Posts Tagged ‘Verbitterung’

Essai 136: Über Neid und Missgunst

4. Januar 2015

In Sachen menschliche Abgründe gibt es so Einiges, was ich nicht verstehe, vermutlich auch nicht verstehen kann. Aber ich denke, viele dieser „dunklen Seiten“ der menschlichen Seele lassen sich auf die Verknüpfung von Neid und Missgunst zurückführen. Zum Beispiel wäre es pupsegal, ob irgendjemand mehr Geld, Macht, Einfluss, Sex oder sonstwas hat, wenn deswegen nicht irgendwer neidisch und missgünstig wäre. Allerdings gäbe es in diesem Fall in Literatur, Film und Theater nichts zu erzählen. Denn dann gäbe es keine Konflikte und eine Geschichte ohne Konflikte ist eine langweilige und überflüssige Geschichte.

Im wahren Leben aber finde ich ein bisschen Langeweile ab und zu ganz erholsam. Stattdessen wird man trotzdem ständig mit Neid und Missgunst konfrontiert. Das nervt.

Neid kennt vermutlich jeder irgendwie. Es ist dieser kleine Stachel, der einen piekst, wenn jemand etwas hat oder kann, was man selbst auch gerne hätte und könnte. Das allein ist ja noch nicht schlimm. So lange ich nur denke: „Och Menno, ich hätte auch gern so ein schickes Auto wie der Nachbar“ schadet das ja noch keinem. Man kann es sogar positiv nehmen (ich unverbesserliche Optimistin schon wieder, furchtbar! Entschuldigung) und als Ansporn sehen. Wenn man sich anstrengt, sein Bestes und Möglichstes gibt, dann kann man das vielleicht auch erreichen, was der andere hat oder kann. Wenn nicht, sucht man sich halt ein neues Ziel, ist ja bloß ein Auto.

Kommt aber Missgunst dazu, wird’s fies. Dann heißt es nicht mehr nur: „Schade, dass ich nicht auch so ein schönes Auto habe“, sondern „Wenn ich so ein schönes Auto nicht habe, darf der Nachbar es auch nicht haben! Der hält sich wohl für was Besseres, dieser Schnösel, dieser Emporkömmling, dieses arrogante Arschloch! Aaaaber mit mir nicht! Dem werde ich’s schon zeigen!“ Und schleichend setzt der Prozess der Verbitterung ein und man wird immer neidischer und immer missgünstiger und dabei immer irrationaler. Dann beherrschen Neid, Missgunst und Bitterkeit das ganze Leben.

Und gemäß dem Gesetz der selbsterfüllenden Prophezeiungen sieht man dann überall Gründe, um neidisch und missgünstig zu sein, fühlt sich permanent benachteiligt und bekommt dementsprechend auch nie so viel, wie man glaubt, wie einem zusteht. Ständig hat man Angst, zu kurz zu kommen und fühlt sich auch jedes Mal bestätigt, weil man es nicht anders erwartet. Immer muss man eine Extrawurst gebraten bekommen, weil man sich das wert ist und die anderen haben gefälligst die eigene Großartigkeit anzuerkennen und einzusehen, dass man diese Extrabehandlung durch seine pure Existenz, durch sein alleiniges Dasein verdient hat.

Man bekommt nie genug, weil die Ansprüche stets in gleichem Maße steigen, wie man etwas dazu bekommt. Um bei dem Auto-Beispiel zu bleiben: Hat man es tatsächlich mal geschafft, ein ebenso schickes Auto wie der Nachbar zu bekommen, bemerkt man, dass der Nachbar – was weiß ich – einen größeren Flachbildschirmfernseher hat als man selbst. Schwupps, geht das Spielchen von vorne los.

Nichts gegen ein wenig gesunden Wettbewerb, aber man kann es doch auch einfach mal gut sein lassen! Es ist doch bloß Zeug, verdammt noch mal! Kommt mal klar!

Allerdings wird es schwieriger, wenn sich Neid und Missgunst nicht auf materiellen Besitz beziehen, sondern auf ideelle Dinge wie Talente, Charaktereigenschaften und so. Das kann ja auch sein, dass man neidisch ist, weil jemand zum Beispiel sich richtig gut durchsetzen kann, während man selbst immer total lächerlich wirkt beim Versuch, Autorität auszustrahlen. Das kenne ich nur zu gut. Aber deswegen muss man nicht gleich missgünstig werden. Ich find’s toll, wenn Leute Durchsetzungsvermögen haben und nehme es als Anreiz, meine eigenen Wege zu finden, mich trotz sanftem, friedfertigem Gemüt durchzusetzen. Zum Beispiel durch Hartnäckigkeit.

Aber dann erlebe ich es immer wieder, dass Menschen scheinbar grundlos gemein, gehässig, herablassend und arrogant zu Leuten sind, die ihnen objektiv betrachtet überhaupt nichts getan haben. Da kommt dann die Missgunst dazu. Vielleicht ist man selber chronisch unglücklich und missgönnt es anderen, wenn die fröhlich und unbekümmert erscheinen. Dann muss man natürlich (weil man überzeugt ist, ein Opfer der Umstände zu sein und für sein Unglück nichts zu können) anderen ihr Glücklichsein gehörig vermiesen. Nach dem Motto „Wenn’s mir schon scheiße geht, soll es wenigstens allen anderen auch scheiße gehen, grummelbrummelistdochwahr!“

Ich muss gestehen, da ich nie länger als unbedingt nötig unglücklich bin und auch nur, wenn es einen konkreten Anlass dazu gibt, kann ich das wohl wirklich nicht so gut nachvollziehen, wie das ist, wenn man 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche aus Prinzip mit allem und jedem unzufrieden ist. Bei manchen steckt vielleicht auch eine psychische Erkrankung dahinter und kein mangelnder oder böser Wille.

Bei allen anderen aber wundere ich mich, wie man der Missgunst so ohne Weiteres kampflos das Feld überlassen kann? Außer einer Dauerscheißlaune, mit der man nach und nach alle Menschen aus seinem Leben vertreibt, weil die keine Lust mehr auf die ständigen Sticheleien, Vorwürfe und emotionalen Erpressungsversuche haben, hat man davon überhaupt nichts. Da kann man doch mit seiner Zeit, seinen Fähigkeiten, Möglichkeiten und seiner Energie weitaus Sinnvolleres anfangen.Vielleicht ist das aber auch total arrogant von mir, das so zu denken, weil es mir durch Zufall oder ich weiß nicht warum wie selbstverständlich leicht fällt, die Missgunst nicht gewinnen zu lassen.

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Essai 117: Über Leute mit eingebildeter schlimmer Kindheit

23. März 2014

Es gibt Menschen, die hatten tatsächlich eine schwere Kindheit – und es gibt Leute, deren Eltern haben ein paar Dinge getan, die nicht total in Ordnung waren und die diesen Umstand zum Anlass nehmen, sich Jahre später als Erwachsene wie die Vollidioten aufzuführen. Über Letztere möchte ich mich heute mal ein bisschen aufregen. Ich bin der Meinung, es ist Menschen, die wirklich Furchtbares in ihrer Kindheit erlebt haben, gegenüber nicht fair, wenn irgendwelche unreifen Egomanen mit unstillbarem Geltungsdrang sich mit ihren eingebildeten Problemchen wichtig machen.

Denn, seien wir doch einfach mal ehrlich, alle Eltern machen irgendwann irgendwas, was nicht hundertprozentig supertoll ist. Man darf nicht vergessen, dass Eltern auch nur Menschen sind, dass die auch manchmal müde, genervt, gestresst, schlecht gelaunt, überfordert – kurz: nicht in Höchstform – sind und dass sie infolgedessen halt auch nicht immer alles richtig machen können. Und da kann man natürlich als erwachsenes Kind Jahrzehnte später noch darauf herumreiten, dass die Eltern mal ungerecht waren, laut geworden sind oder sonst irgendwie doof reagiert haben, oder man macht irgendwann seinen Frieden damit und gut ist.

Es scheint mir, dass manche Leute sich jedoch davor scheuen, Verantwortung für ihre eigene Unperfektion zu übernehmen und dann alles darauf schieben, dass die Eltern angeblich das Geschwisterkind bevorzugt behandelt haben, dass ihnen einmal die Hand ausgerutscht ist (nicht regelmäßig und nicht mit Absicht) oder sonst irgendwas. Wenn man irgendeine Ausrede dafür braucht, sich wie ein egozentrisches Arschloch aufzuführen, dann findet man ganz bestimmt irgendwas in der Kindheit, was man zu einem Drama hochstilisieren und sich daran festbeißen kann. Dann heißt es plötzlich, das männliche Vorbild hätte gefehlt, weil der Vater die ganze Zeit arbeiten war oder die Mutter allein erziehend. Oder der Mutter wird vorgeworfen, dass sie arbeiten gegangen ist. Oder der Mutter wird vorgeworfen, dass sie nicht arbeiten gegangen ist. Oder dem Vater wird vorgeworfen, dass er zu viel zuhause war. Irgendwas ist immer. War die Anwesenheit der Eltern so weit in Ordnung, dass sich daraus nicht glaubwürdig eine unzumutbare Katastrophe basteln lässt, dann findet man eben etwas anderes. Als Einzelkind kann man herummoppern, dass man ja zum Egoisten werden musste, weil die Eltern einem ja kein Geschwister zur Seite gestellt haben und man somit nie lernen konnte, zu teilen. Wenn man Geschwister hat, findet man garantiert unumstößliche Beweise dafür, dass eines davon bevorzugt wurde. Deswegen hat man dann auch noch als Erwachsener Schiss, zu kurz zu kommen und ist dann besonders argusäugig darauf erpicht, sich alles unter den Nagel zu reißen, bevor es einem jemand wegnimmt.

Bei mehreren Kindern ist immer ein Kind dabei, das in manchen Bereichen mehr Unterstützung braucht als in anderen Bereichen. Das ist ganz normal. Auch wenn Eltern sich ganz fest vornehmen, alle Kinder gleich zu erziehen, gleich zu behandeln und gleich lieb zu haben, ist immer ein Kind dabei, bei der die löblichen Vorsätze nicht so zum gewünschten Erfolg führen. Nicht alle Kinder sind gleichermaßen verantwortungsvoll, pflichtbewusst und lernwillig. Die, die eher rebellisch sind, die lauter ihren Willen kund tun, die vielleicht in der Schule nicht so gut mitkommen, die irgendwie mehr Hilfe zu brauchen scheinen, bekommen naturgemäß mehr Unterstützung von den Eltern als die Kinder, die scheinbar problemlos auch auf sich selbst aufpassen können und von alleine ihre Hausaufgaben machen, für Klassenarbeiten lernen, ihr Gemüse essen und so weiter. Oft werden die jüngeren Geschwister daher scheinbar bevorzugt, weil sie einfach die Jüngeren und Kleineren sind und im Vergleich zum älteren Kind hilfloser wirken. Aber es kann auch vorkommen, dass das ältere Kind nicht so richtig klar kommt, warum auch immer, und dann braucht das mehr Unterstützung.

Da ist das doch nicht fair, wenn man deswegen Jahrzehnte später, wenn man schon längst ausgezogen ist, vielleicht sogar schon selbst eine Familie hat und Kinder, die man auf seine Weise verkorkst, den Eltern Vorwürfe macht und sich selbst küchentischpsychoanalysiert und sich hinstellt und sagt: „Ich darf mich hier so dämlich und ungerecht aufführen, weil ich eine schlimme Kindheit hatte.“

Ich denke, entweder war die Kindheit wirklich traumatisierend, dann soll man eine Therapie machen, anstatt den Eltern Vorwürfe und sich selbst dem Schicksal zu ergeben und im Selbstmitleid zu suhlen. Oder die Kindheit war ganz normal schlimm wie bei jedem anderen auch, dann soll man sich – pardon – nicht so anstellen.

Ansonsten sind nämlich die ewigen Familienstreitereien schon vorprogrammiert und dann darf das Enkelkind die Großeltern nicht sehen oder die Tante macht jedes Mal schlechte Stimmung, wenn sie zu Besuch kommt oder es kommt zum Zerwürfnis unter Geschwistern sobald die Eltern pflegebedürftig werden oder es um Erbgeschichten geht. Dabei wäre es doch so einfach, die Vergangenheit als vergangen zu akzeptieren, anzunehmen, dass Eltern auch nicht immer alles richtig machen können und sein Leben selbst in die Hand zu nehmen.

Aber manche Leute haben sich schon so an ihre Bitterkeit, ihr nachtragendes Gedankenkarussel und ihre eingebildete schlimme Kindheit gewöhnt, dass sie gar nicht mehr anders können als überall Verrat zu wittern und sich ständig übergangen zu fühlen. Und ihren Mitmenschen mit giftigem Misstrauen zu begegnen, in der Überzeugung, dass diese einen auch mit voller Absicht enttäuschen und betrügen werden. Was dann ja auch früher oder später nach dem Prinzip der selbsterfüllenden Prophezeiung tatsächlich passiert, weil das ja niemand auf Dauer aushält, sich ständig die ewig gleichen Schimpftiraden auf die ach so bösen Eltern (die in Wirklichkeit ganz normal schlimm waren) und das weinerliche Gegreine über die angebliche Bevorzugung von Geschwistern oder das Fehlen von Vorbildern anzuhören. Da zieht man sich dann irgendwann zurück und rettet das letzte Bisschen Seelenfrieden, das man noch hat.


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