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Essai 192: Über das richtige Maß an Auffälligkeit

28. Dezember 2019

Es soll Menschen geben, die gern im Mittelpunkt stehen. Diese Zeitgenossen genießen es dann tatsächlich, die volle Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, von allen beachtet zu werden. Sie verhalten sich dementsprechend auffällig, damit man sie stets bemerkt. Zu diesen Menschen gehöre ich nicht. Ganz und gar nicht.

Ich empfinde es als hochgradig gruselig, wenn ich ständig im Mittelpunkt stehe. Also, ich als Person – wenn ich einen Vortrag, eine Präsentation oder einen Workshop halte oder als Schauspielerin auf der Bühne stehe und eine Rolle spiele, ist das etwas anderes. Denn dann stehe nicht ich im Fokus, sondern der Inhalt meiner Präsentation oder des Theaterstücks. Und darauf kann ich mich vorbereiten. Aber wenn ich als Person im Zentrum der Aufmerksamkeit stehe, hasse ich das wie die Pest.

Dann denke ich, ich müsste jetzt irgendwas Interessantes, Fantastisches, Großartiges tun, um die mich Anstarrenden nicht zu enttäuschen, merke dann, dass mir überhaupt nichts Krasses einfällt, bin überzeugt davon, alle zu enttäuschen, und fühle mich schrecklich. Deswegen halte ich mich lieber im Hintergrund, checke ersteinmal die Lage, höre mir an, was andere Leute zu sagen haben, mache mir meine Gedanken, überlege, ob diese sachdienlich und zielführend sein könnten, und dann warte ich brav ab, bis ich an der Reihe bin oder eine ausreichend lange Gesprächspause entsteht, bevor ich meinen wohlüberlegten Gedanken höflich äußere.

Das Problem dabei ist, dass ich dann teilweise gar nicht an die Reihe komme und überhaupt gar nicht auffalle. Möglicherweise bekommt der eine oder andere in der Runde auch gar nicht mit, dass ich überhaupt da bin. Und dann kann ich auch meine wohlüberlegten Gedanken nicht äußern beziehungsweise gehen sie einfach unter. Da hat dann auch keiner was von.

Auf der anderen Seite will ich mich da aber auch gar nicht von Grund auf ändern, weil ich Menschen, die ständig überall im Mittelpunkt stehen und sämtliche Aufmerksamkeit auf sich ziehen müssen, sehr anstrengend finde. Ich verstehe die Motivation dahinter einfach nicht. Warum sollte man das wollen, dass alle ihre Aufmerksamkeit auf einen richten, anstatt sich um ihre eigene Verantwortung zu kümmern? Da läuft man doch Gefahr, dass man dann für andere die Verantwortung mit übernehmen muss, dass sich alle darauf verlassen, dass man alles für sie regelt, und weil das nicht funktionieren kann, wird man alle anderen zwangsläufig enttäuschen. Und ich finde das ganz unerträglich, die Erwartungen anderer nicht zu erfüllen. Dann doch lieber gar nicht erst große Erwartungen wecken, indem man gar nicht erst auffällt. Oder?

Gleichzeitig nervt es mich aber auch, dass nie jemand auf mich hört, dass meine guten Ideen kein Gehör finden und niemand mitzubekommen scheint, was ich alles leiste.

Also, was tun? Muss ich mich da jetzt verbiegen und mich zur Rampensau umerziehen? Oder gibt es nicht vielleicht einen Zwischenweg? Ich möchte mich gern bei Bedarf in den Mittelpunkt stellen können, ohne dort stehenbleiben zu müssen. Wenn ich mein Anliegen vorgebracht habe, möchte ich mich aber wieder in den Hintergrund zurückmuckeln, wo ich in Ruhe überlegen kann, bevor ich was sage. Ich habe nur noch nicht herausgefunden, wie das gehen soll.

Irgendwie lasse ich mich immer wieder von lauteren Menschen übertönen und von aggressiveren, offensiveren Zeitgenossen überrumpeln, sodass ich ersteinmal nachdenken möchte, bevor ich entscheide, wie ich mich dazu verhalten will. Ich reagiere da instinktiv mit Rückzug. Und dabei habe ich überhaupt kein Problem damit, vor anderen Menschen über ein Thema zu reden oder eine Geschichte zu erzählen. Ich finde auch Lampenfieber eher spannend als quälend. Aber wenn ich unvorbereitet, spontan in eine Situation geworfen werde, in der ich gern etwas sagen möchte, aber noch nicht zuende gedacht habe, was das sein könnte, bekomme ich den Mund nicht rechtzeitig auf.


Wie geht es euch damit: Steht ihr gern im Mittelpunkt oder fühlt ihr euch da, so wie ich, extrem unwohl? Wenn ihr auch zu denen gehört, die lieber ersteinmal nachdenken, bevor sie sich äußern, wie verschafft ihr euch Gehör und Aufmerksamkeit? Schreibt es mir in die Kommentare, ich bin gespannt. 🙂


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