Essai 88: Über scheiternde Freiwilligkeit und den Zwang zum Glück

Der Hamburger Senat hat nun beschlossen, bezüglich der Einführung einer Frauenquote mit gutem Beispiel voran zu gehen und selbige etappenweise in den nächsten Jahren den Unternehmen aufzuoktroieren. Bin schon auf die Reaktionen gespannt. Vermutlich werden erst mal alle herumnölen, was das denn solle, ihre persönliche Freiheit werde aufs Übelste angegriffen, wenn man sie zwinge *schauder* Frauen auf wichtige Posten zu setzen und dann gewöhnen sich alle dran und finden’s nachher doch ganz gut und schlussendlich wird sich nachher kein Mensch mehr daran erinnern, dass er anfangs zu seinem Glück gezwungen werden musste. Und wenn es soweit ist, kommt wieder irgendein Sturkopf und Querulant aus seinem Loch gekrochen, faselt irgendwas von wegen „Benachteiligung… gegen die Verfassung… Blablabla“ und dann wird alles wieder über den Haufen geworfen und in mühevollster Kleinarbeit ein neues Gesetz ausklamüsert, das dann überhaupt niemand mehr versteht. So wie mit dem Nichtraucherschutz. Ich weiß, ich neige gelegentlich ein wenig zur Redundanz, aber ist doch wahr. Wir haben uns alle dran gewöhnt, dass wir entweder essen oder rauchen dürfen, da kommt irgendwer und meckert rum, der Verfassungsschutz mischt sich ein (der hat wohl nichts Besseres zu tun?) und – bumms – muss noch mal alles wieder neu ausdiskutiert werden. Jetzt ist es wohl so, dass ab so und so viel Quadratmeter ein Raucherraum eingerichtet werden darf, aber der muss vollkommen abgetrennt sein, ein eigenes Lüftungssystem besitzen, es darf kein Rauch da rausdringen, es darf kein Durchgangszimmer sein, was weiß ich. Das nenne ich doch mal ‚persönliche Freiheit‘, anstatt einfach draußen gemütlich eine zu rauchen und mit Leidensgenossen zu klönen, werden die Raucher einfach in eine Art Luftschutzkäfig gesperrt, damit sie aber auch wirklich nur sich selbst gegenseitig zuqualmen. Das Restaurantpersonal muss dann wahrscheinlich mit Gasmasken da rein. Und die kleineren Lokale dürfen dann entscheiden, ob sie Raucher- oder Nichtraucherlokal sein wollen. Super. Diskrimieren wir doch einfach mal alle, damit auch ja keiner vergisst, dass man schon als Raucher oder Nichtraucher auf die Welt kommt und absolut nichts dagegen tun kann und damit auch jeder weiß, dass ‚die Anderen‘ der Feind sind. Und bloß nicht miteinander reden und aufeinander Rücksicht nehmen. Da würde ich als Raucher – oder Rauchender – freiwillig aus Protest gegen dieses Kasperletheater mit dem Rauchen aufhören. Das macht doch überhaupt keinen Spaß mehr, wenn sich alle gegenseitig das Leben schwer machen und auf stur schalten, nur weil sie sich aufgrund der verworrenen Gesetzeslage im Recht sehen. Und vermutlich kann das niemand wirklich widerlegen, weil keiner da auch nur ansatzweise einen Durchblick hat. Und da gibt es sowohl bei den Rauchenden als auch bei den Nichtrauchenden renitente Arschlöcher, die partout allen beweisen müssen, dass sie Bescheid wissen, wie es ‚richtig‘ ist, anstatt einfach mal ihren gesunden Menschenverstand einzuschalten und jedem Tierchen sein Pläsierchen zu gönnen, sofern sie niemandem damit schaden. Dann würden die Leute auch von alleine zum Rauchen rausgehen, weil sie einsähen, dass im Innenraum andere Menschen den Qualm mit einatmen, die das gar nicht wollen.

Worauf will ich damit hinaus? Letzteres, das mit dem gesunden Menschenverstand einschalten und jedem sein Vergnügen gönnen, solange es keinem schadet, das Nutzen von natürlichem Einfühlungsvermögen, der Einsatz kritischer Selbstreflexion und die daraus resultierende Rücksichtnahme und Toleranz gegenüber seinen Mitmenschen, wären das, was wir brauchen, damit jeder in Frieden und Freiheit glücklich leben kann. Nur leider scheint das nicht in der Natur des Menschen zu liegen, der sich lieber wie ein renitenter, rechthaberischer Schwachkopf aufführt, seine miese Laune an allen Anderen auslässt, anstatt mal Ursachenforschung mit anschließender -behebung zu betreiben und zu dem Schluss zu kommen, dass er auch einfach mal nett sein könnte. Sprich: Wenn ich auf die Freiwilligkeit solcher Vollidioten setze, die ja obige Einstellung erfordert, um erfolgreich zu sein, habe ich schon verloren. Da spielt wohl auch irgendein mittelalterlicher, bornierter Ehrenkomplex eine Rolle, der noch in den Köpfen drin steckt und besagt, man dürfe niemals seine einmal gefasste Meinung kritisch hinterfragen, überdenken oder gar *schauder* ändern, weil das einer metaphorischen Kastration gleich komme. Da könne man sich ja auch gleich einen Zacken aus der Krone brechen. Dass diese heilige Meinung gar nicht die ‚eigene‘ Meinung ist, sondern eine durch eine komplexe Mischung von Vorurteilen, unbewussten Indoktrinationen durch Familie, Freunde, Umfeld und Medien, ‚Meinungen‘ anderer und anderen überlieferten Mythen zustande gekommene Illusion von ‚Wahrheit‘ ist, wird dabei nicht bedacht. Dass man ‚Meinungen‘ hat, ist ja in Ordnung, auch dass man Vorurteile hat, da können wir uns ja gar nicht dagegen wehren. Was wir aber tun könnten, wäre, uns bewusst zu machen, dass das, was wir für die ultimative ‚Wahrheit‘ halten, nichts weiter als eine Illusion ist und insofern nicht allgemeingültige Tatsache, die uns erlaubt, wenn nicht sogar dazu verpflichtet, allen, die das anders sehen, auf den Wecker zu fallen. Ein bisschen mehr Toleranz, Gelassenheit, Humor und freundliche Rücksichtnahme gegenüber ‚den Anderen‘, meine sehr verehrten Damen und Herren. Das wäre doch mal eine interessante Abwechslung zum ewigen „Wer hat Recht?“

Von alleine kommt aber anscheinend niemand auf die Idee, sich anständig zu benehmen, damit sowohl er als auch die Menschen in seiner Umgebung glücklich und in Frieden leben können. Offensichtlich ist das zu viel verlangt. Das heißt, wenn man auf Freiwilligkeit setzt, macht einfach jeder so weiter, wie er es gewohnt ist und fängt gar nicht erst an, irgendwas zu ändern, das ist ja auch anstrengend und wer weiß, was da alles auf einen zu kommt. Man muss die Leute eben hin und wieder zu ihrem Glück zwingen, anstatt ernsthaft zu erwarten, sie würden Eigenverantwortung übernehmen und von alleine irgendwas verbessern. Die Welt ist leider ein großer Kindergarten. Wobei ich wage, zu behaupten, dass sich selbst Kindergartenkinder oft besser zu benehmen wissen, als so mancher großkotzige selbstverliebte rechthaberische Sturkopf von einem Erwachsenen. Damit will ich nicht sagen, dass man Kinder an die Macht bringen sollte, ich bin ja nicht Grönemeyer. Außerdem gibt es auch unter Kindern bereits renitente Querulanten, die anderen das Leben schwer machen, nur weil sie gerade ihren Willen nicht gekriegt und infolgedessen miese Laune haben. Dennoch, ein bisschen kindliche Unvoreingenommenheit und Neugier bei meinen erwachsenen Mitmenschen würde erheblich dazu beitragen, dass alle friedlicher miteinander auskommen. Das ist meine Meinung.

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Eine Antwort to “Essai 88: Über scheiternde Freiwilligkeit und den Zwang zum Glück”

  1. Essai 93: Über Entschuldigungen als Allzweckmittel nach dem Tritt ins Fettnäpfchen « Isa09 – Angry young woman Says:

    […] egomanischen Hajopeis anzugreifen trachten. Dass man manchmal über starrsinnige Dickköpfe hinweg die Menschen zu ihrem Glück zwingen muss, ist wohl noch nicht überall angekommen. Sozialstaat bedeutet ja nicht, dass man gleich alle […]

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