Essai 8: Kann man gleichzeitig nett und erfolgreich sein?

Das ist eine Frage, die mich schon seit Längerem beschäftigt. Das Attribut „nett“ wird in unseren Gefilden häufig als Schimpfwort gebraucht.

Warum ist das so? Und warum werden nette Menschen DAUERND verarscht? Meine Vermutung ist, dass die meisten Menschen, insbesondere in Geldangelegenheiten, Arschlöcher sind und beispielsweise nur so viel Gehalt bezahlen, wie sie bezahlen müssen. Das heißt, es gibt keinen Nettigkeitsbonus, sondern man kriegt nur soviel Geld, dass man keinen Aufstand veranstaltet und einigermaßen zufrieden erscheint.

Und das ist der Knackpunkt: Nette Menschen machen den Eindruck, sich mit dem wenigen, was sie bekommen, zufrieden zu geben, schließlich sind sie ja nett und da wird nicht gemeckert. Egoisten sind anspruchsvoll, sie verlangen mehr und sind mit weniger absolut nicht zufrieden. Da ist es also vollkommen logisch, dass die auch mehr bekommen, um zufrieden zu sein. Das ist zwar gemein, aber nachvollziehbar.
Wobei wir beim nächsten möglichen Grund dafür sind, dass Nette immer das Nachsehen haben: Nette haben für alles Verständnis und finden alles nachvollziehbar.
Was kann man also daraus lernen? Die Welt ist schlecht und ich bin zu gut dafür? Vielleicht. Mag ja was dran sein. Aber ist das konstruktiv und trägt zur Besserung der Situation bei, wenn man sich im Selbstmitleid suhlt? Voll nicht.

Besser ist es, man guckt sich an, wie die Nicht-Netten erfolgreich sind, was sie von den Netten unterscheidet. Der Punkt liegt einmal in der Konsequenz: Nette lenken zu schnell ein und trauen sich nicht auf ihr Recht zu bestehen, wenn der Chef besonders imposant auftritt. Dann ist da noch das Durchsetzungsvermögen: Nette sind oft schüchtern, haben Angst zu stören, wollen niemandem zur Last fallen, nicht zuviel verlangen. Kein Wunder, dass sie da zu kurz kommen. Und schließlich die Deutlichkeit: Dadurch, dass Nette nicht nerven wollen, kleiden sie ihren Wunsch in allerlei Füllwörter, die dazu da sind, nett zu wirken, aber nur dazu führen, dass das Gegenüber den Wunsch nicht versteht. Wenn man also nett und freundlich bleibt, seine Wünsche und Ansprüche aber konsequent und deutlich artikuliert und selbstbewusst auftritt, dann sollte es möglich sein, gleichzeitig auch erfolgreich zu sein.
Im Übrigen ist das nicht nur im Berufsleben so. Wie oft habe ich schon von netten Männern (auch Frauen, aber öfter Männer) gehört, sie fänden keine Freundin (oder Freund – politische Korrektheit) weil sie zu nett wären. Aber das ist nicht der Grund. Der Grund ist meist der Gleiche, wie oben genannt. Sie sind zu schüchtern und trauen sich nicht, jemanden anzusprechen. Oder sie drücken sich nicht deutlich aus. Oder sie treten nicht selbstbewusst auf. Damit meine ich nicht arrogantes Arschloch-Posing. Nein, ich meine ganz normales, gesundes Selbstbewusstsein, in dem man sich seiner Schwächen und Stärken bewusst ist und um Himmels Willen aufhört herumzujammern wie gemein die Welt doch ist.

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Eine Antwort to “Essai 8: Kann man gleichzeitig nett und erfolgreich sein?”

  1. Essai 173: Über Nettigkeit und Schmierigkeit | Isa09 - Angry young woman Says:

    […] macht das Fass auf, von wegen: „Frauen stehen eh nur auf Arschlöcher. Wenn man als Mann nett ist, ist man doch gleich unten durch. Nett ist gleichbedeutend mit […]

    Gefällt mir

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