Essai 195: Über Privilegien

Privilegien sind eine seltsame Angelegenheit. Man merkt meistens nicht, wenn man welche hat, weil man es nicht anders kennt und man an sie gewöhnt ist – man möchte sie aber auch nicht missen. Werden diese Privilegien in einer öffentlichen Debatte angesprochen, weil plötzlich Menschen, die sie nicht genießen, nach Gleichwertigkeit verlangen (und das völlig zu Recht), lassen sich meistens zwei Typen Gewohnheitsprivilegierter ausmachen: der beratungsresistente und der lernbereite Typ.

Der beratungsresistente Gewohnheitsprivilegierte ist ein unangenehmer Geselle, der einem besonders oft in den Kommentarspalten sozialer Medien begegnet. Lernbereite Privilegiengewöhnte sind eher selten, so mein Eindruck. Ich würde mich gern dazu zählen, aber die Beratungsresistenten sind sich ja auch keiner Verantwortung bewusst und halten sich für vernünftig denkende, mitfühlende Mitmenschen (denke ich mal) und von daher … vielleicht habe ich auch meine blinden Flecken, ohne es zu merken, und bin manchmal ein Arsch, ohne das zu beabsichtigen. Wobei, man kann mir das dann eigentlich auch schon sagen und dann schäme ich mich fürchterlich und versuche, mich zu bessern.

Vermutlich geht es auch den Beratungsresistenten so, dass sie sich ertappt fühlen und sich schämen, wenn man sie auf ihre Privilegien aufmerksam macht und ihnen erklärt, dass andere diese Privilegien nicht haben und deswegen vor Problemen stehen, die Gewohnheitsprivilegierte niemals hatten und nie haben werden. Aber anstatt dann zu sagen: „Oh, das war mir nicht bewusst, du hast Recht, ich versuche, darauf zu achten“ und dann vielleicht weiter bei den Betroffenen nachzufragen, was man tun könne, um zu helfen oder um wenigstens kein Arsch zu sein, fühlen sich beratungsresistente Gewohnheitsprivilegierte durch Kritik Nichtprivilegierter sofort angegriffen. Als sei ihre ureigene Existenz und ihr komplettes Selbstbild dadurch bedroht, ein Problem als solches anzuerkennen, das sie selbst nicht betrifft.

Die Diskussionen, die sich daraus ergeben, dass manche Menschen bestimmte Privilegien genießen – einfach so, durch einen Zufall der Geburt, durch Dinge, die außerhalb des eigenen Einflussbereichs liegen – und andere nicht – ebenfalls ohne tieferen Grund -, sind meistens sehr emotional und drehen sich schnell im Kreis. Dabei sollten wir doch viel mehr darüber sprechen, wie wir die Privilegien ausweiten können? Wie können wir Menschen, die bestimmte Privilegien nicht in die Wiege gelegt bekommen haben, unterstützen, sie fördern und ihnen helfen, damit wir alle möglichst gleiche Startbedingungen im Leben haben? Ganz gleich wird es wohl nie sein – schön wäre es, aber ich kann mir das irgendwie nicht vorstellen. Es wird immer Menschen geben, denen der Start ins Leben leichter fällt als anderen. Aber wir sollten doch alle zum gemeinsamen Ziel haben, dass die Unterschiede nicht mehr so groß sind.

Klar: Wenn andere, bislang nicht privilegierte Menschen durch Förderung, bestimmte Regelungen (z. B. Quoten), Hilfen etc. plötzlich dieselben Privilegien genießen wie die Gewohnheitsprivilegierten, dann sind es keine Privilegien mehr. Manchmal habe ich den Eindruck, dass es das ist, was die Beratungsresistenten im Geheimen wurmt. Vielleicht mögen sie es, besser gestellt zu sein, haben sich möglicherweise unbewusst eingeredet, dass sie dadurch auch etwas Besseres sind, dass sie irgendwie ein Geburtsrecht auf diese Privilegien haben – und zwar nur sie und ihresgleichen. Das würde erklären, warum sie sich so emotional und vehement dagegen zur Wehr setzen, die Privilegien aufzulösen und anderen die gleichen Chancen zu ermöglichen. Dann wären sie ja nichts Besseres, nichts Besonderes mehr – und ich kann mir vorstellen, wenn man jemand ist, für den die Vorstellung, etwas Besseres zu sein als andere, wesentlich fürs Selbstbild und Selbstwertgefühl ist, dann stellt die Chancengleichheit subjektiv eine als existenziell empfundene Bedrohung dar.

Trotzdem finde ich, sollten wir uns von diesen – Pardon und bei allem Respekt – Schreihälsen eigentlich nicht den Diskurs vorschreiben lassen. Ich würde mir wünschen, dass wir sachlich diskutieren und lösungsorientiert überlegen können, wie Menschen mit bestimmten Privilegien anderen ohne diese Privilegien helfen können. Da sind wir doch alle als Gesellschaft gefragt, oder?

Ich kann nichts dafür, dass ich weiß bin und deswegen nie erlebt habe, wie es ist, von Racial Profiling betroffen zu sein. Für mich ist es ganz normal und selbstverständlich, dass die Polizei „mein Freund und Helfer“ ist. Ich kann auch nichts dafür, dass ich mit Akademiker-Eltern, umgeben von Büchern, Theater, Musik und Kultur aufgewachsen bin und es deswegen für mich überhaupt kein Problem war, aufs Gymnasium zu kommen, Abitur zu machen (und das mit einer 1 vor dem Komma in der Abschlussnote), eine Schauspielausbildung zu machen und anschließend noch zu studieren und das bis zum Master. Ich kann ebenfalls nichts dafür, dass ich zweisprachig und mit zwei Kulturen aufgewachsen bin und deswegen bereits von Geburt an einen weiteren Horizont betrachten konnte als einsprachig und monokulturell Aufgewachsene.

Das sind so meine Privilegien, die mir gerade einfallen. Vielleicht gibt es noch mehr, die mir gerade nicht bewusst sind. Es fühlt sich irgendwie wie Angeben an, das so aufzuschreiben, und ist ziemlich seltsam. Aber ich würde nie auf die Idee kommen, jemanden, der mir von seinem Leben erzählt, der mir erklärt, er habe diese Privilegien nicht gehabt, und mir dann von den Schwierigkeiten berichtet, die er durch das Fehlen dieser Möglichkeiten und Chancen hatte, keinen Glauben zu schenken. Ihn vielleicht auch noch zu belehren oder ihm herablassend Einbildung oder Übertreibung zu unterstellen. Wer weiß, vielleicht hat diese Person dann wiederum andere Privilegien, die mir vorenthalten sind. Möglicherweise kann ich auch alleine und selbst nicht viel an der Situation ändern. Aber wenn man einander zuhört und sich gegenseitig unterstützt, kann man eventuell für nachfolgende Generationen etwas mehr Chancengleichheit schaffen. Selbst, wenn das nicht möglich ist, so kann ich mich doch wenigstens bemühen, anderen zuzuhören, nicht im Weg zu stehen und kein Arsch zu sein

Und, was sind eure Privilegien? Oder fehlen euch bestimmte Privilegien, sodass ihr deswegen Schwierigkeiten habt? Schreibt es mir in die Kommentare, ich bin gespannt!

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