Essai 72: Über offen gelassene Hintertürchen

Was finden selbsternannte Kreuzritter für Wahrheit und Anstand noch viel, viel schlimmer als die menschliche Eigenart, Dinge auch mal für sich behalten zu wollen? Dinge nicht nur für sich behalten zu wollen, sondern sich daraus auch noch Vorteile zu erhoffen. Kurz: Sich Hintertürchen offen zu lassen.

Mal ganz ehrlich, diese Leute, die sich das Leben nicht schwieriger machen wollen als nötig, die sind doch wohl das Allerletzte. Was fällt denen eigentlich ein? Man kann doch nicht einfach die allseits etablierte und als allgemeine Wahrheit anerkannte Floskel, dass das Leben kein Ponyhof sei, Lügen strafen! Was käme denn dann als nächstes? Am Ende wird noch unser dualistisches Weltbild, das wir uns so schön einfach aus Schwarz-Weiß und Gut-Böse zusammengebastelt haben, in Frage gestellt. Womöglich müssten wir uns an neue Weltbilder und Floskeln gewöhnen. Daran, dass es nicht nur Grautöne in den feinsten Abstufungen zwischen Schwarz und Weiß gibt, nein, sondern auch Farben. Potzblitz!

Vielleicht müssten wir uns sogar daran gewöhnen, dass jede Sache mindestens zwei Seiten hat. Mindestens, das muss man sich mal vorstellen! Obwohl… Ach nee, lieber doch nicht.

Oder, dass es immer auch auf die Umstände und die Perspektive ankommt, wie eine Handlung oder Aussage zu bewerten sei. Ach Gottchen, nicht auszudenken wäre das!

Aber bevor die Panik hier Überhand nimmt, zurück zu unseren dämonischen Hintertürchen.

Ich kann ja durchaus verstehen, dass Hintertürchen hin und wieder furchtbar nerven. Wenn man zum Beispiel eine – wie man selbst findet – eindeutige Frage gestellt hat, die im Grunde nur die Optionen „Ja“ und „Nein“ offen lässt (wie man irrigerweise dachte) und dann kommt so eine Antwort wie „Öhm, ähm, vielleicht, muss ich gucken.“ Das nervt total, oder? Damit kann man seine Mitmenschen hervorragend zur Weißglut treiben, wenn man das konsequent durchzieht. Allerdings sind solche Antworten häufiger ein Schrei nach Entscheidungsabnahme denn eine gezielte Attacke auf unser Nervenkostüm. Das ist relativ leicht zu lösen. Man muss dann solchen entscheidungsunwilligen Zeitgenossen einfach die Entscheidung abnehmen, dann übersteht man das mit nur gering angesägten Nerven. Dann sagt man zum Beispiel: „OK, dann heißt das also Ja?“ und dann kommt mit großer Sicherheit ein Protest und dann weiß man, es war doch „Nein“.

Was aber macht man mit Leuten, die in der Öffentlichkeit stehen, wie zum Beispiel Politiker, die sich Hintertürchen offen lassen? Da geht dann jedes Mal ein empörter Aufschrei durch die Medien und die öffentliche Meinung echauffiert sich, dass das ja wohl unmöglich sei. Ich verstehe allerdings nicht direkt, was daran unmöglich ist. Wenn zum Beispiel einer sagt: „… wenn das mit dem Amt des Bundeskanzlers nicht klappt, nehme ich halt meinen Beruf als Anwalt wieder auf“, oder so was. Ist doch ganz vernünftig, nicht alles nur auf eine Karte zu setzen. Wenn das nämlich wirklich nicht klappt, ist das total dämlich, keinen Plan B in der Tasche zu haben. Außerdem ist es doch ganz nett, wenn sich Politiker zur Abwechslung mal ihrer Sache nicht hundertprozentig sicher sind. Das ist doch auch total unglaubwürdig, dieses Herumgeprotze.

Der Hamburger Noch-Bürgermeister gibt sich beispielsweise zur Zeit noch total selbstsicher, tätschelt hier ein paar Kinderköpfe im Einkaufszentrum, tanzt da sogar auf dem Presseball (nachdem er vorher neckisch meinte, er wolle das lieber denjenigen überlassen, die auch tatsächlich tanzen können.*kicher*). Diese angebiederte Volksnähe ist doch unauthentisch. Wenn er sowas sagen würde wie: „Ich weiß auch noch nicht, ob mich die Leute jetzt, da sie mich wählen können und ich ihnen nicht ungefragt vor die Nase gesetzt werde, auch tatsächlich wählen… Sonst widme ich mich dem Haushalt und meine Frau macht ihr Jodeldiplom zu Ende und dann eröffnen wir im Herbst mit dem Papst in Wuppertal eine Herrenboutique.“ Dann würde er zumindest mal etwas weniger schmierig wirken. Aber damit würde er sich ja ein Hintertürchen offen lassen.

Was genau wirft man den Hintertürchen eigentlich vor? Damit mache man es sich zu einfach? Man zeige menschliche Schwäche? Sei inkonsequent? Unehrlich? Sich selbst untreu? Nicht integer?

Ich halte das da lieber mit Brecht: „Wer A sagt, muss nicht B sagen. Er kann auch erkennen, dass A falsch war.“

Manchmal sind ja unsere vorgefertigten Meinungen, die wir für unsere Wahrheit und unsere Identität halten, ja auch Quatsch. Man verbaut sich doch unzählige Möglichkeiten, wenn man immer nur seinem eigenen, vorgetrampelten Pfad folgt und weder nach links, rechts, oben, unten, vor und zurück schaut. Dafür gibt’s doch auch ein schönes Wort, wie hieß das denn noch gleich… Ah ja, Borniertheit. Solch ein festgefahrenes Beharren auf eigene Vorurteile ist einfach borniert.

Also, auch auf die Gefahr hin, sich bei unseren Kreuzrittern für Wahrheit und Anstand nicht gerade beliebt zu machen, sollten wir uns ruhig hin und wieder Hintertürchen offen lassen. Das behalten wir dann allerdings lieber für uns.

Aber um der Nerven unserer Mitmenschen willen, sollten wir das Offenlassen von Hintertürchen nicht zu unserem neuen Grundsatz erklären.

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5 Antworten to “Essai 72: Über offen gelassene Hintertürchen”

  1. fairgame8008 Says:

    Deine Analyse mag ich sehr, die Schlussfolgerung daraus allerdings überhaupt nicht – oder ist sie ironisch gemeint, und ich Depp merk’s nicht? Grautöne und Sprengung der Rahmen zwischen zwei Polaritäten nur für im Geheimen – das überlässt die öffentliche Welt und damit Wirtschaft und Politik und damit die Welt überhaupt doch völlig den Schwarzweissen oder Nur-Schwarzen oder Nur-Weissen (oder Nur-Roten, Nur-Grünen, Nur-Braunen und sonstigen Farben).

    Also raus an die Öffentlichkeit und in die Aktivität damit, Ihr Kreuz- und Quer- und Darüber-Hinausdenker, Hintertürchen-Akzep-Tanten und Differenzierer zwischen Wahrheit und Anstand, auch wenn Ihr anderen damit auf die Nerven geht! (Lieber sich immer wieder ein wenig auf die Nerven gehen als sich schliesslich gegenseitig zu unterwerfen versuchen.)

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  2. Isabelle Dupuis Says:

    Nee, eigentlich war das Ende gar nicht so ironisch gemeint. Aber ich verstehe, was dein Punkt ist (glaube ich), wahrscheinlich störst du dich daran, dass ich geschrieben habe, man sollte das lieber für sich behalten, wenn man sich ein Hintertürchen offen lässt.

    Ich hab gemerkt, da habe ich mir ein bisschen selbst widersprochen (mea culpa), in der Geschichte mit dem Hamburger Zum-Glück-nicht-mehr-Bürgermeister (Juhu!), hatte ich geschrieben, man solle das ruhig zugeben, wenn man sich ein Hintertürchen offen lässt, weil einen das authentischer und menschlicher wirken lässt.
    Das sieht man ja jetzt auch an unserem lustigen Copy&Paste-Baron, dass das total arrogant und scheiße rüberkommt, wenn man sich so gibt, als würde man über allem drüber stehen.

    Na ja, man muss das wohl immer situationsbedingt abwägen, wann man zugibt, einen Plan B zu haben, und wann man das für sich behält.
    Was Politiker angeht, da wäre ein bisschen mehr Aufrichtigkeit hin und wieder mal eine nette Abwechslung 😉
    Aber wo kämen wir denn dann da hin…

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  3. fairgame8008 Says:

    Natürlich gibt es keine absolute Regel, weder beim Haben noch beim Offenlegen eines Plan B. Manchmal wäre es ziemlich fies, einen Plan B zu haben. Beim Heiraten zum Beispiel, oder bei Wahlversprechen, oder wenn ich mir einen 1000er ausleihe mit Plan A, ihn zurückzuzahlen. Eine Hintertür offen lassen ist nicht immer wünschenswert. Hingegen bleibe ich dabei, dass Aufrichtigkeit darüber fast immer wünschenswert und Verschweigen resp. es für sich behalten ist dagegen fast immer ein Versuch, andere zu manipulieren. Wenn Aufrichtigkeit darüber gegeben ist, kann die Wahl zwischen einem Plan B haben oder nicht fast nicht falsch sein. Wenn der Geheiratete klar gesagt gekriegt hat, dass ich mir über kurz oder lang Plan B und C und D und E herausnehmen werde, und er mich trotzdem heiratet, ist ja dagegen nichts einzuwenden. Und wenn Euer Copy-Paste-Baron (oder Klau-Pfau) die Zitate als solche ausgewiesen hätte, hätte er vielleicht seine Pfauenfedern nicht gekriegt, aber versuchen hätte er es problemlos dürfen.

    So sehe ich eigentlich nach wie vor kein Beispiel, wo es löblich ist, einen Plan B (oder keinen Plan B) für sich zu behalten. Vielleicht ab und zu nicht schlimm oder verwerflich, und tolerierbar, weil man ja anderen nicht reinreden will – aber ich sehe nicht, was daran so gut sein soll, dass Du es so locker als gleichwertiges Abwägen beschreibst. Man macht anderen was vor, weil man sich Komplikationen ersparen, sie manipulieren oder gar übers Ohr hauen will. Ich würde es nicht als so lockere Wahl sehen, ob ich jemandem etwas vormache oder nicht.

    Aber ich bin natürlich auch kein Schauspieler … 😉 – und vielleicht übersehe ich die Beispiele, wo ein Hintertürchen für sich behalten so was Belangloses und Lockeres ist, wie Du es beschreibst?

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    • Isabelle Dupuis Says:

      Hmm, das müssten dann schon ganz banale Dinge sein und/oder die mit dem Gegenüber nichts zu tun haben. Als Beispiel für eine Banalität könnte zum Beispiel dienen, was ich zu Mittag essen möchte. Wenn ich in die Mensa gehe und vorhabe, Lasagne zu essen, mir als Hintertürchen für den Fall, dass sie ausverkauft ist lasse, dass ich mich dann mit Spaghetti Bolognese begnüge, dann sehe ich darin kein manipulatives Verhalten. Ein manipulatives Verhalten setzt für mich immer voraus, dass man dem anderen schaden möchte oder den Schaden des anderen in Kauf nimmt, um sich selbst Vorteile zu verschaffen.
      Als Beispiel für einen Fall, wo das Hintertürchen mit dem Gegenüber nichts zu tun hat, könnte zum Beispiel ein Bewerbungsgespräch dienen. Wenn man da gleich herausposaunt, wo man sich noch überall beworben hat, falls das mit dem Job dort nicht klappt, ist das nicht so klug. Das ist dann ja auch nicht persönlich gemeint und schadet dem anderen nicht, wenn man sowas dann für sich behält.
      Ich finde es nicht schlimm, wenn man versucht, sich Komplikationen zu ersparen, solange man dem anderen damit nicht schadet. Das ist natürlich schon Grundvoraussetzung für ein faires und sozial verträgliches Miteinander. Aber solange man anderen nicht schadet – in welcher Form auch immer – ist es doch in Ordnung zu versuchen, sich das Leben nicht schwerer zu machen, als es ohnehin schon ist.

      Ich denke, wir passen uns immer ein Stück weit unserem Umfeld an, das müssen wir auch, sonst wäre soziale Interaktion nicht möglich. Wir können nicht immer alle unsere Persönlichkeitszüge gleichzeitig ausdrücken. Man betont im Bewerbungsgespräch andere Seiten seiner Persönlichkeit zugunsten anderer Persönlichkeitszüge, als man es in vertrauter Runde unter Freunden tut oder seinen Eltern gegenüber. Solange man den anderen keinen Schaden oder Leid zufügt, ist das denke ich auch kein Problem, im Gegenteil.

      Deswegen bin ich der Meinung, ausschlaggebend sollte nicht sein, dass man etwas verbirgt oder nicht, sondern warum man es verbirgt und was sich für die Betroffenen für Konsequenzen daraus entwickeln.

      P.S.: Ich weiß, ich wiederhole mich 😉 Aber beim Schauspiel kommt es nicht auf Lüge und Unwahrheit an, sondern im Gegenteil um Wahrheit und Aufrichtigkeit. Selbst wenn man „So tut als ob“, wissen alle, dass man gerade nur so tut als ob, sowohl Zuschauer, als auch der Schauspieler.
      Der Trick besteht darin, dass der Schauspieler das so gut macht, dass man als Zuschauer nicht die ganze Zeit denkt, „Ach, der macht mir ja nur was vor“, sondern dass er über die verhandelten Sachverhalte und Themen nachdenkt oder der Geschichte folgt (Je nachdem, um was für eine Inszenierung und Theaterform es sich handelt. Im Film geht es überwiegend auch heute noch eher darum, einer Geschichte zu folgen).

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  4. Isabelle Dupuis Says:

    À propos Hamburgs Ex-Bürgermeister. Kaum hatte man ihn schon fast wieder vergessen und war auch ganz glücklich damit, kommt der Kerl wieder hervorgekrochen und zelebriert öffentlich sein Beleidigtsein darüber, dass seine Parteikollegen gemein zu ihm waren und er deswegen die Wahl verloren habe. Ach so, und dass gegen ihn wegen Vorteilsannahme ermittelt wird/wurde, das haben auch die fiesen Verschwörer seiner (ehemaligen? Ich glaub, der ist doch ausgetreten…) Partei eingefädelt, weil die neidisch sind oder so. Keine Ahnung. Wahrscheinlich hat der einfach gemerkt, dass ihn keiner vermisst und konnte das mit seinem Geltungszwang nicht in Einklang bringen und hat sich gedacht, so eine Konspirationshypothese gegen die eigene Person, das kommt immer gut.

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