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Essai 155: Über stilvolles Beleidigen

13. April 2016

Wer sich auf Onlineforen oder in den Kommentarspalten sozialer Medien tummelt, hat oft Gelegenheit, die Kunst des stilvollen Beleidigens zu trainieren. Es ist wirklich faszinierend, wie viel Unsinn sich Menschen ausdenken und auch noch für alle lesbar niederschreiben können. Darüber kann man verzweifeln, muss man aber nicht. Allerdings ist es auch wenig erquicklich, auf einen strunzdämlichen Kommentar zu antworten, dass der Kommentar strunzdämlich ist. Das Problem mit Idioten ist nämlich, dass die einen auf ihr Niveau herunterziehen und mit Erfahrung schlagen, wenn man sich auf eine Diskussion mit ihnen einzulassen versucht. In der Folge wirft man sich gegenseitig stillose Beleidigungen an den Kopf und hinterher hat man schlechte Laune, weil der Idiot einen längeren Atem als man selbst in Bezug darauf hat, seinen geistigen Dünnpfiff wiederzukäuen.

Was also kann man tun? Ignorieren? Ist eigentlich für den Seelenfrieden am besten, aber ab und zu juckt es einen dann ja doch in den Fingern. Oder es besteht Hoffnung, dass der Idiot vielleicht nicht ganz so dämlich ist und sich von sachlichen Argumenten möglicherweise doch zum Nachdenken anregen lässt. Und wenn schon nicht er selbst, dann vielleicht Menschen, die den Wortwechsel mitlesen. Stilvolles Beleidigen ist da eine ganz pfiffige Strategie, und die geht so:

1. Stilvolles Beleidigen ohne Beleidigungen

Hö? Stilvolles Beleidigen muss ohne Beleidigungen auskommen? Wie geht das denn? Tja, das ist paradox, aber tatsächlich ist es das Beste, wenn man den anderen nicht offensichtlich und offensiv beleidigt. Sonst ist er nämlich in der vorteilhaften Position, sich als Opfer ungerechtfertigter Angriffe stilisieren zu können und braucht überhaupt keine Argumente mehr, um als Derjenige, der recht hat, dazustehen. Blöd. Also bleibt man ganz höflich, sachlich und freundlich, zeigt Respekt und Achtung vor seinem Gegenüber und hinterfragt lediglich den Inhalt des Kommentars, wird also nicht persönlich.

Weiterer Vorteil: Der andere kennt diese Art der Kommunikation wahrscheinlich nicht, ist verwirrt und irritiert – und gerät womöglich ins Straucheln. Wenn man Glück hat, wird er selbst ausfallend und beleidigend, sodass man selbst wiederum in der vorteilhaften Position ist, sich als Opfer ungerechtfertigter Angriffe hinstellen zu können. Ausgebufft, oder? Also, anstatt zu schreiben: „Du dumme Sau hast doch überhaupt keine Ahnung und laberst hier nur Scheiße!“ sollte man lieber schreiben: „Ich verstehe Ihren Ärger, doch Ihre Argumentation erschließt sich mir noch nicht ganz.“ Dass man den Ärger des anderen versteht, ist natürlich gelogen, aber trotzdem kann der andere nichts dagegen sagen. Ätsch 😛

2. Gegenfragen stellen

Gegenfragen sind eine einfache, aber oft wirksame Strategie, damit der andere sich selbst als Idiot entlarvt. Dann muss man nämlich nicht mehr beleidigend werden und konkret aussprechen, dass der andere strunzdummes Zeug labert und nicht alle Tassen im Schrank hat, weil das dann auch so von alleine klar wird. Hübsche Gegenfragen sind zum Beispiel: „Mögen Sie mir Argument XY noch einmal genauer erläutern?“ oder „Haben Sie dafür sachliche Argumente oder wollen Sie es bei der bloßen Behauptung belassen?“ oder „Das ist ja interessant, was Sie da behaupten, aber haben Sie dafür auch stichhaltige Quellen, die Ihren Standpunkt objektiv beweisen?“

Es kann natürlich sein, dass daraufhin wirklich stichhaltige Argumente aufkommen. Sollte dieser Fall eintreten, kann sich daraus eine fruchtbare, spannende Diskussion entwickeln und dann kann man sich freuen, dass man nicht ausfallend geworden und höflich geblieben ist. Kommen daraufhin schwachsinnige Pseudoargumente à la „Ist halt so“ oder „da muss man halt über eine gewisse Intelligenz verfügen, um das so zu sehen (wie ich, weil ich bin so kluk!)“, kann man weiter nachfragen. „Tut mir leid, aber ich habe das immer noch nicht verstanden. Wie kommen Sie darauf, dass XY tatsächlich so passiert?“

3. Quellen prüfen

Fragt man nach Quellen, muss man damit rechnen, dass wirklich welche genannt werden. In diesem Fall lohnt es sich, reinzulesen und zu schauen, woher sie kommen, wer sie geschrieben hat und einen Blick ins Impressum zu werfen. Manchmal untermauern Leute ihre Behauptungen nämlich gern mit Links, die zu irgendwelchen Blogs oder Seiten von Leuten führen, die Dasselbe behaupten und ebenfalls weder objektiv nachvollziehbare Argumente noch seriöse Quellen nennen. Das kann man gut am Tonfall erkennen: Ist er polemisch, spöttisch, höhnisch oder verächtlich? Dann ist er mit großer Wahrscheinlichkeit zur objektiven Beweisführung ungeeignet.

Stutzig werden sollte man außerdem, wenn es weder ein Impressum noch ein Autorenporträt gibt. Ein Impressum habe ich auch nicht, aber immerhin könnt ihr unter „Über die Autorin“ erfahren, wer eigentlich diese Isabelle Dupuis ist, die hier so herumklugscheißert und immer alles besser weiß. So könnt ihr entscheiden, ob ihr findet, dass meine Expertise ausreicht, um hier etwas zum Thema stilvolles Beleidigen überzeugend darbringen zu können, oder ob ihr findet, ich habe zu dem Thema ja wohl gar nichts zu melden und soll mich hier gefälligst nicht so aufplustern und meine blöde Klappe halten. Gibt es keine Informationen darüber, was für Erfahrungen ein Autor hat, ist es nicht möglich, den Glaubwürdigkeitsfaktor eines Texts einzuschätzen. Es gibt Quellen, etablierte Zeitungen und Zeitschriften, öffentlich-rechtliche Medien, die bereits genug Glaubwürdigkeit mitbringen, weil man weiß, da arbeiten seriöse Journalisten. Die haben dann aber in der Regel ein Impressum und man merkt am Tonfall, ob der Autor sich um Objektivität bemüht oder seine subjektive Meinung über ein Thema äußert.

4. Rechtschreib- und Grammatikfehler korrigieren

Jetzt wird es doch ein bisschen unsachlich. Gibt es für die ersten drei Methoden zum stilvollen Beleidigen keine Ansatzpunkte, kann man, wenn man unbedingt etwas zu einem Meckerpöbeldummdödelkommentar sagen möchte, einfach seine Grammatik- und Rechtschreibfehler korrigieren. Keine Sorge, davon gibt es in Meckerpöbeldummdödelkommentaren immer welche zu entdecken. Trotzdem sollte man aber höflich und respektvoll bleiben. Beispiel für einen Dummdödelpöbelkommentar: „Dass ist so ein SCHWACHSINN was soll dass seit Ihr Dumm oder was!!!1111!!!??!?!??“ Da gibt es mannigfaltige Möglichkeiten, Grammatik, Rechtschreibung und Stil nach Manier eines Literaturkritikers zu zerpflücken. Trägt nichts zur Klärung des Sachverhalts bei, macht aber Spaß.

5. Nicken, lächeln, „Arschloch“ denken

Was bei Idioten im wirklichen Leben funktioniert, klappt auch bei unverbesserlichen Kommentar- und Forenpöblern. Sollten alle anderen Versuche gescheitert sein, zieht man sich am besten aus der Diskussion mit formvollendeten Manieren zurück. Also schreibt man so etwas wie „Ach so, na dann, wenn du meinst“, macht einen niedlichen Grinsesmiley dahinter, zum Beispiel 🙂 oder 😀 und denkt sich seinen Teil.

Essai 154: Über „Fettlogik überwinden“ von Dr. Nadja Hermann

28. Februar 2016

Eigentlich gehöre ich zu den sogenannten „Naturschlanken“ und so erscheint es vielleicht etwas kurios, dass ich ein Buch lese, das sich Fettlogik überwinden nennt. Darauf gestoßen bin ich über den Blog (der ebenfalls „Fettlogik überwinden“ heißt) der Autorin Dr. Nadja Hermann, die außerdem die wunderbaren Erzählmirnix-Comics zeichnet. Genaugenommen habe ich vorher immer gern die Comics gelesen und bin dann neugierig geworden, als sie einen zweiten Blog eingerichtet hat, der vor allem als Ergänzung zum Buch gedacht ist, aber auch sonst sehr lesenswert ist. Wer also nach meiner Rezension noch skeptisch sein sollte, ob er das Buch lesen soll, kann zuerst ein wenig auf dem Blog stöbern und schauen, ob er oder sie dann nicht auch mehr wissen möchte.

In Fettlogik überwinden nimmt die Autorin sämtliche „Fettlogiken“ auseinander – das sind alle möglichen Mythen, Halbwahrheiten, Glaubenssätze und Pseudoweisheiten aus den Bereichen rund um Ernährung, Diät, Abnehmen und Gewicht – indem sie diesem ganzen Quark knallharte Fakten entgegensetzt. Diese untermauert sie mit sorgfältig, ausführlich recherchierten Quellen und Studien, erklärt, wie diese Fettlogiken zustandegekommen sein könnten und ergänzt die Tatsachen mit persönlichen Erfahrungen. Sie selbst nahm von 150 Kilogramm auf ein gesundes Normalgewicht ab. Das heißt, sie klugscheißt nicht einfach so vom hohen Ross herab und behandelt ihre Leser nicht wie dumme Idioten, sondern weiß ganz genau, wovon sie redet, hat es selbst erlebt und stellt sich mit den Lesern auf eine Stufe. Der Tonfall ist humorvoll, unterhaltsam, aber trotzdem unheimlich einfühlsam, respektvoll und mitreißend. Ich selbst habe das Buch innerhalb einer Woche durchgelesen und war danach so begeistert und motiviert, dass ich jetzt unbedingt allen Leuten erzählen will, wie toll dieses Buch ist und dass sie es auch unbedingt lesen müssen. Obwohl mich ja solche Leute sonst nerven, die so herummissionieren mit den Sachen, die sie gut finden. Aber dieses Buch ist wirklich gut!

Es zeigt nicht nur, wie schädlich Übergewicht ist, wie gesund Muskeln und ein normales Körpergewicht sind, sondern zeigt auch, welche Mechanismen dazu führen, dass man zu- oder abnimmt. Insofern ist Fettlogik überwinden auch für Menschen gut, die mit Untergewicht zu kämpfen haben oder eigentlich normalgewichtig, aber untrainiert sind (so wie ich vor ca. 2 Jahren). Und das Wunderbare ist: Die Mechanismen an sich sind ganz logisch, schlicht und ergreifend Physik. Wenn man mehr Energie (Kalorien) zu sich nimmt, als man verbrennt (durch Bewegung), nimmt man zu, weil die überschüssige Energie dann als Fettreserven abgespeichert wird. Nimmt man weniger Energie zu sich, als man verbrennt, geht der Körper an die Fettreserven und man nimmt ab. Das ist das Prinzip. Das Prinzip in die Tat umzusetzen, ist zwar wiederum nicht immer einfach, aber es ist eben auch nicht unmöglich. Jeder kann zunehmen, jeder kann abnehmen. Und das ist eine tolle Nachricht!

Dass jeder zunehmen kann, hatte ich nach meinem 30. Geburtstag allmählich erlebt. Ich dachte tatsächlich, ich wäre „naturschlank“ und mein Körper wüsste schon von allein, was er braucht und deswegen müsste ich mir überhaupt keine Gedanken machen, dass ich jemals würde abnehmen müssen. 1,5 Jahre später fingen meine Hosen an zu kneifen, ich kam außer Puste oben an, wenn ich zwei Stockwerke die Treppen hochgelaufen war, allmählich änderte ich meinen Kleidungsstil hin zu sackartigen Schlabberpullis, ich war ständig müde und dauernd irgendwie erkältet. Ich war zu der Zeit seit etwa einem halben Jahr mit meinem Freund zusammengezogen und hatte noch keine Waage gekauft (als „Naturschlanke“ braucht man so einen Quatsch schließlich nicht), deswegen dachte ich, na ja, wahrscheinlich schlafe ich einfach zu wenig und das mit den Hosen bilde ich mir sicher ein, die sind wohl nur eingelaufen. Eine Freundin sprach mich schließlich auf meine Schlabberpullis an und fragte, warum ich mich denn in letzter Zeit so nachlässig kleide und bemerkte, dass das nicht sehr schön aussehe. Meine Mutter machte dann ebenfalls kritische Bemerkungen darüber, dass ich zugenommen hätte und was sei das überhaupt für eine unförmige, scheußliche Hose, die ich da anhätte. Da war ich zunächst reichlich pikiert und meinte trotzig, das sei halt bequem. Trotzdem fing das langsam an, in mir zu rumoren und ich begann, daran zu zweifeln, dass ich gegen Gewichtszunahme immun wäre. Die Erkenntnis war endgültig gefallen, als mir meine absolute Lieblingshose platzte, als ich es mir auf dem Sofa gemütlich machen wollte. Sie ist regelrecht explodiert, war unflickbar am Hintern in alle Einzelteile zerschossen.

Schließlich kaufte ich doch eine Waage. Sieben Kilogramm hatte ich mir nichts dir nichts in 1,5-2 Jahren zugenommen und das war für mich erst einmal ein Schock. Wahrscheinlich denken jetzt alle, Alter, was hat die blöde Kuh hier eigentlich für Wohlstandswehwehchen, die soll sich mal nicht so haben, die verwöhnte Ziege. Ich sollte vielleicht hinzufügen, dass ich sehr klein bin, 1,58 Meter, und dass sieben Kilogramm bei mir schon ca. 2 Konfektionsgrößen mehr ausmachen, außerdem war das alles Fett und keine Muskeln, also war somit auch das Rätsel um meine schlappe Kondition gelöst. Und außerdem: Ich habe diese Hose wirklich geliebt! Nun hatte ich also einen BMI im oberen Normalgewichtsbereich von vorher bei 50 Kilogramm einen BMI im mittleren-unteren Normalgewichtsbereich. Da dachte ich dann auch zuerst, Donnerwetter, ich habe ganz bestimmt eine Schilddrüsenunterfunktion, das liegt schließlich in der Familie, und garantiert ist mein Stoffwechsel jetzt langsamer geworden, weil ich über 30 bin und allmählich alt werde. Tadaaa! Willkommen in der Welt der Fettlogiken!

Ein Check beim Arzt ergab, dass ich kerngesund war, und so musste ich mich wohl oder übel der Erkenntnis stellen, dass ich schlicht und ergreifend in letzter Zeit mehr gegessen hatte als früher (öfter mal ein Franzbrötchen oder Mandelhörnchen als Nervennahrung am Nachmittag, Pommes in der Mittagspause, abends was vom Asiaten, …) und mich weniger bewegte als noch zu Uni-Zeiten (Bürojob, nach dem Umzug einen um insgesamt 20 Minuten kürzeren Weg zwischen Bahn und Zuhause, …). Also meldete ich mich im Fitnessstudio um die Ecke an und fing an zu trainieren. Und ich, die ich mich immer für einen vom Schulsport traumatisierten Sportmuffel hielt, habe plötzlich richtig Spaß an der Bewegung. Inzwischen habe ich ein paar Muskeln aufgebaut und fühle mich so fit wie noch nie, bin nicht mehr dauernd müde (nur, wenn ich wirklich zu wenig geschlafen habe) und vor allem bin ich nicht mehr ständig erkältet. Wenn doch, haut es mich nicht so aus den Latschen und ist schneller überstanden als früher. Nichtsdestotrotz hatte ich ein Jahr, nachdem ich mit dem Sport angefangen hatte und dachte, Hurra!, jetzt kann ich ja wieder so viel essen wie ich will, von vier verlorenen Kilos drei wieder drauf.

Also musste ich wohl oder übel doch auch meine Ernährung umstellen. Erst war ich ein bisschen beleidigt und fand das gemein, weil ich das noch nie vorher gemacht hatte, auf meine Ernährung zu achten. Aber da habe ich mich wohl immer durch Zufall genug bewegt, sodass das nichts gemacht hat. Und da hat mir dann Fettlogik überwinden total geholfen, anzunehmen, dass ich ein ganz normaler Mensch bin, für den die Gesetze der Physik genauso gelten wie für alle anderen, und dass ich eben doch ein wenig gucken muss, dass meine Kalorienbilanz keinen Überschuss aufweist, wenn ich wieder bequem in meine alten Hosen passen will. Das habe ich dann schließlich auch gemacht und jetzt, ein Jahr später, habe ich mein Zielgewicht erreicht, und stelle fest, wenn man sich erst einmal umgewöhnt hat, ist das plötzlich gar nicht mehr so schwer. Die Erkenntnis, dass man abnehmen sollte, ist hart, die Umgewöhnung ist im ersten Moment, sagen wir, herausfordernd, aber danach wird’s besser und leichter.

Deswegen kann und möchte ich das Buch Fettlogik überwinden von Dr. Nadja Hermann allen wärmstens ans Herz legen, die entweder viel oder wenig ab- oder zunehmen, oder einfach ihr Gewicht halten und ihre Fitness verbessern wollen.

Essai 152: Über die Fähigkeit zur kritischen Selbstreflexion

6. Februar 2016

Mit der Selbstkritik oder der Fähigkeit zur kritischen Selbstreflexion ist das so eine Sache. Alle behaupten, das wäre was Tolles, aber toll findet man eher die, die diese Fähigkeit anscheinend nicht besitzen. Die, die hemmungslos herumposaunen, wie unfassbar großartig sie sind, die sich an ihrer eigenen Existenz ergötzen und vollkommen von sich und ihrer absoluten Phänomenalität überzeugt sind, werden allseits bewundert. Man glaubt ihnen bereitwillig den größten Unsinn, weil man so gern glauben möchte, dass diese selbsternannten Superhelden wirklich die Welt retten werden.

Zweifel, differenzierte Ansichten, logische Argumente, das sorgfältige Abwägen von Pro und Contra – das alles interessiert keine Sau. Außer vielleicht Leute, die selbst der kritischen Selbstreflexion fähig sind, und wissen, dass es im Grunde genommen keine einfachen Wahrheiten und eindeutigen Antworten auf komplexe Fragen gibt. Aber diesen Leuten hört keiner zu, weil niemand die Geduld und die Lust hat, sich das ganze Geschwafel anzuhören. Markige Sprüche und Angeberposen kommen da viel besser an.

Ich würde ja jetzt gern sowas Melodramatisches schreiben wie: Ach und Weh! Wann ist unsere Welt nur so verkommen, dass wir lieber herumpolternden Wichtigtuern folgen als wirklich klugen Menschen, die die Zusammenhänge leise, bescheiden, aber differenziert und sinnvoll zerpflücken, erklären und langsam, Stück für Stück ändern wollen? Aber das würde voraussetzen, dass es jemals anders war. Wenn man sich die Geschichte der Welt mal so anschaut, war das aber schon immer so, dass man lieber den Großmäulern hinterhergedackelt ist und sich von ihnen vorschreiben ließ, was man machen soll, anstatt mit anderen Zweiflern gemeinsam nachzudenken und nach konstruktiven, langfristigen Lösungswegen zu suchen.

Ich merke selbst, dass ich mich schnell überzeugen lasse, dass mein Gegenüber weiß, wovon es da redet, wenn es nur sicher genug auftritt. Ein „So und so ist das und nicht anders, basta!“ klingt auf Anhieb überzeugender als ein „Na ja, man könnte das einerseits so interpretieren, aber wenn man das aus einer anderen Perspektive betrachtet, ist andererseits auch die gegenteilige Interpretation durchaus nachvollziehbar“. Hand aufs Herz, wer hat nach dem „Na ja, man könnte …“ noch aufmerksam weitergelesen?

Gerade, weil ich selbst ja zu übertriebener kritischer Selbstreflexion neige und immer erst einmal davon ausgehe, dass ich falsch liege und die anderen alle richtig, falle ich auf so großspuriges Gehabe immer wieder herein. Man muss mich im Prinzip nur unfreundlich genug anpampen, dann traue ich mich schon gar nicht mehr, die Aussage des kurz angebundenen Unsympathen anzuzweifeln. Dann hinterfrage ich eher meinen eigenen Standpunkt noch mal. Und wenn ich irgendwann nach ewig langem Gegrüble zu dem Schluss komme, dass ich doch gar nicht mal so bescheuerte Ansichten habe, ist der Großkotz schon längst über alle Berge.

Ich find’s schade, dass Selbstkritik immer erst einmal als Schwäche angesehen wird. Genauso wie Bescheidenheit, von wegen Zier, am Arsch hängt der Hammer, so sieht’s aus. Klar, wenn man nur am Grübeln ist und nie eine Entscheidung trifft, kommt man auch nicht vorwärts, das sehe ich ein. Man sollte es also nicht – so wie ich zum Teil (nehmt euch bloß kein Beispiel 😛 ) – mit der kritischen Selbstreflexion so weit übertreiben, dass man sich im Vergleich mit anderen standardmäßig für grundsätzlich im Unrecht hält. Dann ist es nämlich wurscht, was für zauberhafte innere Werte in einem schlummern, das kriegt nämlich ohnehin keiner mit, und dann nützen sie auch keinem was.

Aber ich arbeite dran 🙂 Immerhin schaffe ich es inzwischen, meinen Ansichten treu zu bleiben und sie mit guten Argumenten zu untermauern, wenn ich ein wenig Zeit zum Nachdenken habe. Sprich, wenn ich zum Beispiel schriftlich kommuniziere (was ich ohnehin bevorzuge) oder wenn man mich nicht völlig aus dem Nichts überrumpelt, dann kriege ich das inzwischen ganz gut hin, meine kritische Selbstreflexion mit ein wenig Selbstvertrauen zu bremsen. Woran ich noch tüfteln muss, ist, wie schaffe ich das, mich nicht einschüchtern zu lassen, wenn man mich vollkommen unvorbereitet und ohne Vorwarnung ankläfft. Aber das ist eine Herausforderung, die ich gern annehme 🙂 Ist ja auch langweilig, wenn man alles schon supertoll kann und nichts mehr dazulernen muss, dann kann man nur noch dasitzen, sich selbst fantastisch finden, und auf das Ende warten. Schnarch.

Essai 150: Über Selbstverständlichkeiten, die keine sind

12. Dezember 2015

Das Dumme ist, dass ich immer von mir auf andere schließe. Und so erwarte ich dann, dass allen Menschen daran gelegen ist, mit anderen gut auszukommen und ansonsten ihre Ruhe zu haben. Für mich ist das selbstverständlich, freundlich und höflich zu allen zu sein, mich an Absprachen zu halten und mich möglichst so zu verhalten, dass ich die Dinge nicht schlimmer mache als sie sowieso schon sind – sofern ich das beeinflussen kann.

Dass das ganz und gar nicht selbstverständlich ist, zeigt der Syrien-Einsatz der Bundeswehr. Was soll das denn bitte Konstruktives zur Konfliktlösung beitragen und inwiefern soll das bitte den Terrorismus bekämpfen, wenn wir da jetzt unsere schrottigen Jets hinfliegen lassen? Damit liefern wir doch dem IS eine Rechtfertigung für seinen Terror und vielleicht schließen sich dann noch mehr Leute, die bisher unentschlossen sind, diesem Verein an. Die anderen Menschen, die wie ich einfach nur mit anderen gut auskommen und ihre Ruhe haben wollen, werden in den Krieg mit hineingezogen, obwohl sie niemandem etwas getan haben. Wenn sie es schaffen zu flüchten, will sie in Europa schon wieder keiner aufnehmen. Es ist also das Verheerendste und Dämlichste, was man machen kann, Kampfjets und anderen Kriegskram gegen den IS zu schicken. Davon einmal abgesehen, dass es für diese absolut hirnrissige Entscheidung noch nicht einmal eine rechtliche Grundlage wie zum Beispiel ein Mandat gibt.

Oder Nächstenliebe, die halte ich ebenfalls für selbstverständlich, und das muss ich gar nicht, denn ich bin Atheistin. Im Mittelalter wäre ich – selbstverständlich – auf dem Scheiterhaufen gelandet, ich ketzerische Heidin, ich. Trotzdem bin ich der Meinung, dass man Menschen helfen sollte, wenn man sieht, dass sie in Not sind. Oder dass man zumindest denen, die helfen, das Leben nicht noch schwerer macht als nötig, indem man zum Beispiel Flüchtlingsheime abfackelt. Warum machen Menschen sowas? Ich verstehe es einfach nicht. Warum jubeln Menschen Leuten zu, die menschenverachtende Kackscheiße vom Stapel lassen? Warum wählen einige Menschen solche Leute? Warum hat der Front National in meinem Mutterland Frankreich so viel Erfolg? Warum gibt es Menschen, die die AfD immer noch gut finden?

Aber auch alltägliche Selbstverständlichkeiten, die gar keine sind, treiben mich regelmäßig an den Rand der Verzweiflung. Das ist eigentlich völlig lächerlich und spießig, aber ich lege wirklich großen Wert auf Höflichkeit und Zuverlässigkeit. Und wenn dann jemand sich nicht an eine Abmachung hält, nicht einmal von sich aus absagt, sondern ich das auf den letzten Drücker durch Zufall oder zwischen Tür und Angel erfahre, dass die Absprache platzt, dann macht mich das sauer. Weil es doch eigentlich selbstverständlich ist, dass man von sich aus absagt und wenigstens ein bisschen zerknirscht ist, wenn man eine Verabredung nicht einhalten kann. Das kann doch nicht so schwer sein?

Ebenfalls selbstverständlich ist für mich, Eigenverantwortung zu übernehmen. Das heißt, wenn mich jemand kritisiert, dann überlege ich, ob was dran ist. Wenn ja, versuche ich, dran zu arbeiten. Wenn nicht, dann nicht, dann hefte ich die Kritik unter „unberechtigt“ ab und gut ist. Wobei, na ja, das ist sozusagen der Idealfall. Wenn die unberechtigte Kritik von Menschen kommt, die ich selbst sehr schätze und gern habe, dann wurmt mich das, weil ich denke, wie kommen die denn auf die Idee, mir so etwas aus meiner Sicht Abwegiges zu unterstellen? Das ist doch selbstverständlich, dass ich niemanden kränken oder verletzen will, den ich schätze und gern habe. Oder nicht? Kommt die unberechtigte Kritik allerdings von irgendwelchen Leuten, die mir wumpe sind, dann lasse ich sie blubbern und denke mir meinen Teil.

Also insgesamt ist das doch gar nicht so selbstverständlich mit den Selbstverständlichkeiten. Da benehmen sich Leute wie die letzten Arschlöcher, obwohl das überhaupt nichts Konstruktives zum Gemeinwohl beiträgt. Da machen Menschen dumme Sachen und bringen damit sich und/oder andere in Gefahr, obwohl sie ganz genau wissen (können), wie dumm und unnötig diese Sache ist. Da zetteln Politiker Kriege an, die sie unmöglich gewinnen können und die am Ende nur Verlierer übrig lassen … Und ich verstehe die Welt nicht mehr.

Essai 149: Über Diskriminierung

6. September 2015

Dies ist eine Tirade gegen alle Flitzpiepen, die meinen, sich wie Arschlöcher aufführen zu müssen, ohne dass man sie dafür kritisieren dürfte und wenn man es doch tut, krakeelen sie: „Das ist Diskriminierung! Pfui!“ Ihr ahnt es schon, ich habe wieder Facebook-Kommentare gelesen. Ich weiß, meinem Seelenfrieden zuliebe sollte ich das unterlassen, aber manchmal bleibe ich dann doch hängen. Dieses Mal ging es um ein Foto von einem Lokal, das nach neuen Mitarbeitern suchte. Auf einem Aushang an der Eingangstür stand: „Wir suchen dringend: Köchin/Koch, Kellnerin/Kellner, Religion: egal, Refugees: welcome!, Pegida/Legida-Anhang: So dringend ist es dann doch nicht!!“ Es dauerte nicht lange, dann maulten schon die ersten, das sei ja wohl Diskriminierung und auch nicht besser als gegen Flüchtlinge zu wettern. Das Gemaule ging ja noch, die Kommentatoren waren immerhin friedlich. Aber die Hardcore-Rassisten witterten natürlich eine prima Gelegenheit, um Mitstreiter für ihr Gepöbel zu finden. Und dabei dreschen sie die immergleichen Parolen, von wegen, das sei ihre Meinung und sie seien Realisten und diese ganzen „Gutmenschen“ würden schon noch sehen, was sie davon hätten, wenn es dann in Deutschland zum großen Knall käme, dann säßen sie in der ersten Reihe und würden das Zugrundegehen der ganzen „Gutmenschen“ abfeiern, bla-bla-bla …

So. Dass diese rassistischen Klappspaten in Geschichte mal so gar nicht aufgepasst haben, steht wohl außer Frage. Außerdem deucht es mich ein wenig kurzsichtig, dass sie beim von ihnen offenbar herbeigesehntem Tag des jüngsten Gerichts oder was-auch-immer für ihr Hassgepredige belohnt würden. Warum sollte das passieren? Sie leisten überhaupt nichts Konstruktives mit ihrem Gelaber, im Gegenteil, sie zerstören jede Chance auf Dialog und vernünftige Lösungssuche. Aber sich dann auch noch hinzustellen und beleidigt tun und sich diskriminiert fühlen und sich als Opfer stilisieren, das ist einfach die Höhe!

Gut, es stimmt, dass niemand wegen seiner politischen Einstellung benachteiligt werden darf. Das gilt auch für rassistische Arschgeigen. Allerdings ist das kein Freifahrtsschein dafür, sich komplett daneben zu benehmen. Die wenigsten Menschen kommen als Arschloch auf die Welt, jeder besitzt einen freien Willen und kann entscheiden, ob er die Geschehnisse und Tatsachen in der Welt sowie andere Menschen mit Neid und Missgunst, Hass und Misstrauen betrachten will oder mit Wohlwollen, Vertrauen, Menschlichkeit, Herzenswärme und Nächstenliebe. Wer sich also für den Weg des Hasses entscheidet und sich dafür entscheidet, daran festzuhalten, der benimmt sich wie ein Arschloch und ist selbst Schuld daran. Wenn dann jemand sagt, wir wollen hier aber keine Arschlöcher als Kollegen, dann kann man seine Einstellung ändern oder sich einen anderen Job suchen, wo es nichts macht, dass man sich an einer Scheißhaltung festbeißt. Das Problem mit hasszerfressenen Dünnbrettbohrern ist nämlich, dass sie Unfrieden stiften und das (Arbeits)klima vergiften. Man kann also sicherlich auch als Pegida/Legida-Mitläufer in besagtem Lokal arbeiten, wenn man kein rassistisches Arschloch ist und diese Einstellung ständig kundtut. Das wäre dann ja für Pegida/Legida-Mitläufer, die eigentlich total nett sind, eine prima Gelegenheit, zu beweisen, dass es keinen Grund für einen solchen Vermerk auf einem Aushang gibt. Indem man „Diskriminierung“ brüllt, macht man sich aber lächerlich und wirkt wie eine beleidigte Leberwurst.

Zwar ist es faktisch und von der Definition her nicht gänzlich verkehrt, dass es Diskriminierung ist, Menschen, die einer bestimmten politischen Bewegung angehören, auszuschließen. Doch wo will man denn dann die Grenze ziehen? Darf ich dann in einer Stellenanzeige auch nicht schreiben, dass ich Leute mit einem bestimmten Abschluss, einer bestimmten Ausbildung oder Berufserfahrung suche, weil sich dann alle diskriminiert fühlen, die diesen Qualifikationen nicht entsprechen? Muss ich es einfach so hinnehmen, wenn irgendsoein Arschloch geistigen Dünnpfiff durch die Gegend schmeißt, weil er sich diskriminiert fühlen könnte, wenn ich ihn darauf hinweise, dass seine Einstellung scheiße ist? Was ist, wenn dieses Arschloch andere Menschen mit seinem geistigen Dünnpfiff diskriminiert. Muss man das so stehen lassen, weil es sich ja sonst in seiner Freiheit, andere in ihrer Freiheit zu beschneiden, beschnitten fühlen könnte?

Ich würde daher vorschlagen, Diskriminierung nur als solche zu werten, wenn es um Dinge geht, für die man nichts kann und die sich nicht (ohne Weiteres) ändern lassen. Dazu gehören zum Beispiel das Geschlecht, die Hautfarbe, Körpergröße, eventuelle Behinderungen, Herkunft. Auch kann man nichts dafür, wenn man Flüchtling ist, denn ich gehe davon aus, dass man nur aus seiner Heimat flüchtet, wenn man existenziell bedroht wird und/oder um sein Leben fürchten muss. Ansonsten ist man ein Auswanderer. Man kann auch nur bedingt etwas für seine Religion, sofern man dort hineingeboren wurde und damit aufgewachsen ist. Man kann aber was dafür, ob man sich wie ein asoziales, egoistisches, hasserfülltes Arschloch aufführt oder nicht. Wenn man deswegen nicht benachteiligt werden will, soll man anfangen, sich wie ein Mensch zu benehmen.

Essai 148: Über Idealismus und Naivität

10. August 2015

Ich konnte es mal wieder nicht lassen und habe mich in den Kommentaren zu einem Blogbeitrag zum Thema Flüchtlinge mit Leuten gestritten, die ich für Flüchtlingsgegner hielt. (Den Beitrag von Erzählmirnix gibt’s hier) Im Wesentlichen hatte ich die Aussage „Warum soll man nichts gegen Kriminelle haben dürfen?“ eines Kommentators im Zusammenhang von Flüchtlingen so gedeutet, dass er allen Flüchtlingen pauschal unterstellt, kriminell zu sein. Da ist mir der Kragen geplatzt und ich wurde verhältnismäßig zickig, was mir jetzt im Nachhinein peinlich ist, weil ich normalerweise etwas überlegter handle. Der Kriminalitätsgegner durchschaute mich dann auch prompt und klatschte mir als Gegenargument vor die Füße, dass ich offenbar sehr emotional reagiere und äußerte die Vermutung, mir würden meine Gefühle einen Streich spielen. „Verdammt, erwischt!“, dachte ich und antwortete daraufhin entsprechend patzig und leider viel zu offensichtlich beleidigt. Ein solches trotziges Verhalten ist vollkommen kontraproduktiv, wenn man Leute von seinem Standpunkt überzeugen will. Da kann man auch gleich antworten: „Mimimi, selber doof!“ und die Zunge herausstrecken. Es verwundert also wenig, dass sich kurz darauf ein zweiter Kommentator einmischte, und mein Verhalten als „blöde“ abkanzelte.

Das Problem war, dass ich in der Tat für meinen Standpunkt „Flüchtlinge sind Menschen in Not und Menschen in Not brauchen Hilfe!“ keinerlei rationale Argumente vorzubringen wusste, sondern nur verzweifelt wiederholte, dass das doch wohl aus menschlich-ethischer Sicht selbstverständlich sei. Während also die beiden Herren mit (scheinbar) rationalen Gründen ihre Sichtweise untermauerten, stand ich da mit meinem moralischen Kompass, der wie verrückt ausschlug, und konnte nur emotionale Gründe vorbringen. Ich meinte, es gehe doch bei der ganzen Debatte auch um Nächstenliebe und um die Unschuldsvermutung, und das sei doch auch wichtig, oder? Nein, meinte derjenige, der mein Verhalten „blöde“ fand. Aber in dem Punkt bleibe ich dann doch anderer Meinung.

Lange Vorgeschichte, nun komme ich zum eigentlichen Thema dieses Essais, nämlich Naivität und Idealismus. Meine Ansicht ist und bleibt, dass Menschen in Not Hilfe brauchen, dass man sie nicht pauschal als zukünftige mögliche Kriminelle betrachten, sondern sie nach Kräften darin unterstützen sollte, sich möglichst schnell zu berappeln, zur Ruhe zu kommen und möglicherweise eine neue Heimat zu finden, dort arbeiten zu gehen und sich zu integrieren. Das wird anscheinend von manchen Leuten als emotionaler Unfug, als naives Geschwätz und dämlicher Idealismus abgetan. Sie wiederum halten sich für Realisten, weil sie überall nur das Schlechte in anderen Menschen sehen. Was ich im Gegenzug für defätistisch und nicht zielführend halte.

Was hat denn irgendjemand davon, wenn man alles negativ sieht, jedem Menschen erst einmal tiefes Misstrauen entgegenbringt und von vorneherein davon ausgeht, dass alle anderen nur Schlechtes im Sinn haben? Ab und zu hat man damit vielleicht zufällig ein bisschen recht. Die Aspekte, in denen man sich irrt und die die eigene Sichtweise eventuell infrage stellen könnten, weil sie zeigen, dass der pessimistische Standpunkt zu schwarzweiß gedacht ist und dass die Realität viel komplexer und facettenreicher ist, kann man ja ganz rational und unnaiv ignorieren. Dann passt es aus eigener Sicht wieder und die selbsterfüllende Prophezeiung wird subjektiv betrachtet wahr. Ansonsten nützt es gar nichts. Warum sollte man schließlich versuchen, die Welt ein wenig besser zu machen, wenn man davon ausgeht, dass das sowieso nichts bringt? In diesem Zusammenhang begegnet einem unter Flüchtlingsgegnern dann ja auch des Öfteren das (scheinbar rationale) Argument, wir (Deutschen) könnten ja nicht jeden (Flüchtling) aufnehmen. Nee, jeden nicht. Müssen wir ja auch gar nicht. Aber mit meiner naiven, idealistischen Einstellung, dass man sein Bestes geben sollte, um Menschen in Not zu helfen, nimmt man so viele auf, wie man kann. Nur weil man nicht allen helfen kann, soll man niemandem helfen? Das mag ja manchen „Realisten“ als logisch erscheinen, ich find’s unmenschlich, unethisch und arschig. Sorry, da bin ich wieder emotional geworden. Und das war jetzt pampiger Sarkasmus. Ach je, ich lern’s auch einfach nicht, ich Naivchen.

Ich verstehe nicht, warum Naivität immer mit Dummheit, Pessimismus und Defätismus mit Intelligenz synonym verstanden wird. Wenn es um Menschen geht, um Existenzen, um Leben, dann kann man da doch nicht damit umgehen wie mit Schuhkartons! „So, jetzt ist die Lagerhalle voll, jetzt passen keine Schuhkartons mehr hinein. Der Karton ist angeditscht, der kommt weg“, das ist bei Ware, bei Objekten, eine logische, sinnvolle Vorgehensweise. Aber wenn Menschen andere Menschen so betrachten, dann müsste eigentlich jeder moralisch anständige Mensch emotional werden und aufschreien! Das ist doch nicht dumm! Es ist gutgläubig, sicher, davon auszugehen, dass wenn die Mehrheit der Menschen sich gegen Ungerechtigkeiten ausspricht, sich möglicherweise nach und nach etwas an den Ungerechtigkeiten ändert. Ich weiß, ich bin eine hoffnungslose Idealistin, aber deswegen ist mein Standpunkt doch nicht bescheuert!

Man könnte jetzt natürlich einwenden, dass aus Idealismus Fanatismus werden kann. Die Gefahr besteht tatsächlich, wenn man aufhört, selbstkritisch zu sein und seine eigene Sichtweise zu reflektieren. Ab und zu leisen Zweifeln zu lauschen, ist ein gutes Gegengewicht zu übertriebenem Idealismus. Aber das ist ein anderes Thema.

Essai 147: Über Frauen, die angeblich nichts können

26. Juli 2015

Eine Sache, die an uns Mädels echt nervig ist, ist unser überwiegend miserables Selbstwertgefühl. Irgendwie scheinen sich viele Frauen als schlechter und unfähiger einzuschätzen, als sie tatsächlich sind. Zumindest erlebe ich es immer wieder, dass meine Geschlechtsgenossinnen Dinge sagen wie: „Das kann ich nicht“, „Das ist nicht meine Stärke“, „Das Kleid? Ach, das ist doch schon uralt!“ und so weiter. Warum fällt es uns so schwer, uns einfach mal hinzustellen und zu sagen: Das bin ich. Das kann ich. Und wenn dir das nicht passt, dann ist das dein Problem! Bäm! Towabanga!

Ist uns das obsessive Tiefstapeln angeboren, anerzogen oder durch die Gesellschaft verbockt? Oder sind wir einfach selber Schuld, weil wir uns das irgendwann einmal angewöhnt haben und keine Lust haben, uns die Arbeit zu machen, es uns wieder abzugewöhnen? Vermutlich ist es eine Mischung aus allem. Auf jeden Fall ist das reichlich anstrengend, wenn man einmal angefangen hat, darauf zu achten. Eine Freundin von mir machte mich neulich darauf aufmerksam und erzählte mir eine Geschichte (eine wahre noch dazu): Vor ein paar Jahren traf sie auf dem Weg vom Einkaufen einen Nachbarn und kam mit ihm ins Gespräch. Sie unterhielten sich über alles Mögliche, doch zum Schluss wurde der Nachbar nachdenklich und sagte zu ihr: „Sag mal, ich hab jetzt von dir nur erfahren, was du angeblich alles nicht kannst. Gibt es auch etwas, wo du gut drin bist?“ Meine Freundin war sprachlos. Es war ihr überhaupt nicht bewusst gewesen, dass sie ihr Licht so konsequent unter den Scheffel gestellt hatte. Bis sie mir das erzählt hat, war mir das auch nicht so schlimm erschienen, dass ich immer in den buntesten Details meine vermeintliche allumfassende Unzulänglichkeit darlege und über meine Talente oder Begabungen gar nicht spreche.

Seltsam, mir ist das auch irgendwie total unangenehm, mit meinem Können hausieren zu gehen. Ich denke dann, das ist doch Angeberei, das tut man nicht. Oder vielmehr „frau“ tut das nicht, bei Männern ist das merkwürdigerweise weniger verpönt, wenn die sich in aller Öffentlichkeit großartig finden. Manche übertreiben es dann auch gern einmal und dann schäme ich mich ein bisschen fremd. Aber manchmal kann ich nicht umhin, das zu bewundern und mich darüber zu ärgern, dass ich nicht so locker und entspannt sagen kann, dass ich eigentlich im Großen und Ganzen schon in Ordnung bin so wie ich bin. Und was nicht so toll ist, müsste ich ja eigentlich nicht allen unter die Nase reiben, sondern könnte daran stillschweigend arbeiten. Oder könnte mir bei manchen Untalenten auch sagen, Scheiß drauf, man muss ja nicht alles können.

Stattdessen hat sich in mir die Überzeugung festgebissen, das, was ich kann, interessiere niemanden so wirklich. Das kann ich halt. Sieht ja eigentlich auch jeder, ohne dass ich das extra betonen muss, oder? Während ich bei den Dingen, die ich nicht gut kann, eher Gesprächsbedarf empfinde, weil das dann ja Probleme respektive Herausforderungen sind, die man gern lösen möchte. Oder auch nicht, bei besonders hoffnungslosen Nichtbegabungen will man vielleicht auch einfach nur darüber reden, um zu sagen: Seht her, ich bin nicht perfekt, ich bin ein menschliches Wesen, das niemandem etwas zuleide tut und geliebt werden will! Vielleicht will man als Frau mit dem Tiefstapeln sozusagen die weiße Fahne schwenken und signalisieren, dass man in Frieden kommt und keinen Konkurrenzkampf aka Stutenbissigkeit vom Zaun brechen will. Bei Männern hingegen ist Konkurrenzkampf und Wetteifern eher positiv behaftet. Niemand würde das als Zickenkrieg bezeichnen, wenn zwei Männer sich gegenseitig erzählen, wie unfassbar phänomenal sie sind. Bei Frauen schon. Deswegen versuchen wir uns gegenseitig mit unserem Unvermögen zu unterbieten, damit uns alle lieb haben.

Auf der anderen Seite finde ich es dann auch wieder ganz nett und witzig, wenn Menschen mit einer von sokratischer Ironie geprägten Haltung durchs Leben flanieren und wissen, dass sie nichts wissen. Es gibt da ja schon auch Nuancen. Wenn man ab und zu mit einem Lächeln zu seinen eigenen Schwächen steht, die man nicht ändern kann, anstatt immer nur zu erzählen, wie fantastisch man ist, macht einen das ja auch menschlich. Aber wenn man ständig jammert, man könne dies nicht und das nicht und nicht eine Sekunde darüber nachdenkt, ob das überhaupt in dem Ausmaß stimmt, dann ist das anstrengend. Man entwickelt sich nämlich auch weiter, und manchmal kommt die Selbstwahrnehmung nicht so schnell hinterher und dann denkt man, man sei immer noch genauso doof wie vor zehn Jahren, obwohl man längst Fortschritte gemacht hat. Da ist das dann ganz gut, wenn man nette Freunde hat, die einem ab und zu mal den Kopf zurecht rücken.

Letztens war ich beim Friseur und hatte ein Foto von meinem Wunschhaarschnitt dabei. Die Friseurin guckt sich das Bild an, völlig entgeistert und klagt: „Ja, aber das ist ja gestylt. Das kann ich so nicht schneiden.“ Ich: „Das ist schon klar, ich meine ja auch die Länge. An den Seiten und am Hinterkopf schön kurz, oben etwas länger, wie auf dem Foto.“ Friseurin: „Hmmmm, aber das ist ja gestylt, ich weiß nicht, das geht nicht, ich kann das so nicht schneiden, ich trau mich nicht, bla.“ (An dieser Stelle war ich kurz davor zu gehen, zu lange Haare hin oder her) Dann kam eine Kollegin dazu und fragte: „Kannst du mit dem Messer schneiden?“ Friseurin: „Nee, das habe ich ja noch nie gemacht.“ (Vielleicht war sie gar nicht Friseurin?) Kollegin (seufzt): „OK, lass, ich mach.“ Zack! So geht das!

Ich finde, wir können ruhig häufiger mal dazu stehen, wenn wir etwas können. Schließlich können Ausbildung und/oder Lebenserfahrung nicht komplett spurlos an uns vorübergegangen sein, oder? Irgendetwas wird schon hängengeblieben sein und wenn nicht: Es ist nie zu spät, sein Leben zu ändern und an dem zu arbeiten, was wir gern anders hätten. Und Komplimente dürfen wir auch ruhig einfach mal ohne Gedöns annehmen und uns darüber freuen. Jemand findet das Kleid schön, das man trägt? Ein Lächeln und ein Danke reichen als Antwort! Kein „Ach, das olle Ding?“ oder „Oh, das gab es im Angebot, so ein NoName-Teil, nichts Besonderes“ oder was auch immer.

Essai 145: Über den Unterschied zwischen Heimatliebe und Nationalstolz

12. Juli 2015

„Heutzutage darf man ja gar nicht mehr stolz auf sein Land sein, ohne gleich als Nazi beschimpft zu werden“, schmollen Internet-Trolle gern mal in Online-Foren. Aber was bedeutet das denn, stolz auf sein Land zu sein? Und kann man stolz auf ein Land sein, in welchem Menschen dagegen protestieren, Hilfsbedürftigen aus anderen Ländern Zuflucht zu gewähren? Aber so gesehen könnte man ja auf gar kein Land stolz sein, denn in jeder Nation gibt es rassistische Arschlöcher, die ihre dumme Meinung bei jeder sich bietenden Gelegenheit herauskrakeelen und Menschen mit Füßen treten, die am Boden liegen. Doch ist Nationalstolz gleichzusetzen mit Rassismus?

Na jaaa …

Es kommt drauf an. Ich mit meinen unklaren Ansagen schon wieder, schlimm das. Es ist jedoch meines Erachtens wirklich nicht möglich, darauf eine eindeutige Antwort zu geben. Oft dient Nationalstolz nämlich Rassisten als Tarnung für ihre fremdenfeindlichen Ansichten. Dann kommt so ein Spruch wie der eingangs Zitierte und dann sind die Leute eingeschnappt und tun so, als wären die anderen alle gemein zu ihnen und sie das eigentliche Opfer. Widerlich, aber raffiniert. Denn so können sie an ihrem Selbstbild des rechtschaffenen Bürgers von einwandfreier Moral festhalten, ohne ihre Einstellung kritisch hinterfragen zu müssen. In diesem Fall also ist Nationalstolz ein Synonym und Euphemismus für Rassismus. Auch, wenn es den Rassisten selbst vielleicht nicht bewusst ist.

Es ist allerdings kein Rassismus, wenn man es schafft, stolz auf sein Land zu sein, ohne andere Länder deswegen pauschal scheiße zu finden. Ich habe den Eindruck, dass viele Menschen, die sich selbst als nationalstolz betrachten, schlicht und ergreifend das Bedürfnis haben, besser zu sein als alle anderen Länder. Küchentischpsychologen sprechen bei dem Phänomen, nichts gut finden zu können, wenn nicht alles andere schlecht ist, gern von nicht aufgearbeiteten Minderwertigkeitskomplexen. Jemand, der wirklich stolz auf etwas ist, kann auch damit leben, wenn Vergleichbares ebenfalls gut oder sogar besser ist. Nur, wer Angst hat und zweifelt, muss andere für das Aufpolieren des eigenen Selbstwertgefühls nieder machen.

Weil jedoch in den meisten Fällen, wenn von Nationalstolz die Rede ist, tatsächlich diese „Wir Inländer sind besser als die Ausländer“-Einstellung dahinter steckt, ist der Begriff eher negativ konnotiert. Als positiven Nationalstolz im Sinne von „Ich fühle mich in diesem Land wohl, mag die Kultur, interessiere mich für die Geschichte und schätze die Sprache hier“, ohne dass man etwas gegen Migrationshintergründe hat, würde ich daher den Begriff der Heimatliebe nutzen wollen. Und Heimatliebe kann man auch empfinden, ohne ein Nazi zu sein, um die eingangs zitierte Bemerkung (die ich übrigens nicht erfunden habe) als falsch zu entlarven.

Denn Liebe kann nur dort bestehen, wo es keine Verachtung gibt, wo das Andere mit Respekt behandelt wird. Heimat ist außerdem etwas anderes als das Konzept der Nation. Unabhängig von der Nationalität ist Heimat das Land oder die Gegend, in der man sich heimisch fühlt, das heißt, in der man die Sprache, die Kultur liebt und mit anderen teilen kann. Ohne jedoch seine Neugier gegenüber anderen Sprachen und Kulturen deswegen aufgeben zu müssen. Die Nation hingegen ist das, was im Pass steht, wo man zufällig hineingeboren wurde. Darauf stolz zu sein ist albern, man hat ja dafür nichts geleistet.

Essai 143: Über Feminismus

16. Juni 2015

Was ist eigentlich Feminismus? Macht es mich bereits zur Feministin, wenn ich für Gleichberechtigung eintrete, mich über Ungerechtigkeiten zwischen den Geschlechtern ereifere und auf Missstände hinweise? Offenbar ja, glaubt man zumindest einem Herrn, der mich in einem Facebook-Forum entschlossen als „misandristische Emanze“ bezeichnet hatte. Zuvor hatte ich einen meiner Flirtratgeber in dem Forum geteilt. Als ich daraufhin meinte, ich würde doch nur nervige Singlemänner und nicht alle Singlemänner und erst recht nicht alle Männer mit meiner Kritik meinen, knallte er mir noch einen meiner Texte vor die Füße. Bin ich denn automatisch eine männerfeindliche Arschlochfrau, wenn ich gewisse Verhaltensweisen, die mir bei Männern häufiger aufgefallen sind als bei Frauen, kritisiere?

Meine (logischen und stichhaltigen) Gegenargumente ließ der Herr dann mit einem Nazivergleich abprallen. Analog zu dem Klassiker der Sprüche, die Nazis gern sagen („Ich bin kein Nazi, aber …“), unterstellte er mir dann, ich würde ja im Prinzip auch sagen „Ich habe nichts gegen Männer, aber …“. Ja, das war natürlich ganz raffiniert von dem Kerl, schließlich konnte ich danach sagen, was ich wollte, um meinen Standpunkt ins richtige Licht zu rücken, jedes Argument stand danach als Ausrede da. Ärgerlich.

Jedenfalls, Tatsache ist, der Typ lag falsch. Man kann für die Gleichberechtigung von Frauen und Männern sein, kann dafür sein, dass sich alle sämtliche Pflichten und Rechte teilen, ohne gleich in Hass und irrationale Aggressionen auszubrechen. Als Feministin will man vor allem die Rechte der Frauen stärken und ist bereit, auch alle Pflichten zu übernehmen, die damit verbunden sind. Aber deswegen will man doch den Herren der Schöpfung nichts wegnehmen! Wenn man zum Beispiel eine Frauenquote verlangt, dann geht es doch nicht darum, Männerrechte zu beschneiden, sondern darum, Frauenrechte zu stärken. Auf dem Papier sind wir alle gleichberechtigt, aber in der Realität noch lange nicht. Das ist doch ganz ähnlich wie mit der Ehe für alle: Wenn Homosexuelle heiraten dürfen, ändert sich für Heterosexuelle überhaupt gar nichts. Sie dürfen sogar weiterhin ihre rückständigen, unlogischen und unvernünftigen Ansichten behalten, nicht einmal das müssen sie ändern. Aber für Homosexuelle ändert sich, dass sie genauso behandelt werden wie alle anderen.

Und so ist das auch, wenn Frauen wirklich (!) voll und ganz gleichberechtigt sind. Männern wird nichts weggenommen (außer vielleicht, dass es für einen Posten in den oberen Chefetagen keinen Pluspunkt mehr darstellt, zufällig mit Penis ausgestattet zu sein), aber den Frauen wird etwas mehr Gerechtigkeit zuteil.

Dabei geht es darum, wie die Aufgaben innerhalb der Familie verteilt werden, wie viel Gehalt man für eine bestimmte Tätigkeit bekommt, welchen Schwierigkeiten man beim Erklimmen der Karriereleiter begegnet oder auch nicht, wessen Meinung eher gehört und respektiert wird. Gut, dass Frauen die Kinder bekommen, ist eine biologische Tatsache, die sich nicht ändern lässt. Aber muss man es ihnen darüber hinaus so schwer machen? Warum zahlt man Erzieherinnen und Erziehern, Kita-Mitarbeitern, Tagesmüttern, etc. nicht ein besseres, ein wirklich angemessenes Gehalt? Kein Wunder, dass sie streiken! Vollkommen zu Recht! Erstens sind wir auf solche Menschen angewiesen, die sich anständig um den Nachwuchs kümmern, damit wir möglichst schnell wieder ins Berufsleben einsteigen können. Zweitens würden sich auch automatisch mehr Männer für den Beruf interessieren, wenn er hoch genug bezahlt würde.

Außerdem brauchen wir generell eine höhere Wertschätzung für die Arbeit im Haushalt. Da sind es nach wie vor überwiegend die Frauen, die den meisten Nervkram zuhause erledigen, ohne ständig herumzujammern und ohne dafür auch nur ein „Danke“ oder einen feuchten Händedruck zu bekommen. Was wäre zum Beispiel, wenn die Arbeit im Haushalt ebenfalls angemessen bezahlt würde? Ich meine jetzt kein absolut lächerliches Betreuungsgeld, sondern ein echtes Gehalt? Dann würden sicher auch mehr Männer häufiger den Wischmopp schwingen. Anerkennung und Respekt sind in unserer Gesellschaft leider vor allem mit Geld verknüpft, nicht mit der Erledigung notwendiger Tätigkeiten.

Das sind alles Fragen und Vorschläge, mit denen sich Feminismus tatsächlich beschäftigen sollte. Stattdessen wird Feminismus immer wieder lächerlich gemacht, indem auf alberne Nebenschauplätze verwiesen wird. Zum Beispiel vor ein paar Monaten, als ein paar BewohnerInnen des Berliner Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg einen Zehn-Punkte-Plan gegen frauendiskriminierende Werbung verfassten. Jan Fleischhauer hatte in seiner Spiegel-Kolumne darüber berichtet. Grundlos glückliche Frauen sollten aus der Werbung verbannt werden, ebenso sinnlos lächelnde oder übertrieben hübsche Frauen. Selbstverständlich ist Werbung auch frauendiskriminierend, weil Werbung mit Klischees arbeitet. Aber in der Werbung werden immerhin alle gleichermaßen diskriminiert und als Stereotypen dargestellt, egal ob Männer, Frauen, Kinder oder Tiere. Zu sagen, nur Frauen sollten einigermaßen realistisch dargestellt werden (wobei ich persönlich ja häufiger mal auch grundlos fröhlich bin, auf diese Weise lässt sich der Mist der Welt einfacher ertragen), ist wiederum diskriminierend für Männer, Kinder und Tiere.

Entweder, man verzichtet generell bei Werbung auf Klischees, wobei ich nicht weiß, wie das gehen soll, schließlich will man ja in kurzer Zeit sein Zeug möglichst effektiv verkaufen, was nun mal eben mit Klischees am besten geht. Oder man akzeptiert, dass Klischees zur Werbung dazugehören und nimmt das nicht so ernst. Es weiß doch jeder, dass Zahnarztfrauen nicht zwingend weißere Zähne haben als andere Leute. Es weiß auch jeder, dass Schokoriegel auch mit Extraportion Milch eine Süßigkeit bleiben und kein gesundes Lebensmittel, das täglich auf den Speiseplan gehört, sonst wird man krank.

Was mich ebenfalls nervt, ist, wenn man Feminismus rein auf optische Aspekte beschränkt. Da regen sich dann Leute auf, weil die Frauen in der Werbung als „zu schön“ dargestellt werden. Dabei wären doch alle Frauen wunderschön, ganz gleich, welche Körperform und wie viel Übergewicht sie haben. Es geht doch bei Feminismus nicht um Schönheit! Es geht um Rechte, um Respekt, um Anerkennung! Es sollte egal sein, wie jemand aussieht. Bei Männern ist das auch egal, auch wenn sie in der Werbung meistens fit und attraktiv aussehen, um Karriere zu machen, können sie auch adipös sein, das macht nichts. Bei Frauen macht es was. Und das ist nicht gerecht.

Essai 142: Über Alkohol

6. Juni 2015

Es ist Zeit, mich zu outen: Ich trinke keinen Alkohol. Und das, obwohl ich überhaupt keinen triftigen Grund für diesen freiwilligen Verzicht vorweisen kann. Sofern man überhaupt von einem Verzicht sprechen kann, wenn etwas einfach nicht zu jemandes Leben dazu gehört, darin einfach keine Rolle spielt. Ich sage ja auch nicht, ich verzichte auf eine dritte Brust. Wobei ich mich, hätte ich drei Brüste, vermutlich weniger exotisch fühlen würde als als Nicht-Alkoholtrinkerin und auch seltener den Eindruck hätte, ich müsste mich irgendwie rechtfertigen, erklären, dafür, dass ich es nicht als Genuss empfinde, meine Sinne zu benebeln.

Vielleicht wurde ich als Kind mit einem Alien-Baby vertauscht, vielleicht fehlt mir das entsprechende Lust-am-Rausch-Gen, das offenbar die meisten Menschen besitzen, vielleicht bin ich aber auch einfach nur ein wunderliches kleines Käuzchen. Jedenfalls, Fakt ist, ich habe ohne Alkohol viel mehr Spaß am Leben als mit. Und trotzdem kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, anders zu sein, im Sinne von seltsam, eigenartig und nicht ganz richtig im Kopf.

Es ist sehr schwierig, mit Menschen, die gern Alkohol trinken (und das sind mit Abstand die meisten), eine sachliche Diskussion darüber zu führen. Manchmal packt mich dann ja doch das Sendungsbewusstsein und ich möchte mich verständlich machen und erklären, dass man keinen Alkohol braucht, um einen gemütlichen Abend mit Freunden oder allein, zuhause oder in der Kneipe zu verbringen. Man braucht auch keinen Alkohol, um auf einer Party Spaß zu haben, vorausgesetzt, es ist eine gute Party mit toller Musik, netten Leuten und ausgelassener Stimmung.

Immer, wenn ich versuche, das irgendwem begreiflich zu machen, fühlen die sich angegriffen und glauben, ich würde sie belehren wollen. Dann komme ich mir, weil man mich so eklatant missversteht und ich mich bemüßigt fühle, meinen Standpunkt noch deutlicher zu erklären, tatsächlich wie ein Moralapostel vor. Dabei gibt es doch nicht nur das eine oder andere Extrem. Ich will doch überhaupt nicht sagen, dass man nie Alkohol trinken darf. Ich will nur sagen, dass man nicht immer Alkohol trinken MUSS, um zu genießen, Spaß zu haben und sich wohl zu fühlen.

Der Fairness halber möchte ich auch noch betonen, dass inzwischen die meisten Leute, mit denen ich mich darüber mal unterhalte, recht aufgeschlossen reagieren und das auch gut finden, dass ich keinen Alkohol trinke. Oft bekomme ich auch mit, dass viele gar nicht immer freiwillig auf Partys Alkohol trinken, sondern vor allem deswegen, weil es halt dazu gehört und weil es (fast) alle machen. Aber trotzdem kommt es dann zu Problemen wie „Ach Mist, dann kann ich ja gar nicht mit dem Auto fahren, wie komme ich dann nach Hause?“, „Ach Mist, ich wollte doch am nächsten Tag noch dies und das machen, das kann ich nicht, wenn ich verkatert bin“, etc. Da bin ich dann immer diejenige, die mit Verständnislosigkeit reagiert.

Allerdings, was auch die freundlichsten Mitmenschen bei meiner Nicht-Alkohol-Beichte nur schwer verbergen können, ist ihre Verwunderung. Oft kommen dann Rückfragen, warum ich keinen Alkohol trinke, ob aus Überzeugung oder anderen Gründen. Ehrlich gesagt, ich weiß das gar nicht so genau. Ich hab halt einfach nie damit angefangen, weil ich keinen Grund hatte, damit anzufangen und den hatte ich bis heute nicht. Und mit über 30 noch mit dem Alkohol trinken anzufangen finde ich irgendwie überflüssig. Jetzt habe ich mich da schon dran gewöhnt, mein Ruf als Sondervogel ist etabliert, da muss ich mich doch nicht zu etwas zwingen, was mir überhaupt keinen Mehrwert gibt und meine Gesundheit ankratzen könnte.

Denn, tut mir leid, aber so ist das, gesund ist Alkohol nicht. Es gibt eine bestimmte Dosis, die nicht weiter schädlich ist und mit der die Leber gut fertig wird. Aber einen gesundheitlichen Nutzen hat man dadurch nicht. Einige Studien behaupten zwar, dass Wein gesund ist. Allerdings liegt das nicht am Alkohol, sondern an den besonderen Inhaltsstoffen des Weins, die sich aus den Weintrauben heraus im Gärungsprozess entwickeln.

Wenn Alkohol wenigstens lecker wäre, dann würde ich ab und zu in Maßen sicher etwas mittrinken. Denn, dass ich den Rausch nicht mag, hindert mich ja nicht daran, ein bisschen Alkohol zu genießen. Es ist für mich aber kein Genuss, ich finde den Geschmack ganz scheußlich. Ich glaube auch, dass sich da jeder erst einmal dran gewöhnen muss. Oder fand irgendjemand, der heute gern Alkohol trinkt, seinen ersten Schluck wirklich so köstlich? Das würde mich wirklich mal interessieren, weil ich mich da so schwer hineinversetzen kann. Ein Freund von mir versucht immer, mir weiszumachen, dass Alkohol keinen Eigengeschmack hätte. Er behauptet, es gäbe verschiedene alkoholische Getränke, die jeweils einen Eigengeschmack hätten und der Alkohol selbst schmecke nach nichts. Warum aber mag ich dann mit Wein kochen und finde das Aroma wunderbar, wenn der Alkohol größtenteils verpufft ist? Oder warum schmeckt mir Tiramisú, wo der beißende, aggressive, stechende Alkoholgeschmack im Amaretto vom Mascarpone und Espresso neutralisiert wird und nur das feine Mandelaroma übrig bleibt?

Mein Eindruck ist, dass in Sachen Alkohol ganz viel über gesellschaftlichen Gruppenzwang läuft. Es ist Teil der Kultur, Teil der Geschichte, gehört untrennbar zu unserem sozialen Zusammenleben, zu den Regeln der Geselligkeit, ein „Gläschen zu trinken“. Wer da nein sagt, wirkt schnell unhöflich und wird als Spaßbremse betrachtet.

Früher, als ich mich noch in Schauspieler- und Theaterkreisen tummelte, war die Verwunderung über meinen Alkohol“verzicht“ noch größer. Schauspieler tun ja ganz gern mal psychologisch und da wurde ich dann immer gleich analysiert: „Du hast Angst. Warum? Brauchst du doch gar nicht!?“ Oh, wie ich das gehasst habe! Vielleicht reagiere ich auch deshalb heute noch mit einer gewissen skeptischen Abwehrhaltung, wenn jemand sich freundlich nach den Gründen erkundigt. Das tut mir dann immer leid, aber ich denke dann immer sofort, na super, jetzt halten die mich wieder alle für merkwürdig.

Vielleicht habe ich Angst. Davor, dass ich irgendwas Dummes im Rausch sage oder tue, das andere verletzt oder womit ich mich ganz fürchterlich selbst bloßstelle. Aber ist das so schlimm, davor Angst zu haben und etwas deswegen nicht zu tun? Wenn man aus Angst etwas vermeidet, was einem in irgendeiner Weise nützen könnte, dann ist das natürlich doof. Aber Alkohol zu trinken würde mir doch überhaupt nichts nützen. Ich verstehe also wirklich nicht, warum ich damit heute noch anfangen sollte?

Seltsamerweise scheinen viele, die Alkohol trinken, den umgekehrten Gedankengang zu verfolgen. „Warum sollte ich keinen Alkohol trinken?“ ist eine häufige Reaktion, wenn ich versuche, meinen Standpunkt zu erläutern. „Weil es nichts bringt und weil es nicht schmeckt“, ist dann nicht wirklich ein überzeugendes Argument, denn diesen Menschen bringt es ja Freude und Genuss und es schmeckt ihnen. Was ich ja auch überhaupt nicht verurteile, ich wünsche mir nur manchmal ein bisschen mehr Verständnis dafür, dass nur, weil man einen Standpunkt vertritt, mit dem 99 % der Menschen des eigenen Kulturkreises d’accord gehen, das nicht heißt, dass die restlichen 1 % falsch liegen und einen Knall haben.

Das kriegt man wahrscheinlich gar nicht so mit, wenn man selbst betrunken ist, aber betrunkene Menschen sind immer unangenehm. Sie sind laut, manche rücken einem viel zu nah auf die Pelle, sie stinken, einige sind aggressiv, andere weinerlich, wieder andere werden großkotzig und halten sich für unbesiegbar. Ganz selten werden einige bei leichtem Betrunkensein auch netter und gesprächiger. Aber da denke ich immer, die sind halt im nüchternen Zustand schüchtern oder glauben, immer Stärke beweisen zu müssen, und trauen sich nicht, nett und unterhaltsam zu sein. Da wäre es doch möglich, auch ohne Alkohol seine Hemmungen, der sympathische Mitmensch zu sein, der man im Kern ist, zu überwinden. Das ist schwieriger, sicher, aber unmöglich ist es nicht.

Einmal habe ich den Fehler begangen und meinen Geburtstag ohne Alkohol feiern wollen. Das hatte ich allerdings vorher nicht angekündigt, weil ich damit für mich gegen das unausgesprochene Diktat protestieren wollte, Partys wären nur mit Alkohol möglich. Mit meiner pädagogisch gemeinten Motivation habe ich natürlich die Rebellionslust einiger Gäste angestachelt und prompt schmuggelte jemand eine Flasche Wodka ins Haus. Irgendwann wunderte ich mich, dass die Stimmung irgendwie kippte. Einige wurden erst pubertär kicherig, dann aggressiv und plötzlich entbrach zwischen zwei Personen ein völlig idiotischer Streit und ich stand dazwischen als Gastgeberin und verstand die Welt nicht mehr. Bis ich dann am nächsten Tag die leere Flasche entdeckte und mich fürchterlich schämte, so naiv gewesen zu sein, dass andere meine Einstellung verstehen, vielleicht sogar teilen könnten. Und ich war sauer, weil man mich nicht einfach gefragt hatte, ob das OK sei. Da hätte ich vielleicht ein wenig mit den Zähnen geknirscht, aber mich einverstanden erklärt. Mir dabei aber auch gedacht, also, wenn man einen Abend mit netten Leuten in gemütlicher Atmosphäre nicht ohne Alkohol genießen kann, dann sollte man sich doch mal Gedanken machen … Na ja, inzwischen kündige ich halt immer an, dass jeder, der Alkohol trinken möchte, diesen mitbringen kann und gut ist.

Sicher kommt einem eine grauenhaft langweilige Party mit Alkohol weniger furchtbar vor, das mag sein. Aber wenn ich auf einer grauenhaft langweiligen Party bin, dann will ich da doch nicht länger bleiben als nötig. Dann suche ich mir nette Gesprächspartner, laufe ab und zu zum Buffet und wenn ich glaubhaft verkaufen kann, dass ich los muss, weil die letzte Bahn fährt oder ich morgen früh raus muss, verkrümel ich mich. Also auch kein Grund, Alkohol zu trinken. Sonst würde ich am Ende tatsächlich die letzte Bahn verpassen.

Dass mich keiner zu verstehen scheint (außer die wenigen Menschen in meinem Bekanntenkreis, die ebenfalls Alkohol nichts abzugewinnen vermögen), wurmt mich. Es scheint keine sachliche Diskussion über das Thema möglich zu sein. Aber was mich wirklich richtig wütend macht, das ist diese ekelhafte Doppelmoral in Bezug auf Alkohol und Sucht!

Solange man fröhlich und gesellig mittrinkt, ist man ein Genussmensch und allseits beliebt. Aber auch Genussmenschen können (müssen nicht) irgendwann nicht mehr vom Alkohol loskommen. Meine Oma zum Beispiel, die war ein sehr geselliger Mensch und hatte einen großen Freundeskreis. Die haben sich oft getroffen, gemeinsam getrunken („Dummheit frisst, Intelligenz säuft“, war ein Motto meiner Großmutter) und über Hochkultur debattiert. Dann starb mein Opa und meine Oma rutschte in die Sucht ab. Ihre sogenannten Freunde ließen sie nach und nach alle fallen, keiner wollte mehr mit ihr zu tun haben, alle waren ihr gegenüber peinlich berührt. Sie wurde einsam. Und sie telefonterrorisierte ihre Kinder und Enkel mit volltrunkenen, weinerlichen Anrufen, viele Male am Tag. Wir haben versucht, zu ihr zu stehen, aber leicht hat sie es einem nicht gemacht. Sie war gemein, garstig, verletzend und ungerecht. Misstrauisch und paranoid. Dann wieder hilflos und verloren.

Als Teenager habe ich das alles miterlebt und es war für mich sicher nicht der Hauptgrund, auf Alkohol zu verzichten, aber es hat meine Entscheidung zumindest gestärkt. Meine Oma tat mir sehr leid, ich hatte sie lieb, trotz allem und ich hätte ihr gern geholfen. Besser wurde es erst später, als sie dement war und ihre Sucht seltsamerweise zu vergessen schien. Sie vergaß auch ihre paranoiden Wahntheorien, vergaß, dass ihre Freunde sie im Stich gelassen hatten, vergaß ihre Verbitterung. Sie wurde friedlich. Und so werde ich sie auch in Erinnerung behalten.

Was ich mit dieser Geschichte eigentlich sagen will: Solange man seinen Alkoholkonsum soweit unter Kontrolle hat, dass man im Alltag nicht negativ auffällt, gehört man dazu. Verzichtet man hingegen komplett auf Alkohol, gehört man nicht wirklich dazu. Verliert man eines Tages die Kontrolle über seinen Alkoholkonsum (und ich bin überzeugt davon, dass davor niemand gefeit ist), dann ist man plötzlich der letzte Dreck und niemand will mehr mit einem zu tun haben. Dieselben Leute, die einen vorher zum Trinken animiert und selber mitgetrunken haben, rümpfen plötzlich die Nase und wenden sich ab. Das ist doch zum Kotzen!

Und so habe ich vielleicht doch den einen oder anderen Grund, keinen Alkohol zu trinken.


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