Essai 56: Über den Konflikt zwischen Höflichkeit und Ehrlichkeit und daraus resultierende Missverständnisse

Falls jetzt einem aufmerksamen Leser der Titel bekannt vorkommt, ich habe tatsächlich schon einen Essai über Ehrlichkeit und einen über Höflichkeit geschrieben. Aber noch nie etwas über die Missverständnisse, die entstehen, wenn man versucht, den schmalen Drahtseilakt zu meistern, Höflichkeit und Ehrlichkeit in Einklang zu bringen.

Ich versuche das ständig und mir fällt immer wieder auf, dass manche Leute dann einfach nicht kapieren, was ich zu sagen versuche. Dann rede ich mich um Kopf und Kragen, veranstalte einen Eiertanz und verwickele mich infolgedessen in Widersprüche, weil ich versuche, auf nette, höfliche Art und Weise meine nicht hundertprozentig schmeichelhafte Meinung ehrlich zu äußern.

Dabei sollte das doch eigentlich zu schaffen sein, oder? Es gibt doch nicht nur Schwarz und Weiß, Wahrheit und Lüge, es gibt doch auch noch Graustufen und Farben.

Das Problem ist, dass nicht jeder gleich empfänglich für subtile Untertöne ist und dass überhaupt auch nicht jeder willens ist, selbst die eindeutigste Andeutung zu begreifen.

Ich weiß nicht, ob das wirklich ein völliger Mangel an Empathievermögen zur Ursache hat, oder ob mich diejenigen welchen einfach nur zur Weißglut treiben wollen, in dem sie mich absichtlich nicht verstehen.

Nehmen wir zur Veranschaulichung mal eine typische, an Heikelkeit kaum zu überbietende Situation: Schauplatz Uni-Campus, ein (vermuteter) Verehrer, der in den vorangegangenen Begegnungen stets mehr oder weniger zweideutige Bemerkungen gemacht hat, hat einen erblickt und kommt auf einen zu. Um aus dem Weg zu gehen, ist es zu spät. Man muss sich also unterhalten. Man unterhält sich auch gern. Aber man weiß nicht, was zum Henker er bloß mit „kosmischen Zufällen“ und „mal auf nen Kaffee treffen“ meinte. Man mag aber auch nicht so recht fragen, falls er es doch völlig harmlos gemeint hat, man will sich ja nicht blamieren. Was tut man also?

Eiertanz, Drahtseilakt, Kopf und Kragen. Man versucht so unverfänglich wie möglich zu plaudern und hofft, dass er nicht wieder eine von diesen komischen Andeutungen macht. Da kommt aber schon wieder sowas. Oha, diesmal war das aber nicht zweideutig, sondern, Auweia… „Ähm, also, öhm, nun ja, also ich weiß ja nicht, ob ich das richtig interpretiere, aber … ähm… also, ich hab nen Freund.“ Puh, jetzt ist alles endlich mal geklärt. Ach ja? Pustekuchen. Der Versuch, höflich und gleichzeitig ehrlich zu sein, ist einmal mehr grandios gescheitert. Seine Antwort: „Macht doch nichts, was der nicht weiß, … also, mein Angebot steht.“

Mist.

Es ist entweder so, dass Menschen tatsächlich nicht alle die gleiche „Sprache“ sprechen und von „verschiedenen Planeten“ kommen, oder manche Leute sind einfach chronisch bescheuert. Oder bösartig. Ich finde das nämlich ganz und gar nicht erfreulich, wenn ich mich sichtlich abmühe, auf nette Art einen unangenehmen Sachverhalt zu erläutern und der andere kapiert absichtlich überhaupt nichts. Wenn er einfach nur bescheuert ist, kann er ja nicht wirklich was dafür. Da muss ich mich dann wohl auch ganz einfach darauf einstellen und klarere Worte wählen. Etwa: „Du bist bescheuert und ich find dich scheiße.“ Wenn er dann immernoch nichts schnallt, ist er dann wohl doch bösartig.

Trotzdem möchte ich meinen Mitmenschen gerne nahelegen, ruhig mal etwas nachsichtiger mit Leuten wie mir zu sein, die hoffnungslos herumeiern, weil sie den anderen nicht verletzen wollen. Und man kann ja auch ganz sachlich und freundlich und vorwurfsfrei und unaggressiv nachfragen, wenn man tatsächlich nichts von dem begreift, was der andere einem zu sagen versucht.

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2 Antworten to “Essai 56: Über den Konflikt zwischen Höflichkeit und Ehrlichkeit und daraus resultierende Missverständnisse”

  1. Essai 79: Über kommunikationsbedingte Schwierigkeiten im Balzverhalten und misslingende Flirtstrategien « Isa09 – Angry young woman Says:

    […] und jetzt muss man diesem bedauernswerten Tropf einen Korb geben, will aber auch nicht gemein sein. Frauen wurde und wird seit Anbeginn der Menschheit eingebläut, sie müssten immer hübsch freundlic… Das heißt, wenn eine Frau nett lächelt und winkt, dann heißt das in erster Linie gar nichts. […]

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  2. Essai 63: Über unhöfliche Weltverbesserer und Gutmenschen ohne Manieren « Isa09 – Angry young woman Says:

    […] wollen Geld haben?” plumpste mir dann verhältnismäßig unsubtil aus dem Mund noch ehe mir eine diplomatische Art und Weise dieses Thema in blumige Worte zu kleiden eingefallen […]

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