Essai 136: Über Neid und Missgunst

In Sachen menschliche Abgründe gibt es so Einiges, was ich nicht verstehe, vermutlich auch nicht verstehen kann. Aber ich denke, viele dieser „dunklen Seiten“ der menschlichen Seele lassen sich auf die Verknüpfung von Neid und Missgunst zurückführen. Zum Beispiel wäre es pupsegal, ob irgendjemand mehr Geld, Macht, Einfluss, Sex oder sonstwas hat, wenn deswegen nicht irgendwer neidisch und missgünstig wäre. Allerdings gäbe es in diesem Fall in Literatur, Film und Theater nichts zu erzählen. Denn dann gäbe es keine Konflikte und eine Geschichte ohne Konflikte ist eine langweilige und überflüssige Geschichte.

Im wahren Leben aber finde ich ein bisschen Langeweile ab und zu ganz erholsam. Stattdessen wird man trotzdem ständig mit Neid und Missgunst konfrontiert. Das nervt.

Neid kennt vermutlich jeder irgendwie. Es ist dieser kleine Stachel, der einen piekst, wenn jemand etwas hat oder kann, was man selbst auch gerne hätte und könnte. Das allein ist ja noch nicht schlimm. So lange ich nur denke: „Och Menno, ich hätte auch gern so ein schickes Auto wie der Nachbar“ schadet das ja noch keinem. Man kann es sogar positiv nehmen (ich unverbesserliche Optimistin schon wieder, furchtbar! Entschuldigung) und als Ansporn sehen. Wenn man sich anstrengt, sein Bestes und Möglichstes gibt, dann kann man das vielleicht auch erreichen, was der andere hat oder kann. Wenn nicht, sucht man sich halt ein neues Ziel, ist ja bloß ein Auto.

Kommt aber Missgunst dazu, wird’s fies. Dann heißt es nicht mehr nur: „Schade, dass ich nicht auch so ein schönes Auto habe“, sondern „Wenn ich so ein schönes Auto nicht habe, darf der Nachbar es auch nicht haben! Der hält sich wohl für was Besseres, dieser Schnösel, dieser Emporkömmling, dieses arrogante Arschloch! Aaaaber mit mir nicht! Dem werde ich’s schon zeigen!“ Und schleichend setzt der Prozess der Verbitterung ein und man wird immer neidischer und immer missgünstiger und dabei immer irrationaler. Dann beherrschen Neid, Missgunst und Bitterkeit das ganze Leben.

Und gemäß dem Gesetz der selbsterfüllenden Prophezeiungen sieht man dann überall Gründe, um neidisch und missgünstig zu sein, fühlt sich permanent benachteiligt und bekommt dementsprechend auch nie so viel, wie man glaubt, wie einem zusteht. Ständig hat man Angst, zu kurz zu kommen und fühlt sich auch jedes Mal bestätigt, weil man es nicht anders erwartet. Immer muss man eine Extrawurst gebraten bekommen, weil man sich das wert ist und die anderen haben gefälligst die eigene Großartigkeit anzuerkennen und einzusehen, dass man diese Extrabehandlung durch seine pure Existenz, durch sein alleiniges Dasein verdient hat.

Man bekommt nie genug, weil die Ansprüche stets in gleichem Maße steigen, wie man etwas dazu bekommt. Um bei dem Auto-Beispiel zu bleiben: Hat man es tatsächlich mal geschafft, ein ebenso schickes Auto wie der Nachbar zu bekommen, bemerkt man, dass der Nachbar – was weiß ich – einen größeren Flachbildschirmfernseher hat als man selbst. Schwupps, geht das Spielchen von vorne los.

Nichts gegen ein wenig gesunden Wettbewerb, aber man kann es doch auch einfach mal gut sein lassen! Es ist doch bloß Zeug, verdammt noch mal! Kommt mal klar!

Allerdings wird es schwieriger, wenn sich Neid und Missgunst nicht auf materiellen Besitz beziehen, sondern auf ideelle Dinge wie Talente, Charaktereigenschaften und so. Das kann ja auch sein, dass man neidisch ist, weil jemand zum Beispiel sich richtig gut durchsetzen kann, während man selbst immer total lächerlich wirkt beim Versuch, Autorität auszustrahlen. Das kenne ich nur zu gut. Aber deswegen muss man nicht gleich missgünstig werden. Ich find’s toll, wenn Leute Durchsetzungsvermögen haben und nehme es als Anreiz, meine eigenen Wege zu finden, mich trotz sanftem, friedfertigem Gemüt durchzusetzen. Zum Beispiel durch Hartnäckigkeit.

Aber dann erlebe ich es immer wieder, dass Menschen scheinbar grundlos gemein, gehässig, herablassend und arrogant zu Leuten sind, die ihnen objektiv betrachtet überhaupt nichts getan haben. Da kommt dann die Missgunst dazu. Vielleicht ist man selber chronisch unglücklich und missgönnt es anderen, wenn die fröhlich und unbekümmert erscheinen. Dann muss man natürlich (weil man überzeugt ist, ein Opfer der Umstände zu sein und für sein Unglück nichts zu können) anderen ihr Glücklichsein gehörig vermiesen. Nach dem Motto „Wenn’s mir schon scheiße geht, soll es wenigstens allen anderen auch scheiße gehen, grummelbrummelistdochwahr!“

Ich muss gestehen, da ich nie länger als unbedingt nötig unglücklich bin und auch nur, wenn es einen konkreten Anlass dazu gibt, kann ich das wohl wirklich nicht so gut nachvollziehen, wie das ist, wenn man 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche aus Prinzip mit allem und jedem unzufrieden ist. Bei manchen steckt vielleicht auch eine psychische Erkrankung dahinter und kein mangelnder oder böser Wille.

Bei allen anderen aber wundere ich mich, wie man der Missgunst so ohne Weiteres kampflos das Feld überlassen kann? Außer einer Dauerscheißlaune, mit der man nach und nach alle Menschen aus seinem Leben vertreibt, weil die keine Lust mehr auf die ständigen Sticheleien, Vorwürfe und emotionalen Erpressungsversuche haben, hat man davon überhaupt nichts. Da kann man doch mit seiner Zeit, seinen Fähigkeiten, Möglichkeiten und seiner Energie weitaus Sinnvolleres anfangen.Vielleicht ist das aber auch total arrogant von mir, das so zu denken, weil es mir durch Zufall oder ich weiß nicht warum wie selbstverständlich leicht fällt, die Missgunst nicht gewinnen zu lassen.

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Eine Antwort to “Essai 136: Über Neid und Missgunst”

  1. Essai 149: Über Diskriminierung | Isa09 - Angry young woman Says:

    […] und kann entscheiden, ob er die Geschehnisse und Tatsachen in der Welt sowie andere Menschen mit Neid und Missgunst, Hass und Misstrauen betrachten will oder mit Wohlwollen, Vertrauen, Menschlichkeit, Herzenswärme […]

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