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Essai 96: Über die Kunst der Zicken-Bändigung

2. Dezember 2012

Die Welt ist voll von anstrengenden Mitmenschen, Narzissten, Egoisten und anderen Nervensägen. Das ist Fakt, aber kein Grund zum Verzweifeln. Das fällt den anstrengenden Zeitgenossen nämlich erstens sowieso nicht auf und zweitens – selbst wenn – es interessiert sie überhaupt nicht. Zwar kann das, was Nervensägen so anstrengend macht, die unterschiedlichsten Formen annehmen, aber eine Gemeinsamkeit haben alle Quälgeister auf dieser Welt: Es geht immer nur um sie. Dabei merken sie auch überhaupt nicht, dass sie nerven. Im Gegenteil, sie erwarten, dass man für ihre Riesen-Superprobleme ganz viel Verständnis und Rücksicht aufbringt und um Gottes Willen nicht auch noch das Gleiche im Gegenzug von ihnen erwartet. Dafür fehlt ihnen dann die Zeit oder sie haben dafür grad keinen Kopf und dieser Stress immer und überhaupt. Da möchte man am liebsten das Weite suchen, sich aufs Sofa kuscheln, eine flauschige Katze knuddeln und heiße Schokolade trinken und dabei einen spannenden Krimi lesen. Geht aber meistens nicht, Mist, Moppelkotze und Mäusedreck. Was also tun? Das Beste ist, man eignet sich den einen oder anderen kleinen Trick aus der Kunst der Zicken-Bändigung an, damit man mit anstrengenden Leuten so gut es geht auskommt. Denn ändern werden sie sich nicht. Meine Forschungen auf diesem Gebiet sind allerdings noch lange nicht abgeschlossen, das wird wohl eine lebenslange Aufgabe werden. Aber immerhin bin ich inzwischen zu alt, um jung zu sterben, also den einen oder anderen Kniff habe ich schon ausklamüsert.

1.) Nichts persönlich nehmen und innere Distanz wahren.

Das ist natürlich nicht immer einfach, gerade, wenn man mit der (weiblichen oder männlichen) Zicke, die sich gerade einen selbst als Opfer ihrer Nervattacken auserkoren hat, verwandt oder befreundet ist. Da nimmt man eher mal eine schnippische Bemerkung, eine Provokation oder eine Aufforderung zum Machtkampf persönlich und rutscht ins nervenzersägende Spielchen hinein, merkt es aber erst, wenn’s schon zu spät ist. Aber irgendwann weiß man ja, wie der andere tickt und weiß auch selbst, worauf man immer wieder anspringt. Beim nächsten Mal kann man dann versuchen, innerlich „Stopp“ zu rufen, sich daran zu erinnern, dass der andere eine Zicke ist und man ihn nicht wird ändern können und sich von der inneren Haltung her von der Situation distanzieren. Das klappt wahrscheinlich erstmal nicht auf Anhieb, aber wenn man das Problem erstmal erkannt hat und weiß, woran es liegt, kann man das jedes Mal üben und dann wird es mit jedem Mal ein bisschen besser. Immer daran denken: Der Zicke geht es nur um sich selbst, ihre Anfälle von Quälgeisttum sind nicht mein Problem, sondern ihr Problem.

2.) Ruhe bewahren und geduldig sein.

Ja, ich weiß, das fällt einem schwer. Da trampelt einer unermüdlich auf den eigenen Nerven herum und kümmert sich einen Scheiß um die Gefühle anderer Leute und das soll man nicht persönlich nehmen? Wie gesagt, das muss man üben, eventuell ein Leben lang. Aber mit jedem Versuch wird es ein bisschen besser. Oder zumindest weniger schlimm. Auch leichter gesagt als getan ist der zweite Tipp zur Zicken-Bändigung: Ruhe bewahren und geduldig sein. Es ist ja nicht persönlich gemeint, dass der andere so anstrengend ist. Der ist einfach so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass er wirklich glaubt, seine Probleme wären die größten, wichtigsten und schlimmsten auf der ganzen Welt. Eigentlich muss man mit den Zicken ja fast schon ein bisschen Mitleid haben. Aber man muss es ja nicht gleich übertreiben. Mit ihnen auskommen reicht ja fürs Erste. Da hilft es wirklich, sich nicht über den anderen aufzuregen und möglichst geduldig zu bleiben. Vielleicht entspannt sich die Zicke dann auch ein wenig und reduziert ihr Anstrengendsein auf ein erträgliches Maß. Viele Zicken sind nämlich deswegen so nervig, weil sie kein Vertrauen in ihre Mitmenschen haben und dann lieber von vorneherein kratzbürstig auftreten, nach dem Motto: Angriff ist die beste Verteidigung. Mit Geduld, Ruhe und Zeit gewinnt man jedoch allmählich das Zutrauen der Zicke und sie wird ein wenig netter. Aber nicht heucheln hier, ne, das ist geschummelt. Das merkt die Zicke und verliert noch mehr das Vertrauen und das macht logischerweise alles nur noch schlimmer. Also, tief durchatmen, bis zehn zählen, mental und mantraartig wiederholen „es ist nicht persönlich gemeint“ und der Zicke klar machen, dass sie nichts zu befürchten hat und dass ihre pampige, auf Krawall gebürstete Art, bei einem nicht nötig ist.

3.) Den anderen akzeptieren, wie er ist und Rettungsversuche unterlassen.

Ich kann es nicht oft genug wiederholen: Man kann andere Menschen nicht ändern, man kann nur sich selbst ändern. Bei Zicken ist das genau so. Es bringt also überhaupt nichts, zu hoffen, der andere würde von alleine weniger anstrengend oder sich vom Quälgeist zum Friedensengel entwickeln. Wenn man das einmal begriffen hat, ist man gleich viel entspannter, weil man ja sowieso nichts dagegen tun kann. Wenn man die Zicke jedoch akzeptiert wie sie ist und aufhört, ihr helfen, sie retten oder sie ändern zu wollen, dann fühlt man sich für ihre Ausbrüche von Querulantentum auch nicht mehr verantwortlich und quält sich nicht mehr so damit. Und wenn sie dann meckert, motzt und jammert, lässt man sie einfach machen und denkt sich seinen Teil (innere Distanz), wartet geduldig ab (Ruhe bewahren) und versucht nicht, sie zu ändern (sie so akzeptieren, wie sie ist), dann merkt sie vielleicht – ganz vielleicht – dass sie bei einem selbst weniger Grund zum Lamentieren hat. Und mit der Zeit wird vielleicht aus der Zicke ein Zicklein.

Hat sonst noch jemand Erfahrungen auf dem Gebiet der Zicken-Bändigung? Dann her mit euren Tipps! Bin gespannt, welche Tricks es da noch gibt, um mit anstrengenden Leuten klarzukommen.

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Essai 91: Über selbsterfüllende Prophezeiungen

13. Juli 2012

Wie es der Zufall so will, ist heute mal wieder Freitag, der 13. und in den sozialen Netzwerken kursiert die Frage: Was tun? Dran glauben und sich verkrümeln oder drauf gepfiffen? Die meisten antworten todesmutig, das sei doch alles Quatsch. Ich aber glaube, das ist mit Freitag, dem 13. genau so, wie mit allen Glaubensfragen, ob es sich nun um Religion oder Aberglauben handelt, ist ja eh das gleiche Prinzip. Bevor mich nun alle hauen, weil ich sämtlichen Glaubens-Kladderadatsch in einen Pott geschmissen habe, möchte ich kurz erklären, warum ich keinen Unterschied zwischen Glauben und Aberglauben mache:

Heute geht es mir um die Macht der Autosuggestion oder anders gesagt, der selbsterfüllenden Prophezeiungen. Machen wir mal eine kleine Zeitreise, in eine Zeit, als es noch keine drei großen Weltreligionen gab, die unterschiedliche Bezeichnungen für vergleichbare Phänomene zum Anlass nehmen, sich dauernd zu streiten und sich gegenseitig die Köpfe einzuhauen. Es gab da einmal einen Mann, der hieß Ödipus. Sein Vater war König von Theben im antiken Griechenland und die glaubten damals an die Weissagungen eines Orakels. Dieses Orakel sagte also zum König: „Pass auf, König, deine Frau wird dir einen Sohn gebähren, der wird dich aber umbringen und seine Mutter heiraten.“ Der König dachte sich: „Oha. Das ist aber blöd, ich bin gern am Leben und Inzest ist ja auch irgendwie von wegen genetischer Vielfalt etwas fragwürdig. Bring ich den mal um, meinen Erstgeborenen“. Gesagt, getan. Na ja. Nicht ganz getan. Weil der König sich selbst nämlich nicht die Hände schmutzig machen wollte und er ja ohnehin auch Leute hat für so unangenehme Aufgaben, hat er einen Diener damit beauftragt, den kleinen Ödipus abzumurksen. Dann hat aber der kleine Ödipus den Diener so süß angeschaut, dass der das nicht übers Herz brachte und ihn dann lieber einer anderen Familie anvertraute. Als Ödipus größer war und nichts von seiner wahren Herkunft wusste, bekam er auch eines Tages vom Orakel eine Weissagung: „Pass mal auf, Ödipus. Du wirst deinen Vater umbringen und deine Mutter heiraten.“ Darauf dachte sich Ödipus ganz pfiffig: „Oha, das ist ja blöd, dann haue ich mal schnell ab, bevor ich meine Eltern ins Verderben stürze.“ Gesagt, getan. Unterwegs auf seiner Flucht vor dem Schicksal trifft er auf einen Verkehrsrowdy, der ihn in seinem Pferdewagen anrempelt. Als richtiger Mann kann man derlei Schmach natürlich nicht auf sich sitzen lassen und im Streit bringt Ödipus den Kerl um, nicht ahnend, dass das in Wirklichkeit sein Vater war. Er kommt nach Theben, das von der Sphinx besetzt gehalten wird und die erst gedenkt, zu verschwinden, wenn man ihr Rätsel löst. Wer aber ihr Rätsel löst, soll zur Belohnung die Königin zur Frau erhalten. Wir ahnen was passiert, die Sphinx sagt: „Was hat am Morgen vier Beine, am Mittag zwei und am Abend drei?“ Ödipus sagt: „Der Mensch, als Baby krabbelt er auf vier, als Erwachsener läuft er auf zwei und als alter Mensch stützt er sich auf seinen Krückstock, läuft also auf drei Beinen“ und zack – bekommt er die Königin zur Frau. Dass das seine leibliche Mutter ist, erfährt er erst etwa 20 Jahre und vier Kinder später, woraufhin er sich die Augen aussticht, mit der Nadel, mit der sich zuvor die Königin umgebracht hat.

Hätte Ödipus‘ Vater seinen Sohn einfach am Leben gelassen und auf die Weissagung des Orakels nichts gegeben, wäre gar nichts passiert. Hätte Ödipus gleichermaßen die Weissagung des Orakels ignoriert, wäre auch nichts passiert. Man kann sich natürlich fragen, warum sie überhaupt das Orakel befragt haben, wenn das immer so furchtbare Weissagungen vom Stapel lässt, aber sonst gäbe es ja keine Geschichte. Sigmund Freud hat nun diese Geschichte zum Anlass genommen, sein psychoanalytisches Konzept des Ödipus-Komplexes und der Kastrationsangst auszuklamüsern. Mich interessiert aber ein anderer Aspekt: Der, dass Ödipus und sein Vater so sehr versucht haben, etwas zu vermeiden, dass es dadurch überhaupt erst eingetreten ist.

Somit kehren wir zurück in die Gegenwart und zum Freitag, den 13. Wenn ich jetzt den ganzen Tag über herumlaufe und denke: „Hoffentlich passiert nichts Schlimmes, hoffentlich passiert nichts Schlimmes!“ dann passiert garantiert irgendwas Schlimmes. Während ich dann versuche, der einen Katastrophe auszuweichen, laufe ich direkt in die nächste. Habe ich es gerade so eben geschafft, mich vor der schwarzen Katze, die von rechts nach links über die Straße juckelt, in Sicherheit zu bringen, bin ich vielleicht mit einem beherzten Sprung in den Brenesseln gelandet.

Diese selbsterfüllenden Prophezeiungen sind aber nicht nur am Freitag, dem 13. wirksam, sondern ganz allgemein. Wenn ich zum Beispiel mit der inneren Überzeugung durch die Gegend trotte, keiner habe mich lieb, immer hätte ich Pech und sowieso sei alles scheiße und die Welt schlecht und alle gemein zu mir, dann kann mich kein noch so freundlicher Mitmensch davon überzeugen, dass dem nicht so ist. Die innere Einstellung färbt nämlich meine Sichtweise und bewertet alles so, dass es zu ihr passt. Die Autosuggestion ist ziemlich hartnäckig und fühlt sich pudelwohl in unseren Wirklichkeits- und Identitätskonstrukten. Wir halten das dann für die Wahrheit, was die selbsterfüllende Prophezeiung uns einredet und stellen es nicht in Frage, weil das sonst unser Weltbild wie ein Kartenhaus zusammenplumpsem ließe und dann müssen wir alles neu wieder aufbauen und das nervt. Dann lieber Nervkram, den man schon kennt. Wie sehr man aber seine Mitmenschen damit nervt und quält, wenn man ihnen ständig mit Misstrauen begegnet, weil man sich durch Autosuggestion davon überzeugt hat, dass grundsätzlich alle einem Böses wollen und einem nach dem Glück trachten und alle neidisch sind auf einen, wegen was-auch-immer, das macht man sich nicht klar. Und irgendwann hat dann keiner mehr Lust, sich auch nur ansatzweise zu bemühen, den eingebildeten Pechvogel zu überzeugen, dass er es NICHT böse mit dem selbsternannten Unglückswurm meint, dass er alles versucht, um ihn glücklich zu machen und wenigstens einmal lächeln zu sehen, dass er sich allergrößte Mühe gibt, Verständnis und Empathie für das kleine Häufchen Selbstmitleidselend aufzubringen. Und wenn es dann soweit ist, dass selbst der geduldigste, netteste Mensch der Welt keine Lust mehr hat, alles Mögliche zu versuchen, um den Quälgeist aus seinem Sumpf zu holen, da derjenige sich auch offensichtlich darin wohl fühlt und gar nichts ändern will, dann hört der eben irgendwann mal auf damit, es zu versuchen. Und dann hat sich die Prophezeiung, dass alle einen eines Tages enttäuschen werden und alle gemein sind und man sich auf nichts und niemanden verlassen kann, von selbst erfüllt.

Das geht natürlich auch in die andere Richtung. Wenn ich zuversichtlich durch die Gegend hopse und mir sage, das wird schon alles irgendwie hinhauen, wenn ich mir etwas Mühe gebe und meinen Mitmenschen so lange wohlwollend begegne, bis sie mir konkret irgendwas getan haben (zum Beispiel mir ein beschissenes Zeitschriften-Abo unterjubeln), dann werde ich merken, dass die meisten Menschen einem ebenfalls freundlich begegnen und nicht aus purer Bösartigkeit oder weil sie grad nichts Besseres zu tun haben, sich irgendwelche Intrigen gegen meine Person ausdenken, irgendwelche Ränke schmieden und Verleumdungskampagnen anleiern. Natürlich gibt’s hin und wieder solche Psychopathen, die aus Spaß an der Freude böse zu allen sind. Aber die sind extrem selten. Meistens sind es doch irgendwelche verkappten eingebildeten Unglücksraben, die meinen, sie würden sich an der Welt rächen, bevor sich die Welt an ihnen rächt (warum auch immer die Welt mit so einem Mumpitz ihre kostbare Zeit verplempern sollte). Soweit kann die selbsterfüllende Prophezeiung nämlich auch gehen, dass man proaktiv einfach mal alle scheiße behandelt, weil die nämlich sonst eh vorgehabt hätten, einen scheiße zu behandeln, also kommt der Durchschnittsparanoiker allen potentiellen Feinden (also allen) einfach mal ganz ausgebufft zuvor: „Aber nicht mit mir, ich bin ein schlaues Kerlchen, jawoll, ich seh das nämlich an ihren Augen, Hahahaaa, dass die mir alle Böses wollen, die wollen an meinen Schaaaatz, und mich bestehlen und mich betrügen, aber denen werde ich zuvor kommen, wäre doch gelacht, Gnihihihi!“

Dabei ist es doch so viel entspannter, nicht ständig auf der Lauer sein zu müssen und nicht ständig neidisch und missgünstig auf andere Leute zu schielen und sich nicht immer den Kopf darüber zu zermartern, was andere haben und ich nicht, was ich aber gerne hätte und bla bla bla. Da wird man doch bescheuert bei. Es ist viel lustiger, einfach zu gucken, was man hat und daraus dann das Beste zu machen, anstatt immer nur herumzunölen, weil man dies oder das NICHT hat. Außerdem muss man ja wohl auch ein bisschen was dafür tun, wenn man was haben will. Sich einfach hinstellen und sagen, so, ich will das jetzt aber haben und zwar sofort! und dann aber überhaupt nichts dafür zu tun, ist nichts weiter als kontraproduktiv. Wenn mir jemand einen Haufen Mist vor die Füße knallt, habe ich etwa drei Möglichkeiten:

1.) Ich heule rum und versinke in Selbstmitleid und frage mich, wieso eigentlich immer mir der ganze Mist vor die Füße geklatscht wird und alle sind so gemein zu mir und keiner hat mich lieb und sowieso und überhaupt.

2.) Ich mache einen Riesenterz, verlange den Vorgesetzten des Mistlieferanten zu sprechen, schließlich könne das ja nicht angehen, die sollen sich um ihre Scheiße alleine kümmern und was das eigentlich solle, keiner außer mir arbeitet hier, um alles muss ich mich selber kümmern, die Welt hat sich gegen mich verschworen, und das ja keiner glaubt, ich hätte das nicht gemerkt, dass alle hinter meinem Rücken über mich tuscheln und die sägen alle an meinem Stuhl, weil ich denen zu gut bin und das weiß bloß keiner zu schätzen und… Zack: Burnout, Magengeschwür, Herzinfarkt.

3.) Ich schau mir den Misthaufen genauer an, überlege kurz, was man draus machen könnte und verkaufe den Dreck als Bio-Dünger. Schon habe ich aus Scheiße Gold gemacht.

Nun kann sich ja jeder aussuchen, welche Einstellung er als am zweckdienlichsten erachtet. Genau so, wie negative selbsterfüllende Prophezeiungen einen erst Recht ins Unglück stürzen, können positive selbsterfüllende Prophezeiungen einem helfen, die Dinge, die einen im Leben stören, anzupacken und zu ändern.

So, und jetzt reicht’s mir für heute mit der Küchentischpsychologie.

Essai 81: Über Leute, die sich für was Besseres halten

31. Januar 2012

Gibt es etwas Schlimmeres, als Leute, die sich für was Besseres halten? Dieser ganze elitäre Haufen Snobs geht einem doch fürchterlich auf den Keks. Mein Haus, mein Auto, mein Pool, meine Fresse! Wenn es eine Sache gibt, die mir einfach mal komplett nicht imponiert, dann sind das Statussymbole. Und ich pfeife auch auf Markenklamotten. Es ist mir wurscht, ob die Handtasche nun von dieser Firma mit dem Reiter im Logo ist, oder nicht. Es ist mir auch egal, ob die Turnschuhe nun von der Firma ist mit den drei Streifen oder von der mit dem Panther oder was auch immer vorne drauf. Und wenn man meint, mir erzählen zu müssen, wie ungemein angesagt das gerade ist, was man trägt, kann man von mir nicht mehr als ein müdes Achselzucken erwarten.
Nicht minder anstrengend sind geltungssüchtige Narzissten mit ausgeprägtem Mangel an Selbstwertgefühl, die einem permanent vor der Nase herumhopsen und einem ständig unter selbige reiben müssen, was sie alles können, was sie alles wissen und wie total toll sie sind. Ich habe wirklich Interessanteres mit meiner Zeit anzufangen, als ständig Groupie für irgendwelche aufmerksamkeitsgeilen Pappnasen zu spielen, die sich selbst keine Sekunde aushalten und deswegen ständig allen anderen auf die Nerven gehen müssen.
Ganz schlimm sind aber die, die sich für was Besseres halten und so tun, als hielten sie sich nicht für etwas Besseres. Die tragen dann zum Beispiel so einen seligen Gesichtsausdruck spazieren um allen zu zeigen, wie wunderbar mit sich im Reinen sie sind. Und weil sie so zufrieden mit sich sind, müssen sie das auch gleich mit allen teilen. Zum Beispiel, indem man furchtbar betroffen tut und den anderen bedauert, da er ja nicht so selbstzufrieden scheint und der andere fühlt sich plötzlich so, als sei er unheilbar krank, dabei war er bis eben noch soweit ganz glücklich mit seinem Leben.

Schließlich und endlich gibt es aber noch die Schlimmsten der Schlimmen, die sich für etwas Besseres halten. Das sind dann die, die irgendwelche Essais über Leute schreiben, die sich für was Besseres halten und diese kritisieren und sich dabei erst recht als was Besseres vorkommen.

Essai 64: Über die nervtötende Kombination von Geltungssucht und Intelligenzmangel

1. August 2010

Sicher, niemand hat das gern, wenn er permanent von allen ignoriert wird. Allerdings besteht meiner bescheidenen Meinung nach ein kleiner Unterschied zwischen dem natürlichen Bedürfnis nach Aufmerksamkeit von Seiten derer, die einem selbst etwas bedeuten und dem Gieren nach Aufmerksamkeit von Seiten aller.

Die Aufmerksamkeitsgier – oder Geltungssucht – raubt den Mitmenschen nämlich den letzten Nerv. Wahrscheinlich kennt jeder diese anstrengenden Zeitgenossen, deren vorherrschende Haltung „Guck mal, guck mal, guck mal!!!“ nonverbal herauskrakeelt. Na gut, nicht immer nonverbal. Manchmal formulieren sie in genauso wenig pflegeleichter Art und Weise laut ihre Hauptmotivation, aus der sie ihre ausschließliche Daseinsberechtigung rechtfertigen. Nämlich dass sie der Mittelpunkt der Welt sind und auch erwarten, dass alle anderen das genauso sehen. „Ich… mein Problem ist… ich bin ja so der impulsive Typ… “ bla-bla-bla

Das ist ja schon kaum zu ertragen, wenn man es mit einem einigermaßen intelligenten Geltungsjunkie zu tun hat. Aber es geht noch viel, viel schlimmer: Kombiniert man Aufmerksamkeitssucht nämlich mit Dummheit, gehen diese Menschen auch noch in die Medien, um wirklich die ganze Welt mit ihrer Omnipräsenz zu beglücken.

Ich könnte jetzt einige mehr oder weniger prominente Beispiele nennen, aber ich habe mir vorgenommen, diese zu ignorieren. Ich gehe mal davon aus, dass dem geneigten Leser auch ohne mein Zutun bei der Erwähnung von Geltungssucht gepaart mit Dummheit so der eine oder andere Name einfällt.

Zum Beispiel die, die immer mal wieder irgendwelche abenteuerlichen Banalitäten zum Besten gibt, meist weniger im linken Spektrum angesiedelte, polemische Phrasen, die als Schlussfolgerung immer den Alt-68ern die Schuld geben, dass Frauen heutzutage doch allen Ernstes die gleichen Rechte wie die Männer einfordern. Zuletzt waren die Alt-68er Schuld an der Katastrophe der Duisburger Loveparade.

Oder die, die mit Anfang 20 einen beinahe 50-Jährigen geheiratet hat, sich von ihm neue Brüste hat spendieren lassen, um ihre – ähäm – „Karriere“ als „Gelegenheitsmodel“ anzukurbeln, dann lustig fremdknutscht und sich auch noch dabei medial erwischen lässt und sich dann tatsächlich auch noch wundert, wenn der Mann die Scheidung einreicht. Und dann sich einem Verhör Interview einer großen deutschen Unterhaltungs-Tageszeitung stellt, um einfach mal rumzuheulen, wie gemein die ganze Welt zu ihr ist.

Ja, da fallen einem sicher die einen oder anderen Individuen ein, die ständig mehr oder weniger ungefragt ihre nicht im Geringsten interessante, wissenswerte Meinung oder ihr nicht im Geringsten interessantes, wissenswertes Privatleben unter die Nase reiben müssen. Mehr oder weniger ungefragt deswegen, weil genau darin das Problem liegt. Es gibt immer wieder Trottel, die sie eben DOCH nach ihrer Meinung und ihrem Privatleben befragen. Die es sich nicht verkneifen können, diesen geltungssüchtigen Schwachmaten eine Plattform zu bieten. Natürlich tun dann die Leute, die den Fehler begangen haben zu fragen, so als würde es sie gar nicht interessieren, was die Intelligenzbenachteiligten an Debilitäten vom Stapel lassen. Als würden sie über diesen Kretins drüberstehen und sich über sie lustig machen.

Am besten aber wehrt man sich gegen Geltungssüchtige, indem man sie einfach reden und machen und ihnen auch nicht mehr Aufmerksamkeit zukommen lässt, als allen anderen auch. Der Trick liegt darin, dass man so tut, als sei man interessiert an des Selbstdarstellers neuesten Heldentaten, und sich seinen Teil dabei eben nur denkt, um Himmels Willen aber nie laut äußert. Hilfreich sind dabei dezentes Kopfnicken und ein freundliches „Mhm“ von Zeit zu Zeit. Und am Besten, man lässt dumme Aufmerksamkeitsjunkies keine Interviews geben. Und wenn sie auf irgendwelchen dubiosen Verschwörungsparanoiker-Verlagsseiten ihren geistigen Dünnpfiff verzapfen: Einfach ignorieren. Schließlich sind sie da unter Artgenossen und Gleichgesinnten und das ist schön. Aber den Rest der Welt damit beehren, das tut nun wirklich nicht Not.

Essai 57: Über Menschenbilder und Sozialcharaktere

20. Februar 2010

Ich hab in der Zeitung mal wieder was entdeckt. Zur Abwechslung mal nichts Ärgerliches, sondern etwas, das ich interessant fand. Es ging um den heute vorherrschenden „Sozialcharakter“, das heißt um das Menschenbild, das zur Zeit „in Mode“ ist. Sei es zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch der „autoritäre Charakter“ gewesen, so ist es im 21. Jahrhundert nun der „histrionische Charakter“ der en vogue ist. „Histrionisch“ heißt soviel wie hysterisch oder theatralisch. Und das fand ich interessant, das ist mir nämlich auch schon aufgefallen, ich hätte nur keinen so griffigen Namen wie „histrionischer Sozialcharakter“ für dieses Phänomen gehabt, sondern eher sowas Umständliches wie: „Lauter nervige, penetrante, geltungssüchtige, künstliche, unauthentische, kreischige, strunzdumme Schaufensterpuppen, die völlig hysterisch und aufgesetzt im Fernsehen völlig ungefragt allen ihr nicht im Geringsten interessantes Privatleben unter die Nase reiben.“

Auch wenn ich gestehen muss, der Unterhaltung wegen ganz gerne mal DSDS zu gucken, ist es doch auffällig, dass die jungen Leute sich da alle auf ein und dieselbe Weise gebahren. Sie verziehen das Gesicht zu Grimassen, werfen die Arme in die Luft und kreischen „OhmeinGott-OhmeinGott-OhmeinGott“, fangen schlimmstenfalls auch noch an zu flennen, weil sie gerade „Hero“ von Mariah Carey jaulend ihrer toten Katze gewidmet haben und überhaupt ist das alles wahnsinnig (und ich meine: wahnsinnig) „emotional“ und so.

Ja.

Ich hab ja nichts gegen Gefühle. Wäre auch Quatsch. Gefühle sind da, ob sie einem passen oder nicht, und da muss man halt mit umgehen. Sie doof zu finden wäre da nicht sehr konstruktiv. Aber was ist denn das, dass alle so völlig hysterisch ihre „Emotionalität“ so zur Schau stellen müssen? Überhaupt, dass das heutige Menschenbild von uns erwartet – oder genauer gesagt, dass unser Verhalten dieses Menschenbild konstituiert – , dass man sich selbst so inszenieren muss. Und wenn hier von „man selbst“ die Rede ist, meint man damit das Gefühlsleben. Irgendwie ist es beinahe „verboten“ sich vernünftig von seinem gesunden Menschenverstand leiten zu lassen. Dann ist man nämlich gleich ein Spießer. Oder ein Streber. Oder beides. Und der Streber-Spießer ist das absolute Feindbild unserer Generation. Und das obwohl meine Generation wieder sich nach Spießigkeit sehnt (siehe meinen Essai über die neospießigen Anwandlungen meiner Generation).

Klar, jeder hat Gefühle und hin und wieder auch mal Gefühle zu zeigen ist sicher nicht schädlich. Aber meiner Meinung nach verfälscht man die echten Gefühle, wenn man sie dermaßen theatralisch aufbauscht. Echte Gefühle muss man nicht extra betonen, die zeigt man eher unbewusst, sogar gegen den eigenen Willen (Passiert mir ständig, ist ziemlich nervig). Wenn man aber seine eigene Persönlichkeit so inszeniert und seine eigene Identität über so kitschig-pathetische Dinge wie „Drama“, „Emotionalität“, „Tragödie“ und „Schicksal“ definiert und seine Gefühle stereotypisiert herausposaunt, wo bleibt dann „man selbst“? Was ist denn daran überhaupt noch echt?

Die Verfloskelung von Gefühlen erreicht bei solchen Leuten ihren Höhepunkt. Ständig hört man von den Kandidaten von Castingshows und Konsorten denselben Quark. Die ausscheidenden Kandidaten werfen sich beispielsweise auf die Knie – wie in einer ganz ganz schlimmen Schmierentragödie – und fangen an zu heulen: „Nein, bitte nicht, das ist mein Leben, das ist mein Leben!!!“ oder – auch sehr beliebt – „Nein, das ist doch mein größter Traum!!“. Die Kandidaten, die weiterkommen fangen meistens erstmal an, Mund und Augen gleichermaßen weit aufzureißen, die Hände ans Gesicht zu nehmen (als Zeichen des Erstaunens nehme ich an, weil sie ja gaaaar nicht damit gerechnet haben, dass sie weiterkommen), mit den Knien Schwung zu holen um dann laut kreischend und „Wuhuu!!!!“ krakeelend allen – inklusive Jury – um den Hals zu fallen.

Wenn man die Kandidaten interviewt, fragt man sie vermutlich auch, was sie in der heutigen Sendung gedenken zu tun. Da hört man dann auch immer denselben alten Mist: „Ja, ich will natürlich heute richtig kämpfen und abliefern und mehr Gefühl zeigen und richtig Gas geben.“

Aha. Wie auch immer.

Meiner Meinung nach ist das Überwältigungskino hollywoodscher Prägung nicht ganz unschuldig daran, dass sich das moderne Menschenbild in Richtung des selbstinszenierten, theatralischen, hysterischen, künstlich-emotionalen Hampelmann entwickelt. Und nicht nur das Kino, sondern die amerikanische Mentalität an sich, wie sie in diversen televisionären US-Importen in unsere heimischen Gefilde Eingang gefunden hat. Ich hab nichts gegen „die“ Amerikaner, aber ich mag diese überemotionale Selbstinszenierung nicht, die typisch amerikanische Machwerke in Metadiskursen verdeckt propagieren. So wird nämlich das Hysterische als normaler Gefühlsausdruck dargestellt und von den Hiesigen unbewusst als Normalität übernommen.

Es gibt viele richtig gute amerikanische Fernsehserien, davon auch viele meiner Lieblingsserien. Das ist leider das Problem mit den deutschen Fernsehserien, die sind entweder peinlichst schlecht (Telenovelas, Seifenopern und Konsorten) oder werden nach wenigen Staffeln abgesetzt, weil sie bei den Leuten, die so ein ominöses Quotenkästchen zu Hause haben nicht gut ankommen (sämtliche Ralf Husmann-Serien wie „Dr. Psycho“, „Der kleine Mann“ oder auch „Stromberg“) oder weil sie ohnehin zu nachtschlafender Zeit laufen. Also versuchen die Quotenjäger es dem Publikum recht zu machen, indem sie entweder gleich amerikanische Serien zeigen, oder indem sie auf ganz peinliche Art und Weise versuchen, amerikanischen Krams mit deutschen Schauspielern zu fabrizieren. Dass da nur Murks bei rumkommt brauche ich wohl nicht zu präzisieren. Wenn amerikanische Schauspieler einen emotionalen Ausbruch nach dem anderen simulieren dann kennt man das schon und man hat sich dran gewöhnt und übersieht das schon fast, dann kann man sich auch aller Ruhe der Handlung widmen. Aber wenn deutsche Schauspieler einen auf emotional machen ist das nur noch ein Anlass zur Fremdscham mehr. Es passt einfach nicht. Das gehört nicht zu unseren herausragenden Eigenschaften übertrieben emotional zu sein, jedenfalls in der Regel. Und das ist auch gut so. Die besten deutschen Komiker (Loriot, Dieter Nuhr) arbeiten genau mit dieser emotionalen Untertreibung und mit sprachlicher Präzision, die Pointen kommen nebenbei, ohne Lärm auf Samtpfoten durch das Hintertürchen und eh man realisiert hat, dass das gerade irre komisch war, ist die Pointe auch schon wieder verschwunden.

Das ist doch gerade spannend, dass es kulturelle Unterschiede im Umgang mit Gefühlen gibt und auf die kulturellen Unterschiede sollte man sich auch besinnen, einfach, damit es nicht langweilig wird. Zudem befürchte ich, dass dieser hyperemotionale Einheitsbrei dazu führt, dass man abstumpft.

Vielleicht muss ich das näher erklären: Dadurch, dass man es von den Medien gewohnt ist, dass einem übertriebene, pathetisierte, verkitschte, verfloskelte Gefühle vorgespielt werden, nimmt man nur noch diese übertriebenen, inszenierten Gefühle als Normalität, also als Wahrheit an. Das heißt im Umkehrschluss, dass man alles, was nicht so übertrieben ist, entweder gar nicht erst wahrnimmt, oder als nicht normal, also nicht echt, empfindet. Das führt insofern schließlich zu einer emotionalen Abstumpfung, weil man nur noch gekünstelte, aufgesetzte Emotionsausbrüche als echt empfindet, obwohl gerade diese nicht echt sind. Das Gespielte wird zur Realität und die frühere Realität wird als Lüge empfunden. Jemand, der nichts zu seinen echten, wahren, stillen Gefühlen hinzusetzt, wirkt plötzlich verschlossen, als hätte er etwas zu verbergen.

Irgendwie ist das doch verkehrte Welt, oder nicht? Die Lüge wirkt wie die Wahrheit und die Wahrheit wird als Lüge empfunden.

Da muss wohl jeder wählen, was ihm lieber ist.

Was aber meiner Meinung nach ganz wichtig ist, ist, dass man überhaupt wählt. Denn das ist dann eine bewusste Entscheidung, die man getroffen hat. Dann ist es nicht so, dass man unbewusst manipuliert wurde, dass man sich hat verscheißern lassen und völlig unkritisch das als Normalität empfindet, was einem als Normalität verkauft wird. Ich kann es nur immer wieder betonen: Man muss häufiger mal als gegeben erachtete Dinge hinterfragen. Oft sind sie nämlich nicht gegeben, natürlich oder normal, sondern inszeniert und konstruiert und unthematisiert.


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