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Essai 70: Über das Böse in Daniel Kehlmanns „Töten“

11. Dezember 2010

Dies hier ist ein Essai, den ich im Mai 2010 auf meinem Kulturjournalismus-Workshop in Saarbrücken in der Festivalzeitung des deutsch-französischen Bühnenkunst-Festivals „Perspectives“ veröffentlicht habe. Ich denke, da das ein spannendes Thema ist, über das sich gut diskutieren lässt, veröffentliche ich ihn zusätzlich hier. Kommentare, Fragen, Feedback sind natürlich wie immer willkommen.

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Unbegreiflich

„Wir nennen es ‚böse’, aber das ist irreführend. […]Weil sein Wesen eben der Mangel ist, und die Abwesenheit. Darum ist es ohne Kraft wie ohne Wirklichkeit …“, wird Augustinus zitiert in Daniel Kehlmanns Kurzgeschichte „Töten“ aus dem Erzählband „Unter der Sonne“.

Tatsächlich werden in „Töten“ zwei Konzepte des Bösen einander gegenübergestellt:

Zum einen ist da der Schäferhund des Nachbarn „mit spitz aufstehenden Ohren und länglichen roten Augen“, in denen nichts weiter als „stumpfe Bosheit“ zu sehen ist. Assoziationen aus der griechischen Mythologie drängen sich auf: Zerberus, der Höllenhund und Hüter der Unterwelt.

Zum anderen ist da der Junge, der laut Verlagstext in „zielloser Gewalt“ den „einzigen Ausweg aus der Langeweile der Sommerferien“ findet. Ein Artikel der FAZ über Kehlmanns Erzählband spricht davon, dass dem Jungen „die Sicherungen durchbrennen“ und von „Killerinstinkte[n]“, die in ihm geweckt würden. Ganz so einfach, wie diese Texte den Sachverhalt zusammenfassen, ist es allerdings nicht. Der Junge lässt einen Ziegelstein von einer Brücke auf ein fahrendes Auto fallen und provoziert einen Unfall (ob mit oder ohne tödlichen Ausgang, erfährt man nicht). Dann vergiftet er den Hund. Beide Handlungen sind durchaus gezielt. Er lässt bei vollem Bewusstsein und in absoluter Klarheit über die Konsequenzen den Stein fallen und wählt mit voller Absicht den Hund aus, um ihn mit Rattengift zu füttern. Der Junge geht ruhig und überlegt vor. Er wählt keine rohe Brutalität, um zu töten. Kehlmann hätte den Jungen ja auch jemanden abstechen und den Hund erschlagen lassen können. Aber der Junge tötet auf indirekte, distanzierte Weise. Er sieht nicht, wer im Auto sitzt, auf das er den Stein fallen lässt. Er bleibt nicht dabei, als der Hund stirbt. Er hört ihn verrecken, als er wieder im Haus ist.

Sicherungen brennen bei einem Amoklauf durch, nicht aber bei einer klaren, gezielten Handlung, deren Konsequenzen einem bewusst sind. Und Killerinstinkte implizieren, dass das Töten-Wollen in der Natur des Jungen liege, dass er eine Art wildes Tier sei, das einfach nicht anders könne, als zu morden. Der Junge aber hat die Möglichkeit, sich anders zu entscheiden. Da er bewusst, bei klarem Verstand handelt, könnte er ebenso gut den Stein in der Hand behalten und den Hund in Ruhe lassen.

Das Böse sei ein Mangel, eine Abwesenheit, sagt der Fernsehphilosoph in der Erzählung. Und genau darin liegt die Perfidie des Bösen in „Töten“. Es gibt keine Erklärung für das Böse, keine Motive, keine Gründe, keinen Anlass. Der Junge tötet nicht aus Spaß, nicht aus Neugier, nicht aus Langeweile, nicht aus Sadismus, nicht um sich selbst einen Vorteil zu verschaffen. Und doch ist da eine Sehnsucht nach Erklärungen. Der Junge sei gewalttätig, habe Killerinstinkte, ihm brennten die Sicherungen durch. Als sei der Junge nicht normal, als stimme mit ihm etwas nicht. Aber selbst das kann man über den Jungen nicht sagen.

Der Hund ist einfach böse, es liegt in seiner Natur. Als das personifizierte Böse stellt er einen Erklärungsversuch der Menschen für das Unbegreifliche dar. Die Erklärungsversuche sind verständlich. Das Unbegreifliche macht Angst, und die hat keiner gern. Doch genau das ist das Böse bei Kehlmann: Unbegreiflich.

(Isabelle Dupuis)

Zwischenbemerkung: Name meines Blogs

13. Dezember 2009

Doof, dass ich meinen Benutzernamen nicht wechseln kann, isa09 ist kein sehr aussagekräftiger Name für meinen Blog. Passender wäre – finde ich, Proteste können gerne in den Kommentaren verewigt werden – dass „angry young woman“ oder „die neuesten Leiden im www“ viel besser passen würden. Ersteres ist eine Anspielung auf John Osbornes Stück „Blick zurück im Zorn“ („Look Back in Anger“  – Oasis haben auch nichts erfunden), welches seinerzeit im England Mitte der 50er Jahre den Nerv einer Generation traf, die „die alten gesellschaftlichen Strukturen, die sich auch nach dem Zweiten Weltkrieg nicht wesentlich veränderten“ (Harenberg Schauspielführer, 2003)  ablehnten und dagegen zu rebellieren suchten. Nach Vorbild der Hauptfigur Jimmy wurden diese als „angry young men“ bezeichnet. Und hier kommt jetzt die Neuigkeit: Auch Frauen können stinksauer sein über die alten gesellschaftlichen Strukturen und auch im 21. Jahrhundert hat sich nicht übermäßig viel dahingehend geändert. Vielleicht ist alles schneller, lauter und hektischer geworden, einiges hat sich zugegebenermaßen tatsächlich auch verbessert … nichtsdestotrotz gibt es immer noch Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft, die wir ändern könnten, wenn wir wollten und wenn wir einfach mal die Augen aufmachten, aber das tun wir nicht, weil es ja unbequem ist. In einigen Aspekten haben wir sogar Rückschritte zu vermelden, was ist beispielsweise aus der weiblichen Emanzipationsbewegung geworden? Aber dieses Thema verdient wohl einen eigenen Beitrag …

Der zweite Name „Die neuesten Leiden im www“ ist natürlich eine Anspielung auf Goethes Werther und dessen DDR-Nachfolger „Die neuen Leiden des jungen W.“ von U. Plenzdorf. Auch hier geht es – unter anderem, beide Werke zeichnen sich durch ihre Polysemie (Vieldeutigkeit) aus – um ein Individuum, das gegen die starren gesellschaftlichen Strukturen rebelliert und dann damit scheitert. Vermutlich, weil sowohl Werther als auch Edgar versuchen allein gegen den Rest der Welt anzutreten und nur innerlich rebellieren, aber nichts wirklich Konkretes tun. Na ja und ich schwafel hier ja auch reichlich altklug rum, aber ändern tut sich dadurch auch nichts 🙂

Zumindest der Name meines Blogs wird sich dadurch nicht ändern, der bleibt wohl vorerst bei „isa09“.

Das (vorläufige?) Finale

24. August 2008

So, morgen früh ist der Abgabetermin für mein Medienkompetenz II-Projekt, das heißt, die Essai-Schreiberei hat jetzt erstmal ein Ende. Wobei nicht ausgeschlossen ist, dass es mich vielleicht mal wieder in den Fingern juckt und ich irgendwas mitteilen will. Aber das wird sich dann zeigen.

Der Beginn

20. April 2008

Dies ist nun mein erster Beitrag in meinem Blog, den ich im Rahmen eines Uni-Projektes für den Medienkompetenz II-Kurs anlege. Ich werde versuchen, jeden Tag einen kurzen Küchentisch-Philosophischen Essai zu posten. Mal schauen, ob mir das gelingt.

Die Idee mit den Essais ist zugegebenermaßen nicht so ganz neu. Inspiriert wurde ich von den Essais Woody Allens, der wiederum von den Essais Francis Bacons inspiriert wurde. Und dieser wurde mit Sicherheit auch von jemandem inspiriert.

Schon Montaigne, La Bruyère und auch Voltaire haben Essais über die Sitten und Eigenarten ihrer Mitmenschen geschrieben. Im großen und ganzen hat sich zwar nicht soviel geändert, die Menschen machen immer noch die selben Fehler wie vor 400 Jahren, aber dennoch will ich versuchen, diese Idee in die Neuzeit zu versetzen.


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