Essai 36: Über Diskussionen

Diskussionen können eine große Bereicherung für den Intellekt sein, indem sie uns helfen unseren Horizont zu erweitern, sie können auch eine große Bereicherung in zwischenmenschlichen Beziehungen sein, weil man lernt, den anderen zuzuhören, sich eine Meinung zu bilden und diese sachlich zu äußern und mit Argumenten zu untermauern.

Können – müssen sie aber nicht. Denn der positive Aspekt von Diskussionen setzt voraus, dass alle Beteiligten vernünftig denkende Leute sind und dass man auf der Inhaltsebene bleibt anstatt persönlich zu werden.

Die Welt ist aber nun mal eben ein großer Kindergarten und so diskutiert man lieber die blödsinnigsten Dinge aus, als dass man sich wirklich austauscht. Was ich ganz besonders schön finde, ist, wenn man anfängt über Gefühle zu diskutieren. Das ist natürlich großer Mist, weil man über Gefühle gar nicht sachlich sprechen kann, aber dennoch ist es in Paarbeziehungen beispielsweise immer wieder ein beliebtes Spielchen, um dem anderen zu zeigen, wo der Hammer hängt und wer die Hosen anhat und so.

Ich hab das noch nie erlebt, dass der Satz „Schatz, lass uns über unsere Beziehung reden“ zu irgendwas Tollem geführt hätte. Natürlich sollte man sagen, wenn einen etwas stört, aber dann sagt man es und gut ist. Da braucht man nicht groß zu diskutieren. Und was kommt denn nach der Diskussion? Entweder sie artet zum Streit aus oder man geht friedlich auseinander. Selbst wenn man friedlich aus der Diskussion herauskommt, ist denn das Problem damit gelöst?

Nö.

Denn schließlich müsste man dafür handeln, was man aber nicht tut, wenn man statt dessen mit Reden beschäftigt ist. Bei mir persönlich bleibt nach solchen Gesprächen immer ein fahler Nachgeschmack. Klar, man hat sich ausgetauscht und das ist schön, aber es hat etwas Künstliches an sich. Und wenn man dann nach ein paar Wochen merkt, dass nichts von dem, was man gesagt hat, bei dem anderen hängengeblieben zu sein scheint und man selber auch merkt, dass man zwar intellektuell verstanden hat, was der andere wollte, es aber einfach nicht auf die Reihe kriegt, dann ist das mehr als frustrierend.

Deswegen bin ich in Beziehungen eher für das Handeln, als für das „Drüber reden“. Kurz ansprechen, wenn es nicht klappt nochmal ansprechen und jedesmal in der Situation, die einen stört, dann hat das vielleicht irgendwann Erfolg. Aber Diskussionen bringen nichts.

Was ich auch unerträglich finde, sind Leute, die aus allem eine Diskussion machen müssen. Man könnte meinen, dass sei sowas wie eine Sucht bei denen. Da kann man dann nicht mal eben was sagen und der andere nimmt es zur Kenntnis und versucht es in die Tat umzusetzen. Nein, da muss dann auf alles mit „Ja, aber…“ geantwortet werden. „Machst du morgen den Abwasch und ich dann heute?“ „Ich würde ja gerne den Abwasch morgen machen, aber du hast noch nicht den Rasen gemäht.“ „Hä? Was hat denn der Rasen damit zu tun?“ „Ja, ich seh das einfach nicht ein, dass ich immer Rasen mähen muss. Du kannst ja auch mal.“ und so weiter. Das macht mich wahn-sin-nig. Das Ganze dann auch noch garniert mit Totschlagargumenten (Wieso ich, warum nicht du?) und Themensprüngen (Ich wäre ja zum einkaufen gefahren, aber deine Füße stinken), so dass man schon voll drin ist in einer idiotischen, richtungslosen Diskussion, aus der man nicht mehr herauskommt, außer indem man aus dem Zimmer rennt, die Tür zuknallt und sich wie ein Vollidiot aufführt.

Es ist nunmal eben einfach so: Mit manchen Leuten kann man nicht reden.

Advertisements

Schlagwörter: , ,

3 Antworten to “Essai 36: Über Diskussionen”

  1. isa09 Says:

    Mir ist zu dem Thema letztens noch was eingefallen. Es gibt nicht nur Leute, die aus allem eine Diskussion machen müssen, es gibt auch Leute, die diskutieren grundsätzlich unfair. Die gehören auch zur Gattung derer, mit denen man nicht reden kann. Solche Menschen darf man um Gottes Willen nicht kritisieren, denn dann hat man eine dieser unfairen Diskussionen am Hals. Wobei, bei Diskussionen kommen ja eigentlich beide Parteien zu Wort…
    Bei den kritikresistenten Kandidaten allerdings muss man sich auf eine Salve an Vorwürfen und gegebenenfalls Beleidigungen gefasst machen, auf die man allenfalls deeskalierend reagieren kann, aber keinesfalls, indem man diskussionstypisch Ansichten austauscht.
    Meistens endet das damit, dass man nur noch „Ja, du hast Recht. Nein, sicher, das hab ich in den falschen Hals gekriegt. Mhm. Ja. Tut mir leid. Kommt nicht wieder vor“ sagen kann, sicher aber nicht das, was man wirklich denkt („Hallo? Hast du sie noch alle? Wieso ist denn auf einmal alles meine Schuld?“). Wahnsinnig anstrengend. Solchen Leuten sollte man möglichst aus dem Weg gehen und wenn das nicht möglich ist, dann zumindest keine „Diskussion“ mit ihnen anfangen, indem man ihnen seine ehrliche Meinung sagt. Nö, bei solchen Leuten sollte man einfach die Klappe halten und sich seinen Teil denken. Erstens erspart man sich damit jede Menge Ärger und Zweitens sieht der andere sein Unrecht so oder so nicht ein, da braucht man ihn auch gar nicht erst drauf anzusprechen.

    Gefällt mir

  2. Essai 151: Über das nervige Wörtchen “Hm” | Isa09 - Angry young woman Says:

    […] wirken könnte als “Hm”. Oder weil ich denke, dass meine Meinung zu einer sinnlosen Diskussion führen könnte, die ich für nicht konstruktiv halte, weil dann am Ende trotzdem noch alle ihre […]

    Gefällt mir

  3. Essai 155: Über stilvolles Beleidigen | Isa09 - Angry young woman Says:

    […] dass die einen auf ihr Niveau herunterziehen und mit Erfahrung schlagen, wenn man sich auf eine Diskussion mit ihnen einzulassen versucht. In der Folge wirft man sich gegenseitig stillose Beleidigungen an […]

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: