Posts Tagged ‘Ehrlichkeit’

Essai 175: Über Komplimente, die keine sind

16. Juli 2017

Da hat sich also US-Präsident Trump in Frankreich mal wieder in die Nesseln gesetzt und das Netz rastet aus. Anlass ist Trumps Bemerkung „You are in such a good shape!“ („Sie sind so gut in Form!“) gegenüber Brigitte Macron, Frankreichs frischgebackener First Lady. Hier das Video dazu:

Die einen sagen: „Das war eindeutig ein Kompliment, jetzt hört doch mal auf, dauernd auf Trump herumzuhacken.“ Die anderen fanden das total unverschämt, was fällt dem eigentlich ein, so eine deplatzierte Bemerkung gegenüber einer Frau zu machen, war ja klar, typisch Trump, der ist halt ein Sexist. Ich finde, beide Seiten haben recht. Und ich finde, das ist ein prima Thema für einen Essai.

Ich habe den Vorfall mit meiner Mutter gründlich analysiert und wir waren uns beide einig, dass es vom Potus definitiv als Kompliment gemeint war. Wir waren ebenfalls beide der Meinung, dass es – objektiv betrachtet – kein wirkliches Kompliment war. Das ist so, wie wenn man zu meiner Mutter, die die deutsche Grammatik und Rechtschreibung trotz französischem Migrationshintergrund besser beherrscht als jeder „Biodeutsche“ und sicher auch ein breiter gefächtertes Vokabular hat, sagt: „Sie sprechen aber gut Deutsch.“ Oder wie, wenn man zu mir sagt: „Macht doch nichts, dass du klein bist. Die Männer stehen auf kleine Frauen.“

Tja, aber ist es nicht die Absicht, die bei einem Kompliment zählt? Und wie es ankommt oder objektiv von außen wirkt, ist egal? Immerhin kann man doch froh sein, wenn jemand versucht, nett zu einem zu sein, oder?

So einfach ist das meiner Ansicht nach nicht. Es gibt ja auch Komplimente, über die man sich wirklich freut. Und über Komplimente à la „Sind Sie aber gut in Form!“ oder „Sie sprechen aber gut Deutsch“ freut man sich nicht so recht, weil sie irgendwie herablassend wirken. Aber was macht den Unterschied? Und warum wirken die Komplimente der zweiten Kategorie so unterschwellig respektlos? Mal sehen, ob ich das aufgedröselt bekomme …

An der Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit kann es nicht liegen. Denn auch jemand, der die Deutschkenntnisse von jemandem lobt, der hervorragend Deutsch spricht, meint es ja nur gut. Jemand, der die Figur von jemandem lobt, der vermutlich mit regelmäßigem Sport und bewusster, gesunder Ernährung auf eine schlanke Linie achtet, ist tatsächlich vom Anblick angetan.

Man könnte vielleicht sagen, dass es grundsätzlich daneben ist, die Figur einer First Lady überhaupt zu kommentieren. Das kann man so sehen, erklärt aber nicht, warum „Sie sprechen aber gut Deutsch“ ein ähnliches Unbehagen und Peinlichberührtsein hervorruft wie „Sie sind aber gut in Form“. Denn jemandes Sprachkenntnisse zu loben, hat nichts Anzügliches an sich.

Ich glaube, was mich an solchen Komplimenten, die keine sind, stört, ist dieser pseudofürsorgliche, möchtegerntröstende Unterton, diese ehrliche Überraschung des Komplimentierenden darüber, dass der andere irgendwas gut kann. Als hätte er ihm das vorher nicht zugetraut und sei auch jetzt noch aufrichtig perplex darüber, dass jemand, den er als weniger wertvollen Menschen betrachtet als sich selbst, überhaupt irgendetwas kann.

Hinzu kommt auch noch die über jeden Zweifel erhabene Überzeugung derer, die Anti-Komplimente machen, dass ihre Meinung über ihr Gegenüber besonders wichtig wäre. Dass der andere das Lob und die Aufmunterung des Komplimentierenden braucht, um Selbstwert zu empfinden. Und dann diese selbstgerechte Grundhaltung, dass sie sich dann total toll fühlen, weil sie einer bedauernswerten armen Seele so etwas Nettes gesagt haben, ganz uneigennützig, nur um zu helfen, weil sie Mitleid mit diesem minderbemittelten Tropf hatten.

Als jemand, der solche Anti-Komplimente empfängt, ist man in einer blöden Situation. Denn einerseits hat der andere gerade unbewusst offenbart, dass er normalerweise nicht viel von einem hält. Bewusst hat er aber von seiner Warte aus etwas Nettes gesagt und es ist nicht einfach zu erklären, was an dem Kompliment komisch und fremdbeschämend war. Also muss man das Kompliment wohl oder übel dankbar annehmen und Freude darüber heucheln. Man ist ja höflich und gut erzogen. Aber so ein leichtes Geschmäckle bleibt dann doch übrig.

Anders bei echten Komplimenten, die nicht in Wahrheit der Selbstdarstellung und Selbstbestätigung des Komplimentierenden dienen, sondern wirklich und wahrhaftig selbstlos sind und von Herzen kommen. Ich denke, wenn man so ein Kompliment bekommt, dann spürt man den Unterschied zu Anti-Komplimenten intuitiv.

Was meint ihr dazu?

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Essai 173: Über Nettigkeit und Schmierigkeit

4. Juni 2017

Anscheinend ist es gar nicht so einfach Nettigkeit und Schmierigkeit auseinander zu halten. Dieser Eindruck entsteht zumindest, wenn man sich in Facebook-Diskussionen zum Thema Flirten einmischt. Da kann man sich wirklich die Finger fusselig tippen und immer wieder betonen, dass derjenige, der den ersten Schritt macht, einfach nur nett sein muss, das glaubt einem keiner. Es dauert in der Regel nicht lange, und irgendwer macht das Fass auf, von wegen: „Frauen stehen eh nur auf Arschlöcher. Wenn man als Mann nett ist, ist man doch gleich unten durch. Nett ist gleichbedeutend mit langweilig.“

Das gibt es zwar auch in der umgekehrten Variante, dass Frauen herumjammern, die guten Männer wären immer alle mit solchen Oberzicken zusammen, allerdings begegnet mir persönlich diese Version nicht so oft. Aber dass Männer, die sich selbst für total nett halten, den einen oder anderen Korb kassieren, und das darauf schieben, dass sie halt zu nett sind, das höre oder lese ich relativ häufig.

Und ich wundere mich darüber. Denn mir ist das noch nie passiert, dass ich eine Abfuhr bekommen hätte, weil ich zu nett war. Ein Arschloch bin ich aber auch nicht. Wenn ich eine Abfuhr bekommen habe, dann, weil der andere einfach nicht wollte. Punkt. Mehr steckt nicht dahinter. In allen anderen Fällen – das bezieht sich übrigens nicht alleine aufs Flirten, sondern grundsätzlich auf zwischenmenschliche Kommunikation – war es stets hilfreich, freundlich, höflich und nett zu bleiben. Sicher, manchmal kriegt man trotzdem ziemlich unfreundliche, arrogante oder aggressive Vorwürfe und Tiraden um die Ohren gehauen. Aber das liegt dann nicht an der Nettigkeit, sondern daran, dass der andere ein ernsthaftes Problem mit seinem Selbstwertgefühl und seiner Impulskontrolle hat.

Woran aber scheitern Flirtversuche, die der Anflirtende als nett empfindet, dann? Ich vermute, dass der Anflirtende in dem Moment nicht nett ist, weil er nett ist. Sondern, dass er nett ist, weil er was von dem anderen will, in der Regel Sex oder wenigstens ein sexy Herumgeplänkel mit späterer Aussicht auf Sex. Und das Objekt des Angeflirtetwerdens merkt, dass die Nettigkeit nicht aufrichtig ist, sondern Mittel zum Zweck. Und das, meine lieben Leserinnen und Leser, ist schmierig. Wer nett tut, weil er damit seine Bedürfnisse dem anderen aufoktroyieren möchte, weil er Nettigkeit als eine Währung begreift, und glaubt, er könnte sich damit die sofortige Erfüllung aller seiner Wünsche kaufen, ist ein Schmierlappen.

Da die Wenigsten Lust haben, mit einem Schmierlappen ins Bett zu gehen, klappen diese Flirtversuche in der Regel nicht. Das liegt nicht daran, dass man nett war, sondern daran, dass die Nettigkeit falsch, aufgesetzt, unehrlich, unauthentisch und berechnend war.

Wer wirklich nett ist, ist immer nett, auch, wenn er nichts von seinen Mitmenschen will. Die Nettigkeit ist dann eine Grundeinstellung, die immer mitschwingt, selbst, wenn man verärgert ist. Trotzdem bemüht man sich dann, in seinem Zorn nicht total unfair zu werden, bei sich zu bleiben und Eigenverantwortung zu übernehmen. Und wenn man sich als aufrichtig netter Mensch dann doch mal im Ton vergreift oder in seiner Wut gemein zu anderen wird, hat man kein Problem damit, sich hinterher – ebenfalls ehrlich und aufrichtig – zu entschuldigen.

Kann man das nicht, ist man nicht wirklich nett. Das ist ja nicht schlimm, es muss ja nicht jeder ein netter Mensch sein. Wobei, ich fände es persönlich sehr viel schöner, wenn es mehr wirklich nette Menschen gäbe, aber das nur so am Rande. Was mich aber nervt, ist, wenn man sich dann so eitel aufplustert, sämtliche Eigenverantwortung über Bord wirft, und sich aufs moralisch hohe Ross schwingt, indem man von sich behauptet, man wäre zu nett, und bekäme deswegen seinen Willen nicht anderen Menschen aufgezwungen.

Das finde ich einfach total widerlich, wenn man sich selbst als feiner Mensch, der nur das Wohl aller anderen im Sinn hat, aufbauscht, obwohl es einem in Wahrheit nur darum geht, immer und überall von jedem jeden Wunsch von den Lippen abgelesen und umgehend erfüllt zu bekommen. Entschuldigung! Wo leben wir denn hier? Im Leben hat man es nun mal eben mit anderen Menschen zu tun, die unterschiedliche Ziele, Wünsche, Bedürfnisse und Persönlichkeiten haben. Da kann ich nicht erwarten, dass sich alle nach mir, meinen Zielen, Wünschen und Bedürfnissen richten. Warum sollten sie das tun, wenn ich nicht dazu bereit bin, das für sie zu tun? Wie Ich-bezogen kann man eigentlich sein?

So. Und wer so dermaßen egomanisch unterwegs ist, mit überzogenen Ansprüchen an seine Umwelt und völlig unrealistischen Erwartungen an seine Mitmenschen, wer sich so dermaßen weigert, für sich Verantwortung zu übernehmen, der. Ist. NICHT. NETT!!! Der ist ein Arschloch. Und nur, weil ein Arschloch sich für unfassbar nett und charmant hält, ändert es nichts an seinem Arschlochtum. Es bekommt eben nur diesen schmierigen, klebrigen Schleim der Unaufrichtigkeit übergezogen.

Ich denke, wenn Frauen auf Arschlöcher stehen beziehungsweise Männer auf Oberzicken, dann liegt das daran, dass sich diese Leute nicht verstellen. Die sind so, wie sie sind, und das kann man mögen oder auch nicht, aber man weiß dann, woran man ist. Genauso weiß man intuitiv bei wirklich netten Menschen, dass sie es ehrlich meinen. Und das funktioniert meines Erachtens auch wunderbar. Es kommt halt nur seltener vor, dass man auf einen wirklich netten Menschen trifft.

Was meint ihr dazu?

Essai 151: Über das nervige Wörtchen „Hm“

27. Dezember 2015

Im Großen und Ganzen habe ich meinen Freund ziemlich lieb. Er ist ein recht erträglicher Zeitgenosse und in der Regel geht er mir nicht zu sehr auf die Nerven. Aber: Manchmal könnte ich ihn an die Wand klatschen. Schuld daran ist das harmlos erscheinende Wörtchen „Hm“, gelegentlich auch mal in seiner geschwätzigen Variante „Mhm“. Es erfordert für den Sprechenden nicht mehr Aufwand als „Ja“ oder „Nein“, sorgt jedoch beim Hörer für größtmögliche Verwirrung.

Es liegt vielleicht auch daran, dass ich mal wieder von mir auf andere schließe. Wenn ich nämlich eine Frage oder eine Aussage meines Gegenübers mit „Hm“ quittiere, meine ich damit meistens „Ich bin ganz und gar nicht deiner Meinung, aber mach wie du denkst“, was im Prinzip bedeutet „Du kannst mich mal“. „Mhm“ ist nicht ganz so schlimm, damit antworte ich meistens auf Bitten und Aufforderungen, auf die ich keine Lust habe, die ich aber trotzdem aus Pflichtgefühl mache. Zum Beispiel „Schatz, bringst du nachher den Müll mit runter?“ „Mhm.“ Ziehe ich das erste „M“ jedoch lang, wie in „Mmmmmmm-hm“, dann bedeutet es wieder „Leck mich am Arsch“ oder „Ich hab dir gerade nicht zugehört, aber es wird schon nicht sonderlich interessant gewesen sein. Damit du merkst, dass ich noch lebe, gebe ich mal ein unverbindliches Geräusch von mir, in der Hoffnung, dass du mich dann mit deinem Geschwafel in Frieden lässt.“

Mein Freund antwortet jedoch andauernd mit „Hm“, „Mhm“ oder „Mmmmm-hm“, und wenn er das meint, was ich meine, wenn ich das sage, dann finde ich das alles andere als schmeichelhaft. Dann wäre es mir lieber, er sagt mir direkt „Jetzt hör doch mal auf zu sabbeln, Weib! Mir wachsen schon die Frikadellen aus den Ohren!“ Das ist wenigstens eindeutig, und dann kann ich mit Fug und Recht beleidigt sein, und komme mir nicht so dusselig dabei vor. Außerdem ist es ja auch wenig zielführend, wenn man möchte, dass das nervige Quasselweib endlich den Rand hält, mit so kryptischen, polyvalenten Nicht-Antworten zu kommen, die zwangsläufig mehrerer Rückfragen bedürfen, um Klarheit zu erlangen. Überdies: Wie war das noch gleich mit klare Ansagen machen? Männer brüsten sich doch immer so gern damit, wie toll sie Klartext reden, und dann kommt so ein Scheiß wie „Hm“!? Ja, ich weiß, nicht alle Männer, bla. Und ja, es gibt auch Frauen, die bla. Ist mir jetzt aber gerade wurscht, es geht ums Prinzip, und ich schreibe mich hier gerade so schön in Rage, das muss auch alles mal raus. Jeder Küchentischpsychologe, der was auf sich hält, weiß, dass er Ärgernisse nicht in sich hineinfressen darf, davon kriegt man Pickel. Und Magengeschwüre.

Jedenfalls, ich frage jetzt einfach immer nach, ob es ein „Ja-Hm“, ein „Nein-Hm“ oder ein „Leck-mich-am-Arsch-Hm“ war, wenn mein Freund wieder so antwortet. Aber anstatt dass er dann eine der drei Möglichkeiten auswählt, muss er lachen und findet das ungemein witzig. Ich steh dann immer noch da wie der letzte Trottel, der die Pointe nicht verstanden hat, und weiß nicht, was ich mit diesem vermaledeiten „Hm“ anfangen soll. Das macht mich wahn-sin-nig! Warum nur? Warum kann man nicht einfach entweder zugeben, dass man nicht zugehört hat, oder dass man zu dem Thema keine Meinung hat, weil es einem egal ist? Und wenn es weder das eine noch das andere ist, warum kann man dann nicht „Ja“ oder „Nein“ sagen? Was ist daran so schwer? Ich verstehe es beim besten Willen nicht, und wenn ich etwas nicht ausstehen kann, dann ist das, wenn ich etwas beim besten Willen nicht verstehe!

Natürlich passiert mir das auch manchmal, dass ich mit „Hm“ antworte, obwohl ich nicht respektlos sein will, sondern weil ich das gerade vermeiden will. Weil ich fürchte, dass meine klare, eindeutige Meinung noch respektloser wirken könnte als „Hm“. Oder weil ich denke, dass meine Meinung zu einer sinnlosen Diskussion führen könnte, die ich für nicht konstruktiv halte, weil dann am Ende trotzdem noch alle ihre vorherige Meinung haben, aber dafür sauer aufeinander und zerstritten sind. Das ist dann aber auch die einzige Situation, in der ein „Hm“ in Ordnung ist, um Schlimmeres zu vermeiden. Dann heißt es: „Ich sehe das anders, aber ich weiß, dass ich dich nicht überzeugen kann, also lasse ich deine Meinung – die ich für falsch halte – unkommentiert stehen und denke mir meinen Teil.“

Aber man muss doch nun wirklich nicht mit „Hm“ oder „Mhm“ antworten, wenn ich frage, ob man an dem und dem Tag Zeit hat, um XY zu machen. Oder wenn ich an einem Gedankenspiel herumphilosophiere und den anderen in meine Spinnereien involvieren möchte, einfach, weil das Spaß macht. Wenn dann so ein fantasieloses, nichtssagendes „Hm“ kommt, finde ich das irgendwie grob. Vielleicht bin ich da allerdings schon wieder zu dünnhäutig und erwarte zu viel von meinen Mitmenschen. Ich find’s bloß schade, wenn man so wenig Lust daran hat, ein wenig seine Vorstellungskraft zu bemühen. Da ist wohl jeder anders und das muss man akzeptieren, nehme ich an.

Essai 141: Über innere Werte und ihre Außenwirkung

23. Mai 2015

„Was zählt, sind die inneren Werte!“ – Diesen Spruch habe ich eine lange Zeit für eine indiskutable Wahrheit gehalten. Bis ich dann immer wieder feststellte, dass ich ziemlich oft missverstanden oder falsch eingeschätzt werde, was gelegentlich reichlich nervig ist. Die inneren Werte, also der Charakter, die Persönlichkeit, das Wesen, was auch immer, sind natürlich wichtig, das stimmt schon. Aber woher sollen denn Außenstehende wissen, welche inneren Werte man hat, wenn man Selbige nicht in irgendeiner Weise zum Ausdruck bringt? Eben.

Als ich noch dachte, Schauspielerin zu werden wäre für mich eine super Idee, habe ich ganz oft Situationen erlebt, in der ich ganz viel „gefühlt“ habe und hinterher fragte mich mein Dozent: „Was war denn mit dir los, bist du eingeschlafen?“ Umgekehrt habe ich auch etliche Diskussionen von Schauspielschülern mit angehört, weil sie der Meinung waren, sie waren „total drin“, aber man hat das von außen überhaupt nicht gemerkt. Das ist dann ein ganz sensibles Thema, weil das so schwierig zu erklären ist, dass es als Schauspieler vollkommen nebensächlich ist, ob man „total drin“ war und „ganz viel gefühlt“ hat, was zählt, ist, wie es beim Zuschauer ankommt. Und kommt beim Zuschauer gar nichts an, dann hat der Schauspieler seinen Job nicht gemacht.

Im wirklichen Leben ist das noch mal etwas anderes als auf der Bühne oder vor der Kamera, das ist klar. Da will man ja nicht unbedingt allen anderen eine Geschichte erzählen, sondern ich denke, die meisten wollen für das gemocht, geliebt, anerkannt und respektiert werden, was sie „sind“. Und die wenigsten wollen auf ihr Aussehen oder irgendeine bestimmte Eigenschaft reduziert werden, weil es dem, was sie „sind“ nicht gerecht wird. Das ist verständlich und ich bin da nicht anders.

Doch man sollte sich stets in Erinnerung rufen, dass niemand Gedanken lesen und in einen hineinschauen kann. Was bleibt einem denn als Außenstehender anderes übrig, als seine Mitmenschen nach den Kriterien einzuschätzen, die diese ihm mitteilen oder die offensichtlich sind?

Ich kann gar nicht wissen, ob die alte Frau, die mich im Supermarkt angeraunzt hat, weil ich in einem Moment geistiger Umnachtung nicht meine Einkaufstasche rechtzeitig aus dem Weg genommen habe, in Wirklichkeit ein total sanftmütiger, liebevoller Mensch ist. Weil sie mir das nicht gezeigt hat, sie hat mir nur gezeigt, dass sie ein ungeduldiger, grummeliger, unhöflicher Meckerpott ist. Und als solchen schätze ich sie dann auch ein. Das ist in diesem Moment nicht gemein von mir, sondern eine logische Reaktion darauf, unfreundlich behandelt worden zu sein.

Umgekehrt darf ich es der alten Dame aber auch nicht verübeln, dass sie in mir ein unhöfliches junges Ding gesehen hat, das keinen Respekt vor dem Alter hat. Schließlich weiß sie ja nicht, dass ich eigentlich ganz nett und höflich bin, nur manchmal etwas in Gedanken versinke und in solchen Momenten nicht sofort schalte, wenn jemand was von mir will. Was ich in dem Moment zum Ausdruck gebracht habe war, dass ich nicht aufpasse, wohin ich meine Einkaufstasche halte und ob ich damit nicht anderen Leuten den Durchgang versperre. Grob ungezogen sowas!

In unserer Gesellschaft gilt Oberflächlichkeit als fürchterlich verpönt, gleichzeitig sind wir aber nun einmal alle oberflächlich, weil es nicht anders geht. Die Kunst besteht dann darin, dass man sich trotzdem gelegentlich die Mühe macht, hinter die Oberfläche zu schauen. Dafür müssen wir jedoch allen unseren Mitmenschen entgegen kommen und ein wenig von unseren eigenen inneren Werten offenbaren. Das geht am besten, indem wir unser Verhalten und unser Handeln daran anpassen. Ab und zu muss man auch den Mund aufmachen, falls subtile Hinweise nicht ausreichend waren.

Allerdings muss man da auch immer abwägen, was man eigentlich will. Wenn ich zum Beispiel stinksauer bin, weil ich mich in einem Moment ungerecht behandelt fühle, ist das manchmal ganz ratsam, das für mich zu behalten, ein paar Mal tief durchzuatmen, meine Gedanken und Argumente neu zu sammeln und zu sortieren und mich dann in aller Seelenruhe, nachdem ich ein oder mehrere Nächte darüber geschlafen habe, damit auseinander zu setzen. So kann ich den Konflikt dann viel klüger lösen als wenn ich gleich an die Decke gegangen wäre.

Bringt man seinen Ärger jedoch nicht zum Ausdruck, gehen Außenstehende zwangsläufig davon aus, dass man einverstanden mit ihrem Verhalten und mit der Gesamtsituation vollkommen zufrieden ist. Seine Forderungen kann man auf diese Weise nicht durchsetzen, weil kein Mensch merkt, dass man welche hat.

Wer sich wie ich nicht so leicht aufregt, eher sanftmütig und friedliebend ist, noch dazu die natürliche Autorität eines verwaisten Eichhörnchenbabys, das von einer flauschigen Katzenmama und ihrem gemütlichen Labradorkumpel großgezogen wird, aufweist und in allen sofort Muttergefühle oder den Beschützerinstinkt weckt, der wird halt schnell mal für etwas bescheuert gehalten. Was kein Problem wäre, wenn ich tatsächlich einfältig und unfähig wäre. Bloß, wenn so ein knopfäugiges, pausbäckiges Grübchengesicht, das zudem keine 1,60 Meter groß ist, anfängt, sich auf die Hinterfüßchen zu stellen, seinen ganzen Mut zusammennimmt und dann zaghaft sein Anliegen hervorzirpt, das nimmt doch keiner ernst! In dem Moment nützen mir meine inneren Werte gar nichts, weil meine Außenwirkung eine ganz andere Geschichte erzählt.

Aber darf man das denn, so aus moralischen Gesichtspunkten, dass man dann ein wenig schauspielt, sich anders zeigt, als man eigentlich privat ist? Soll man sich dann wirklich künstlich aufregen, nur, damit ein Anliegen deutlich wahrgenommen wird? Ich bin da ja nicht so ganz überzeugt … Vielleicht gibt’s ja auch einen Mittelweg. Möglicherweise kann man sich ja mit langem Atem, Geduld, Hartnäckigkeit und Beharrlichkeit seine Ziele erkämpfen, ohne sich verstellen zu müssen. Was ist eure Meinung dazu?

Essai 140: Über klare Ansagen

19. April 2015

Neulich las ich einen von diesen Beziehungsratgebern, die einem weismachen wollen, Männer bräuchten klare Ansagen. Frauen würden sich halt immer so undeutlich ausdrücken und deswegen seien sie selber Schuld, dass ihre Partner nicht im Haushalt helfen. Diesen ausgemachten Unfug konnte ich so natürlich nicht stehen lassen. Allerdings ist mein Facebook-Kommentar wieder gelöscht worden, ich weiß nicht warum. Vielleicht, weil ich angedeutet habe, dass Leute, die behaupten klare Ansagen zu brauchen, nur zu faul sind, der Bitte nachzukommen und dieses „Ich brauche halt klare Ansagen“ nichts weiter als eine Ausrede ist. Wobei, angedeutet habe ich das eigentlich nicht. Ich habe die klare Ansage gemacht, dass solche Leute Faulpelze sind. Das wurde wohl als Beleidigung gesehen.

Aber einmal ganz von vorn: Was sollen klare Ansagen überhaupt sein? Wenn damit ehrliche Antworten gemeint sind, dann muss ja auch vorher eine Frage gestellt worden sein. Sprich, wenn jetzt zum Beispiel eine Frau zu ihrem Mann sagt: „Schatz, magst Du bitte nach dem Essen die Spülmaschine ausräumen, bevor Du ins Bett gehst?“, dann ist das eine eindeutige, klare Frage. Da kann der Mann entweder mit „Ja, mach ich“ oder „Nee, kein Bock“ drauf antworten. Das wäre eine klare Ansage. Ein eindeutiger Fall, sollte man meinen.

In dem Ratgeber hieß es jedoch, der Mann würde das nicht als klare Frage deuten, weil da gleich drei Informationen auf einmal (Essen, Spülmaschine ausräumen, ins Bett gehen) drin enthalten sind. Die Frau hätte also sagen müssen: „Schatz, Du räumst jetzt sofort die Spülmaschine aus!“, damit der Mann der Aufforderung Folge leistet. Wobei der Ratgeber auch behauptete, Männer würden grundsätzlich keine Anweisungen von Frauen befolgen, beziehungsweise nur sehr ungern. Da habe ich dann aber nicht verstanden, wie man die Bitte, im Haushalt zu helfen, denn dann formulieren soll. Eigentlich ist es ja sowieso sehr nervig, dass man das überhaupt erstmal sagen muss, ich meine, das sieht man doch, wenn die Spülmaschine fertig gespült hat und das Geschirr trocken ist. Dann räumt man die Maschine halt aus, da kann man ja auch von selbst drauf kommen.

Wenn man es trotzdem nicht tut und auch dann nicht macht, wenn man darauf aufmerksam gemacht wurde, dann, weil man keine Lust dazu hat und zu faul ist. Sitzt man es daraufhin so lange aus, bis der/die andere die Nerven verliert und sich selbst drum kümmert, dann macht einen das zum Faulpelz. So. Da habt ihr eure klare Ansage! Bevor ich wieder als feminazistische Kampfemanze da stehe, ich meine damit alle Leute, die sich so verhalten, dass das nur Männer betrifft, stand in dem – wie ich finde – dummen Ratgeber.

Vielleicht sind klare Ansagen aber nicht nur ehrliche Antworten auf Fragen, sondern generell Aussagen, bei denen Inhalt und Form, das „Was“ und das „Wie“ identisch sind. Das ist allerdings schlichtweg unmöglich, weil immer mehrere Aspekte in einer Aussage mitschwingen. Die eigene Persönlichkeit, eigene Erfahrungen, eigene Stimmungen, die Beziehung zum anderen, aktuelle Umstände und so weiter färben die Aussage mit ein.

Mir wird des Öfteren vorgeworfen, es kämen von mir nie klare Ansagen. Allein das ist ja auch schon keine klare Ansage, weil keine konkreten Beispiele genannt werden, das Wort „nie“ mir von vorneherein suggeriert, dass ich es auch gar nicht kann und außerdem nicht mit erwähnt wird, dass man mir ebendies vorwirft und man sich wünscht, ich würde es ändern.

Das Problem ist, ich bin eine ganz schauderhafte Lügnerin. Ich kann mich nicht hinstellen und eine klare Ansage machen, wenn ich mir selbst unschlüssig bin. Und ich bin mir ganz oft unschlüssig, weil ich erst einmal über Dinge nachdenke, bevor ich mir eine Meinung dazu bilde. So kommt es, dass ich auf Vorschläge erst einmal mit einem „Mal gucken“ oder Varianten davon wie „Mhm“ oder „Mjoa“ antworte. So sehr ich verstehen kann, dass das nervt, kann ich aber nicht einfach „OK, super, ja, mach ich!“ sagen, wenn ich „Uff, keine Ahnung, weiß ich jetzt grad nicht, muss ich erstmal drüber nachdenken“ oder „Nehme ich zur Kenntnis, ist aber in diesem konkreten Moment nicht relevant, wird jedoch bei Gelegenheit wieder aus dem Gedächtnis gekramt und dann, wenn es mir in dem Moment für richtig erscheint, in die Tat umgesetzt“ denke. Vor allem will die lange Version ja auch keiner hören. Wenn ich also „Weiß ich nicht“ oder „Mal gucken“ sage, dann meine ich das in dem Augenblick auch so. Dafür kann man sich bei mir darauf verlassen, dass ich „Ja“ meine, wenn ich „Ja“ sage und „Nein“, wenn ich „Nein“ sage – und natürlich Varianten davon wie „Klar“, „OK“, „Kein Problem“, „Mach ich“, etc. beziehungsweise „Nee“, „Nä“, „Och nöööö“ ,“Muss das sein?“, „Pffffoa … hmpf“.

Darüber hinaus kann ich ja nicht wissen, dass meine für mich eindeutige, ehrliche Aussage beim anderen nicht als solche angekommen ist. Ich bin zwar ziemlich toll und alles, aber Gedanken lesen kann ich nicht. Wenn es also zu Missverständnissen kommt, haben beide Seiten es verbockt und nicht nur ich. Schließlich hätte man ja auch mit einer klaren Frage nachhaken können, wenn man meine schwammige Antwort nicht verstanden hat.

Vielleicht können wir uns ja einfach mal alle ein bisschen mehr Mühe geben und großzügiger sein, besser zuhören und zwischen den Zeilen lesen und dann nachfragen, wenn uns eine Aussage unklar erscheint.

Essai 123: Über den Umgang mit Idioten

9. Juni 2014

Da die Untergattung der Idioten innerhalb der menschlichen Spezies eindeutig in der Überzahl ist, ist es ratsam, sich mit ihnen zu arrangieren. Doch nach Lösungen zu suchen, wie das zuverlässig gelingt, ist eine Lebensaufgabe. Immerhin, ein paar Tricks und Kniffe, wie man mit Dummdödeln gut zurecht kommt, habe ich schon ausgetüftelt und an real existierenden Exemplaren erfolgreich erprobt. Bevor ich hier wieder als arrogante Intellektuelle da stehe: Ich meine mit „Idioten“ nicht Menschen mit niedrigem Intelligenzquotienten. Sondern ich meine damit Leute, die normal oder sogar überdurchschnittlich intelligent sind, sich aber wie Vollidioten aufführen, obwohl sie anders könnten.

Ich hege die Theorie, dass das Sich-idiotisch-aufführen als eine Art Selbstschutz dient. Vermutlich halten sich die Betroffenen insgeheim für Totalversager und damit das keiner merkt, spielen sie nach außen hin den von sich selbst überzeugten Supermacker. Nur leider scheint das, was wir insgeheim von uns denken, immer irgendwie nach draußen durch und macht sich in der Ausstrahlung bemerkbar. Vielleicht kann man das als Außenstehender nicht immer gleich erklären, warum der andere einem seltsam erscheint, doch man merkt, dass er unauthentisch ist und nicht im Einklang mit seinem Selbstbild handelt.

Das allein ist ja noch nicht schlimm. Wenn Derjenige nur ein wenig aufgesetzt wirkt, aber trotzdem bemüht ist, freundlich und höflich zu sein, kann man ihm ja einfach seinen Selbstschutz lassen. Doch was tun, wenn Derjenige es so dermaßen übertreibt, dass er wie ein eingebildeter Fatzke, arroganter Klugscheißer, unhöflicher Angeber oder bornierter Vollpfosten rüberkommt? Dann wird’s knifflig.

Zunächst sollte man sich dann fragen: Muss ich mit dem Idioten klar kommen oder kann ich ihm auch ohne großen Aufwand aus dem Weg gehen und ihn sein Leben leben lassen, während ich meinem Seelenfrieden fröne? Ist Letzteres der Fall, sollte man auch schlichtweg Letzteres tun. Es sei denn natürlich, man ist selber ein Idiot und macht gern einen auf Streithammel. Dann kann man sich freuen, einen Seelenverwandten gefunden zu haben.

Ist man jedoch wie ich pazifistischer und pragmatischer veranlagt, sollte man versuchen, eine Basis zu finden, auf der der Idiot nicht allzu sehr nervt. Als kurzfristige Lösung funktioniert die Strategie „lächeln, nicken, ‚Arschloch‘ denken“ immer ganz gut. Langfristig aber wird der Vollpfosten irgendwann die Strategie durchschauen und dann kommt man in Erklärungsnot. Unangenehm.

Es ist also schon wichtig, dass man dem Dummdödel Kontra gibt und so ehrlich wie möglich mit ihm redet. Ich bitte vielmals um Pardon, dass ich hier überwiegend die männliche Form gebrauche, aber leider sind die Idioten, die ich meine, häufig männlich. Liegt vermutlich daran, dass Männer ständig glauben, ihre Männlichkeit beweisen zu müssen, die auf völlig veralteten und überdies albernen Prämissen beruht. Das fragile Selbstbild des sich zur Männlichkeit verpflichteten Mannes bedarf eben eines besonders starken Selbstschutzes.

Ich warte immer ein wenig ab, wie weit ich in Richtung Ironie, Sarkasmus und ehrlicher Meinungsäußerung bei einem Idioten gehen kann beziehungsweise bis es mir wurscht ist, ob ich dem Vollpfosten auf den Schlips trete, weil er sich so bescheuert aufführt, dass er es nicht anders verdient hat. Und dann sage ich einfach direkt und furztrocken, was ich von ihm halte. Mit Menschen, die ich mag, bin ich immer etwas feinfühliger, vorsichtiger, behutsamer und netter – da sage ich meine Meinung nur, wenn man mich nach Selbiger fragt, formuliere sie freundlich, mit differenzierter Begründung und unter Berücksichtigung des jeweiligen Kontextes. Mitunter führt das dazu, dass man mich nicht versteht, aber geradeheraus und holterdipolter bin ich eben nur, wenn mir jemand so auf die Nerven geht, dass meine Geduld aufgebraucht ist und mir seine Gefühle wumpe sind.

Jedenfalls habe ich schon ein paar Mal festgestellt, dass man sich mit dieser direkten, spöttischen Art den Respekt von Idioten verdient. Und schon sind sie gar nicht mehr so idiotisch wie man anfangs dachte. Also, es lohnt sich durchaus, ab und zu etwas Verständnis auch für Vollpfosten aufzubringen, nicht beleidigt zu reagieren, wenn sie sich bescheuert benehmen und ihnen stattdessen mit schonungsloser Offenheit zu begegnen. Nur wie man mit völlig humorlosen oder aggressiven Idioten umgeht, konnte ich noch nicht herausfinden. Da ist Ehrlichkeit nämlich nicht immer unbedingt empfehlenswert.

Essai 115: Über vermeintliche Überredungskünstler

9. März 2014

Gestern vormittag klingelte mein Handy und da ich frei hatte und das Ding zur Abwechslung nicht auf lautlos gestellt oder mit leerem Akku irgendwo in der Ecke lag, ging ich tatsächlich auch mal ran. Ein Fehler. Am anderen Ende der Leitung befand sich ein übereifriger, hochmotivierter Finanzfuzzi, der mich schon vor sieben oder acht Jahren dazu bewegen wollte, mein nicht vorhandenes Vermögen gewinnbringend zu investieren. Ich wusste schon damals nicht, woher der Typ meine Nummer und Kontaktdaten hat. Er behauptete, er hätte mich auf dem Unicampus mal angesprochen und da ich mich nicht dran erinnern konnte, dass dem nicht so ist, habe ich da nicht weiter insistiert. Wie dem auch sei, der Kerl hat also offenkundig sämtliche meiner Daten und geht mir seitdem gelegentlich am Telefon auf den Zeiger, weil er mir irgendwas ganz Tolles andrehen will, mit dem ich garantiert derbe reich werde. *prust* Entschuldigung, ich musste kurz lachen.

Glücklicherweise hat er mich die letzten drei oder vier Jahre in Ruhe gelassen und ich hatte diesen Quälgeist schon fast vergessen, da rief er gestern also an und quatschte mir wieder eine Frikadelle ans Ohr. Und wenn ich eine Sache wirklich nicht ausstehen kann, dann ist das, wenn ich in aller mir möglichen Deutlichkeit meine Ablehnung kommuniziere und mein Gegenüber das einfach nicht schnallt. Gut, zugegeben, ich neige dazu, selbst dann freundlich und höflich zu bleiben, wenn ich „Nö“ sagen will. Mir tut mein Gegenüber dann leid, weil ich denke, der hat’s ja auch nicht leicht. Der meint es ja nur gut oder der muss ja auch irgendwie seine Brötchen verdienen, ist vermutlich selbstständig und muss hier am Wochenende Leute belästigen und seinen dubiosen Finanzscheiß so verkaufen als wäre es pures Gold, das ist sicher nicht einfach. Und dann komme ich mir gemein vor, wenn ich einfach drauflos blaffe: „Nä. Kein Bock. Lassen Sie mich in Ruhe und rufen Sie nie wieder an!“ und auflege.

Leider ist das aber genau die Art, mit der man bei solchen vermeintlichen Überredungskünstlern, die sich für mega die Verkäufer halten, umgehen muss, wenn man seine Ruhe haben will. Aber ich bringe es nicht übers Herz. Was mich auf keinen Fall zu einem besseren Menschen macht, das nur so am Rande, denn mir ist durchaus bewusst, dass das wiederum eine äußerst nervige Eigenschaft von meiner Wenigkeit ist. Bei dem anderen kommt das nämlich so rüber, als würde ich dieses Bombenangebot nicht ablehnen, sondern zögern und mich zieren und quasi darum betteln, weiter überredet zu werden. Es wirkt wie eine Hinhaltetaktik, wie Kokettieren und als würde ich spielen wollen. Vermutlich ist das auch der Grund, warum ich immer wieder in solche Situationen gerate, in der irgendwer meint, mich zu meinem eigenen Wohl zu irgendwas überreden zu müssen und ich fang an mich zu rechtfertigen, zu argumentieren, zu begründen und mich zu verteidigen – kurz: zu versuchen, mich rauszureden und aus der Affäre zu ziehen. Was nie funktioniert, denn je mehr ich versuche, mich herauszuwinden, desto mehr fühlt sich der vermeintliche Überredungskünstler angespornt, mir mit noch mehr Tipps und Angeboten auf den Wecker zu fallen. Ein Teufelskreis. Seufz.

Im Gespräch mit dem Finanzfuzzi meinte ich gleich zu Beginn: „Ja. Wissen Sie was, an meiner Situation hat sich jetzt nicht so viel geändert. Ich hab alles, was ich brauche, aber auch nicht mehr. Ich hab kein Geld übrig, das ich anlegen könnte.“ Und mir ist ein Rätsel, wie man da die Ablehnung nicht kapieren kann. Aber offenbar war das schon wieder zu nett von mir, jedenfalls fing der Typ dann an, mir irgendwas vorzufaseln, von wegen, man könne sich doch trotzdem mal zu einem Gespräch (ganz unverbindlich! Gern auch auf nen Kaffee!) treffen und dann finde man schon eine Möglichkeit auch mit kleinen Beträgen und da könnte ja der Staat auch noch und Sie sparen dann Steuern und denken Sie doch mal an Ihre Rente! – Darauf ich: „Na, die ist ja wohl noch ne Weile hin, so alt bin ich nun auch wieder nicht. Ich würde mich dann einfach melden, wenn ich eine Beratung brauche.“ – Dann er: „Das passiert viel schneller als man denkt mit der Rente und wenn Sie jetzt nicht damit anfangen, dann ist das bald zu spät …“ – Da wurde ich dann langsam ungeduldig und infolgedessen leicht sarkastisch: „OK, also wenn ich in zwanzig Jahren oder so mal irgendwann das Bedürfnis verspüren sollte, mich beraten zu lassen, dann würde ich mich noch einmal bei Ihnen melden.“ Das ging dann noch ein paar Mal hin und her, bis er dann endlich etwas geknickt resignierte und wir das Gespräch beendeten.

Wie gesagt, mir tut das schrecklich leid, wenn Leute mir einen guten Rat geben wollen und ich will den guten Rat aber in diesem Moment nur zur Kenntnis nehmen und sonst nichts. Also sag ich dann sowas wie „Mhm.“ oder „Mjoa … mal gucken“ oder – wenn ich gerade richtig genervt bin – „Das ist für mich im Moment kein Thema“. Da sitzt der vermeintliche Überredungskünstler natürlich auf glühenden Kohlen und denkt, Aha, ich muss jetzt einfach noch mehr auf dem Thema herumreiten und noch weiter ins Detail gehen und noch mehr die Vorteile anpreisen und dann sieht sie ein, dass ich nur das Beste für sie im Sinn habe und ihr nur Gutes will. Was ja absolut ehrenwert und alles ist. Aber leider ein eklatantes Missverständnis. Gut, da muss ich mir wohl auch an die eigene Nase fassen, schließlich könnte ich mich auch wirklich klarer ausdrücken und sagen: „Ich nehme den Vorschlag zur Kenntnis und erkenne an, dass er wohlwollend gemeint ist, möchte aber jetzt gern das Thema wechseln.“ – Aber im Eifer des Gefechts kommt dann bei mir trotzdem nur ein „Mjoaaa“ herausgepurzelt und den darunter liegenden Subtext versteht kein Mensch.

Manchmal wäre es echt praktisch, wenn man auf Knopfdruck pampig und unwirsch sein könnte. „Nein! Sonst noch Fragen? War ne rhetorische Frage, ich leg jetzt auf!“ – das wäre vermutlich eine sehr erfolgversprechende Strategie, um sich lästige Verkäufer und Überredungskünstler vom Leib zu halten. Vielleicht sollte ich das auf meine Mailbox sprechen: „Nach dem Piepton Fresse halten“ oder so. Bloß dann vergraule ich ja auch die Leute, mit denen ich gern ein Schwätzchen halte. Vielleicht kann ich aber nervige Verkäufer in Zukunft als Testpersonen nutzen und das vermeintlich unfreundliche „Nein! Kein Interesse! Tschüss!“ üben und dann wirklich einfach auflegen, damit sie gar nicht erst die Möglichkeit haben, mich mit ihren Überredungskünsten in die Ecke zu drängen. Mal gucken, wann der Finanzfuzzi das nächste Mal anruft.

Essai 102: Über Shitstorms und Wutbürger im Internet

25. März 2013

Früher, als noch nicht jeder einen Internetanschluss hatte, konnten Politiker, Schauspieler und andere öffentliche Personen ruhig Quatsch erzählen, in Fettnäpfchen treten oder sich grob unhöflich aufführen, ohne dass das große Konsequenten gehabt hätte. Ich spreche von einer Zeit, die die unter Zwanzigjährigen, die Digital Natives, vermutlich nicht mehr kennen und sich auch nicht vorstellen können. Ja, damals hat man sich auch an Verabredungen halten müssen, weil man nicht mal eben mit dem Handy Bescheid sagen konnte, man komme später. Es gab keine sozialen Netzwerke, keine Blogs (wir hatten stattdessen Poesiealben und Tagebücher, alles analog), keine eigenen Homepages und so weiter. Das war nicht unbedingt besser, aber auch nicht schlechter, sondern einfach anders. Hat sich also in dieser grauen Vorzeit jeder privat und für sich in Ruhe aufgeregt, wenn ein Promi sich daneben benommen hat (bei ganz üblen Verstößen gegen das Gemeinwohl gab es auch mal Zeitungs- und Fernsehberichte), fühlt sich offenbar heute jeder Wutbürger bemüßigt, seinen Unmut im Internet kund zu tun. Das, was dann auf den tollpatschigen Promi einprasselt, nennt sich gemeinhin Shitstorm.

Der neueste Fall eines Shitstorms wurde von Katja Riemann losgetreten. Sie hatte sich – vermutlich nichts Böses ahnend – in die NDR-Sendung „Das!“ zu einem Interview begeben und hatte auf die recht belanglosen Fragen etwas irritiert geantwortet. Offenbar, so meine Deutung der ganzen Affäre, war sie mit der Absicht in das Interview gegangen, über ihre Arbeit und ihre neuen Filme zu sprechen und das auf einem sehr hohen intellektuellen Niveau. Hinnerk Baumgarten, der Moderator hingegen, war vermutlich mit der Absicht ins Interview gegangen, den Menschen Katja Riemann kennen zu lernen, ihre private Seite zu beleuchten und sie dem Publikum menschlich näher zu bringen. Diese beiden konträren Motivationen sind aufeinander geprallt und es hat nicht funktioniert. Weder hatte Katja Riemann Lust, über ihr Privatleben zu reden (was ich sehr gut verstehen kann!) noch ist es dem Moderator gelungen, das zu akzeptieren und seine Interviewstrategie spontan an seinen etwas widerborstigen Gast anzupassen. Wahrscheinlich konnten die beiden sich schlichtweg nicht riechen, so ist das ja manchmal. Jedenfalls besteht meiner Meinung nach kein Anlass, Katja Riemann in irgendeiner Weise Arroganz vorzuwerfen. Natürlich hätte sie netter sein können, aber im Grunde war sie einfach ehrlich und das finde ich persönlich auch mal ganz erfrischend. Ein Problem ist jedenfalls auch, dass viele sich gar nicht das ganze Interview angesehen haben, sondern nur einen Zusammenschnitt, bei dem Katja Riemann tatsächlich ziemlich fies rüberkommt.

Aber mangelnde Information hat ja noch nie irgendwen davon abgehalten, sich künstlich aufzuregen. Erst recht nicht, wenn man das auch noch schön gesellig in der Masse machen kann, wo man sich dann auch noch gegenseitig hochschaukelt. Wie weiland aufgehetzte Bürger Fackeln und Mistgabeln schwenkend auf vermeintliche Ketzer losgingen, stürzen sich dann die selbstgerechten Wutbürger auf den bedauernswerten Promi und bombardieren diesen mit wüsten Beschimpfungen, üblen Beleidigungen bis hin zu regelrechten Drohungen. Manche Dinge ändern sich halt nie und vermutlich ist das auch ganz schön, wenn man seinen aufgestauten Frust und sorgfältig angesammelten Zorn mal an jemandem auslassen kann, den man gar nicht kennt. Und wenn dann noch andere dabei sind, die der gleichen Meinung sind, kann man ja auch nicht falsch liegen. Die eigenen Sünden verblassen zudem bis zur beinahen Unsichtbarkeit, wenn man mit dem Finger auf jemanden zeigen und lauthals krakeelen kann, der sei ja wohl viel schlimmer als man selbst. Außerdem muss man sich dann für eine kleine Weile nicht mehr mit wichtigen Dingen herumärgern, wenn man auf andere Leute wegen vermeintlicher oder tatsächlicher Fehltritte eindreschen kann. Das ist nicht nett, aber meiner bescheidenen Ansicht nach, schlichtweg menschlich. Das liegt offenbar einfach in unserer Natur, dass wir lieber unsere Zeit damit verplempern, anderen Leuten ihre Fehler in den schillerndsten Farben vorzuhalten, anstatt mal an unseren eigenen Fehlern zu arbeiten. Ich nehme an, ich bin da auch nicht anders, aber so genau weiß ich das nicht, schließlich sind wir alle mit einer eklatanten Selbstgerechtigkeit gesegnet, ohne die wir wohl nicht vorwärts kämen. Man stelle sich vor, jeder würde ständig jeden seiner Schritte und Entscheidungen hinterfragen. Das kann dann ja lange dauern, bis da mal ein Schritt gegangen oder eine Entscheidung getroffen wurde.

Wie dem auch sei, ich fände es um des allgemeinen Friedens willen dennoch wünschenswert, wenn man gelegentlich kurz innehielte, bevor man fremde Leute wüst beschimpft. Das sind ja schließlich auch nur Menschen, die manchmal eben blöd sind. Natürlich kann man denjenigen sachlich kritisieren und demjenigen sagen, man habe Missfallen an dessen Verhalten gefunden. Aber es müssen doch nicht immer gleich verbale Mistgabeln und rhetorische Fackeln sein, mit denen man auf denjenigen welchen einprügelt. Erst recht nicht so feige im Schutz der Masse. Und erst recht nicht aus so niederen Beweggründen, dass man einfach nur von seinem eigenen Frust ablenken will. So was finde ich erbärmlich. Und helfen tut das auch niemandem. Außerdem, bevor man jemanden kritisiert, sollte man sich informieren und gucken, ob man nicht vielleicht auch falsch liegt. Das kann nämlich auch mal passieren und dann zurück zu rudern, nachdem man schon auf jemanden eingedroschen hat, ist ja mal richtig peinlich.

Essai 97: Über die „Lauter Geisterfahrer“-Mentalität

13. Januar 2013

Ich habe mich ja schon des Öfteren in diesem Blog über Leute aufgeregt, die ihres Erachtens nie Schuld sind und für gar nichts irgendwas können. Heute möchte ich einmal die Grundhaltung dieser anstrengenden Zeitgenossen analysieren. Die ist vergleichbar mit der Attitüde des Typs, der verkehrt herum auf die Autobahn fährt und sich über die ganzen Geisterfahrer aufregt, die ihm entgegen kommen. Dass er derjenige ist, der einen Fehler gemacht haben könnte, ist eine Idee, auf die er niemals kommen würde. Weil es in seiner Welt, seiner Wirklichkeit schlicht nicht vorkommt, dass er sich irrt. Und sollte irgend ein Todesmutiger es wagen, ihn auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, dass er gegebenenfalls eventuell vielleicht nicht ganz so richtig liegt, dann ist aber Schluss mit lustig. Ist doch wahr. Was erlaubt der sich.

Übrigens ist diese „Lauter Geisterfahrer“-Mentalität meiner Beobachtung zufolge ein recht weit verbreitetes Phänomen. Nun ist es aber natürlich eine der kniffligen Seiten der „Alle machen alles falsch nur ich nicht“-Attitüde, dass man selbst gar nicht merkt, dass man diesem Irrglauben aufgesessen ist. Im Grunde genommen gehe ich ja auch wie selbstverständlich davon aus, dass ich was Besseres bin als die Wirklichkeitsverdreher, die ich hier kritisiere. Vielleicht ist ja meine Sicht der Dinge auch totaler Quatsch und ich merke das gar nicht. Bis zu einem gewissen Grad muss man wohl auch davon ausgehen, dass man selbst richtig liegt, sonst wird man ja bekloppt und kommt gar nicht mehr von der Stelle. Widmen wir uns also wieder dem übertriebenen Phänomen des Sich-selbst-für-unfehlbar-haltens. Mit solchen Leuten kann man ja auch überhaupt nicht reden, weil sie sowieso alles besser wissen. Ich frag mich nur: Wenn sie alles TATSÄCHLICH besser wissen, dann ist doch alles gut. Warum sind sie dann gleich beleidigt und pampig, unwirsch, unsachlich und gemein, wenn man den Wahrheitsgehalt ihrer Aussagen dreisterweise anzweifelt? Wenn ich dermaßen die Weisheit mit Löffeln gefressen hätte, dass ich die Antworten auf alle Fragen wüsste (außer „42“, versteht sich), dann würde ich mich doch freuen und mein Allwissen mit meinen Mitmenschen teilen, damit jeder was davon hat. Anstatt dann so mürrisch und übellaunig darauf zu warten, dass irgendein Wicht mein allumfassendes Tausendsassatum anzuzweifeln sich erfrecht, um diesen dann aus meiner Sicht verdientermaßen in der Luft zu zerfetzen.

Ohnehin kann man mit Menschen, die alle anderen als ihre Feinde betrachten, die absichtlich alles falsch machen, nur um sie zu ärgern, nicht viel mehr machen, als ihnen bestmöglich aus dem Weg zu gehen. Man kann ihnen sowieso nichts recht machen. Fragt man sie, was man für sie tun kann, hätten sie eigentlich erwartet, dass man von alleine drauf kommt. Fragt man sie nicht und macht einfach, was man selbst für richtig hält, tut man garantiert das Gegenteil von dem, was sie gewollt hätten. Und dann regnet es zuverlässigerweise Vorwürfe, die die Sich-permanent-angegriffen-fühlenden sich aus irgendwelchen küchentischpsychologischen Astro-Esoterik-Ratgebern zusammengeklaut haben oder wahlweise aus qualitativ fragwürdigen Fantasyfilmen. Dann geht das los mit: „Du musst lernen loszulassen, nie nimmst du Rücksicht, werde endlich erwachsen, du darfst vor deinen Problemen nicht davonrennen, ich bin dir doch völlig egal, meine Gefüüüüüüüüühle sind dir doch gar nicht wichtig, aber hör auf, dich einzumischen und überhaupt, nie fragst du mal nach, wie es mir geht, du fragst zwar, aber nicht mit dem richtigen Tonfall, ich merk das doch, du meinst das nicht ehrlich, jammerschluchzheul…“ – Anstrengend.

Mit solchen Leuten auszukommen ist auf Dauer ein Ding der Unmöglichkeit. Ich sag das ja nur ungern, sonst bin ich ja meines Zeichens unverbesserliche Optimistin, aber an den „Lauter Geisterfahrer“-Überzeugungstätern beiße ich mir die Zähne aus. Beratungsresistenz, Lernimmunität, Unbelehrbarkeit, Uneinsichtigkeit, Kritikunfähigkeit und – das Schlimmste – nichtvorhandene Sensibilität bei gleichzeitigem Überempfindlichsein gegen alles und jeden, machen diese Menschen zu asozialen Arschlöchern, die einem das Leben zur Hölle machen. Und das ist noch nett ausgedrückt. Aber sie können ja nichts dafür, denn ihre Mutter hat ihnen im zarten Alter von vier Jahren mal Spinat zu essen gegeben, obwohl sie Würstchen wollten oder sie wurden von ihrem Hamster gemobbt, als sie zehn Jahre alt waren oder in der Schule fand mal einer den Pulli doof, den sie anhatten oder sie waren das Jüngste von mehreren Geschwistern oder oder oder. Und das nimmt man dann als Vorwand und Begründung, warum man sich wie ein Riesenarschloch benimmt. In Ermangelung konkreter Vorkommnisse, die den eigenen miesen Charakter verschleiern sollen, kann man sich auch einfach einbilden, das wahlweise die Mutter, der Vater oder beide einen nie wirklich geliebt haben. Davon ausgehend findet man dann bei ausgiebiger Suche auch bestimmt genug Hinweise, die das untermauern und schon hat man allen Grund, andere Menschen wie Dreck zu behandeln. Super.

Wer nun glaubt, ist doch alles prima, die armen Tropfe sehnen sich nur nach ein bisschen Liebe, Frieden und Herzenswärme, der irrt. Nein, mittlerweile glaube ich, es geht wirklich hauptsächlich darum, dass sie sich scheiße fühlen und überhaupt nicht einsehen, dass es irgendwem in ihrer Nähe nicht genauso scheiße geht und deswegen unternehmen sie alles, um dem entgegen zu wirken. Wäre ja auch noch schöner. Am Ende würden sie sich von der guten Laune ja noch anstecken lassen und dann wüssten sie nichts mehr mit sich anzufangen. Die „Alle sind gegen mich“-Haltung ist dann schon zur zweiten Haut geworden, wo man sich ja irgendwie dann auch ganz heimelig und vertraut fühlt. Lieber ein Unglück, das man kennt, als ein eventuelles Glück, das im Ungewissen verborgen ist. Übrigens wäre es ein unverzeihlicher Faux-pas, solchen Zeitgenossen gegenüber Mitleid oder Mitgefühl zu zeigen. Dann kriegt man nämlich die geballte Ladung Kratzbürstigkeit ab, was einem denn einfiele, man komme sehr wohl allein zurecht und man brauche keine anderen Menschen und Mitleid oder Mitgefühl sowieso schon mal gar nicht. Wer nun denkt: Moooment, weiter oben hat sich doch der fiktive exemplarische Störenfried doch noch darüber beklagt, dass niemand auf seine Gefühle Rücksicht nehme und nun beschwert sich derjenige über Mitgefühl? Ja, was denn nun? Was will er denn dann? Das weiß wohl keiner. Am Allerwenigsten noch der Störenfried selbst.

Essai 84: Über nervige Single-Männer und das, was Frauen wirklich wollen

10. März 2012

Und noch ein Flirtratgeber. Ich muss mich im Vorfeld entschuldigen, möglicherweise wird das für die Männer nicht nur schmeichelhaft. Es ist aber nun mal so: Ich bin dieses ewige „Weiber sind alle scheiße!“ einfach leid. So. Das ist wie in diesem Witz, wo dieser eine Typ immer zu Gott betet: „Herr, lass mich im Lotto gewinnen! Herr, lass mich im Lotto gewinnen!“ und Gott donnert dann irgendwann supergenervt von seiner Wolke runter: „Na, dann SPIEL!“ – Wobei das jetzt nicht heißen soll, dass ich mich für Gott halte, aber seinen Standpunkt kann ich in dieser Situation absolut nachvollziehen. Das ist wie wenn mir Single-Männer vorjammern „Alle Frauen sind scheiße! Die Weiber sind alle gleich! Njö njö njö!“, obwohl sie das in Ermangelung tatsächlichen Kennenlernens von Frauen gar nicht beurteilen können. Und diesen Männern möchte ich jetzt einfach mal den Rat auf den Weg geben: „Na, dann SPIELT doch endlich!“, heißt, geht raus, lernt Frauen kennen, sprecht sie an, unterhaltet euch mit ihnen, trefft euch vielleicht auch mal mit ihnen und dann wird schon irgendwann eine dabei sein, bei der es passt und wo alles sich ganz natürlich fügt und die eben nicht „scheiße!“ ist. (Das gilt natürlich auch für die nervigen Single-Frauen, die herumjammern, es gäbe keine guten Männer, bzw. sie seien wie öffentliche Toiletten: besetzt oder beschissen. Geht raus! Sprecht Männer an! Lernt sie kennen! Und dann gucken, was passiert)

Die Frage ist: Wenn wirklich alle Frauen scheiße sind, warum wollen diese nervigen Single-Männer dann überhaupt unbedingt eine? Das ist doch unlogisch. Ich finde zum Beispiel, dass Fisch scheiße schmeckt und deswegen esse ich keinen. Allerdings mag ich sehr gerne Kuchen. Und wenn ich Lust auf Kuchen habe, dann backe ich welchen oder gehe in die nächste Bäckerei. Nun kann man sich seine Traumfrau nicht backen, aber man kann raus gehen und Frauen ansprechen und dann ist früher oder später schon eine dabei, mit der es sich gut eine Weile aushalten lässt. Das muss ja nicht im Club sein, wenn man Discos nicht leiden kann, das kann ich sehr gut nachvollziehen. Da ist es laut und stickig und man kann sich nicht vernünftig unterhalten, geschweige denn kennen lernen. Aber, was man auch in Clubs und Discos machen kann, ist Frauen ansprechen. Und – Bitte! Jungs! – lasst das mit dem „Mut antrinken!“, Bierfahnen sind widerlich und die meisten Männer werden durch Alkohol distanzlos und schmierig. Und „Darf ich dir einen Drink spendieren“ ist der lahmste Anmachspruch überhaupt! Habt einfach ein wenig Feingefühl, dann merkt ihr schon, wann es passt, die Frau anzusprechen, die ihr euch ausgeguckt habt. Ich hab das in meiner Sturm und Drang-Zeit, als ich noch häufiger solche Etablissements aufgesucht habe, häufiger erlebt, dass mich plötzlich irgendein Typ doof von der Seite anquakt, ob er mir einen Drink spendieren dürfe und ich hatte den Kerl vorher überhaupt nicht wahrgenommen, weil ich mit meinen Freunden auf der Tanzfläche war und zwar – man glaubt es kaum – um zu tanzen, nicht um hinterher mit einem plumpen Spruch belästigt zu werden. Weil ich aber höflich bin und ich durchaus anerkannt habe, dass der Mensch da seinen ganzen Mut zusammengenommen hatte, um mich das zu fragen, lehnte ich mit einem „Nein, Danke“ ab. Und dann fing dieser Typ auch noch an zu betteln: „Och, komm schon! Warum denn nicht?“ – Warum tun Männer so was? Ist das immer noch dieses bescheuerte Gerücht, Frauen würden „Ja“ meinen, wenn sie „Nein“ sagen? Leute, da gab es einen Sinnverdreher, Frauen fällt es verdammt schwer „Nein“ zu sagen, deswegen, WENN sie es sagen, meinen sie es auch so! Und „Ja“ auf die Frage, ob man einen Drink umsonst haben will, ist noch kein „Ja“ auf die Frage nach Sex. Also, zwei Möglichkeiten, wenn ein Mann eine Frau in der Disco aufreißen will: Erstens, er will nur mit irgendeiner Frau schlafen, dann ist es das Beste, einfach mal reihum freundlich und selbstbewusst alle Frauen zu fragen und dann ist irgendwann eine dabei, der langweilig ist und die „Ja“ sagt. Zweitens, ihr wollt was längerfristiges und seid auf der Suche nach einer richtigen Freundin, dann wartet den richtigen Moment ab (der ist NICHT, wenn sie gerade aufbricht, um nach Hause zu gehen!) und seid einfach nett, freundlich, authentisch, ehrlich, humorvoll und unaufdringlich. So was wie „Hey, ich bin XY, ich würde dich ja gerne anquatschen, und mich mit dir unterhalten, weiß aber nicht wie“ oder was auch immer, aber stellt euch persönlich auf eure Gesprächspartnerin ein und kommt nicht mit so bescheuerten Platitüden um die Ecke. Und lasst bitte dieses Überrumpeln, ein bisschen mehr Einfühlungsvermögen, meine Herren.

À propos Einfühlungsvermögen. Ich meine damit nicht, dass man(n) immer für alles Verständnis haben muss und alles toll finden muss, was einem so zugemutet wird. Es geht nicht um das ‚Was‘, sondern um das ‚Wie‘. Es ist letzten Endes vollkommen wurscht, wo ihr Frauen ansprecht und was ihr sagt, es kommt drauf an, wie ihr das tut. Frauen haben gern das Gefühl, dass sie persönlich gemeint sind. Wenn sie das Gefühl haben, da checkt einer einfach mal alle Hühner ab, die nicht bei drei auf den Bäumen sind und dann schaut er mal, welche er erwischt, dann ist das für Frauen extrem beleidigend. Wir mögen sowas nicht. Ich kann mir ehrlich gesagt auch nicht vorstellen, dass Männer das toll finden, wenn eine Frau sie erst mit einer Standardfloskel anquatscht und ihnen dann überhaupt nicht zuhört, den Blick vielleicht auch noch schweifen lässt und nicht ansatzweise auf das eingeht, was man erzählt. Das ist unhöflich und respektlos. Sollte das mal bei einer klappen, dann weil sie richtig verzweifelt ist und überhaupt keine Selbstachtung hat und dann kann man(n) sich auch schon mal darauf einstellen, dass es schwieriger wird, diese bedauernswerte arme Seele wieder loszuwerden (was sie dann ziemlich schnell wollen werden), als sie abzuschleppen.

Es erfordert zwar mehr Mut, ist aber meiner Ansicht nach erfolgversprechender, Frauen im Alltag auf der Straße oder beim Einkaufen anzusprechen. Da gibt’s ja auch eine Fülle an Anquatsch-Vorwänden, wie die Frage nach der Uhrzeit oder dem Weg. In Läden kann man fragen, wo man ein bestimmtes Produkt findet, oder ob man Hilfe bei einer Kaufentscheidung bekommen könnte, und so weiter. (Gilt natürlich genau so für Frauen) Natürlich birgt dies auch das Risiko, dass die Frau nicht mitbekommt, dass das eine Anmache sein soll oder dass sie schon nen Freund hat. Aber dieses Risiko sollte man dann auch ruhig mal eingehen. Ist doch egal, selbst wenn da nicht mehr draus wird, so hat man doch eine nette Begegnung gehabt. Eine nette Begegnung ist sowieso das beste, auf das man beim ersten Ansprechen hoffen kann. Und wenn Bedarf besteht, sich wiederzusehen, kann man das nach einer netten Begegnung auch einfach geradeheraus fragen, dann wissen alle Bescheid. Das nach einer lahmen Platitüde zu fragen, ist aber bescheuert.

Andere Möglichkeit, für Schüchterne, die sich nicht trauen, einfach so mal wildfremde Leute auf der Straße anzuquatschen, ist, sucht euch ein Hobby! Und zwar ein Hobby, bei dem man rausgeht und Leute trifft. Das kann ein Sprachkurs sein, eine Theatergruppe (kann ich sehr empfehlen, funktioniert hervorragend!), ein Lesekreis, ein Chor (die haben sowieso immer Männermangel), ein Tanzkurs (dito!), irgendwas. Aber man kann doch nicht anfangen, alle Frauen kategorisch scheiße zu finden, wenn man überhaupt keine kennen lernt. Das nervt! Und Möglichkeiten gibt es ja reichlich. Und wenn das alles nichts hilft, dann scheiß doch auf den blöden Stolz und mal im Internet gucken oder zu Single-Veranstaltungen gehen.

Ich habe übrigens den Eindruck, dass Männer und Frauen beim Kennen lernen nicht den gleichen Rythmus haben. Frauen lassen sich in der Anfangsphase gern ein bisschen mehr Zeit und wenn sie sich dann erst einmal in einer Beziehung wähnen, stellen sie auch Ansprüche, dann wollen sie plötzlich ein Mindestmaß an Sicherheit, Zuverlässigkeit, Verantwortungsbewusstsein und Respekt vom Mann und der Mann denkt, Ohgottohgott, meine Freiheit, Aaaaah! Nix wie weg! Ach nee, geht nicht, dann bin ich ja wieder allein, das ist ja auch doof, dann geht das ganze Theater ja von vorne los, wie unbequem, ich geh lieber in die innere Immigration. Männer wollen beim Kennen lernen immer so vorpreschen, da muss immer alles ratzfatz gehen und wenn man(n) die Frau dann erstmal erobert hat, muss man(n) sich ja keine Mühe mehr geben und kann sich entspannt zurücklehnen und machen, worauf man(n) Bock hat und lassen, worauf man(n) keinen Bock hat. Ich frage mich, wieso trotzdem so viele Beziehungen funktionieren… Hmm… Also, meiner Erfahrung nach darf man dem anderen nicht alles immer gleich so krumm nehmen und mit Wohlwollen und Humor ertragen sich die Macken des anderen leichter. Und frei von Macken ist eh niemand. Dann wird man auch eher ernst genommen und da eher drauf eingegangen, wenn mal WIRKLICH etwas gar nicht geht.

Also, nervige Single-Männer, nervige Single-Frauen, hört auf zu jammern und euch selbst zu bemitleiden und allen außer euch die Schuld für euer Alleinsein aufzubrummen und geht einfach mal raus, stürzt euch ins Getümmel und guckt was passiert. Früher oder später passt es dann schon. Und wenn’s passt, dann passt’s.


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