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Essai 82: Über die Leiden eines Frustableiters

22. Februar 2012

Es gibt ja so Leute, die sind nie Schuld. Nie! Es liegt grundsätzlich immer an ‚den Anderen‘ wenn irgendetwas schief läuft oder ihnen nicht passt (und diesen pflegeintensiven Zeitgenossen passt ständig irgendetwas nicht). Da sind sie dann auch absolut konsequent in ihren Prinzipien (‚Die Anderen‘ sind an allem Schuld!) und lassen nicht mit sich diskutieren. Interessanterweise halten sie das allen Ernstes für Stärke und Selbstbewusstsein. Häufig sind diejenigen welchen mit einem hohen pädagogischen Eifer und Sendungsbedürfnis ausgestattet, so dass es ihnen nicht genügt, im Stillen zu wissen, dass ‚die Anderen‘ an allem Schuld sind, sondern dass sie ‚die Anderen‘ zu jeder sich bietenden Gelegenheit lauthals über diesen Sachverhalt informieren müssen. Für diesen kostenlosen Unterricht im Fach ‚Schuldzuweisung‘ erwarten sie in der Regel auch noch Dankbarkeit, Einsicht in die eigenen Fehler (und zwar ehrlich! Bitteschön!!), sowie Rücksichtnahme auf ihr schweres Los, die ‚Anderen‘ ertragen zu müssen.

Nun gibt es drei Arten, darauf zu reagieren. Man kläfft zurück, man ignoriert es oder man nimmt es sich zu Herzen. Am geschicktesten ist es wohl, es einfach zu ignorieren. Wobei ‚einfach‘ nicht so einfach ist. Wenn man nicht völlig unsensibel ist, stört es einen irgendwann doch, von selbstgerechten Kotzbrocken als Frustableiter missbraucht zu werden. Und dann kläfft man zurück oder nimmt es sich zu Herzen. In diesem Fall ist Zurückkläffen zwar für die Beziehung zu diesem Stinkstiefel nicht unbedingt förderlich, dafür aber dem eigenen Seelenheil äußerst zuträglich. Bei Letzterem ist es umgekehrt. Der fiese Choleriker ist für’s erste besänftigt, aber man selbst hat sich somit ein Abonnement auf die Position des Frustableiters, auch bekannt als Prügelknabe und seelischer Mülleimer, gesichert. Da heißt es abwägen: Will man die Beziehung nicht ruinieren, hält die Klappe und ist der Arsch? Oder ist einem der Scheißtyp wurscht und man ist eher am eigenen Seelenheil interessiert, dann ist zwar die Beziehung im Arsch, aber man selbst nicht?

Das kann eine ganz schön knifflige Angelegenheit werden. Vor allem, wenn man selbst jemand ist, der grundsätzlich erst mal versucht, den anderen Menschen zu verstehen, sich geduldig seine Probleme anzuhören und auch eigene Fehler kritisch zu beleuchten. Diese zunächst positiv anmutenden Charaktereigenschaften sind nämlich ideal, um zum Chef-Frustableiter befördert zu werden. Und ist man erst mal in dieser Rolle drin, kommt man da so leicht nicht wieder heraus. Da kann man sonst noch so vernünftige, objektiv einleuchtende, gut durchdachte Argumente für seinen Standpunkt in einem noch so freundlichen, diplomatischen, sachlichen Tonfall vorbringen, da kann man noch so sehr betonen, dass seiner Hochwohlgeboren dies nicht als persönlichen Angriff auf sich auffassen soll, das Drama ist vorprogrammiert. Und da Frustableiter überdies selbst niemanden zum Frust ableiten haben, selbst auch nie auf die Idee kämen, ihre Scheißlaune an Unschuldigen auszulassen, sind sie mit ihrem Ärger ganz allein.

Und jetzt alle: Ooooooooooooooooooooooh

Im Ernst, das ist echt gemein, andere Leute anzubrüllen und zu beleidigen, obwohl die gar nichts gemacht haben. Man kann doch auch freundlich erzählen, was einen bedrückt, anstatt immer gleich loszupoltern, Vorwürfe aus der Luft zu greifen und die abstrusesten Schuldzuweisungen zurecht zu schustern, nur um sich nicht eingestehen zu müssen, dass man selbst vielleicht auch seinen Teil dazu beigetragen hat, dass nicht alles optimal läuft. Das ist doch überhaupt nicht schlimm, es ist doch niemand perfekt. Und nur seine eigenen Fehler kann man auch wirklich ändern. Allerdings nicht, wenn man so tut, als wären es die Fehler aller ‚Anderen‘. Dann ändert sich nämlich gar nichts, weil die eigentliche Ursache unerkannt bleibt. Manchmal reicht es doch auch schon, seine eigene Erwartungshaltung zu hinterfragen. Vielleicht ist die einfach unrealistisch und dann ist das klar, dass man ständig angepisst ist, weil immer irgendwas nicht so läuft, wie man erwartet. Oder man kann sich auch mal in die Lage der ‚Anderen‘ versetzen und sein eigenes Verhalten beleuchten und prüfen, ob man nicht manchmal auch einfach nett, großzügig und nachsichtig sein kann. Das ist langfristig betrachtet auch viel besser für die Selbstsicherheit, als immer alle anzupflaumen, weil man sich dann als was Besseres fühlen kann. Man muss dann nur aufpassen, nicht selbst zum Frustableiter zu werden. Das geht ja nicht darum, dass man schon als cholerischer, dauergefrusteter, übellauniger Blödian auf die Welt kommt, dass einem das in den Genen liegt oder so, sondern es ist eine Frage von Gewohnheit und von Verhalten. Von Dingen, die man ändern kann. Das ist dann nämlich tatsächliche Stärke und wirkliches Selbstbewusstsein. Es geht nicht darum, keine Fehler zu haben, sondern seine Fehler einzusehen und – jetzt kommt’s – an ihnen zu arbeiten, um sie Stück für Stück erträglicher zu machen. Sonst hat nämlich irgendwann selbst der emotional erpressbarste Frustableiter die Nase voll und verdrückt sich und der Stinkstiefel steht alleine da und sieht immer noch nicht ein, dass er selber schuld ist. Dass nicht die ‚Anderen‘ ihn im Stich gelassen, sondern er alle vergrault hat. Und das ist dann richtig frustrierend.

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