Essai 89: Über das Betreuungsgeld

Bislang hatte ich noch mit mir gehadert, ob das wirklich Not tut, etwas zu dieser bescheuerten Idee mit dem Betreuungsgeld zu sagen… Jetzt habe ich mich aber doch dazu entschieden, zumindest ein paar konstruktive Vorschläge zu formulieren, wie man’s denn besser machen könnte. (Vielleicht sollte ich meinen Blog doch noch mal umbenennen in „Isa09 – Profi-Klugscheißerin“? Ach neeeee, „Angry young woman“ ist entschieden cooler.)

Zunächst einmal, warum finde ich die Idee mit dem Betreuungsgeld, wie es aktuell der Plan ist, überhaupt bescheuert? Ich hätte übrigens gedacht, das findet jeder bescheuert, ich hab da diese dumme Angewohnheit, immer von mir auf andere zu schließen, obwohl ich mich damit schon oft genug geirrt habe, ich kann’s einfach nicht lassen. Schlimm, das. Wie dem auch sei, es gibt also tatsächlich auch Leute, die finden die Idee super und sind zutiefst beleidigt, wenn man sagt, die Idee ist aber blöd. Die Idee an sich ist ja auch nicht unbedingt blöd, nur wie sie ausgeführt werden soll. Geplant ist nämlich, den Müttern, die zu Hause bleiben, zunächst 100 Euro im Monat zu zahlen, bzw. später 150. Ich glaube, das hing auch irgendwie vom Alter der Kinder ab, weiß ich grad aber nicht so genau. Ausgeschlossen von dieser großzügigen Belohnung vorsintflutlichen Geschlechterrollengebahrens sind Hartz IV-Empfänger, damit die sich davon nicht Zigaretten holen oder in die Kneipe gehen, wie Hartz IV-Empfänger das in der Regel mit Geld so machen, und ihre Kinder vernachlässigen, so dass die am Ende alle Junkies und Sozialschmarotzer werden (Sarkasmus!). Und was kann man mit 100-150 Euro monatlich nicht so alles anfangen, zum Beispiel… öhm… tja… nun ja… äh… also, Essen für ein-zwei Wochen für eine vierköpfige Familie ist da wohl schon drin, vielleicht auch mal ein neues Paar Schuhe, wenn man dann halt mal eine Woche lang nichts isst. Allerdings muss man auch bedenken, dass die Frau dann ja nicht arbeiten geht, wenn sie auf das Kind aufpasst, so dass ihr Gehalt wegfällt. Heutzutage von nur einem Gehalt auszukommen, ist gar nicht so einfach, da muss man schon irgendwo Vorstandschef sein und seinen Bonus selbst bestimmen dürfen. Na gut, Arzt sein reicht vielleicht auch, auf die ist man nämlich angewiesen, da interessiert das auch wen, wenn die streiken. Aaaaber ich schweife schon wieder ab. Fakt ist, dass nur diejenigen es sich leisten können, zu Hause zu bleiben und die Kinderbetreuung in die eigenen Hände zu nehmen, die es sich ohne das Betreuungsgeld auch schon leisten können. Für die, die auf zwei Gehälter angewiesen sind, ist das keine ernsthafte Alternative. Es wäre eine ernsthafte Alternative, wenn das Betreuungsgeld tatsächlich ein richtiges Gehalt wäre. Wenn das Betreuen und Erziehen der eigenen Kinder als Beruf anerkannt würde. Dann hätte es auch nicht dieses antiemanzipatorische Geschmäckle. Denn, natürlich sagt das keiner, offiziell sind wir ja alle für Gleichberechtigung und da darf man auch als Frau sein Jodeldiplom machen, aber Kindererziehung ist nach wie vor Frauensache. Jaaaa, Männer sind halt Männer. Das ist nicht so ihr Ding, verstehste. Und Frauen können das doch viiiiiel besser, das ist bei denen auch angeboren und so. Männer sind halt Jäger und Frauen sammeln und hüten das Feuer und das ganze Gedöns. Das macht denen ja auch Spaß und liegt in ihrer Natur, also warum sollte man sie dafür auch noch respektieren? Pfff, da hört sich doch alles auf, da könnte ja nun jeder kommen. Als nächstes soll man(n) auch noch Hühner dafür respektieren, dass sie Eier legen oder Schafe wegen ihrer Wolle oder Kühe wegen ihrer Milch. Das ist doch lächerlich. Was aber WIRKLICH lächerlich ist, ist dieser alberne Kleckerbetrag von 100-150 Euro. Schon klar, mehr ist nicht drin. Aber warum dann die Leute verarschen und verhöhnen und das ganze auch noch euphemistisch „Betreuungsgeld“ schimpfen? Da gibt’s doch nun wirklich Besseres mit dem Geld für das Wohl unserer Kinder anzufangen, als dieser Betreuungsgeld-Unfug. Im Folgenden nun ein paar Vorschläge meiner Wenigkeit:

1.) Da es wohl kaum finanziell möglich ist, das Betreuungsgeld zu einem richtigen Gehalt aufzustocken, könnte man doch das Geld nehmen, um mehr qualifizierte Betreuer auszubilden und die Anzahl der Kitas zu erhöhen. Dann wüssten die Eltern ihre Kinder gut aufgehoben und könnten guten Gewissens arbeiten gehen.

2.) Wenn man das doof findet, könnte man auch das Geld nehmen und als Prämien an Firmen verteilen, die sich um die Kinderbetreuung ihrer Angestellten besonders verdient machen, indem sie z.B. eine firmeninterne Kinderbetreuung einrichten oder mehr Teilzeit oder flexible Arbeitszeiten oder Home office ermöglichen, so dass es für Eltern leichter ist, Arbeit und Familie unter einen Hut zu bringen.

3.) Man pfeift auf das Betreuungsgeld und erhöht einfach das Kindergeld.

4.) Man investiert das Budget fürs Betreuungsgeld in den Ausbau von Ganztagsschulen. Ist zwar für die Lehrer doof, weil sie dann auch länger arbeiten müssen. Auf der anderen Seite haben die wenigsten Leute vor 17h00 Feierabend und in anderen Ländern funktioniert das auch und da beschwert sich auch keiner. Und die Kinder wären den ganzen Tag lang gut aufgehoben, man könnte sogar noch überlegen, ob sie hinterher gemeinsam Hausaufgaben machen, die Lehrer könnten sich mit der Aufsicht abwechseln oder man engagiert dafür Studenten, dann können sie sich auch gegenseitig helfen, was wiederum gut für den Mannschaftsgeist ist. Aber ich komme schon wieder ins träumerische Weltverbessern.

5.) Man investiert das Budget für andere Formen der Nachmittagsbetreuung und -beschäftigung von Kindern und Jugendlichen. Treffpunkte und ähnliches.

Kurz gesagt, es gibt jede Menge besserer Ideen, wie man das Budget, das fürs Betreuungsgeld vorgesehen ist, sinnvoller für den Aufbau einer faireren, gleichberechtigteren, toleranteren Gesellschaft nutzen könnte. Und alles, was an Argumenten für das Betreuungsgeld kommt ist: „Ja, hier keine Diskussionen mehr, das Betreuungsgeld kommt.“
Ich bleibe dabei: Das Betreuungsgeld, wie es in der jetzigen Form angedacht ist, ist schlicht und ergreifend bescheuert. Selbstverständlich lasse ich mich gerne eines Besseren belehren, wenn ich nur endlich mal wenigstens den Versuch eines vernünftigen Dafür-Arguments wahrnehmen würde. Also, liebe Betreuungsgeld-Befürworter, lasst mal hören!

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10 Antworten to “Essai 89: Über das Betreuungsgeld”

  1. Marnie Says:

    Jeep: „Das Betreuungsgeld, wie es in der jetzigen Form angedacht ist, ist schlicht und ergreifend bescheuert.“
    Mehr ist nicht zu sagen. Es führt dazu, dass die Armen um mehr Geld zu haben ihre Kinder zu hause lassen. Es droht soziale Abgrenzung. Das ist schädlich für die Entwicklung des Kindes und Abgrenzung heißt auch, weniger Kontrolle. Problemfamilien bleiben unter sich. Schlicht und einfach „bescheuert“!

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  2. Johannes Says:

    Das war wiedereinmal ein höchst unterhaltsamer Artikel, danke dafür! Ich habe auch noch kein Argument für das Betreuungsgeld gehört, das mich überzeugt hätte! 🙂

    Ich kenne nur pseudo-feministische Behauptungen („wir bezahlen das Betreuungsgeld als Würdigung für den Erziehungsaufwand, den daheim bleibende Mütter leisten“) und einen missverstandenen Gerechtigkeitsaspekt („daheim betreuende Eltern profitieren nicht von aus Steuermitteln erfolgende Investitionen in Kitas, also ist es nur gerecht, dass sie einen Ausgleich erhalten“).

    Eigentlich erübrigt sich jeglicher weitere Kommentar, aber besonders zum zweiten „Argument“ ging mir grad durch den Kopf, wie man das konsequenter weitertreiben müsste: Aufstockung des Betreuungsgeldes um 10 Euro, falls man das Kind niemals in ein Schwimmbad schickt! Weitere 5 Euro, wenn es niemals ein Museum von innen sieht! Und 12 Euro obendrauf, wenn man auf eine Stadtbücherei-Mitgliedschaft verzichtet!

    [Liebe vielleicht mitlesende CSU-Mitglieder, wenn ihr dies in euer Parteiprogramm übernehmen wollt, verzichte ich gern darauf, dass ihr mich als Quelle für diese Ideen nennt, der Ruhm darf gern euch allein zufallen.]

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    • Isabelle Dupuis Says:

      Hahaha 🙂 Ja, die „pseudo-feministischen Behauptungen“ sind wirklich der reinste Hohn. Wenn es tatsächlich als „Ausgleich“ und „Würdigung“ gedacht ist, dürfte es nicht so lächerlich niedrig sein. Damit verarscht man die Leute nicht nur, sondern hält sie auch noch für dumm genug, die Verarsche nicht zu bemerken, beleidigt sie überdies also auch noch.

      Ansonsten kann ich zur Liste noch hinzufügen: 10 Euro Würdigung, wenn das Kind nie ins Theater geht, 2,50 Euro Ausgleich, wenn es nie ein Buch aufmacht und 4,33 Euro wenn es auch noch zu Hause unterrichtet wird, anstatt in die Schule zu gehen.

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  3. Essai 90: Über Ersatz-Probleme und Stellvertreter-Ärgernisse « Isa09 – Angry young woman Says:

    […] Isa09 – Angry young woman Küchentischphilosophische Essais über alles Mögliche und Unmögliche aus den Bereichen Politik, Gesellschaft, Beziehungen und menschliche Eigenarten. « Essai 89: Über das Betreuungsgeld […]

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  4. Isabelle Dupuis Says:

    Jetzt wurde übrigens irgendsoein fauler Kompromiss ausgetüddelt. Ändert jedoch nichts an meiner Meinung: Das Betreuungsgeld ist und bleibt – in welcher Form auch immer – völliger Schwachsinn.

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  5. Isabelle Dupuis Says:

    Neues von der unendlichen Geschichte „Betreuungsgeld“. Da guck: die FDP ist mit dem faulen Kompromiss nicht einverstanden und die CSU stampft weiter höchst erwachsen mit dem Fuß auf und posaunt gebetsmühlenartig ihr einziges Pseudo-Argument in die Gegend: „Das Betreuungsgeld ist und bleibt uns ein wichtiges Anliegen.“ Ja, aber WARUM denn nur? Kann mir das jetzt bitte endlich einmal jemand erklären? Ich habe überdies einen konstruktiven, kostensparenden und einfach umzusetzenden Vorschlag, um den neuerlichen Koalitionsstreit über das Betreuungsgeld zu schlichten. Jetzt kommt’s: Man lässt es einfach. Na? Ist das was?

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  6. Isabelle Dupuis Says:

    Die Herzen der konservativen CSU-Fuzzis hüpfen vor Freude: Das Betreuungsgeld ist beschlossene Sache. Dafür – und darob hüpfen die Herzen der konservativen Rasselbande von der FDP vor Freude – wird die Praxisgebühr abgeschafft.
    Äpfel und Birnen, mögen Kritiker einwenden. Und sie haben völlig Recht. Nichtsdestotrotz ist es natürlich konzeptuell betrachtet höchst konsequent, dass man für das Geld, das man für das Betreuungsgeld zum Fenster hinauspustet, dafür weniger Geld durch die Praxisgebühr einnimmt. Mehr ausgeben und weniger einnehmen war schon immer ein Erfolg versprechendes Geschäftsmodell.
    Die CSU ist also zufrieden und das ist schön. Wenn mir jetzt noch jemand verraten könnte, warum wir uns von diesen Kaspern auf der Nase herumtanzen lassen müssen, obwohl sie nirgendwo in Deutschland außer in Bayern gewählt werden können (nicht, dass das außerhalb von Bayern irgendwer wollen würde …), bliebe mir sicher die eine oder andere schlaflose Nacht erspart. Wie das jetzt mit der Idee von Demokratie vereinbar ist, wüsste ich auch gern mal.

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  7. Essai 98: Über intolerante Ignoranten und die sogenannte Homo-Ehe « Isa09 – Angry young woman Says:

    […] ist genau die gleiche alte Leier wie auch schon beim Thema Betreuungsgeld oder auch beim Thema Frauenquote. Vornehmlich die feinen Herrn und Damen von der “Christlich […]

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  8. Essai 100: Über Sexismus, Dirndl und sexuelle Belästigung « Isa09 – Angry young woman Says:

    […] an höhere Positionen kommen. Noch immer denkt man ernsthaft über so etwas Beklopptes wie das Betreuungsgeld nach, damit Frauen dafür belohnt werden, überholte Rollenmuster wieder zu beleben. Noch immer […]

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  9. Essai 143: Über Feminismus | Isa09 - Angry young woman Says:

    […] Arbeit im Haushalt ebenfalls angemessen bezahlt würde? Ich meine jetzt kein absolut lächerliches Betreuungsgeld, sondern ein echtes Gehalt? Dann würden sicher auch mehr Männer häufiger den Wischmopp […]

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