Posts Tagged ‘Intelligenzmangel’

Essai 139: Über Paranoia im Internet

14. März 2015

Bis vor kurzem wusste ich nicht, dass es sowas wie Impfgegner überhaupt gibt. Es verblüfft mich immer wieder, zu was für Dummheiten der menschliche Geist fähig ist. Gegen jede Vernunft, wissenschaftlich eindeutig belegte Studien und gegen jede Logik wird da der allergrößte Unfug verzapft und mit vehementer Beratungsresistenz verteidigt. Tummelplatz dieser bornierten Idioten ist das Internet, durch das sie nicht nur ihre Paranoia füttern, sondern Gleichgesinnte finden und sich dann nicht mehr so allein fühlen.

So ein Impfgegner zum Beispiel, der traut Ärzten und Studien nicht, denn die sind ja alle Marionetten der Pharmaindustrie, das ist allgemein bekannt, da muss man nur mal gucken, was in den Medien steht und da die Lügenpresse immer das Gegenteil von dem schreibt, was die Wahrheit ist, weiß man gleich Bescheid. Wenn in der Zeitung steht „ungeimpftes Kind an Masern gestorben“, dann ist nicht die fehlende Impfung Schuld, sondern … irgendwas anderes. Das belegen zuverlässige Quellen aus der Esoterik- oder Konspirationstheorienbranche, die die Wahrheit eindeutig ausgependelt und mit der Wünschelrute orakelt oder sich spontan ausgedacht haben. Und überhaupt, dieser eine Junge aus den USA, dessen Eltern ihn zuhause unterrichten, nicht impfen lassen und nur nach den Wahrheiten aus der Bibel erziehen (Evolution ist doch gendermaingestreamte Lügenpropaganda linksgrüner Gutmenschen), der war schwer krank, aber dann hat eine weise alte Frau aus der Nachbarschaft ihre Hand aufgelegt und er war hinterher vollständig geheilt. Wirklich wahr! Das habe ich neulich irgendwo gelesen.

Natürlich darf jeder in einer Demokratie und im Internet eine Meinung haben und diese auch vertreten. Nur: Wenn diese Meinung völliger Quatsch ist, dann muss man auch ab können, dass man das von weniger dummen Leuten gesagt bekommt. Selbstverständlich darf man trotzdem auf seine Meinung beharren und alle logischen Argumente mit „Gar nicht wahr“ (und diversen Variationen dieser Aussage) abschmettern. Sich hinterher zu beschweren, wenn einem die eigenen idiotischen Ansichten um die Ohren fliegen, halte ich jedoch für inkonsequent.

Ich habe den Eindruck, die meisten Internet-Trolle, die jede passende und unpassende Gelegenheit nutzen, um mit ihren bescheuerten Wahrheitskonzeptionen hausieren zu gehen, sind solche Paranoiker, die zwar nicht sehr schlau, aber immerhin pfiffig genug sind, im Internet zu recherchieren und in sozialen Netzwerken und Foren ihren Blödsinn zu verbreiten.

Übrigens, ich habe gehört – das ist aber total geheim, die Regierung will nicht, dass das verbreitet wird -, dass die Pharmalobby einen neuen Coup plant. Die haben nämlich vor genau 50 Jahren Nessie aus dem Loch Ness entführt und tiefgefroren und nun ist in der Elbe ein außerirdisches Wesen aufgetaucht, das genauso aussieht, nur in klein. Das haben sie gefangen genommen und führen daran Tests mit Wachstumshormonen durch und wenn das Viech aus der Elbe (genannt Elbie) groß genug ist, tauen sie Nessie wieder auf und prüfen, ob die DNA sich ähnelt. Und wenn dem so ist, würde das beweisen, dass Nessie eigentlich ein Alien ist, das mit wachstumsfördernden Medikamenten gefüttert wurde. Deswegen darf das auch keiner wissen, denn das würde die Pharmalobby in schlechtem Licht da stehen lassen, ganz klar. Der Beweis dafür ist, dass bisher noch keine Zeitung darüber berichtet hat.

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Essai 126: Über den Kassandra-Effekt

28. Juni 2014

Wer zu vernünftigem, logischen Denken neigt und die lästige Angewohnheit hat, bei seinen Überlegungen auch langfristige Entwicklungen mit zu berücksichtigen, läuft Gefahr, des Öfteren recht zu haben. Dann hat man ein Problem. Leute, die ständig recht haben und alles (wirklich) besser wissen, gelten als Klugscheißer und die mag niemand. Das führt dazu, dass man sich den Mund fusselig reden kann mit seinen Einwänden, Bedenken, Anmerkungen und Kritiken – niemand wird einem bereitwillig zuhören. Was folgt, nenne ich mal den Kassandra-Effekt. Man warnt vor irgendwelchen negativen Konsequenzen einer bestimmten Handlung, die Leute ignorieren einen und machen den Blödsinn trotzdem und – zack! – tritt genau das ein, wovor man gewarnt hat.

Kassandra hatte in der griechischen Mythologie vom Gott Apollon die Gabe geschenkt bekommen, die Zukunft voraussehen zu können. Der war nämlich in sie verknallt und für so einen Gott sind Pralinen oder Blumen zu weltlich, also muss es gleich die Gabe der Weissagung sein. Da kann man sich natürlich drüber streiten, ob das wirklich eine Gabe ist … ich bin ganz froh, dass ich noch nicht weiß, was genau in meinem Leben passiert. Sonst wäre ja die ganze Überraschung im Eimer. Jedenfalls, bei den alten Griechen galt das als ganz tolles Geschenk. Kassandra wollte jedoch trotzdem nichts von Apollon und in seiner gekränkten Eitelkeit verfluchte er die ursprüngliche Gabe und fügte hinzu, dass niemand Kassandras Weissagungen glauben würde.

Das war vor allem für die Trojaner Mist, denn Kassandra warnte zum Beispiel ihren Bruder Paris davor, die schöne Helena von den Griechen zu entführen. Daraufhin würde es zum Krieg mit den Griechen kommen, sagte sie. Niemand hörte auf sie und es kam, wie es kommen musste. Schließlich tüftelten die Griechen noch die Sache mit dem riesigen Holzpferd aus, um in die von hohen Mauern gesicherte Stadt Troja zu gelangen. Kassandra warnte die Trojaner, das Holzpferd in die Stadt zu holen. Da sitzen die Griechen drin, die zerstören Troja, wenn wir sie reinlassen. Pfft, Quatsch, sagten die anderen, wir machen das jetzt, halt die Klappe, sei nicht immer so pessimistisch. Und wer hatte mal wieder recht? Genau. Die nervige Besserwisserin. Ehrlich gesagt, die Trojaner waren offenbar nicht die hellsten Birnen im Kronleuchter. Wer holt denn einfach so ein riesiges Holzpferd in seine Stadt, wenn die Leute, die einem ans Leder wollen, direkt vor den Stadtmauern hocken? Wer soll denn das Pferd gebaut haben, wenn nicht ebendiese (nicht zu Unrecht) stinkwütenden Gesellen, die nur auf eine Gelegenheit warten, einen platt zu machen?

Ich habe den Eindruck, dass beim Kassandra-Effekt die Leute absichtlich das Gegenteil von dem tun, was man ihnen rät. Einfach so, aus Trotz, Stolz und weil sie keine Lust haben, selbst kurz nachzudenken und einzusehen sowie zuzugeben, dass sie falsch liegen. Das ist doch überhaupt nicht schlimm, wenn man sich irrt und auf dem Holzweg ist. Ich verstehe überhaupt nicht, was das soll, dass man sehenden Auges in sein Verderben rennt, obwohl ein aufmerksamer Mitmensch sogar noch davor warnt. Vielleicht sogar einen schlauen Alternativvorschlag präsentiert. Das ist dem Besserwisser doch wurscht, dass er recht hat, ihm geht es darum, Ungemach zu verhindern. Das Missverständnis zwischen Besserwissern und Nichtbesserwissern liegt darin, dass Letztere überzeugt sind, Erstere würden nur herumklugscheißen, um sich als was Besseres zu fühlen und Letztere zu maßregeln. Dabei ist dem gar nicht so.

Essai 101: Über Nazi-Witze

17. März 2013

Heute habe ich mal wieder ein ganz besonders kontroverses Thema für meine werte Leserschaft hervorgekramt: Nazi-Witze. Darf man das, über Nazis Witze zu machen? Und darf man das überhaupt, darüber zu schreiben, ob man über Nazis Witze machen darf? Ich bin der Meinung, man darf das natürlich, aber es müssen ein paar Bedingungen erfüllt sein, damit daraus keine Respektlosigkeit gegenüber den Opfern des Nationalsozialismus wird. Aber aufzeigen und entlarven, mit dem Mittel des Humors und der Satire, wie Nazis ticken, wie Mitläufer ticken und wie es möglich sein konnte (und nach wie vor möglich ist!), dass ein paranoider Fanatiker so viele Anhänger finden konnte, halte ich nicht nur für erlaubt, sondern auch für dringend notwendig. Das reicht ja nicht, dass etwas verboten ist. Wenn man gar nicht weiß, warum etwas verboten ist und es auch nicht versteht, scheint es in der menschlichen Natur zu liegen, dieses Etwas erst recht zu tun oder gut zu finden. Da sind Menschen wie kleine Kinder.

Allerdings birgt die Satire auch immer die Gefahr, nicht verstanden zu werden. So geschehen mit Timur Vermes Roman „Er ist wieder da“. Das hat beim NPD-Obermotz großen Anklang gefunden, weil der nicht kapiert hat, dass das Satire war. Und offenbar auch überlesen hat, dass gerade die NPD ihr Fett weg kriegt in dem Roman. Aber nur, weil ein paar Leute zu doof sind, sollte man meiner Meinung nach nicht einfach alles unter den Teppich kehren oder mit dem Vermerk „verboten“ abheften, denn dann nimmt man den Menschen die Möglichkeit, zu verstehen. Wer nicht versteht, kann es auch nicht besser machen. Oder anders gesagt: „Wer die Vergangenheit nicht versteht, ist gezwungen, sie zu wiederholen.“ (Leider habe ich vergessen, von wem das Zitat ist, aber ich finde es sehr zutreffend). Und gibt es ein besseres Mittel, um zu verstehen, als Humor? Der erhobene moralische Zeigefinger jedenfalls nicht und das Verbergen und zum Tabu erklären auch nicht.

Was ich schon eher problematisch finde, ist, wenn man wie im Film „Der Untergang“ mit vollem Ernst und bar jeden Humors Hitler als kranken Menschen präsentiert, ohne dabei jedoch seine Denke, seine Strategie, seine Motivation und so weiter zu entlarven. Stattdessen wird durch Pathos und Katastrophenkitsch verhindert, dass man begreift, was da eigentlich geschehen ist zu der Zeit. Das Mittel der Überwältigung und Faszination haben ja auch die Nazis für ihr Propagandakino genutzt, wenn sie nicht gerade durch Ablenkung und Heiterkeit in Filmen wie „Die Feuerzangenbowle“ so getan haben, als sei alles paletti. Bei beiden Methoden geht es jedenfalls darum, dem Publikum zu suggerieren, „wir“ seien toll, moralisch überlegen und voll die Helden, aber „die Anderen“ seien böse, moralisch unterlegen und „unsere“ Feinde. Was ich von diesem dualistischen Weltbild und diesem Schwarz-Weiß-Denken halte, habe ich ja schon das eine oder andere Mal erwähnt. Nämlich nichts. Man beraubt sich durch diese bornierte Haltung der Möglichkeit, selbständig zu denken und das ist die Grundvoraussetzung dafür, dass der gesunde Menschenverstand entscheidet und nicht irgendein fanatischer selbsternannter „Führer“. Aber diesen Mechanismus muss man erst mal verstehen. Das tut man nicht, wenn man alles vorgekaut bekommt. Aber auch nicht, wenn man vom eigentlichen Thema abgelenkt wird.

Leider haben nicht nur Satiren über Nazis das Problem, missverstanden zu werden, sondern Satiren im Allgemeinen. „Fight Club“ von David Fincher zum Beispiel, ist meiner Meinung nach eine der genialsten Satiren auf den modernen Konsumzwang überhaupt. Trotzdem gibt es Idioten, die denken: „Geil, auf die Fresse, cool!“ und das dann nachmachen und sich toll vorkommen. Und dabei nicht kapieren, dass genau diese Haltung im Film verarscht und dabei entlarvt wird. Oder die Fernsehserie „Dexter“, da gibt’s natürlich reaktionäre Vollpfosten, die denken: „Selbstjustiz, geil, auf die Fresse, böse Buben plattmachen, cool!“ und in der Tat kann man die Serie so verstehen. Man kann sie aber auch kritisch als Satire lesen, die genau dieses Selbstjustizthema hinterfragt. Kürzlich habe ich Paul Thomas Andersons „The Master“ im Kino gesehen und auch da ist mir aufgefallen, dass man es entweder als Satire und Kritik an Fanatikern, fehlgeleiteten Idealisten und Sekten sehen kann, aber auch als Befürwortung dessen missverstehen könnte. Vielleicht hat deswegen Scientology noch nicht lauthals zum Boykott dieses Films aufgerufen. Es ist halt immer die Gefahr, wenn Kunstwerke – gleich ob literarisch, theatral, filmisch, musikalisch oder anderes – ihren Rezipienten nicht zweifelsfrei vorschreiben, wie sie das dargestellte Geschehen zu bewerten haben, dass nicht voraus zu sehen ist, wie es interpretiert wird. Deswegen darauf umzuschwenken, die moralische Botschaft eines Werkes widerspruchsfrei und ohne jede Ambivalenz den Leuten vor den Latz zu knallen, halte ich für keine gute Idee. Denn das ist dann wieder Propaganda, die eigenes freies Denken und somit echtes Verstehen verhindert. Und dann macht man die gleichen Fehler immer und immer wieder.

Essai 99: Über den Umgang mit intoleranten Ignoranten

23. Januar 2013

Gestern habe ich mich über die intoleranten Ignoranten ereifert, die anderen Leuten völlig grundlos verbieten wollen, zu heiraten. Ein Kommentar auf meiner Facebook-Seite hat mich nun in eine Art moralisches Dilemma versetzt: „Ich meine, dass die Kunst in der Demokratie darin besteht, unterschiedliche Meinungen stehen zu lassen und Kontroverses kontrovers diskutieren zu können, ohne sich gegenseitig als Ignorant zu bezeichnen. Sonst ist das intolerant“.

Da dachte ich, verdammt, das stimmt. Indem ich religiöse Fanatiker als intolerante Ignoranten und Vollidioten verurteile, zeige ich mich ihnen gegenüber ebenfalls intolerant. Auf der anderen Seite schaffe ich es beim besten Willen nicht, deren Meinung widerspruchslos zu akzeptieren und zu sagen, kein Problem, dann sehen die das halt anders. Ich kann mir nicht helfen, ich finde das einfach hochgradig borniert und unendlich dämlich, wenn man völlig frei von vernünftigen Argumenten anderen Menschen unnötig das Leben schwer macht. Das kann ich doch nicht einfach so tolerieren oder etwa doch? Und macht mich das dann automatisch zu einer antidemokratischen, scheinheiligen Faschotussi wenn es mir nicht gelingt, religiöse und andere Fanatiker weiter ihre Hasstiraden salontauglich unter die Leute bringen zu lassen, ohne mich darüber aufzuregen?

Wie also geht man mit Intoleranz um? Gewalt erzeugt Gegengewalt, das wissen nicht nur die Die Ärzte mit ihrem Schunder-Song. Da Intoleranz auch eine Form von Gewalt ist, möchte ich mal behaupten, ist es also ganz natürlich, dass ich darauf mit Gegenintoleranz reagiere? Dann wäre ich aber nicht so vernünftig denkend, wie ich es mir einbilde, wenn ich einfach instinktiv reagiere. Das kratzt ganz schön an meinem Selbstverständnis, das muss ich mal ganz ehrlich zugeben.

Muss man sich denn  im Namen der Toleranz jeden Scheiß gefallen lassen? Aber wenn man so anfängt und jeder hält irgendetwas anderes für „Scheiß“ dann regiert hier bald die allumfassende Intoleranz und das kann ja nun auch nicht das Ziel sein. Aber alles stillschweigend ertragen und erdulden, alles hinnehmen und nichts sagen, das hat ja nun noch nie irgendwem irgendwas genützt. Im Gegenteil. Solche Mitläufer tragen eine menschenverachtende Dikatur mit und reden sich hinterher damit heraus, dass sie ja von nichts gewusst hätten.

Was soll man dann tun, um bornierte Schwachköpfe zum Nachdenken zu bringen? Wenn vernünftige Argumente, gutes Zureden, friedliches, freundliches Bitten nichts ändern? Allerdings bringt es auch nichts, sich über sie aufzuregen. Was man auch tut, die sind so gefangen in ihrer Gedankenwelt, wo es nur „richtig und falsch“, „Schwarz und Weiß“, „gut und böse“ oder eben „Homo und Hetero“ gibt und wo diese Dichotomien absolut unvereinbar sind, dass man mit allem was man tut, ob pazifistisch oder nicht, auf Granit beißt. Und, es tut mir leid, aber ich schaffe es einfach nicht, da ruhig zu bleiben und zu denken, sollen sie mal machen und ich kümmer mich derweil um meinen Kram und gut ist. Da sträuben sich mir die Nackenhaare, kräuseln sich die Zehennägel, platzen mir Hutschnur und Kragen. Erst recht, weil ich weiß, dass das überhaupt nichts bringt, sich aufzuregen. Auf solche Pattsituationen, die man weder mit gesundem Menschenverstand noch mit sonstwas auflösen kann, komme ich nicht klar.

Also, halten wir fest: Man kann nichts gegen Idioten, die dumme Parolen durch die Gegend krakeelen, tun. Sie denken so oder so nicht nach, ob man sich nun ereifert, oder sie einfach machen lässt. Vermutlich wäre man also besser dran – vorausgesetzt, man möchte seine Ruhe haben – sie schlichtweg zu ignorieren und sich nicht über sie aufzuregen und sie einfach weiter lauthals Quatsch verzapfen zu lassen. Damit lässt man den Schreihälsen aber viel mehr Raum, als für das friedliche Miteinander gut ist. Das will man ja nun auch nicht. Und das ist die Stelle, wo sich die Katze in den Schwanz beißt und ich nicht weiterkomme. Sobald man die fanatischen Querulanten nämlich in ihre Schranken weist und ihnen nicht den Raum gibt, den sie für sich beanspruchen, verhält man sich nicht mehr hundertprozentig demokratisch und tolerant und das will man sich doch auch nicht zuschulden kommen lassen. Aber wie kann man denn Intoleranz mit Toleranz begegnen und wie kann man antidemokratische Meinungen mit demokratischen Mitteln im Zaum halten? Ich weiß es nicht. Denn wenn man das Gegenteil tut, ist man schwuppdiwupp in einer Gewaltspirale drin, die noch mehr Schaden anrichtet, als die Idioten allein. Keine Ahnung, wie man aus diesem Dilemma wieder herauskommt.

Essai 98: Über intolerante Ignoranten und die sogenannte Homo-Ehe

22. Januar 2013

Eins muss ich mal in aller Deutlichkeit sagen: Religiöse Fanatiker nerven! Haben von Tuten und Blasen keine Ahnung, aber müssen allen Leuten vorschreiben, was sie zu tun und zu lassen haben. Ganz besonders lästig sind, auf der westlichen Hälfte der Erdkugel, die christlichen Extremisten. Machen einen auf tolerant und verplempern dann ihre Zeit damit, anderen Menschen ein bisschen Glück zu verbieten, das niemandem weh täte, wenn es ihnen erlaubt würde.

Man ahnt es bereits, ich bin beim Thema „Homo-Ehe“. Die Tüddelchen sind Absicht, ebenso das „sogenannte“ im Titel. Mir persönlich gefällt die Formulierung nämlich nicht sonderlich. Das wirkt so, als wäre die „Homo-Ehe“ etwas anderes als die „Hetero-Ehe“ und als wäre Ersteres nicht selbstverständlich, Zweiteres hingegen ja. Besser gefällt mir die französische Bezeichnung „Mariage pour tous“ – „Ehe für alle“. Es fällt mir nämlich wirklich nicht ein einziger Grund ein, warum nicht alle heiraten und warum nicht alle Kinder adoptieren dürfen sollten. Es ist doch völlig egal, aus wie vielen Leuten welchen Geschlechts auch immer eine Beziehung besteht. Wenn man sich liebt und das rechtlich verankern und mit seiner ganzen Familie und seinen Freunden feiern will, dann soll man doch ruhig heiraten. Das ist doch schön. Und einem Kind ist das doch völlig wumpe, ob es nun zwei Papas, zwei Mamas, einen Papa und eine Mama oder nur einen davon oder sonstwas hat, Hauptsache, da ist überhaupt jemand, der sich liebevoll kümmert und sich für das Kind interessiert. So einfach ist das.

Leider denken nicht alle so, wenn ich mir diese ganzen intoleranten Ignoranten ansehe, die in Frankreich auf die Straße stürmen und wutentbrannt dagegen protestieren, dass Menschen, die sie nicht einmal kennen, die niemandem irgendwas getan haben, wie „normale“ Menschen behandelt werden wollen. Und in Deutschland ist das ja keinen Deut besser. Auch hier sitzen die Idioten im selbstauferlegten Auftrag des Herrn in den Talkshows und verbreiten geistigen Dünnpfiff, den sie sich nicht einmal selbst ausgedacht haben. Da wiederkäuen sie immer wieder den gleichen Salat, von wegen, eine Familie bestehe nun mal eben aus Vater, Mutter, Kind. Und was beim Wiederkäuen herauskommt, weiß man auch mit rudimentären Kenntnissen der Landwirtschaft, das ist nämlich Mist.

Es ist genau die gleiche alte Leier wie auch schon beim Thema Betreuungsgeld oder auch beim Thema Frauenquote. Vornehmlich die feinen Herrn und Damen von der „Christlich Sozialen Union“ (Christlich? Sozial? Union? – am Arsch!) werden offensichtlich nicht müde, gebetsmühlenartig zu wiederholen, dass sie sich in dem Punkt nun mal eben so und so entschieden haben und das bleibt jetzt bis in alle Ewigkeiten so und damit Ende der Diskussion. Unfassbar, dass es tatsächlich noch Leute gibt, die diese fanatischen Dummköpfe überhaupt beachten. Am besten wäre es, Ignoranten zu ignorieren, dann können die herumblubbern so viel sie wollen, sie richten dann immerhin keinen Schaden am allgemeinen gesellschaftlichen Wohlbefinden an. Aber nein, stattdessen lädt man sie hierzulande in Talkshows ein. Warum? Man weiß doch vorher, was sie sagen werden und man weiß auch schon vorher, dass sie ihre Meinung niemals ändern werden. Wieso bietet man denen so eine große Plattform? Die können ja am Stammtisch von mir aus gerne ihre kernigen Phrasen dreschen, aber im Fernsehen hätte ich gerne meine Ruhe vor diesen Pappnasen. Zum Glück kann man ja umschalten. Aber leider gibt es ja auch immer wieder Leichtbeeinflussbare, die eben nicht wegschalten und sich von dem überzeugten Auftreten religiöser Eiferer blenden lassen.

Wovor haben die Gegner der „Ehe für alle“ eigentlich Angst? Das verstehe ich wirklich nicht. Was soll denn Schlimmes passieren, wenn Schwule und Lesben heiraten und Kinder adoptieren dürfen? Außer, dass die sich dann freuen. Oder geht das hier nur um Rechthaberei? Das Gefühl habe ich nämlich, dass es den bedenkentragenden Miesmachern nur darum geht, recht zu haben und anderen Leuten das Leben schwer zu machen. Nicht mehr, nicht weniger. Geht es ihnen dadurch besser? Nein. Wird die Welt dadurch friedlicher? Nö. Hat das überhaupt irgendeinen tieferen Sinn? Pustekuchen. Ich könnte jetzt natürlich eine unflätige Vermutung äußern, in der möglicherweise die Begriffe „chronisch“ und „Untervögelung“ fallen würden, aber nachher fühlen sich wieder irgendwelche Leute beleidigt und sind dann erst Recht nicht gewillt, mal ein bisschen ihr Oberstübchen zu bemühen.

Essai 93: Über Entschuldigungen als Allzweckmittel nach dem Tritt ins Fettnäpfchen

23. September 2012

Als Europäerin schaue ich zuweilen mit einer Mischung aus Verwunderung, Belustigung und Entsetzen zu unseren Freunden jenseits des großen Teichs hinüber und beobachte ungläubig das eigenartige Treiben, das vor allem in Wahlkampfzeiten seine Blüten entfaltet. Ohne parteiisch erscheinen zu wollen… ich habe den Eindruck, insbesondere die republikanischen Kandidaten haben ein Talent dafür, in jedes bereit stehende Fettnäpfchen mit beiden Beinen hineinzuspringen und darin überhaupt kein Problem zu sehen. Ist es auch nicht. Solange man sich hinterher einfach jedes Mal artig dafür entschuldigt. Dann kann man ruhig den größten Unfug und unmöglichsten, reaktionärsten Bockmist verzapfen, wenn man hinterher behauptet, es täte einem leid, man habe vielleicht den Grundgedanken etwas holprig formuliert, ist alles wieder in Butter.

Dieses Prinzip gilt übrigens nicht nur für Politiker. Auch verwöhnte, weltfremde Hotelerbinnen – nennen wir sie exemplarisch Paris H. – haben entdeckt, dass sie problemlos einfach mal ein paar homophobe Bemerkungen in den Raum stellen können und es niemanden juckt, sofern sie hinterher sagen, es täte ihnen leid. Diese Art der Entschuldigung hat allerdings nichts mit dem zu tun, was ich in meinem Essai über chronische Entschuldigeritis und Rechtfertigungszwang beschrieben hatte. Das Verhalten, das ich dort meinte, beruhte darauf, dass einem die Dinge, für die man sich entschuldigt, wirklich leid tun. Auch, wenn man es dabei mit dem schlechten Gewissen reichlich übertreibt. Das Verhalten, das ich in diesem Falle zu monieren gedenke, ist eine bewusste Strategie und Taktik, damit etwaige Kritiker aufhören, einem auf den Keks zu gehen mit ihren Einwänden. Das, wofür man sich entschuldigt, tut einem mitnichten leid, man hat nur gemerkt, dass das nicht so super ankommt. Hätte es keinen Ärger gegeben, hätte es einem auch nicht angeblich leid getan. Ohnehin: Wenn einem etwas wirklich leid tut, bemüht man sich, das in Zukunft zu vermeiden oder zumindest zu reduzieren, was dieses Leidtun provoziert hat.

Beim republikanischen Präsidentschaftskandidaten in den USA hat dieses Verhalten ja wirklich schon System, so dass man nicht davon ausgehen kann, er hätte begriffen, wofür er sich da eigentlich jedes Mal entschuldigt. Kaum ein Tag vergeht, ohne dass neue Internetvideos, Fernsehmitschnitte oder Berichte die Runde machen, in denen dieser Kasper seine schlichtweg unmögliche Weltsicht zum Besten gibt. An einem Tag sagt er einem schwulen Veteranen ins Gesicht, dass er gegen die gleichgeschlechtliche Ehe ist, während dessen Ehemann direkt daneben sitzt. Übrigens nutzt er dabei die gleichen hirnverbrannten ‚Argumente‘ wie hierzulande (das scheint also eine Gemeinsamkeit von bornierten Schwachköpfen quer über den Erdball zu sein und ist nichts typisch Amerikanisches): Man wolle das halt nicht, weil ist so, aus Prinzip und so, weil man das halt nicht will, da könne ja jeder kommen und die Ehe sei nun mal eben nur für zwischen Mann und Frau bestimmt, schließlich habe man das im Mittelalter auch so praktiziert und überhaupt, und damit Basta. Besonders gerne aber lästert der feine Herr über Nicht-Reiche, die schließlich, seien wir doch ehrlich, an ihrem Schicksal selbst Schuld sind. Sie hätten ja schließlich auch einfach reich werden können, dann wären sie jetzt nicht nicht reich. Sowieso sei das nicht nachzuvollziehen, warum sie nicht einfach mehr Geld haben, es ist doch viel schöner reich und gesund zu sein, als arm und krank. À propos krank: Da wollen doch die Wähler seines politischen Gegners tatsächlich eine gesetzliche Krankenversicherung haben, diese Schmarotzer, dieses faule Pack, das sich weigert, gesund zu bleiben. Eine Frechheit ist das, alles bolschewistische, tiefrote, sozialistische Kommunisten, die mit ihrem Bestreben, das Gemeinwohl zu fördern, in Wahrheit doch nur die persönliche Freiheit von gewissen egomanischen Hajopeis anzugreifen trachten. Dass man manchmal über starrsinnige Dickköpfe hinweg die Menschen zu ihrem Glück zwingen muss, ist wohl noch nicht überall angekommen. Sozialstaat bedeutet ja nicht, dass man gleich alle enteignet und sich als Diktator dran bereichert, während alle anderen verhungern und sich gegenseitig bespitzeln und alle, die sich dagegen wehren ins Gefängnis gesteckt oder umgebracht werden. Sozialstaat bedeutet genau das Gegenteil. Dass man Hilfsbedürftigen unter die Arme greift, damit alle die gleichen Chancen haben. Von Geburt an hat man die nämlich nicht.

Leitwerte, wie das der Freiheit, in allen Ehren, aber – bei allem Respekt – wenn das nur hohle Floskeln bleiben, die jeder Idiot in die Gegend posaunt und dahinter steckt nur heiße Luft, dann kann man sich das auch sparen. Genau so wie man sich auch jede Entschuldigung meines Erachtens getrost sparen kann, die keinerlei Einsicht in das eigene Fehlverhalten beinhaltet und infolgedessen auch keinerlei Änderung dieses eigenen Fehlverhaltens nach sich zieht. Was soll denn dann das ganze Theater, genauer, diese Schmierenkomödie? Wenn dann gleich wieder die ganze Scheiße von vorn anfängt? Mist bauen – Ärger kriegen – sich entschuldigen – Ärger ebbt ab. Den gleichen Mist bauen – den gleichen Ärger kriegen – sich auf die gleiche Weise entschuldigen – Ärger ebbt wieder ab. Und so weiter und so fort. Es wäre doch viel einfacher und effektiver und für sämtliche Beteiligten entschieden weniger nervtötend, wenn es folgendermaßen abliefe: Mist bauen – Ärger kriegen – überlegen, was an den Vorwürfen dran ist – eigenes Fehlverhalten kritisch reflektieren – eigenes Fehlverhalten ändern – sich währenddessen gegebenfalls entschuldigen – Ärger ebbt ab – Verhalten ändert sich. Punkt. Es ist ja schon lästig genug, dass man überhaupt sauer werden und sich beschweren muss, damit andere Leute merken, dass sie Mist gebaut haben. Aber wenn es dazu führt, dass diese Leute dazulernen und künftig weniger Mist bauen, dann lohnt sich der Aufwand wenigstens. Aber was soll man denn tun, wenn sich gar nichts ändert und man sich jedes Mal völlig umsonst aufregt? Sich nicht mehr aufregen? Ja, das wäre vermutlich das Beste. Ändern tut sich ja eh nichts und dann kann man es auch gleich ganz entspannt nehmen und gelassen reagieren, so wie Albert Camus‘ Sysiphus, der einfach akzeptiert, dass der dämliche Felsbrocken den blöden Berg immer wieder hinunterrollt, so dass man sich den guten alten Sysiphus glücklich vorzustellen hat. Wenn jemand herausgefunden hat, wie man es schafft, sich über die Idiotie, Ignoranz und Borniertheit in der Welt nicht mehr aufzuregen, so möge er mir bitte sein Geheimnis verraten. Meine Dankbarkeit wäre demjenigen Welchen gewiss.

Essai 91: Über selbsterfüllende Prophezeiungen

13. Juli 2012

Wie es der Zufall so will, ist heute mal wieder Freitag, der 13. und in den sozialen Netzwerken kursiert die Frage: Was tun? Dran glauben und sich verkrümeln oder drauf gepfiffen? Die meisten antworten todesmutig, das sei doch alles Quatsch. Ich aber glaube, das ist mit Freitag, dem 13. genau so, wie mit allen Glaubensfragen, ob es sich nun um Religion oder Aberglauben handelt, ist ja eh das gleiche Prinzip. Bevor mich nun alle hauen, weil ich sämtlichen Glaubens-Kladderadatsch in einen Pott geschmissen habe, möchte ich kurz erklären, warum ich keinen Unterschied zwischen Glauben und Aberglauben mache:

Heute geht es mir um die Macht der Autosuggestion oder anders gesagt, der selbsterfüllenden Prophezeiungen. Machen wir mal eine kleine Zeitreise, in eine Zeit, als es noch keine drei großen Weltreligionen gab, die unterschiedliche Bezeichnungen für vergleichbare Phänomene zum Anlass nehmen, sich dauernd zu streiten und sich gegenseitig die Köpfe einzuhauen. Es gab da einmal einen Mann, der hieß Ödipus. Sein Vater war König von Theben im antiken Griechenland und die glaubten damals an die Weissagungen eines Orakels. Dieses Orakel sagte also zum König: „Pass auf, König, deine Frau wird dir einen Sohn gebähren, der wird dich aber umbringen und seine Mutter heiraten.“ Der König dachte sich: „Oha. Das ist aber blöd, ich bin gern am Leben und Inzest ist ja auch irgendwie von wegen genetischer Vielfalt etwas fragwürdig. Bring ich den mal um, meinen Erstgeborenen“. Gesagt, getan. Na ja. Nicht ganz getan. Weil der König sich selbst nämlich nicht die Hände schmutzig machen wollte und er ja ohnehin auch Leute hat für so unangenehme Aufgaben, hat er einen Diener damit beauftragt, den kleinen Ödipus abzumurksen. Dann hat aber der kleine Ödipus den Diener so süß angeschaut, dass der das nicht übers Herz brachte und ihn dann lieber einer anderen Familie anvertraute. Als Ödipus größer war und nichts von seiner wahren Herkunft wusste, bekam er auch eines Tages vom Orakel eine Weissagung: „Pass mal auf, Ödipus. Du wirst deinen Vater umbringen und deine Mutter heiraten.“ Darauf dachte sich Ödipus ganz pfiffig: „Oha, das ist ja blöd, dann haue ich mal schnell ab, bevor ich meine Eltern ins Verderben stürze.“ Gesagt, getan. Unterwegs auf seiner Flucht vor dem Schicksal trifft er auf einen Verkehrsrowdy, der ihn in seinem Pferdewagen anrempelt. Als richtiger Mann kann man derlei Schmach natürlich nicht auf sich sitzen lassen und im Streit bringt Ödipus den Kerl um, nicht ahnend, dass das in Wirklichkeit sein Vater war. Er kommt nach Theben, das von der Sphinx besetzt gehalten wird und die erst gedenkt, zu verschwinden, wenn man ihr Rätsel löst. Wer aber ihr Rätsel löst, soll zur Belohnung die Königin zur Frau erhalten. Wir ahnen was passiert, die Sphinx sagt: „Was hat am Morgen vier Beine, am Mittag zwei und am Abend drei?“ Ödipus sagt: „Der Mensch, als Baby krabbelt er auf vier, als Erwachsener läuft er auf zwei und als alter Mensch stützt er sich auf seinen Krückstock, läuft also auf drei Beinen“ und zack – bekommt er die Königin zur Frau. Dass das seine leibliche Mutter ist, erfährt er erst etwa 20 Jahre und vier Kinder später, woraufhin er sich die Augen aussticht, mit der Nadel, mit der sich zuvor die Königin umgebracht hat.

Hätte Ödipus‘ Vater seinen Sohn einfach am Leben gelassen und auf die Weissagung des Orakels nichts gegeben, wäre gar nichts passiert. Hätte Ödipus gleichermaßen die Weissagung des Orakels ignoriert, wäre auch nichts passiert. Man kann sich natürlich fragen, warum sie überhaupt das Orakel befragt haben, wenn das immer so furchtbare Weissagungen vom Stapel lässt, aber sonst gäbe es ja keine Geschichte. Sigmund Freud hat nun diese Geschichte zum Anlass genommen, sein psychoanalytisches Konzept des Ödipus-Komplexes und der Kastrationsangst auszuklamüsern. Mich interessiert aber ein anderer Aspekt: Der, dass Ödipus und sein Vater so sehr versucht haben, etwas zu vermeiden, dass es dadurch überhaupt erst eingetreten ist.

Somit kehren wir zurück in die Gegenwart und zum Freitag, den 13. Wenn ich jetzt den ganzen Tag über herumlaufe und denke: „Hoffentlich passiert nichts Schlimmes, hoffentlich passiert nichts Schlimmes!“ dann passiert garantiert irgendwas Schlimmes. Während ich dann versuche, der einen Katastrophe auszuweichen, laufe ich direkt in die nächste. Habe ich es gerade so eben geschafft, mich vor der schwarzen Katze, die von rechts nach links über die Straße juckelt, in Sicherheit zu bringen, bin ich vielleicht mit einem beherzten Sprung in den Brenesseln gelandet.

Diese selbsterfüllenden Prophezeiungen sind aber nicht nur am Freitag, dem 13. wirksam, sondern ganz allgemein. Wenn ich zum Beispiel mit der inneren Überzeugung durch die Gegend trotte, keiner habe mich lieb, immer hätte ich Pech und sowieso sei alles scheiße und die Welt schlecht und alle gemein zu mir, dann kann mich kein noch so freundlicher Mitmensch davon überzeugen, dass dem nicht so ist. Die innere Einstellung färbt nämlich meine Sichtweise und bewertet alles so, dass es zu ihr passt. Die Autosuggestion ist ziemlich hartnäckig und fühlt sich pudelwohl in unseren Wirklichkeits- und Identitätskonstrukten. Wir halten das dann für die Wahrheit, was die selbsterfüllende Prophezeiung uns einredet und stellen es nicht in Frage, weil das sonst unser Weltbild wie ein Kartenhaus zusammenplumpsem ließe und dann müssen wir alles neu wieder aufbauen und das nervt. Dann lieber Nervkram, den man schon kennt. Wie sehr man aber seine Mitmenschen damit nervt und quält, wenn man ihnen ständig mit Misstrauen begegnet, weil man sich durch Autosuggestion davon überzeugt hat, dass grundsätzlich alle einem Böses wollen und einem nach dem Glück trachten und alle neidisch sind auf einen, wegen was-auch-immer, das macht man sich nicht klar. Und irgendwann hat dann keiner mehr Lust, sich auch nur ansatzweise zu bemühen, den eingebildeten Pechvogel zu überzeugen, dass er es NICHT böse mit dem selbsternannten Unglückswurm meint, dass er alles versucht, um ihn glücklich zu machen und wenigstens einmal lächeln zu sehen, dass er sich allergrößte Mühe gibt, Verständnis und Empathie für das kleine Häufchen Selbstmitleidselend aufzubringen. Und wenn es dann soweit ist, dass selbst der geduldigste, netteste Mensch der Welt keine Lust mehr hat, alles Mögliche zu versuchen, um den Quälgeist aus seinem Sumpf zu holen, da derjenige sich auch offensichtlich darin wohl fühlt und gar nichts ändern will, dann hört der eben irgendwann mal auf damit, es zu versuchen. Und dann hat sich die Prophezeiung, dass alle einen eines Tages enttäuschen werden und alle gemein sind und man sich auf nichts und niemanden verlassen kann, von selbst erfüllt.

Das geht natürlich auch in die andere Richtung. Wenn ich zuversichtlich durch die Gegend hopse und mir sage, das wird schon alles irgendwie hinhauen, wenn ich mir etwas Mühe gebe und meinen Mitmenschen so lange wohlwollend begegne, bis sie mir konkret irgendwas getan haben (zum Beispiel mir ein beschissenes Zeitschriften-Abo unterjubeln), dann werde ich merken, dass die meisten Menschen einem ebenfalls freundlich begegnen und nicht aus purer Bösartigkeit oder weil sie grad nichts Besseres zu tun haben, sich irgendwelche Intrigen gegen meine Person ausdenken, irgendwelche Ränke schmieden und Verleumdungskampagnen anleiern. Natürlich gibt’s hin und wieder solche Psychopathen, die aus Spaß an der Freude böse zu allen sind. Aber die sind extrem selten. Meistens sind es doch irgendwelche verkappten eingebildeten Unglücksraben, die meinen, sie würden sich an der Welt rächen, bevor sich die Welt an ihnen rächt (warum auch immer die Welt mit so einem Mumpitz ihre kostbare Zeit verplempern sollte). Soweit kann die selbsterfüllende Prophezeiung nämlich auch gehen, dass man proaktiv einfach mal alle scheiße behandelt, weil die nämlich sonst eh vorgehabt hätten, einen scheiße zu behandeln, also kommt der Durchschnittsparanoiker allen potentiellen Feinden (also allen) einfach mal ganz ausgebufft zuvor: „Aber nicht mit mir, ich bin ein schlaues Kerlchen, jawoll, ich seh das nämlich an ihren Augen, Hahahaaa, dass die mir alle Böses wollen, die wollen an meinen Schaaaatz, und mich bestehlen und mich betrügen, aber denen werde ich zuvor kommen, wäre doch gelacht, Gnihihihi!“

Dabei ist es doch so viel entspannter, nicht ständig auf der Lauer sein zu müssen und nicht ständig neidisch und missgünstig auf andere Leute zu schielen und sich nicht immer den Kopf darüber zu zermartern, was andere haben und ich nicht, was ich aber gerne hätte und bla bla bla. Da wird man doch bescheuert bei. Es ist viel lustiger, einfach zu gucken, was man hat und daraus dann das Beste zu machen, anstatt immer nur herumzunölen, weil man dies oder das NICHT hat. Außerdem muss man ja wohl auch ein bisschen was dafür tun, wenn man was haben will. Sich einfach hinstellen und sagen, so, ich will das jetzt aber haben und zwar sofort! und dann aber überhaupt nichts dafür zu tun, ist nichts weiter als kontraproduktiv. Wenn mir jemand einen Haufen Mist vor die Füße knallt, habe ich etwa drei Möglichkeiten:

1.) Ich heule rum und versinke in Selbstmitleid und frage mich, wieso eigentlich immer mir der ganze Mist vor die Füße geklatscht wird und alle sind so gemein zu mir und keiner hat mich lieb und sowieso und überhaupt.

2.) Ich mache einen Riesenterz, verlange den Vorgesetzten des Mistlieferanten zu sprechen, schließlich könne das ja nicht angehen, die sollen sich um ihre Scheiße alleine kümmern und was das eigentlich solle, keiner außer mir arbeitet hier, um alles muss ich mich selber kümmern, die Welt hat sich gegen mich verschworen, und das ja keiner glaubt, ich hätte das nicht gemerkt, dass alle hinter meinem Rücken über mich tuscheln und die sägen alle an meinem Stuhl, weil ich denen zu gut bin und das weiß bloß keiner zu schätzen und… Zack: Burnout, Magengeschwür, Herzinfarkt.

3.) Ich schau mir den Misthaufen genauer an, überlege kurz, was man draus machen könnte und verkaufe den Dreck als Bio-Dünger. Schon habe ich aus Scheiße Gold gemacht.

Nun kann sich ja jeder aussuchen, welche Einstellung er als am zweckdienlichsten erachtet. Genau so, wie negative selbsterfüllende Prophezeiungen einen erst Recht ins Unglück stürzen, können positive selbsterfüllende Prophezeiungen einem helfen, die Dinge, die einen im Leben stören, anzupacken und zu ändern.

So, und jetzt reicht’s mir für heute mit der Küchentischpsychologie.

Essai 88: Über scheiternde Freiwilligkeit und den Zwang zum Glück

29. Mai 2012

Der Hamburger Senat hat nun beschlossen, bezüglich der Einführung einer Frauenquote mit gutem Beispiel voran zu gehen und selbige etappenweise in den nächsten Jahren den Unternehmen aufzuoktroieren. Bin schon auf die Reaktionen gespannt. Vermutlich werden erst mal alle herumnölen, was das denn solle, ihre persönliche Freiheit werde aufs Übelste angegriffen, wenn man sie zwinge *schauder* Frauen auf wichtige Posten zu setzen und dann gewöhnen sich alle dran und finden’s nachher doch ganz gut und schlussendlich wird sich nachher kein Mensch mehr daran erinnern, dass er anfangs zu seinem Glück gezwungen werden musste. Und wenn es soweit ist, kommt wieder irgendein Sturkopf und Querulant aus seinem Loch gekrochen, faselt irgendwas von wegen „Benachteiligung… gegen die Verfassung… Blablabla“ und dann wird alles wieder über den Haufen geworfen und in mühevollster Kleinarbeit ein neues Gesetz ausklamüsert, das dann überhaupt niemand mehr versteht. So wie mit dem Nichtraucherschutz. Ich weiß, ich neige gelegentlich ein wenig zur Redundanz, aber ist doch wahr. Wir haben uns alle dran gewöhnt, dass wir entweder essen oder rauchen dürfen, da kommt irgendwer und meckert rum, der Verfassungsschutz mischt sich ein (der hat wohl nichts Besseres zu tun?) und – bumms – muss noch mal alles wieder neu ausdiskutiert werden. Jetzt ist es wohl so, dass ab so und so viel Quadratmeter ein Raucherraum eingerichtet werden darf, aber der muss vollkommen abgetrennt sein, ein eigenes Lüftungssystem besitzen, es darf kein Rauch da rausdringen, es darf kein Durchgangszimmer sein, was weiß ich. Das nenne ich doch mal ‚persönliche Freiheit‘, anstatt einfach draußen gemütlich eine zu rauchen und mit Leidensgenossen zu klönen, werden die Raucher einfach in eine Art Luftschutzkäfig gesperrt, damit sie aber auch wirklich nur sich selbst gegenseitig zuqualmen. Das Restaurantpersonal muss dann wahrscheinlich mit Gasmasken da rein. Und die kleineren Lokale dürfen dann entscheiden, ob sie Raucher- oder Nichtraucherlokal sein wollen. Super. Diskrimieren wir doch einfach mal alle, damit auch ja keiner vergisst, dass man schon als Raucher oder Nichtraucher auf die Welt kommt und absolut nichts dagegen tun kann und damit auch jeder weiß, dass ‚die Anderen‘ der Feind sind. Und bloß nicht miteinander reden und aufeinander Rücksicht nehmen. Da würde ich als Raucher – oder Rauchender – freiwillig aus Protest gegen dieses Kasperletheater mit dem Rauchen aufhören. Das macht doch überhaupt keinen Spaß mehr, wenn sich alle gegenseitig das Leben schwer machen und auf stur schalten, nur weil sie sich aufgrund der verworrenen Gesetzeslage im Recht sehen. Und vermutlich kann das niemand wirklich widerlegen, weil keiner da auch nur ansatzweise einen Durchblick hat. Und da gibt es sowohl bei den Rauchenden als auch bei den Nichtrauchenden renitente Arschlöcher, die partout allen beweisen müssen, dass sie Bescheid wissen, wie es ‚richtig‘ ist, anstatt einfach mal ihren gesunden Menschenverstand einzuschalten und jedem Tierchen sein Pläsierchen zu gönnen, sofern sie niemandem damit schaden. Dann würden die Leute auch von alleine zum Rauchen rausgehen, weil sie einsähen, dass im Innenraum andere Menschen den Qualm mit einatmen, die das gar nicht wollen.

Worauf will ich damit hinaus? Letzteres, das mit dem gesunden Menschenverstand einschalten und jedem sein Vergnügen gönnen, solange es keinem schadet, das Nutzen von natürlichem Einfühlungsvermögen, der Einsatz kritischer Selbstreflexion und die daraus resultierende Rücksichtnahme und Toleranz gegenüber seinen Mitmenschen, wären das, was wir brauchen, damit jeder in Frieden und Freiheit glücklich leben kann. Nur leider scheint das nicht in der Natur des Menschen zu liegen, der sich lieber wie ein renitenter, rechthaberischer Schwachkopf aufführt, seine miese Laune an allen Anderen auslässt, anstatt mal Ursachenforschung mit anschließender -behebung zu betreiben und zu dem Schluss zu kommen, dass er auch einfach mal nett sein könnte. Sprich: Wenn ich auf die Freiwilligkeit solcher Vollidioten setze, die ja obige Einstellung erfordert, um erfolgreich zu sein, habe ich schon verloren. Da spielt wohl auch irgendein mittelalterlicher, bornierter Ehrenkomplex eine Rolle, der noch in den Köpfen drin steckt und besagt, man dürfe niemals seine einmal gefasste Meinung kritisch hinterfragen, überdenken oder gar *schauder* ändern, weil das einer metaphorischen Kastration gleich komme. Da könne man sich ja auch gleich einen Zacken aus der Krone brechen. Dass diese heilige Meinung gar nicht die ‚eigene‘ Meinung ist, sondern eine durch eine komplexe Mischung von Vorurteilen, unbewussten Indoktrinationen durch Familie, Freunde, Umfeld und Medien, ‚Meinungen‘ anderer und anderen überlieferten Mythen zustande gekommene Illusion von ‚Wahrheit‘ ist, wird dabei nicht bedacht. Dass man ‚Meinungen‘ hat, ist ja in Ordnung, auch dass man Vorurteile hat, da können wir uns ja gar nicht dagegen wehren. Was wir aber tun könnten, wäre, uns bewusst zu machen, dass das, was wir für die ultimative ‚Wahrheit‘ halten, nichts weiter als eine Illusion ist und insofern nicht allgemeingültige Tatsache, die uns erlaubt, wenn nicht sogar dazu verpflichtet, allen, die das anders sehen, auf den Wecker zu fallen. Ein bisschen mehr Toleranz, Gelassenheit, Humor und freundliche Rücksichtnahme gegenüber ‚den Anderen‘, meine sehr verehrten Damen und Herren. Das wäre doch mal eine interessante Abwechslung zum ewigen „Wer hat Recht?“

Von alleine kommt aber anscheinend niemand auf die Idee, sich anständig zu benehmen, damit sowohl er als auch die Menschen in seiner Umgebung glücklich und in Frieden leben können. Offensichtlich ist das zu viel verlangt. Das heißt, wenn man auf Freiwilligkeit setzt, macht einfach jeder so weiter, wie er es gewohnt ist und fängt gar nicht erst an, irgendwas zu ändern, das ist ja auch anstrengend und wer weiß, was da alles auf einen zu kommt. Man muss die Leute eben hin und wieder zu ihrem Glück zwingen, anstatt ernsthaft zu erwarten, sie würden Eigenverantwortung übernehmen und von alleine irgendwas verbessern. Die Welt ist leider ein großer Kindergarten. Wobei ich wage, zu behaupten, dass sich selbst Kindergartenkinder oft besser zu benehmen wissen, als so mancher großkotzige selbstverliebte rechthaberische Sturkopf von einem Erwachsenen. Damit will ich nicht sagen, dass man Kinder an die Macht bringen sollte, ich bin ja nicht Grönemeyer. Außerdem gibt es auch unter Kindern bereits renitente Querulanten, die anderen das Leben schwer machen, nur weil sie gerade ihren Willen nicht gekriegt und infolgedessen miese Laune haben. Dennoch, ein bisschen kindliche Unvoreingenommenheit und Neugier bei meinen erwachsenen Mitmenschen würde erheblich dazu beitragen, dass alle friedlicher miteinander auskommen. Das ist meine Meinung.

Essai 69: Über unterschwellige Ideologievermittlung in angeblichen Kinderfilmen

16. November 2010

Die Kategorisierung medialer Erzeugnisse stößt bei mir immer wieder auf höchste Verwunderung. Vor allem die Kriterien der Kategorie „Kinder-irgendwas“ sind mir völlig schleierhaft. Da wird etwas als Kinderbuch bezeichnet und darin geht es um Mord, Totschlag, selbsternannte „Herrenrassen“ und vielerlei weiterer Grausamkeiten.

Ich bin ja der Meinung, ein gutes Buch, ein guter Film, überhaupt eine gute Geschichte, funktioniert immer auf mehreren Ebenen. In „Harry Potter“ zum Beispiel gibt es Elemente, die für Kinder tatsächlich zu brutal sind (wie bereits erwähnter Mord, Totschlag und „Herrenrassen“-Fascho-Gedöns), aber es gibt auch Elemente, die Kinder toll finden (Tiere, Magie, Freundschaft). Das ist aber längst nicht alles, es gibt auch Elemente, die eher Jugendliche ansprechen (Liebe und Streit, Generationskonflikte und nicht zuletzt bewährte Suspense-Elemente) und wenn man will, findet man sogar als Literaturwissenschaftler jede Menge Material, welches man analysieren kann (alles was bisher erwähnt wurde und bestimmt kann man das auch psychoanalytisch irgendwie deuten. Das geht nämlich immer).

Vor ein paar Wochen startete ein vermeintlicher „Kinderfilm“ in den Kinos, „Die Legende der Wächter“, nach einem vermeintlichen „Kinderbuch“. Ich kann jetzt nur von dem Film sprechen, das Buch kenne ich nicht. Jedenfalls ist es mir auch hier Schleier(eulen)haft, wieso man einen solchen ideologie-gespickten Streifen als „Kinderfilm“ verkauft. Gut, die Figuren sind Tiere (Eulen) und es ist ein Animationsfilm (übrigens atemberaubend animiert), da sind ja gerade meine Landsleute immer schnell dabei, solchergleichen als „Kinder-irgendwas“ zu deklassieren. Über dieses Thema hatte ich ja bereits im Essai 61 geschrieben. Man scheint hier nämlich so zu denken, wie der eine Einbrecher in „Kevin – allein zu Haus“: „Er ist ein Kind und Kinder sind doof.“ Folglich ist auch alles, was „für Kinder“ ist, für Idioten. Also unseriös und minderwertig. Und alles was mit Tieren ist und dann auch noch gezeichnet/animiert, ist natürlich nur was für Kinder, also Volltrottel, Nullpeiler, Schwachköpfe. Wer was auf sich hält, belächelt solche Machwerke von möglichst weit oben herab, damit alle merken, wie ungemein seriös, klug und erwachsen man ist.

Würde man allerdings sich weniger wichtig nehmen und stattdessen mal genauer hinsehen, würde man auch in Animations-Tierfilmen vieles entdecken können, das man kritisch betrachten, hinterfragen und analysieren kann. Was – man korrigiere mich gerne, sollte ich mich irren – doch wohl durchaus eine hirnbedingte Tätigkeit ist. Und da das Hirn wie ein Muskel funktioniert – hält man es in Bewegung, freut es sich und belohnt seinen Besitzer mit erhöhter Leistungsbereitschaft – ist das sogar das Gegenteil von bescheuert, dämlich und unseriös.

Aber ich schweife ab…

In der „Legende der Wächter“ also geht es um zwei verfeindete Lager, die Figuren sind Eulen, könnten aber genauso gut Menschen sein. Aber dann könnte man es nicht mehr als Kinderfilm verkaufen und die Kinder schon im frühesten Alter mit fragwürdigem Schwarz-Weiß-Denken und dualistischen Weltbildern indoktrinieren. Das Ganze funktioniert also als eine Art Perversion des Fabelprinzips. In der Fabel treten ja wie man weiß auch Tiere anstatt Menschen auf, die aber allesamt menschliche Züge tragen. In exemplarischer Weise werden moralische Fragestellungen verhandelt und zum Schluss in einem Epimythion die moralisch erwünschte Verhaltensweise auf den Punkt gebracht („Und die Moral von der Geschicht:…“). Dieses Prinzip finden wir im Grunde auch in der „Legende der Wächter“ mit dem nicht unerheblichen Unterschied, dass in der Fabel die erwünschte Lesart und moralische Interpretation explizit am Ende zusammengefasst, in diesem Film aber unterschwellig, implizit, dem Zuschauer untergeschummelt wird.

Wir haben in dem Film also auf der einen Seite „die Bösen“, die sich in dieser Variante des „Kampf Gut gegen Böse“-Plots „die Reinsten“ nennen. Auch sie jonglieren mit faschistoidem „Herrenrassen“-Gedankengut und wollen so eine Art Elite-Eulenrasse zurecht züchten, damit… äh… weil… öhm… nun ja… weil sie halt böse sind. Und deswegen wollen sie auch alle, die aufmucken oder sonstwie nicht in ihr kleines „Herrenrassen“-Hirnchen passen, abmurksen. Aber zum Glück gibt es ja noch „die Guten“, die in diesem Fall „die Wächter“ heißen. Die setzen sich zusammen aus lauter Auserwählten, wo jeder seinen vorherbestimmten Platz hat, seine „Bestimmung“. Und sie wollen „die Reinsten“ vernichten, weil… äh… nun ja… öhm… weil sie halt gut sind und die anderen halt böse. Und deswegen wollen sie auch alle, die aufmucken oder sonstwie nicht in ihr vermeintlich überdimensionales „Weltretter“-Hirn passen, abmurksen.

Wer jetzt aufgepasst hat, merkt, das ist ja beides das Gleiche in Grün. Genau. Und das ist der Punkt. Dem Zuschauer wird nämlich unterschwellig vorgegaukelt, es gäbe so etwas wie angeborene Bosheit und angeborene Gutheit. Und dass es die Aufgabe der „Guten“ ist, die „Bösen“ – O-Ton Film – „auszurotten“ (Das Zitat lautet allen Ernstes: „Wir werden nicht ruhen […] bis alles Unrecht ausgerottet ist“). Sicher, das ist ein beliebtes Motiv von Fantasy-Filmen und ähnlichem Machwerk. Dass man eine Bestimmung hat, der man folgen muss, dass alles Schicksal ist, dass man tun muss, wofür man geboren wurde, laber Rhabarber sülz und schwafel. Aber es macht doch einen Riesenunterschied, ob das Menschen sind, die solch fatalistisches Gedöns verzapfen, oder süße, putzig-flauschige Tierchen. Dadurch wird der Metadiskurs des dualistischen Weltbildes (Gut – Böse, Gott – Teufel, Wir – Sie) nämlich eklatant verharmlost und eingeniedlicht. Kindern wird dieser Quatsch als Normalität vorgegaukelt und somit erschwert, dass sie zu selbständig denkenden, kritisch hinterfragenden und differenzierenden Erwachsenen werden. Und das betrachte ich persönlich als kritisch…

Essai 66: Über das vorurteilsbedingte Zurechtbiegen nichtssagender Sachverhalte

12. August 2010

Ich bin mal wieder fündig geworden. In der Zeitung. Die ist fürwahr ein nichtversiegender Quell typisch menschlichen (grenzdebilen) Gebahrens. Heute möchte ich mal einen Artikel über die Schließung einer Moschee zum Anlass nehmen, mir die menschliche Eigenart vorzuknöpfen, jedes noch so nichtssagende Detail so zurechtzubiegen, dass es irgendwie ins eigene Weltkonzept passt, das man sich zusammengebastelt hat und aus welchem man seine Vorurteile speist.

Es geht um die Moschee, in der sich die Hamburger Attentäter vom 11. September häufiger getroffen haben. Nach jahrelanger Untersuchung steht jetzt fast fest, dass mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit in besagter Moschee „religiöse Fanatiker herangezüchtet“ worden sein sollen. Ob das nun stimmt oder nicht, will ich hier nicht weiter debattieren. Ich habe nämlich nicht die leiseste Ahnung, ob das stimmt oder nicht. Kann ich auch gar nicht wissen. Das ist auch egal, denn was mich interessiert, ist die Wirkung dieser – meiner Meinung nach sozial ungeschickten – Aktion.

In dem Artikel kamen nämlich die Nachbarn der Moschee zu Wort und die waren äußerst erleichtert über die Schließung (laut Artikel). „Die leben in ihrer eigenen Welt“ posaunte einem schon der Titel entgegen. Gesagt habe das ein Nachbar, der „aus Furcht anonym bleiben will“. Der verängstigte Nachbar weiß außerdem, dass „die“ (dem Artikel zufolge sind „die“, die Moschee-Besucher) sich „bewusst ausgegrenzt“ hätten. Begründung: „Für die deutsche Gesellschaft hatten die nur Verachtung übrig“. Beweis: „Das hat man gemerkt.“

Peng. Was soll man bloß gegen dieses hieb- und stichfeste Argument einwenden?

Aber es geht noch hanebüchener. Passt mal auf. Der furchtsame Anonyme fährt nämlich fort, dass bärtige, vermummte junge Männer bis spät in die Nacht vor der Moschee gestanden hätten, was „natürlich Unbehagen“ wecke. Schließlich sei er sich ja darüber im Klaren, was für „Verbindungen“ den „Leuten in der Moschee nachgesagt“ würden. Ja, sogar der Bundesnachrichtendienst sei dort „Dauergast“ gewesen, und das „spricht wohl Bände“. Unser anonymer Hasenfuß ist mit seinem Wissen nicht alleine. Weitere Nachbarn bewerteten die Besucher der Moschee als – jetzt kommt’s – auffällig unauffällig. Zum Beispiel seien die Gebete bis auf die Straße zu hören gewesen. Also, wenn die Fenster offen standen. Und das „klang […] schon merkwürdig“, stellt ein Nachbar fest, vor allem angesichts dessen, was den Moschee-Besuchern nachgesagt werde. Ansonsten habe er sich aber um seinen Kram gekümmert, und „die“ sich um ihren.

Ich kann mich einfach nicht des Eindrucks erwehren, dass auch der Autor des Artikels sich Nichtigkeiten so zurechtgebogen hat, wie es in seine vorgefertigten Meinungen passte. Jedenfalls macht er sich nicht die Mühe, diesen Quatsch zu entkräften. Dabei wäre es ein leichtes.
Nehmen wir zum Beispiel den Beweis von anonymer Feigling Nr. 1, „das hat man gemerkt“. Mit ein paar kleinen Gegenfragen kann man diese Art von Totschlagargumenten in der Luft verpuffen lassen: „Woran?“, „Wie kommen Sie darauf?“, „Können Sie ein Beispiel nennen?“, „Aber etwas Konkretes wissen Sie nicht?“, „Also was denn nun, vermummt oder bärtig?“, „Was hat denn nun auch noch der Bundesnachrichtendienst damit zu tun“, „Finden Sie nicht, dass Ihre Aussagen etwas – nun ja – paranoid anmuten?“ etc.

Oder der, der sich angeblich immer nur um seinen eigenen Kram gekümmert habe. Hat er ja nun ganz offensichtlich nicht. Sonst hätte er die Gebete, die „schon merkwürdig klangen“, gar nicht mitbekommen.

Ich hatte weiter oben erwähnt, dass ich diese Aktion als sozial ungeschickt erachte. Auf diese Art und Weise füttert, ja mästet, man die Vorurteile derer, die Fremdem gegenüber sowieso schon skeptisch sind. Außerdem füttert, ja mästet, diese Art der Berichterstattung die Vorurteile derer, die ohnehin schon skeptisch gegenüber der „deutschen Gesellschaft“ sind. Wie soll denn so jemals ein offener Dialog zustande kommen? Jeder fühlt sich in seiner wie auch immer gearteten Meinung bestätigt, die er sich schon lange vorher gebildet hatte. Und jeder ist der Meinung, Recht zu haben. Und leider ist das den meisten Menschen wichtiger als alles andere.


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