Posts Tagged ‘Diplomatie’

Essai 174: Über grundlose Unhöflichkeit

2. Juli 2017

Beim besten Willen kann ich nicht nachvollziehen, warum manche Menschen unfreundlich zu Leuten sind, die ihnen gar nichts oder sogar etwas Nettes für sie getan haben. Da bin ich vielleicht auch etwas dogmatisch, ich weiß es nicht. Aber meiner Meinung nach gibt es keinen Grund, unhöflich zu sein, wenn der andere sich nicht wie ein Riesenarschloch aufführt. Und selbst, wenn jemand sich wie ein Riesenarschloch aufführt, sollte man höflich sein, weil man sich ja nicht zwingend auf dieses Arschloch-Niveau herabbegeben muss.

Genaugenommen gehe ich sogar soweit, zu behaupten, dass generell niemand unhöflich sein muss. Es gibt zwar manchmal begriffstutzige Vollpfosten, die völlig wahrnehmungsgestört und ich-bezogen sind, und die nicht kapieren, dass sie sich scheiße benehmen, sofern man sie nicht im Kasernentonfall anschnauzt und zusammenfaltet. Aber die haben dann ja angefangen. Sprich: Wenn die sich nicht unhöflich und achtlos verhalten hätten, gäbe es nichts, weswegen man sie anpflaumen müsste. Und für ihr ursprünglich pampiges Gebahren gibt es meines Erachtens keine Entschuldigung.

Sicher, manchmal hat man einen Pups quer sitzen, ist mit dem falschen Fuß aufgestanden oder PMS-bedingtes Hormongeschwurbel verhagelt einem die Laune (an die Herren: In diesem Fall ist davon abzusehen, eure Herzensdamen zu fragen, ob sie ihre Tage haben, wenn sie gereizt sind). Dann ist es verständlich und menschlich, wenn man etwas mürrisch ist und einem der Tonfall ein wenig harsch gerät. Aber dann kann man sich doch kurz entschuldigen, damit der andere weiß, es liegt nicht an ihm. „Sorry, heute ist echt nicht mein Tag“ oder sowas in der Art, das reicht dann ja schon, wenn man andere versehentlich brüskiert hat.

Was ich auch nicht verstehe – und es macht mich fuchsig, wenn ich was nicht verstehe – wenn Menschen grundsätzlich unhöflich und unfreundlich zu allen anderen sind. Die so eine Grundhaltung an den Tag legen, dass alle anderen immer alles falsch machen und das mit voller Absicht, nur um sie zu ärgern. Die davon ausgehen, dass alle ihnen Böses wollen. Die sich nicht vorstellen können, dass andere vielleicht Besseres zu tun haben, als jede Sekunde ihres Daseins mit Komplotten und perfiden Betrugsplänen zu verplempern, um dieser einen Person zu schaden.

Da kann man noch so aufrichtig freundlich und wohlwollend auf diese Menschen zugehen, sie finden immer irgendeinen subjektiven Vorwand, um einen auf den Schlips zu treten. Gut, es kann sein, dass dieser garstigen Grundhaltung ein langes Leben voller Gefühle der Einsamkeit, Enttäuschung und des Ungeliebtseins vorangegangen ist. Das tut mir ja auch leid. Aber trotzdem kann man sich ja wohl Leuten, die einem nichts getan haben, gegenüber zusammenreißen. Und wenn man das nicht kann, sollte man eine Psychotherapie in Erwägung ziehen. Ist ja nichts dabei, sich professionelle Hilfe bei Problemen zu holen, die man alleine nicht geregelt bekommt. Wenn man einfach weiterhin alle wie Dreck behandelt, nur weil man sich selbst wie Dreck fühlt, wird die eigene Situation nur noch schlimmer.

Früher oder später hat da nämlich keiner mehr Lust zu, sich ständig von jemandem, der den lieben langen Tag nur in seiner eigenen Galle versumpft und die ganze Welt außer sich selbst dafür verantwortlich macht, dass er sich schlecht fühlt, als Frustableiter missbrauchen zu lassen. Und dann ist derjenige wirklich einsam. Und hat dann niemanden, der ihm ab und zu mal den Spiegel vorhält, Grenzen aufzeigt, und sagt: So, jetzt reicht’s aber.

Aber vielleicht stelle ich mir das auch alles viel zu einfach vor. Ich gebe zu, ich kann mir das schwer vorstellen und mich da nicht hineinversetzen, wenn man so chronisch verbittert ist. Mich kostet es zugegebenermaßen überhaupt keine Mühe, freundlich und höflich zu meinen Mitmenschen zu sein. Klar, manchmal bin ich aus Versehen ein achtloser Paddel, und mache irgendwas, was andere verletzt, ohne es in dem Moment zu merken. Dann bin ich von meinem Selbstbild her überzeugt, dass ich voll nett war, aber in Wirklichkeit hat mich der andere als Arsch empfunden. Das habe ich noch nicht ausklamüsert, wie sich so etwas vermeiden lässt. Ich hoffe einfach, dass man mich in solchen Situationen sachlich darauf hinweist, dass ich was Blödes gemacht habe, damit ich mich entschuldigen und versuchen kann, es wieder gut zu machen.

Doch wenn jemand ständig scheiße zu allen ist, das kann ich nicht nachempfinden. Ich kann auch diesen falschen Stolz, der solche Leute daran hindert, sich Hilfe zu holen, um Probleme zu lösen, die sie alleine nicht in den Griff bekommen, nicht nachvollziehen. Gut, es gibt manche psychische Erkrankungen, die für Antriebslosigkeit sorgen, und es für Betroffene unheimlich schwer machen, eine Therapie anzufangen. Das ist dann noch mal was anderes. Aber ansonsten verstehe ich das nicht.

Was ich ebenfalls schwierig finde, ist der richtige Umgang mit solchen chronisch grundlos unhöflichen Zeitgenossen. Einerseits bin ich es allmählich leid, mein Seelenglück von solchen egozentrischen Stinkstiefeln vermiesen zu lassen. Dazu habe ich echt keine Lust mehr, ich bin jetzt Mitte 30 und langsam wirklich zu alt für diesen Scheiß. Die sollen sich entweder verdammt noch mal nicht so anstellen oder sich Hilfe suchen. Außerdem habe ich überhaupt nicht das professionelle psychologische Handwerkszeug, um solchen Leuten zu helfen. Andererseits habe ich aber ein schrecklich schlechtes Gewissen, weil ich ja niemanden im Stich lassen will, nur weil er ständig Scheißlaune hat und allen Menschen mit Misstrauen und Arroganz begegnet. Obwohl die das ja irgendwie nicht besser verdient haben, als dass ihnen die Freunde nach und nach davonlaufen.

Aber wenn sie alle Menschen gleichermaßen mies behandeln, ist es ja nicht persönlich gemeint, wenn sie bei mir keine Ausnahme machen. Und dann muss ich es doch eigentlich auch nicht persönlich nehmen … Allerdings sehe ich nicht ein, warum ich mich für Fieslinge aufreiben sollte, wenn es genug liebe, nette Menschen gibt, die meine Gesellschaft zu schätzen wissen und das ab und zu auch mal zeigen. Das muss ich doch nicht, oder?

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Essai 170: Über zweifelhafte Konfliktlösungsstrategien

2. April 2017

Um ehrlich zu sein, bin ich manchmal schon ein ziemlicher Feigling. Wenn’s irgendwo nach Ärger riecht, Streit oder Unfrieden droht, ergreife ich ganz gern vorsorglich die Flucht und gehe dem Konflikt aus dem Weg. Das ist übrigens im Tierreich, zum Beispiel unter Katzen, eine völlig legitime Konfliktlösungsstrategie, aber unter Menschen ist das alles ein bisschen komplizierter.

Wenn zum Beispiel zwei Katzen einander auf einem Weg begegnen, der zu keinem Revier der beiden gehört, bleiben sie erst einmal stehen, taxieren sich aus einem höflichen Abstand heraus, und einigen sich schließlich darauf, ganz friedlich aneinander vorbei zu laufen und ihrer Wege zu gehen. Wirklich Zoff gibt’s nur, wenn er unvermeidbar ist, etwa, weil die Revierzugehörigkeit unklar ist und keine Rückzugsmöglichkeit besteht. Dann muss man den Konflikt kurz mit Tatzenhieben und Gefauche ausfechten, und danach ist es in der Regel auch wieder gut. Es sei denn, die Katzen hocken dauerhaft auf zu engem Raum und ohne Rückzugsmöglichkeit aufeinander, aber das ist eine andere Geschichte.

Das Nervige bei Menschen ist, dass wir uns vor allem verbal verständigen und nicht – wie Katzen und andere Tiere – nonverbal. Wenn es bei uns zu Konflikten kommt, heißt es immer, man müsste darüber reden. Leider kommt es aber gerade beim Reden oft zu Missverständnissen und manchmal entsteht durch missverstandene Worte überhaupt erst ein Konflikt. Das ist fürchterlich anstrengend, das hinterher dann ebenfalls mit Worten auseinander zu klamüsern, die dann möglicherweise wieder missverstanden werden. Und da möchte ich mich dann manchmal am liebsten einfach verkriechen und mich verstecken, bis der Konflikt sich hoffentlich von alleine in Wohlgefallen aufgelöst hat.

Im Kontext menschlichen Sozialverhaltens gilt diese Konfliktlösungsstrategie allerdings als reichlich unreif, kindisch und albern. Ich komme mir dann ja auch selbst völlig bescheuert vor, wenn ich mal wieder versuche, mit meiner Ausweichtaktik einen Konflikt solange zu ignorieren, bis er hoffentlich wieder ohne mein Zutun verschwindet. Obwohl es manchmal vermutlich schlauer und schneller ginge, doch miteinander ehrlich zu reden.

Aber dann weiß man ja oft nicht, was andere Menschen so denken, wie die drauf sind, wo ihre Empfindlichkeiten liegen. Und nachher überwinde ich meine Konfliktscheu, springe mutig und tapfer über meinen Schatten, sage, was ich denke, und der andere ist hinterher noch wütender auf mich oder enttäuschter von mir als vorher, weil ich meine Wortwahl ungeschickt getroffen habe. Oder ich lege jedes Wort ganz genau auf die Goldwaage, sodass der andere völlig genervt ist, weil ich nicht auf den Punkt komme. Auch blöd.

Normalerweise komme ich ganz gut damit zurecht, Konflikte gar nicht erst entstehen zu lassen, indem ich einfach von vorneherein freundlich und höflich zu allen bin, die mir nichts getan haben. Wenn doch einmal der äußerst seltene Fall eintritt, dass mich jemand absichtlich ärgert, ist das allerdings auch kein Problem, weil ich dann keinen Grund sehe, auf dessen Gefühle Rücksicht zu nehmen, und dann kann ich ihm ja problemlos meinen ehrlichen Ärger um die Ohren hauen. Das ist für denjenigen dann wenig erfreulich, aber das ist dann Pech, man muss mich ja nicht unnötig reizen. Kurz zur Klarstellung: Man muss das schon wirklich darauf anlegen, mich zu verärgern, ich bin da in der Regel sehr duldsam und langmütig.

Wenn es aber dann doch zu einem Missverständnis oder einem anderen Konflikt kommt, bin ich aufgeschmissen. Ich will den anderen ja nicht verletzen, unnötig gemein sein oder das Missverständnis noch weiter vertiefen. Aber auf eine offene Auseinandersetzung habe ich auch absolut keine Lust. Und wie ehrlich ich sein kann, ohne den Konflikt zu verschärfen, weiß ich dann ja auch nicht im Voraus. Und weil ich dann überhaupt nicht weiß, was ich machen soll, mache ich dann bevorzugt gar nichts, sprich: ich gehe der ganzen Geschichte aus dem Weg und komme mir völlig dusselig vor.

Seufz! Das Leben wäre um einiges einfacher, wenn wir uns tatsächlich nur über Körpersprache, Gerüche und Laute verständigen würden. Auf der anderen Seite ist verbale Sprache aber auch so eine faszinierende und vielseitige Sache, dass ich sie nicht missen möchte. (Zumal ich damit meine Brötchen verdiene) Vielleicht muss man Uneinigkeit manchmal auch einfach aushalten. Oder? Was meint ihr dazu?

Essai 160: Über Mitleid, den bösen Zwilling von Mitgefühl

2. Juli 2016

Es gibt ja nicht viel, was mich zur Weißglut treibt, aber Mitleid gehört definitiv dazu. Das Schlimme ist: Mir passiert das auch gelegentlich, dass ich glaube, ich würde mit jemandem mitfühlen, obwohl ich ihn in Wahrheit bemitleide. Beste Voraussetzungen also, um zu dem Thema mal einen Essai zu schreiben.

Immer wieder trifft man auf Leute, die andere Ziele im Leben, andere Wertvorstellungen und Maßstäbe haben, andere Prioritäten setzen und einen anderen Geschmack haben. Da kommt es oft vor, dass man ihre Handlungsweisen und Motivationen nicht nachvollziehen kann, weil einem das so fremd ist und es so sehr von den eigenen Vorstellungen abweicht. Und dann hat man manchmal den Eindruck, dass diese Menschen nicht klarkommen – weil sie die Ziele, Werte, Maßstäbe und Prioritäten, die man selbst hat, nicht erfüllen. Da hat man dann drei Möglichkeiten:

  1. Man pfeift drauf, lässt den anderen in Ruhe und geht seiner Wege
  2. Man hat Mitleid und denkt: „Ach der Arme, der ist so ein Versager“
  3. Man versucht, Mitgefühl mit dem anderen zu empfinden und ihn respektvoll zu behandeln

Möglichkeit 1 ist meiner Meinung nach für lockere Bekannte in Ordnung und die beste Lösung, damit jeder seinen Seelenfrieden hat. Bei Freunden und anderen Menschen, die einem am Herzen liegen, ist es etwas anderes. Es gibt ja einen Unterschied zwischen Respektieren und Ignorieren; Verhalten, das einem komisch vorkommt, zu ignorieren, wenn es sich um jemanden handelt, der einem etwas bedeutet, finde ich irgendwie … herzlos. Hat man Mitleid mit der betreffenden Person, ist das allerdings auch kein Zeichen von Respekt – und das ist der wesentliche Unterschied zu Mitgefühl.

Bei Mitleid schließt man von sich auf andere und interpretiert den anderen, ohne ihn zu fragen. Man formuliert innerlich ein Urteil, eine Diagnose, wo das Problem liegt, und kommt sich dabei unfassbar schlau und sensibel vor. Dann teilt man sein küchentischpsychologisches Gutachten stolz allen mit, dem Betroffenen natürlich auch, und bietet am besten auch gleich seine Hilfe bei der Lösung des Problems an und ignoriert Proteste und Widersprüche des armen Tropfs, der das Mitleid erregt hat. Übrigens bin ich da nicht anders, ich bin auch manchmal ein ziemliches Arschloch, ohne es in dem Moment zu merken. Das Ding ist nämlich: Mitleid ist nie böse gemeint, es ist immer lieb und nett und gut gemeint – das ist das Diabolische daran.

Ist man selbst das Opfer einer Mitleidsattacke, kann man sich im Grunde nicht wirklich dagegen wehren, man ist in einer emotionalen Zwickmühle eingeklemmt, aus der man nicht mehr heil heraus kommt. Sagt man dem anderen, er solle sich sein Mitleid dahin schieben, wo keine Sonne scheint (was in Hamburg so ziemlich überall ist 😛 ), stößt man ihn vor den Kopf, tritt ihm auf den Schlips und steht als undankbares Miststück da. Versucht man es mit Sachlichkeit, bedankt sich für das vermeintliche Mitgefühl, erklärt aber, dass soweit alles in Ordnung ist und man schon klar kommt, wird einem nicht geglaubt oder gar nicht erst zugehört, weil man nicht laut und ausfallend genug geworden ist, um klar zu machen, dass man nicht bemitleidet werden will. Und geht man auf das Mitleid ein, gibt man dem anderen damit recht, und steht wie ein unfähiger Vollidiot da, der nichts alleine auf die Kette kriegt, und kann sich schon mal darauf freuen, das Mitleid nie wieder loszuwerden.

Und dann ist da noch das Mitgefühl. Der Unterschied zwischen Mitleid und Einfühlungsvermögen ist, dass es bei letzterem wirklich um den anderen geht, nicht um einen selbst. Mitleid ist Selbstbestätigung und Selbstdarstellung, Mitgefühl ist ehrliches, aufrichtiges Interesse an der anderen Person. Man versucht dann, sich in den anderen hineinzuversetzen, nachzuvollziehen, wie seine Sicht der Dinge, seine Wertvorstellungen, Prioritäten, etc. gewichtet sind – und betrachtet seine Handlungen in seinem Kontext und nicht im eigenen. Dann stellt man entweder fest, dass der andere zufrieden und glücklich ist, so wie es ist. Oder es gibt doch ein paar Sachen, die ihn wurmen. Wenn man ehrliches Mitgefühl empfindet, wird der andere merken, dass er sich öffnen kann, ohne dass er bewertet, verurteilt, analysiert, belehrt oder sonstwie herablassend behandelt wird. Ist ersteinmal so ein Vertrauen entstanden, dass der andere alles erzählen kann, aber nichts erzählen muss, handelt es sich um wirkliches Mitgefühl.

Ich denke, grundsätzlich kann man Mitgefühl im Rahmen seiner Möglichkeiten schon lernen. Zumindest möchte ich versuchen, wenn ich merke, dass sich Mitleid in mir regt, innezuhalten und zu schauen, ob der andere nur meiner Meinung nach ein Problem hat, oder auch aus seiner oder aus objektiver Sicht. Und dann nicht zu urteilen, sondern zu fragen, nicht mit Weisheiten zuzutexten, sondern zuzuhören. Mal gucken, ob mir das gelingt …

Essai 148: Über Idealismus und Naivität

10. August 2015

Ich konnte es mal wieder nicht lassen und habe mich in den Kommentaren zu einem Blogbeitrag zum Thema Flüchtlinge mit Leuten gestritten, die ich für Flüchtlingsgegner hielt. (Den Beitrag von Erzählmirnix gibt’s hier) Im Wesentlichen hatte ich die Aussage „Warum soll man nichts gegen Kriminelle haben dürfen?“ eines Kommentators im Zusammenhang von Flüchtlingen so gedeutet, dass er allen Flüchtlingen pauschal unterstellt, kriminell zu sein. Da ist mir der Kragen geplatzt und ich wurde verhältnismäßig zickig, was mir jetzt im Nachhinein peinlich ist, weil ich normalerweise etwas überlegter handle. Der Kriminalitätsgegner durchschaute mich dann auch prompt und klatschte mir als Gegenargument vor die Füße, dass ich offenbar sehr emotional reagiere und äußerte die Vermutung, mir würden meine Gefühle einen Streich spielen. „Verdammt, erwischt!“, dachte ich und antwortete daraufhin entsprechend patzig und leider viel zu offensichtlich beleidigt. Ein solches trotziges Verhalten ist vollkommen kontraproduktiv, wenn man Leute von seinem Standpunkt überzeugen will. Da kann man auch gleich antworten: „Mimimi, selber doof!“ und die Zunge herausstrecken. Es verwundert also wenig, dass sich kurz darauf ein zweiter Kommentator einmischte, und mein Verhalten als „blöde“ abkanzelte.

Das Problem war, dass ich in der Tat für meinen Standpunkt „Flüchtlinge sind Menschen in Not und Menschen in Not brauchen Hilfe!“ keinerlei rationale Argumente vorzubringen wusste, sondern nur verzweifelt wiederholte, dass das doch wohl aus menschlich-ethischer Sicht selbstverständlich sei. Während also die beiden Herren mit (scheinbar) rationalen Gründen ihre Sichtweise untermauerten, stand ich da mit meinem moralischen Kompass, der wie verrückt ausschlug, und konnte nur emotionale Gründe vorbringen. Ich meinte, es gehe doch bei der ganzen Debatte auch um Nächstenliebe und um die Unschuldsvermutung, und das sei doch auch wichtig, oder? Nein, meinte derjenige, der mein Verhalten „blöde“ fand. Aber in dem Punkt bleibe ich dann doch anderer Meinung.

Lange Vorgeschichte, nun komme ich zum eigentlichen Thema dieses Essais, nämlich Naivität und Idealismus. Meine Ansicht ist und bleibt, dass Menschen in Not Hilfe brauchen, dass man sie nicht pauschal als zukünftige mögliche Kriminelle betrachten, sondern sie nach Kräften darin unterstützen sollte, sich möglichst schnell zu berappeln, zur Ruhe zu kommen und möglicherweise eine neue Heimat zu finden, dort arbeiten zu gehen und sich zu integrieren. Das wird anscheinend von manchen Leuten als emotionaler Unfug, als naives Geschwätz und dämlicher Idealismus abgetan. Sie wiederum halten sich für Realisten, weil sie überall nur das Schlechte in anderen Menschen sehen. Was ich im Gegenzug für defätistisch und nicht zielführend halte.

Was hat denn irgendjemand davon, wenn man alles negativ sieht, jedem Menschen erst einmal tiefes Misstrauen entgegenbringt und von vorneherein davon ausgeht, dass alle anderen nur Schlechtes im Sinn haben? Ab und zu hat man damit vielleicht zufällig ein bisschen recht. Die Aspekte, in denen man sich irrt und die die eigene Sichtweise eventuell infrage stellen könnten, weil sie zeigen, dass der pessimistische Standpunkt zu schwarzweiß gedacht ist und dass die Realität viel komplexer und facettenreicher ist, kann man ja ganz rational und unnaiv ignorieren. Dann passt es aus eigener Sicht wieder und die selbsterfüllende Prophezeiung wird subjektiv betrachtet wahr. Ansonsten nützt es gar nichts. Warum sollte man schließlich versuchen, die Welt ein wenig besser zu machen, wenn man davon ausgeht, dass das sowieso nichts bringt? In diesem Zusammenhang begegnet einem unter Flüchtlingsgegnern dann ja auch des Öfteren das (scheinbar rationale) Argument, wir (Deutschen) könnten ja nicht jeden (Flüchtling) aufnehmen. Nee, jeden nicht. Müssen wir ja auch gar nicht. Aber mit meiner naiven, idealistischen Einstellung, dass man sein Bestes geben sollte, um Menschen in Not zu helfen, nimmt man so viele auf, wie man kann. Nur weil man nicht allen helfen kann, soll man niemandem helfen? Das mag ja manchen „Realisten“ als logisch erscheinen, ich find’s unmenschlich, unethisch und arschig. Sorry, da bin ich wieder emotional geworden. Und das war jetzt pampiger Sarkasmus. Ach je, ich lern’s auch einfach nicht, ich Naivchen.

Ich verstehe nicht, warum Naivität immer mit Dummheit, Pessimismus und Defätismus mit Intelligenz synonym verstanden wird. Wenn es um Menschen geht, um Existenzen, um Leben, dann kann man da doch nicht damit umgehen wie mit Schuhkartons! „So, jetzt ist die Lagerhalle voll, jetzt passen keine Schuhkartons mehr hinein. Der Karton ist angeditscht, der kommt weg“, das ist bei Ware, bei Objekten, eine logische, sinnvolle Vorgehensweise. Aber wenn Menschen andere Menschen so betrachten, dann müsste eigentlich jeder moralisch anständige Mensch emotional werden und aufschreien! Das ist doch nicht dumm! Es ist gutgläubig, sicher, davon auszugehen, dass wenn die Mehrheit der Menschen sich gegen Ungerechtigkeiten ausspricht, sich möglicherweise nach und nach etwas an den Ungerechtigkeiten ändert. Ich weiß, ich bin eine hoffnungslose Idealistin, aber deswegen ist mein Standpunkt doch nicht bescheuert!

Man könnte jetzt natürlich einwenden, dass aus Idealismus Fanatismus werden kann. Die Gefahr besteht tatsächlich, wenn man aufhört, selbstkritisch zu sein und seine eigene Sichtweise zu reflektieren. Ab und zu leisen Zweifeln zu lauschen, ist ein gutes Gegengewicht zu übertriebenem Idealismus. Aber das ist ein anderes Thema.

Essai 132: Über was die Nachbarn denken sollen

3. Oktober 2014

Vor langer Zeit war ich mal mit jemandem befreundet, der mich ziemlich oft ganz schön verwirrt hat. Unter anderem mit einer für mich gänzlich unnachvollziehbaren Angst davor, was bloß die Nachbarn denken sollen. Meine Familie und ich galten in unserer Nachbarschaft zumindest bei denen, die uns nicht übermäßig leiden konnten, als „die Franzosen“ (was ja zumindest halbrichtig ist) und somit als amoralisches, unzivilisiertes Pack. Und ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert. Ich bin daher in einem Umfeld aufgewachsen, in welchem man einfach nett und freundlich zu allen ist und dann können sie von einem denken, wozu sie Lust haben, das ist dann nicht mehr mein Problem. So lange ich mich so verhalte, dass ich es vor mir und den Menschen, die mir am Herzen liegen, aufrichtig vertreten kann, ist alles andere unwichtig.

Das zumindest ist meine Meinung.

Ich hab jedenfalls damals, als mein Kumpel das erste Mal ängstlich aus dem Fenster sah und flüsterte: „Vorsicht, die Nachbarn!“, gedacht, der macht Witze. Und fand das ziemlich lustig. Erst allmählich wurde mir später klar, dass das ernst gemeint war und verstehe bis heute nicht, warum. Ich denke, wenn man alle Menschen freundlich grüßt, ihnen nicht zu sehr auf die Pelle rückt, sie respektiert und ihre Sachen nicht kaputt macht oder sie irgendwie belästigt oder stört, dann ist doch alles in Ordnung. Dann braucht man doch keine Angst davor zu haben, sie könnten dies oder das von einem denken. Das weiß ich doch ohnehin nicht, was die denken und was in ihren Köpfen vorgeht und wenn die Vorurteile gegen mich haben, ist das auch nicht meine Schuld (vorausgesetzt natürlich, ich benehme mich einigermaßen anständig). Da wird man doch völlig bekloppt, wenn man sich über sowas den Kopf zerbricht. Außerdem: Was für eine unerquickliche Zeitverschwendung.

Nichtsdestotrotz habe ich es vor ein paar Monaten doch mal geschafft, den Unmut einer Nachbarin zu erregen. Ich bin letztes Jahr in eine Wohnung gezogen und wir hatten noch keine Vorhänge. Die ältere Dame sah uns daraufhin immer beim Umziehen im Schlafzimmer zu und war der Ansicht, das sei Erregung öffentlichen Ärgernisses, was uns denn einfiele, wir seien hier nicht beim FKK und sie würde uns anzeigen und das würde richtig teuer für uns werden, Jawoll!

Also offenbar kann man auch den Ärger von seinen Nachbarn provozieren, wenn man es gar nicht beabsichtigt. Darüber könnte ich mir jetzt natürlich Gedanken machen und mir das Leben ein wenig schwieriger und witzloser gestalten. Mein Freund und ich haben es jedoch vorgezogen, Gardinen aufzuhängen. Seitdem ist Ruhe und die Anzeige ist bislang auch ausgeblieben.

 

Essai 127: Über Internet-Trolle

29. Juni 2014

Idioten in der Offline-Welt sind ja schon schlimm genug. Doch wenn diese Schwachmaten immerhin schlau genug sind, sich ins Internet zu begeben, entsteht eine explosive Mischung. Denn im Internet sind die Menschen durch ein gewisses Maß an Anonymität geschützt – zumindest empfindet man das persönlich so, wahrscheinlich ist das in Zeiten von NSA und Co. eine Illusion – und trauen sich daher, auch den bescheuertsten geistigen Dünnpfiff kund zu tun. Ja, mir scheint sogar, dass es für manche dieser Internet-Trolle eine Vollzeitbeschäftigung ist, durchs Netz zu surfen und überall ihre verqueren Ansichten zu hinterlassen und Unruhe zu stiften.

Zugegeben: Auch ich erliege gelegentlich der Versuchung, herumzutrollen. Wenn beispielsweise auf Facebook wieder irgendwer einen vor nostalgischer Vergangenheitsverklärung, Kitsch oder Klischees triefenden Aphorismus postet, kann ich einfach nicht an mich halten und muss den mit Sarkasmus oder Altklugheit demontieren. Dann mache ich mir einen Jux daraus, Rechtschreib- und Grammatikfehler zu monieren oder hinterfrage die Logik dieser Aussage. Es bereitet mir ein diebisches Vergnügen, diese Sprüche à la „Früher war alles besser“, „Diese Jugend heutzutage“ oder „Liebe ist blabla *irgendein-Schwachsinn* blabla“ auseinander zu nehmen.

Oder, was ich zuweilen auch ziemlich lustig finde, zumindest, bis irgendein noch größerer Troll als moi rassistisch wird, ist, den politischen, spießig-verstockt-verstaubten Ansichten der Christdemokraten, Christsozialen, Neoliberalen und AfDlern fröhlich zu widersprechen. Aber meistens dauert das nicht lange und diese Unsympathen beweisen, dass sie in Sachen Herumgetrolle weitaus versierter sind als meine Wenigkeit und dann macht’s nicht mehr so wirklich Spaß. Dann verabschiede ich mich mit einem „Ich diskutiere nicht mit Idioten. Sie ziehen dich herunter auf ihr Niveau und schlagen dich mit Erfahrung“ und schmolle ein wenig vor mich hin. Und dann merke ich mir das für einen Essai vor.

Jedenfalls bin ich manchmal fassungslos, was Internet-Trolle so alles von sich geben. Manchmal ist es zwar unfassbar dämlich, aber immerhin harmlos. Zum Beispiel, wenn sich jemand die Mühe gegeben und die Zeit genommen hat, einen Artikel zu lesen und dann kommentiert (und dafür auch noch Zeit und Mühe aufwendet): „Ja, ja. Und in China fällt ein Sack Reis um“ oder „Dieser Artikel ist sowas von überflüssig, reine Zeitverschwendung“ oder „Scheißjournalisten, haben keine Ahnung, müssen mal besser recherchieren. Was für’n Schwachsinn lol“ und andere schon zu Klassikern der Trollkommentare gewordene Perlen. Etwas beunruhigender finde ich dann die ebenfalls sehr beliebten, aber unterschwelligen Nationalismus und Rechtsradikalismus offenbarenden Kommentare, die sich aus Textbausteinen wie „armes Deutschland“, „linksgrüner Sozialismus“, „Sozialschmarotzer“ und so weiter zusammensetzen. Der Postillon hatte das mal sehr hübsch zusammengefasst.

Internet-Trolle rechtfertigen sich gern mit Sprüchen wie „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“, „freie Meinungsäußerung blablubb“, verstecken sich hinter ihren heiligen Ansichten und stellen sich als Opfer hin. Gerade die aus dem rechten Spektrum sind darin echte Virtuosen. Das ist zugleich feige und unglaublich borniert. Die bilden sich nämlich allen Ernstes ein, sie wären mit ihrer ach so tollen Meinung allein und wären die Ersten, die auf die Idee gekommen sind, sich vor „Überfremdung“ der „Herkunftsdeutschen“ durch gemeine „Zukunftsdeutsche“ und sonstigem Quatsch zu fürchten und gegen „linkssoziale Propaganda“ zu wettern oder alle, die nicht ihrer Meinung sind als „Antifa-Terroristen“ zu betrachten. Dabei sind sie selbst rechtspopulistischer Propaganda aufgesessen, ihre Meinung ist aus den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts aufgewärmt und wiedergekäut und insofern alles andere als eigenständig und originell, sowieso ist das ja heutzutage wieder in Mode, Nationalstolz mit Rechtsradikalität und Fremdenhass zu verwechseln. Ich zum Beispiel lebe gern in Deutschland, finde es ein im Großen und Ganzen recht sympathisches Fleckchen Erde und hab trotzdem keine Angst vor anderen kulturellen Einflüssen. Warum auch? Ich selbst bin das Ergebnis unterschiedlicher kultureller Einflüsse und finde es prima.

Kein noch so abwegiger Anlass ist den Internet-Trollen überdies zu schade, um ihre verschwurbelten Ansichten unters Volk zu bringen. So schreibe ich in den Kommentaren bei kino.de immer Kritiken zu den Filmen, die ich gesehen habe. Und das genügt den Internet-Trollen tatsächlich, um rassistisches oder sexistisches Gedankengut herauszupoltern. So geschehen bei Fack ju Göhte (Rassismus) und Transcendence (Sexismus). (Bei Letzterem ist rätselhafterweise der entsprechende Kommentar auf der Seite von kino.de nicht zu sehen, sondern nur auf meiner Facebook-Seite. Der Internet-Troll hatte geschrieben: „Gesellschaftskritisch? Frauen und Technik fällt mir dazu ein. Ein Wunder, dass Du nichts über die Frisuren zu heulen hattest.“)

Dass es auch anders geht, zeigt beispielsweise eine Diskussion, die ich auf meinem Kultur- und Theaterblog Hamburgische Dramaturgie 2.0 mal mit einem Scientologen und einem ehemaligen Scientologen hatte. Ich hatte in einem Artikel die Methoden Lee Strasbergs mit denen Scientologys verglichen, woraufhin ein Scientologe einen vermutlich vorformulierten PR-Text als Kommentar schrieb. Ich hinterfragte den Kommentar ein wenig kritisch, aber offen und freundlich, woraufhin sich ein spannender, interessanter Austausch von Lebensansichten entwickelte. Zumindest, bis sich der Scientologe und der Ex-Scientologe in die Wolle kriegten und Ersterer sich diskriminiert fühlte und aus der Diskussion zurückzog.

Es ist doch spannend und interessant, wenn man unterschiedlicher Ansichten ist. Selbst, wenn ich eine Meinung völlig abwegig und bescheuert finde, muss ich ja nicht gleich aggressiv und ausfallend werden. Selbst, wenn mich mal die Troll-Lust packt, versuche ich, mich auf Sachliches und Inhaltliches zu beziehen und nicht die Privatmenschen persönlich zu beleidigen. Aus sach- und inhaltsbezogener Kritik und Polemik kann sich eine Diskussion entwickeln, aus niveauloser, persönlicher Beleidigung hingegen entsteht nur Streit, der einen in der Erweiterung des eigenen Horizonts nicht weiter bringt. Und das ist eine verpasste Chance. Aber ich vermute, dass leidenschaftliche Internet-Trolle das anders sehen und ihren Horizont gar nicht erweitern wollen. Am Ende müssten sie dann ja noch einsehen, dass ihre Meinung gar nicht so unabhängig, selbstständig, frei und originell ist wie sie sich einbilden. Und dann wüssten sie vermutlich nichts mit sich anzufangen, weil sie ihre eigene Persönlichkeit über diese Meinungen definiert haben. Nimmt man ihnen die Grundlage für diese Meinungen, zieht man ihnen ihr Identitätskonstrukt als Boden für ihre Persönlichkeit unter den Füßen weg. Daher: Troll füttern lieber unterlassen und sich seinen Teil denken. Oder freundlich, höflich, sachlich und offen formulieren und gucken, was passiert.

 

Essai 105: Über rhetorische Ablenkungsmanöver

28. April 2013

Letzte Woche habe ich ja bereits etwas über rhetorische Tricks erzählt, nämlich über die Kunst des unauffälligen Schwafelns. Heute will ich mich wieder bestimmten rhetorischen Strategien zuwenden, und zwar den rhetorischen Ablenkungsmanövern. Das Fiese an diesen hinterhältigen kleinen Biestern ist, dass sie auch dann funktionieren, wenn man sie kennt. Theoretisch etwas zu wissen und trotzdem nicht darauf hereinzufallen sind offenbar zwei Paar Schuhe. Ganz besonders heimtückisch ist das Ablenkungsmanöver, bei dem auf einer idiotischen Nebensächlichkeit herumgeritten wird, sodass das ganze zur Diskussion stehende Thema ins Lächerliche gezogen wird. Das ist allerdings sehr effektiv, denn dann müssen alle lachen und das Problem ist zwar nach wie vor allumfassend vorhanden, aber wenn niemand mehr darüber redet, denkt auch keiner mehr darüber nach und dann kann einfach alles so weiterlaufen wie vorher.

Nehmen wir doch mal ein schön kontroverses Beispiel, die Sexismus-Debatte um Herrn Brüderle vor einigen Monaten. Die Älteren unter uns werden sich eventuell noch an sie erinnern. Das Problem, um das es eigentlich ging, war der nach wie vor weit verbreitete Sexismus in der Gesellschaft und die nach wie vor grassierende Ungleichbehandlung von Frauen und Männern. Da gäbe es noch reichlich Diskussionsbedarf, aber zum Glück für die, denen eine Sexismusdebatte gar nicht in den Kram passen würde, ist die Debatte recht schnell wieder in der Versenkung verschwunden. Das war eigentlich klar, denn so läuft es immer. Wie dem auch sei, ich bin mal so frei, mich zu erdreisten, dieses ungemütliche Thema wieder hervor zu kramen. Wie ist es denn gelungen, das Thema so schnell wieder abzuhaken? Nun, mit dem rhetorischen Ablenkungsmanöver des Lächerlichmachens durch Herumreiten auf nebensächlichen Schwachsinnsdetails. Es wurde nämlich hauptsächlich dieses Dirndl-Zitat herumgereicht, bei dem Brüderle zu der jungen Journalistin sagte, sie könne problemlos ein Dirndl ausfüllen. Plötzlich ging es nicht mehr darum, dass Sexismus allgemein und überall ein Problem ist, das man mal Schritt für Schritt beilegen sollte, sondern es wurde nur noch darüber hin und her diskutiert, ob es nun ein zwar etwas plump vorgetragenes, aber doch nett gemeintes Kompliment gewesen sei, jemandes Dekolleté zu loben, oder ob das eine Unverschämtheit war. Die, die versucht haben, vernünftig zu argumentieren und zu sagen, das allein war jetzt vielleicht nicht so schlimm, es gehe aber ums Prinzip, hatten ziemlich schnell verloren. Gewonnen haben die, die einfach stur darauf herumgepocht haben, dass man ja wohl auch als älterer Herr einer jungen Frau ruhig mal ein Kompliment machen dürfe, so ein wenig flirten, das tue doch niemandem weh. Puff, vergessen war die Sexismus-Debatte. Äußerst praktisch.

Ein weiteres raffiniertes Ablenkungsmanöver rhetorischer Art ist der Vergleich von Äpfeln mit Birnen. Funktioniert ebenfalls hervorragend. Angenommen, wir befinden uns in einer größeren Runde und es wird über Sexismus debattiert. Auf einem lächerlichen Detail herumzureiten hat leider nicht den gewünschten Erfolg gebracht und die lästigen Stänkerer halten immer noch nicht die Klappe. Dann kann man den Äpfel-mit-Birnen-Vergleich probieren. Da sagt dann zum Beispiel ein kritischer Querulant: „Das kann nicht angehen, dass es immer noch so wenige Frauen in Führungspositionen gibt und es ist absolut unmöglich, dass Frauen völlig grundlos weniger Geld bekommen als Männer“ und dann kann man den nervtötenden Meckerpott ganz einfach verbal abwatschen indem man ein freundliches Lächeln aufsetzt und sagt: „Ich weiß gar nicht, wo das Problem liegt, wir haben doch eine Bundeskanzlerin, der mächtigste Mensch in der Bundesrepublik Deutschland ist doch eine Frau, ist doch alles prima.“ Zack, dem Quälgeist hat man’s damit aber so richtig gegeben. Es stimmt nämlich, es lässt sich also nichts dagegen sagen. Das ist so, als hätte man einen Korb mit verfaulten Äpfeln irgendwo stehen und daneben liegt eine Birne. Querulant moniert: „Die Äpfel sind verfault“ und daraufhin kontert der Rhetorik-Schlaufuchs mit: „Ja, aber die Birne daneben schmeckt doch prima und Obst ist gesund, ich weiß gar nicht, wo das Problem liegt“ und alle sind zufrieden.

Schließlich ist es auch immer ein geschicktes Ablenkungsmanöver, wenn man den Meckerer einfach mal angreift, das verfehlt seine Wirkung garantiert nicht. Nach dem Motto, Angriff ist die beste Verteidigung, kann man nämlich einfach mal die Frage in die Runde werfen, woher derjenige denn bitte seine Informationen hätte und ob er dazu einige seriöse Quellen, Statistiken und sonstigen Pipapo zur wissenschaftlichen Unterstützung derselben anführen könne. Das kann derjenige meistens nämlich nicht und schwuppdiwupp, wirkt er plötzlich unglaubwürdig, ganz gleich, wie recht er mit seinen kritischen Anmerkungen hatte. Auf die Sexismus-Debatte übertragen liefe diese Strategie folgendermaßen ab. Querulant sagt: „Frauen werden nach wie vor benachteiligt, was die Vereinbarkeit von Familie und Beruf angeht und das Betreuungsgeld vergrößert diese Benachteiligung sogar noch“ und wenn dann jemand gerade besonders miese Laune hat, kann er demjenigen entgegen pfeffern: „Ach ja? Gibt es dafür irgendwelche Beweise? Haben Sie Zahlen, Statistiken? Worauf basiert Ihre Annahme? Keine Ahnung? Aha, dachte ich mir.“ Und schon kann man sich dessen sicher sein, dass alle anderen beeindruckt schweigen und völlig eingeschüchtert sind und sich nicht mehr trauen, aufzumucken und der lästige Kritiker steht allein da und hält den Mund.

So, das waren erst einmal die rhetorischen Ablenkungsmanöver, die mir eingefallen sind. Wem noch mehr einfallen, gern die Kommentarfunktion nutzen.

Essai 104: Über die Kunst des unauffälligen Schwafelns

21. April 2013

Eines meiner Steckenpferde sind ja rhetorische Tricks, wie man sie erkennt, durchschaut und dann selbst anwenden kann. Man könnte jetzt küchentischpsychologisch mutmaßen, dass das an meiner lächerlich putzigen Erscheinung liegt, dass ich lernen musste, mich verbal zu verteidigen, blasülz. Womit wir auch schon beim Thema wären: Die Kunst des unauffälligen Schwafelns. Wobei man dabei vermeiden sollte, am Ende „blasülz“ hinten anzuhängen, weil die Unauffälligkeit dann im Eimer ist. Betrachten wir doch einmal folgendes Beispiel, die Bundestagsrede von Loriot:

Bei diesem Klassiker der Kunst des unauffälligen Schwafelns kann man sehr schön sehen, wie mit einer Aneinanderreihung von Floskeln ohne jeglichen Kausalzusammenhang dennoch ein überzeugendes Ergebnis erzielt werden kann, wenn die Haltung stimmt. Mit einem überzeugten Auftreten, einer selbstsicheren Attitüde kann man den größten Bockmist verzapfen und keiner merkt’s. Super! Helfen tut dabei auch, wenn man seine Adressaten – seine Zielgruppe – kennt und weiß, was sie hören möchten. Und das sagt man dann. Die Zustimmung des Publikums ist einem dann schon mal gewiss, jedoch nur, wenn die Haltung entsprechend überzeugt wirkt. Dabei ist übrigens die Wirkung entscheidend, was man sich insgeheim im eigenen Hinterstübchen dabei denkt, ist völlig wumpe. Die Gedanken sind frei, wie es so schön heißt.

Politiker im Allgemeinen haben die Kunst des unauffälligen Schwafelns zur Perfektion gebracht. „Wir finden das gut, denn Steuergerechtigkeit ist gerecht und dazu stehen wir auch, dafür steht die Partei, das ist unsere Überzeugung und deswegen ist das richtig.“ Da muss man mal drauf achten. Wenn man das so liest denkt man, Ach nee, so ein Unsinn, da falle ich doch nie drauf rein. Und dann stellt sich da aber so ein Jungspund im Anzug hin und sagt genau den gleichen Mumpitz, aber im Brustton der Überzeugung und schon denkt man, Ach guck, na vielleicht ist ja doch was dran.

Das geht übrigens nicht nur bei gesprochenen Reden, sondern auch bei geschriebenen Texten, da ist das nur etwas kniffliger, weil man sich da nicht mit Charisma oder antrainierter Sicherheit aus der Affäre ziehen kann. Dennoch transportiert sich ja eine gewisse Überzeugung aus einem geschriebenen Text heraus, wenn der Schreiberling sich als Experte aufführt. Falls das bisher noch keiner gemerkt hat, ich mach das hier andauernd. Ja, wer schriftlich überzeugen will, sollte ruhig mit dem größten Vergnügen den Klugscheißer heraushängen lassen. Und dabei sympathisch wirken, damit nicht auffällt, dass man nur herumklugscheißt. Mit einer gewissen sokratischen Ironie, einer Haltung, die sich denkt „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ und sich darüber freut, nimmt einem das dann auch keiner übel, wenn man einfach mal auf gut Glück ein paar Behauptungen in den Raum stellt. Allerdings darf man das auch nicht übertreiben, sonst fliegt die Sache auf. Also gelegentlich mal eine möglichst seriöse Quelle dazwischenschieben, dann ist das Image wieder aufpoliert. Das muss man natürlich auch üben, damit die Balance stimmt. Übrigens können auch echte Experten von dieser Taktik profitieren, denn wenn man voll Ahnung hat von etwas, es aber nicht so nach außen transportieren kann, nützt das auch nichts. Das ist leider so, eine gute Sache, von der keiner weiß, dass es eine gute Sache ist, ist eine verschenkte Gelegenheit. Eine belanglose Sache, die jeder für eine gute Sache hält, stiehlt ihr dann nämlich die Show.

Also, manchmal lohnt es sich, ein zweites Mal genauer hinzusehen oder hinzuhören, wenn man verdecktes Schwafeln entlarven möchte. Von Zeit zu Zeit gibt es dann aber auch Momente, wo einem das überzeugte Auftreten durchaus nützlich sein kann. Fair ist es aber natürlich nur, wenn auch tatsächliche Inhalte dahinter stecken. Aber wenn es niemandem weh tut, kann man ruhig auch mal ein wenig Unsinn labern, zum Beispiel als Zeitvertreib oder weil man gerade Lust hat, einen Blogartikel zu diesem Thema zu schreiben.

Essai 103: Über Keksverbote und zuckerarme Kitas

29. März 2013

In letzter Zeit macht wieder eine sehr skurrile Geschichte in den Zeitungen die Runde, bei der ein kleiner Junge aus einer Kita geworfen wurde, weil er Butterkekse zum Essen mithatte. Hier ist zum Beispiel der Bericht des Hamburger Abendblatts und hier ein Bericht von der Welt.

Offenbar lief es so ab: Die Eltern waren eines Morgens besonders in Eile und haben es zeitlich nicht geschafft, ihrem kleinen Sohn ein Brot zu schmieren. Bevor er gar nichts zu essen hat, packten sie ihm ein paar Kekse und Waffeln ein. Nun ist aber die einzige Kita in dem kleinen Örtchen in Schleswig-Holstein, in dem die Familie lebt, ein „zuckerarmer Kindergarten“. Kekse sind strengstens verboten, ebenso Waffeln. Die teuflischen Süßwaren wurden konfisziert, der Junge musste hungern. Nach ewigen Streitereien mit den Eltern warf die Kita den Kleinen raus, kündigte den Vertrag und nun sind die Parteien hoffnungslos verkracht, worunter derjenige am meisten leidet, der am wenigsten mit der ganzen Sache zu tun hat, nämlich der Steppke.

Zugegeben, ich bin da etwas parteiisch und auch die Berichterstattung ist klar auf Seiten der Eltern und des Lütten, Verständnis für die Kita gibt es keine. Ich kenne natürlich auch die Seite der Kita nicht und die Seite der Eltern auch nur aus den Berichten. Deswegen möchte ich jetzt auch weniger auf diesen einen konkreten Vorfall eingehen, sondern die Geschichte als Vorwand nehmen, um mal was über Leute zu schreiben, die völlig kompromisslos allen Menschen ihren Lebenswandel aufzwingen müssen.

Es ist ja durchaus löblich, wenn man sich gesund ernährt. Mach ich ja auch. Also weitestgehend. Aber ist das wirklich so gesund, wenn man gesunde Ernährung zu einem Kult, zu einer Ersatzreligion macht und dann auch noch andere Menschen zu missionieren sucht? Und ist das wirklich so gesund, wenn man sich bestimmte Nahrungsmittel strikt verbietet? Kriegt man da nicht ziemlich miese Laune von mit der Zeit?

Natürlich kann es auch sein, dass man Nahrungsmittel aus ideologischen Gründen ablehnt, wie Vegetarier oder Veganer, und sich da nichts verbieten muss, sondern sich dazu freiwillig entschieden hat. Diese Menschen sind dann aber in der Regel sehr tolerant und lassen anderen Leuten ihr Vergnügen. Bei der Kita in der Geschichte scheint es mir allerdings so zu sein, dass sie alles andere als locker und entspannt wenig Zucker konsumieren, weil sie das für sich als richtig empfinden. Dann wären sie nicht so aggressiv unterwegs und fühlten sich nicht bemüßigt, so kleinen Kindern ihren Lebensstil aufzuzwingen. Das ist so, als würde eine kirchliche Kita nur Kinder aufnehmen, die der gleichen Konfession angehören. Da wäre meine Mutter vor 26 Jahren aber ganz schön angeschmiert gewesen, hätte die einzige Kita in der Nähe gesagt, Nö, wir sind ein evangelischer Kindergarten, ihr Katholenspross kommt uns nicht ins Haus. Oder: Wir sind hier ein christlicher Kindergarten, ihre angehende Atheistin können sie mal schön zu Hause erziehen. Nun begegnete man zwar meiner Familie und mir als französischen Migrationshintergründlern mit einer gewissen Skepsis, aber im Kindergarten durfte ich trotzdem bleiben, soviel christliche Nächstenliebe war dann schon drin.

So ähnlich könnte es doch auch die „zuckerarme Kita“ handhaben. Man muss ja die Kinder nicht mit Schokoriegeln und Cola mästen, aber gelegentlich mal ein Butterkeks ist doch nun wirklich kein Problem. Wenn die Leiter des Kindergartens selbst überhaupt keinen Zucker essen wollen, ist das ja schön für sie, aber das tut doch nicht Not, allen anderen seine Ernährungsgewohnheiten aufzuzwingen. Das reicht doch, dass man nur ein bisschen darauf achtet, dass der Süßigkeitenkonsum im Rahmen bleibt, dann lernen die Kinder gleich einen vernünftigen Umgang mit Genussmitteln, anstatt später einen unkontrollierten Heißhunger danach zu entwickeln, weil es ihnen früher so streng verboten wurde.

Kein Problem wäre es auch, wenn es noch viele andere Kitas in dem Dörfchen gäbe. Dann könnten die Eltern entscheiden, ihr Kind in einem anderen Kindergarten unterzubringen, der toleranter ist und könnten die „zuckerarme Kita“ meiden. So wäre auch das Argument legitim, niemand sei gezwungen, sein Kind von jemandem betreuen zu lassen, der seinen Lebensstil, mit dem man nicht konform geht, allen anderen aufdrängt. Wenn diese Wahl aber nicht besteht, finde ich, könnte man auch mal netter zu den Leuten sein. Aber vielleicht beeinträchtigt das ja auch das Toleranzvermögen, wenn man sich grundsätzlich Kekse verbietet.

Essai 102: Über Shitstorms und Wutbürger im Internet

25. März 2013

Früher, als noch nicht jeder einen Internetanschluss hatte, konnten Politiker, Schauspieler und andere öffentliche Personen ruhig Quatsch erzählen, in Fettnäpfchen treten oder sich grob unhöflich aufführen, ohne dass das große Konsequenten gehabt hätte. Ich spreche von einer Zeit, die die unter Zwanzigjährigen, die Digital Natives, vermutlich nicht mehr kennen und sich auch nicht vorstellen können. Ja, damals hat man sich auch an Verabredungen halten müssen, weil man nicht mal eben mit dem Handy Bescheid sagen konnte, man komme später. Es gab keine sozialen Netzwerke, keine Blogs (wir hatten stattdessen Poesiealben und Tagebücher, alles analog), keine eigenen Homepages und so weiter. Das war nicht unbedingt besser, aber auch nicht schlechter, sondern einfach anders. Hat sich also in dieser grauen Vorzeit jeder privat und für sich in Ruhe aufgeregt, wenn ein Promi sich daneben benommen hat (bei ganz üblen Verstößen gegen das Gemeinwohl gab es auch mal Zeitungs- und Fernsehberichte), fühlt sich offenbar heute jeder Wutbürger bemüßigt, seinen Unmut im Internet kund zu tun. Das, was dann auf den tollpatschigen Promi einprasselt, nennt sich gemeinhin Shitstorm.

Der neueste Fall eines Shitstorms wurde von Katja Riemann losgetreten. Sie hatte sich – vermutlich nichts Böses ahnend – in die NDR-Sendung „Das!“ zu einem Interview begeben und hatte auf die recht belanglosen Fragen etwas irritiert geantwortet. Offenbar, so meine Deutung der ganzen Affäre, war sie mit der Absicht in das Interview gegangen, über ihre Arbeit und ihre neuen Filme zu sprechen und das auf einem sehr hohen intellektuellen Niveau. Hinnerk Baumgarten, der Moderator hingegen, war vermutlich mit der Absicht ins Interview gegangen, den Menschen Katja Riemann kennen zu lernen, ihre private Seite zu beleuchten und sie dem Publikum menschlich näher zu bringen. Diese beiden konträren Motivationen sind aufeinander geprallt und es hat nicht funktioniert. Weder hatte Katja Riemann Lust, über ihr Privatleben zu reden (was ich sehr gut verstehen kann!) noch ist es dem Moderator gelungen, das zu akzeptieren und seine Interviewstrategie spontan an seinen etwas widerborstigen Gast anzupassen. Wahrscheinlich konnten die beiden sich schlichtweg nicht riechen, so ist das ja manchmal. Jedenfalls besteht meiner Meinung nach kein Anlass, Katja Riemann in irgendeiner Weise Arroganz vorzuwerfen. Natürlich hätte sie netter sein können, aber im Grunde war sie einfach ehrlich und das finde ich persönlich auch mal ganz erfrischend. Ein Problem ist jedenfalls auch, dass viele sich gar nicht das ganze Interview angesehen haben, sondern nur einen Zusammenschnitt, bei dem Katja Riemann tatsächlich ziemlich fies rüberkommt.

Aber mangelnde Information hat ja noch nie irgendwen davon abgehalten, sich künstlich aufzuregen. Erst recht nicht, wenn man das auch noch schön gesellig in der Masse machen kann, wo man sich dann auch noch gegenseitig hochschaukelt. Wie weiland aufgehetzte Bürger Fackeln und Mistgabeln schwenkend auf vermeintliche Ketzer losgingen, stürzen sich dann die selbstgerechten Wutbürger auf den bedauernswerten Promi und bombardieren diesen mit wüsten Beschimpfungen, üblen Beleidigungen bis hin zu regelrechten Drohungen. Manche Dinge ändern sich halt nie und vermutlich ist das auch ganz schön, wenn man seinen aufgestauten Frust und sorgfältig angesammelten Zorn mal an jemandem auslassen kann, den man gar nicht kennt. Und wenn dann noch andere dabei sind, die der gleichen Meinung sind, kann man ja auch nicht falsch liegen. Die eigenen Sünden verblassen zudem bis zur beinahen Unsichtbarkeit, wenn man mit dem Finger auf jemanden zeigen und lauthals krakeelen kann, der sei ja wohl viel schlimmer als man selbst. Außerdem muss man sich dann für eine kleine Weile nicht mehr mit wichtigen Dingen herumärgern, wenn man auf andere Leute wegen vermeintlicher oder tatsächlicher Fehltritte eindreschen kann. Das ist nicht nett, aber meiner bescheidenen Ansicht nach, schlichtweg menschlich. Das liegt offenbar einfach in unserer Natur, dass wir lieber unsere Zeit damit verplempern, anderen Leuten ihre Fehler in den schillerndsten Farben vorzuhalten, anstatt mal an unseren eigenen Fehlern zu arbeiten. Ich nehme an, ich bin da auch nicht anders, aber so genau weiß ich das nicht, schließlich sind wir alle mit einer eklatanten Selbstgerechtigkeit gesegnet, ohne die wir wohl nicht vorwärts kämen. Man stelle sich vor, jeder würde ständig jeden seiner Schritte und Entscheidungen hinterfragen. Das kann dann ja lange dauern, bis da mal ein Schritt gegangen oder eine Entscheidung getroffen wurde.

Wie dem auch sei, ich fände es um des allgemeinen Friedens willen dennoch wünschenswert, wenn man gelegentlich kurz innehielte, bevor man fremde Leute wüst beschimpft. Das sind ja schließlich auch nur Menschen, die manchmal eben blöd sind. Natürlich kann man denjenigen sachlich kritisieren und demjenigen sagen, man habe Missfallen an dessen Verhalten gefunden. Aber es müssen doch nicht immer gleich verbale Mistgabeln und rhetorische Fackeln sein, mit denen man auf denjenigen welchen einprügelt. Erst recht nicht so feige im Schutz der Masse. Und erst recht nicht aus so niederen Beweggründen, dass man einfach nur von seinem eigenen Frust ablenken will. So was finde ich erbärmlich. Und helfen tut das auch niemandem. Außerdem, bevor man jemanden kritisiert, sollte man sich informieren und gucken, ob man nicht vielleicht auch falsch liegt. Das kann nämlich auch mal passieren und dann zurück zu rudern, nachdem man schon auf jemanden eingedroschen hat, ist ja mal richtig peinlich.


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