Posts Tagged ‘Wahrnehmungsstörung’

Essai 107: Über private Sittenwächter

2. Juni 2013

Heute möchte ich meiner sehr verehrten Leserschaft ein ganz besonders nerviges Exemplar der menschlichen Spezies vorstellen: Den privaten Sittenwächter. Offenbar genügt es vielen Menschen nämlich nicht, dass die professionelle Sittenpolizei ein Auge auf Anstand und Benehmen ihrer Mitmenschen hat. So nehmen sie es selbst in die Hand, zu überwachen, dass auch ja alle die Regeln einhalten. Wobei mit „die“ Regeln, „ihre“ Regeln gemeint sind. Dieser besonderen Gattung aus der Kontrollfreak-Familie ist zwar sehr daran gelegen, alle anderen zu überwachen, doch offenbar nimmt sie diese wichtige Aufgabe so sehr in Anspruch, dass es ihnen nicht möglich ist, auch noch darauf zu achten, ob sie sich selbst an ihre – teilweise völlig abstrusen – Regeln halten. Getreu dem Motto „Tut was ich euch sage, nicht das, was ich tue“ verurteilen sie alle, die sich nicht an ihren Regelkanon halten, drücken dafür aber bei ihrem eigenen Verhalten alle ihnen zur Verfügung stehenden Augen zu.

Ein Beispiel ist der Frührentner, der sich als Knöllchenritter aufspielt. Der sitzt – nehme ich an – den ganzen Tag am Fenster und notiert sämtliche Falschparker (auch, wenn es sich dabei um den Notarzt handelt, der mit dem Helikopter im Halteverbot steht) und geht der Polizei auf die Nerven, indem er alles und jeden anzeigt. Und siehe da, wer bekommt ein Knöllchen, weil er zu schnell gefahren ist? Unser Knöllchenritter, na sowas. Aber hat er das etwa eingesehen und brav seine zehn Euro Strafe gezahlt? Nein, denn ein wahrer Sittenwächter, der lässt sich das nicht gefallen. Der zieht vor Gericht und streitet darum, diese zehn Euro nicht zahlen zu müssen.

Oder man denke an den Kleingärtner, der fast eine ganze Familie gemeuchelt hat, weil die ihre Gartenabfälle nicht ordnungsgemäß entsorgt hatten. Der hat auch vor Gericht keinerlei Einsehen gezeigt. Schließlich wurde er ja auch provoziert und so, da kann er ja nichts für. Aber selbst, wenn die selbsternannte Sittenstasi mal nicht die Leute ermordet oder anzeigt, kann sie extrem nervtötend werden. Zum Beispiel, wenn man gerade an seiner Masterarbeit sitzt und dann aus seiner Konzentration herausgerissen wird, weil ein Sittenwächter sich über ein nach dem Frühstück nicht weggeräumtes Brettchen ereifert. Oder wenn man ein Fenster zumachen will, weil es zieht und dann gleich voller Empörung angepflaumt wird, warum man denn das Fenster zu schließen wage. Oder Leute, die ständig anderer Menschen Sachen nehmen und verbummeln oder kaputt machen oder ausleeren und die leere Packung zurück in den Schrank stellen, oder einem den Kuchen wegessen, den man für eine besondere Gelegenheit aufgespart hatte, oder oder oder … und ausgerechnet DIE weisen einen zurecht, belehren einen und spielen sich als Erziehungsberechtigte auf, wenn man sich selbst mal was ausgeborgt hat.

Sie lauern überall, die privaten Sittenwächter, darauf, dass ihre Mitmenschen irgendetwas „falsch“ machen, damit sie da gleich mit dem Finger drauf zeigen und durch die Gegend posaunen können: „Schaut mal alle her! Dieses infame Geschöpf hat sein Frühstücksbrettchen nicht in die Spülmaschine befördert! Auf den Scheiterhaufen!“ Ich vermute, diese plumpe, diffamierende Strategie der selbsternannten Sittenstasi dient der Ablenkung von eigenen Fehlern. Denn davon haben diese Anstandsterroristen mehr als genug. Da es aber – wie bereits bekannt – ziemlich anstrengend ist, an eigenen Makeln und Macken zu arbeiten, verurteilen diese Nervensägen lieber alle anderen, weil es sie dann vermeintlich besser da stehen lässt. „Guckt mal! Alle mal herhören! Diese sittenwidrige Person hier! Hat den Toilettendeckel offen stehen lassen! (ich bin zwar sonst ein Arschloch, aber den Toilettendeckel klappe ich grundsätzlich zu, das heißt ich bin super)“

Doch was kann man tun, damit einem die Sittenwächter nicht den letzten Nerv rauben? Denn eins steht fest, wenn sie einen auf Schritt und Tritt beobachten und verfolgen, um beim kleinsten Faux-pas (aus ihrer Sicht) gleich los zu krakeelen und Alarm zu schlagen, kann man sich nicht mehr frei bewegen und die Luft zum Atmen kann man auch gleich mal vergessen. Da hilft eigentlich nur Abstand. Damit man sich selbst sagen kann: „Nicht ich bin das Problem. Der/die ist zu allen so. Das ist nicht persönlich gemeint. Er/sie kommt mit sich selbst nicht klar …“ Aber was man tun kann, wenn Abstand keine Option ist, da der Sittenwächter unter dem selben Dach haust, das weiß ich auch nicht.

Essai 100: Über Sexismus, Dirndl und sexuelle Belästigung

3. Februar 2013

Bevor die Sexismus-Debatte, die der Stern-Artikel „Herrenwitz“ von Laura Himmelreich über Rainer Brüderle ausgelöst hat, wieder in der Versenkung verschwindet, will ich zu diesem Thema jetzt auch mal meinen Senf beitragen.

Zum einen ist mir aufgefallen, dass die Sexismus-Debatte nicht nur bedingt in besagtem Artikel thematisiert wird, sondern sich inzwischen auch ganz davon gelöst hat. Allerdings ist sie – fürchte ich – gerade wieder am Verpuffen. Dabei halte ich es für unumgänglich, dass wir im 21. Jahrhundert mal darüber nachdenken, wie wir uns im intergeschlechtlichen Umgang miteinander verhalten. Es geht ja nicht nur darum, dass ein nicht mehr ganz nüchterner älterer Herr einer jungen Frau in den Ausschnitt guckt und plumpe „Komplimente“ macht, sondern Sexismus ist ein tiefsitzendes gesellschaftliches Problem, das uns alle etwas angeht.

Im Übrigen halte ich es für Quatsch, dass Brüderle sich entschuldigt, denn eine Entschuldigung ist nur sinnvoll, wenn Einsicht in eigenes Fehlverhalten vorliegt. Das ist bei Brüderle nicht der Fall, der war meiner Meinung nach einfach so, wie er immer ist, wenn er in den Feierabendmodus geschaltet hat. Frau Himmelreich war noch im Arbeitsmodus und so konnte das Gespräch nicht funktionieren. Das ist klar, dass beide völlig aneinander vorbeireden, wenn sich keiner auf den unterschiedlichen Modus des anderen einstellt. Es wäre vielleicht am klügsten gewesen, hätte sich die Nüchternere (Frau Himmelreich) an dem Abend zurückgezogen und Herrn Brüderle am nächsten Tag noch mal angesprochen. Nichtsdestotrotz kann man sich natürlich fragen, ob das nicht auch schon Sexismus ist, dass Männer machen dürfen was sie wollen und sich fröhlich wie die Höhlenmenschen aufführen können und von den Frauen wird erwartet, dass sie damit umgehen. Jungs sind eben Jungs. Das ist doch Mist!

Ich meine damit nicht, dass die Frauen sich dann dem männlichen Verhalten in solchen Situationen anpassen und sich ihrerseits wie Troglodyten aufführen, sondern ich bin der Meinung, dass Männer sich sehr wohl auch mal zusammenreißen können. Sie mussten es bloß nie und haben es deswegen nicht gelernt. Aber irgendwann sollten sie doch mal damit anfangen.

In unserer Gesellschaft herrscht unterschwellig immer noch die Normvorstellung vor, dass Männer den Frauen naturgemäß überlegen wären. Männer haben mehr Führungspotential, Männer sind das „starke Geschlecht“, Männer können besser mit Geld umgehen, besser rechnen, besser wirtschaften und überhaupt, wer hat denn die ganzen großen Erfindungen und Entdeckungen der Weltgeschichte gemacht? Eben. Dass Galileo, Goethe, Einstein und Konsorten ganz bestimmt eine Frau irgendwo hatten, die den feinen Herrn die Wäsche gewaschen, das Essen gekocht und eventuell vorhandene Kinder umsorgt haben, wird dabei gern verschwiegen. Die Frauen waren einfach viel zu beschäftigt und außerdem auch viel zu unterdrückt als dass sie die Zeit zum Forschen, Dichten und Denken gehabt hätten. Mit Natur und genetischer Veranlagung hat das nichts zu tun. Machen wir aber einen kleinen Zeitsprung ins 21. Jahrhundert, so hat sich doch Einiges geändert. Frauen haben jetzt prinzipiell die gleichen Rechte wie Männer. Aber was im Gesetz verankert ist, ist noch nicht in allen Köpfen angekommen.

Noch immer werden Frauen aus Prinzip schlechter bezahlt als Männer. Noch immer muss man über eine Frauenquote diskutieren, damit mehr Frauen an höhere Positionen kommen. Noch immer denkt man ernsthaft über so etwas Beklopptes wie das Betreuungsgeld nach, damit Frauen dafür belohnt werden, überholte Rollenmuster wieder zu beleben. Noch immer muss sich eine Bundeskanzlerin Angela Merkel gefallen lassen, dass man darüber diskutiert, wenn sie mal ein Kleid mit Ausschnitt trägt. Dass Guido Westerwelle neulich mal Rollkragenpulli statt Schlips und Hemd trug, interessiert keinen Menschen. Nein, Klamotten sind immer noch Frauengedöns. Schminkt man sich als Frau, wird das so gewertet, dass sie den Männern gefallen wolle. Schminkt sie sich nicht, gilt das gleich als ungepflegt. Zieht sie sich figurbetont an, muss sie mit blöden Blicken oder dummen Sprüchen rechnen. Trägt sie nur Kartoffelsack und Gummistiefel hält man sie für eine leicht verrückte Baumliebhaberinnen-Öko-Tussi. Kurz: Wie man es als Frau auch macht, man macht es falsch. Aber beklagen wir uns darüber? Nein. Auch nicht, wenn die Männer zum wiederholten Male herumnölen, die weibliche Emanzipation habe sie metaphorisch entmannt, die Frauen hätten sie zu Konsumtrotteln gemacht, es fehlten ohnehin auch die männlichen Vorbilder und man dürfe ja auch heute gar nicht mehr männlich sein, das allein wäre ja schon ein Verbrechen, blasülz. So ein Schwachsinn. Natürlich dürfen alle noch ihre Penisse und Vaginas behalten, aber der Besitz davon ist doch wohl kein Freifahrtsschein für respektloses Verhalten. Und da gibt es noch reichlich Diskussionsbedarf.

Die immernoch männlich-weiß-heterosexuell geprägten Machtstrukturen werden sich nicht von heute auf morgen auflösen lassen. Aber irgendwo muss man mal damit anfangen, anstatt immer zu leugnen, dass diese Machtstrukturen existieren. Wenn ein flapsiger, dummer und plumper Spruch eines Politikers dazu führt, dass man immerhin mal ins Grübeln kommt, dann fände ich das prima. Ich fürchte aber, diese Strukturen sitzen so fest, das wird im Sand versickern, ohne dass sich etwas ändert. Es sind ja auch nicht einfach nur die Männer schuld. Sondern es ist ein gemeingesellschaftliches Problem, wo auch Frauen mit beteiligt sind. Vielleicht haben wir Mädels uns auch einfach schon viel zu lange viel zu viel gefallen lassen. Vielleicht haben wir nicht genug zusammen gehalten. Vielleicht haben wir nicht laut genug mit dem Fuß aufgestampft und gesagt „es reicht!“ Vielleicht haben wir zu oft über plumpe Scherze gekichert, uns für misslungene Komplimente artig bedankt oder dumme Anmachen höflich ignoriert. Ich weiß es nicht. Jedenfalls ist das noch ein langer Weg zur tatsächlichen Gleichberechtigung von Mann und Frau. Und bevor hier gleich wieder das Gezeter losgeht. Ich bin nicht dafür, dass die Machtstrukturen ins andere Extrem umkippen. Wir sind hier ja nicht bei Penthesilea und ihren Amazonen. Nein, ich bin dafür, dass alle – egal welchen Geschlechts – mit Respekt behandelt werden.

Dann gibt es noch ein Thema, das oft mit Sexismus in einen Topf geworfen wird, das ist sexuelle Belästigung. Die Grenze ist fließend und außerdem immer vom Kontext und den Persönlichkeiten und Hintergründen der beteiligten Personen abhängig. Deswegen ist es sehr schwer, vielleicht sogar unmöglich, da eine allgemeingültige Definition zu finden. Natürlich kann man sagen: „Belästigung ist, wenn sich jemand belästigt fühlt“. Aber das ist gar nicht so einfach. Manchmal fühlt man sich ja auch erst im Nachhinein belästigt und ist im ersten Moment vor allem baff und schockiert. Ist eine unerwünschte Anmache zum Beispiel schon Belästigung? Wenn mich jemand fragt, ob ich mit ihm was essen gehe, obwohl ich überhaupt nichts gemacht habe, das Flirtbereitschaft signalisiert hätte (jedenfalls nicht absichtlich), ist das dann einfach Pech oder schon Belästigung? Schließlich ist das ja auch ganz schön knifflig für Männer, Frauen anzusprechen. Da viele Frauen nach wie vor der Ansicht sind, es läge beim Mann, den ersten Schritt zu wagen und sie anzusprechen, denken immer noch viele Männer, das wäre ihre Pflicht. Nun sind aber die meisten Männer recht ungeschickt im Flirten und benehmen sich wie Trottel, wenn eine Frau ihnen gefällt. Dann machen sie erstmal ewig Feldforschung und fallen dann mit der Tür ins Haus, so dass die Frau völlig überrumpelt ist und gar nicht weiß, was sie davon halten soll. Ihres Wissens hat sie nämlich nichts gemacht. Ich denke, das lässt sich vermeiden, indem man sich erstmal beiläufig kennen lernt und dann kann man sich ja auch anfreunden, wenn es mit einer Beziehung nicht klappt. Na ja. Aber ist dieses Tollpatschig-Plumpe schon Belästigung? Denn, ich fühle mich dann dadurch belästigt, wenn ein Typ mir Avancen macht, bevor man sich überhaupt nett unterhalten hat. Wobei ich auch der Meinung bin, wenn mir einer gefällt, dann sage ich dem Bescheid und solange ich dem nicht sage, dass ich mit ihm eine Beziehung versuchen will, will ich das auch nicht. Alles, was nicht „Ja“ ist, ist „Nein“. Aber ich bin ja nicht Maßstab aller Dinge, also kann ich nicht davon ausgehen, dass Männer das wissen. Erst recht nicht, wenn diese Paddel mit der Tür ins Haus fallen, ohne mich vorher zu kennen.

Aber wenn ich es recht bedenke, das nervt schon ganz schön. Trotzdem – weil die böse Absicht dabei fehlt – würde ich das nicht als sexuelle Belästigung ansehen, die man bei der Polizei anzeigen müsste. Dass die Anmache doof rüberkommt liegt ja nicht daran, dass die Jungs in der Absicht, mir ihren Willen aufzudrücken oder mich wie ein Stück Fleisch respektlos zu behandeln, auf mich zugekommen sind, sondern in der Absicht, mich kennen zu lernen. Also, die Motivation spielt dabei auch eine Rolle, nicht bloß das Gefühl einer Person. Schließlich gehören zur Belästigung ja zwei Personen, nicht nur die Person, die sich belästigt fühlt, sondern auch die, die belästigt. Wenn also der Typ, der mich ungeschickt angegraben hat, nach einer nicht-eindeutig-zustimmenden Reaktion meinerseits nicht locker lässt und versucht mich zu überreden, dann kann man davon ausgehen, dass er mir seinen Willen aufdrücken will und dann ist das Belästigung. Muss man das anzeigen? Nein. Trotzdem finde ich es sehr störend, wenn man versucht, mich zu überreden, wenn ich schon ablehnend reagiert habe. Und jetzt komme mir bitte niemand mit „Ja, wieso, da muss dann die Frau auch einfach mal klipp und klar sagen, dass sie das nicht möchte.“ Der Mann könnte genauso gut auf Körpersprache und Zwischentöne achten, die genau das genauso klipp und klar zum Ausdruck bringen. Ob jetzt eine Frau Himmelreich zu einem Herrn Brüderle sagt „Ich möchte das hier gern professionell halten.“ oder ob sie ihm sagt „Lassen Sie mich in Ruhe, ich möchte nicht, dass sie mich anbaggern“ ist ja wohl genau das Gleiche. Bloß ist das erste höflich und professionell und das zweite unfreundlich und zickig. Wenn ich zu einem Typen sage, der mich angegraben hat: „Ich möchte jetzt lieber mein Buch lesen“ ist das eine höfliche Abfuhr, wenn ich sage: „Verpiss dich, du Idiot, ich will nichts von dir“, bedeutet das genau das Gleiche, aber ich beleidige den anderen damit.

Wie ist das mit anzüglichen Blicken? Belästigung oder nicht? Normalerweise würde ich sagen: Gucken, von mir aus, aber anfassen ist nicht! Aber wenn ich es mir recht überlege, ist das auch schon belästigend, wenn mir einer ununterbrochen auf die Brüste guckt und sich noch nicht einmal die Mühe gibt, weg zu gucken. Jedoch ist auch das etwas, was man als Frau nicht anzeigen würde. Wir denken dann nämlich, wir dürfen uns nicht so anstellen, der macht doch nichts, der guckt doch nur. Miteinander reden? Als ob ein verkappter Lustmolch, der Frauen mit Blicken auszieht ein Einsehen darin hätte, wie sehr sein Verhalten stört. Was ist mit den Männern in der U-Bahn, die sich extra nah an die junge Frau neben ihnen hinsetzen? Was ist mit den Wanderpfoten im Schwimmbad, die wie zufällig an Frauenkörper greifen? Was ist mit den besoffenen Schmierlappen in der Disko, die nicht kapieren, dass „Nein“ auch „Nein“ heißt? Da kann man zwar Anzeige gegen Unbekannt erstatten, aber erstens bringt das doch nichts und zweitens finde ich, das kann man ja wohl nicht nur den Frauen anlasten. Von wegen, selber Schuld, was geht die auch im Schwimmanzug oder Bikini ins Schwimmbad, was setzt die sich in der U-Bahn auch hin und was zieht die sich auch so feminin an, wenn sie tanzen geht. Da finde ich, könnten die werten Herren der Schöpfung doch auch mal ihr Oberstübchen bemühen, ihre kritische Selbstreflexion aktivieren und nicht immer gleich automatisch davon ausgehen, sie wären unwiderstehlich. Von Frauen verlangt man schon seit immer, dass sie sich zusammenreißen. Da kann man doch das gleiche auch mal von den Männern erwarten. Oder etwa nicht?

Essai 97: Über die „Lauter Geisterfahrer“-Mentalität

13. Januar 2013

Ich habe mich ja schon des Öfteren in diesem Blog über Leute aufgeregt, die ihres Erachtens nie Schuld sind und für gar nichts irgendwas können. Heute möchte ich einmal die Grundhaltung dieser anstrengenden Zeitgenossen analysieren. Die ist vergleichbar mit der Attitüde des Typs, der verkehrt herum auf die Autobahn fährt und sich über die ganzen Geisterfahrer aufregt, die ihm entgegen kommen. Dass er derjenige ist, der einen Fehler gemacht haben könnte, ist eine Idee, auf die er niemals kommen würde. Weil es in seiner Welt, seiner Wirklichkeit schlicht nicht vorkommt, dass er sich irrt. Und sollte irgend ein Todesmutiger es wagen, ihn auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, dass er gegebenenfalls eventuell vielleicht nicht ganz so richtig liegt, dann ist aber Schluss mit lustig. Ist doch wahr. Was erlaubt der sich.

Übrigens ist diese „Lauter Geisterfahrer“-Mentalität meiner Beobachtung zufolge ein recht weit verbreitetes Phänomen. Nun ist es aber natürlich eine der kniffligen Seiten der „Alle machen alles falsch nur ich nicht“-Attitüde, dass man selbst gar nicht merkt, dass man diesem Irrglauben aufgesessen ist. Im Grunde genommen gehe ich ja auch wie selbstverständlich davon aus, dass ich was Besseres bin als die Wirklichkeitsverdreher, die ich hier kritisiere. Vielleicht ist ja meine Sicht der Dinge auch totaler Quatsch und ich merke das gar nicht. Bis zu einem gewissen Grad muss man wohl auch davon ausgehen, dass man selbst richtig liegt, sonst wird man ja bekloppt und kommt gar nicht mehr von der Stelle. Widmen wir uns also wieder dem übertriebenen Phänomen des Sich-selbst-für-unfehlbar-haltens. Mit solchen Leuten kann man ja auch überhaupt nicht reden, weil sie sowieso alles besser wissen. Ich frag mich nur: Wenn sie alles TATSÄCHLICH besser wissen, dann ist doch alles gut. Warum sind sie dann gleich beleidigt und pampig, unwirsch, unsachlich und gemein, wenn man den Wahrheitsgehalt ihrer Aussagen dreisterweise anzweifelt? Wenn ich dermaßen die Weisheit mit Löffeln gefressen hätte, dass ich die Antworten auf alle Fragen wüsste (außer „42“, versteht sich), dann würde ich mich doch freuen und mein Allwissen mit meinen Mitmenschen teilen, damit jeder was davon hat. Anstatt dann so mürrisch und übellaunig darauf zu warten, dass irgendein Wicht mein allumfassendes Tausendsassatum anzuzweifeln sich erfrecht, um diesen dann aus meiner Sicht verdientermaßen in der Luft zu zerfetzen.

Ohnehin kann man mit Menschen, die alle anderen als ihre Feinde betrachten, die absichtlich alles falsch machen, nur um sie zu ärgern, nicht viel mehr machen, als ihnen bestmöglich aus dem Weg zu gehen. Man kann ihnen sowieso nichts recht machen. Fragt man sie, was man für sie tun kann, hätten sie eigentlich erwartet, dass man von alleine drauf kommt. Fragt man sie nicht und macht einfach, was man selbst für richtig hält, tut man garantiert das Gegenteil von dem, was sie gewollt hätten. Und dann regnet es zuverlässigerweise Vorwürfe, die die Sich-permanent-angegriffen-fühlenden sich aus irgendwelchen küchentischpsychologischen Astro-Esoterik-Ratgebern zusammengeklaut haben oder wahlweise aus qualitativ fragwürdigen Fantasyfilmen. Dann geht das los mit: „Du musst lernen loszulassen, nie nimmst du Rücksicht, werde endlich erwachsen, du darfst vor deinen Problemen nicht davonrennen, ich bin dir doch völlig egal, meine Gefüüüüüüüüühle sind dir doch gar nicht wichtig, aber hör auf, dich einzumischen und überhaupt, nie fragst du mal nach, wie es mir geht, du fragst zwar, aber nicht mit dem richtigen Tonfall, ich merk das doch, du meinst das nicht ehrlich, jammerschluchzheul…“ – Anstrengend.

Mit solchen Leuten auszukommen ist auf Dauer ein Ding der Unmöglichkeit. Ich sag das ja nur ungern, sonst bin ich ja meines Zeichens unverbesserliche Optimistin, aber an den „Lauter Geisterfahrer“-Überzeugungstätern beiße ich mir die Zähne aus. Beratungsresistenz, Lernimmunität, Unbelehrbarkeit, Uneinsichtigkeit, Kritikunfähigkeit und – das Schlimmste – nichtvorhandene Sensibilität bei gleichzeitigem Überempfindlichsein gegen alles und jeden, machen diese Menschen zu asozialen Arschlöchern, die einem das Leben zur Hölle machen. Und das ist noch nett ausgedrückt. Aber sie können ja nichts dafür, denn ihre Mutter hat ihnen im zarten Alter von vier Jahren mal Spinat zu essen gegeben, obwohl sie Würstchen wollten oder sie wurden von ihrem Hamster gemobbt, als sie zehn Jahre alt waren oder in der Schule fand mal einer den Pulli doof, den sie anhatten oder sie waren das Jüngste von mehreren Geschwistern oder oder oder. Und das nimmt man dann als Vorwand und Begründung, warum man sich wie ein Riesenarschloch benimmt. In Ermangelung konkreter Vorkommnisse, die den eigenen miesen Charakter verschleiern sollen, kann man sich auch einfach einbilden, das wahlweise die Mutter, der Vater oder beide einen nie wirklich geliebt haben. Davon ausgehend findet man dann bei ausgiebiger Suche auch bestimmt genug Hinweise, die das untermauern und schon hat man allen Grund, andere Menschen wie Dreck zu behandeln. Super.

Wer nun glaubt, ist doch alles prima, die armen Tropfe sehnen sich nur nach ein bisschen Liebe, Frieden und Herzenswärme, der irrt. Nein, mittlerweile glaube ich, es geht wirklich hauptsächlich darum, dass sie sich scheiße fühlen und überhaupt nicht einsehen, dass es irgendwem in ihrer Nähe nicht genauso scheiße geht und deswegen unternehmen sie alles, um dem entgegen zu wirken. Wäre ja auch noch schöner. Am Ende würden sie sich von der guten Laune ja noch anstecken lassen und dann wüssten sie nichts mehr mit sich anzufangen. Die „Alle sind gegen mich“-Haltung ist dann schon zur zweiten Haut geworden, wo man sich ja irgendwie dann auch ganz heimelig und vertraut fühlt. Lieber ein Unglück, das man kennt, als ein eventuelles Glück, das im Ungewissen verborgen ist. Übrigens wäre es ein unverzeihlicher Faux-pas, solchen Zeitgenossen gegenüber Mitleid oder Mitgefühl zu zeigen. Dann kriegt man nämlich die geballte Ladung Kratzbürstigkeit ab, was einem denn einfiele, man komme sehr wohl allein zurecht und man brauche keine anderen Menschen und Mitleid oder Mitgefühl sowieso schon mal gar nicht. Wer nun denkt: Moooment, weiter oben hat sich doch der fiktive exemplarische Störenfried doch noch darüber beklagt, dass niemand auf seine Gefühle Rücksicht nehme und nun beschwert sich derjenige über Mitgefühl? Ja, was denn nun? Was will er denn dann? Das weiß wohl keiner. Am Allerwenigsten noch der Störenfried selbst.

Essai 93: Über Entschuldigungen als Allzweckmittel nach dem Tritt ins Fettnäpfchen

23. September 2012

Als Europäerin schaue ich zuweilen mit einer Mischung aus Verwunderung, Belustigung und Entsetzen zu unseren Freunden jenseits des großen Teichs hinüber und beobachte ungläubig das eigenartige Treiben, das vor allem in Wahlkampfzeiten seine Blüten entfaltet. Ohne parteiisch erscheinen zu wollen… ich habe den Eindruck, insbesondere die republikanischen Kandidaten haben ein Talent dafür, in jedes bereit stehende Fettnäpfchen mit beiden Beinen hineinzuspringen und darin überhaupt kein Problem zu sehen. Ist es auch nicht. Solange man sich hinterher einfach jedes Mal artig dafür entschuldigt. Dann kann man ruhig den größten Unfug und unmöglichsten, reaktionärsten Bockmist verzapfen, wenn man hinterher behauptet, es täte einem leid, man habe vielleicht den Grundgedanken etwas holprig formuliert, ist alles wieder in Butter.

Dieses Prinzip gilt übrigens nicht nur für Politiker. Auch verwöhnte, weltfremde Hotelerbinnen – nennen wir sie exemplarisch Paris H. – haben entdeckt, dass sie problemlos einfach mal ein paar homophobe Bemerkungen in den Raum stellen können und es niemanden juckt, sofern sie hinterher sagen, es täte ihnen leid. Diese Art der Entschuldigung hat allerdings nichts mit dem zu tun, was ich in meinem Essai über chronische Entschuldigeritis und Rechtfertigungszwang beschrieben hatte. Das Verhalten, das ich dort meinte, beruhte darauf, dass einem die Dinge, für die man sich entschuldigt, wirklich leid tun. Auch, wenn man es dabei mit dem schlechten Gewissen reichlich übertreibt. Das Verhalten, das ich in diesem Falle zu monieren gedenke, ist eine bewusste Strategie und Taktik, damit etwaige Kritiker aufhören, einem auf den Keks zu gehen mit ihren Einwänden. Das, wofür man sich entschuldigt, tut einem mitnichten leid, man hat nur gemerkt, dass das nicht so super ankommt. Hätte es keinen Ärger gegeben, hätte es einem auch nicht angeblich leid getan. Ohnehin: Wenn einem etwas wirklich leid tut, bemüht man sich, das in Zukunft zu vermeiden oder zumindest zu reduzieren, was dieses Leidtun provoziert hat.

Beim republikanischen Präsidentschaftskandidaten in den USA hat dieses Verhalten ja wirklich schon System, so dass man nicht davon ausgehen kann, er hätte begriffen, wofür er sich da eigentlich jedes Mal entschuldigt. Kaum ein Tag vergeht, ohne dass neue Internetvideos, Fernsehmitschnitte oder Berichte die Runde machen, in denen dieser Kasper seine schlichtweg unmögliche Weltsicht zum Besten gibt. An einem Tag sagt er einem schwulen Veteranen ins Gesicht, dass er gegen die gleichgeschlechtliche Ehe ist, während dessen Ehemann direkt daneben sitzt. Übrigens nutzt er dabei die gleichen hirnverbrannten ‚Argumente‘ wie hierzulande (das scheint also eine Gemeinsamkeit von bornierten Schwachköpfen quer über den Erdball zu sein und ist nichts typisch Amerikanisches): Man wolle das halt nicht, weil ist so, aus Prinzip und so, weil man das halt nicht will, da könne ja jeder kommen und die Ehe sei nun mal eben nur für zwischen Mann und Frau bestimmt, schließlich habe man das im Mittelalter auch so praktiziert und überhaupt, und damit Basta. Besonders gerne aber lästert der feine Herr über Nicht-Reiche, die schließlich, seien wir doch ehrlich, an ihrem Schicksal selbst Schuld sind. Sie hätten ja schließlich auch einfach reich werden können, dann wären sie jetzt nicht nicht reich. Sowieso sei das nicht nachzuvollziehen, warum sie nicht einfach mehr Geld haben, es ist doch viel schöner reich und gesund zu sein, als arm und krank. À propos krank: Da wollen doch die Wähler seines politischen Gegners tatsächlich eine gesetzliche Krankenversicherung haben, diese Schmarotzer, dieses faule Pack, das sich weigert, gesund zu bleiben. Eine Frechheit ist das, alles bolschewistische, tiefrote, sozialistische Kommunisten, die mit ihrem Bestreben, das Gemeinwohl zu fördern, in Wahrheit doch nur die persönliche Freiheit von gewissen egomanischen Hajopeis anzugreifen trachten. Dass man manchmal über starrsinnige Dickköpfe hinweg die Menschen zu ihrem Glück zwingen muss, ist wohl noch nicht überall angekommen. Sozialstaat bedeutet ja nicht, dass man gleich alle enteignet und sich als Diktator dran bereichert, während alle anderen verhungern und sich gegenseitig bespitzeln und alle, die sich dagegen wehren ins Gefängnis gesteckt oder umgebracht werden. Sozialstaat bedeutet genau das Gegenteil. Dass man Hilfsbedürftigen unter die Arme greift, damit alle die gleichen Chancen haben. Von Geburt an hat man die nämlich nicht.

Leitwerte, wie das der Freiheit, in allen Ehren, aber – bei allem Respekt – wenn das nur hohle Floskeln bleiben, die jeder Idiot in die Gegend posaunt und dahinter steckt nur heiße Luft, dann kann man sich das auch sparen. Genau so wie man sich auch jede Entschuldigung meines Erachtens getrost sparen kann, die keinerlei Einsicht in das eigene Fehlverhalten beinhaltet und infolgedessen auch keinerlei Änderung dieses eigenen Fehlverhaltens nach sich zieht. Was soll denn dann das ganze Theater, genauer, diese Schmierenkomödie? Wenn dann gleich wieder die ganze Scheiße von vorn anfängt? Mist bauen – Ärger kriegen – sich entschuldigen – Ärger ebbt ab. Den gleichen Mist bauen – den gleichen Ärger kriegen – sich auf die gleiche Weise entschuldigen – Ärger ebbt wieder ab. Und so weiter und so fort. Es wäre doch viel einfacher und effektiver und für sämtliche Beteiligten entschieden weniger nervtötend, wenn es folgendermaßen abliefe: Mist bauen – Ärger kriegen – überlegen, was an den Vorwürfen dran ist – eigenes Fehlverhalten kritisch reflektieren – eigenes Fehlverhalten ändern – sich währenddessen gegebenfalls entschuldigen – Ärger ebbt ab – Verhalten ändert sich. Punkt. Es ist ja schon lästig genug, dass man überhaupt sauer werden und sich beschweren muss, damit andere Leute merken, dass sie Mist gebaut haben. Aber wenn es dazu führt, dass diese Leute dazulernen und künftig weniger Mist bauen, dann lohnt sich der Aufwand wenigstens. Aber was soll man denn tun, wenn sich gar nichts ändert und man sich jedes Mal völlig umsonst aufregt? Sich nicht mehr aufregen? Ja, das wäre vermutlich das Beste. Ändern tut sich ja eh nichts und dann kann man es auch gleich ganz entspannt nehmen und gelassen reagieren, so wie Albert Camus‘ Sysiphus, der einfach akzeptiert, dass der dämliche Felsbrocken den blöden Berg immer wieder hinunterrollt, so dass man sich den guten alten Sysiphus glücklich vorzustellen hat. Wenn jemand herausgefunden hat, wie man es schafft, sich über die Idiotie, Ignoranz und Borniertheit in der Welt nicht mehr aufzuregen, so möge er mir bitte sein Geheimnis verraten. Meine Dankbarkeit wäre demjenigen Welchen gewiss.

Essai 91: Über selbsterfüllende Prophezeiungen

13. Juli 2012

Wie es der Zufall so will, ist heute mal wieder Freitag, der 13. und in den sozialen Netzwerken kursiert die Frage: Was tun? Dran glauben und sich verkrümeln oder drauf gepfiffen? Die meisten antworten todesmutig, das sei doch alles Quatsch. Ich aber glaube, das ist mit Freitag, dem 13. genau so, wie mit allen Glaubensfragen, ob es sich nun um Religion oder Aberglauben handelt, ist ja eh das gleiche Prinzip. Bevor mich nun alle hauen, weil ich sämtlichen Glaubens-Kladderadatsch in einen Pott geschmissen habe, möchte ich kurz erklären, warum ich keinen Unterschied zwischen Glauben und Aberglauben mache:

Heute geht es mir um die Macht der Autosuggestion oder anders gesagt, der selbsterfüllenden Prophezeiungen. Machen wir mal eine kleine Zeitreise, in eine Zeit, als es noch keine drei großen Weltreligionen gab, die unterschiedliche Bezeichnungen für vergleichbare Phänomene zum Anlass nehmen, sich dauernd zu streiten und sich gegenseitig die Köpfe einzuhauen. Es gab da einmal einen Mann, der hieß Ödipus. Sein Vater war König von Theben im antiken Griechenland und die glaubten damals an die Weissagungen eines Orakels. Dieses Orakel sagte also zum König: „Pass auf, König, deine Frau wird dir einen Sohn gebähren, der wird dich aber umbringen und seine Mutter heiraten.“ Der König dachte sich: „Oha. Das ist aber blöd, ich bin gern am Leben und Inzest ist ja auch irgendwie von wegen genetischer Vielfalt etwas fragwürdig. Bring ich den mal um, meinen Erstgeborenen“. Gesagt, getan. Na ja. Nicht ganz getan. Weil der König sich selbst nämlich nicht die Hände schmutzig machen wollte und er ja ohnehin auch Leute hat für so unangenehme Aufgaben, hat er einen Diener damit beauftragt, den kleinen Ödipus abzumurksen. Dann hat aber der kleine Ödipus den Diener so süß angeschaut, dass der das nicht übers Herz brachte und ihn dann lieber einer anderen Familie anvertraute. Als Ödipus größer war und nichts von seiner wahren Herkunft wusste, bekam er auch eines Tages vom Orakel eine Weissagung: „Pass mal auf, Ödipus. Du wirst deinen Vater umbringen und deine Mutter heiraten.“ Darauf dachte sich Ödipus ganz pfiffig: „Oha, das ist ja blöd, dann haue ich mal schnell ab, bevor ich meine Eltern ins Verderben stürze.“ Gesagt, getan. Unterwegs auf seiner Flucht vor dem Schicksal trifft er auf einen Verkehrsrowdy, der ihn in seinem Pferdewagen anrempelt. Als richtiger Mann kann man derlei Schmach natürlich nicht auf sich sitzen lassen und im Streit bringt Ödipus den Kerl um, nicht ahnend, dass das in Wirklichkeit sein Vater war. Er kommt nach Theben, das von der Sphinx besetzt gehalten wird und die erst gedenkt, zu verschwinden, wenn man ihr Rätsel löst. Wer aber ihr Rätsel löst, soll zur Belohnung die Königin zur Frau erhalten. Wir ahnen was passiert, die Sphinx sagt: „Was hat am Morgen vier Beine, am Mittag zwei und am Abend drei?“ Ödipus sagt: „Der Mensch, als Baby krabbelt er auf vier, als Erwachsener läuft er auf zwei und als alter Mensch stützt er sich auf seinen Krückstock, läuft also auf drei Beinen“ und zack – bekommt er die Königin zur Frau. Dass das seine leibliche Mutter ist, erfährt er erst etwa 20 Jahre und vier Kinder später, woraufhin er sich die Augen aussticht, mit der Nadel, mit der sich zuvor die Königin umgebracht hat.

Hätte Ödipus‘ Vater seinen Sohn einfach am Leben gelassen und auf die Weissagung des Orakels nichts gegeben, wäre gar nichts passiert. Hätte Ödipus gleichermaßen die Weissagung des Orakels ignoriert, wäre auch nichts passiert. Man kann sich natürlich fragen, warum sie überhaupt das Orakel befragt haben, wenn das immer so furchtbare Weissagungen vom Stapel lässt, aber sonst gäbe es ja keine Geschichte. Sigmund Freud hat nun diese Geschichte zum Anlass genommen, sein psychoanalytisches Konzept des Ödipus-Komplexes und der Kastrationsangst auszuklamüsern. Mich interessiert aber ein anderer Aspekt: Der, dass Ödipus und sein Vater so sehr versucht haben, etwas zu vermeiden, dass es dadurch überhaupt erst eingetreten ist.

Somit kehren wir zurück in die Gegenwart und zum Freitag, den 13. Wenn ich jetzt den ganzen Tag über herumlaufe und denke: „Hoffentlich passiert nichts Schlimmes, hoffentlich passiert nichts Schlimmes!“ dann passiert garantiert irgendwas Schlimmes. Während ich dann versuche, der einen Katastrophe auszuweichen, laufe ich direkt in die nächste. Habe ich es gerade so eben geschafft, mich vor der schwarzen Katze, die von rechts nach links über die Straße juckelt, in Sicherheit zu bringen, bin ich vielleicht mit einem beherzten Sprung in den Brenesseln gelandet.

Diese selbsterfüllenden Prophezeiungen sind aber nicht nur am Freitag, dem 13. wirksam, sondern ganz allgemein. Wenn ich zum Beispiel mit der inneren Überzeugung durch die Gegend trotte, keiner habe mich lieb, immer hätte ich Pech und sowieso sei alles scheiße und die Welt schlecht und alle gemein zu mir, dann kann mich kein noch so freundlicher Mitmensch davon überzeugen, dass dem nicht so ist. Die innere Einstellung färbt nämlich meine Sichtweise und bewertet alles so, dass es zu ihr passt. Die Autosuggestion ist ziemlich hartnäckig und fühlt sich pudelwohl in unseren Wirklichkeits- und Identitätskonstrukten. Wir halten das dann für die Wahrheit, was die selbsterfüllende Prophezeiung uns einredet und stellen es nicht in Frage, weil das sonst unser Weltbild wie ein Kartenhaus zusammenplumpsem ließe und dann müssen wir alles neu wieder aufbauen und das nervt. Dann lieber Nervkram, den man schon kennt. Wie sehr man aber seine Mitmenschen damit nervt und quält, wenn man ihnen ständig mit Misstrauen begegnet, weil man sich durch Autosuggestion davon überzeugt hat, dass grundsätzlich alle einem Böses wollen und einem nach dem Glück trachten und alle neidisch sind auf einen, wegen was-auch-immer, das macht man sich nicht klar. Und irgendwann hat dann keiner mehr Lust, sich auch nur ansatzweise zu bemühen, den eingebildeten Pechvogel zu überzeugen, dass er es NICHT böse mit dem selbsternannten Unglückswurm meint, dass er alles versucht, um ihn glücklich zu machen und wenigstens einmal lächeln zu sehen, dass er sich allergrößte Mühe gibt, Verständnis und Empathie für das kleine Häufchen Selbstmitleidselend aufzubringen. Und wenn es dann soweit ist, dass selbst der geduldigste, netteste Mensch der Welt keine Lust mehr hat, alles Mögliche zu versuchen, um den Quälgeist aus seinem Sumpf zu holen, da derjenige sich auch offensichtlich darin wohl fühlt und gar nichts ändern will, dann hört der eben irgendwann mal auf damit, es zu versuchen. Und dann hat sich die Prophezeiung, dass alle einen eines Tages enttäuschen werden und alle gemein sind und man sich auf nichts und niemanden verlassen kann, von selbst erfüllt.

Das geht natürlich auch in die andere Richtung. Wenn ich zuversichtlich durch die Gegend hopse und mir sage, das wird schon alles irgendwie hinhauen, wenn ich mir etwas Mühe gebe und meinen Mitmenschen so lange wohlwollend begegne, bis sie mir konkret irgendwas getan haben (zum Beispiel mir ein beschissenes Zeitschriften-Abo unterjubeln), dann werde ich merken, dass die meisten Menschen einem ebenfalls freundlich begegnen und nicht aus purer Bösartigkeit oder weil sie grad nichts Besseres zu tun haben, sich irgendwelche Intrigen gegen meine Person ausdenken, irgendwelche Ränke schmieden und Verleumdungskampagnen anleiern. Natürlich gibt’s hin und wieder solche Psychopathen, die aus Spaß an der Freude böse zu allen sind. Aber die sind extrem selten. Meistens sind es doch irgendwelche verkappten eingebildeten Unglücksraben, die meinen, sie würden sich an der Welt rächen, bevor sich die Welt an ihnen rächt (warum auch immer die Welt mit so einem Mumpitz ihre kostbare Zeit verplempern sollte). Soweit kann die selbsterfüllende Prophezeiung nämlich auch gehen, dass man proaktiv einfach mal alle scheiße behandelt, weil die nämlich sonst eh vorgehabt hätten, einen scheiße zu behandeln, also kommt der Durchschnittsparanoiker allen potentiellen Feinden (also allen) einfach mal ganz ausgebufft zuvor: „Aber nicht mit mir, ich bin ein schlaues Kerlchen, jawoll, ich seh das nämlich an ihren Augen, Hahahaaa, dass die mir alle Böses wollen, die wollen an meinen Schaaaatz, und mich bestehlen und mich betrügen, aber denen werde ich zuvor kommen, wäre doch gelacht, Gnihihihi!“

Dabei ist es doch so viel entspannter, nicht ständig auf der Lauer sein zu müssen und nicht ständig neidisch und missgünstig auf andere Leute zu schielen und sich nicht immer den Kopf darüber zu zermartern, was andere haben und ich nicht, was ich aber gerne hätte und bla bla bla. Da wird man doch bescheuert bei. Es ist viel lustiger, einfach zu gucken, was man hat und daraus dann das Beste zu machen, anstatt immer nur herumzunölen, weil man dies oder das NICHT hat. Außerdem muss man ja wohl auch ein bisschen was dafür tun, wenn man was haben will. Sich einfach hinstellen und sagen, so, ich will das jetzt aber haben und zwar sofort! und dann aber überhaupt nichts dafür zu tun, ist nichts weiter als kontraproduktiv. Wenn mir jemand einen Haufen Mist vor die Füße knallt, habe ich etwa drei Möglichkeiten:

1.) Ich heule rum und versinke in Selbstmitleid und frage mich, wieso eigentlich immer mir der ganze Mist vor die Füße geklatscht wird und alle sind so gemein zu mir und keiner hat mich lieb und sowieso und überhaupt.

2.) Ich mache einen Riesenterz, verlange den Vorgesetzten des Mistlieferanten zu sprechen, schließlich könne das ja nicht angehen, die sollen sich um ihre Scheiße alleine kümmern und was das eigentlich solle, keiner außer mir arbeitet hier, um alles muss ich mich selber kümmern, die Welt hat sich gegen mich verschworen, und das ja keiner glaubt, ich hätte das nicht gemerkt, dass alle hinter meinem Rücken über mich tuscheln und die sägen alle an meinem Stuhl, weil ich denen zu gut bin und das weiß bloß keiner zu schätzen und… Zack: Burnout, Magengeschwür, Herzinfarkt.

3.) Ich schau mir den Misthaufen genauer an, überlege kurz, was man draus machen könnte und verkaufe den Dreck als Bio-Dünger. Schon habe ich aus Scheiße Gold gemacht.

Nun kann sich ja jeder aussuchen, welche Einstellung er als am zweckdienlichsten erachtet. Genau so, wie negative selbsterfüllende Prophezeiungen einen erst Recht ins Unglück stürzen, können positive selbsterfüllende Prophezeiungen einem helfen, die Dinge, die einen im Leben stören, anzupacken und zu ändern.

So, und jetzt reicht’s mir für heute mit der Küchentischpsychologie.

Essai 82: Über die Leiden eines Frustableiters

22. Februar 2012

Es gibt ja so Leute, die sind nie Schuld. Nie! Es liegt grundsätzlich immer an ‚den Anderen‘ wenn irgendetwas schief läuft oder ihnen nicht passt (und diesen pflegeintensiven Zeitgenossen passt ständig irgendetwas nicht). Da sind sie dann auch absolut konsequent in ihren Prinzipien (‚Die Anderen‘ sind an allem Schuld!) und lassen nicht mit sich diskutieren. Interessanterweise halten sie das allen Ernstes für Stärke und Selbstbewusstsein. Häufig sind diejenigen welchen mit einem hohen pädagogischen Eifer und Sendungsbedürfnis ausgestattet, so dass es ihnen nicht genügt, im Stillen zu wissen, dass ‚die Anderen‘ an allem Schuld sind, sondern dass sie ‚die Anderen‘ zu jeder sich bietenden Gelegenheit lauthals über diesen Sachverhalt informieren müssen. Für diesen kostenlosen Unterricht im Fach ‚Schuldzuweisung‘ erwarten sie in der Regel auch noch Dankbarkeit, Einsicht in die eigenen Fehler (und zwar ehrlich! Bitteschön!!), sowie Rücksichtnahme auf ihr schweres Los, die ‚Anderen‘ ertragen zu müssen.

Nun gibt es drei Arten, darauf zu reagieren. Man kläfft zurück, man ignoriert es oder man nimmt es sich zu Herzen. Am geschicktesten ist es wohl, es einfach zu ignorieren. Wobei ‚einfach‘ nicht so einfach ist. Wenn man nicht völlig unsensibel ist, stört es einen irgendwann doch, von selbstgerechten Kotzbrocken als Frustableiter missbraucht zu werden. Und dann kläfft man zurück oder nimmt es sich zu Herzen. In diesem Fall ist Zurückkläffen zwar für die Beziehung zu diesem Stinkstiefel nicht unbedingt förderlich, dafür aber dem eigenen Seelenheil äußerst zuträglich. Bei Letzterem ist es umgekehrt. Der fiese Choleriker ist für’s erste besänftigt, aber man selbst hat sich somit ein Abonnement auf die Position des Frustableiters, auch bekannt als Prügelknabe und seelischer Mülleimer, gesichert. Da heißt es abwägen: Will man die Beziehung nicht ruinieren, hält die Klappe und ist der Arsch? Oder ist einem der Scheißtyp wurscht und man ist eher am eigenen Seelenheil interessiert, dann ist zwar die Beziehung im Arsch, aber man selbst nicht?

Das kann eine ganz schön knifflige Angelegenheit werden. Vor allem, wenn man selbst jemand ist, der grundsätzlich erst mal versucht, den anderen Menschen zu verstehen, sich geduldig seine Probleme anzuhören und auch eigene Fehler kritisch zu beleuchten. Diese zunächst positiv anmutenden Charaktereigenschaften sind nämlich ideal, um zum Chef-Frustableiter befördert zu werden. Und ist man erst mal in dieser Rolle drin, kommt man da so leicht nicht wieder heraus. Da kann man sonst noch so vernünftige, objektiv einleuchtende, gut durchdachte Argumente für seinen Standpunkt in einem noch so freundlichen, diplomatischen, sachlichen Tonfall vorbringen, da kann man noch so sehr betonen, dass seiner Hochwohlgeboren dies nicht als persönlichen Angriff auf sich auffassen soll, das Drama ist vorprogrammiert. Und da Frustableiter überdies selbst niemanden zum Frust ableiten haben, selbst auch nie auf die Idee kämen, ihre Scheißlaune an Unschuldigen auszulassen, sind sie mit ihrem Ärger ganz allein.

Und jetzt alle: Ooooooooooooooooooooooh

Im Ernst, das ist echt gemein, andere Leute anzubrüllen und zu beleidigen, obwohl die gar nichts gemacht haben. Man kann doch auch freundlich erzählen, was einen bedrückt, anstatt immer gleich loszupoltern, Vorwürfe aus der Luft zu greifen und die abstrusesten Schuldzuweisungen zurecht zu schustern, nur um sich nicht eingestehen zu müssen, dass man selbst vielleicht auch seinen Teil dazu beigetragen hat, dass nicht alles optimal läuft. Das ist doch überhaupt nicht schlimm, es ist doch niemand perfekt. Und nur seine eigenen Fehler kann man auch wirklich ändern. Allerdings nicht, wenn man so tut, als wären es die Fehler aller ‚Anderen‘. Dann ändert sich nämlich gar nichts, weil die eigentliche Ursache unerkannt bleibt. Manchmal reicht es doch auch schon, seine eigene Erwartungshaltung zu hinterfragen. Vielleicht ist die einfach unrealistisch und dann ist das klar, dass man ständig angepisst ist, weil immer irgendwas nicht so läuft, wie man erwartet. Oder man kann sich auch mal in die Lage der ‚Anderen‘ versetzen und sein eigenes Verhalten beleuchten und prüfen, ob man nicht manchmal auch einfach nett, großzügig und nachsichtig sein kann. Das ist langfristig betrachtet auch viel besser für die Selbstsicherheit, als immer alle anzupflaumen, weil man sich dann als was Besseres fühlen kann. Man muss dann nur aufpassen, nicht selbst zum Frustableiter zu werden. Das geht ja nicht darum, dass man schon als cholerischer, dauergefrusteter, übellauniger Blödian auf die Welt kommt, dass einem das in den Genen liegt oder so, sondern es ist eine Frage von Gewohnheit und von Verhalten. Von Dingen, die man ändern kann. Das ist dann nämlich tatsächliche Stärke und wirkliches Selbstbewusstsein. Es geht nicht darum, keine Fehler zu haben, sondern seine Fehler einzusehen und – jetzt kommt’s – an ihnen zu arbeiten, um sie Stück für Stück erträglicher zu machen. Sonst hat nämlich irgendwann selbst der emotional erpressbarste Frustableiter die Nase voll und verdrückt sich und der Stinkstiefel steht alleine da und sieht immer noch nicht ein, dass er selber schuld ist. Dass nicht die ‚Anderen‘ ihn im Stich gelassen, sondern er alle vergrault hat. Und das ist dann richtig frustrierend.

Essai 74: Über Selbstbetrug und den gegenteiligen Effekt übertriebener Selbsaffirmation

12. Juni 2011

Eigentlich bin ich normalerweise ein ziemlich netter Mensch. Ich lasse den Leuten ihre Illusionen, selbst wenn es noch so offenkundig ist, dass sie sich gerade selbst belügen. Ich finde, das geht mich nichts an. Außerdem möchte ich auch, dass man mir meine Illusionen lässt (zum Beispiel die, dass ich eigentlich normalerweise ein ziemlich netter Mensch sei) und grundsätzlich versuche ich immer, das, was ich von anderen erwarte, erst einmal selbst zu erfüllen. Nein, wirklich! Ich schwöre! Ich bin nämlich eigentlich normalerweise ein ziemlich netter Mensch. Ohne Scheiß! Das meine ich wirklich so. Kein Witz.

Was ich gerade vorgeführt habe ist übertriebene Selbstaffirmation. Das ist die wohl verbreitetste Methode, ziemlich ungeschickt zu versuchen, sich selbst davon zu überzeugen, dass das, was man von sich selber denkt oder was man gerne für die Wahrheit halten möchte, auch tatsächlich die Wahrheit ist. Was bei den Außenstehenden ankommt ist eher das Gegenteil. Denn warum muss man sich überhaupt erst einmal von etwas überzeugen, das einfach so ist, wie es ist? Sprich, wenn ich ein netter Mensch bin, dann bin ich das einfach und dann wird das meine Außenwelt schon mitbekommen, durch die Art, wie ich mich verhalte, durch meine Handlungen, meine Ausstrahlung, was weiß ich. Wenn ich aber meine Zeit damit verschwende, herumzutröten wie unglaublich nett ich doch im Grunde sei, dann fragen sich doch alle Außenstehenden zu Recht, warum die denn da so herumtrötet, hat sie was zu verbergen, was hat sie zu verbergen, die ist bestimmt in Wirklichkeit gar nicht nett, die blöde Kuh.

Natürlich sind wir alle bemüht, ein möglichst positives Selbstbild von uns aufzubauen und aufrecht zu erhalten. Dass wir uns dabei dem Mittel der Selbstaffirmation bedienen („Ich bin ja mehr so und so und ich bin ja eher so der Dingsdabums-Typ und nicht so sehr der Blabla-Tralala-Typ…“) ist wohl ganz natürlich. Aber wir kennen sicherlich alle diese unglaublich blasierten, selbstverliebten Schnösel, die die Selbsaffirmation zur einzigen Daseinsgrundlage erklärt haben und unentwegt sich selbst definieren. Und dabei gar nicht merken, dass das nicht nur keine Sau interessiert, sondern dass es sowieso auch keiner glaubt. Wen interessiert das denn zum Beispiel ernsthaft, ob jemand eher der Wasser-mit-wenig-Kohlensäure-Typ ist oder der Wasser-mit-viel-Kohlensäure-Typ? Und wenn jemand mich stundenlang zutextet, wie absolut wundervoll doch das Leben als ewiger Junggeselle sei, weil man ja tun könne was man wolle und keiner rede einem dazwischen und überhaupt wären Frauen ja auch sowas von anstrengend und meckern dauernd rum und  verstehe einer die Frauen und ganz klar, ohne Frauen sei man besser dran, No woman, no cry, Hahahaha, Blablablabla-Sülz-Schwafel-Laber-Rhabarber… *Schnarch* – Oh – Sorry – ähm – wo war ich stehengeblieben? Ach ja, also wenn mich jemand derart zutextet, dann merke ich doch gleich, unser möchtegern-misogyner Trottel ist einfach ein armer Tropf, der schlichtweg nicht weiß, wie er auf Frauen zugehen soll und weil er sich aber nicht eingestehen will, dass er der Trottel ist, redet er sich einfach ein, die Frauen wären Schuld. Das ist ja auch schön einfach.

Warum tun wir das eigentlich alle? Uns selbst belügen? Ich glaube, wir versuchen es uns einfach so leicht wie möglich zu machen. Das ist klar, wir brauchen irgendwie Halt und Orientierung in dieser lauten, hektischen, verwirrenden Welt. Wir müssen uns entscheiden, wir müssen eine Auswahl treffen von dem was wir sind und was wir nicht sind. Das ist natürlich nicht gerade einfach, weil die Entscheidung für eine Sache auch immer gleich den Verzicht auf eine andere Sache mit sich bringt. Um aber nicht vollends durchzudrehen bei der schier grenzenlosen Auswahl, müssen wir uns aber entscheiden und diese Entscheidungen akzeptieren. Um sie zu akzeptieren müssen wir sie uns mitunter auch mal schönreden.

Ich denke, solange das alles im Rahmen bleibt, ist das ja auch ganz natürlich und völlig in Ordnung. Aber wenn es Überhand nimmt und zu einer permanenten Selbstaffirmation ausartet, dann nervt das nur noch und wird obendrein unglaubwürdig.

Und ab und zu kann man auch mal seine eigenen Überzeugungen kritisch hinterfragen und beleuchten, ob alle Frauen dieser Erde wirklich die Reinkarnation Satans sind, oder ob man(n) da nicht vielleicht auch ein kleines Bisschen selbst dazu beiträgt, dass das mit der Damenwelt nicht immer alles so supi-glatt läuft. Das gilt natürlich auch umgekehrt für die Mädels. Aber seltsamerweise kriege ich es seltener mit, dass Frauen herumheulen, dass alle Männer kacke sind, als umgekehrt. Das gibt’s natürlich auch, keine Frage. Und das ist genauso bescheuert, in welche Richtung auch immer es geht. Und in Wahrheit ist man einfach nur zu feige und zu faul, sein eigenes Verhalten mal kritisch zu beleuchten. Mehr muss man dazu nämlich nicht tun. Dann geht einem nämlich automatisch auf, was man falsch macht. Und wenn nicht, dann kann man ja mal Freunde um eine realistische Einschätzung des eigenen Verhaltens bitten, aber nicht hinterher beleidigt sein, wenn die auch tatsächlich erfolgt.

Es ist schon richtig, was Einstein einmal sagte: „Zwei Dinge sind unendlich: Das Universum und die menschliche Dummheit.“

Essai 73 : Über Pattex-Pärchen – nervenraubende Zeitgenossen im Doppelpack

3. Februar 2011

Vermutlich hat jeder so ein Pattex-Pärchen in seinem Bekanntenkreis. Das sind dann die, die immer nur von „Wir“ und „Uns“ sprechen und mit ihren Identitäten bis zur Auflösung jeglicher persönlicher Eigenheiten zu einer Art Kuschelbrei verschmolzen sind. Die die ganze Zeit demonstrativ aneinander kleben, als wären sie mit Sekundenkleber aneinander gebabscht. Die mit entrücktem Strahlen in den manischen Augen seufzend verkünden, sie machten „alles gemeinsam“. Die selbst im pazifistischsten Menschen des Universums tiefsitzende Aggressionen wecken.

Da war zum Beispiel mal dieses Pärchen, das unter dem Code-Namen ‚Die Egal-Fraktion‘ in die Geschichtsbücher meines Freundeskreises eingegangen ist. Bevor man „Hurz!“ sagen konnte, waren sie auch schon auf dem Sofa zu einer nicht definierbaren Masse verschmolzen und zelebrierten ihre unendliche Liebe zueinander durch hemmungsloses Trockenpoppen. Man möge mir meine Ausdrucksweise verzeihen, diese Erlebnisse haben mich zutiefst traumatisiert. Ging es nun aber daran, zu entscheiden, welches Spiel als nächstes gespielt oder welcher Film als nächstes gesehen werden sollte, kam von unserer ‚Egal-Fraktion‘ immer nur ein lustloses Schulterzucken. Wenn sie an dem Tag hyperaktiver Laune waren, wurde das Schulterzucken verbal untermalt: „Weiß nicht, mir egal, was meinst du Schatz?“ – „Weiß nicht, mir egal. Was meinst du Schatz?“… – Glücklicherweise hielten sich diese hyperaktiven Schübe in Grenzen. Übrigens hielt die ‚Egal-Fraktion‘ auch nur zwei Wochen, dann hatte sie sich neu formiert. Allerdings hatte sich nur der männliche Protagonist geändert, das Prinzip hielt sich gleich. Die Bekanntschaft meiner Wenigkeit mit der ‚Egal-Fraktion‘ ist denn auch recht bald im Sand verlaufen. Aber der Eindruck ist geblieben…

Das ist aber ja noch gar nichts. Die ‚Egal-Fraktionen‘ auf unserer schönen Erde sind ja wenigstens noch friedfertig. Die nerven zwar kolossal, aber weiter tun sie einem nichts. Was es relativ leicht macht, sie wieder los zu werden. Man meldet sich einfach nicht mehr. Da sie immer alles gemeinsam nicht entscheiden – schließlich sind sie zu sehr damit beschäftigt, das lustige „Weiß nicht, was meinst du Schatz“-Spielchen zu spielen – schläft der Kontakt ganz von alleine ein und alle sind zufrieden. Und wenn sie nicht gestorben sind, kleben sie immer noch aneinander und flöten sich gegenseitig ein leidenschaftliches „Mir egal, was meinst du Schatz“ ins Ohr. Schööön!

Was aber macht man mit den weniger friedfertigen Pattex-Pärchen? Die gibt es nämlich auch und sie sind noch weit anstrengender als unsere Freunde vom „Mir egal“-Planeten. Deren Konzept von ‚Wir‘ kann nämlich nur bestehen, wenn es auch ein Konzept von ‚Ihr‘ gibt, das dem feindlich gegenübersteht. Bei Nicht-Pattex-Pärchen gibt es ja ein ‚Ich‘ und ein ‚Du‘, das zusammen ein ‚Wir‘ ergibt, aber weder das ‚Ich‘ noch das ‚Du‘ löst sich in diesem ‚Wir‘-Konzept auf. Beim Aggro-Pattex-Pärchen jedoch gibt es nur noch das ‚Wir‘.

Das ist wie in Yasmina Rezas Stück „Kunst“: „Wenn ich ‚Ich‘ bin, weil ich ‚Ich‘ bin und du ‚Du‘ bist, weil du ‚Du‘ bist, dann bin ich ‚Ich‘ und du bist ‚Du‘. Wenn ich ‚Ich‘ bin, weil du ‚Du‘ bist und du ‚Du‘ bist, weil ich ‚Ich‘ bin, dann bin ich nicht ‚Ich‘ und du bist nicht ‚Du‘.“

Das klingt zunächst nach Quatsch. Aber wenn man nochmal darüber nachdenkt, ergibt das durchaus einen Sinn.

Zurück zu unseren Pattex-Pärchen. Das Unglück fängt für gewöhnlich ganz harmlos damit an, dass sich diese Pärchen in ihren eigenen Kokon ein- und den Rest der Welt ausschließen. Sie bauen sich ihr eigenes kleines Universum auf, in welchem außer ihnen sonst keiner mehr Platz hat. Das ist nicht nur außerordentlich egozentrisch, nein, es birgt auch einfach die Gefahr, dass man die Realität komplett aus den Augen verliert und zu einem von diesen asozialen Aggro-Pattex-Pärchen mutiert. Dass das für die Umwelt nicht gerade sehr angenehm ist (und für die Betroffenen auch nicht, sobald sie mal aus ihrem Kokon auszubrechen suchen) hat zum Beispiel Christopher Nolans Film „Inception“ anschaulich dargestellt. Da ist die Person, die im Kokon bleiben will ja auch ziemlich aggressiv gegenüber der Person, die ausbrechen will.

Gesellt sich zum Egozentrismus eines Aggro-Pattex-Pärchens noch eine gute Portion Materialismus und Paranoia, sind wir im Handumdrehen bei Lady McBeth und ihrem Göttergatten angelangt. Und dementsprechend zu ihren Pendants des Alltagslebens im 21. Jahrhundert. Da fühlt sich nämlich das ‚Wir‘ (das Pattex-Pärchen) von ‚Ihnen‘ (allen anderen) permanent benachteiligt und schlecht behandelt. Und das kann das ‚Wir‘ nicht auf sich sitzen lassen. Es endet zum Glück nicht immer mit Königsmord und dergleichen, aber es sind schon diverse Familien daran zerbrochen, dass sich Pattex-Pärchen paranoider Natur gebildet hatten, die dann beispielsweise den Umgang mit den Enkelkindern verbieten oder einem mit völlig absurden Erbschaftsforderungen auf den Senkel gehen.

Was kann man also tun? Es wie Ingeborg Bachmanns „Guter Gott von Manhattan“ halten und Eichhörnchen zu Terroristen abrichten, die Hotelzimmer mit Pattex-Pärchen in die Luft sprengen? Vielleicht ist das ein wenig drastisch. Außerdem nicht ganz legal. Und moralisch nur bedingt vertretbar. Außerdem, wer schon einmal versucht hat, ein Eichhörnchen einzufangen, kann sich vorstellen, wie schwierig es ist, es zu überhaupt irgendetwas abzurichten. Den Plan kann man also getrost vergessen.

Es bleibt einem wohl nichts anderes übrig, als den Kontakt auf ein Minimum zu reduzieren und die Angriffspunkte möglichst gering zu halten. Dann schafft man es vielleicht zu einer Art Waffenstillstand mit den Aggro-Pattex-Pärchen. Und das ist doch auch schon was.

Essai 69: Über unterschwellige Ideologievermittlung in angeblichen Kinderfilmen

16. November 2010

Die Kategorisierung medialer Erzeugnisse stößt bei mir immer wieder auf höchste Verwunderung. Vor allem die Kriterien der Kategorie „Kinder-irgendwas“ sind mir völlig schleierhaft. Da wird etwas als Kinderbuch bezeichnet und darin geht es um Mord, Totschlag, selbsternannte „Herrenrassen“ und vielerlei weiterer Grausamkeiten.

Ich bin ja der Meinung, ein gutes Buch, ein guter Film, überhaupt eine gute Geschichte, funktioniert immer auf mehreren Ebenen. In „Harry Potter“ zum Beispiel gibt es Elemente, die für Kinder tatsächlich zu brutal sind (wie bereits erwähnter Mord, Totschlag und „Herrenrassen“-Fascho-Gedöns), aber es gibt auch Elemente, die Kinder toll finden (Tiere, Magie, Freundschaft). Das ist aber längst nicht alles, es gibt auch Elemente, die eher Jugendliche ansprechen (Liebe und Streit, Generationskonflikte und nicht zuletzt bewährte Suspense-Elemente) und wenn man will, findet man sogar als Literaturwissenschaftler jede Menge Material, welches man analysieren kann (alles was bisher erwähnt wurde und bestimmt kann man das auch psychoanalytisch irgendwie deuten. Das geht nämlich immer).

Vor ein paar Wochen startete ein vermeintlicher „Kinderfilm“ in den Kinos, „Die Legende der Wächter“, nach einem vermeintlichen „Kinderbuch“. Ich kann jetzt nur von dem Film sprechen, das Buch kenne ich nicht. Jedenfalls ist es mir auch hier Schleier(eulen)haft, wieso man einen solchen ideologie-gespickten Streifen als „Kinderfilm“ verkauft. Gut, die Figuren sind Tiere (Eulen) und es ist ein Animationsfilm (übrigens atemberaubend animiert), da sind ja gerade meine Landsleute immer schnell dabei, solchergleichen als „Kinder-irgendwas“ zu deklassieren. Über dieses Thema hatte ich ja bereits im Essai 61 geschrieben. Man scheint hier nämlich so zu denken, wie der eine Einbrecher in „Kevin – allein zu Haus“: „Er ist ein Kind und Kinder sind doof.“ Folglich ist auch alles, was „für Kinder“ ist, für Idioten. Also unseriös und minderwertig. Und alles was mit Tieren ist und dann auch noch gezeichnet/animiert, ist natürlich nur was für Kinder, also Volltrottel, Nullpeiler, Schwachköpfe. Wer was auf sich hält, belächelt solche Machwerke von möglichst weit oben herab, damit alle merken, wie ungemein seriös, klug und erwachsen man ist.

Würde man allerdings sich weniger wichtig nehmen und stattdessen mal genauer hinsehen, würde man auch in Animations-Tierfilmen vieles entdecken können, das man kritisch betrachten, hinterfragen und analysieren kann. Was – man korrigiere mich gerne, sollte ich mich irren – doch wohl durchaus eine hirnbedingte Tätigkeit ist. Und da das Hirn wie ein Muskel funktioniert – hält man es in Bewegung, freut es sich und belohnt seinen Besitzer mit erhöhter Leistungsbereitschaft – ist das sogar das Gegenteil von bescheuert, dämlich und unseriös.

Aber ich schweife ab…

In der „Legende der Wächter“ also geht es um zwei verfeindete Lager, die Figuren sind Eulen, könnten aber genauso gut Menschen sein. Aber dann könnte man es nicht mehr als Kinderfilm verkaufen und die Kinder schon im frühesten Alter mit fragwürdigem Schwarz-Weiß-Denken und dualistischen Weltbildern indoktrinieren. Das Ganze funktioniert also als eine Art Perversion des Fabelprinzips. In der Fabel treten ja wie man weiß auch Tiere anstatt Menschen auf, die aber allesamt menschliche Züge tragen. In exemplarischer Weise werden moralische Fragestellungen verhandelt und zum Schluss in einem Epimythion die moralisch erwünschte Verhaltensweise auf den Punkt gebracht („Und die Moral von der Geschicht:…“). Dieses Prinzip finden wir im Grunde auch in der „Legende der Wächter“ mit dem nicht unerheblichen Unterschied, dass in der Fabel die erwünschte Lesart und moralische Interpretation explizit am Ende zusammengefasst, in diesem Film aber unterschwellig, implizit, dem Zuschauer untergeschummelt wird.

Wir haben in dem Film also auf der einen Seite „die Bösen“, die sich in dieser Variante des „Kampf Gut gegen Böse“-Plots „die Reinsten“ nennen. Auch sie jonglieren mit faschistoidem „Herrenrassen“-Gedankengut und wollen so eine Art Elite-Eulenrasse zurecht züchten, damit… äh… weil… öhm… nun ja… weil sie halt böse sind. Und deswegen wollen sie auch alle, die aufmucken oder sonstwie nicht in ihr kleines „Herrenrassen“-Hirnchen passen, abmurksen. Aber zum Glück gibt es ja noch „die Guten“, die in diesem Fall „die Wächter“ heißen. Die setzen sich zusammen aus lauter Auserwählten, wo jeder seinen vorherbestimmten Platz hat, seine „Bestimmung“. Und sie wollen „die Reinsten“ vernichten, weil… äh… nun ja… öhm… weil sie halt gut sind und die anderen halt böse. Und deswegen wollen sie auch alle, die aufmucken oder sonstwie nicht in ihr vermeintlich überdimensionales „Weltretter“-Hirn passen, abmurksen.

Wer jetzt aufgepasst hat, merkt, das ist ja beides das Gleiche in Grün. Genau. Und das ist der Punkt. Dem Zuschauer wird nämlich unterschwellig vorgegaukelt, es gäbe so etwas wie angeborene Bosheit und angeborene Gutheit. Und dass es die Aufgabe der „Guten“ ist, die „Bösen“ – O-Ton Film – „auszurotten“ (Das Zitat lautet allen Ernstes: „Wir werden nicht ruhen […] bis alles Unrecht ausgerottet ist“). Sicher, das ist ein beliebtes Motiv von Fantasy-Filmen und ähnlichem Machwerk. Dass man eine Bestimmung hat, der man folgen muss, dass alles Schicksal ist, dass man tun muss, wofür man geboren wurde, laber Rhabarber sülz und schwafel. Aber es macht doch einen Riesenunterschied, ob das Menschen sind, die solch fatalistisches Gedöns verzapfen, oder süße, putzig-flauschige Tierchen. Dadurch wird der Metadiskurs des dualistischen Weltbildes (Gut – Böse, Gott – Teufel, Wir – Sie) nämlich eklatant verharmlost und eingeniedlicht. Kindern wird dieser Quatsch als Normalität vorgegaukelt und somit erschwert, dass sie zu selbständig denkenden, kritisch hinterfragenden und differenzierenden Erwachsenen werden. Und das betrachte ich persönlich als kritisch…

Essai 68: Über langweilige Instant-Beleidigungen und unkreative Fertig-Komplimente

10. Oktober 2010

Dass das Leben kein Ponyhof ist, ist mittlerweile eine weit bekannte Tatsache. Aber dass Menschen sich nicht einmal ein bisschen Mühe geben können, wenn es darum geht, jemanden zu beleidigen, finde ich schon sehr enttäuschend. Schon schlimm genug, wie unkreativ Komplimente häufig sind, aber da kann man sich ja wenigstens noch über die nette Absicht freuen. Während man bei langweiligen Beleidigungen sich nicht einmal sagen kann, dass es ja gut gemeint war. Da kann man nur gähnen und sich wieder wichtigen Dingen zuwenden.

Im Grunde sind sich Komplimente und Beleidigungen gar nicht mal so unähnlich. Beide beruhen nämlich auf dem gleichen Erfolgs- bzw. Misserfolgsprinzip. Es geht darum, dass man persönlich auf sein Zielobjekt eingeht, anstatt nur aufgeschnappte Floskeln zu reproduzieren. So ist es genauso unkreativ und langweilig, jemandem zu sagen „Du hast wunderschöne Augen“, wie es langweilig und unkreativ ist, jemanden als „Fotz*“ zu bezeichnen. Gääähn!

Ist doch doof, wenn man das Gefühl hat, gar nicht wirklich gemeint zu sein. Ernsthaft, ich kenne überhaupt niemanden mit hässlichen Augen und was das andere angeht, darüber verfügen über die Hälfte der Weltbevölkerung, was ist denn daran beleidigend? Da sagt man dann „Jupp, hab ich. Und?“ – Fertig ist die Laube. Wenn, dann ist das höchstens enttäuschend, weil sich der Beleidiger noch nicht einmal die Mühe gemacht hat, ein bisschen aufmerksamer hinzusehen und da hinzupieken, wo es den anderen juckt.

Das ist es nämlich, worum es geht. Für erfolgreiche Komplimente und wirkungsvolle Beleidigungen muss man aufmerksam sein. Den anderen zu pieken, wo es ihn juckt, ist nur ein Aspekt. Hinzu kommt noch die Gesamtsituation. Wenn nämlich kein Boden für Komplimente oder Beleidigungen vorhanden ist, kann man sich noch so Mühe geben, das verpufft dann alles einfach.

Ein sehr schönes Beispiel ist mir mal vor vielen Jahren widerfahren. Es war vier Uhr morgens, mein Handy klingelt. Ich gehe ran und werde eine halbe Stunde lang mit wüsten Schimpftiraden bedacht, die mit den Worten schließen: „Weißt du was du bist? Eine Schlampe im nichtsexuellen Sinne!“

Das war eigentlich nicht schlecht. Das war schon ein netter Versuch, immerhin originell. Aber die Gesamtsituation war so absurd, dass diese schöne Gemeinheit einfach ins Nichts lief. Schade eigentlich. Gut, es war auch etwas unklug, weil es gezeigt hat, dass mich der Beleidiger gar nicht wirklich kannte. Sonst hätte er gewusst, dass ich gegen diese Art von Beleidigungen schlichtweg immun bin. Ganz einfach, weil es nicht stimmt.

Beleidigungen und Komplimente müssen nämlich nicht nur persönlich, sondern auch ehrlich gemeint sein, um zu funktionieren. Wenn man jemanden, der schlank ist und sich überhaupt keine Gedanken um sein Gewicht macht, als „fette Qualle“ bezeichnet, wird der einen schlimmstenfalls ratlos angucken und bestenfalls in Lachen ausbrechen. Genauso, wie wenn man jemanden, der sich ganz offensichtlich nicht groß um sein Aussehen schert, als „hässlich“ bezeichnet. Das ist dem doch völlig egal.

Jeder kennt doch das Klischee, dass schöne Frauen hören wollen, sie wären klug und kluge Frauen hören wollen, sie wären schön. Das ist selbstverständlich Unsinn. Wenn ich mal ganz unverfroren aus dem Nähkästchen plaudern und ein paar weibliche Geheimnisse ausplappern darf, möchte ich darauf aufmerksam machen, dass – egal wie klug und hübsch – es jede Frau gerne hört, dass sie sowohl klug, als auch hübsch ist. Ganz einfach. Von wegen, Frauen wären kompliziert.

Nichtsdestotrotz ist es dabei ratsam, nicht einfach ganz platt zu sagen: „Boah, du bist so klug und so schön!“, sondern das schon so etwas subtiler unterzuschummeln. Immer schön auf die Situation und die entsprechende Person bezogen. So präzise wie möglich. Dann wird da ein Schuh draus. Aber es muss auch so gemeint sein, das merkt man nämlich, wenn das nur Geschleime als Mittel zum Sex Zweck ist.

Eine sehr gelungene Beleidigung, wegen welcher ich immer noch etwas rest-eingeschnappt bin, ist mir vor ein paar Wochen zugedacht worden. „Du bist unzuverlässig im Organisieren.“ musste ich mir sagen lassen. Das war ziemlich perfide und hat seine Wirkung nicht verfehlt, denn in der Tat wurmt es mich, wenn ich etwas organisiert habe und irgendwas nicht so läuft wie geplant. Wenn man es dann alleine mir zum Vorwurf macht, hat man eine perfekte Beleidigung, die mich garantiert trifft. Bei „F*tze“ oder „Schlampe“ gehe ich runter in den Keller und lache mich kaputt.


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