Essai 130: Über Schüchternheit

Mir ist das immer irgendwie unangenehm, Leute zu unterbrechen, sie zu stören oder sonstwie zu nerven. Ich lasse Menschen ganz gerne erstmal ausreden, bevor ich meinen Quark dazu gebe und ihren Kram zuende machen, bevor ich sie mit einem Anliegen behellige. Mit anderen Worten, ich bin da eher schüchtern. Das ist eigentlich auch gar nicht weiter schlimm, weil ich – wenn es sein muss – meine Schüchternheit überwinde. Das heißt, wenn ich ein wirklich wichtiges Anliegen habe oder es für nicht zumutbar halte, meine Weisheiten der Außenwelt vorzuenthalten, dann mache ich schon auf mich aufmerksam.

Das Problem ist, dass wir in einer Gesellschaft leben, die leise, zurückhaltende, höfliche Menschen für seltsam hält. Schüchternheit, so scheint es mir, wird wie ein Makel behandelt. Und man ruft mit einer eher introvertierten Art den Helferkomplex seiner Mitmenschen auf den Plan. Man wird dann mit gut gemeinten Ratschlägen wie „Du musst gar nicht schüchtern sein“ oder „Komm doch mal mehr aus dir heraus“ oder „Trau dich doch einfach mal was“ traktiert. Ich fang dann immer an, mich zu rechtfertigen. Dabei will ich doch nur erklären, dass das mein Problem ist und dass ich schon damit klar komme, wenn ich mehrere Anläufe brauche oder besonders hartnäckig und penetrant sein muss, um etwas durchzusetzen. Aber ich komme dann in einen Gewissenskonflikt, weil die mir doch bloß helfen wollen und das von Herzen gut meinen, da kann ich doch nicht einfach so undankbar sein und ihnen entgegenblaffen, dass sie sich um ihren eigenen Kram kümmern und mich in Ruhe vor meiner eigenen Haustür fegen lassen sollen. Ich sag schon Bescheid, wenn ich Hilfe brauche, nur will ich erstmal versuchen, selbst eine Lösung zu finden, bevor ich andere mit meinem Gedöns belästige.

Natürlich wäre ich gern manchmal einfach rücksichtslos, laut und unsensibel. Aber das entspricht einfach nicht meiner Persönlichkeit, deswegen bin ich doch kein hilfloses kleines Dummchen, das man ständig retten muss. Wenn mir etwas wichtig ist, dann bleibe ich schon am Ball und wenn ich das nicht tue, dann ist das ganz allein mein Pech oder es war doch nicht so wichtig. Außerdem hat doch alles seine Vor- und Nachteile. Manchmal ist das gar nicht so unschlau, erstmal die Lage zu peilen, auf den passenden Moment zu warten und dann erst seinen Mut zusammenzunehmen und zu handeln. Natürlich kann es dann sein, dass jemand einem die Chance wegschnappt, der erst handelt und dann nachdenkt – aber damit muss man dann halt leben und sich in dem Fall umorientieren.

Schüchternheit, Introvertiertheit und Zurückhaltung sind keine Krankheiten, die man behandeln lassen muss. Das sind einfach Persönlichkeitszüge, bestimmte Eigenarten oder Tendenzen des Charakters. Es muss auch leise Menschen geben, wenn alle laut und wild durcheinander krakeelen, alle die erste Geige spielen wollen und impulsiv handeln, bevor sie über die Konsequenzen nachdenken, dann funktioniert unsere Gesellschaft nicht mehr. Andererseits kommt man nicht vom Fleck, wenn immer alle „Bitte nach Ihnen“ – „Oh nein, nach Ihnen“ – „Ich bestehe darauf: Nach Ihnen“ sagen. Die Mischung macht’s und ich denke, wir können alle voneinander profitieren und uns was von den anderen abgucken. Introvertierte können von Extrovertierten Spontaneität und Durchsetzungsvermögen lernen. Extrovertierte können von Introvertierten Geduld, Feingefühl und Überlegtheit lernen. Aber nur, wenn alle aufhören, sich für etwas Besseres zu halten und den jeweils anderen (bewusst oder unbewusst) verbiegen zu wollen.

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5 Antworten to “Essai 130: Über Schüchternheit”

  1. Zara Says:

    Ich verstehe zwar, was du damit meintest aber weil mich diese häufige Gleichsetzung persönlich sehr nervt:

    Introversion und höfliche Zurückhaltung bedeuten nicht, dass man schüchtern ist (man wirkt evtl. öfter so als jemand, der recht extrovertiert und forscher/dreister auftritt).

    Freundliche Grüße von jemanden, der sehr introvertiert aber nicht schüchtern ist 😉

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    • Isabelle Dupuis Says:

      Hmmm, das ist ein interessanter Einwand. Vielleicht differenziere ich da wirklich nicht genug. Für mich ist Schüchternheit ein Synonym für eine Facette der Persönlichkeit, die sich durch Introversion und Zurückhaltung äußert. Deswegen ärgert mich das so, wenn man Schüchternheit als Makel oder gar Krankheit, die es zu heilen gilt, betrachtet. Allerdings werde ich in diesem Punkt ständig missverstanden, also bin ich da vielleicht diesmal diejenige, die falsch auf die Autobahn rauffährt und sich über die ganzen Geisterfahrer aufregt, die ihr entgegen kommen 😉

      Aber selbst wenn Schüchternheit nicht das gleiche ist wie Introversion, was ist es dann? Es gibt ja noch die wirklich behandlungsbedürftige, extreme Form der sozialen Phobie, wo man sich dann gar nichts mehr traut. Das ist aber auch keine Schüchternheit.

      Also, liebe Grüße zurück von jemandem, der vielleicht doch nicht so schüchtern ist, wie er glaubt 🙂

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      • Zara Says:

        Ja das verstehe ich. Auch weil man mein (introvertiertes) Verhalten in meiner Kindheit und anfangs als Jugendliche teilweise als schüchtern bezeichnet hat bzw. mir erklärt hat ich wäre schüchtern.

        Deshalb war es lange für mich auch ein Synonym und ich habe nicht verstanden, was an „Schüchternheit“ jetzt schlimm wäre oder warum ich das ändern sollte; ich war ja einfach nur authentisch ich selbst (= introvertiert). Habe nicht verstanden, warum es z.B. hieß ich solle nicht so ängstlich (hier = schüchtern sein); war ich ja nicht…Und später haben andere irritert reagiert, wenn ich ihnen (selbstbewusst und alles andere als tatsächlich schüchtern) erklärt habe, dass ich „schüchtern“ wäre (ich meinte selbst damit, das was unter introvertiert fiel bei mir).

        Dieses Rätsel für mich selbst hat sich geklärt als ich die eigentliche (richtige) Bedeutung von Schüchternheit nachgelesen habe:
        „Duden:

        a. scheu, zurückhaltend, anderen gegenüber gehemmt
        b. nur vorsichtig, zaghaft [sich äußernd] in Erscheinung tretend

        Im Gegensatz zur reinen „Zurückhaltung“ ist Schüchternheit negativ konnotiert. Psychologisch betrachtet steht es dafür, dass jemand sich nicht traut, obwohl er gerne würde, Ängste hat im sozialen Kontakt/ Interaktionen mit anderen -> Angst vor Ablehnung oder dafür sich zu blamieren.

        Nachdem ich wusste, was Schüchternheit wirklich bedeutet, fand ich es kränkend teilweise für meine angeborene Wesensart (Introversion) kritisiert zu werden von meinen eigenen Eltern. Sie wollten dass cih das ablege als störende Eigenschaft; aber wie soll ich mal eben meinen grundlegenden Charakter und meine „Sinnesverarbeitung“ umpolen auf extrovertierter (für meine Eltern = normal und selbstbewusst + nicht-schüchtern). Andere Menschen haben es teilweise ähnlich gesehen, weil sie ihrerseits extrovertierter waren und offener + emotionaler etc. ..mhm jedenfalls verbinde ich damit unerfreuliche Erlebnisse mit dieser Verwechslung.

        Hier ist der Unterschied zw. Introversion und Schüchternheit gut erklärt mMn:
        http://www.introvertiert.org/fragen-antworten#sind%20introvertierte%20schuechtern

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      • Isabelle Dupuis Says:

        OK, das kann ich gut nachvollziehen, ich hab auch ähnliches erlebt. Nicht mit meiner Familie oder meinen Eltern, aber in der Schule oder mit Freunden. Da kommt es häufiger zu Missverständnissen, weil ich lieber erstmal Dinge mit mir selbst ausmache, darüber nachdenke, Pro und Contra gegeneinander abwäge, plane, recherchiere, in mich hineinhorche, etc. bevor ich eine Entscheidung treffe. Ich vermute, dadurch wirke ich ängstlich und zaghaft – sprich schüchtern. Und das ist ja nur nett gemeint, wenn Freunde einen ermuntern wollen, öfter die eigene Meinung zu sagen und zu vertreten. Bloß: Ich brauche einfach ein bisschen länger – aufgrund des beschriebenen inneren Prozesses – bis ich mir meine eigene Meinung gebildet habe. Und einfach irgendwas sagen, um meine Ruhe zu haben, was vielleicht nicht so hundertprozentig stimmt, das will ich Freunden gegenüber dann auch nicht, das kommt mir dann unehrlich vor. Auf der anderen Seite kann ich es auch niemandem verübeln, wenn er mit mir die Geduld verliert und meine Gedankengänge unterbricht und auf eine Antwort drängt. Das kann ja keiner von außen sehen, was in mir drin passiert und ich kann das auch nicht erklären in dem Moment. Das wirkt dann wohl so, als hätte ich die Frage nicht verstanden oder würde „in meinem Puppenhaus durchs Universum schweben“, wie ein Schauspiellehrer es mir mal so feinfühlig auf den Kopf zugeknallt hat 🙂

        Aber schön zu wissen, dass ich nicht allein bin 😀 Jetzt verstehe ich auf jeden Fall auch deinen Einwand, mehr zwischen Introversion und Schüchternheit zu differenzieren. Schüchternheit kann dann wohl als abgeschwächte, noch nicht behandlungsbedürftige Form einer sozialen Phobie angesehen werden, wenn ich das richtig verstanden habe.

        Liebe Grüße 🙂

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  2. Essai 166: Über Sprüche, die Introvertierte auf die Palme bringen | Isa09 - Angry young woman Says:

    […] stoße meine rotbeschuhten Hacken aneinander und – Zack – bin ich nicht mehr „schüchtern„. Warum hat man mir das nicht schon viel früher gesagt, wenn ich das eher gewusst hätte, […]

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