Essai 90: Über Ersatz-Probleme und Stellvertreter-Ärgernisse

Am vergangenen Donnerstag ging die Welt unter. Tja, die Mayas lagen falsch und waren ein halbes Jahr zu spät dran mit ihrer Schätzung. Aber die Mayas kannten ja auch noch keine Fußball-Europameisterschaften. Hier in Deutschland aber ist Fußball offenbar die Welt und eine ‚Niederlage‘ Untergang derselben. Schlimm. Zugegebenermaßen war ich dieses Mal doppelt geknickt. Ich drücke ja immer zwei Mannschaften die Daumen, den Franzosen und den Deutschen. Die Franzosen haben diesmal die Vorrunde heil überstanden und wurden dann von den Spaniern platt gemacht und die Deutschen nun von den Italienern im Halbfinale. Also wenn hier einer Grund zum Jammern hat, dann bin ich das (und meine deutschfranzösischen Artgenossen). Ehrlich gesagt, ist mir meine Zeit dafür aber ein bisschen zu schade und deswegen schaue ich mir lieber heute Abend das Finale an und freue mich über jedes Tor das fällt.

Diese lockere Haltung ist aber jedermanns Sache nicht, statt dessen nimmt man solche – Pardon – Kleinigkeiten lieber als Anlass, sich ordentlich über Sachen aufzuregen, die eigentlich egal sind, nur um sich nicht um Sachen kümmern zu müssen, die wirklich im Argen liegen. Kommt die Kanzlerin trotzdem zum Finale?, fragen wir uns. Wann gibt’s eigentlich endlich mal einen angemessenen Mindestlohn?, fragen wir uns nicht. Uns interessiert es auch brennend, wenn ein gewisser Dieter B. eine neue, noch jüngere Freundin hat, die aber genau so aussieht, wie die davor, nur halt jünger. Gleiches gilt für all die anderen prominenten, geltungssüchtigen, triebgesteuerten Lustgreise, die nicht müde werden ihr Privatleben in der Öffentlichkeit zu zelebrieren. Ja, das ist wirklich hochinteressant. Oder ob sich der gewisse Dieter B. und ein Thomas G., formerly known as größter Entertainer den es jemals gab sich in der Jury einer nicht weiter erwähnenswerten Unterhaltungssendung ordentlich kabbeln werden oder nicht, ob genannter Herr G. nun nach seinem Talkshow-Quotendebakel vollends unter sein früheres ‚Niveau‘ gesunken ist und es einfach nicht ertragen kann, einfach auch mal nicht im Mittelpunkt zu stehen, ob dies, ob das, egal, da kümmern wir uns drum, da bleiben wir mit unserer Aufmerksamkeit hängen. Dafür machen wir uns dann halt keine Gedanken über Hungersnöte, Kriege, Armut, Seuchen, und den ganzen unangenehmen Krempel.

Wer wie wann wo mit wem was-auch-immer laufen hatte, ist ein hochinteressantes Thema für jeden Bürotratsch. Dass Berufsanfänger und Absolventen kaum noch eine unbefristete Festanstellung bekommen und sich mit Praktika, Volontariaten, freier Mitarbeit und ähnlichem durchschlagen müssen, dass sie chronisch unterbezahlt sind, dass es einen durch nichts und wieder nichts gerechtfertigten Unterschied zwischen Männer- und Frauengehältern gibt, dass es Frauen immer noch nicht leichter gemacht wird, Arbeit und Familie unter einen Hut zu bekommen, darüber macht man sich keine Gedanken. Nicht nur beim Bürotratsch, auch nicht im Bundestag. Der kümmert sich lieber um Ersatz-Probleme wie diesen völlig beknackten Betreuungsgeld-Schwachsinn, um es den Frauen einfach mal noch leichter zu machen, da zu bleiben, wo sie hingehören, nämlich zu Hause an den Herd.

Es geht natürlich noch abstruser, wenn man sich zum Beispiel mal die Altersfreigaben von Kinofilmen anguckt. Da läuft irgendwann irgendeiner nackig durchs Bild, irgendwo purzelt eine weibliche Brust aus der Bluse – zack, frei ab 18. Da werden haufenweise Menschen erschossen, das Blut fließt in Strömen, Eingeweide fliegen durch die Luft, zermatschte Gehirne gammeln in der Gegend rum, abgehackte Gliedmaßen werden hin und her geworfen – zack, frei ab 12. Verzeihung, aber ist das nicht ein klitzekleines Bisschen unverhältnismäßig?

Aber so ist er, der Mensch. Er ärgert sich lieber über Kleinigkeiten, weil ihm die wirklichen, großen Probleme Angst machen, weil er die nicht überschauen, nicht greifen kann. In jedem von uns steckt so ein kleiner Kontrollfreak, der die Dinge gerne im Griff hat. Und kleine, unwichtige Dinge im Griff zu haben oder in selbigen zu bekommen, ist dann doch etwas einfacher, als das große Ganze im Alleingang umzuwälzen. Das ist durchaus verständlich, auch wenn es die Sache nicht unbedingt besser macht. Und sich um Ersatz-Probleme zu kümmern, die eigentlich wurscht sind, oder die Lösung ist selbstverständlich, lenkt einen von der eigenen Ohnmacht ab, die man gegenüber allumfassender Ungerechtigkeit empfindet. Wenn wir nur mal aufhören würden, zu jammern und stattdessen eben bei diesen Kleinigkeiten einfach mal anfangen würden, etwas gegen kleine Probleme und kleine Ungerechtigkeiten zu unternehmen, dann würden wir es vielleicht auch mit der Zeit schaffen, gemeinsam die größeren, richtigen, wichtigen Probleme zu lösen. Dafür müssten wir aber auch aufhören, immer nur um uns selbst zu kreisen und uns auch mal für unsere Mitmenschen interessieren. Aber bis es soweit ist, gucke ich heute abend Fußball und freue mich über jedes gefallene Tor.

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4 Antworten to “Essai 90: Über Ersatz-Probleme und Stellvertreter-Ärgernisse”

  1. Gassenreh, Jakob Says:

    So toll sind Krippen für 0 – 3jährige Kleinstkinder nicht, für die seltsamerweise linke und gewerkschaftsnahe Parteien als auch Wirtschaftslobbyisten (Arbeitgeberpräsident HUNDT; Präsident von Gesamtmetall DULGER) wie wild trommeln: „Befreit die Mütter von ihren Kindern und fesselt sie an die Maschinen“
    Nicht nur die Familie, sondern vorallem die Schwächsten, die Kinder, werden möglicherweise ernste Probleme bekommen und damit die Zukunft unseres Volkes.
    Ausgerechnet diejenige Partei, die sich für die Schwachen einsetzen will, argumentiert reflexhaft gegen das Betreuungsgeld und trifft damit die Schwächsten der Gesellschaft.
    Die Krippe scheint eine Einrichtung zum Wohlergehen von Erwachsenen zu sein, denn ein bezüglich der sehr frühen Krippenaufbewahrung nicht ausreichend beachtetes Problem (neben zu befürchtender erhöhter Stresshormonausschüttung infolge „learned helpnessless“ und Wachstumshormonmangel infolge reduziertem Langsamen-Wellen-Schlaf in der Krippe) ist die mögliche Störung bzw. Verzögerung der frühkindlichen Sprachentwicklung. Ein wichtiger Unterschied zwischen Tier und Mensch ist die Sprache auch als Basis des Denkens. Mangelnde primäre (besonders 0 – 1,5 Jahre) frühkindliche Sprachentwicklung hat oft die Folge von Lese- und Rechtschreibstörungen und letztlich ungünstiger kognitiver Entwicklung.
    Dadurch ist zu erwarten, dass die wichtigste Resource, welche unser Volk besitzt, nur ungenügend sprachlich und kognitiv entwickelt geerntet wird. (Siehe Ärztereport der Barmer Ersatzkasse vom Januar 2012 mit bereits jetzt schon ca. 40% sprachgestörten Kindern im Alter von 5-6 Jahren (Gründe: Zunahme Tagesmütter: 2006
    ca. 14%, bereits 2010: 23%;; enorme Lärmpegel in Kitas); logopädische Behandlungskosten etwa 1 Milliarde Euro).
    Warum heißt es Muttersprache und nicht Vatersprache?
    Bereits ab der 20. Gestationswoche hört der Foet im Mutterleib flüssigkeitsangekoppelt die Mutterstimme und ist nach der Geburt massiv darauf fixiert, sodass eine längere (max. bis zu 3 Jahren) dyadenspezifische Beziehung zwischen diesen beiden Personen notwendig ist, zumal in diesem Zeitraum zumindest zwei kürzere Phasen besonders begierigem Sprechlernen des Kleinkindes individuell verschieden auftreten (siehe „Vergewaltigung der menschlichen Identität; über die Irrtümer der Gender-Ideologie“)

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    • Isabelle Dupuis Says:

      Puh … ich bin mir nicht sicher, ob ich alles verstanden habe. Also, sehe ich das richtig, dass Sie für das Betreuungsgeld sind, weil es für die kognitive und sprachliche Entwicklung von Kleinkindern schädlich sei, sie in die Kitas – wie sie im Moment sind – zu stecken? Ich störe mich ein wenig an dem, was ich meine herausgehört zu haben, dass insbesondere Mütter, die ihre Kinder nicht Zuhause betreuen verantwortungslos und egoistisch handeln. Ich denke, die meisten Mütter, die das tun, haben eher keine andere Wahl. Und die haben sie auch nicht, wenn sie 150 Euro im Monat mehr in der Tasche haben.
      Wäre es da nicht sinnvoller, mit dem Geld die Kitas auszubauen, damit die kognitive und sprachliche Entwicklung der Kinder keine Beeinträchtigung erleidet? Wenn man zum Beispiel das Personal besser schulte und mehr Leute einstellte, dürfte das doch im Rahmen des Möglichen liegen. Und wenn nicht, spricht denn etwas dagegen, dass der Vater in Elternzeit geht? Die Mutter hat ja vielleicht auch Spaß an ihrem Beruf und möchte den gern ausüben. Wenn sie da drei Jahre Pause macht, kommt sie da nie wieder rein. Und manche brauchen ja auch das zweite Gehalt, wenn nicht sogar die meisten.
      Ich freue mich, auch mal Argumente von der „Gegenseite“ zu hören, aber ich muss leider zugeben, dass die mich immer noch nicht überzeugt haben.

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      • Isabelle Dupuis Says:

        Hoppsa, ich sehe gerade, das war gar nicht der Artikel übers Betreuungsgeld. Das tut mir leid, ich glaube, dann habe ich tatsächlich den Kommentar gar nicht verstanden. Mögen Sie das vielleicht noch mal weiter ausführen?

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  2. Essai 124: Über subtile Propaganda | Isa09 - Angry young woman Says:

    […] Zum Beispiel berichtete das Hamburger Abendblatt vor ein paar Tagen über eine Gruppe von Menschen, die sich für die Lampedusa-Flüchtlinge einsetzen. Es ging um eine Petition, die auch einige bekanntere Persönlichkeiten unterschrieben hatten. Unter anderem auch einer, der in seiner Jugend mal bei der RAF war. Die Story wurde so aufgezogen: “(ehemaliger) TERRORIST unterschreibt Petition für Lampedusa-Flüchtlinge”. Hallo? Was hat denn das eine mit dem anderen zu tun? Nichts. Außer, wenn Stimmung gegen die Lampedusa-Flüchtlinge und ihre Unterstützer gemacht werden soll, ist die Vergangenheit von einem der Unterzeichner überhaupt nicht relevant. Womit ich selbstredend die terroristischen Taten der RAF nicht verharmlosen oder schönreden oder verteidigen oder sonstwas will. Was mich ärgert ist, dass dadurch von dem eigentlichen Problem abgelenkt wird. Durch die Diskussion über aus dem Zusammenhang gerissenen und für den gegenwärtigen Sachverhalt nicht entscheidenden Dingen wird das, worum es ursprünglich ging, vergessen und in den Hintergrund verschoben. Das ist sozusagen ein kalkuliertes, bewusst provoziertes Ersatzproblem. […]

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