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Essai 102: Über Shitstorms und Wutbürger im Internet

25. März 2013

Früher, als noch nicht jeder einen Internetanschluss hatte, konnten Politiker, Schauspieler und andere öffentliche Personen ruhig Quatsch erzählen, in Fettnäpfchen treten oder sich grob unhöflich aufführen, ohne dass das große Konsequenten gehabt hätte. Ich spreche von einer Zeit, die die unter Zwanzigjährigen, die Digital Natives, vermutlich nicht mehr kennen und sich auch nicht vorstellen können. Ja, damals hat man sich auch an Verabredungen halten müssen, weil man nicht mal eben mit dem Handy Bescheid sagen konnte, man komme später. Es gab keine sozialen Netzwerke, keine Blogs (wir hatten stattdessen Poesiealben und Tagebücher, alles analog), keine eigenen Homepages und so weiter. Das war nicht unbedingt besser, aber auch nicht schlechter, sondern einfach anders. Hat sich also in dieser grauen Vorzeit jeder privat und für sich in Ruhe aufgeregt, wenn ein Promi sich daneben benommen hat (bei ganz üblen Verstößen gegen das Gemeinwohl gab es auch mal Zeitungs- und Fernsehberichte), fühlt sich offenbar heute jeder Wutbürger bemüßigt, seinen Unmut im Internet kund zu tun. Das, was dann auf den tollpatschigen Promi einprasselt, nennt sich gemeinhin Shitstorm.

Der neueste Fall eines Shitstorms wurde von Katja Riemann losgetreten. Sie hatte sich – vermutlich nichts Böses ahnend – in die NDR-Sendung „Das!“ zu einem Interview begeben und hatte auf die recht belanglosen Fragen etwas irritiert geantwortet. Offenbar, so meine Deutung der ganzen Affäre, war sie mit der Absicht in das Interview gegangen, über ihre Arbeit und ihre neuen Filme zu sprechen und das auf einem sehr hohen intellektuellen Niveau. Hinnerk Baumgarten, der Moderator hingegen, war vermutlich mit der Absicht ins Interview gegangen, den Menschen Katja Riemann kennen zu lernen, ihre private Seite zu beleuchten und sie dem Publikum menschlich näher zu bringen. Diese beiden konträren Motivationen sind aufeinander geprallt und es hat nicht funktioniert. Weder hatte Katja Riemann Lust, über ihr Privatleben zu reden (was ich sehr gut verstehen kann!) noch ist es dem Moderator gelungen, das zu akzeptieren und seine Interviewstrategie spontan an seinen etwas widerborstigen Gast anzupassen. Wahrscheinlich konnten die beiden sich schlichtweg nicht riechen, so ist das ja manchmal. Jedenfalls besteht meiner Meinung nach kein Anlass, Katja Riemann in irgendeiner Weise Arroganz vorzuwerfen. Natürlich hätte sie netter sein können, aber im Grunde war sie einfach ehrlich und das finde ich persönlich auch mal ganz erfrischend. Ein Problem ist jedenfalls auch, dass viele sich gar nicht das ganze Interview angesehen haben, sondern nur einen Zusammenschnitt, bei dem Katja Riemann tatsächlich ziemlich fies rüberkommt.

Aber mangelnde Information hat ja noch nie irgendwen davon abgehalten, sich künstlich aufzuregen. Erst recht nicht, wenn man das auch noch schön gesellig in der Masse machen kann, wo man sich dann auch noch gegenseitig hochschaukelt. Wie weiland aufgehetzte Bürger Fackeln und Mistgabeln schwenkend auf vermeintliche Ketzer losgingen, stürzen sich dann die selbstgerechten Wutbürger auf den bedauernswerten Promi und bombardieren diesen mit wüsten Beschimpfungen, üblen Beleidigungen bis hin zu regelrechten Drohungen. Manche Dinge ändern sich halt nie und vermutlich ist das auch ganz schön, wenn man seinen aufgestauten Frust und sorgfältig angesammelten Zorn mal an jemandem auslassen kann, den man gar nicht kennt. Und wenn dann noch andere dabei sind, die der gleichen Meinung sind, kann man ja auch nicht falsch liegen. Die eigenen Sünden verblassen zudem bis zur beinahen Unsichtbarkeit, wenn man mit dem Finger auf jemanden zeigen und lauthals krakeelen kann, der sei ja wohl viel schlimmer als man selbst. Außerdem muss man sich dann für eine kleine Weile nicht mehr mit wichtigen Dingen herumärgern, wenn man auf andere Leute wegen vermeintlicher oder tatsächlicher Fehltritte eindreschen kann. Das ist nicht nett, aber meiner bescheidenen Ansicht nach, schlichtweg menschlich. Das liegt offenbar einfach in unserer Natur, dass wir lieber unsere Zeit damit verplempern, anderen Leuten ihre Fehler in den schillerndsten Farben vorzuhalten, anstatt mal an unseren eigenen Fehlern zu arbeiten. Ich nehme an, ich bin da auch nicht anders, aber so genau weiß ich das nicht, schließlich sind wir alle mit einer eklatanten Selbstgerechtigkeit gesegnet, ohne die wir wohl nicht vorwärts kämen. Man stelle sich vor, jeder würde ständig jeden seiner Schritte und Entscheidungen hinterfragen. Das kann dann ja lange dauern, bis da mal ein Schritt gegangen oder eine Entscheidung getroffen wurde.

Wie dem auch sei, ich fände es um des allgemeinen Friedens willen dennoch wünschenswert, wenn man gelegentlich kurz innehielte, bevor man fremde Leute wüst beschimpft. Das sind ja schließlich auch nur Menschen, die manchmal eben blöd sind. Natürlich kann man denjenigen sachlich kritisieren und demjenigen sagen, man habe Missfallen an dessen Verhalten gefunden. Aber es müssen doch nicht immer gleich verbale Mistgabeln und rhetorische Fackeln sein, mit denen man auf denjenigen welchen einprügelt. Erst recht nicht so feige im Schutz der Masse. Und erst recht nicht aus so niederen Beweggründen, dass man einfach nur von seinem eigenen Frust ablenken will. So was finde ich erbärmlich. Und helfen tut das auch niemandem. Außerdem, bevor man jemanden kritisiert, sollte man sich informieren und gucken, ob man nicht vielleicht auch falsch liegt. Das kann nämlich auch mal passieren und dann zurück zu rudern, nachdem man schon auf jemanden eingedroschen hat, ist ja mal richtig peinlich.

Essai 99: Über den Umgang mit intoleranten Ignoranten

23. Januar 2013

Gestern habe ich mich über die intoleranten Ignoranten ereifert, die anderen Leuten völlig grundlos verbieten wollen, zu heiraten. Ein Kommentar auf meiner Facebook-Seite hat mich nun in eine Art moralisches Dilemma versetzt: „Ich meine, dass die Kunst in der Demokratie darin besteht, unterschiedliche Meinungen stehen zu lassen und Kontroverses kontrovers diskutieren zu können, ohne sich gegenseitig als Ignorant zu bezeichnen. Sonst ist das intolerant“.

Da dachte ich, verdammt, das stimmt. Indem ich religiöse Fanatiker als intolerante Ignoranten und Vollidioten verurteile, zeige ich mich ihnen gegenüber ebenfalls intolerant. Auf der anderen Seite schaffe ich es beim besten Willen nicht, deren Meinung widerspruchslos zu akzeptieren und zu sagen, kein Problem, dann sehen die das halt anders. Ich kann mir nicht helfen, ich finde das einfach hochgradig borniert und unendlich dämlich, wenn man völlig frei von vernünftigen Argumenten anderen Menschen unnötig das Leben schwer macht. Das kann ich doch nicht einfach so tolerieren oder etwa doch? Und macht mich das dann automatisch zu einer antidemokratischen, scheinheiligen Faschotussi wenn es mir nicht gelingt, religiöse und andere Fanatiker weiter ihre Hasstiraden salontauglich unter die Leute bringen zu lassen, ohne mich darüber aufzuregen?

Wie also geht man mit Intoleranz um? Gewalt erzeugt Gegengewalt, das wissen nicht nur die Die Ärzte mit ihrem Schunder-Song. Da Intoleranz auch eine Form von Gewalt ist, möchte ich mal behaupten, ist es also ganz natürlich, dass ich darauf mit Gegenintoleranz reagiere? Dann wäre ich aber nicht so vernünftig denkend, wie ich es mir einbilde, wenn ich einfach instinktiv reagiere. Das kratzt ganz schön an meinem Selbstverständnis, das muss ich mal ganz ehrlich zugeben.

Muss man sich denn  im Namen der Toleranz jeden Scheiß gefallen lassen? Aber wenn man so anfängt und jeder hält irgendetwas anderes für „Scheiß“ dann regiert hier bald die allumfassende Intoleranz und das kann ja nun auch nicht das Ziel sein. Aber alles stillschweigend ertragen und erdulden, alles hinnehmen und nichts sagen, das hat ja nun noch nie irgendwem irgendwas genützt. Im Gegenteil. Solche Mitläufer tragen eine menschenverachtende Dikatur mit und reden sich hinterher damit heraus, dass sie ja von nichts gewusst hätten.

Was soll man dann tun, um bornierte Schwachköpfe zum Nachdenken zu bringen? Wenn vernünftige Argumente, gutes Zureden, friedliches, freundliches Bitten nichts ändern? Allerdings bringt es auch nichts, sich über sie aufzuregen. Was man auch tut, die sind so gefangen in ihrer Gedankenwelt, wo es nur „richtig und falsch“, „Schwarz und Weiß“, „gut und böse“ oder eben „Homo und Hetero“ gibt und wo diese Dichotomien absolut unvereinbar sind, dass man mit allem was man tut, ob pazifistisch oder nicht, auf Granit beißt. Und, es tut mir leid, aber ich schaffe es einfach nicht, da ruhig zu bleiben und zu denken, sollen sie mal machen und ich kümmer mich derweil um meinen Kram und gut ist. Da sträuben sich mir die Nackenhaare, kräuseln sich die Zehennägel, platzen mir Hutschnur und Kragen. Erst recht, weil ich weiß, dass das überhaupt nichts bringt, sich aufzuregen. Auf solche Pattsituationen, die man weder mit gesundem Menschenverstand noch mit sonstwas auflösen kann, komme ich nicht klar.

Also, halten wir fest: Man kann nichts gegen Idioten, die dumme Parolen durch die Gegend krakeelen, tun. Sie denken so oder so nicht nach, ob man sich nun ereifert, oder sie einfach machen lässt. Vermutlich wäre man also besser dran – vorausgesetzt, man möchte seine Ruhe haben – sie schlichtweg zu ignorieren und sich nicht über sie aufzuregen und sie einfach weiter lauthals Quatsch verzapfen zu lassen. Damit lässt man den Schreihälsen aber viel mehr Raum, als für das friedliche Miteinander gut ist. Das will man ja nun auch nicht. Und das ist die Stelle, wo sich die Katze in den Schwanz beißt und ich nicht weiterkomme. Sobald man die fanatischen Querulanten nämlich in ihre Schranken weist und ihnen nicht den Raum gibt, den sie für sich beanspruchen, verhält man sich nicht mehr hundertprozentig demokratisch und tolerant und das will man sich doch auch nicht zuschulden kommen lassen. Aber wie kann man denn Intoleranz mit Toleranz begegnen und wie kann man antidemokratische Meinungen mit demokratischen Mitteln im Zaum halten? Ich weiß es nicht. Denn wenn man das Gegenteil tut, ist man schwuppdiwupp in einer Gewaltspirale drin, die noch mehr Schaden anrichtet, als die Idioten allein. Keine Ahnung, wie man aus diesem Dilemma wieder herauskommt.

Essai 94: Über misslungene Werbung

16. Oktober 2012

Als ich letzte Woche mit dem Intercity von Hamburg nach Stuttgart juckelte, hielt ich in jeder größeren Stadt zwischen dem Norden und dem Süden Deutschlands. An jedem Bahnhof kreischten mir diverse Werbeplakate entgegen. Und das mit so miesen, unhöflichen, dummen, grammatisch mindestens fragwürdigen oder unfreiwillig komischen Sprüchen, dass ich mir dachte, das lohnt sich doch mal einen Essai drüber zu schreiben. Wenn ich daran denke, wieviel Geld für Werbung ausgegeben wird und dann ist die auch noch schlecht, dann weiß ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll.

Aber so ist das heutzutage, da wird versucht, die Fassade auf Hochglanz zu polieren und ob es dahinter fault und gammelt, interessiert keine Sau. Schlimm. Das Ding ist, mit der Werbung ist das ja wie mit Krieg, Waffen und Gewalt. Tut es einer, muss es jeder machen. Wenn einer Krieg führen will und jemand anderen angreift, muss der sich ja irgendwie verteidigen. Wenn nur einer eine Waffe trägt, müssen andere auch eine Waffe tragen, um sich zur Not vor dem Kerl mit der Waffe verteidigen zu können. Hätte niemand eine Waffe, bräuchte niemand eine. Würde niemand einen Krieg anzetteln – sei es aus Angst, selbst angegriffen zu werden – gäbe es keine Kriege. Und so ist das allgemein mit Gewalt. Würde niemand damit anfangen, andere Leute mit Gewalttätigkeit zu belästigen, provozierte er damit auch keine Gegengewalt oder präventive Gewalt oder was auch immer. Und genau so müsste niemand allen anderen mit dämlicher Werbung auf den Wecker fallen, wenn es niemand täte. Dann müsste man nämlich nicht darüber nachdenken, wie man seine eigene Fassade noch heller und strahlender glänzen lässt als die der Konkurrenz und alle könnten in Ruhe ihre Arbeit machen, anstatt sich über oberflächlichen Image-Scheiß den Kopf zu zerbrechen. Ja, ja, ich weiß, ich bin naiv. Aber ist doch wahr!

Wenn Werbung interessant, witzig, klug und informativ ist und bestenfalls nicht allzu verlogen, habe ich absolut nichts dagegen, dass Leute auf sich und das, was sie tun und womit sie Geld zu verdienen gedenken, aufmerksam machen und in aller Höflichkeit hinweisen. Aber – ich weiß nicht, woran das liegt – die meiste Werbung ist unhöflicher, witzloser, dummer, penetranter Nervkram. Dabei wäre weniger mehr. Wenn ich zum Beispiel an diese wahnsinnig schlechte Zigaretten- oder Tabakwerbung denke, die mit dem umständlichen Spruch wirbt: „Rauchen, was andere denken, dass Sie rauchen“, dann bekomme ich Lust, aus Trotz mit dem Rauchen anzufangen, nur um es gleich wieder aufgeben zu können. Überdies ist der Spruch auch noch grammatikalisch falsch. Wer den Fehler findet, kriegt von mir einen virtuellen Keks (die sind lecker und machen nicht dick). Ich kapier auch nicht, inwiefern dieser Spruch nun selbst den stärksten Kettenraucher dazu animieren soll, ausgerechnet diese Zigarettenmarke zu kaufen. Das Einzige, womit man Leute heutzutage noch zum Rauchen bewegen kann, ist doch dieses Cowboy-Freiheits-Individualitäts-Gedöns. Wobei ich nicht weiß, was Nikotinsucht mit Freiheit zu tun hat, aber das ist ein anderes Thema. Und nun kommen die mit so einem dummen Spruch, der nicht nur kein richtiges Deutsch ist und nicht nur holprig formuliert, sondern noch dazu die Botschaft vermittelt: „Sei berechenbar. Vermeide Überraschungen. Rauche einfach unseren Tabak, weil alle denken, dass du genau das tust“. Wer denkt sich so was aus?

Eine andere Unart, die sich vor allem auf Produkte bezieht, die eine jugendliche Zielgruppe anzusprechen versuchen, ist das ungefragte Duzen der potentiellen Kunden. Nun zähle ich mit meinen dreißig Lenzen vielleicht nicht mehr unbedingt zu den Jugendlichen, aber nichtsdestotrotz benutze auch ich gelegentlich Shampoo, um mein Haar seidig glänzend zu machen. Und dann will ich bitteschön nicht von meiner Shampooflasche geduzt werden. Und Befehle nehme ich auf die Art sowieso nicht gern entgegen. „Genieße das absolute Dufterlebnis“ oder „Erlebe jetzt die prickelnde Apfelfrische“. Manche Werbefuzzis gehen dann so weit, dass sie die Kunden auch noch grafisch anbrüllen mit ihrer ohnehin schon nicht subtilen Message. So gesehen auf einem Werbeplakat für irgendein superdupertolles Einkaufszentrum: „GENIEßE JETZT DAS TOTALE EINKAUFSERLEBNIS!“ So ein Käse, als ob jetzt dieses Einkaufszentrum anders wäre als jedes andere Einkaufzentrum zwischen Hamburg und Stuttgart. Die sind doch alle gleich. Der einzige Grund, warum man ein bestimmtes Einkaufszentrum öfter frequentiert als ein anderes, ist die räumliche Nähe. Man braucht irgendwas und das Einkaufszentrum XY liegt zufällig auf dem Weg, dann geht man da hin. Aber man wird nicht extra kilometerweit woanders hingurken, nur weil ein riesiges Werbeplakat mich anbrüllt, ich solle jetzt gefälligst umgehend das totale Einkaufserlebnis genießen. Was auch immer mit „totales Einkaufserlebnis“ gemeint ist. Total deprimierendes Neonlicht? Total nervige laute Musik in den Geschäften? Total schlechte Klimaanlagenluft im Gebäude? Total viel zu viele Menschen auf total viel zu wenig Raum, die einen dauernd anrempeln oder total im Weg herumstehen? Total die immergleichen Geschäfte? Oder totaler Quatsch? Außerdem, vielleicht bin ich da etwas empfindlich, aber auf Kommando irgendwas genießen, erleben, fühlen oder spontan empfinden gehört nicht unbedingt zu meinen Kernkompetenzen.

Als ob es nicht schon schlimm genug wäre, dass Werbung die Menschen mit ungefragtem Geduze, penetrantem Anbrüllen und plumpen Befehlen malträtiert, werden auch noch die dümmsten Klischees darin verwurstet. Ist das sonst schon mal jemandem aufgefallen, dass in Werbespots immer die Mütter zu Hause bleiben und die Kinder verwöhnen? Die Kinder in der Werbung sind übrigens ausnahmslos altkluge Nervensägen, schlechte Rapper oder kreischende Hohlbratzen. Mit Verlaub. Meistens sind auf wundersame Weise auch alle immer unglaublich blond. Es sei denn, es geht um Werbung für Medikamente gegen Verstopfung, Blähungen, Inkontinenz oder Fußpilz. Derlei gesundheitliche Unannehmlichkeiten ereilen in der Werbewelt überwiegend brünette Frauen. Sachen für Mädchen sind grundsätzlich schreiend rosa und für Jungs natürlich blau. Für echte Männer sind die Produkte dann in Schwarz oder Dunkelblau und immer ungemein männlich. Das heißt, Autos sind schnell (kann man prima vor seinen Kumpels mit angeben), Rasierer unheimlich scharf (*knurrrrr*) und wenn mal ein Mann den Abwasch macht oder kocht, dann ist der immer unglaublich lustig drauf. Bei letzterem wird allerdings dann immer relativ undezent darauf hingewiesen, dass der Mann jetzt aber auch nur aus Spaß oder reiner Großzügigkeit Haushaltstätigkeiten vornimmt. Immer als Ausnahme und aus einer freien Entscheidung heraus, nicht weil Mutti ihn dazu gezwungen hat oder er von alleine eingesehen hat, dass das einfach ab und zu mal gemacht werden muss. Wo kämen wir denn dann hin. Und so werden Vorurteile schön weiter geschürt, damit auch ja keiner auf die Idee kommt, zu glauben, Männer und Frauen wären gleichberechtigt. Pfff. Sonst noch was?

Manche Werbefuzzis sind da noch raffinierter und schreiben einfach irgendeine Selbstverständlichkeit vorne drauf und verkaufen es als große Sensation. Dann steht zum Beispiel auf der Gummibärchenpackung: „Ohne Fett“. Ach nee. Wozu sollte man in einem Produkt, das fast nur aus Zucker besteht, Fett brauchen? Da kann man auch gleich draufschreiben: „Ohne Zyankali“. Aber dann merken die Kunden, dass sie verarscht werden. Demnächst klebt in der Gemüseabteilung wahrscheinlich an so nem Brokkoli auch noch ein Etikett dran, wo draufsteht: „Ohne Zuckerzusatz.“ – Nein, das war kein Vorschlag, das war Sarkasmus. Und „Light“-Produkte sind übrigens auch Verarsche, das nur so am Rande. Die machen dann einfach die Salamischeiben dünner. Und wenn man dann statt einer dicken Scheibe fünf dünne aufs Brot packt, macht das genau so fett. Traurig, aber wahr.

Ich habe ja nichts dagegen, dass man sein Unternehmen und sein Produkt präsentiert, aber bitte, liebe Werbeleute, hört doch endlich auf, die Leute wie Idioten zu behandeln. Das ist voll das totale Nerverlebnis! Macht doch einfach mal gute Werbung. Dann müsst ihr auch nicht so viel Werbung machen und dann ist mehr Geld für wirklich relevante Dinge da und dann müsste man den Laden nicht durch Praktikanten, Studenten und Freiberufler am laufen halten, weil für Festangestellte angeblich kein Budget vorhanden ist.

Essai 93: Über Entschuldigungen als Allzweckmittel nach dem Tritt ins Fettnäpfchen

23. September 2012

Als Europäerin schaue ich zuweilen mit einer Mischung aus Verwunderung, Belustigung und Entsetzen zu unseren Freunden jenseits des großen Teichs hinüber und beobachte ungläubig das eigenartige Treiben, das vor allem in Wahlkampfzeiten seine Blüten entfaltet. Ohne parteiisch erscheinen zu wollen… ich habe den Eindruck, insbesondere die republikanischen Kandidaten haben ein Talent dafür, in jedes bereit stehende Fettnäpfchen mit beiden Beinen hineinzuspringen und darin überhaupt kein Problem zu sehen. Ist es auch nicht. Solange man sich hinterher einfach jedes Mal artig dafür entschuldigt. Dann kann man ruhig den größten Unfug und unmöglichsten, reaktionärsten Bockmist verzapfen, wenn man hinterher behauptet, es täte einem leid, man habe vielleicht den Grundgedanken etwas holprig formuliert, ist alles wieder in Butter.

Dieses Prinzip gilt übrigens nicht nur für Politiker. Auch verwöhnte, weltfremde Hotelerbinnen – nennen wir sie exemplarisch Paris H. – haben entdeckt, dass sie problemlos einfach mal ein paar homophobe Bemerkungen in den Raum stellen können und es niemanden juckt, sofern sie hinterher sagen, es täte ihnen leid. Diese Art der Entschuldigung hat allerdings nichts mit dem zu tun, was ich in meinem Essai über chronische Entschuldigeritis und Rechtfertigungszwang beschrieben hatte. Das Verhalten, das ich dort meinte, beruhte darauf, dass einem die Dinge, für die man sich entschuldigt, wirklich leid tun. Auch, wenn man es dabei mit dem schlechten Gewissen reichlich übertreibt. Das Verhalten, das ich in diesem Falle zu monieren gedenke, ist eine bewusste Strategie und Taktik, damit etwaige Kritiker aufhören, einem auf den Keks zu gehen mit ihren Einwänden. Das, wofür man sich entschuldigt, tut einem mitnichten leid, man hat nur gemerkt, dass das nicht so super ankommt. Hätte es keinen Ärger gegeben, hätte es einem auch nicht angeblich leid getan. Ohnehin: Wenn einem etwas wirklich leid tut, bemüht man sich, das in Zukunft zu vermeiden oder zumindest zu reduzieren, was dieses Leidtun provoziert hat.

Beim republikanischen Präsidentschaftskandidaten in den USA hat dieses Verhalten ja wirklich schon System, so dass man nicht davon ausgehen kann, er hätte begriffen, wofür er sich da eigentlich jedes Mal entschuldigt. Kaum ein Tag vergeht, ohne dass neue Internetvideos, Fernsehmitschnitte oder Berichte die Runde machen, in denen dieser Kasper seine schlichtweg unmögliche Weltsicht zum Besten gibt. An einem Tag sagt er einem schwulen Veteranen ins Gesicht, dass er gegen die gleichgeschlechtliche Ehe ist, während dessen Ehemann direkt daneben sitzt. Übrigens nutzt er dabei die gleichen hirnverbrannten ‚Argumente‘ wie hierzulande (das scheint also eine Gemeinsamkeit von bornierten Schwachköpfen quer über den Erdball zu sein und ist nichts typisch Amerikanisches): Man wolle das halt nicht, weil ist so, aus Prinzip und so, weil man das halt nicht will, da könne ja jeder kommen und die Ehe sei nun mal eben nur für zwischen Mann und Frau bestimmt, schließlich habe man das im Mittelalter auch so praktiziert und überhaupt, und damit Basta. Besonders gerne aber lästert der feine Herr über Nicht-Reiche, die schließlich, seien wir doch ehrlich, an ihrem Schicksal selbst Schuld sind. Sie hätten ja schließlich auch einfach reich werden können, dann wären sie jetzt nicht nicht reich. Sowieso sei das nicht nachzuvollziehen, warum sie nicht einfach mehr Geld haben, es ist doch viel schöner reich und gesund zu sein, als arm und krank. À propos krank: Da wollen doch die Wähler seines politischen Gegners tatsächlich eine gesetzliche Krankenversicherung haben, diese Schmarotzer, dieses faule Pack, das sich weigert, gesund zu bleiben. Eine Frechheit ist das, alles bolschewistische, tiefrote, sozialistische Kommunisten, die mit ihrem Bestreben, das Gemeinwohl zu fördern, in Wahrheit doch nur die persönliche Freiheit von gewissen egomanischen Hajopeis anzugreifen trachten. Dass man manchmal über starrsinnige Dickköpfe hinweg die Menschen zu ihrem Glück zwingen muss, ist wohl noch nicht überall angekommen. Sozialstaat bedeutet ja nicht, dass man gleich alle enteignet und sich als Diktator dran bereichert, während alle anderen verhungern und sich gegenseitig bespitzeln und alle, die sich dagegen wehren ins Gefängnis gesteckt oder umgebracht werden. Sozialstaat bedeutet genau das Gegenteil. Dass man Hilfsbedürftigen unter die Arme greift, damit alle die gleichen Chancen haben. Von Geburt an hat man die nämlich nicht.

Leitwerte, wie das der Freiheit, in allen Ehren, aber – bei allem Respekt – wenn das nur hohle Floskeln bleiben, die jeder Idiot in die Gegend posaunt und dahinter steckt nur heiße Luft, dann kann man sich das auch sparen. Genau so wie man sich auch jede Entschuldigung meines Erachtens getrost sparen kann, die keinerlei Einsicht in das eigene Fehlverhalten beinhaltet und infolgedessen auch keinerlei Änderung dieses eigenen Fehlverhaltens nach sich zieht. Was soll denn dann das ganze Theater, genauer, diese Schmierenkomödie? Wenn dann gleich wieder die ganze Scheiße von vorn anfängt? Mist bauen – Ärger kriegen – sich entschuldigen – Ärger ebbt ab. Den gleichen Mist bauen – den gleichen Ärger kriegen – sich auf die gleiche Weise entschuldigen – Ärger ebbt wieder ab. Und so weiter und so fort. Es wäre doch viel einfacher und effektiver und für sämtliche Beteiligten entschieden weniger nervtötend, wenn es folgendermaßen abliefe: Mist bauen – Ärger kriegen – überlegen, was an den Vorwürfen dran ist – eigenes Fehlverhalten kritisch reflektieren – eigenes Fehlverhalten ändern – sich währenddessen gegebenfalls entschuldigen – Ärger ebbt ab – Verhalten ändert sich. Punkt. Es ist ja schon lästig genug, dass man überhaupt sauer werden und sich beschweren muss, damit andere Leute merken, dass sie Mist gebaut haben. Aber wenn es dazu führt, dass diese Leute dazulernen und künftig weniger Mist bauen, dann lohnt sich der Aufwand wenigstens. Aber was soll man denn tun, wenn sich gar nichts ändert und man sich jedes Mal völlig umsonst aufregt? Sich nicht mehr aufregen? Ja, das wäre vermutlich das Beste. Ändern tut sich ja eh nichts und dann kann man es auch gleich ganz entspannt nehmen und gelassen reagieren, so wie Albert Camus‘ Sysiphus, der einfach akzeptiert, dass der dämliche Felsbrocken den blöden Berg immer wieder hinunterrollt, so dass man sich den guten alten Sysiphus glücklich vorzustellen hat. Wenn jemand herausgefunden hat, wie man es schafft, sich über die Idiotie, Ignoranz und Borniertheit in der Welt nicht mehr aufzuregen, so möge er mir bitte sein Geheimnis verraten. Meine Dankbarkeit wäre demjenigen Welchen gewiss.

Essai 90: Über Ersatz-Probleme und Stellvertreter-Ärgernisse

1. Juli 2012

Am vergangenen Donnerstag ging die Welt unter. Tja, die Mayas lagen falsch und waren ein halbes Jahr zu spät dran mit ihrer Schätzung. Aber die Mayas kannten ja auch noch keine Fußball-Europameisterschaften. Hier in Deutschland aber ist Fußball offenbar die Welt und eine ‚Niederlage‘ Untergang derselben. Schlimm. Zugegebenermaßen war ich dieses Mal doppelt geknickt. Ich drücke ja immer zwei Mannschaften die Daumen, den Franzosen und den Deutschen. Die Franzosen haben diesmal die Vorrunde heil überstanden und wurden dann von den Spaniern platt gemacht und die Deutschen nun von den Italienern im Halbfinale. Also wenn hier einer Grund zum Jammern hat, dann bin ich das (und meine deutschfranzösischen Artgenossen). Ehrlich gesagt, ist mir meine Zeit dafür aber ein bisschen zu schade und deswegen schaue ich mir lieber heute Abend das Finale an und freue mich über jedes Tor das fällt.

Diese lockere Haltung ist aber jedermanns Sache nicht, statt dessen nimmt man solche – Pardon – Kleinigkeiten lieber als Anlass, sich ordentlich über Sachen aufzuregen, die eigentlich egal sind, nur um sich nicht um Sachen kümmern zu müssen, die wirklich im Argen liegen. Kommt die Kanzlerin trotzdem zum Finale?, fragen wir uns. Wann gibt’s eigentlich endlich mal einen angemessenen Mindestlohn?, fragen wir uns nicht. Uns interessiert es auch brennend, wenn ein gewisser Dieter B. eine neue, noch jüngere Freundin hat, die aber genau so aussieht, wie die davor, nur halt jünger. Gleiches gilt für all die anderen prominenten, geltungssüchtigen, triebgesteuerten Lustgreise, die nicht müde werden ihr Privatleben in der Öffentlichkeit zu zelebrieren. Ja, das ist wirklich hochinteressant. Oder ob sich der gewisse Dieter B. und ein Thomas G., formerly known as größter Entertainer den es jemals gab sich in der Jury einer nicht weiter erwähnenswerten Unterhaltungssendung ordentlich kabbeln werden oder nicht, ob genannter Herr G. nun nach seinem Talkshow-Quotendebakel vollends unter sein früheres ‚Niveau‘ gesunken ist und es einfach nicht ertragen kann, einfach auch mal nicht im Mittelpunkt zu stehen, ob dies, ob das, egal, da kümmern wir uns drum, da bleiben wir mit unserer Aufmerksamkeit hängen. Dafür machen wir uns dann halt keine Gedanken über Hungersnöte, Kriege, Armut, Seuchen, und den ganzen unangenehmen Krempel.

Wer wie wann wo mit wem was-auch-immer laufen hatte, ist ein hochinteressantes Thema für jeden Bürotratsch. Dass Berufsanfänger und Absolventen kaum noch eine unbefristete Festanstellung bekommen und sich mit Praktika, Volontariaten, freier Mitarbeit und ähnlichem durchschlagen müssen, dass sie chronisch unterbezahlt sind, dass es einen durch nichts und wieder nichts gerechtfertigten Unterschied zwischen Männer- und Frauengehältern gibt, dass es Frauen immer noch nicht leichter gemacht wird, Arbeit und Familie unter einen Hut zu bekommen, darüber macht man sich keine Gedanken. Nicht nur beim Bürotratsch, auch nicht im Bundestag. Der kümmert sich lieber um Ersatz-Probleme wie diesen völlig beknackten Betreuungsgeld-Schwachsinn, um es den Frauen einfach mal noch leichter zu machen, da zu bleiben, wo sie hingehören, nämlich zu Hause an den Herd.

Es geht natürlich noch abstruser, wenn man sich zum Beispiel mal die Altersfreigaben von Kinofilmen anguckt. Da läuft irgendwann irgendeiner nackig durchs Bild, irgendwo purzelt eine weibliche Brust aus der Bluse – zack, frei ab 18. Da werden haufenweise Menschen erschossen, das Blut fließt in Strömen, Eingeweide fliegen durch die Luft, zermatschte Gehirne gammeln in der Gegend rum, abgehackte Gliedmaßen werden hin und her geworfen – zack, frei ab 12. Verzeihung, aber ist das nicht ein klitzekleines Bisschen unverhältnismäßig?

Aber so ist er, der Mensch. Er ärgert sich lieber über Kleinigkeiten, weil ihm die wirklichen, großen Probleme Angst machen, weil er die nicht überschauen, nicht greifen kann. In jedem von uns steckt so ein kleiner Kontrollfreak, der die Dinge gerne im Griff hat. Und kleine, unwichtige Dinge im Griff zu haben oder in selbigen zu bekommen, ist dann doch etwas einfacher, als das große Ganze im Alleingang umzuwälzen. Das ist durchaus verständlich, auch wenn es die Sache nicht unbedingt besser macht. Und sich um Ersatz-Probleme zu kümmern, die eigentlich wurscht sind, oder die Lösung ist selbstverständlich, lenkt einen von der eigenen Ohnmacht ab, die man gegenüber allumfassender Ungerechtigkeit empfindet. Wenn wir nur mal aufhören würden, zu jammern und stattdessen eben bei diesen Kleinigkeiten einfach mal anfangen würden, etwas gegen kleine Probleme und kleine Ungerechtigkeiten zu unternehmen, dann würden wir es vielleicht auch mit der Zeit schaffen, gemeinsam die größeren, richtigen, wichtigen Probleme zu lösen. Dafür müssten wir aber auch aufhören, immer nur um uns selbst zu kreisen und uns auch mal für unsere Mitmenschen interessieren. Aber bis es soweit ist, gucke ich heute abend Fußball und freue mich über jedes gefallene Tor.

Essai 87: Über Migrationshintergründe

11. Mai 2012

Fürwahr, ein heikles Thema, das ich mir für diesen Essai ausgesucht habe. Man setzt sich da doch recht schnell in die Nesseln, wenn man was über Ausländer öhm tja nun Mitbürger mit migrationshintergründigen Wurzeln und Wurzelinnen erzählt. Aber da ich ja per Definition auch zu diesem Menschenschlag gehöre, weil meine Mutter nicht aus Deutschland kommt, denke ich reicht das an Qualifikation, um mich mal über diesen Begriff des „Migrationshintergrunds“ zu wundern und mich zu fragen, ob überhaupt irgendeiner eine Ahnung hat, was er meint, wenn er von „Integration“ spricht.

Recht schnell rutscht man bei den Begriffen „Migrationshintergrund“ und „Integration“ in die Klischee-Kiste ab und hüpft entweder zum einen Extrem, in dem man herumzetert, „die“ (Mitbürger mit Migrationshintergrund) würden sich ja gar nicht „integrieren“ wollen, würden außerdem „uns“ (Deutschen ohne Migrationshintergrund) die Arbeitsplätze wegnehmen und überdies seien „die“ ja auch alle faul und hätten keine Moral und was weiß ich. Oder man gleitet ins andere Extrem und gibt einem B*shid* (ich zensier den Namen mal bis zur Unkenntlichkeit, damit der mich nicht verklagt) den Bambi für seine tolle Integrationsarbeit. Der Kerl ist auch nicht ausländischer als ich, ein Elternteil kommt aus Woanders-als-Deutschland und der andere aus Deutschland. Zudem ist er in Deutschland aufgewachsen, wie ich auch. Wo bleibt also mein Bambi? Ich mag Rehe, ich würde mir das Ding sogar ins Regal stellen und mich freuen, versprochen! Meine vage Vermutung ist, dass besagter junger Mann deswegen mit dieser heuchlerischen ‚Ausländer-Scheißfreundlichkeit‘  behandelt wird, weil er eine Person des öffentlichen Lebens ist, den ‚Jugendlichen‘ als ‚Vorbild‘ dient und daher für die selbstbeweihräuchernde Prominenz bei der Bambi-Verleihung ungemein wichtig ist. Mich kennt ja kein Aas, also kann ich zwar schreiben, was ich will, aber ein goldenes Rehlein bekomme ich dafür nicht. Man muss halt Prioritäten setzen. Vielleicht bastel ich mir eins aus Alufolie und Klopapier. Aber das ist irgendwie nicht dasselbe…

Oh, ich schweife schon wieder ab, Verzeihung. Ich will mal versuchen, diesen Begriff des „Migrationshintergrunds“ ein wenig zu analysieren, vielleicht verstehe ich ja dann, was das eigentlich heißt. Dass das nicht ein fadenscheiniger Ersatz für den Begriff des „Ausländers“ ist, um politisch korrekt wirken zu können, selbst wenn man es nicht ist, ist denke ich klar. Wäre ja irgendwie auch ziemlich scheinheilig, einfach einen objektiv wirkenden Euphemismus für einen zur Beleidigung verkommenen, aber konkreten Ausdruck zu nehmen, damit keiner merkt, dass man Vorurteile hat. Dass man aber diese Vorurteile trotzdem noch hat, selbst wenn der Begriff sich geändert hat und durch seine neue Schwammigkeit auch gleich viel netter klingt, merkt man dann an Aussagen wie: „Sie sprechen aber gut Deutsch!“ – Ist wirklich wahr, das hat mal so ein Akquise-Fuzzi von einer Finanzberatung zu mir gesagt (keine Ahnung, aus welchem zwielichtigen Datenhandel-Deal der meine Nummer hatte), nachdem er festgestellt hatte, dass „Isabelle Dupuis“ doch ein französischer Name sei. Der Einfachheit halber habe ich gesagt „Ja“ und dann kam auch schon das vermeintliche Kompliment, mein Deutsch sei aber gut. Daraufhin habe ich mir den Spaß gemacht und in meinem schönsten Missingsch geantwortet: „Jo. Ich bin auch hiä geboor’n, nech“ und habe sogleich darauf verzichtet, diesem Stoffel meine spärlichen Ersparnisse anzuvertrauen. Ich kenne aber auch das andere Extrem, mir hat zwar bisher noch keiner vorgeworfen, ich hätte eine zweifelhafte Moral und würde hart arbeitenden Deutschen den Arbeitsplatz wegnehmen (wobei ich ja auch nur zur Hälfte „Ausländerin“ bin, sprich, ich bin dann nicht moralisch völlig verdorben, sondern nur halbseiden und wenn, dann nehme ich den hartarbeitenden Deutsch-Deutschen auch nur eine Teilzeitstelle weg), aber trotzdem scheinen manche Leute zu denken, sie könnten mich beleidigen, indem sie irgendwelche Sprüche über den Verzehr von Froschschenkeln und den angeblich mangelnden Wohlgeruch von Franzosen klopfen. Ich bin dann höchstens über den Mangel an Einfallsreichtum und psychologischer Subtilität enttäuscht. Einmal habe ich auch gekontert, wenn dem so ist, dass Franzosen das mit der Hygiene nicht so genau nähmen, dann stänke ich ja nur auf der einen Hälfte. Das kann man natürlich auch positiv sehen, auf der anderen Hälfte dufte ich nach Rosenblüten und so.

Was ich mit diesen kleinen Anekdoten zu demonstrieren gedenke, ist die totale Absurdität des „Migrationshintergrund“-Begriffs. Hinzu kommt, dass es offenbar bestimmte „Migrationshintergründe“ gibt, die migrationshintergründiger sind, als andere „Migrationshintergründe“. Wenn ich zum Beispiel jemanden, der gerade über „Ausländer“ herzieht, freundlich darauf hinweise, dass auch meine Mutter per Definition zu dieser Spezies gehört, bekomme ich zu hören: „Ja, du! Das ist ja wohl was anderes“. Wieso ist das was anderes? Entweder man ist Deutscher oder nicht und wenn nicht, dann ist man doch in Deutschland ein Ausländer. Ich bin Deutsche und Französin und Deutsch-Französin. Ich bin gleichzeitig Deutsche, Ausländerin, Halb-Deutsche und Halb-Ausländerin, zieht euch das mal rein. Da stößt dann doch dieses ganze Konzept an seine Grenzen und dann ist es vielleicht einfach mal an der Zeit, diese Dichotomie von „Inländer“ und „Ausländer“ fallen zu lassen. Außerdem, wie kann denn das angehen, dass ein Franzose weniger ausländisch ist, als beispielsweise ein Türke oder ein Türke mit deutscher Staatsbürgerschaft oder ein Deutscher mit türkischem Migrationshintergrund? Das ist doch Blödsinn! Wo fängt überhaupt ein „Migrationshintergrund“ an und wo hört er auf? Gibt es dabei auch eine Verjährungsfrist, so wie bei Verbrechen? Mein Vater hat zum Beispiel hugenottische Wurzeln, sprich, irgendwann vor einigen Jahrhunderten, lebten meine Vorfahren väterlicherseits in Frankreich und frönten ihrem protestantischen Glauben. Frankreich war damals in der Hand von Katholiken und aus unerfindlichen Gründen haben diese etwas gegen Protestanten gehabt und ihnen nach dem Leben getrachtet, woraufhin diese geflüchtet sind, im Falle meiner Familie nach Deutschland. Übrigens hat wenige Generationen später irgendein Urahn dann doch zum Katholizismus konvertiert, um im katholisch geprägten Süddeutschland Bürgermeister werden zu können. Ich verstehe das nicht, das ist ja nicht nur der gleiche Gott wie in allen monotheistischen Religionen, es ist auch noch derselbe, ist doch alles Christentum, wo liegt also das Problem? Manche Leute WOLLEN aber auch einfach nicht ihr Hirn benutzen. Außerdem sieht man doch daran, wie unterschiedlich sich die Texte in der Bibel deuten lassen, wie will man denn da mit Sicherheit sagen, wer denn nun eigentlich Recht hat und wer falsch liegt? Aber ich komme schon wieder vom Ästchen aufs Stöckchen, schlimm das. Wo war ich stehen geblieben? Ach ja, Verjährungsfrist für „Migrationshintergründe“. Genau. Also, hat mein Vater jetzt mit seinem hugenottischen Nachnamen und den dazugehörigen Wurzeln einen Migrationshintergrund oder nicht? Was ist mit meiner Oma, die im Elsass geboren wurde, was ja zwischendurch auch mal zu Deutschland gehörte. Das heißt, irgendwann waren ihre Vorfahren zwischenzeitlich Deutsche und dann wieder Franzosen und dann wieder Deutsche. Migrationshintergrund oder nicht? Hat überhaupt auch schon mal irgendwer den Umstand bedacht, dass Deutschland und überhaupt alle anderen Länder auch, nicht seit Anbeginn der Erde ihre heutige Beschaffenheit hatten? Was ist mit den großen Völkerwanderungen? Gilt das nicht auch schon als „Migrationshintergrund“? Was ist mit den Amerikanern, wieso spricht man da von „Afro-Amerikanern“, aber nicht von „Euro-Amerikanern“, „Australo-Amerikanern“, „Asia-Amerikanern“? Und wieso nennt man die eigentlichen Amerikaner nicht „Amerikaner“ sondern „amerikanische Ureinwohner“ („Indianer“ darf man ja nicht mehr sagen)? Wobei, ich meine gelesen zu haben, dass besagte „Ureinwohner“ auch nicht immer in Amerika gelebt haben… Da wird man ja ganz wirr im Kopf. Aber ernsthaft, entweder, man unterscheidet überhaupt nicht („Diskriminierung“ heißt übrigens nichts anderes als „Unterscheidung“/“Trennung“) oder man unterscheidet alles. Wobei letzteres, wie man an meinen kleinen Beispielen sieht, ziemlich unübersichtlich und verwirrend werden kann. Sowieso, wird dieser ganze Quark mit dem „Migrationshintergrund“ meiner Erfahrung nach komplett hinfällig, sobald man jemanden als individuellen Menschen kennenlernt. Klingt zugegebenermaßen jetzt etwas kitschig und gutmenschelnd, aber es stimmt. Deswegen sagen ja meine Freunde auch, wenn ich ihnen sage, ich hätte sozusagen auch einen „Migrationshintergrund“, so was wie „Ja, DU!“ und finden, dass das bei mir nicht als „Migrationshintergrund“ gelten könne. Weil sie mich halt persönlich kennen. Wenn ich jemanden persönlich kennen lerne, ist er dann nicht mehr „Der Pole“, „Der Türke“, „Der Iraner“, „Der Österreicher“, sondern dann hat er einen Namen und dann ist das spannend, davon zu erfahren, wenn er eine andere Kultur und andere Traditionen hat, als ich, aber dann schiebe ich den nicht mehr in irgendeine Schublade, klebe ein Etikett drauf und fertig. Dabei ist es ja auch egal, ob auf dem Etikett etwas Erfreuliches draufsteht, wie „ist integriert“ oder etwas Unschönes, wie „will sich ja gar nicht integrieren, die Sau“, Vorurteile sind Vorurteile und die kann man nur ablegen, wenn man sich von bescheuerten, absurden Begriffen wie „Migrationshintergrund“ verabschiedet und offen und neugierig auf andere Menschen zugeht und sich ein bisschen Mühe gibt, denjenigen näher kennen zu lernen.

So, und nun gehe ich mein Klopapier-Alufolien-Bambi für den Weltfrieden anbeten.

Essai 81: Über Leute, die sich für was Besseres halten

31. Januar 2012

Gibt es etwas Schlimmeres, als Leute, die sich für was Besseres halten? Dieser ganze elitäre Haufen Snobs geht einem doch fürchterlich auf den Keks. Mein Haus, mein Auto, mein Pool, meine Fresse! Wenn es eine Sache gibt, die mir einfach mal komplett nicht imponiert, dann sind das Statussymbole. Und ich pfeife auch auf Markenklamotten. Es ist mir wurscht, ob die Handtasche nun von dieser Firma mit dem Reiter im Logo ist, oder nicht. Es ist mir auch egal, ob die Turnschuhe nun von der Firma ist mit den drei Streifen oder von der mit dem Panther oder was auch immer vorne drauf. Und wenn man meint, mir erzählen zu müssen, wie ungemein angesagt das gerade ist, was man trägt, kann man von mir nicht mehr als ein müdes Achselzucken erwarten.
Nicht minder anstrengend sind geltungssüchtige Narzissten mit ausgeprägtem Mangel an Selbstwertgefühl, die einem permanent vor der Nase herumhopsen und einem ständig unter selbige reiben müssen, was sie alles können, was sie alles wissen und wie total toll sie sind. Ich habe wirklich Interessanteres mit meiner Zeit anzufangen, als ständig Groupie für irgendwelche aufmerksamkeitsgeilen Pappnasen zu spielen, die sich selbst keine Sekunde aushalten und deswegen ständig allen anderen auf die Nerven gehen müssen.
Ganz schlimm sind aber die, die sich für was Besseres halten und so tun, als hielten sie sich nicht für etwas Besseres. Die tragen dann zum Beispiel so einen seligen Gesichtsausdruck spazieren um allen zu zeigen, wie wunderbar mit sich im Reinen sie sind. Und weil sie so zufrieden mit sich sind, müssen sie das auch gleich mit allen teilen. Zum Beispiel, indem man furchtbar betroffen tut und den anderen bedauert, da er ja nicht so selbstzufrieden scheint und der andere fühlt sich plötzlich so, als sei er unheilbar krank, dabei war er bis eben noch soweit ganz glücklich mit seinem Leben.

Schließlich und endlich gibt es aber noch die Schlimmsten der Schlimmen, die sich für etwas Besseres halten. Das sind dann die, die irgendwelche Essais über Leute schreiben, die sich für was Besseres halten und diese kritisieren und sich dabei erst recht als was Besseres vorkommen.

Essai 72: Über offen gelassene Hintertürchen

27. Januar 2011

Was finden selbsternannte Kreuzritter für Wahrheit und Anstand noch viel, viel schlimmer als die menschliche Eigenart, Dinge auch mal für sich behalten zu wollen? Dinge nicht nur für sich behalten zu wollen, sondern sich daraus auch noch Vorteile zu erhoffen. Kurz: Sich Hintertürchen offen zu lassen.

Mal ganz ehrlich, diese Leute, die sich das Leben nicht schwieriger machen wollen als nötig, die sind doch wohl das Allerletzte. Was fällt denen eigentlich ein? Man kann doch nicht einfach die allseits etablierte und als allgemeine Wahrheit anerkannte Floskel, dass das Leben kein Ponyhof sei, Lügen strafen! Was käme denn dann als nächstes? Am Ende wird noch unser dualistisches Weltbild, das wir uns so schön einfach aus Schwarz-Weiß und Gut-Böse zusammengebastelt haben, in Frage gestellt. Womöglich müssten wir uns an neue Weltbilder und Floskeln gewöhnen. Daran, dass es nicht nur Grautöne in den feinsten Abstufungen zwischen Schwarz und Weiß gibt, nein, sondern auch Farben. Potzblitz!

Vielleicht müssten wir uns sogar daran gewöhnen, dass jede Sache mindestens zwei Seiten hat. Mindestens, das muss man sich mal vorstellen! Obwohl… Ach nee, lieber doch nicht.

Oder, dass es immer auch auf die Umstände und die Perspektive ankommt, wie eine Handlung oder Aussage zu bewerten sei. Ach Gottchen, nicht auszudenken wäre das!

Aber bevor die Panik hier Überhand nimmt, zurück zu unseren dämonischen Hintertürchen.

Ich kann ja durchaus verstehen, dass Hintertürchen hin und wieder furchtbar nerven. Wenn man zum Beispiel eine – wie man selbst findet – eindeutige Frage gestellt hat, die im Grunde nur die Optionen „Ja“ und „Nein“ offen lässt (wie man irrigerweise dachte) und dann kommt so eine Antwort wie „Öhm, ähm, vielleicht, muss ich gucken.“ Das nervt total, oder? Damit kann man seine Mitmenschen hervorragend zur Weißglut treiben, wenn man das konsequent durchzieht. Allerdings sind solche Antworten häufiger ein Schrei nach Entscheidungsabnahme denn eine gezielte Attacke auf unser Nervenkostüm. Das ist relativ leicht zu lösen. Man muss dann solchen entscheidungsunwilligen Zeitgenossen einfach die Entscheidung abnehmen, dann übersteht man das mit nur gering angesägten Nerven. Dann sagt man zum Beispiel: „OK, dann heißt das also Ja?“ und dann kommt mit großer Sicherheit ein Protest und dann weiß man, es war doch „Nein“.

Was aber macht man mit Leuten, die in der Öffentlichkeit stehen, wie zum Beispiel Politiker, die sich Hintertürchen offen lassen? Da geht dann jedes Mal ein empörter Aufschrei durch die Medien und die öffentliche Meinung echauffiert sich, dass das ja wohl unmöglich sei. Ich verstehe allerdings nicht direkt, was daran unmöglich ist. Wenn zum Beispiel einer sagt: „… wenn das mit dem Amt des Bundeskanzlers nicht klappt, nehme ich halt meinen Beruf als Anwalt wieder auf“, oder so was. Ist doch ganz vernünftig, nicht alles nur auf eine Karte zu setzen. Wenn das nämlich wirklich nicht klappt, ist das total dämlich, keinen Plan B in der Tasche zu haben. Außerdem ist es doch ganz nett, wenn sich Politiker zur Abwechslung mal ihrer Sache nicht hundertprozentig sicher sind. Das ist doch auch total unglaubwürdig, dieses Herumgeprotze.

Der Hamburger Noch-Bürgermeister gibt sich beispielsweise zur Zeit noch total selbstsicher, tätschelt hier ein paar Kinderköpfe im Einkaufszentrum, tanzt da sogar auf dem Presseball (nachdem er vorher neckisch meinte, er wolle das lieber denjenigen überlassen, die auch tatsächlich tanzen können.*kicher*). Diese angebiederte Volksnähe ist doch unauthentisch. Wenn er sowas sagen würde wie: „Ich weiß auch noch nicht, ob mich die Leute jetzt, da sie mich wählen können und ich ihnen nicht ungefragt vor die Nase gesetzt werde, auch tatsächlich wählen… Sonst widme ich mich dem Haushalt und meine Frau macht ihr Jodeldiplom zu Ende und dann eröffnen wir im Herbst mit dem Papst in Wuppertal eine Herrenboutique.“ Dann würde er zumindest mal etwas weniger schmierig wirken. Aber damit würde er sich ja ein Hintertürchen offen lassen.

Was genau wirft man den Hintertürchen eigentlich vor? Damit mache man es sich zu einfach? Man zeige menschliche Schwäche? Sei inkonsequent? Unehrlich? Sich selbst untreu? Nicht integer?

Ich halte das da lieber mit Brecht: „Wer A sagt, muss nicht B sagen. Er kann auch erkennen, dass A falsch war.“

Manchmal sind ja unsere vorgefertigten Meinungen, die wir für unsere Wahrheit und unsere Identität halten, ja auch Quatsch. Man verbaut sich doch unzählige Möglichkeiten, wenn man immer nur seinem eigenen, vorgetrampelten Pfad folgt und weder nach links, rechts, oben, unten, vor und zurück schaut. Dafür gibt’s doch auch ein schönes Wort, wie hieß das denn noch gleich… Ah ja, Borniertheit. Solch ein festgefahrenes Beharren auf eigene Vorurteile ist einfach borniert.

Also, auch auf die Gefahr hin, sich bei unseren Kreuzrittern für Wahrheit und Anstand nicht gerade beliebt zu machen, sollten wir uns ruhig hin und wieder Hintertürchen offen lassen. Das behalten wir dann allerdings lieber für uns.

Aber um der Nerven unserer Mitmenschen willen, sollten wir das Offenlassen von Hintertürchen nicht zu unserem neuen Grundsatz erklären.

Essai 71: Über Konsummüdigkeit infolge von omnipräsentem Überangebot an Nicht-Notwendigem

19. Dezember 2010

Weihnachten steht sozusagen direkt vor der Tür und die weihnachtsfeiernde Menschheit teilt sich – wie jedes Jahr – in zwei Lager. Auf der einen Seite haben wir die „Traditionalisten“, die das ganze Paket mit Liebe, Friede, Heiterkeit, Geschenken und prall geschmücktem Weihnachtsbaum bevorzugen.

Und auf der anderen Seite, die sich für ungemein originell haltenden, pseudo-rebellischen „Anti-Traditionalisten“, die total individuell gegen den weihnachtlichen „Konsum-Terror“ wettern, sich und ihren Lieben gegenseitig das – inzwischen schon zum Klischee verkommene – „Wir schenken uns nichts“ schwören und einen auf puristisch machen.

Eine Haltung, die mir – nebenbei bemerkt – reichlich auf die Nerven geht. In dem Versuch, dem einen Klischee zu entkommen, stürzt man sich voller Leidenschaft ins nächste. Nur dass die „Traditionalisten“ gar nicht erst so tun, als wären sie individuell, originell und was-weiß-ich. Die „Anti-Traditionalisten“ sind das schlimmste Klischee von allen und merken es nicht einmal. Das ist doch peinlich!

Außerdem, ich finde das schön, anderen etwas zu schenken, eine Freude zu machen und Liebe, Friede, Heiterkeit finde ich auch gut. Ja, ja, ich weiß, ich habe mich soeben als „Traditionalist“ geoutet, schon klar.

Bevor ich jetzt aber von den „Anti-Traditionalisten“ in der Luft zerfetzt werde, weil ich mit meiner Haltung den monströsen Konsumapparat des kapitalistischen Terrors personifiziert in der Figur des amerikanistischen Coca-C*la-Weihnachtsmannes unterstütze (Schleichwerbung ist pfui, daher das Sternchen), möchte ich ein großes „ABER“ hinzufügen.

ABER in einem Punkt haben die „Anti-Traditionalisten“ nämlich gar nicht so Unrecht und das ist die Sache mit dem „Konsum-Terror“. Ich würde es nicht unbedingt so martialisch als „Terror“ bezeichnen, aber schon als ein omnipräsentes Überangebot an Nicht-Notwendigem. Da wird man zum Beispiel mit riesengroßen Werbetafeln zugeballert, die die Zielgruppe „verzweifelter, weil unkreativer Mann mit weiblichem, charakterlich schwierigem Anhang“ anspricht und versucht selbiger allen Ernstes zu suggerieren, jede Frau wünschte sich so ein bescheuertes elektronisches Buch. Dann doch lieber einen Gutschein für die  Lieblings-Buchhandlung im Wert eines elektronischen Buchs. Das ist auch unkreativ, aber dann kann frau sich wenigstens aussuchen, was ihr Spaß macht und hat dann nicht so ein blödes Ding im Weg rumliegen, das sie dann auch noch benutzen muss, weil Männe sonst enttäuscht ist. Und womit Männe sowieso lieber herumspielt und sich voller Inbrunst in die Lektüre der Bedienungsanleitung stürzt, um dann hinterher mit treuherziger Penetranz seiner Angebeteten die Funktionsweise des blöden Dings zu erklären. Und sie darf sich dann nicht anmerken lassen, dass sie das überhaupt nicht interessiert und dass sie jetzt viel lieber ihr (echtes) Buch weiterlesen würde, anstatt den technischen Verbal-Ergüssen ihres Göttergatten mit unendlicher Geduld zu lauschen.

So, um aus den Untiefen des Gender-Stereotypen-Sumpfs wieder aufzutauchen, jetzt mal Schluss mit dem „Mann schenkt Frau elektronischen Firlefanz, den sie weder braucht noch will, er aber schon, und das ist auch der Grund warum er das verschenkt“-Gedöns. Ganz allgemein habe ich in letzter Zeit an mir beobachtet, dass ich ab einem bestimmten Punkt an Angeboten und Auswahlmöglichkeiten schlicht und ergreifend jegliche Lust verliere, mir überhaupt irgendwas zu kaufen. Und das ist natürlich in der Weihnachtszeit besonders extrem. Ich war zum Beispiel neulich mal im KadeWe in Berlin. Das war bombastisch, überall glitzerte und funkelte der Weihnachtsschmuck, große Kulleraugen gläserner Rehe strahlten mich an, dann überall Schokolade, Süßigkeiten, Kekse, Kuchen aus aller Welt, von der grandiosen Mode-Abteilung mal ganz zu schweigen. Es war überwältigend. Und ich wollte mir wirklich gerne irgendetwas kaufen, weil ich nicht so oft ins KadeWe komme und weil alles so fantastisch war. Aber ich wusste nicht was. Dieses Überangebot an Dingen, die zwar schön und toll sind, die man aber – rational betrachtet – nicht braucht, hat mich einfach total erschlagen. Und dann bin ich nach Hause gefahren, ohne mir etwas gekauft zu haben.

Was ich dabei festgestellt habe ist, dass das überhaupt nichts gemacht hat. Man muss nicht ständig irgendwas kaufen. Eigentlich braucht man doch viel weniger Zeug, als man glaubt. Also bin ich vielleicht doch eine verkappte „Anti-Traditionalistin“? Konsumverweigerung durch Konsummüdigkeit?

Neeeee… so einfach ist das natürlich nicht. Man kann nämlich auch hier einen Mittelweg finden. Wenn man zum Beispiel sich vorher überlegt, was man in etwa braucht, so eine grobe Richtung zumindest, dann kann man dem Konsumwahn entkommen, ohne gleich in das andere Extrem der Konsumverweigerung zu rutschen. Ich bin zum Beispiel in der Hinsicht ein großer Fan von Listen. Listen sind super. Und das macht so einen Spaß, kleine Häkchen hinter die erledigten Punkte zu setzen. Wenn man spontan etwas Geniales findet, kann man das ja trotzdem kaufen, aber man ist dann nicht so sehr erschlagen von dem omnipräsenten Überangebot, wenn man sich vorher einen groben Plan gemacht hat.

Soweit, so gut, ich wünsche dann noch allen Traditionalisten und Anti-Traditionalisten ein fröhliches, entspanntes Weihnachtsfest und lasst euch nicht vom Konsum-Monster terrorisieren.

Essai 69: Über unterschwellige Ideologievermittlung in angeblichen Kinderfilmen

16. November 2010

Die Kategorisierung medialer Erzeugnisse stößt bei mir immer wieder auf höchste Verwunderung. Vor allem die Kriterien der Kategorie „Kinder-irgendwas“ sind mir völlig schleierhaft. Da wird etwas als Kinderbuch bezeichnet und darin geht es um Mord, Totschlag, selbsternannte „Herrenrassen“ und vielerlei weiterer Grausamkeiten.

Ich bin ja der Meinung, ein gutes Buch, ein guter Film, überhaupt eine gute Geschichte, funktioniert immer auf mehreren Ebenen. In „Harry Potter“ zum Beispiel gibt es Elemente, die für Kinder tatsächlich zu brutal sind (wie bereits erwähnter Mord, Totschlag und „Herrenrassen“-Fascho-Gedöns), aber es gibt auch Elemente, die Kinder toll finden (Tiere, Magie, Freundschaft). Das ist aber längst nicht alles, es gibt auch Elemente, die eher Jugendliche ansprechen (Liebe und Streit, Generationskonflikte und nicht zuletzt bewährte Suspense-Elemente) und wenn man will, findet man sogar als Literaturwissenschaftler jede Menge Material, welches man analysieren kann (alles was bisher erwähnt wurde und bestimmt kann man das auch psychoanalytisch irgendwie deuten. Das geht nämlich immer).

Vor ein paar Wochen startete ein vermeintlicher „Kinderfilm“ in den Kinos, „Die Legende der Wächter“, nach einem vermeintlichen „Kinderbuch“. Ich kann jetzt nur von dem Film sprechen, das Buch kenne ich nicht. Jedenfalls ist es mir auch hier Schleier(eulen)haft, wieso man einen solchen ideologie-gespickten Streifen als „Kinderfilm“ verkauft. Gut, die Figuren sind Tiere (Eulen) und es ist ein Animationsfilm (übrigens atemberaubend animiert), da sind ja gerade meine Landsleute immer schnell dabei, solchergleichen als „Kinder-irgendwas“ zu deklassieren. Über dieses Thema hatte ich ja bereits im Essai 61 geschrieben. Man scheint hier nämlich so zu denken, wie der eine Einbrecher in „Kevin – allein zu Haus“: „Er ist ein Kind und Kinder sind doof.“ Folglich ist auch alles, was „für Kinder“ ist, für Idioten. Also unseriös und minderwertig. Und alles was mit Tieren ist und dann auch noch gezeichnet/animiert, ist natürlich nur was für Kinder, also Volltrottel, Nullpeiler, Schwachköpfe. Wer was auf sich hält, belächelt solche Machwerke von möglichst weit oben herab, damit alle merken, wie ungemein seriös, klug und erwachsen man ist.

Würde man allerdings sich weniger wichtig nehmen und stattdessen mal genauer hinsehen, würde man auch in Animations-Tierfilmen vieles entdecken können, das man kritisch betrachten, hinterfragen und analysieren kann. Was – man korrigiere mich gerne, sollte ich mich irren – doch wohl durchaus eine hirnbedingte Tätigkeit ist. Und da das Hirn wie ein Muskel funktioniert – hält man es in Bewegung, freut es sich und belohnt seinen Besitzer mit erhöhter Leistungsbereitschaft – ist das sogar das Gegenteil von bescheuert, dämlich und unseriös.

Aber ich schweife ab…

In der „Legende der Wächter“ also geht es um zwei verfeindete Lager, die Figuren sind Eulen, könnten aber genauso gut Menschen sein. Aber dann könnte man es nicht mehr als Kinderfilm verkaufen und die Kinder schon im frühesten Alter mit fragwürdigem Schwarz-Weiß-Denken und dualistischen Weltbildern indoktrinieren. Das Ganze funktioniert also als eine Art Perversion des Fabelprinzips. In der Fabel treten ja wie man weiß auch Tiere anstatt Menschen auf, die aber allesamt menschliche Züge tragen. In exemplarischer Weise werden moralische Fragestellungen verhandelt und zum Schluss in einem Epimythion die moralisch erwünschte Verhaltensweise auf den Punkt gebracht („Und die Moral von der Geschicht:…“). Dieses Prinzip finden wir im Grunde auch in der „Legende der Wächter“ mit dem nicht unerheblichen Unterschied, dass in der Fabel die erwünschte Lesart und moralische Interpretation explizit am Ende zusammengefasst, in diesem Film aber unterschwellig, implizit, dem Zuschauer untergeschummelt wird.

Wir haben in dem Film also auf der einen Seite „die Bösen“, die sich in dieser Variante des „Kampf Gut gegen Böse“-Plots „die Reinsten“ nennen. Auch sie jonglieren mit faschistoidem „Herrenrassen“-Gedankengut und wollen so eine Art Elite-Eulenrasse zurecht züchten, damit… äh… weil… öhm… nun ja… weil sie halt böse sind. Und deswegen wollen sie auch alle, die aufmucken oder sonstwie nicht in ihr kleines „Herrenrassen“-Hirnchen passen, abmurksen. Aber zum Glück gibt es ja noch „die Guten“, die in diesem Fall „die Wächter“ heißen. Die setzen sich zusammen aus lauter Auserwählten, wo jeder seinen vorherbestimmten Platz hat, seine „Bestimmung“. Und sie wollen „die Reinsten“ vernichten, weil… äh… nun ja… öhm… weil sie halt gut sind und die anderen halt böse. Und deswegen wollen sie auch alle, die aufmucken oder sonstwie nicht in ihr vermeintlich überdimensionales „Weltretter“-Hirn passen, abmurksen.

Wer jetzt aufgepasst hat, merkt, das ist ja beides das Gleiche in Grün. Genau. Und das ist der Punkt. Dem Zuschauer wird nämlich unterschwellig vorgegaukelt, es gäbe so etwas wie angeborene Bosheit und angeborene Gutheit. Und dass es die Aufgabe der „Guten“ ist, die „Bösen“ – O-Ton Film – „auszurotten“ (Das Zitat lautet allen Ernstes: „Wir werden nicht ruhen […] bis alles Unrecht ausgerottet ist“). Sicher, das ist ein beliebtes Motiv von Fantasy-Filmen und ähnlichem Machwerk. Dass man eine Bestimmung hat, der man folgen muss, dass alles Schicksal ist, dass man tun muss, wofür man geboren wurde, laber Rhabarber sülz und schwafel. Aber es macht doch einen Riesenunterschied, ob das Menschen sind, die solch fatalistisches Gedöns verzapfen, oder süße, putzig-flauschige Tierchen. Dadurch wird der Metadiskurs des dualistischen Weltbildes (Gut – Böse, Gott – Teufel, Wir – Sie) nämlich eklatant verharmlost und eingeniedlicht. Kindern wird dieser Quatsch als Normalität vorgegaukelt und somit erschwert, dass sie zu selbständig denkenden, kritisch hinterfragenden und differenzierenden Erwachsenen werden. Und das betrachte ich persönlich als kritisch…


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