Essai 93: Über Entschuldigungen als Allzweckmittel nach dem Tritt ins Fettnäpfchen

Als Europäerin schaue ich zuweilen mit einer Mischung aus Verwunderung, Belustigung und Entsetzen zu unseren Freunden jenseits des großen Teichs hinüber und beobachte ungläubig das eigenartige Treiben, das vor allem in Wahlkampfzeiten seine Blüten entfaltet. Ohne parteiisch erscheinen zu wollen… ich habe den Eindruck, insbesondere die republikanischen Kandidaten haben ein Talent dafür, in jedes bereit stehende Fettnäpfchen mit beiden Beinen hineinzuspringen und darin überhaupt kein Problem zu sehen. Ist es auch nicht. Solange man sich hinterher einfach jedes Mal artig dafür entschuldigt. Dann kann man ruhig den größten Unfug und unmöglichsten, reaktionärsten Bockmist verzapfen, wenn man hinterher behauptet, es täte einem leid, man habe vielleicht den Grundgedanken etwas holprig formuliert, ist alles wieder in Butter.

Dieses Prinzip gilt übrigens nicht nur für Politiker. Auch verwöhnte, weltfremde Hotelerbinnen – nennen wir sie exemplarisch Paris H. – haben entdeckt, dass sie problemlos einfach mal ein paar homophobe Bemerkungen in den Raum stellen können und es niemanden juckt, sofern sie hinterher sagen, es täte ihnen leid. Diese Art der Entschuldigung hat allerdings nichts mit dem zu tun, was ich in meinem Essai über chronische Entschuldigeritis und Rechtfertigungszwang beschrieben hatte. Das Verhalten, das ich dort meinte, beruhte darauf, dass einem die Dinge, für die man sich entschuldigt, wirklich leid tun. Auch, wenn man es dabei mit dem schlechten Gewissen reichlich übertreibt. Das Verhalten, das ich in diesem Falle zu monieren gedenke, ist eine bewusste Strategie und Taktik, damit etwaige Kritiker aufhören, einem auf den Keks zu gehen mit ihren Einwänden. Das, wofür man sich entschuldigt, tut einem mitnichten leid, man hat nur gemerkt, dass das nicht so super ankommt. Hätte es keinen Ärger gegeben, hätte es einem auch nicht angeblich leid getan. Ohnehin: Wenn einem etwas wirklich leid tut, bemüht man sich, das in Zukunft zu vermeiden oder zumindest zu reduzieren, was dieses Leidtun provoziert hat.

Beim republikanischen Präsidentschaftskandidaten in den USA hat dieses Verhalten ja wirklich schon System, so dass man nicht davon ausgehen kann, er hätte begriffen, wofür er sich da eigentlich jedes Mal entschuldigt. Kaum ein Tag vergeht, ohne dass neue Internetvideos, Fernsehmitschnitte oder Berichte die Runde machen, in denen dieser Kasper seine schlichtweg unmögliche Weltsicht zum Besten gibt. An einem Tag sagt er einem schwulen Veteranen ins Gesicht, dass er gegen die gleichgeschlechtliche Ehe ist, während dessen Ehemann direkt daneben sitzt. Übrigens nutzt er dabei die gleichen hirnverbrannten ‚Argumente‘ wie hierzulande (das scheint also eine Gemeinsamkeit von bornierten Schwachköpfen quer über den Erdball zu sein und ist nichts typisch Amerikanisches): Man wolle das halt nicht, weil ist so, aus Prinzip und so, weil man das halt nicht will, da könne ja jeder kommen und die Ehe sei nun mal eben nur für zwischen Mann und Frau bestimmt, schließlich habe man das im Mittelalter auch so praktiziert und überhaupt, und damit Basta. Besonders gerne aber lästert der feine Herr über Nicht-Reiche, die schließlich, seien wir doch ehrlich, an ihrem Schicksal selbst Schuld sind. Sie hätten ja schließlich auch einfach reich werden können, dann wären sie jetzt nicht nicht reich. Sowieso sei das nicht nachzuvollziehen, warum sie nicht einfach mehr Geld haben, es ist doch viel schöner reich und gesund zu sein, als arm und krank. À propos krank: Da wollen doch die Wähler seines politischen Gegners tatsächlich eine gesetzliche Krankenversicherung haben, diese Schmarotzer, dieses faule Pack, das sich weigert, gesund zu bleiben. Eine Frechheit ist das, alles bolschewistische, tiefrote, sozialistische Kommunisten, die mit ihrem Bestreben, das Gemeinwohl zu fördern, in Wahrheit doch nur die persönliche Freiheit von gewissen egomanischen Hajopeis anzugreifen trachten. Dass man manchmal über starrsinnige Dickköpfe hinweg die Menschen zu ihrem Glück zwingen muss, ist wohl noch nicht überall angekommen. Sozialstaat bedeutet ja nicht, dass man gleich alle enteignet und sich als Diktator dran bereichert, während alle anderen verhungern und sich gegenseitig bespitzeln und alle, die sich dagegen wehren ins Gefängnis gesteckt oder umgebracht werden. Sozialstaat bedeutet genau das Gegenteil. Dass man Hilfsbedürftigen unter die Arme greift, damit alle die gleichen Chancen haben. Von Geburt an hat man die nämlich nicht.

Leitwerte, wie das der Freiheit, in allen Ehren, aber – bei allem Respekt – wenn das nur hohle Floskeln bleiben, die jeder Idiot in die Gegend posaunt und dahinter steckt nur heiße Luft, dann kann man sich das auch sparen. Genau so wie man sich auch jede Entschuldigung meines Erachtens getrost sparen kann, die keinerlei Einsicht in das eigene Fehlverhalten beinhaltet und infolgedessen auch keinerlei Änderung dieses eigenen Fehlverhaltens nach sich zieht. Was soll denn dann das ganze Theater, genauer, diese Schmierenkomödie? Wenn dann gleich wieder die ganze Scheiße von vorn anfängt? Mist bauen – Ärger kriegen – sich entschuldigen – Ärger ebbt ab. Den gleichen Mist bauen – den gleichen Ärger kriegen – sich auf die gleiche Weise entschuldigen – Ärger ebbt wieder ab. Und so weiter und so fort. Es wäre doch viel einfacher und effektiver und für sämtliche Beteiligten entschieden weniger nervtötend, wenn es folgendermaßen abliefe: Mist bauen – Ärger kriegen – überlegen, was an den Vorwürfen dran ist – eigenes Fehlverhalten kritisch reflektieren – eigenes Fehlverhalten ändern – sich währenddessen gegebenfalls entschuldigen – Ärger ebbt ab – Verhalten ändert sich. Punkt. Es ist ja schon lästig genug, dass man überhaupt sauer werden und sich beschweren muss, damit andere Leute merken, dass sie Mist gebaut haben. Aber wenn es dazu führt, dass diese Leute dazulernen und künftig weniger Mist bauen, dann lohnt sich der Aufwand wenigstens. Aber was soll man denn tun, wenn sich gar nichts ändert und man sich jedes Mal völlig umsonst aufregt? Sich nicht mehr aufregen? Ja, das wäre vermutlich das Beste. Ändern tut sich ja eh nichts und dann kann man es auch gleich ganz entspannt nehmen und gelassen reagieren, so wie Albert Camus‘ Sysiphus, der einfach akzeptiert, dass der dämliche Felsbrocken den blöden Berg immer wieder hinunterrollt, so dass man sich den guten alten Sysiphus glücklich vorzustellen hat. Wenn jemand herausgefunden hat, wie man es schafft, sich über die Idiotie, Ignoranz und Borniertheit in der Welt nicht mehr aufzuregen, so möge er mir bitte sein Geheimnis verraten. Meine Dankbarkeit wäre demjenigen Welchen gewiss.

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