Essai 117: Über Leute mit eingebildeter schlimmer Kindheit

Es gibt Menschen, die hatten tatsächlich eine schwere Kindheit – und es gibt Leute, deren Eltern haben ein paar Dinge getan, die nicht total in Ordnung waren und die diesen Umstand zum Anlass nehmen, sich Jahre später als Erwachsene wie die Vollidioten aufzuführen. Über Letztere möchte ich mich heute mal ein bisschen aufregen. Ich bin der Meinung, es ist Menschen, die wirklich Furchtbares in ihrer Kindheit erlebt haben, gegenüber nicht fair, wenn irgendwelche unreifen Egomanen mit unstillbarem Geltungsdrang sich mit ihren eingebildeten Problemchen wichtig machen.

Denn, seien wir doch einfach mal ehrlich, alle Eltern machen irgendwann irgendwas, was nicht hundertprozentig supertoll ist. Man darf nicht vergessen, dass Eltern auch nur Menschen sind, dass die auch manchmal müde, genervt, gestresst, schlecht gelaunt, überfordert – kurz: nicht in Höchstform – sind und dass sie infolgedessen halt auch nicht immer alles richtig machen können. Und da kann man natürlich als erwachsenes Kind Jahrzehnte später noch darauf herumreiten, dass die Eltern mal ungerecht waren, laut geworden sind oder sonst irgendwie doof reagiert haben, oder man macht irgendwann seinen Frieden damit und gut ist.

Es scheint mir, dass manche Leute sich jedoch davor scheuen, Verantwortung für ihre eigene Unperfektion zu übernehmen und dann alles darauf schieben, dass die Eltern angeblich das Geschwisterkind bevorzugt behandelt haben, dass ihnen einmal die Hand ausgerutscht ist (nicht regelmäßig und nicht mit Absicht) oder sonst irgendwas. Wenn man irgendeine Ausrede dafür braucht, sich wie ein egozentrisches Arschloch aufzuführen, dann findet man ganz bestimmt irgendwas in der Kindheit, was man zu einem Drama hochstilisieren und sich daran festbeißen kann. Dann heißt es plötzlich, das männliche Vorbild hätte gefehlt, weil der Vater die ganze Zeit arbeiten war oder die Mutter allein erziehend. Oder der Mutter wird vorgeworfen, dass sie arbeiten gegangen ist. Oder der Mutter wird vorgeworfen, dass sie nicht arbeiten gegangen ist. Oder dem Vater wird vorgeworfen, dass er zu viel zuhause war. Irgendwas ist immer. War die Anwesenheit der Eltern so weit in Ordnung, dass sich daraus nicht glaubwürdig eine unzumutbare Katastrophe basteln lässt, dann findet man eben etwas anderes. Als Einzelkind kann man herummoppern, dass man ja zum Egoisten werden musste, weil die Eltern einem ja kein Geschwister zur Seite gestellt haben und man somit nie lernen konnte, zu teilen. Wenn man Geschwister hat, findet man garantiert unumstößliche Beweise dafür, dass eines davon bevorzugt wurde. Deswegen hat man dann auch noch als Erwachsener Schiss, zu kurz zu kommen und ist dann besonders argusäugig darauf erpicht, sich alles unter den Nagel zu reißen, bevor es einem jemand wegnimmt.

Bei mehreren Kindern ist immer ein Kind dabei, das in manchen Bereichen mehr Unterstützung braucht als in anderen Bereichen. Das ist ganz normal. Auch wenn Eltern sich ganz fest vornehmen, alle Kinder gleich zu erziehen, gleich zu behandeln und gleich lieb zu haben, ist immer ein Kind dabei, bei der die löblichen Vorsätze nicht so zum gewünschten Erfolg führen. Nicht alle Kinder sind gleichermaßen verantwortungsvoll, pflichtbewusst und lernwillig. Die, die eher rebellisch sind, die lauter ihren Willen kund tun, die vielleicht in der Schule nicht so gut mitkommen, die irgendwie mehr Hilfe zu brauchen scheinen, bekommen naturgemäß mehr Unterstützung von den Eltern als die Kinder, die scheinbar problemlos auch auf sich selbst aufpassen können und von alleine ihre Hausaufgaben machen, für Klassenarbeiten lernen, ihr Gemüse essen und so weiter. Oft werden die jüngeren Geschwister daher scheinbar bevorzugt, weil sie einfach die Jüngeren und Kleineren sind und im Vergleich zum älteren Kind hilfloser wirken. Aber es kann auch vorkommen, dass das ältere Kind nicht so richtig klar kommt, warum auch immer, und dann braucht das mehr Unterstützung.

Da ist das doch nicht fair, wenn man deswegen Jahrzehnte später, wenn man schon längst ausgezogen ist, vielleicht sogar schon selbst eine Familie hat und Kinder, die man auf seine Weise verkorkst, den Eltern Vorwürfe macht und sich selbst küchentischpsychoanalysiert und sich hinstellt und sagt: „Ich darf mich hier so dämlich und ungerecht aufführen, weil ich eine schlimme Kindheit hatte.“

Ich denke, entweder war die Kindheit wirklich traumatisierend, dann soll man eine Therapie machen, anstatt den Eltern Vorwürfe und sich selbst dem Schicksal zu ergeben und im Selbstmitleid zu suhlen. Oder die Kindheit war ganz normal schlimm wie bei jedem anderen auch, dann soll man sich – pardon – nicht so anstellen.

Ansonsten sind nämlich die ewigen Familienstreitereien schon vorprogrammiert und dann darf das Enkelkind die Großeltern nicht sehen oder die Tante macht jedes Mal schlechte Stimmung, wenn sie zu Besuch kommt oder es kommt zum Zerwürfnis unter Geschwistern sobald die Eltern pflegebedürftig werden oder es um Erbgeschichten geht. Dabei wäre es doch so einfach, die Vergangenheit als vergangen zu akzeptieren, anzunehmen, dass Eltern auch nicht immer alles richtig machen können und sein Leben selbst in die Hand zu nehmen.

Aber manche Leute haben sich schon so an ihre Bitterkeit, ihr nachtragendes Gedankenkarussel und ihre eingebildete schlimme Kindheit gewöhnt, dass sie gar nicht mehr anders können als überall Verrat zu wittern und sich ständig übergangen zu fühlen. Und ihren Mitmenschen mit giftigem Misstrauen zu begegnen, in der Überzeugung, dass diese einen auch mit voller Absicht enttäuschen und betrügen werden. Was dann ja auch früher oder später nach dem Prinzip der selbsterfüllenden Prophezeiung tatsächlich passiert, weil das ja niemand auf Dauer aushält, sich ständig die ewig gleichen Schimpftiraden auf die ach so bösen Eltern (die in Wirklichkeit ganz normal schlimm waren) und das weinerliche Gegreine über die angebliche Bevorzugung von Geschwistern oder das Fehlen von Vorbildern anzuhören. Da zieht man sich dann irgendwann zurück und rettet das letzte Bisschen Seelenfrieden, das man noch hat.

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