Essai 39: Über Problemmacher und das schlimme Wörtchen „schlimm“

In letzter Zeit gab es viel Aufhebens ob der gestiegenen Benzinpreise. Da hörte man ein Wort besonders oft, sobald man den Fernseher oder das Radio anschaltete: schlimm.

Plötzlich war alles schlimm, ganz besonders diese Benzinpreise. Wo solle das denn alles noch hinführen? Überhaupt werde ja alles teurer, wer soll das bloß alles bezahlen, das ist wirklich schlimm. Wenn man einmal in den bizarren hypnotischen Strudel des Wörtchens „schlimm“ geraten ist, kommt man da so schnell nicht wieder raus. Ja, und dass die Handwerker – die sind ja auch nicht mehr das was sie mal waren, es ist ja so schwer, heutzutage noch gutes Personal zu kriegen, das ist wirklich schlimm – machen was sie wollen, das ist auch schlimm, die werden wohl nie fertig, ist das schlimm. Und das Wetter, kein Regen, keine Sonne, da kriegt man ja ganz schlimme Kopfschmerzen, das ist wirklich schlimm.

Das Schlimme ist, dass diese Schlimmeritis nicht nur alte Leute erwischt – bei denen ist man ja kaum was anderes gewohnt – sondern vermehrt auch auf die jungen Leute übergreift. Wieviele Mittzwanziger laufen mit herunterhängenden Mundwinkeln durch die Weltgeschichte, weil das alles so schlimm ist mit dem Arbeitsmarkt und überhaupt, der ganze Uni-Stress, der ist besonders schlimm und dann diese schlimmen Verhältnisse überall, so kann man nicht arbeiten, das ist echt schlimm, schlimm, schlimm.

Solche Leute kann man auch als Problemmacher bezeichnen, man erkennt sie von außen an den bereits erwähnten Mundwinkeln, die die Existenz der Schwerkraft illustrieren, und sobald sie anfangen zu sprechen an dem jammerigen Tonfall. Dann heißt es möglichst, sich von der Schlimmeritis nicht anstecken zu lassen. Am Besten beipflichten, dass alles ganz schlimm ist und schnellstmöglich die Flucht ergreifen und ein Stück Schokolade essen, oder eine Banane, wegen des Serotonin.

Problemmacher sind meistens Leute, die nur mit sich selbst beschäftigt sind, sich dauernd selbst analysieren und die Ergebnisse stirnrunzelnd allen Anwesenden unter die Nase reiben. Dabei wird aber nicht nach Lösungen und Handlungsmöglichkeiten gesucht, sondern nach Gründen und nach Schuldigen, die auf jeden Fall jeder andere sind, als man selbst.

Das klingt dann ungefähr so: „Ich würde ja gerne mit dir ins Kino, aber das kann ich erst, wenn du zugegeben hast, dass unsere Beziehung wegen deiner Bindungsunfähigkeit so nicht mehr möglich ist und du mir mehr Abstand lässt und du erstmal deinen verdrängten Minderwertigkeitskomplex wegen deines überstrengen Großonkels verarbeitest und dich mir öffnest und nicht deinen Problemen davonläufst.“ Das Rezept ist ganz einfach: Ich bin unschuldig, DU bist schuld. Ich bin das Opfer, DU bist verantwortlich. Ich stelle mich meinen Problemen (die es gar nicht gäbe, wenn ich sie mir nicht einanalysieren würde), DU bist ignorant und unsensibel und flüchtest dich in illusionäre Fantasien, um dich nicht deinen Problemen stellen zu müssen (die es ebenfalls nicht gäbe, hätte ich sie nicht in dich hineinanalysiert).

Was lernen wir daraus? Problemmacherei ist wirklich ganz, ganz schlimm. Schlimm, schlimm, schlimm…

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8 Antworten to “Essai 39: Über Problemmacher und das schlimme Wörtchen „schlimm“”

  1. Isabelle Dupuis Says:

    Fast vier Jahre später sind die Benzinpreise übrigens noch weiter gestiegen. Schlimm. Und es ist abzusehen, dass das immer schlimmer wird. Hätte man das bloß früher gewusst, dann hätte man sich 2008 nicht über 1,45 pro Liter beschwert, sondern auf Vorrat getankt. Ach nee, geht ja nicht wirklich, wenn der Tank voll ist, ist er voll. Ach ja, schlimm das. Vielleicht ist es aber ratsam, sich jetzt über die 1,70 pro Liter Benzin zu freuen und sich vor Augen zu halten, dass 2016, also in vier weiteren Jahren, der Benzinpreis vermutlich bei 2,00 bei den Schnäppchentankstellen liegen wird. Schön alles positiv sehen. 🙂

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