Essai 25: Über Ehrlichkeit

Ehrlichkeit wird überbewertet.

Bevor jetzt eine ganze Armada von Wahrheitsfanatikern auf mich zustürzt mich zerfleischt und mit meinen Eingeweiden Ping Pong spielt, möchte ich kurz erläutern, was ich unter „Ehrlichkeit“ verstehe und warum ich der Meinung bin, dass dieser Begriff überbewertet wird:

Ehrlichkeit bedeutet in meinen Augen, dass man das, was man sagt auch denkt. Die meisten Leute, die von sich behaupten, sie wären ehrlich, denken aber nicht nur was sie sagen, sondern sagen tatsächlich alles was sie denken.

Und diese Wahrheitsterroristen fühlen sich nicht nur bemüßigt, einem jeden ihrer noch so unbedeutenden Meinungen unter die Nase zu reiben, nein, dies muss auch noch in der penetrantesten und unhöflichsten Art und Weise vonstatten gehen. Als ob es nicht möglich wäre, das, was man sagt, auch zu denken und trotzdem dabei Respekt zu zeigen, indem man den Intimraum des Anderen achtet, höflich und freundlich ist und sich um Himmels Willen nicht dauernd in Sachen einmischt, die einen überhaupt rein gar nichts angehen.

Natürlich sind die Menschen, die sich selbst als ehrlich bezeichnen, total stolz auf ihre „Ehrlichkeit“. Dabei bleibt es selbstverständlich ihnen allein vorbehalten, die wirklich und einzig wahre Wahrheit zu kennen. Dass das in Wirklichkeit bloß ihre vorgefertigten Meinungen, die meist auf Vorurteilen begründet liegen, sind, wollen sie gar nicht hören.

Denn „ehrliche“ Menschen sind für gewöhnlich zwar zu anderen ehrlich (ob diese das wollen oder nicht), aber sich selbst gegenüber ehrlich zu sein, ist dann wieder zuviel verlangt. Man kann sich ja auch schließlich nicht um alles kümmern. Die Welt retten und gleichzeitig selbstkritisch sein geht einfach nicht. Und wehe, man widerspricht ihnen. Dann wird nämlich sofort wieder der Hobby-Freud herausgekehrt und fröhlich ins Blaue hinein analysiert. Und dann beginnt die ganze lustige „Du darfst vor deinen Problemen nicht davonrennen“-Prozedur, die ich im Essai über Illusionen beschrieben habe.

Besser also, man ist dann für einen Moment weniger ehrlich und sagt einfach, Ja, du hast recht.

Ich bin auch einfach der Meinung, es kommt immer auf den Kontext, die Situation und die Menschen an, mit denen man zusammen ist, wieviel Ehrlichkeit angebracht ist. Mit Freunden ist zum Beispiel mehr Ehrlichkeit angebracht, als mit Leuten, mit denen man rein geschäftlich zu tun hat.

Jedenfalls halte ich es für besser, man ist ehrlich in seiner Unehrlichkeit, als dass man unehrlich in seiner Ehrlichkeit ist.

Denn, wenn ich ehrlich bin, sagt doch niemand immer die Wahrheit. Das ist gar nicht mal unbedingt Absicht. Manchmal kennt man die Wahrheit einfach nicht. Und manchmal ist es auch einfach aus Gründen der Höflichkeit notwendig, nicht ganz ehrlich zu sein. Und wenn man das einfach mal ehrlich zugibt, ist man schonmal ehrlicher, als jemand der sich rühmt, immer die Wahrheit zu sagen.

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4 Antworten to “Essai 25: Über Ehrlichkeit”

  1. Ehrlichkeitsfanitiker Says:

    Nun mal ehrlich, was für ein
    Quuuuuuaaaaaaaaaaaaatsch !!! 😉

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  2. Essai 72: Über offen gelassene Hintertürchen « Isa09′s Weblog Says:

    […] finden selbsternannte Kreuzritter für Wahrheit und Anstand noch viel, viel schlimmer als die menschliche Eigenart, Dinge auch mal für sich behalten zu […]

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  3. Essai 56: Über den Konflikt zwischen Höflichkeit und Ehrlichkeit und daraus resultierende Missverständnisse « Isa09 – Angry young woman Says:

    […] jetzt einem aufmerksamen Leser der Titel bekannt vorkommt, ich habe tatsächlich schon einen Essai über Ehrlichkeit und einen über Höflichkeit geschrieben. Aber noch nie etwas über die Missverständnisse, die […]

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  4. Essai 80: Über die Akkumulation gleichgearteter Nutzlosigkeiten « Isa09 – Angry young woman Says:

    […] muss ganz ehrlich gestehen, dass ich noch halbwegs nachvollziehen kann, dass die Jagd nach einem imaginiert kostbaren […]

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