Archive for Juni 2014

Essai 127: Über Internet-Trolle

29. Juni 2014

Idioten in der Offline-Welt sind ja schon schlimm genug. Doch wenn diese Schwachmaten immerhin schlau genug sind, sich ins Internet zu begeben, entsteht eine explosive Mischung. Denn im Internet sind die Menschen durch ein gewisses Maß an Anonymität geschützt – zumindest empfindet man das persönlich so, wahrscheinlich ist das in Zeiten von NSA und Co. eine Illusion – und trauen sich daher, auch den bescheuertsten geistigen Dünnpfiff kund zu tun. Ja, mir scheint sogar, dass es für manche dieser Internet-Trolle eine Vollzeitbeschäftigung ist, durchs Netz zu surfen und überall ihre verqueren Ansichten zu hinterlassen und Unruhe zu stiften.

Zugegeben: Auch ich erliege gelegentlich der Versuchung, herumzutrollen. Wenn beispielsweise auf Facebook wieder irgendwer einen vor nostalgischer Vergangenheitsverklärung, Kitsch oder Klischees triefenden Aphorismus postet, kann ich einfach nicht an mich halten und muss den mit Sarkasmus oder Altklugheit demontieren. Dann mache ich mir einen Jux daraus, Rechtschreib- und Grammatikfehler zu monieren oder hinterfrage die Logik dieser Aussage. Es bereitet mir ein diebisches Vergnügen, diese Sprüche à la „Früher war alles besser“, „Diese Jugend heutzutage“ oder „Liebe ist blabla *irgendein-Schwachsinn* blabla“ auseinander zu nehmen.

Oder, was ich zuweilen auch ziemlich lustig finde, zumindest, bis irgendein noch größerer Troll als moi rassistisch wird, ist, den politischen, spießig-verstockt-verstaubten Ansichten der Christdemokraten, Christsozialen, Neoliberalen und AfDlern fröhlich zu widersprechen. Aber meistens dauert das nicht lange und diese Unsympathen beweisen, dass sie in Sachen Herumgetrolle weitaus versierter sind als meine Wenigkeit und dann macht’s nicht mehr so wirklich Spaß. Dann verabschiede ich mich mit einem „Ich diskutiere nicht mit Idioten. Sie ziehen dich herunter auf ihr Niveau und schlagen dich mit Erfahrung“ und schmolle ein wenig vor mich hin. Und dann merke ich mir das für einen Essai vor.

Jedenfalls bin ich manchmal fassungslos, was Internet-Trolle so alles von sich geben. Manchmal ist es zwar unfassbar dämlich, aber immerhin harmlos. Zum Beispiel, wenn sich jemand die Mühe gegeben und die Zeit genommen hat, einen Artikel zu lesen und dann kommentiert (und dafür auch noch Zeit und Mühe aufwendet): „Ja, ja. Und in China fällt ein Sack Reis um“ oder „Dieser Artikel ist sowas von überflüssig, reine Zeitverschwendung“ oder „Scheißjournalisten, haben keine Ahnung, müssen mal besser recherchieren. Was für’n Schwachsinn lol“ und andere schon zu Klassikern der Trollkommentare gewordene Perlen. Etwas beunruhigender finde ich dann die ebenfalls sehr beliebten, aber unterschwelligen Nationalismus und Rechtsradikalismus offenbarenden Kommentare, die sich aus Textbausteinen wie „armes Deutschland“, „linksgrüner Sozialismus“, „Sozialschmarotzer“ und so weiter zusammensetzen. Der Postillon hatte das mal sehr hübsch zusammengefasst.

Internet-Trolle rechtfertigen sich gern mit Sprüchen wie „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“, „freie Meinungsäußerung blablubb“, verstecken sich hinter ihren heiligen Ansichten und stellen sich als Opfer hin. Gerade die aus dem rechten Spektrum sind darin echte Virtuosen. Das ist zugleich feige und unglaublich borniert. Die bilden sich nämlich allen Ernstes ein, sie wären mit ihrer ach so tollen Meinung allein und wären die Ersten, die auf die Idee gekommen sind, sich vor „Überfremdung“ der „Herkunftsdeutschen“ durch gemeine „Zukunftsdeutsche“ und sonstigem Quatsch zu fürchten und gegen „linkssoziale Propaganda“ zu wettern oder alle, die nicht ihrer Meinung sind als „Antifa-Terroristen“ zu betrachten. Dabei sind sie selbst rechtspopulistischer Propaganda aufgesessen, ihre Meinung ist aus den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts aufgewärmt und wiedergekäut und insofern alles andere als eigenständig und originell, sowieso ist das ja heutzutage wieder in Mode, Nationalstolz mit Rechtsradikalität und Fremdenhass zu verwechseln. Ich zum Beispiel lebe gern in Deutschland, finde es ein im Großen und Ganzen recht sympathisches Fleckchen Erde und hab trotzdem keine Angst vor anderen kulturellen Einflüssen. Warum auch? Ich selbst bin das Ergebnis unterschiedlicher kultureller Einflüsse und finde es prima.

Kein noch so abwegiger Anlass ist den Internet-Trollen überdies zu schade, um ihre verschwurbelten Ansichten unters Volk zu bringen. So schreibe ich in den Kommentaren bei kino.de immer Kritiken zu den Filmen, die ich gesehen habe. Und das genügt den Internet-Trollen tatsächlich, um rassistisches oder sexistisches Gedankengut herauszupoltern. So geschehen bei Fack ju Göhte (Rassismus) und Transcendence (Sexismus). (Bei Letzterem ist rätselhafterweise der entsprechende Kommentar auf der Seite von kino.de nicht zu sehen, sondern nur auf meiner Facebook-Seite. Der Internet-Troll hatte geschrieben: „Gesellschaftskritisch? Frauen und Technik fällt mir dazu ein. Ein Wunder, dass Du nichts über die Frisuren zu heulen hattest.“)

Dass es auch anders geht, zeigt beispielsweise eine Diskussion, die ich auf meinem Kultur- und Theaterblog Hamburgische Dramaturgie 2.0 mal mit einem Scientologen und einem ehemaligen Scientologen hatte. Ich hatte in einem Artikel die Methoden Lee Strasbergs mit denen Scientologys verglichen, woraufhin ein Scientologe einen vermutlich vorformulierten PR-Text als Kommentar schrieb. Ich hinterfragte den Kommentar ein wenig kritisch, aber offen und freundlich, woraufhin sich ein spannender, interessanter Austausch von Lebensansichten entwickelte. Zumindest, bis sich der Scientologe und der Ex-Scientologe in die Wolle kriegten und Ersterer sich diskriminiert fühlte und aus der Diskussion zurückzog.

Es ist doch spannend und interessant, wenn man unterschiedlicher Ansichten ist. Selbst, wenn ich eine Meinung völlig abwegig und bescheuert finde, muss ich ja nicht gleich aggressiv und ausfallend werden. Selbst, wenn mich mal die Troll-Lust packt, versuche ich, mich auf Sachliches und Inhaltliches zu beziehen und nicht die Privatmenschen persönlich zu beleidigen. Aus sach- und inhaltsbezogener Kritik und Polemik kann sich eine Diskussion entwickeln, aus niveauloser, persönlicher Beleidigung hingegen entsteht nur Streit, der einen in der Erweiterung des eigenen Horizonts nicht weiter bringt. Und das ist eine verpasste Chance. Aber ich vermute, dass leidenschaftliche Internet-Trolle das anders sehen und ihren Horizont gar nicht erweitern wollen. Am Ende müssten sie dann ja noch einsehen, dass ihre Meinung gar nicht so unabhängig, selbstständig, frei und originell ist wie sie sich einbilden. Und dann wüssten sie vermutlich nichts mit sich anzufangen, weil sie ihre eigene Persönlichkeit über diese Meinungen definiert haben. Nimmt man ihnen die Grundlage für diese Meinungen, zieht man ihnen ihr Identitätskonstrukt als Boden für ihre Persönlichkeit unter den Füßen weg. Daher: Troll füttern lieber unterlassen und sich seinen Teil denken. Oder freundlich, höflich, sachlich und offen formulieren und gucken, was passiert.

 

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Essai 126: Über den Kassandra-Effekt

28. Juni 2014

Wer zu vernünftigem, logischen Denken neigt und die lästige Angewohnheit hat, bei seinen Überlegungen auch langfristige Entwicklungen mit zu berücksichtigen, läuft Gefahr, des Öfteren recht zu haben. Dann hat man ein Problem. Leute, die ständig recht haben und alles (wirklich) besser wissen, gelten als Klugscheißer und die mag niemand. Das führt dazu, dass man sich den Mund fusselig reden kann mit seinen Einwänden, Bedenken, Anmerkungen und Kritiken – niemand wird einem bereitwillig zuhören. Was folgt, nenne ich mal den Kassandra-Effekt. Man warnt vor irgendwelchen negativen Konsequenzen einer bestimmten Handlung, die Leute ignorieren einen und machen den Blödsinn trotzdem und – zack! – tritt genau das ein, wovor man gewarnt hat.

Kassandra hatte in der griechischen Mythologie vom Gott Apollon die Gabe geschenkt bekommen, die Zukunft voraussehen zu können. Der war nämlich in sie verknallt und für so einen Gott sind Pralinen oder Blumen zu weltlich, also muss es gleich die Gabe der Weissagung sein. Da kann man sich natürlich drüber streiten, ob das wirklich eine Gabe ist … ich bin ganz froh, dass ich noch nicht weiß, was genau in meinem Leben passiert. Sonst wäre ja die ganze Überraschung im Eimer. Jedenfalls, bei den alten Griechen galt das als ganz tolles Geschenk. Kassandra wollte jedoch trotzdem nichts von Apollon und in seiner gekränkten Eitelkeit verfluchte er die ursprüngliche Gabe und fügte hinzu, dass niemand Kassandras Weissagungen glauben würde.

Das war vor allem für die Trojaner Mist, denn Kassandra warnte zum Beispiel ihren Bruder Paris davor, die schöne Helena von den Griechen zu entführen. Daraufhin würde es zum Krieg mit den Griechen kommen, sagte sie. Niemand hörte auf sie und es kam, wie es kommen musste. Schließlich tüftelten die Griechen noch die Sache mit dem riesigen Holzpferd aus, um in die von hohen Mauern gesicherte Stadt Troja zu gelangen. Kassandra warnte die Trojaner, das Holzpferd in die Stadt zu holen. Da sitzen die Griechen drin, die zerstören Troja, wenn wir sie reinlassen. Pfft, Quatsch, sagten die anderen, wir machen das jetzt, halt die Klappe, sei nicht immer so pessimistisch. Und wer hatte mal wieder recht? Genau. Die nervige Besserwisserin. Ehrlich gesagt, die Trojaner waren offenbar nicht die hellsten Birnen im Kronleuchter. Wer holt denn einfach so ein riesiges Holzpferd in seine Stadt, wenn die Leute, die einem ans Leder wollen, direkt vor den Stadtmauern hocken? Wer soll denn das Pferd gebaut haben, wenn nicht ebendiese (nicht zu Unrecht) stinkwütenden Gesellen, die nur auf eine Gelegenheit warten, einen platt zu machen?

Ich habe den Eindruck, dass beim Kassandra-Effekt die Leute absichtlich das Gegenteil von dem tun, was man ihnen rät. Einfach so, aus Trotz, Stolz und weil sie keine Lust haben, selbst kurz nachzudenken und einzusehen sowie zuzugeben, dass sie falsch liegen. Das ist doch überhaupt nicht schlimm, wenn man sich irrt und auf dem Holzweg ist. Ich verstehe überhaupt nicht, was das soll, dass man sehenden Auges in sein Verderben rennt, obwohl ein aufmerksamer Mitmensch sogar noch davor warnt. Vielleicht sogar einen schlauen Alternativvorschlag präsentiert. Das ist dem Besserwisser doch wurscht, dass er recht hat, ihm geht es darum, Ungemach zu verhindern. Das Missverständnis zwischen Besserwissern und Nichtbesserwissern liegt darin, dass Letztere überzeugt sind, Erstere würden nur herumklugscheißen, um sich als was Besseres zu fühlen und Letztere zu maßregeln. Dabei ist dem gar nicht so.

Essai 125: Über Selbstsabotage

22. Juni 2014

Es gibt manchmal so Momente, da steht man sich selbst komplett im Weg. Weil man zum Beispiel bestimmte Glaubenssätze als Wahrheit verinnerlicht hat, die gar nicht unbedingt den Tatsachen entsprechen müssen. Oder weil man nicht gemerkt hat, dass man selbst oder die Umstände sich geändert haben. Wenn man zum Beispiel von sich selbst denkt, man wäre ein Totalversager, dann ist das egal, ob das auch tatsächlich stimmt. Alles, was man dann anpackt und anfängt – wenn man überhaupt irgendetwas trotz seiner Versagensängste versucht – wird mit großer Wahrscheinlichkeit scheitern oder man wird es als Scheitern interpretieren. „Nie gelingt mir irgendwas“, „Immer habe ich Pech“ oder „Ständig läuft alles schief“ werden dann als Wahrheit bestätigt. Solche verinnerlichten, vermeintlichen Wahrheiten über das eigene Selbstbild funktionieren wie selbsterfüllende Prophezeiungen.

Man kann zwar diese negativen Selbstbilder durchbrechen, aber das ist gar nicht so einfach. Denn ein Unglück das man kennt und an das man sich gewöhnt hat, ist weniger beunruhigend und unheimlich als das große Unbekannte. Was ist, wenn das, was man sein Leben lang für wahr hielt, gar nicht stimmt? Eine gruselige Vorstellung. Da finden sich die meisten Menschen lieber damit ab, dass sie dies oder das nicht können. Solange man damit glücklich wird, ist das ja auch völlig in Ordnung. Man muss ja auch nicht alles können und niemand ist perfekt.

Bloß, wenn man gern etwas hätte, meint ohne etwas Bestimmtes nicht glücklich sein zu können – und sich dann von dem eigenen Selbstbild bremsen lässt, ist der Frust schon vorprogrammiert. Da beginnt die Selbstsabotage: Man unterlässt dann alles, was nötig wäre, um den Sachverhalt, der einen wurmt, zu ändern – aus Angst, die eigene Wahrheit als Irrglauben zu entlarven und das eigene Weltbild durcheinander zu bringen. Das führt dann zum Beispiel dazu, dass jemand, der seit Ewigkeiten Single ist und sich einbildet, der/die Richtige existiere überhaupt nicht, sich lieber verkriecht und in Selbstmitleid suhlt. Anstatt einfach mal rauszugehen, neugierig, offen und interessiert auf andere Menschen zuzugehen und am Ende womöglich doch mal einen erträglichen Mitmenschen für eine potentielle Beziehung kennen zu lernen. Oder wenn man dann doch jemanden kennen lernt, sich selbst aber für nicht liebenswert hält, benimmt man sich möglichst daneben, damit diese negative Überzeugung von sich selbst bestätigt wird.
Selbstsabotage funktioniert natürlich nicht nur auf der privaten Ebene. Sondern auch im Berufsleben kann man so manche Karriere umgehen, indem man sich selbst einredet, man sei zu unfähig oder zu was-auch-immer, um beruflich voran zu kommen. Ein erster Schritt, um sich aus dem Teufelskreis der Selbstsabotage herauszuboxen, ist wie so oft die Einsicht. Wenn man sich selbst durchschaut und merkt, dass man selbst derjenige ist, der sich im Weg steht, kann man langsam, Schrittchen für Schrittchen daran arbeiten, die hinderlichen Selbstüberzeugungen durch nützliche zu ersetzen.

Essai 124: Über subtile Propaganda

21. Juni 2014

Manchmal frage ich mich, ob das für meinen Blutdruck so gut ist, morgens die Zeitung zu lesen. Diese geballte, dummdreiste Arroganz, die einem da zuweilen entgegen schlägt, regt mich jedes Mal auf. Manchmal sind es inhaltliche Dinge, die mich aufregen: Wulff schreibt ein vor Selbstmitleid und Realitätsverleugnung triefendes Buch, irgendwelche Spießer klagen gegen einen Kindergarten/ein Altersheim/ein Hospiz, weil sie sich in ihrer Ruhe gestört fühlen oder verkappte Salonrassisten wettern gegen irgendeine Moschee. Ab und zu ist es jedoch nicht der Inhalt, der mich wütend macht, sondern die Art und Weise der Berichterstattung. Insbesondere, wenn mit Manipulation und subtiler Propaganda gearbeitet wird.

Zum Beispiel berichtete das Hamburger Abendblatt vor ein paar Tagen über eine Gruppe von Menschen, die sich für die Lampedusa-Flüchtlinge einsetzen. Es ging um eine Petition, die auch einige bekanntere Persönlichkeiten unterschrieben hatten. Unter anderem auch einer, der in seiner Jugend mal bei der RAF war. Die Story wurde so aufgezogen: „(ehemaliger) TERRORIST unterschreibt Petition für Lampedusa-Flüchtlinge“. Hallo? Was hat denn das eine mit dem anderen zu tun? Nichts. Außer, wenn Stimmung gegen die Lampedusa-Flüchtlinge und ihre Unterstützer gemacht werden soll, ist die Vergangenheit von einem der Unterzeichner überhaupt nicht relevant. Womit ich selbstredend die terroristischen Taten der RAF nicht verharmlosen oder schönreden oder verteidigen oder sonstwas will. Was mich ärgert ist, dass dadurch von dem eigentlichen Problem abgelenkt wird. Durch die Diskussion über aus dem Zusammenhang gerissenen und für den gegenwärtigen Sachverhalt nicht entscheidenden Dingen wird das, worum es ursprünglich ging, vergessen und in den Hintergrund verschoben. Das ist sozusagen ein kalkuliertes, bewusst provoziertes Ersatzproblem.

Auch in der Auswahl dessen, worüber berichtet und dessen, was weggelassen wird, lässt sich subtil Propaganda ausüben. So wird derzeit ständig über die Fußball-WM geschrieben. Das ist ja im Prinzip auch in Ordnung, nur muss das ständig auf die Titelseite? Themen wie NSA-Affäre, Kriege, Unruhen, Unterdrückung, Massenmord und Elend überall auf der Welt rücken dann aus dem Fokus und die Menschen werden mit leichter Unterhaltung eingelullt und sind mehr oder weniger zufrieden.

Was ich außerdem etwas schräg finde, sind die Berichte von Nachrichtenagenturen, die vorgefertigt an diverse Presseorgane verkauft werden. Erstens nimmt man Redakteuren und Journalisten dadurch interessante Themen und einen Teil ihrer Arbeit weg. Zweitens steht dann überall das Gleiche und man bekommt als Leser nicht die Möglichkeit, verschiedene Sichtweisen auf einen Sachverhalt kennen zu lernen und miteinander zu vergleichen. Drittens sind diese vorformulierten Texte fürchterlich langweilig geschrieben und taugen nicht einmal zu Unterhaltungszwecken.

Sicher, man könnte jetzt anmerken, dass ein intelligenter Mensch diese Strategien ja wohl durchschaue und dass es für einen dummen Menschen eh nicht ratsam sei, sein beschränktes Gehirn überzustrapazieren. Doch ich denke, egal wie schlau man ist und selbst wenn man einen Teil der Manipulation durchschaut, kann man nicht verhindern, dass die subtile Propaganda Spuren hinterlässt. Man wird in eine bestimmte Richtung gelenkt, allein schon durch die Auswahl an vermittelten und verschwiegenen Informationen. Sich dagegen zu wehren und eine von sämtlichen Beeinflussungen unabhängige Meinung zu bilden, ist da meiner Ansicht nach gar nicht so einfach. Selbst, wenn man überzeugt ist, dass die eigene Meinung frei und selbstständig ist – den Einflüssen seines Umfelds (wozu die Medien auch gehören) vollkommen zu entgehen, ist meines Erachtens fast unmöglich.

Essai 123: Über den Umgang mit Idioten

9. Juni 2014

Da die Untergattung der Idioten innerhalb der menschlichen Spezies eindeutig in der Überzahl ist, ist es ratsam, sich mit ihnen zu arrangieren. Doch nach Lösungen zu suchen, wie das zuverlässig gelingt, ist eine Lebensaufgabe. Immerhin, ein paar Tricks und Kniffe, wie man mit Dummdödeln gut zurecht kommt, habe ich schon ausgetüftelt und an real existierenden Exemplaren erfolgreich erprobt. Bevor ich hier wieder als arrogante Intellektuelle da stehe: Ich meine mit „Idioten“ nicht Menschen mit niedrigem Intelligenzquotienten. Sondern ich meine damit Leute, die normal oder sogar überdurchschnittlich intelligent sind, sich aber wie Vollidioten aufführen, obwohl sie anders könnten.

Ich hege die Theorie, dass das Sich-idiotisch-aufführen als eine Art Selbstschutz dient. Vermutlich halten sich die Betroffenen insgeheim für Totalversager und damit das keiner merkt, spielen sie nach außen hin den von sich selbst überzeugten Supermacker. Nur leider scheint das, was wir insgeheim von uns denken, immer irgendwie nach draußen durch und macht sich in der Ausstrahlung bemerkbar. Vielleicht kann man das als Außenstehender nicht immer gleich erklären, warum der andere einem seltsam erscheint, doch man merkt, dass er unauthentisch ist und nicht im Einklang mit seinem Selbstbild handelt.

Das allein ist ja noch nicht schlimm. Wenn Derjenige nur ein wenig aufgesetzt wirkt, aber trotzdem bemüht ist, freundlich und höflich zu sein, kann man ihm ja einfach seinen Selbstschutz lassen. Doch was tun, wenn Derjenige es so dermaßen übertreibt, dass er wie ein eingebildeter Fatzke, arroganter Klugscheißer, unhöflicher Angeber oder bornierter Vollpfosten rüberkommt? Dann wird’s knifflig.

Zunächst sollte man sich dann fragen: Muss ich mit dem Idioten klar kommen oder kann ich ihm auch ohne großen Aufwand aus dem Weg gehen und ihn sein Leben leben lassen, während ich meinem Seelenfrieden fröne? Ist Letzteres der Fall, sollte man auch schlichtweg Letzteres tun. Es sei denn natürlich, man ist selber ein Idiot und macht gern einen auf Streithammel. Dann kann man sich freuen, einen Seelenverwandten gefunden zu haben.

Ist man jedoch wie ich pazifistischer und pragmatischer veranlagt, sollte man versuchen, eine Basis zu finden, auf der der Idiot nicht allzu sehr nervt. Als kurzfristige Lösung funktioniert die Strategie „lächeln, nicken, ‚Arschloch‘ denken“ immer ganz gut. Langfristig aber wird der Vollpfosten irgendwann die Strategie durchschauen und dann kommt man in Erklärungsnot. Unangenehm.

Es ist also schon wichtig, dass man dem Dummdödel Kontra gibt und so ehrlich wie möglich mit ihm redet. Ich bitte vielmals um Pardon, dass ich hier überwiegend die männliche Form gebrauche, aber leider sind die Idioten, die ich meine, häufig männlich. Liegt vermutlich daran, dass Männer ständig glauben, ihre Männlichkeit beweisen zu müssen, die auf völlig veralteten und überdies albernen Prämissen beruht. Das fragile Selbstbild des sich zur Männlichkeit verpflichteten Mannes bedarf eben eines besonders starken Selbstschutzes.

Ich warte immer ein wenig ab, wie weit ich in Richtung Ironie, Sarkasmus und ehrlicher Meinungsäußerung bei einem Idioten gehen kann beziehungsweise bis es mir wurscht ist, ob ich dem Vollpfosten auf den Schlips trete, weil er sich so bescheuert aufführt, dass er es nicht anders verdient hat. Und dann sage ich einfach direkt und furztrocken, was ich von ihm halte. Mit Menschen, die ich mag, bin ich immer etwas feinfühliger, vorsichtiger, behutsamer und netter – da sage ich meine Meinung nur, wenn man mich nach Selbiger fragt, formuliere sie freundlich, mit differenzierter Begründung und unter Berücksichtigung des jeweiligen Kontextes. Mitunter führt das dazu, dass man mich nicht versteht, aber geradeheraus und holterdipolter bin ich eben nur, wenn mir jemand so auf die Nerven geht, dass meine Geduld aufgebraucht ist und mir seine Gefühle wumpe sind.

Jedenfalls habe ich schon ein paar Mal festgestellt, dass man sich mit dieser direkten, spöttischen Art den Respekt von Idioten verdient. Und schon sind sie gar nicht mehr so idiotisch wie man anfangs dachte. Also, es lohnt sich durchaus, ab und zu etwas Verständnis auch für Vollpfosten aufzubringen, nicht beleidigt zu reagieren, wenn sie sich bescheuert benehmen und ihnen stattdessen mit schonungsloser Offenheit zu begegnen. Nur wie man mit völlig humorlosen oder aggressiven Idioten umgeht, konnte ich noch nicht herausfinden. Da ist Ehrlichkeit nämlich nicht immer unbedingt empfehlenswert.


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