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Essai 103: Über Keksverbote und zuckerarme Kitas

29. März 2013

In letzter Zeit macht wieder eine sehr skurrile Geschichte in den Zeitungen die Runde, bei der ein kleiner Junge aus einer Kita geworfen wurde, weil er Butterkekse zum Essen mithatte. Hier ist zum Beispiel der Bericht des Hamburger Abendblatts und hier ein Bericht von der Welt.

Offenbar lief es so ab: Die Eltern waren eines Morgens besonders in Eile und haben es zeitlich nicht geschafft, ihrem kleinen Sohn ein Brot zu schmieren. Bevor er gar nichts zu essen hat, packten sie ihm ein paar Kekse und Waffeln ein. Nun ist aber die einzige Kita in dem kleinen Örtchen in Schleswig-Holstein, in dem die Familie lebt, ein „zuckerarmer Kindergarten“. Kekse sind strengstens verboten, ebenso Waffeln. Die teuflischen Süßwaren wurden konfisziert, der Junge musste hungern. Nach ewigen Streitereien mit den Eltern warf die Kita den Kleinen raus, kündigte den Vertrag und nun sind die Parteien hoffnungslos verkracht, worunter derjenige am meisten leidet, der am wenigsten mit der ganzen Sache zu tun hat, nämlich der Steppke.

Zugegeben, ich bin da etwas parteiisch und auch die Berichterstattung ist klar auf Seiten der Eltern und des Lütten, Verständnis für die Kita gibt es keine. Ich kenne natürlich auch die Seite der Kita nicht und die Seite der Eltern auch nur aus den Berichten. Deswegen möchte ich jetzt auch weniger auf diesen einen konkreten Vorfall eingehen, sondern die Geschichte als Vorwand nehmen, um mal was über Leute zu schreiben, die völlig kompromisslos allen Menschen ihren Lebenswandel aufzwingen müssen.

Es ist ja durchaus löblich, wenn man sich gesund ernährt. Mach ich ja auch. Also weitestgehend. Aber ist das wirklich so gesund, wenn man gesunde Ernährung zu einem Kult, zu einer Ersatzreligion macht und dann auch noch andere Menschen zu missionieren sucht? Und ist das wirklich so gesund, wenn man sich bestimmte Nahrungsmittel strikt verbietet? Kriegt man da nicht ziemlich miese Laune von mit der Zeit?

Natürlich kann es auch sein, dass man Nahrungsmittel aus ideologischen Gründen ablehnt, wie Vegetarier oder Veganer, und sich da nichts verbieten muss, sondern sich dazu freiwillig entschieden hat. Diese Menschen sind dann aber in der Regel sehr tolerant und lassen anderen Leuten ihr Vergnügen. Bei der Kita in der Geschichte scheint es mir allerdings so zu sein, dass sie alles andere als locker und entspannt wenig Zucker konsumieren, weil sie das für sich als richtig empfinden. Dann wären sie nicht so aggressiv unterwegs und fühlten sich nicht bemüßigt, so kleinen Kindern ihren Lebensstil aufzuzwingen. Das ist so, als würde eine kirchliche Kita nur Kinder aufnehmen, die der gleichen Konfession angehören. Da wäre meine Mutter vor 26 Jahren aber ganz schön angeschmiert gewesen, hätte die einzige Kita in der Nähe gesagt, Nö, wir sind ein evangelischer Kindergarten, ihr Katholenspross kommt uns nicht ins Haus. Oder: Wir sind hier ein christlicher Kindergarten, ihre angehende Atheistin können sie mal schön zu Hause erziehen. Nun begegnete man zwar meiner Familie und mir als französischen Migrationshintergründlern mit einer gewissen Skepsis, aber im Kindergarten durfte ich trotzdem bleiben, soviel christliche Nächstenliebe war dann schon drin.

So ähnlich könnte es doch auch die „zuckerarme Kita“ handhaben. Man muss ja die Kinder nicht mit Schokoriegeln und Cola mästen, aber gelegentlich mal ein Butterkeks ist doch nun wirklich kein Problem. Wenn die Leiter des Kindergartens selbst überhaupt keinen Zucker essen wollen, ist das ja schön für sie, aber das tut doch nicht Not, allen anderen seine Ernährungsgewohnheiten aufzuzwingen. Das reicht doch, dass man nur ein bisschen darauf achtet, dass der Süßigkeitenkonsum im Rahmen bleibt, dann lernen die Kinder gleich einen vernünftigen Umgang mit Genussmitteln, anstatt später einen unkontrollierten Heißhunger danach zu entwickeln, weil es ihnen früher so streng verboten wurde.

Kein Problem wäre es auch, wenn es noch viele andere Kitas in dem Dörfchen gäbe. Dann könnten die Eltern entscheiden, ihr Kind in einem anderen Kindergarten unterzubringen, der toleranter ist und könnten die „zuckerarme Kita“ meiden. So wäre auch das Argument legitim, niemand sei gezwungen, sein Kind von jemandem betreuen zu lassen, der seinen Lebensstil, mit dem man nicht konform geht, allen anderen aufdrängt. Wenn diese Wahl aber nicht besteht, finde ich, könnte man auch mal netter zu den Leuten sein. Aber vielleicht beeinträchtigt das ja auch das Toleranzvermögen, wenn man sich grundsätzlich Kekse verbietet.


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