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Essai 152: Über die Fähigkeit zur kritischen Selbstreflexion

6. Februar 2016

Mit der Selbstkritik oder der Fähigkeit zur kritischen Selbstreflexion ist das so eine Sache. Alle behaupten, das wäre was Tolles, aber toll findet man eher die, die diese Fähigkeit anscheinend nicht besitzen. Die, die hemmungslos herumposaunen, wie unfassbar großartig sie sind, die sich an ihrer eigenen Existenz ergötzen und vollkommen von sich und ihrer absoluten Phänomenalität überzeugt sind, werden allseits bewundert. Man glaubt ihnen bereitwillig den größten Unsinn, weil man so gern glauben möchte, dass diese selbsternannten Superhelden wirklich die Welt retten werden.

Zweifel, differenzierte Ansichten, logische Argumente, das sorgfältige Abwägen von Pro und Contra – das alles interessiert keine Sau. Außer vielleicht Leute, die selbst der kritischen Selbstreflexion fähig sind, und wissen, dass es im Grunde genommen keine einfachen Wahrheiten und eindeutigen Antworten auf komplexe Fragen gibt. Aber diesen Leuten hört keiner zu, weil niemand die Geduld und die Lust hat, sich das ganze Geschwafel anzuhören. Markige Sprüche und Angeberposen kommen da viel besser an.

Ich würde ja jetzt gern sowas Melodramatisches schreiben wie: Ach und Weh! Wann ist unsere Welt nur so verkommen, dass wir lieber herumpolternden Wichtigtuern folgen als wirklich klugen Menschen, die die Zusammenhänge leise, bescheiden, aber differenziert und sinnvoll zerpflücken, erklären und langsam, Stück für Stück ändern wollen? Aber das würde voraussetzen, dass es jemals anders war. Wenn man sich die Geschichte der Welt mal so anschaut, war das aber schon immer so, dass man lieber den Großmäulern hinterhergedackelt ist und sich von ihnen vorschreiben ließ, was man machen soll, anstatt mit anderen Zweiflern gemeinsam nachzudenken und nach konstruktiven, langfristigen Lösungswegen zu suchen.

Ich merke selbst, dass ich mich schnell überzeugen lasse, dass mein Gegenüber weiß, wovon es da redet, wenn es nur sicher genug auftritt. Ein „So und so ist das und nicht anders, basta!“ klingt auf Anhieb überzeugender als ein „Na ja, man könnte das einerseits so interpretieren, aber wenn man das aus einer anderen Perspektive betrachtet, ist andererseits auch die gegenteilige Interpretation durchaus nachvollziehbar“. Hand aufs Herz, wer hat nach dem „Na ja, man könnte …“ noch aufmerksam weitergelesen?

Gerade, weil ich selbst ja zu übertriebener kritischer Selbstreflexion neige und immer erst einmal davon ausgehe, dass ich falsch liege und die anderen alle richtig, falle ich auf so großspuriges Gehabe immer wieder herein. Man muss mich im Prinzip nur unfreundlich genug anpampen, dann traue ich mich schon gar nicht mehr, die Aussage des kurz angebundenen Unsympathen anzuzweifeln. Dann hinterfrage ich eher meinen eigenen Standpunkt noch mal. Und wenn ich irgendwann nach ewig langem Gegrüble zu dem Schluss komme, dass ich doch gar nicht mal so bescheuerte Ansichten habe, ist der Großkotz schon längst über alle Berge.

Ich find’s schade, dass Selbstkritik immer erst einmal als Schwäche angesehen wird. Genauso wie Bescheidenheit, von wegen Zier, am Arsch hängt der Hammer, so sieht’s aus. Klar, wenn man nur am Grübeln ist und nie eine Entscheidung trifft, kommt man auch nicht vorwärts, das sehe ich ein. Man sollte es also nicht – so wie ich zum Teil (nehmt euch bloß kein Beispiel 😛 ) – mit der kritischen Selbstreflexion so weit übertreiben, dass man sich im Vergleich mit anderen standardmäßig für grundsätzlich im Unrecht hält. Dann ist es nämlich wurscht, was für zauberhafte innere Werte in einem schlummern, das kriegt nämlich ohnehin keiner mit, und dann nützen sie auch keinem was.

Aber ich arbeite dran 🙂 Immerhin schaffe ich es inzwischen, meinen Ansichten treu zu bleiben und sie mit guten Argumenten zu untermauern, wenn ich ein wenig Zeit zum Nachdenken habe. Sprich, wenn ich zum Beispiel schriftlich kommuniziere (was ich ohnehin bevorzuge) oder wenn man mich nicht völlig aus dem Nichts überrumpelt, dann kriege ich das inzwischen ganz gut hin, meine kritische Selbstreflexion mit ein wenig Selbstvertrauen zu bremsen. Woran ich noch tüfteln muss, ist, wie schaffe ich das, mich nicht einschüchtern zu lassen, wenn man mich vollkommen unvorbereitet und ohne Vorwarnung ankläfft. Aber das ist eine Herausforderung, die ich gern annehme 🙂 Ist ja auch langweilig, wenn man alles schon supertoll kann und nichts mehr dazulernen muss, dann kann man nur noch dasitzen, sich selbst fantastisch finden, und auf das Ende warten. Schnarch.

Essai 136: Über Neid und Missgunst

4. Januar 2015

In Sachen menschliche Abgründe gibt es so Einiges, was ich nicht verstehe, vermutlich auch nicht verstehen kann. Aber ich denke, viele dieser „dunklen Seiten“ der menschlichen Seele lassen sich auf die Verknüpfung von Neid und Missgunst zurückführen. Zum Beispiel wäre es pupsegal, ob irgendjemand mehr Geld, Macht, Einfluss, Sex oder sonstwas hat, wenn deswegen nicht irgendwer neidisch und missgünstig wäre. Allerdings gäbe es in diesem Fall in Literatur, Film und Theater nichts zu erzählen. Denn dann gäbe es keine Konflikte und eine Geschichte ohne Konflikte ist eine langweilige und überflüssige Geschichte.

Im wahren Leben aber finde ich ein bisschen Langeweile ab und zu ganz erholsam. Stattdessen wird man trotzdem ständig mit Neid und Missgunst konfrontiert. Das nervt.

Neid kennt vermutlich jeder irgendwie. Es ist dieser kleine Stachel, der einen piekst, wenn jemand etwas hat oder kann, was man selbst auch gerne hätte und könnte. Das allein ist ja noch nicht schlimm. So lange ich nur denke: „Och Menno, ich hätte auch gern so ein schickes Auto wie der Nachbar“ schadet das ja noch keinem. Man kann es sogar positiv nehmen (ich unverbesserliche Optimistin schon wieder, furchtbar! Entschuldigung) und als Ansporn sehen. Wenn man sich anstrengt, sein Bestes und Möglichstes gibt, dann kann man das vielleicht auch erreichen, was der andere hat oder kann. Wenn nicht, sucht man sich halt ein neues Ziel, ist ja bloß ein Auto.

Kommt aber Missgunst dazu, wird’s fies. Dann heißt es nicht mehr nur: „Schade, dass ich nicht auch so ein schönes Auto habe“, sondern „Wenn ich so ein schönes Auto nicht habe, darf der Nachbar es auch nicht haben! Der hält sich wohl für was Besseres, dieser Schnösel, dieser Emporkömmling, dieses arrogante Arschloch! Aaaaber mit mir nicht! Dem werde ich’s schon zeigen!“ Und schleichend setzt der Prozess der Verbitterung ein und man wird immer neidischer und immer missgünstiger und dabei immer irrationaler. Dann beherrschen Neid, Missgunst und Bitterkeit das ganze Leben.

Und gemäß dem Gesetz der selbsterfüllenden Prophezeiungen sieht man dann überall Gründe, um neidisch und missgünstig zu sein, fühlt sich permanent benachteiligt und bekommt dementsprechend auch nie so viel, wie man glaubt, wie einem zusteht. Ständig hat man Angst, zu kurz zu kommen und fühlt sich auch jedes Mal bestätigt, weil man es nicht anders erwartet. Immer muss man eine Extrawurst gebraten bekommen, weil man sich das wert ist und die anderen haben gefälligst die eigene Großartigkeit anzuerkennen und einzusehen, dass man diese Extrabehandlung durch seine pure Existenz, durch sein alleiniges Dasein verdient hat.

Man bekommt nie genug, weil die Ansprüche stets in gleichem Maße steigen, wie man etwas dazu bekommt. Um bei dem Auto-Beispiel zu bleiben: Hat man es tatsächlich mal geschafft, ein ebenso schickes Auto wie der Nachbar zu bekommen, bemerkt man, dass der Nachbar – was weiß ich – einen größeren Flachbildschirmfernseher hat als man selbst. Schwupps, geht das Spielchen von vorne los.

Nichts gegen ein wenig gesunden Wettbewerb, aber man kann es doch auch einfach mal gut sein lassen! Es ist doch bloß Zeug, verdammt noch mal! Kommt mal klar!

Allerdings wird es schwieriger, wenn sich Neid und Missgunst nicht auf materiellen Besitz beziehen, sondern auf ideelle Dinge wie Talente, Charaktereigenschaften und so. Das kann ja auch sein, dass man neidisch ist, weil jemand zum Beispiel sich richtig gut durchsetzen kann, während man selbst immer total lächerlich wirkt beim Versuch, Autorität auszustrahlen. Das kenne ich nur zu gut. Aber deswegen muss man nicht gleich missgünstig werden. Ich find’s toll, wenn Leute Durchsetzungsvermögen haben und nehme es als Anreiz, meine eigenen Wege zu finden, mich trotz sanftem, friedfertigem Gemüt durchzusetzen. Zum Beispiel durch Hartnäckigkeit.

Aber dann erlebe ich es immer wieder, dass Menschen scheinbar grundlos gemein, gehässig, herablassend und arrogant zu Leuten sind, die ihnen objektiv betrachtet überhaupt nichts getan haben. Da kommt dann die Missgunst dazu. Vielleicht ist man selber chronisch unglücklich und missgönnt es anderen, wenn die fröhlich und unbekümmert erscheinen. Dann muss man natürlich (weil man überzeugt ist, ein Opfer der Umstände zu sein und für sein Unglück nichts zu können) anderen ihr Glücklichsein gehörig vermiesen. Nach dem Motto „Wenn’s mir schon scheiße geht, soll es wenigstens allen anderen auch scheiße gehen, grummelbrummelistdochwahr!“

Ich muss gestehen, da ich nie länger als unbedingt nötig unglücklich bin und auch nur, wenn es einen konkreten Anlass dazu gibt, kann ich das wohl wirklich nicht so gut nachvollziehen, wie das ist, wenn man 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche aus Prinzip mit allem und jedem unzufrieden ist. Bei manchen steckt vielleicht auch eine psychische Erkrankung dahinter und kein mangelnder oder böser Wille.

Bei allen anderen aber wundere ich mich, wie man der Missgunst so ohne Weiteres kampflos das Feld überlassen kann? Außer einer Dauerscheißlaune, mit der man nach und nach alle Menschen aus seinem Leben vertreibt, weil die keine Lust mehr auf die ständigen Sticheleien, Vorwürfe und emotionalen Erpressungsversuche haben, hat man davon überhaupt nichts. Da kann man doch mit seiner Zeit, seinen Fähigkeiten, Möglichkeiten und seiner Energie weitaus Sinnvolleres anfangen.Vielleicht ist das aber auch total arrogant von mir, das so zu denken, weil es mir durch Zufall oder ich weiß nicht warum wie selbstverständlich leicht fällt, die Missgunst nicht gewinnen zu lassen.

Essai 133: Über künstliche Aufreger

26. Oktober 2014

Nun ist Dieter Nuhr also angezeigt worden. Er sei ein „Hassprediger“, der gegen religiöse Gemeinschaften hetze, Gläubige beleidige und verunglimpfe, lautet der Vorwurf. Mein Verdacht ist, dass die Leute, die Dieter Nuhr gerade juristisch auf die Pelle rücken nur den Zusammenschnitt seiner Auftritte gesehen haben, in denen er den Islam – genauer gesagt den religiös-islamistischen Fanatismus – kritisiert. Denn wenn man sich mehrere seiner Auftritte am Stück ansieht, dann wird klar, dass er nicht etwa nur den islamistischen religiösen Fanatismus kritisch-sarkastisch auseinandernimmt, sondern generell gegen Doofheit wettert. Wobei – und da gehe ich mit ihm d’accord – unter Doofheit jegliche Form von Borniertheit, Verblendung, Ignoranz, Vorverurteilung und Fanatismus fällt. Also auch christliche Fundamentalisten bekommen ihr Fett weg und nicht religiös motivierte Dumpfbacken ebenfalls. Dass er dabei aus dem Koran zitiert und die Zitate aus dem Zusammenhang reißt, mag sein. Aber wenn man ihn anzeigt, indem man ebenfalls seine Aussagen aus dem Zusammenhang reißt und dies als Begründung für seine Empörung nutzt, ist man doch keinen Deut besser. Und selbst wenn: Muss man denn immer gleich die Leute anzeigen, nur weil die was gesagt oder getan haben, was einem nicht gefällt? Man kann doch auch einfach sagen: Gut, der hat da eine Meinung, die finde ich blöd und mit der bin ich nicht einverstanden, aber das ist nu(h)r eine Meinung! Wenn man wirklich was Besseres ist, dann steht man da doch drüber!

Ich kann mich wunderbar künstlich darüber aufregen, wenn sich Leute künstlich über irgendwas aufregen, ohne den Kontext zu berücksichtigen. Das mit der Anzeige gegen Dieter Nuhr ist ja nur ein Beispiel unter vielen. Also, bevor mich jetzt auch noch irgendwer anzeigt, weil ich versuche, die ganze Angelegenheit wieder auf den Teppich zu holen, hier noch weitere Beispiele. Zum Beispiel diese Anwohner in Hamburg an der Alster in einer eher schickeren Gegend, die kein Flüchtlingsheim in ihrem Revier wollen. Schließlich würden die ja nicht gleich Arbeit finden und dann lungern die da die ganze Zeit draußen rum und machen Krach. Und dann haben die ja auch so viele Kinder, pfui, die machen ja auch Krach. Also haben die sich einen Anwalt genommen und klagen gegen das geplante Flüchtlingsheim. Bei sowas kriege ich echt das Kotzen, man verzeihe mir die Ausdrucksweise. Wenn diese reichen Schnösel selber den ganzen Tag arbeiten, kriegen die doch den angeblichen Krach, sofern es ihn denn gäbe, gar nicht mit. Und wenn sie nicht den ganzen Tag arbeiten, sondern ebenfalls die ganze Zeit draußen herumlungern, dann sollen die nicht mit nacktem Finger auf angezogene Leute zeigen und herumhupen.

Und wenn ich schon mal dabei bin, mich künstlich aufzuregen: Diese Mecker-Anwohner, die kein Hospiz und keine Kita und keinen Friedhof und kein gar nichts in ihrer Nachbarschaft haben wollen, weil das ja so viel Lärm verursache, oder Geruchsbelästigung oder ihnen der Anblick nicht fein genug ist – kommt mal klar!

OK, ich kann ja mal wenigstens versuchen, mich in diese Stinkstiefel hineinzuversetzen, damit mir nachher keiner vorwerfen kann, ich würde ebenfalls den Kontext ignorieren. Angenommen, die haben den ganzen Tag nichts Interessantes zu tun und hocken rund um die Uhr in ihrer Wohnung. Da hätte ich auch eine Scheißlaune und wenn ich dann auch noch denke, dass ich nichts dran ändern kann, weil ich zum Beispiel ein grantiges, fieses, verbittertes Arschloch bin, dann würde ich vermutlich auch nach Schuldigen suchen, die ich dafür fertig machen kann. Und wenn ich noch dazu ein Feigling wäre, dann würde ich mir Schuldige suchen, die sich nicht wehren können, also Flüchtlinge, Kinder oder Todkranke. Hmmm, doch das ergibt Sinn.

Gut, man muss ja jetzt nicht zwingend ein Arschloch sein, um Leute anzuzeigen, die – im Kontext betrachtet – nichts wirklich Schlimmes getan haben. Es reicht, wenn man einfach zu wenig Sinnvolles zu tun hat. Da kommt man halt auf Gedanken. Und wenn man sich dann künstlich darüber aufregt und Leute findet, die auch zu wenig Sinnvolles zu tun haben und Lust bekommen, sich die Zeit mit künstlichem Aufregen zu vertreiben, dann schaukelt sich das eben ratzfatz hoch. Besonders in Zeiten des Internets findet man ja schwuppdiwupp Gleichgesinnte, die nur darauf warten, dass ihnen irgendwer eine Idee gibt, worüber sie sich künstlich aufregen könnten.

So. Und jetzt mache ich mir eine schöne Tasse Tee.

Essai 120: Über das Bereuen vergangener Dinge

27. April 2014

Eines meiner Lieblingslieder ist „Non, je ne regrette rien“ von Édith Piaf. Darin singt sie davon, dass sie zwar viel erlebt hat, sowohl Gutes als auch Schlechtes, aber nichts davon bereut. Gut, die Pointe bei dem Lied ist, dass sie deswegen nichts bereut, weil sie eine neue Liebe gefunden hat, mit der sie noch mal ganz von vorn anzufangen gedenkt, doch trotzdem gefällt mir dieser Grundgedanke, dass man nichts bereuen sollte, was man im Leben durchgemacht hat, weil es halt dazu gehört. Schließlich haben all die kleinen und großen Erlebnisse der Vergangenheit einen zu dem Menschen gemacht, der man heute ist. Und wer sich ständig grämt und Dinge bereut, die sich nicht mehr ändern lassen, verlernt, sich selbst gut leiden zu können und dann kann man sein Lebensglück in die Tonne treten und sich schon mal darauf vorbereiten, als Grummel Griesgram, Grinch oder Ebenezer Scrooge zu enden.

Verbitterung ist meiner Meinung nach verkappter Selbsthass und dieser wiederum kommt davon, dass man sein ganzes gegenwärtiges Leben damit verplempert, Dinge zu bereuen, die längst vergangen sind. Dass man mit seinem Verhalten eine Beziehung ruiniert hat zum Beispiel. Oder dass man sich nicht getraut hat, einem Arschloch Paroli zu bieten. Dass man bei der Berufswahl nicht seinem Herzen, sondern dem Verstand oder dem Willen, viel Geld zu verdienen, gefolgt ist. Und, und, und. Wenn man genug in der eigenen Vergangenheit herumwühlt, findet man garantiert ganz viele Dinge, die sich bereuen lassen. Und während man so vor sich hin bereut, braucht man sich auch nicht damit zu beschäftigen, ob sich nicht in der Gegenwart oder in der Zukunft das eine oder andere nicht doch noch umsetzen lässt.

Wenn man zum Beispiel bereut, dass man vor Ewigkeiten seine große Liebe vergrault hat, weil man sich wie ein Idiot benommen hat, dann hält einen (außer man selbst) keiner davon ab, es bei der nächsten Beziehung besser zu machen. Das ist das, worüber Édith Piaf letztendlich singt: Ja, ich hab in der Vergangenheit auch viel Mist gebaut und bin weiß Gott auf die Fresse gefallen, aber heute, hier und jetzt, fange ich noch einmal, zusammen mit dir, von vorne an. Gut, ganz von vorne sollte man nicht anfangen, dann wiederholt sich das gleiche Szenario noch einmal und man verliert die Lust, es noch einmal zu versuchen. Aber ein neuer Versuch mit dem Vorwissen, das man aus der Vergangenheit durch seine Fehler gewonnen hat, kann durchaus gelingen. Und wenn nicht, ist man wieder ein wenig schlauer und macht es halt das Mal darauf besser. Schließlich gehört das Lernen zum Leben dazu, wäre ja auch langweilig sonst.

Hat man sich nicht getraut, jemandem die Stirn zu bieten, der einen wie Dreck behandelt hat, kann man eben beim nächsten Pantoffeltyrannen aufmucken. Keine Sorge, von dieser Spezies gibt es reichlich Vertreter auf dem Planeten Erde, die für Übungszwecke genutzt werden können. Etwas kniffliger ist da schon etwas so Lebensbestimmendes wie die Berufswahl. Da ist man irgendwann zu alt, um sich noch groß umzuentscheiden. Da würde ich jedem raten, in jungen Jahren lieber dem Herzen zu folgen. Wenn man jung ist, braucht man noch nicht so viel Geld, weil man sich noch keinen Lebensstandard auf einem bestimmten Niveau angewöhnt hat, die Eltern einen eventuell noch unterstützen können, bis man auf eigenen Füßen stehen kann und weil man dann noch die Möglichkeit hat, sich umzuentscheiden, wenn man merkt, dass das doch nichts für einen ist. Deswegen habe ich auch erst die Schauspielausbildung gemacht und das ausprobiert, um nicht hinterher mit 40 oder 50 da zu sitzen mit einer Midlifecrisis und zu bereuen, es nie versucht zu haben. Und jetzt weiß ich ganz sicher, dass das nicht mein Ding ist, bereue aber auch nicht, diesen Weg eingeschlagen zu haben. Ich habe Freunde dort gefunden und – das klingt jetzt ziemlich doof nach Selbstfindungskitsch par excellence – mich selbst besser kennen gelernt. Und später den Mut gefunden, mich umzuentscheiden und einen anderen Weg einzuschlagen.

Ist es bereits zu spät, um sich beruflich noch einmal woanders hin zu entwickeln, bringt das Bereuen jedoch auch nichts. Gut, dann ist das eben so. Es bringt nichts, sich selbst mit Vorwürfen zu zerfleischen und sich mit hätte, wenn und aber zu quälen. So schlimm wird die Arbeit schon nicht sein und es lassen sich bestimmt viele positive Kleinigkeiten entdecken. Und dann hält niemand einen davon ab, in der Freizeit seinem Herzen zu folgen und sich ein spaßiges Hobby zu suchen. Dann ist man eben nicht Schauspieler geworden, aber man kann einer Laienspielgruppe beitreten. Dann ist man eben nicht Sänger geworden, aber man kann im Chor mitmachen oder mit Kumpels eine Band gründen. Dann ist man eben nicht Bestsellerautor geworden, aber man kann bloggen oder nach Feierabend Kurzgeschichten schreiben. Dann ist man eben nicht Spitzensportler geworden, aber man kann sich einen Verein oder einen Kurs suchen, bei dem man mitmacht.

Es findet sich also immer eine Lösung, die besser ist als sich hinzusetzen, zu bereuen und sich von Schuldgefühlen zerfressen zu lassen. Es sei denn natürlich, man will überhaupt nicht, dass es einem besser geht. Für manche ist das Bereuen und das Verbittern schon längst Lebenszweck, Lebensinhalt und zum Identitätsersatz geworden. Die klammern sich dann an die Fehler ihrer Vergangenheit, weil sie sonst nichts mehr mit sich anzufangen wissen. Diesen traurigen Gesellen zu helfen, ist ein nahezu unmöglich zu erfüllendes Unterfangen. Da sollte man lieber etwas Distanz wahren, bevor man das hinterher noch bereut.

Essai 119: Über notorische Beratungsresistenz

11. April 2014

Im Prinzip ist das gar nicht so einfach, mich auf die Palme zu bringen. Mir ist das in der Regel viel zu anstrengend, mich aufzuregen. Das liegt daran, dass, wenn mich dann doch etwas so dermaßen ärgert, dass ich nicht umhin kann, sauer zu werden, dann bin ich ziemlich nachtragend. Ich hab dann eine Scheißlaune und bin noch ziemlich lange wegen des Wut auslösenden Sachverhalts grollig und brummelig. Kommt dann das Verhalten, welches mich bei jemandem verärgert hat, immer wieder vor, obwohl ich meines Erachtens schon hunderttausend Mal gesagt oder zumindest deutlich nonverbal zum Ausdruck gebracht habe, dass mich das ankotzt, dann werde ich deswegen immer wieder wütend. Auch, wenn sich das entsprechende Verhaltensmuster nur dezent andeutet. Eines dieser Verhaltensmuster, mit denen man mich garantiert auf 180 bringt, ist notorische Beratungsresistenz und dumme, sture, grundlose Lernresistenz. Wenn ich mit Leuten nicht reden kann, weil die immer gleich beleidigt sind, dann macht mich das fuchsig.

Natürlich darf man sich als erwachsener Mensch wie ein Vollidiot oder Riesenarschloch aufführen. Natürlich kann man sich als erwachsener Mensch auch wie ein Vollidiot und Riesenarschloch aufführen. Aber MUSS man sich deshalb auch wie ein Vollidiot und Riesenarschloch aufführen? Nein. Man kann es auch einfach lassen und nett sein. Womit ich nicht devot meine, sondern rücksichtsvoll, umsichtig, freundlich, verantwortungsbewusst und dass man auch mal an wen anders denkt als immer nur an sich. So.

Trotzdem gibt es immer wieder Leute, die meinen, ihren nie aufhörenden spätpubertären Anwandlungen immer gleich nachgehen zu müssen, ohne Rücksicht auf Verluste und auf die negativen Auswirkungen auf andere oder auf die eigene Zukunft. Geringe Frustrationstoleranz nennt man das, wenn Leute immer gleich dem ersten impulsiven Gedankenfurz folgen, ohne auch nur einen Augenblick darüber nachzudenken und nur tun, worauf sie gerade Lust haben. Auch wenn das, auf was sie Lust haben, totaler Mist ist und anderen Leuten schadet. Denn in den wenigsten Fällen haben beratungs- und lernresistente Menschen Lust darauf, sich einen Job zu suchen oder ihr Leben mal auf die Kette zu kriegen. Meistens haben sie eher Lust, zum Beispiel, Quatsch zu kaufen, den sie nicht brauchen, mit Geld, das sie nicht haben. Oder alles stehen und liegen und alle im Stich zu lassen, weil man gerade irgendwen übers Internet kennen gelernt hat. Oder die Küche in ein Schlachtfeld zu verwandeln in dem scheiternden Versuch, Dampfnudeln mit Schokomilchreis und Vanillesoße zu kochen. Aber hinterher aufzuräumen, Nöööö, lass mal.

Wenn das einmal passiert, OK, kann man noch drüber lächeln und sagen, Na ja, so ist er oder sie nun mal. Beim zweiten Mal sagt man dann vielleicht schon: Das fand ich grad nicht so super. Beim dritten Mal heißt es dann schon: Ich hab dir doch gesagt, du sollst das lassen, was soll die Scheiße!! Und dann geht man davon aus, der andere kann das jetzt aber unmöglich nicht gepeilt haben, dass sein Verhalten absolut daneben war. Aber dann passiert das wieder. Und wieder. Und wieder. Und man kann nichts, absolut nichts dagegen tun, denn der andere macht einfach weiter mit seiner Scheiße und interessiert sich einen Dreck dafür, dass man sauer ist. Man versucht es mit Vernunft, mit konstruktiver Kritik, dann wird man vielleicht ein wenig sarkastisch und der andere macht trotzdem weiter. Schließlich platzt einem der Kragen. Man wird laut, man brüllt, man bollert alles raus, was einen am anderen auf die Palme bringt. Dann brüllt der andere zurück, am Ende heulen alle und wenn man sich wieder beruhigt hat … bleibt alles beim Alten und der andere macht immer noch weiter mit seiner unmöglichen Scheiße.

Man wirft mir gerne vor, zu viel nachzudenken, abzuwägen und zu überlegen. Ich werde des Öfteren gerügt, weil ich nicht immer auf alles gleich eine eindeutige Antwort habe, weil ich eben erst einmal darüber nachdenken will, bevor ich mir eine Meinung dazu bilde. Auch kassiere ich Rüffel, weil ich nicht immer gleich was sage, wenn mir etwas nicht hundertprozentig passt, sondern erst, wenn es mir wirklich reicht. Nun bin ich der Ansicht, dass es sinnvoller ist, etwas erst anzusprechen, wenn es wirklich gar nicht mehr geht, als immer bei jeder Kleinigkeit gleich herumzunörgeln. Davon abgesehen kann ich auch einfach nicht anders, es reicht mir halt erst, wenn es mir reicht und davor geht’s halt noch.

Der Umkehrschluss von diesem meinem nervigen Verhalten ist jedoch, dass klar sein dürfte: Wenn ich etwas sage, dann weil es mir wirklich reicht. Trotzdem kommt es mir manchmal so vor als wäre ich die Einzige, der sich diese Logik (wie ich finde) erschließt. Lernresistente Leute hören offenbar nur, was sie hören wollen und beim Rest machen sie einfach dicht. Da frage ich mich, warum mache ich mir überhaupt die Mühe, springe über meinen Schatten und sage in aller Deutlichkeit, was mir nicht passt, wenn es ohnehin nichts bringt. Denn, wie gesagt, richtig sauer, sodass es mir so sehr reicht, dass ich etwas sage, machen mich nur Menschen, die völlig uneinsichtig immer wieder das gleiche asoziale Scheißverhalten an den Tag legen. Und diese Menschen sind typischerweise notorisch lern- und beratungsresistent. Und da kann man sonstwas machen, die ändern sich niemals. Niemals. Da hilft nur, sie ihren Scheiß alleine machen zu lassen und sich zurückzuziehen.

Essai 117: Über Leute mit eingebildeter schlimmer Kindheit

23. März 2014

Es gibt Menschen, die hatten tatsächlich eine schwere Kindheit – und es gibt Leute, deren Eltern haben ein paar Dinge getan, die nicht total in Ordnung waren und die diesen Umstand zum Anlass nehmen, sich Jahre später als Erwachsene wie die Vollidioten aufzuführen. Über Letztere möchte ich mich heute mal ein bisschen aufregen. Ich bin der Meinung, es ist Menschen, die wirklich Furchtbares in ihrer Kindheit erlebt haben, gegenüber nicht fair, wenn irgendwelche unreifen Egomanen mit unstillbarem Geltungsdrang sich mit ihren eingebildeten Problemchen wichtig machen.

Denn, seien wir doch einfach mal ehrlich, alle Eltern machen irgendwann irgendwas, was nicht hundertprozentig supertoll ist. Man darf nicht vergessen, dass Eltern auch nur Menschen sind, dass die auch manchmal müde, genervt, gestresst, schlecht gelaunt, überfordert – kurz: nicht in Höchstform – sind und dass sie infolgedessen halt auch nicht immer alles richtig machen können. Und da kann man natürlich als erwachsenes Kind Jahrzehnte später noch darauf herumreiten, dass die Eltern mal ungerecht waren, laut geworden sind oder sonst irgendwie doof reagiert haben, oder man macht irgendwann seinen Frieden damit und gut ist.

Es scheint mir, dass manche Leute sich jedoch davor scheuen, Verantwortung für ihre eigene Unperfektion zu übernehmen und dann alles darauf schieben, dass die Eltern angeblich das Geschwisterkind bevorzugt behandelt haben, dass ihnen einmal die Hand ausgerutscht ist (nicht regelmäßig und nicht mit Absicht) oder sonst irgendwas. Wenn man irgendeine Ausrede dafür braucht, sich wie ein egozentrisches Arschloch aufzuführen, dann findet man ganz bestimmt irgendwas in der Kindheit, was man zu einem Drama hochstilisieren und sich daran festbeißen kann. Dann heißt es plötzlich, das männliche Vorbild hätte gefehlt, weil der Vater die ganze Zeit arbeiten war oder die Mutter allein erziehend. Oder der Mutter wird vorgeworfen, dass sie arbeiten gegangen ist. Oder der Mutter wird vorgeworfen, dass sie nicht arbeiten gegangen ist. Oder dem Vater wird vorgeworfen, dass er zu viel zuhause war. Irgendwas ist immer. War die Anwesenheit der Eltern so weit in Ordnung, dass sich daraus nicht glaubwürdig eine unzumutbare Katastrophe basteln lässt, dann findet man eben etwas anderes. Als Einzelkind kann man herummoppern, dass man ja zum Egoisten werden musste, weil die Eltern einem ja kein Geschwister zur Seite gestellt haben und man somit nie lernen konnte, zu teilen. Wenn man Geschwister hat, findet man garantiert unumstößliche Beweise dafür, dass eines davon bevorzugt wurde. Deswegen hat man dann auch noch als Erwachsener Schiss, zu kurz zu kommen und ist dann besonders argusäugig darauf erpicht, sich alles unter den Nagel zu reißen, bevor es einem jemand wegnimmt.

Bei mehreren Kindern ist immer ein Kind dabei, das in manchen Bereichen mehr Unterstützung braucht als in anderen Bereichen. Das ist ganz normal. Auch wenn Eltern sich ganz fest vornehmen, alle Kinder gleich zu erziehen, gleich zu behandeln und gleich lieb zu haben, ist immer ein Kind dabei, bei der die löblichen Vorsätze nicht so zum gewünschten Erfolg führen. Nicht alle Kinder sind gleichermaßen verantwortungsvoll, pflichtbewusst und lernwillig. Die, die eher rebellisch sind, die lauter ihren Willen kund tun, die vielleicht in der Schule nicht so gut mitkommen, die irgendwie mehr Hilfe zu brauchen scheinen, bekommen naturgemäß mehr Unterstützung von den Eltern als die Kinder, die scheinbar problemlos auch auf sich selbst aufpassen können und von alleine ihre Hausaufgaben machen, für Klassenarbeiten lernen, ihr Gemüse essen und so weiter. Oft werden die jüngeren Geschwister daher scheinbar bevorzugt, weil sie einfach die Jüngeren und Kleineren sind und im Vergleich zum älteren Kind hilfloser wirken. Aber es kann auch vorkommen, dass das ältere Kind nicht so richtig klar kommt, warum auch immer, und dann braucht das mehr Unterstützung.

Da ist das doch nicht fair, wenn man deswegen Jahrzehnte später, wenn man schon längst ausgezogen ist, vielleicht sogar schon selbst eine Familie hat und Kinder, die man auf seine Weise verkorkst, den Eltern Vorwürfe macht und sich selbst küchentischpsychoanalysiert und sich hinstellt und sagt: „Ich darf mich hier so dämlich und ungerecht aufführen, weil ich eine schlimme Kindheit hatte.“

Ich denke, entweder war die Kindheit wirklich traumatisierend, dann soll man eine Therapie machen, anstatt den Eltern Vorwürfe und sich selbst dem Schicksal zu ergeben und im Selbstmitleid zu suhlen. Oder die Kindheit war ganz normal schlimm wie bei jedem anderen auch, dann soll man sich – pardon – nicht so anstellen.

Ansonsten sind nämlich die ewigen Familienstreitereien schon vorprogrammiert und dann darf das Enkelkind die Großeltern nicht sehen oder die Tante macht jedes Mal schlechte Stimmung, wenn sie zu Besuch kommt oder es kommt zum Zerwürfnis unter Geschwistern sobald die Eltern pflegebedürftig werden oder es um Erbgeschichten geht. Dabei wäre es doch so einfach, die Vergangenheit als vergangen zu akzeptieren, anzunehmen, dass Eltern auch nicht immer alles richtig machen können und sein Leben selbst in die Hand zu nehmen.

Aber manche Leute haben sich schon so an ihre Bitterkeit, ihr nachtragendes Gedankenkarussel und ihre eingebildete schlimme Kindheit gewöhnt, dass sie gar nicht mehr anders können als überall Verrat zu wittern und sich ständig übergangen zu fühlen. Und ihren Mitmenschen mit giftigem Misstrauen zu begegnen, in der Überzeugung, dass diese einen auch mit voller Absicht enttäuschen und betrügen werden. Was dann ja auch früher oder später nach dem Prinzip der selbsterfüllenden Prophezeiung tatsächlich passiert, weil das ja niemand auf Dauer aushält, sich ständig die ewig gleichen Schimpftiraden auf die ach so bösen Eltern (die in Wirklichkeit ganz normal schlimm waren) und das weinerliche Gegreine über die angebliche Bevorzugung von Geschwistern oder das Fehlen von Vorbildern anzuhören. Da zieht man sich dann irgendwann zurück und rettet das letzte Bisschen Seelenfrieden, das man noch hat.

Essai 114: Über Pantoffeltyrannen, Wohnzimmerdiktatoren und Machtkomplexe

16. Februar 2014

Wenn in einem Menschen Feigheit, Neid, Missgunst, Frust, ein cholerisches Naturell sowie das Gefühl, ständig benachteiligt zu werden, zusammenkommen, dann ist das eine ziemlich üble Mischung. Heraus kommen dann Leute, die ich als Pantoffeltyrannen oder Wohnzimmerdiktatoren bezeichnen möchte. Enttäuschte Narzissten, die nicht damit klar kommen, dass sie ganz normale Durchschnittsleute sind und auch nicht besser, interessanter oder großartiger als andere. Mit der Zeit wächst ein Machtkomplex in ihnen heran, sodass sie jedes Mal, wenn sie den subjektiven Eindruck haben, man nehme sie nicht ernst, völlig durchdrehen und einen Tobsuchtanfall bekommen oder sich schmollend und grollend zurückziehen und irgendwann aus heiterem Himmel mit irgendeinem zickigen Kommentar herausbrechen, wenn alle anderen den „Vorfall“ schon längst wieder vergessen haben.

Solche Pantoffeltyrannen und Wohnzimmerdiktatoren würden sich übrigens niemals trauen, jemanden anzugiften oder ihren Frust an irgendwem auszulassen, den sie als stärker als sich selbst einschätzen. Ihre Wutanfälle und Zickereien müssen in der Regel nur diejenigen ertragen, bei denen sie sich am wenigsten Gegenwehr erhoffen. Denn, vergessen wir nicht, sie sind vor allem sehr, sehr feige. Die Attacken eines Pantoffeltyrannen müssen demnach vor allem sehr sanftmütige, pazifistisch veranlagte Menschen ertragen. Denn insgeheim weiß der feige Kotzbrocken natürlich, dass er mit seinen Vorwürfen, Hasstiraden und Zickereien völlig im Unrecht ist und dafür eigentlich eins auf die Fresse verdient hätte. Deswegen lässt er seinem quer sitzenden Furz nur Menschen gegenüber Luft, die er als harmlos einstuft.

Im Prinzip sind Leute mit unerfüllten Machtkomplexen ziemlich arme Schweine. Alle halten sie für hitzköpfige Vollpfosten, die nicht ganz richtig ticken, und je mehr sie versuchen, das Gegenteil zu beweisen, desto hitzköpfiger und irrationaler werden sie. Nichtsdestotrotz bin ich nicht der Meinung, dass Mitleid angebracht ist. Denn Menschen, in denen so viele negative Emotionen brodeln, können schnell mal explodieren. Da möchte man nicht in der Nähe sein.

Das Beste ist wohl, zu diesen tickenden Zeitbomben einen Sicherheitsabstand einzuhalten. Dann kann man zwischendurch auch seine Nervenakkus wieder aufladen und dem Pantoffeltyrann ein kleines Bisschen Wertschätzung entgegenbringen, damit er keinen Grund hat, auszurasten. Auf Dauer hält man das nicht durch, jemandem Achtung und Respekt entgegen zu bringen, der alles dafür tut, sich vollkommen lächerlich zu machen und wie ein hyperaktives HB-Männchen zu wirken. Aber wenn man zwischen zwei Begegnungen die Zeit hatte, sich von dem Gezicke, Geschmolle und Gezeter zu erholen, fällt es leichter. Auf diese Weise kann man ganz gut eine Eskalation verhindern. In eine WG zu ziehen mit einem Pantoffeltyrannen oder einen Wohnzimmerdiktator zu heiraten halte ich hingegen für keine gute Idee.

Essai 111: Über Wohlstandswehwehchen

25. November 2013

Je älter ich werde, desto weniger Geduld habe ich mit Leuten, denen es objektiv betrachtet fantastisch geht, die sich aber ständig wie die Jammerlappen aufführen. Ernsthaft, die regen mich sowas von auf! Ich möchte sie am liebsten schütteln und sagen, jetzt halt die Schnauze und sei glücklich, du Idiot! Bisher hat mich meine pazifistische Grundeinstellung allerdings noch daran gehindert. Aber um einen zornigen Essai zu schreiben, reicht meine Wut dann doch aus. Ohnehin ist es vermutlich ratsamer für einen schmächtigen, vergeistigten Winzling wie meine Wenigkeit, sich mit Worten zu wehren, anstatt nervigen Leuten eins in die Fresse zu hauen. Wenn die nämlich zurückschlagen, bin ich Matsch.

Wie dem auch sei, ich bin es wirklich leid. Es gibt nicht viele Menschen, die sich keinerlei Sorgen um ihre Finanzen, ihren Job, ihre Existenz machen müssen. Noch seltener aber sind die Menschen, die sich keine Sorgen machen müssen und sich deswegen auch keine Sorgen machen. Die sich dann einfach ihres Lebens freuen und fröhlich sind, weil sie das eben können. Nein, was viel häufiger der Fall ist, wenn es Menschen gut geht und sie sich keine Gedanken über die Erfüllung existenzieller Grundbedürfnisse machen müssen, ist, dass sie sich irgendwelche Wohlstandswehwehchen zulegen. Und die hegen und pflegen sie dann so lange, bis sie sich einbilden, das wären echte Probleme und sie wären die unglücklichsten Menschen unter der Sonne.

Natürlich können diese eingebildeten Wohlstandswehwehchen über kurz oder lang auch psychosomatische Auswirkungen machen, wenn man nur verbissen genug an ihnen festhält. Dann haben Betroffene ihr Ziel erreicht und sich ihre Gesundheit damit ruiniert, sich die ganze Zeit Sorgen und Probleme ausgedacht zu haben. Und dann freuen sie sich zur Abwechslung tatsächlich mal. Denn dann können sie all den Ungläubigen und Zweiflern ärztliche Befunde unter die Nase reiben, die da beweisen, dass es ihnen wirklich schlecht geht. Und dass sie sich das nicht bloß einbilden. Nee, nee. Wehe, es kommt dann jemand mit Lösungsvorschlägen! Da wird dann die Leidensmiene aufgesetzt und klar gestellt, dass dem (ursprünglich eingebildeten) Kranken nicht mehr zu helfen und seine Lage überhaupt vollkommen hoffnungslos sei. Seufz.

Das. Ist. Sowas. Von. Anstrengend.

Meine Vermutung, warum sich Menschen ohne Probleme Wohlstandswehwehchen heranzüchten, ist, dass diesen feinen Herrschaften schlicht und ergreifend langweilig ist. Sie wissen nichts mit sich anzufangen. Vermutlich haben sie auch keine spaßigen Hobbies und nicht viele Freunde, weil sie diese entweder mit ihrem Dauergejammer verscheucht oder sich selbst zurückgezogen haben, da diese sogenannten Freunde ihr Dauergejammer ja gar nicht richtig ernst nehmen (Nanu? Wie kommen sie denn auf die Idee?). Wahrscheinlich neigen solche Leute zu Wohlstandswehwehchen, die sich selbst am wenigsten leiden können. Wenn sie jedoch alles haben, um glücklich zu sein, haben sie keine Probleme, an denen sie arbeiten müssen. Ihnen fehlt eine Aufgabe, eine Beschäftigung. Und dann müssen sie es mit sich aushalten, weil keine Sorgen da sind, die sie davon ablenken.

Anstatt sich dann einfach eine sinnvolle Beschäftigung zu suchen – Ehrenamt, Wohltätigkeit, soziales Engagement – denken sie sich lieber irgendwelche Zipperlein aus, an denen sie dann herumpfriemeln können, bis sich tatsächlich ein gesundheitlicher Nachteil daraus ergeben hat. Ich finde das zum Kotzen. Es gibt so viele Menschen, denen diese Wohlstandswehwehchen-Züchter helfen könnten, indem sie ihre Tatkraft, ihre Freizeit, einen Teil ihres Vermögens spenden. Und was machen die statt dessen? Nerven andere Leute mit der Frage, ob sie sich eine Spülmaschine kaufen sollten oder bilden sich ein, sie hätten die Vogelgrippe, weil sie einen kleinen Schnupfen haben.

Essai 110: Über emotionale Erpresser und Manipulatoren

15. Oktober 2013

Bislang habe ich ja nur etwas über Frustableiter und Menschen mit chronischer Entschuldigeritis geschrieben, aber noch gar nichts über ihre Gegenspieler: Emotionale Erpresser und Manipulatoren. Dabei geht das eine nicht ohne das andere. Irgendwer muss ja schließlich die personifizierten schlechten Gewissen regelmäßig daran erinnern, dass und warum sie an allem Schuld sind. Andererseits macht es natürlich überhaupt keinen Spaß, die ganze Welt zu hassen, wenn das keinen interessiert und alle darauf nur mit gleichgültigem Schulterzucken reagieren – wenn überhaupt.

Heute möchte ich also dem Rätsel auf die Spur gehen, wie es einige Leute partout schaffen keine Verantwortung für sich, ihr Leben und ihr Handeln zu übernehmen und sich wie die Vampire auf Frustableiter mit Rechtfertigungszwang zu stürzen, sich an ihnen festbeißen, bis diese völlig erschöpft zusammenklappen.

Es entspinnt sich dann ein Machtkampf, in der beide Parteien voneinander abhängig sind. Der emotionale Erpresser braucht jemanden, dem er die Schuld zuweisen und Vorwürfe machen kann, der Frustableiter braucht jemanden, den er betüddeln und um den er sich kümmern kann. Beiden ist gemeinsam, dass sie sich nicht um ihren eigenen Kram kümmern. Der Frustableiter kehrt ständig vor den Haustüren anderer Leute und der emotionale Erpresser ist schwer damit beschäftigt, den Dreck vor seiner Haustür auf die Türschwellen anderer Leute zu verteilen.

Emotionale Erpresser und Manipulatoren haben dabei mehrere Möglichkeiten, um ihr Opfer zu trietzen. Sie können zum Beispiel an das schlechte Gewissen ihres Gegenübers appellieren. Das geht prima mit Vorwürfen, einem allgemein aggressivem Tonfall und cholerischem Auftreten, wahllosen Zickereien und plötzlichen Schmollattacken ohne ersichtlichen Grund. Menschen, die immun gegen solche Manipulationsversuche sind, sind zu beneiden, denn die ignorieren das Drama Queen-Gehabe einfach und lassen den Wüterich vor sich hintoben, bis er sich von allein wieder beruhigt. Denn das tut er in der Regel, wenn er merkt, dass sein Theater nicht den gewünschten Erfolg bringt. Spürt er allerdings, dass der andere die Schuld annimmt, die er ihm in die Schuhe schiebt, beginnt der Machtkampf. Dann fährt sich dieser Mechanismus fest und beide Parteien fügen sich in ihre Rollen. Der Manipulator setzt den Frustableiter unter Druck, der Frustableiter wird von schrecklichen Schuldgefühlen gequält und versucht verzweifelt, es dem anderen recht zu machen. Was natürlich absolut unmöglich ist.

Eine weitere Möglichkeit zur emotionalen Erpressung ist, Mitleid zu erwecken und den Helferkomplex des Frustableiters zu aktivieren. Am besten klappt das, indem man einen auf hilflos macht und zur Krönung anfängt zu heulen. Hervorragend funktionieren dann solche Formulierungen wie: „Ich dachte, du wärst mein Freund“, „Ich dachte, du liebst mich“ und andere „Wenn-du-mich-wirklich-wertschätzt-dann-machst-du-gefälligst-was-ich-will“-Variationen. Oder, noch subtiler, solche Aussagen, die scheinbare Komplimente sind: „Du kannst das doch so gut“, „Du kannst das viel besser als ich“, „Dir fällt das doch leicht“ und so weiter. Am allerfiesesten ist es, wenn diese skrupellosen Gestalten obendrein die Selbstmord-Karte ausspielen – ohne das ernst zu meinen natürlich. Aber das verfehlt seine Wirkung garantiert nie, denn schließlich ist wohl kaum ein Mensch so kaltschnäuzig, um nach einer solchen Bemerkung nicht fürchterlich zu erschrecken und sich zu fragen, ob da nicht doch etwas dran ist.

Im Grunde sind emotionale Erpresser und Manipulatoren ziemlich schlau und geschickt. Denn da sie nie Schuld oder verantwortlich sind, müssen sie sich auch um nichts kümmern. Das erledigen dann ihre Opfer für sie. Und wenn die irgendwann mal keine Lust mehr dazu haben, sich ständig herumscheuchen, schlecht behandeln, beleidigen und demütigen zu lassen, ist das auch nicht weiter schlimm. Die nächsten Opfer stehen schon an der nächsten Ecke bereit. Der Nachteil ist natürlich, dass die emotionalen Erpresser voraussichtlich einsam sterben werden. Aber das ist auch halb so wild, denn das ist schließlich nicht ihre Schuld.

So ganz ist mir nicht klar, was diese manipulierenden Arschlöcher (mit Verlaub!) dazu bewegt, sich so asozial aufzuführen. Vielleicht haben sie es einfach nicht anders gelernt. Oder sie haben gemerkt, dass sie mit dem Scheißverhalten durchkommen und dass sie alle nach ihrer Pfeife tanzen lassen können, wenn sie wollen. Dann ist das wohl auch wurscht, dass einen keiner wirklich leiden kann. Vermutlich geht es schlicht und ergreifend um Macht. Und nach Macht streben immer nur Leute, die von irgendwelchen idiotischen, aber hartnäckigen Minderwertigkeitskomplexen gebeutelt werden, aber zu feige sind, das einfach mal zuzugeben und sich helfen zu lassen. Bescheuert, aber effektiv. Nur schade, dass diese Erkenntnis in keinster Weise hilft, sich gegen emotionale Erpresser zu wappnen. Da muss man sich wohl oder übel ein dickeres Fell wachsen lassen und dem Manipulator ins Gesicht sagen, dass man es satt hat, herumschikaniert zu werden.

Essai 107: Über private Sittenwächter

2. Juni 2013

Heute möchte ich meiner sehr verehrten Leserschaft ein ganz besonders nerviges Exemplar der menschlichen Spezies vorstellen: Den privaten Sittenwächter. Offenbar genügt es vielen Menschen nämlich nicht, dass die professionelle Sittenpolizei ein Auge auf Anstand und Benehmen ihrer Mitmenschen hat. So nehmen sie es selbst in die Hand, zu überwachen, dass auch ja alle die Regeln einhalten. Wobei mit „die“ Regeln, „ihre“ Regeln gemeint sind. Dieser besonderen Gattung aus der Kontrollfreak-Familie ist zwar sehr daran gelegen, alle anderen zu überwachen, doch offenbar nimmt sie diese wichtige Aufgabe so sehr in Anspruch, dass es ihnen nicht möglich ist, auch noch darauf zu achten, ob sie sich selbst an ihre – teilweise völlig abstrusen – Regeln halten. Getreu dem Motto „Tut was ich euch sage, nicht das, was ich tue“ verurteilen sie alle, die sich nicht an ihren Regelkanon halten, drücken dafür aber bei ihrem eigenen Verhalten alle ihnen zur Verfügung stehenden Augen zu.

Ein Beispiel ist der Frührentner, der sich als Knöllchenritter aufspielt. Der sitzt – nehme ich an – den ganzen Tag am Fenster und notiert sämtliche Falschparker (auch, wenn es sich dabei um den Notarzt handelt, der mit dem Helikopter im Halteverbot steht) und geht der Polizei auf die Nerven, indem er alles und jeden anzeigt. Und siehe da, wer bekommt ein Knöllchen, weil er zu schnell gefahren ist? Unser Knöllchenritter, na sowas. Aber hat er das etwa eingesehen und brav seine zehn Euro Strafe gezahlt? Nein, denn ein wahrer Sittenwächter, der lässt sich das nicht gefallen. Der zieht vor Gericht und streitet darum, diese zehn Euro nicht zahlen zu müssen.

Oder man denke an den Kleingärtner, der fast eine ganze Familie gemeuchelt hat, weil die ihre Gartenabfälle nicht ordnungsgemäß entsorgt hatten. Der hat auch vor Gericht keinerlei Einsehen gezeigt. Schließlich wurde er ja auch provoziert und so, da kann er ja nichts für. Aber selbst, wenn die selbsternannte Sittenstasi mal nicht die Leute ermordet oder anzeigt, kann sie extrem nervtötend werden. Zum Beispiel, wenn man gerade an seiner Masterarbeit sitzt und dann aus seiner Konzentration herausgerissen wird, weil ein Sittenwächter sich über ein nach dem Frühstück nicht weggeräumtes Brettchen ereifert. Oder wenn man ein Fenster zumachen will, weil es zieht und dann gleich voller Empörung angepflaumt wird, warum man denn das Fenster zu schließen wage. Oder Leute, die ständig anderer Menschen Sachen nehmen und verbummeln oder kaputt machen oder ausleeren und die leere Packung zurück in den Schrank stellen, oder einem den Kuchen wegessen, den man für eine besondere Gelegenheit aufgespart hatte, oder oder oder … und ausgerechnet DIE weisen einen zurecht, belehren einen und spielen sich als Erziehungsberechtigte auf, wenn man sich selbst mal was ausgeborgt hat.

Sie lauern überall, die privaten Sittenwächter, darauf, dass ihre Mitmenschen irgendetwas „falsch“ machen, damit sie da gleich mit dem Finger drauf zeigen und durch die Gegend posaunen können: „Schaut mal alle her! Dieses infame Geschöpf hat sein Frühstücksbrettchen nicht in die Spülmaschine befördert! Auf den Scheiterhaufen!“ Ich vermute, diese plumpe, diffamierende Strategie der selbsternannten Sittenstasi dient der Ablenkung von eigenen Fehlern. Denn davon haben diese Anstandsterroristen mehr als genug. Da es aber – wie bereits bekannt – ziemlich anstrengend ist, an eigenen Makeln und Macken zu arbeiten, verurteilen diese Nervensägen lieber alle anderen, weil es sie dann vermeintlich besser da stehen lässt. „Guckt mal! Alle mal herhören! Diese sittenwidrige Person hier! Hat den Toilettendeckel offen stehen lassen! (ich bin zwar sonst ein Arschloch, aber den Toilettendeckel klappe ich grundsätzlich zu, das heißt ich bin super)“

Doch was kann man tun, damit einem die Sittenwächter nicht den letzten Nerv rauben? Denn eins steht fest, wenn sie einen auf Schritt und Tritt beobachten und verfolgen, um beim kleinsten Faux-pas (aus ihrer Sicht) gleich los zu krakeelen und Alarm zu schlagen, kann man sich nicht mehr frei bewegen und die Luft zum Atmen kann man auch gleich mal vergessen. Da hilft eigentlich nur Abstand. Damit man sich selbst sagen kann: „Nicht ich bin das Problem. Der/die ist zu allen so. Das ist nicht persönlich gemeint. Er/sie kommt mit sich selbst nicht klar …“ Aber was man tun kann, wenn Abstand keine Option ist, da der Sittenwächter unter dem selben Dach haust, das weiß ich auch nicht.


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