Essai 184: Über Sachen und Dinge

Wer kennt es nicht: Da will man einen superschlauen Text schreiben, der nach mächtig viel Inhalt klingt, hat aber gar nichts zu sagen. Doof. Aber das muss nicht sein! Wenn man sich nämlich einfach total vage hält, merkt überhaupt niemand, dass man eigentlich nichts Substanzielles zu Irgendwas beizutragen hat. Praktisch.

Angenommen, zum Beispiel, ich bin Politikerin und möchte, dass alles so bleibt wie es ist, aber trotzdem den Eindruck erwecken, ich sei Neuerungen gegenüber offen. Ich will weder meine konservative Wählerschaft verprellen noch den diffus Unzufriedenen auf den Schlips treten. Eine ziemlich knifflige Aufgabe. Doch nicht unmöglich.

Ich überlege dann einfach, wie ich möglichst interpretationsoffene Vokabeln zu einem halbwegs grammatikalisch richtigen Satz zusammenwürfeln kann. Dann bastele ich mir aus Dingen, Sachen und so Zeug irgendein Gedöns zurecht – und überlasse dem Rezipienten, was er da hineindeuten möchte.

„Sachen machen mit Dingen“ wäre zum Beispiel ein hübscher Slogan. Das klingt dann auch noch aktiv, klasse! Mit Sachen und Dingen alleine stößt man allerdings irgendwann an seine Grenzen. „Dinge bringen mit Sachen“ könnte man noch schreiben – aber früher oder später fällt auf, dass das nur heiße Luft und nichts dahinter ist. Und das will man ja vermeiden.

Also ergänzt man die Sachen und Dinge am besten noch mit ein paar Allgemeinplätzen, die sich gewichtig anhören. Sowas wie „Zeit“, „Liebe“, „Welt“, „Leben“, „Land“, „gut“ … wenn ich darüber nachdenke, man kann sich eigentlich ganz bequem aus dem Repertoire deutscher Popmusik bedienen.

„Weil Zeit für Dinge wichtig ist“. Dem wird beispielsweise wohl niemand widersprechen. Und dass es sich dabei um einen Nebensatz ohne vorangegangenen Hauptsatz handelt, deutet an, dass es einen solchen Hauptsatz überhaupt gibt. Dass er aber so selbstverständlich ist, dass man ihn nicht hinzuschreiben braucht. Das suggeriert ein unausgesprochenes Einverständnis. Und man muss sich dafür noch nicht einmal irgendetwas Tiefsinniges aus den Fingern saugen.

„Für ein Land, in dem wir gut und gerne leben“ wäre auch eine Idee … ach so, Moment. Das kommt mir bekannt vor. Seltsam. Na ja, dann vielleicht eher „Damit die Dinge in der Welt gut werden“? Oder ist das schon zu komplex? Da bin ich mir gerade unsicher.

„Zeit für Liebe ist immer“ finde ich auch sehr schön, das kann man sich richtig gut als Meme vorstellen, mit einem quietschorangefarbenem Sonnenuntergang im Hintergrund. Und alle so: Aaaaaaaawwwwww!

„Sachen sind gut, weil Dinge Leben sind“ Wow! Na, wenn das mal nicht weise klingt, das könnte glatt auf diesen Teefähnchen von den Yogi-Teebeutelchen stehen. Oder sowas wie „Mache Sachen und liebe das Leben“, „Mach dein Ding und gut ist“ – das kann jeder risikolos abnicken und sich dabei klug und tiefsinnig fühlen. Niemand wird es wagen, anzumerken, dass das alles hohle Phrasen sind, weil man sich dann ja selbst eingestehen müsste, dass man auf inhaltsleeren Quatsch reingefallen ist. Und das wäre sehr peinlich. Also spielen alle das Spiel mit, klatschen Applaus, wenn Leute Sprüche klopfen, die sich „irgendwie gut“ anhören und tun so, als würde das irgendetwas aussagen.

Und vielleicht ist das auch „irgendwie gut“, wenn sich alle dabei wohlfühlen … aber so auf Dauer fühle ich mich von so viel Inhaltsleere wie, wenn ich mich ein paar Tage lang nur von Fastfood ernährt habe. So hungrig nach Nährstoffen, nur nicht für den Körper, sondern für den Geist.

Und wie geht es euch mit dem ganzen Zeug?

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2 Antworten to “Essai 184: Über Sachen und Dinge”

  1. koriandermadame Says:

    Unser Insider ist, wenn wir auf Phrasen stoßen: „und fischbrötchen – das gehört einfach dazu!“ dann wissen wir, da sind wir wieder auf leere worthülsen gestoßen, die man problemlos mit blabla ersetzen könnte ohne Inhalt zu verlieren 🙂 aber Humor hilft auch da ganz wunderbar! Oder besser: nimm’s mit Humor! Haha

    Gefällt 1 Person

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