Essai 116: Über Gute-Laune-Terrorismus und Zwangsbespaßungsmaßnahmen

Karneval ist zwar für dieses Jahr glücklicherweise schon wieder abgefrühstückt, trotzdem frage ich mich jedes Mal aufs Neue, warum die Leute in den Karnevalshochburgen nicht einfach ihren Spaß haben und uns Faschingsmuffel aus norddeutschen Gefilden in Ruhe lassen können. Stattdessen laufen dann zwei Wochen lang auf den öffentlich-rechtlichen Sendern – die ich mit meinen Rundfunkgebühren, jawoll, mitfinanziere – diese fürchterlichen Karnevalssendungen und man kann sich diesem Gute-Laune-Terrorismus schlichtweg nicht entziehen. „Los Kinder, das macht Spaaaaaß“ krakeelt es dann hysterisch von allen Seiten und wenn man übellaunig brummt, man habe keine Lust auf derlei Zwangsbespaßungsmaßnahmen, gilt man gleich als das ultimative Böse.

Auf jeder Party gibt es dann auch immer diese Gute-Laune-Terroristen, die partout eine Polonäse vom Zaun brechen müssen und alle müssen mitmachen, weil das so viel Spaß macht und Ach so lustig ist. Ich mach dann natürlich auch mit, ich bin ja keine Spaßbremse, aber man glaube nicht, dass ich mich dabei nicht in Grund und Boden schäme und das Ende dieser Zwangsbespaßungsmaßnahme herbeisehne.

Im Prinzip bin ich durchaus ein sonniges Gemüt, optimistisch, fröhlich und mit Dauergrinsefresse ausgestattet. Aber wenn irgendwer mir vorschreiben will, was ich lustig und amüsant zu finden habe, finde ich das schon aus Protest doof. Zum Beispiel, wenn jemand auf einer Party eine Essensschlacht veranstaltet und plötzlich alle anfangen, sich Schokoküsse ins Gesicht zu klatschen und das ungemein komisch finden, dann denke ich nur: Die schönen Schokoküsse. Die isst doch jetzt keiner mehr. Und überhaupt gibt das garantiert Pickel, wenn man die klebrige Subsche nicht sofort abspült. Außerdem trage ich eine Brille und wenn die mit süßer Matsche vollgepampt ist, sehe ich nichts mehr und das nervt. Oder Kissenschlachten. Ich hasse Kissenschlachten. Habe ich schon immer gehasst. Hahaha, wie lustig, wir polieren uns jetzt mal mit Kissen die Fresse, Juhu. Das tut weh, verdammt!

Im Fernsehen gibt es ja nicht nur zu Karneval televisionären Gute-Laune-Terrorismus. Aber zum Glück kann man den dämlichen Gameshows üblicherweise gut aus dem Weg gehen. „Wetten dass..?“ ignoriere ich beispielsweise schon seit über zehn Jahren erfolgreich. Aber vor ein paar Monaten bekam ich dann doch mit, dass Tom Hanks gezwungen wurde, eine Katzenmütze aufzusetzen während Tausendsassa Markus Lanz Sackhüpfen um ihn herum vollführte. Mr. Hanks war not amused und ich glaube, in den USA haben wir damit die Klischees vom nichtvorhandenen Sinn für Humor in Deutschland nicht eben widerlegt. Das ist nämlich ein krasses Missverständnis, dass Sinn für Humor immer laut, schrill und plump zu sein habe. Nee, der kann auch mal heimlich, still und leise auf Samtpfötchen im Hintergrund umherschleichen.

Gute-Laune-Terroristen und Zwangsbespaßer sind jedoch diesem Irrtum aufgesessen, dass sie nur dann als lustig, humorvoll und infolgedessen als sympathisch herüberkommen, wenn sie möglichst laut, plump, schrill und unsensibel andere Leute zu ihrem vermeintlichen Glück zwingen. Dass manche Leute sich fantastisch amüsieren, wenn sie sich einfach in Ruhe, aber angeregt mit jemandem unterhalten, dass es für einige durchaus ein erfülltes Wochenende darstellen kann, wenn sie in Ruhe auf dem Sofa ihren Krimi weiterlesen können oder dass manche Leute das prima aushalten und es sogar genießen, nicht ständig von vielen lauten, penetranten, plumpen, unsensiblen Trampeltieren umgeben zu sein, kommt den Gute-Laune-Terroristen nicht in den Sinn.

Mir ist bewusst, dass sie ihre Zwangsbespaßungsmaßnahmen nicht böse meinen und ganz ehrlich und aufrichtig fest daran glauben, dass alle ihre Definition von Spaß und Unterhaltung teilen. Dass sie wirklich wollen, dass alle sich amüsieren und sich wohlfühlen und dass sie es wirklich nicht merken, wie sehr sie Anderstickenden damit auf den Wecker fallen. Aber ich würde mir manchmal doch etwas mehr Verständnis wünschen. Nur, weil ich es gern ruhiger angehen lasse, heißt das nicht, dass ich ein armes Würstchen bin, das ständig aus der Reserve gelockt werden muss. Ich komme da schon von alleine rausgekrochen, wenn man mich in Ruhe lässt und ich soweit bin. So. Das wollte ich einfach mal gesagt haben.

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