionen zum Thema Flirten einmischt. Da kann man sich wirklich die Finger fusselig tippen und immer wieder betonen, dass derjenige, der den ersten Schritt macht, einfach nur nett sein muss, das glaubt einem keiner. Es dauert in der Regel nicht lange, und irgendwer macht das Fass auf, von wegen: „Frauen stehen eh nur auf Arschlöcher. Wenn man als Mann nett ist, ist man doch gleich unten durch. Nett ist gleichbedeutend mit langweilig.“

Das gibt es zwar auch in der umgekehrten Variante, dass Frauen herumjammern, die guten Männer wären immer alle mit solchen Oberzicken zusammen, allerdings begegnet mir persönlich diese Version nicht so oft. Aber dass Männer, die sich selbst für total nett halten, den einen oder anderen Korb kassieren, und das darauf schieben, dass sie halt zu nett sind, das höre oder lese ich relativ häufig.

Und ich wundere mich darüber. Denn mir ist das noch nie passiert, dass ich eine Abfuhr bekommen hätte, weil ich zu nett war. Ein Arschloch bin ich aber auch nicht. Wenn ich eine Abfuhr bekommen habe, dann, weil der andere einfach nicht wollte. Punkt. Mehr steckt nicht dahinter. In allen anderen Fällen – das bezieht sich übrigens nicht alleine aufs Flirten, sondern grundsätzlich auf zwischenmenschliche Kommunikation – war es stets hilfreich, freundlich, höflich und nett zu bleiben. Sicher, manchmal kriegt man trotzdem ziemlich unfreundliche, arrogante oder aggressive Vorwürfe und Tiraden um die Ohren gehauen. Aber das liegt dann nicht an der Nettigkeit, sondern daran, dass der andere ein ernsthaftes Problem mit seinem Selbstwertgefühl und seiner Impulskontrolle hat.

Woran aber scheitern Flirtversuche, die der Anflirtende als nett empfindet, dann? Ich vermute, dass der Anflirtende in dem Moment nicht nett ist, weil er nett ist. Sondern, dass er nett ist, weil er was von dem anderen will, in der Regel Sex oder wenigstens ein sexy Herumgeplänkel mit späterer Aussicht auf Sex. Und das Objekt des Angeflirtetwerdens merkt, dass die Nettigkeit nicht aufrichtig ist, sondern Mittel zum Zweck. Und das, meine lieben Leserinnen und Leser, ist schmierig. Wer nett tut, weil er damit seine Bedürfnisse dem anderen aufoktroyieren möchte, weil er Nettigkeit als eine Währung begreift, und glaubt, er könnte sich damit die sofortige Erfüllung aller seiner Wünsche kaufen, ist ein Schmierlappen.

Da die Wenigsten Lust haben, mit einem Schmierlappen ins Bett zu gehen, klappen diese Flirtversuche in der Regel nicht. Das liegt nicht daran, dass man nett war, sondern daran, dass die Nettigkeit falsch, aufgesetzt, unehrlich, unauthentisch und berechnend war.

Wer wirklich nett ist, ist immer nett, auch, wenn er nichts von seinen Mitmenschen will. Die Nettigkeit ist dann eine Grundeinstellung, die immer mitschwingt, selbst, wenn man verärgert ist. Trotzdem bemüht man sich dann, in seinem Zorn nicht total unfair zu werden, bei sich zu bleiben und Eigenverantwortung zu übernehmen. Und wenn man sich als aufrichtig netter Mensch dann doch mal im Ton vergreift oder in seiner Wut gemein zu anderen wird, hat man kein Problem damit, sich hinterher – ebenfalls ehrlich und aufrichtig – zu entschuldigen.

Kann man das nicht, ist man nicht wirklich nett. Das ist ja nicht schlimm, es muss ja nicht jeder ein netter Mensch sein. Wobei, ich fände es persönlich sehr viel schöner, wenn es mehr wirklich nette Menschen gäbe, aber das nur so am Rande. Was mich aber nervt, ist, wenn man sich dann so eitel aufplustert, sämtliche Eigenverantwortung über Bord wirft, und sich aufs moralisch hohe Ross schwingt, indem man von sich behauptet, man wäre zu nett, und bekäme deswegen seinen Willen nicht anderen Menschen aufgezwungen.

Das finde ich einfach total widerlich, wenn man sich selbst als feiner Mensch, der nur das Wohl aller anderen im Sinn hat, aufbauscht, obwohl es einem in Wahrheit nur darum geht, immer und überall von jedem jeden Wunsch von den Lippen abgelesen und umgehend erfüllt zu bekommen. Entschuldigung! Wo leben wir denn hier? Im Leben hat man es nun mal eben mit anderen Menschen zu tun, die unterschiedliche Ziele, Wünsche, Bedürfnisse und Persönlichkeiten haben. Da kann ich nicht erwarten, dass sich alle nach mir, meinen Zielen, Wünschen und Bedürfnissen richten. Warum sollten sie das tun, wenn ich nicht dazu bereit bin, das für sie zu tun? Wie Ich-bezogen kann man eigentlich sein?

So. Und wer so dermaßen egomanisch unterwegs ist, mit überzogenen Ansprüchen an seine Umwelt und völlig unrealistischen Erwartungen an seine Mitmenschen, wer sich so dermaßen weigert, für sich Verantwortung zu übernehmen, der. Ist. NICHT. NETT!!! Der ist ein Arschloch. Und nur, weil ein Arschloch sich für unfassbar nett und charmant hält, ändert es nichts an seinem Arschlochtum. Es bekommt eben nur diesen schmierigen, klebrigen Schleim der Unaufrichtigkeit übergezogen.

Ich denke, wenn Frauen auf Arschlöcher stehen beziehungsweise Männer auf Oberzicken, dann liegt das daran, dass sich diese Leute nicht verstellen. Die sind so, wie sie sind, und das kann man mögen oder auch nicht, aber man weiß dann, woran man ist. Genauso weiß man intuitiv bei wirklich netten Menschen, dass sie es ehrlich meinen. Und das funktioniert meines Erachtens auch wunderbar. Es kommt halt nur seltener vor, dass man auf einen wirklich netten Menschen trifft.

Was meint ihr dazu?

Essai 157: Über rhetorische Tricks für Wichtigtuer

24. April 2016

Manchmal will man gern Eindruck schinden, hat aber gar nichts Interessantes zu sagen. Das muss jedoch kein Hinderungsgrund sein, denn man kann auch Nichtssagendes eindrucksvoll aufplüschen, sodass es total wichtig klingt und keiner merkt, dass es nur heiße Luft ist. Oder zumindest: fast keiner – aber selbst, wenn da jemand im Publikum sitzt, der merkt, dass der Kaiser keine neuen Kleider, sondern gar nichts trägt, braucht man sich beim rhetorischen Aufplustern in der Regel keine Sorgen zu machen. Zumindest habe ich das noch nie erlebt, dass jemand in solchen Situation losgetrötet hätte: „Laaaangweilig, du laberst doch nur hohlen Stuss, komm‘ doch mal auf den Punkt!“ Das macht irgendwie keiner, vielleicht, weil es doch sehr unhöflich ist. Oder weil man, wenn man im Publikum sitzt und gezwungen ist, dem Wichtigtuer beim Phrasendreschen zuzuhören, normalerweise weniger wichtig ist und sich den Wichtigtuer nicht zum Feind machen möchte. Mit den Konsequenzen zu leben, sich einen ehrlichen, aber wenig konstruktiven und ziemlich unhöflichen Kommentar verkniffen zu haben, ist wohl einfacher, als eine wichtige Person gegen sich aufzubringen.

Wer auch mal mitmachen möchte beim Zirkus Richtig-wichtig-popichtig, für den habe ich heute ein paar Tipps parat. Ganz besonders wichtig: die richtige Haltung (oder auf Wichtigtuerisch „Attitude“). Damit der Unfug nämlich überzeugend rüberkommt und tatsächlich nur Wenige merken, dass man eigentlich keine Ahnung von der Materie hat (oder der „Craft“, wie einer meiner Lieblingswichtigtuer Herr T. S. sagen würde), muss man schon auch selbst davon überzeugt sein, dass man supertoll ist und die Erde auf der Stelle stillstünde, wenn man nicht da wäre, damit sie sich um einen dreht.

1. Mit Anglizismen jonglieren

Man findet Sachen nicht einfach gut, sondern man findet sie „nice“. Und wenn Dinge gar nicht gehen, dann sind sie ein „No-Go“. Anglizismen sind für Wichtigtuer unverzichtbar, denn das wirkt voll „internäschenell“ (also weltmännisch), wenn man alles Mögliche und Unmögliche mit englischen Phrasen aufbauscht. Da wird dann also vom „Commitment“ geschwafelt und davon, dass alles „no problem“ ist, weil das ja alles zur „Challenge“ dazugehört. Oder es wird von „Compliance“ gesprochen (das Wort musste ich erstmal ergooglen, heißt wohl so viel wie „Regeltreue“) und „values“. Übrigens macht es überhaupt nichts, wenn die Zuhörerschaft bei den ganzen Anglizismen höchstens die Hälfte versteht. Das soll so. Je weniger die Zuhörerschaft von dem Quatsch versteht, den man von sich gibt, desto geringer ist das Risiko, dass sie es als Quatsch erkennen. Die Chancen steigen, dass sie denken: „Wow! Ich versteh kein Wort! Also muss es unfassbar klug sein, was der Mensch da redet!“

Diesen Zweck erfüllen übrigens nicht nur Anglizismen, sondern auch andere Fremdwörter oder Fachbegriffe. Allerdings ist da die Gefahr gegeben, dass man übers Ziel hinausschießt und arrogant wirkt. Das will man auch nicht, denn Wichtigtuer sind ja noch einigermaßen erträglich, aber Streber kann keiner leiden. Bevor man also etwas „goutiert“, anstatt gut findet, oder von einer „cauchemardesken Atmosphäre“ anstelle einer „alptraumhaften Stimmung“ spricht, sollte man schauen, ob man dieses Ausmaß an Schnöselvokabular seinem Publikum zumuten kann. Befindet man sich unter einem Haufen hochkultureller Geisteswissenschaftler und Intellektueller, kann – ja, sollte – man sich so ausdrücken und vorzugsweise viele Gallizismen in seinem Geschwafel unterbringen. Wendet man sich als Mediziner an andere Mediziner, sollte man seinen Vortrag entsprechend mit lateinischen Fachbegriffen aufplustern, und so weiter.

2. Sich selbst loben

Ein Wichtigtuer, der etwas auf sich hält, hat nichts davon, wenn nur er selbst sich seiner eigenen Großartigkeit bewusst ist. Es schadet also nichts, es zwischendurch auch mal explizit zu betonen. Außerdem sollte man auch seine Untergebenen, äh, das Fußvolk, genauer gesagt, alle anderen, in seiner Eigenlobeshymne nicht unerwähnt lassen. Schließlich will man ja, dass die sich zu den „values commiten“ und die „Challenge“ „nice“ finden. Also sagt man dann, dass man ganz große Klasse ist, aber, dass man – selbstverständlich – nur so toll sein kann, weil man so eine wunderbare Unterstützung hat. Das muss man nicht unbedingt selbst glauben, das genügt völlig, wenn man das einigermaßen überzeugend äußert.

3. Hyperbolische Ausdrucksweise: Alles ist fantastisch (mindestens)!

Beim Selbstlob darf man übrigens auf keinen Fall bescheiden sein, sonst wirkt das unglaubwürdig. Man ist also nicht einfach nur soweit ganz in Ordnung oder nicht schlecht, auch nicht einfach nur gut – sondern fantastisch, „amazing“, „awesome“, großartig, phänomenal, superkallifragelistikextraalligetisch (Mist, jetzt habe ich mir selbst einen Ohrwurm verpasst!), … Das nennt sich hyperbolische Ausdrucksweise (ein Fremdwort, mit dem man unter Geisteswissenschaftlern ein bisschen Eindruck schinden kann) und heißt schlicht und ergreifend, dass man heillos übertreibt.

4. Körpersprache für Wichtigtuer

Wie gesagt, wer ein richtiger Wichtigtuer sein will, muss erst einmal die richtige, wichtige Haltung an den Tag legen. Dies bezieht sich nicht nur auf die innere Einstellung und Überzeugung, dass man etwas ganz besonders Tolles ist, sondern auch buchstäblich auf die Körperhaltung. Wer mit hängenden Schultern von „commitment“ und „amazing challenges“ schwadroniert, macht sich lächerlich und wird sofort durchschaut. Also: Brust raus, Bauch rein, Kopf hoch und sein Publikum mit dem Blick fixieren. Am besten stellt man sich breitbeinig hin, so nimmt man mehr Raum ein und wirkt gleich noch viel wichtiger. Die Hände kann man lässig an den Daumen in die Gürtelschnallen hängen, in die Hüften stemmen oder eindrucksvoll verschränken. Auf keinen Fall sollte man sie hinterm Rücken verstecken, das wirkt zu zurückhaltend und bescheiden.

5. Auf den Ton achten, der die Musik macht

Der Tonfall, mit dem man seinen aufgeplüschten Schwachsinn unters Volk bringen möchte, sollte ebenfalls allumfassende Wichtigkeit ausstrahlen. Man sollte alle „Ähs“ und „Öhms“, alle „eigentlichs“ und „Na jas“ sowie sämtliche anderen Denkpausenfüller und abmildernden Ausdrücke aus seinem Vokabular streichen. Stattdessen kann man aber prima Kunstpausen einbauen und dabei ganz wichtig auf sein Publikum herabschauen. Ansonsten spricht man am besten laut, deutlich und klar, so, als wäre man es schon sein Leben lang gewöhnt, andere herumzukommandieren. Es soll ja keiner das Schwafeln bemerken.

6. Was, wenn man wirklich etwas zu sagen hat?

Sollte man kein echter Wichtigtuer sein, sondern wirklich etwas zu sagen haben, braucht man die Punkte 1 bis 3 nicht. Allerdings empfiehlt es sich, an 4 und 5 zu arbeiten, denn dann hören die Leute einem eher zu und sind eher gewillt, das Gesagte aufzunehmen und für richtig und wichtig zu befinden.

Und, habt ihr noch ein paar Tipps für Wichtigtuer oder Menschen, die wirklich Wichtiges zu sagen haben?

Essai 152: Über die Fähigkeit zur kritischen Selbstreflexion

6. Februar 2016

Mit der Selbstkritik oder der Fähigkeit zur kritischen Selbstreflexion ist das so eine Sache. Alle behaupten, das wäre was Tolles, aber toll findet man eher die, die diese Fähigkeit anscheinend nicht besitzen. Die, die hemmungslos herumposaunen, wie unfassbar großartig sie sind, die sich an ihrer eigenen Existenz ergötzen und vollkommen von sich und ihrer absoluten Phänomenalität überzeugt sind, werden allseits bewundert. Man glaubt ihnen bereitwillig den größten Unsinn, weil man so gern glauben möchte, dass diese selbsternannten Superhelden wirklich die Welt retten werden.

Zweifel, differenzierte Ansichten, logische Argumente, das sorgfältige Abwägen von Pro und Contra – das alles interessiert keine Sau. Außer vielleicht Leute, die selbst der kritischen Selbstreflexion fähig sind, und wissen, dass es im Grunde genommen keine einfachen Wahrheiten und eindeutigen Antworten auf komplexe Fragen gibt. Aber diesen Leuten hört keiner zu, weil niemand die Geduld und die Lust hat, sich das ganze Geschwafel anzuhören. Markige Sprüche und Angeberposen kommen da viel besser an.

Ich würde ja jetzt gern sowas Melodramatisches schreiben wie: Ach und Weh! Wann ist unsere Welt nur so verkommen, dass wir lieber herumpolternden Wichtigtuern folgen als wirklich klugen Menschen, die die Zusammenhänge leise, bescheiden, aber differenziert und sinnvoll zerpflücken, erklären und langsam, Stück für Stück ändern wollen? Aber das würde voraussetzen, dass es jemals anders war. Wenn man sich die Geschichte der Welt mal so anschaut, war das aber schon immer so, dass man lieber den Großmäulern hinterhergedackelt ist und sich von ihnen vorschreiben ließ, was man machen soll, anstatt mit anderen Zweiflern gemeinsam nachzudenken und nach konstruktiven, langfristigen Lösungswegen zu suchen.

Ich merke selbst, dass ich mich schnell überzeugen lasse, dass mein Gegenüber weiß, wovon es da redet, wenn es nur sicher genug auftritt. Ein „So und so ist das und nicht anders, basta!“ klingt auf Anhieb überzeugender als ein „Na ja, man könnte das einerseits so interpretieren, aber wenn man das aus einer anderen Perspektive betrachtet, ist andererseits auch die gegenteilige Interpretation durchaus nachvollziehbar“. Hand aufs Herz, wer hat nach dem „Na ja, man könnte …“ noch aufmerksam weitergelesen?

Gerade, weil ich selbst ja zu übertriebener kritischer Selbstreflexion neige und immer erst einmal davon ausgehe, dass ich falsch liege und die anderen alle richtig, falle ich auf so großspuriges Gehabe immer wieder herein. Man muss mich im Prinzip nur unfreundlich genug anpampen, dann traue ich mich schon gar nicht mehr, die Aussage des kurz angebundenen Unsympathen anzuzweifeln. Dann hinterfrage ich eher meinen eigenen Standpunkt noch mal. Und wenn ich irgendwann nach ewig langem Gegrüble zu dem Schluss komme, dass ich doch gar nicht mal so bescheuerte Ansichten habe, ist der Großkotz schon längst über alle Berge.

Ich find’s schade, dass Selbstkritik immer erst einmal als Schwäche angesehen wird. Genauso wie Bescheidenheit, von wegen Zier, am Arsch hängt der Hammer, so sieht’s aus. Klar, wenn man nur am Grübeln ist und nie eine Entscheidung trifft, kommt man auch nicht vorwärts, das sehe ich ein. Man sollte es also nicht – so wie ich zum Teil (nehmt euch bloß kein Beispiel 😛 ) – mit der kritischen Selbstreflexion so weit übertreiben, dass man sich im Vergleich mit anderen standardmäßig für grundsätzlich im Unrecht hält. Dann ist es nämlich wurscht, was für zauberhafte innere Werte in einem schlummern, das kriegt nämlich ohnehin keiner mit, und dann nützen sie auch keinem was.

Aber ich arbeite dran 🙂 Immerhin schaffe ich es inzwischen, meinen Ansichten treu zu bleiben und sie mit guten Argumenten zu untermauern, wenn ich ein wenig Zeit zum Nachdenken habe. Sprich, wenn ich zum Beispiel schriftlich kommuniziere (was ich ohnehin bevorzuge) oder wenn man mich nicht völlig aus dem Nichts überrumpelt, dann kriege ich das inzwischen ganz gut hin, meine kritische Selbstreflexion mit ein wenig Selbstvertrauen zu bremsen. Woran ich noch tüfteln muss, ist, wie schaffe ich das, mich nicht einschüchtern zu lassen, wenn man mich vollkommen unvorbereitet und ohne Vorwarnung ankläfft. Aber das ist eine Herausforderung, die ich gern annehme 🙂 Ist ja auch langweilig, wenn man alles schon supertoll kann und nichts mehr dazulernen muss, dann kann man nur noch dasitzen, sich selbst fantastisch finden, und auf das Ende warten. Schnarch.

Essai 136: Über Neid und Missgunst

4. Januar 2015

In Sachen menschliche Abgründe gibt es so Einiges, was ich nicht verstehe, vermutlich auch nicht verstehen kann. Aber ich denke, viele dieser „dunklen Seiten“ der menschlichen Seele lassen sich auf die Verknüpfung von Neid und Missgunst zurückführen. Zum Beispiel wäre es pupsegal, ob irgendjemand mehr Geld, Macht, Einfluss, Sex oder sonstwas hat, wenn deswegen nicht irgendwer neidisch und missgünstig wäre. Allerdings gäbe es in diesem Fall in Literatur, Film und Theater nichts zu erzählen. Denn dann gäbe es keine Konflikte und eine Geschichte ohne Konflikte ist eine langweilige und überflüssige Geschichte.

Im wahren Leben aber finde ich ein bisschen Langeweile ab und zu ganz erholsam. Stattdessen wird man trotzdem ständig mit Neid und Missgunst konfrontiert. Das nervt.

Neid kennt vermutlich jeder irgendwie. Es ist dieser kleine Stachel, der einen piekst, wenn jemand etwas hat oder kann, was man selbst auch gerne hätte und könnte. Das allein ist ja noch nicht schlimm. So lange ich nur denke: „Och Menno, ich hätte auch gern so ein schickes Auto wie der Nachbar“ schadet das ja noch keinem. Man kann es sogar positiv nehmen (ich unverbesserliche Optimistin schon wieder, furchtbar! Entschuldigung) und als Ansporn sehen. Wenn man sich anstrengt, sein Bestes und Möglichstes gibt, dann kann man das vielleicht auch erreichen, was der andere hat oder kann. Wenn nicht, sucht man sich halt ein neues Ziel, ist ja bloß ein Auto.

Kommt aber Missgunst dazu, wird’s fies. Dann heißt es nicht mehr nur: „Schade, dass ich nicht auch so ein schönes Auto habe“, sondern „Wenn ich so ein schönes Auto nicht habe, darf der Nachbar es auch nicht haben! Der hält sich wohl für was Besseres, dieser Schnösel, dieser Emporkömmling, dieses arrogante Arschloch! Aaaaber mit mir nicht! Dem werde ich’s schon zeigen!“ Und schleichend setzt der Prozess der Verbitterung ein und man wird immer neidischer und immer missgünstiger und dabei immer irrationaler. Dann beherrschen Neid, Missgunst und Bitterkeit das ganze Leben.

Und gemäß dem Gesetz der selbsterfüllenden Prophezeiungen sieht man dann überall Gründe, um neidisch und missgünstig zu sein, fühlt sich permanent benachteiligt und bekommt dementsprechend auch nie so viel, wie man glaubt, wie einem zusteht. Ständig hat man Angst, zu kurz zu kommen und fühlt sich auch jedes Mal bestätigt, weil man es nicht anders erwartet. Immer muss man eine Extrawurst gebraten bekommen, weil man sich das wert ist und die anderen haben gefälligst die eigene Großartigkeit anzuerkennen und einzusehen, dass man diese Extrabehandlung durch seine pure Existenz, durch sein alleiniges Dasein verdient hat.

Man bekommt nie genug, weil die Ansprüche stets in gleichem Maße steigen, wie man etwas dazu bekommt. Um bei dem Auto-Beispiel zu bleiben: Hat man es tatsächlich mal geschafft, ein ebenso schickes Auto wie der Nachbar zu bekommen, bemerkt man, dass der Nachbar – was weiß ich – einen größeren Flachbildschirmfernseher hat als man selbst. Schwupps, geht das Spielchen von vorne los.

Nichts gegen ein wenig gesunden Wettbewerb, aber man kann es doch auch einfach mal gut sein lassen! Es ist doch bloß Zeug, verdammt noch mal! Kommt mal klar!

Allerdings wird es schwieriger, wenn sich Neid und Missgunst nicht auf materiellen Besitz beziehen, sondern auf ideelle Dinge wie Talente, Charaktereigenschaften und so. Das kann ja auch sein, dass man neidisch ist, weil jemand zum Beispiel sich richtig gut durchsetzen kann, während man selbst immer total lächerlich wirkt beim Versuch, Autorität auszustrahlen. Das kenne ich nur zu gut. Aber deswegen muss man nicht gleich missgünstig werden. Ich find’s toll, wenn Leute Durchsetzungsvermögen haben und nehme es als Anreiz, meine eigenen Wege zu finden, mich trotz sanftem, friedfertigem Gemüt durchzusetzen. Zum Beispiel durch Hartnäckigkeit.

Aber dann erlebe ich es immer wieder, dass Menschen scheinbar grundlos gemein, gehässig, herablassend und arrogant zu Leuten sind, die ihnen objektiv betrachtet überhaupt nichts getan haben. Da kommt dann die Missgunst dazu. Vielleicht ist man selber chronisch unglücklich und missgönnt es anderen, wenn die fröhlich und unbekümmert erscheinen. Dann muss man natürlich (weil man überzeugt ist, ein Opfer der Umstände zu sein und für sein Unglück nichts zu können) anderen ihr Glücklichsein gehörig vermiesen. Nach dem Motto „Wenn’s mir schon scheiße geht, soll es wenigstens allen anderen auch scheiße gehen, grummelbrummelistdochwahr!“

Ich muss gestehen, da ich nie länger als unbedingt nötig unglücklich bin und auch nur, wenn es einen konkreten Anlass dazu gibt, kann ich das wohl wirklich nicht so gut nachvollziehen, wie das ist, wenn man 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche aus Prinzip mit allem und jedem unzufrieden ist. Bei manchen steckt vielleicht auch eine psychische Erkrankung dahinter und kein mangelnder oder böser Wille.

Bei allen anderen aber wundere ich mich, wie man der Missgunst so ohne Weiteres kampflos das Feld überlassen kann? Außer einer Dauerscheißlaune, mit der man nach und nach alle Menschen aus seinem Leben vertreibt, weil die keine Lust mehr auf die ständigen Sticheleien, Vorwürfe und emotionalen Erpressungsversuche haben, hat man davon überhaupt nichts. Da kann man doch mit seiner Zeit, seinen Fähigkeiten, Möglichkeiten und seiner Energie weitaus Sinnvolleres anfangen.Vielleicht ist das aber auch total arrogant von mir, das so zu denken, weil es mir durch Zufall oder ich weiß nicht warum wie selbstverständlich leicht fällt, die Missgunst nicht gewinnen zu lassen.

Essai 133: Über künstliche Aufreger

26. Oktober 2014

Nun ist Dieter Nuhr also angezeigt worden. Er sei ein „Hassprediger“, der gegen religiöse Gemeinschaften hetze, Gläubige beleidige und verunglimpfe, lautet der Vorwurf. Mein Verdacht ist, dass die Leute, die Dieter Nuhr gerade juristisch auf die Pelle rücken nur den Zusammenschnitt seiner Auftritte gesehen haben, in denen er den Islam – genauer gesagt den religiös-islamistischen Fanatismus – kritisiert. Denn wenn man sich mehrere seiner Auftritte am Stück ansieht, dann wird klar, dass er nicht etwa nur den islamistischen religiösen Fanatismus kritisch-sarkastisch auseinandernimmt, sondern generell gegen Doofheit wettert. Wobei – und da gehe ich mit ihm d’accord – unter Doofheit jegliche Form von Borniertheit, Verblendung, Ignoranz, Vorverurteilung und Fanatismus fällt. Also auch christliche Fundamentalisten bekommen ihr Fett weg und nicht religiös motivierte Dumpfbacken ebenfalls. Dass er dabei aus dem Koran zitiert und die Zitate aus dem Zusammenhang reißt, mag sein. Aber wenn man ihn anzeigt, indem man ebenfalls seine Aussagen aus dem Zusammenhang reißt und dies als Begründung für seine Empörung nutzt, ist man doch keinen Deut besser. Und selbst wenn: Muss man denn immer gleich die Leute anzeigen, nur weil die was gesagt oder getan haben, was einem nicht gefällt? Man kann doch auch einfach sagen: Gut, der hat da eine Meinung, die finde ich blöd und mit der bin ich nicht einverstanden, aber das ist nu(h)r eine Meinung! Wenn man wirklich was Besseres ist, dann steht man da doch drüber!

Ich kann mich wunderbar künstlich darüber aufregen, wenn sich Leute künstlich über irgendwas aufregen, ohne den Kontext zu berücksichtigen. Das mit der Anzeige gegen Dieter Nuhr ist ja nur ein Beispiel unter vielen. Also, bevor mich jetzt auch noch irgendwer anzeigt, weil ich versuche, die ganze Angelegenheit wieder auf den Teppich zu holen, hier noch weitere Beispiele. Zum Beispiel diese Anwohner in Hamburg an der Alster in einer eher schickeren Gegend, die kein Flüchtlingsheim in ihrem Revier wollen. Schließlich würden die ja nicht gleich Arbeit finden und dann lungern die da die ganze Zeit draußen rum und machen Krach. Und dann haben die ja auch so viele Kinder, pfui, die machen ja auch Krach. Also haben die sich einen Anwalt genommen und klagen gegen das geplante Flüchtlingsheim. Bei sowas kriege ich echt das Kotzen, man verzeihe mir die Ausdrucksweise. Wenn diese reichen Schnösel selber den ganzen Tag arbeiten, kriegen die doch den angeblichen Krach, sofern es ihn denn gäbe, gar nicht mit. Und wenn sie nicht den ganzen Tag arbeiten, sondern ebenfalls die ganze Zeit draußen herumlungern, dann sollen die nicht mit nacktem Finger auf angezogene Leute zeigen und herumhupen.

Und wenn ich schon mal dabei bin, mich künstlich aufzuregen: Diese Mecker-Anwohner, die kein Hospiz und keine Kita und keinen Friedhof und kein gar nichts in ihrer Nachbarschaft haben wollen, weil das ja so viel Lärm verursache, oder Geruchsbelästigung oder ihnen der Anblick nicht fein genug ist – kommt mal klar!

OK, ich kann ja mal wenigstens versuchen, mich in diese Stinkstiefel hineinzuversetzen, damit mir nachher keiner vorwerfen kann, ich würde ebenfalls den Kontext ignorieren. Angenommen, die haben den ganzen Tag nichts Interessantes zu tun und hocken rund um die Uhr in ihrer Wohnung. Da hätte ich auch eine Scheißlaune und wenn ich dann auch noch denke, dass ich nichts dran ändern kann, weil ich zum Beispiel ein grantiges, fieses, verbittertes Arschloch bin, dann würde ich vermutlich auch nach Schuldigen suchen, die ich dafür fertig machen kann. Und wenn ich noch dazu ein Feigling wäre, dann würde ich mir Schuldige suchen, die sich nicht wehren können, also Flüchtlinge, Kinder oder Todkranke. Hmmm, doch das ergibt Sinn.

Gut, man muss ja jetzt nicht zwingend ein Arschloch sein, um Leute anzuzeigen, die – im Kontext betrachtet – nichts wirklich Schlimmes getan haben. Es reicht, wenn man einfach zu wenig Sinnvolles zu tun hat. Da kommt man halt auf Gedanken. Und wenn man sich dann künstlich darüber aufregt und Leute findet, die auch zu wenig Sinnvolles zu tun haben und Lust bekommen, sich die Zeit mit künstlichem Aufregen zu vertreiben, dann schaukelt sich das eben ratzfatz hoch. Besonders in Zeiten des Internets findet man ja schwuppdiwupp Gleichgesinnte, die nur darauf warten, dass ihnen irgendwer eine Idee gibt, worüber sie sich künstlich aufregen könnten.

So. Und jetzt mache ich mir eine schöne Tasse Tee.

Essai 120: Über das Bereuen vergangener Dinge

27. April 2014

Eines meiner Lieblingslieder ist „Non, je ne regrette rien“ von Édith Piaf. Darin singt sie davon, dass sie zwar viel erlebt hat, sowohl Gutes als auch Schlechtes, aber nichts davon bereut. Gut, die Pointe bei dem Lied ist, dass sie deswegen nichts bereut, weil sie eine neue Liebe gefunden hat, mit der sie noch mal ganz von vorn anzufangen gedenkt, doch trotzdem gefällt mir dieser Grundgedanke, dass man nichts bereuen sollte, was man im Leben durchgemacht hat, weil es halt dazu gehört. Schließlich haben all die kleinen und großen Erlebnisse der Vergangenheit einen zu dem Menschen gemacht, der man heute ist. Und wer sich ständig grämt und Dinge bereut, die sich nicht mehr ändern lassen, verlernt, sich selbst gut leiden zu können und dann kann man sein Lebensglück in die Tonne treten und sich schon mal darauf vorbereiten, als Grummel Griesgram, Grinch oder Ebenezer Scrooge zu enden.

Verbitterung ist meiner Meinung nach verkappter Selbsthass und dieser wiederum kommt davon, dass man sein ganzes gegenwärtiges Leben damit verplempert, Dinge zu bereuen, die längst vergangen sind. Dass man mit seinem Verhalten eine Beziehung ruiniert hat zum Beispiel. Oder dass man sich nicht getraut hat, einem Arschloch Paroli zu bieten. Dass man bei der Berufswahl nicht seinem Herzen, sondern dem Verstand oder dem Willen, viel Geld zu verdienen, gefolgt ist. Und, und, und. Wenn man genug in der eigenen Vergangenheit herumwühlt, findet man garantiert ganz viele Dinge, die sich bereuen lassen. Und während man so vor sich hin bereut, braucht man sich auch nicht damit zu beschäftigen, ob sich nicht in der Gegenwart oder in der Zukunft das eine oder andere nicht doch noch umsetzen lässt.

Wenn man zum Beispiel bereut, dass man vor Ewigkeiten seine große Liebe vergrault hat, weil man sich wie ein Idiot benommen hat, dann hält einen (außer man selbst) keiner davon ab, es bei der nächsten Beziehung besser zu machen. Das ist das, worüber Édith Piaf letztendlich singt: Ja, ich hab in der Vergangenheit auch viel Mist gebaut und bin weiß Gott auf die Fresse gefallen, aber heute, hier und jetzt, fange ich noch einmal, zusammen mit dir, von vorne an. Gut, ganz von vorne sollte man nicht anfangen, dann wiederholt sich das gleiche Szenario noch einmal und man verliert die Lust, es noch einmal zu versuchen. Aber ein neuer Versuch mit dem Vorwissen, das man aus der Vergangenheit durch seine Fehler gewonnen hat, kann durchaus gelingen. Und wenn nicht, ist man wieder ein wenig schlauer und macht es halt das Mal darauf besser. Schließlich gehört das Lernen zum Leben dazu, wäre ja auch langweilig sonst.

Hat man sich nicht getraut, jemandem die Stirn zu bieten, der einen wie Dreck behandelt hat, kann man eben beim nächsten Pantoffeltyrannen aufmucken. Keine Sorge, von dieser Spezies gibt es reichlich Vertreter auf dem Planeten Erde, die für Übungszwecke genutzt werden können. Etwas kniffliger ist da schon etwas so Lebensbestimmendes wie die Berufswahl. Da ist man irgendwann zu alt, um sich noch groß umzuentscheiden. Da würde ich jedem raten, in jungen Jahren lieber dem Herzen zu folgen. Wenn man jung ist, braucht man noch nicht so viel Geld, weil man sich noch keinen Lebensstandard auf einem bestimmten Niveau angewöhnt hat, die Eltern einen eventuell noch unterstützen können, bis man auf eigenen Füßen stehen kann und weil man dann noch die Möglichkeit hat, sich umzuentscheiden, wenn man merkt, dass das doch nichts für einen ist. Deswegen habe ich auch erst die Schauspielausbildung gemacht und das ausprobiert, um nicht hinterher mit 40 oder 50 da zu sitzen mit einer Midlifecrisis und zu bereuen, es nie versucht zu haben. Und jetzt weiß ich ganz sicher, dass das nicht mein Ding ist, bereue aber auch nicht, diesen Weg eingeschlagen zu haben. Ich habe Freunde dort gefunden und – das klingt jetzt ziemlich doof nach Selbstfindungskitsch par excellence – mich selbst besser kennen gelernt. Und später den Mut gefunden, mich umzuentscheiden und einen anderen Weg einzuschlagen.

Ist es bereits zu spät, um sich beruflich noch einmal woanders hin zu entwickeln, bringt das Bereuen jedoch auch nichts. Gut, dann ist das eben so. Es bringt nichts, sich selbst mit Vorwürfen zu zerfleischen und sich mit hätte, wenn und aber zu quälen. So schlimm wird die Arbeit schon nicht sein und es lassen sich bestimmt viele positive Kleinigkeiten entdecken. Und dann hält niemand einen davon ab, in der Freizeit seinem Herzen zu folgen und sich ein spaßiges Hobby zu suchen. Dann ist man eben nicht Schauspieler geworden, aber man kann einer Laienspielgruppe beitreten. Dann ist man eben nicht Sänger geworden, aber man kann im Chor mitmachen oder mit Kumpels eine Band gründen. Dann ist man eben nicht Bestsellerautor geworden, aber man kann bloggen oder nach Feierabend Kurzgeschichten schreiben. Dann ist man eben nicht Spitzensportler geworden, aber man kann sich einen Verein oder einen Kurs suchen, bei dem man mitmacht.

Es findet sich also immer eine Lösung, die besser ist als sich hinzusetzen, zu bereuen und sich von Schuldgefühlen zerfressen zu lassen. Es sei denn natürlich, man will überhaupt nicht, dass es einem besser geht. Für manche ist das Bereuen und das Verbittern schon längst Lebenszweck, Lebensinhalt und zum Identitätsersatz geworden. Die klammern sich dann an die Fehler ihrer Vergangenheit, weil sie sonst nichts mehr mit sich anzufangen wissen. Diesen traurigen Gesellen zu helfen, ist ein nahezu unmöglich zu erfüllendes Unterfangen. Da sollte man lieber etwas Distanz wahren, bevor man das hinterher noch bereut.

Essai 119: Über notorische Beratungsresistenz

11. April 2014

Im Prinzip ist das gar nicht so einfach, mich auf die Palme zu bringen. Mir ist das in der Regel viel zu anstrengend, mich aufzuregen. Das liegt daran, dass, wenn mich dann doch etwas so dermaßen ärgert, dass ich nicht umhin kann, sauer zu werden, dann bin ich ziemlich nachtragend. Ich hab dann eine Scheißlaune und bin noch ziemlich lange wegen des Wut auslösenden Sachverhalts grollig und brummelig. Kommt dann das Verhalten, welches mich bei jemandem verärgert hat, immer wieder vor, obwohl ich meines Erachtens schon hunderttausend Mal gesagt oder zumindest deutlich nonverbal zum Ausdruck gebracht habe, dass mich das ankotzt, dann werde ich deswegen immer wieder wütend. Auch, wenn sich das entsprechende Verhaltensmuster nur dezent andeutet. Eines dieser Verhaltensmuster, mit denen man mich garantiert auf 180 bringt, ist notorische Beratungsresistenz und dumme, sture, grundlose Lernresistenz. Wenn ich mit Leuten nicht reden kann, weil die immer gleich beleidigt sind, dann macht mich das fuchsig.

Natürlich darf man sich als erwachsener Mensch wie ein Vollidiot oder Riesenarschloch aufführen. Natürlich kann man sich als erwachsener Mensch auch wie ein Vollidiot und Riesenarschloch aufführen. Aber MUSS man sich deshalb auch wie ein Vollidiot und Riesenarschloch aufführen? Nein. Man kann es auch einfach lassen und nett sein. Womit ich nicht devot meine, sondern rücksichtsvoll, umsichtig, freundlich, verantwortungsbewusst und dass man auch mal an wen anders denkt als immer nur an sich. So.

Trotzdem gibt es immer wieder Leute, die meinen, ihren nie aufhörenden spätpubertären Anwandlungen immer gleich nachgehen zu müssen, ohne Rücksicht auf Verluste und auf die negativen Auswirkungen auf andere oder auf die eigene Zukunft. Geringe Frustrationstoleranz nennt man das, wenn Leute immer gleich dem ersten impulsiven Gedankenfurz folgen, ohne auch nur einen Augenblick darüber nachzudenken und nur tun, worauf sie gerade Lust haben. Auch wenn das, auf was sie Lust haben, totaler Mist ist und anderen Leuten schadet. Denn in den wenigsten Fällen haben beratungs- und lernresistente Menschen Lust darauf, sich einen Job zu suchen oder ihr Leben mal auf die Kette zu kriegen. Meistens haben sie eher Lust, zum Beispiel, Quatsch zu kaufen, den sie nicht brauchen, mit Geld, das sie nicht haben. Oder alles stehen und liegen und alle im Stich zu lassen, weil man gerade irgendwen übers Internet kennen gelernt hat. Oder die Küche in ein Schlachtfeld zu verwandeln in dem scheiternden Versuch, Dampfnudeln mit Schokomilchreis und Vanillesoße zu kochen. Aber hinterher aufzuräumen, Nöööö, lass mal.

Wenn das einmal passiert, OK, kann man noch drüber lächeln und sagen, Na ja, so ist er oder sie nun mal. Beim zweiten Mal sagt man dann vielleicht schon: Das fand ich grad nicht so super. Beim dritten Mal heißt es dann schon: Ich hab dir doch gesagt, du sollst das lassen, was soll die Scheiße!! Und dann geht man davon aus, der andere kann das jetzt aber unmöglich nicht gepeilt haben, dass sein Verhalten absolut daneben war. Aber dann passiert das wieder. Und wieder. Und wieder. Und man kann nichts, absolut nichts dagegen tun, denn der andere macht einfach weiter mit seiner Scheiße und interessiert sich einen Dreck dafür, dass man sauer ist. Man versucht es mit Vernunft, mit konstruktiver Kritik, dann wird man vielleicht ein wenig sarkastisch und der andere macht trotzdem weiter. Schließlich platzt einem der Kragen. Man wird laut, man brüllt, man bollert alles raus, was einen am anderen auf die Palme bringt. Dann brüllt der andere zurück, am Ende heulen alle und wenn man sich wieder beruhigt hat … bleibt alles beim Alten und der andere macht immer noch weiter mit seiner unmöglichen Scheiße.

Man wirft mir gerne vor, zu viel nachzudenken, abzuwägen und zu überlegen. Ich werde des Öfteren gerügt, weil ich nicht immer auf alles gleich eine eindeutige Antwort habe, weil ich eben erst einmal darüber nachdenken will, bevor ich mir eine Meinung dazu bilde. Auch kassiere ich Rüffel, weil ich nicht immer gleich was sage, wenn mir etwas nicht hundertprozentig passt, sondern erst, wenn es mir wirklich reicht. Nun bin ich der Ansicht, dass es sinnvoller ist, etwas erst anzusprechen, wenn es wirklich gar nicht mehr geht, als immer bei jeder Kleinigkeit gleich herumzunörgeln. Davon abgesehen kann ich auch einfach nicht anders, es reicht mir halt erst, wenn es mir reicht und davor geht’s halt noch.

Der Umkehrschluss von diesem meinem nervigen Verhalten ist jedoch, dass klar sein dürfte: Wenn ich etwas sage, dann weil es mir wirklich reicht. Trotzdem kommt es mir manchmal so vor als wäre ich die Einzige, der sich diese Logik (wie ich finde) erschließt. Lernresistente Leute hören offenbar nur, was sie hören wollen und beim Rest machen sie einfach dicht. Da frage ich mich, warum mache ich mir überhaupt die Mühe, springe über meinen Schatten und sage in aller Deutlichkeit, was mir nicht passt, wenn es ohnehin nichts bringt. Denn, wie gesagt, richtig sauer, sodass es mir so sehr reicht, dass ich etwas sage, machen mich nur Menschen, die völlig uneinsichtig immer wieder das gleiche asoziale Scheißverhalten an den Tag legen. Und diese Menschen sind typischerweise notorisch lern- und beratungsresistent. Und da kann man sonstwas machen, die ändern sich niemals. Niemals. Da hilft nur, sie ihren Scheiß alleine machen zu lassen und sich zurückzuziehen.


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