Posts Tagged ‘Eigenart’

Essai 119: Über notorische Beratungsresistenz

11. April 2014

Im Prinzip ist das gar nicht so einfach, mich auf die Palme zu bringen. Mir ist das in der Regel viel zu anstrengend, mich aufzuregen. Das liegt daran, dass, wenn mich dann doch etwas so dermaßen ärgert, dass ich nicht umhin kann, sauer zu werden, dann bin ich ziemlich nachtragend. Ich hab dann eine Scheißlaune und bin noch ziemlich lange wegen des Wut auslösenden Sachverhalts grollig und brummelig. Kommt dann das Verhalten, welches mich bei jemandem verärgert hat, immer wieder vor, obwohl ich meines Erachtens schon hunderttausend Mal gesagt oder zumindest deutlich nonverbal zum Ausdruck gebracht habe, dass mich das ankotzt, dann werde ich deswegen immer wieder wütend. Auch, wenn sich das entsprechende Verhaltensmuster nur dezent andeutet. Eines dieser Verhaltensmuster, mit denen man mich garantiert auf 180 bringt, ist notorische Beratungsresistenz und dumme, sture, grundlose Lernresistenz. Wenn ich mit Leuten nicht reden kann, weil die immer gleich beleidigt sind, dann macht mich das fuchsig.

Natürlich darf man sich als erwachsener Mensch wie ein Vollidiot oder Riesenarschloch aufführen. Natürlich kann man sich als erwachsener Mensch auch wie ein Vollidiot und Riesenarschloch aufführen. Aber MUSS man sich deshalb auch wie ein Vollidiot und Riesenarschloch aufführen? Nein. Man kann es auch einfach lassen und nett sein. Womit ich nicht devot meine, sondern rücksichtsvoll, umsichtig, freundlich, verantwortungsbewusst und dass man auch mal an wen anders denkt als immer nur an sich. So.

Trotzdem gibt es immer wieder Leute, die meinen, ihren nie aufhörenden spätpubertären Anwandlungen immer gleich nachgehen zu müssen, ohne Rücksicht auf Verluste und auf die negativen Auswirkungen auf andere oder auf die eigene Zukunft. Geringe Frustrationstoleranz nennt man das, wenn Leute immer gleich dem ersten impulsiven Gedankenfurz folgen, ohne auch nur einen Augenblick darüber nachzudenken und nur tun, worauf sie gerade Lust haben. Auch wenn das, auf was sie Lust haben, totaler Mist ist und anderen Leuten schadet. Denn in den wenigsten Fällen haben beratungs- und lernresistente Menschen Lust darauf, sich einen Job zu suchen oder ihr Leben mal auf die Kette zu kriegen. Meistens haben sie eher Lust, zum Beispiel, Quatsch zu kaufen, den sie nicht brauchen, mit Geld, das sie nicht haben. Oder alles stehen und liegen und alle im Stich zu lassen, weil man gerade irgendwen übers Internet kennen gelernt hat. Oder die Küche in ein Schlachtfeld zu verwandeln in dem scheiternden Versuch, Dampfnudeln mit Schokomilchreis und Vanillesoße zu kochen. Aber hinterher aufzuräumen, Nöööö, lass mal.

Wenn das einmal passiert, OK, kann man noch drüber lächeln und sagen, Na ja, so ist er oder sie nun mal. Beim zweiten Mal sagt man dann vielleicht schon: Das fand ich grad nicht so super. Beim dritten Mal heißt es dann schon: Ich hab dir doch gesagt, du sollst das lassen, was soll die Scheiße!! Und dann geht man davon aus, der andere kann das jetzt aber unmöglich nicht gepeilt haben, dass sein Verhalten absolut daneben war. Aber dann passiert das wieder. Und wieder. Und wieder. Und man kann nichts, absolut nichts dagegen tun, denn der andere macht einfach weiter mit seiner Scheiße und interessiert sich einen Dreck dafür, dass man sauer ist. Man versucht es mit Vernunft, mit konstruktiver Kritik, dann wird man vielleicht ein wenig sarkastisch und der andere macht trotzdem weiter. Schließlich platzt einem der Kragen. Man wird laut, man brüllt, man bollert alles raus, was einen am anderen auf die Palme bringt. Dann brüllt der andere zurück, am Ende heulen alle und wenn man sich wieder beruhigt hat … bleibt alles beim Alten und der andere macht immer noch weiter mit seiner unmöglichen Scheiße.

Man wirft mir gerne vor, zu viel nachzudenken, abzuwägen und zu überlegen. Ich werde des Öfteren gerügt, weil ich nicht immer auf alles gleich eine eindeutige Antwort habe, weil ich eben erst einmal darüber nachdenken will, bevor ich mir eine Meinung dazu bilde. Auch kassiere ich Rüffel, weil ich nicht immer gleich was sage, wenn mir etwas nicht hundertprozentig passt, sondern erst, wenn es mir wirklich reicht. Nun bin ich der Ansicht, dass es sinnvoller ist, etwas erst anzusprechen, wenn es wirklich gar nicht mehr geht, als immer bei jeder Kleinigkeit gleich herumzunörgeln. Davon abgesehen kann ich auch einfach nicht anders, es reicht mir halt erst, wenn es mir reicht und davor geht’s halt noch.

Der Umkehrschluss von diesem meinem nervigen Verhalten ist jedoch, dass klar sein dürfte: Wenn ich etwas sage, dann weil es mir wirklich reicht. Trotzdem kommt es mir manchmal so vor als wäre ich die Einzige, der sich diese Logik (wie ich finde) erschließt. Lernresistente Leute hören offenbar nur, was sie hören wollen und beim Rest machen sie einfach dicht. Da frage ich mich, warum mache ich mir überhaupt die Mühe, springe über meinen Schatten und sage in aller Deutlichkeit, was mir nicht passt, wenn es ohnehin nichts bringt. Denn, wie gesagt, richtig sauer, sodass es mir so sehr reicht, dass ich etwas sage, machen mich nur Menschen, die völlig uneinsichtig immer wieder das gleiche asoziale Scheißverhalten an den Tag legen. Und diese Menschen sind typischerweise notorisch lern- und beratungsresistent. Und da kann man sonstwas machen, die ändern sich niemals. Niemals. Da hilft nur, sie ihren Scheiß alleine machen zu lassen und sich zurückzuziehen.

Essai 116: Über Gute-Laune-Terrorismus und Zwangsbespaßungsmaßnahmen

16. März 2014

Karneval ist zwar für dieses Jahr glücklicherweise schon wieder abgefrühstückt, trotzdem frage ich mich jedes Mal aufs Neue, warum die Leute in den Karnevalshochburgen nicht einfach ihren Spaß haben und uns Faschingsmuffel aus norddeutschen Gefilden in Ruhe lassen können. Stattdessen laufen dann zwei Wochen lang auf den öffentlich-rechtlichen Sendern – die ich mit meinen Rundfunkgebühren, jawoll, mitfinanziere – diese fürchterlichen Karnevalssendungen und man kann sich diesem Gute-Laune-Terrorismus schlichtweg nicht entziehen. „Los Kinder, das macht Spaaaaaß“ krakeelt es dann hysterisch von allen Seiten und wenn man übellaunig brummt, man habe keine Lust auf derlei Zwangsbespaßungsmaßnahmen, gilt man gleich als das ultimative Böse.

Auf jeder Party gibt es dann auch immer diese Gute-Laune-Terroristen, die partout eine Polonäse vom Zaun brechen müssen und alle müssen mitmachen, weil das so viel Spaß macht und Ach so lustig ist. Ich mach dann natürlich auch mit, ich bin ja keine Spaßbremse, aber man glaube nicht, dass ich mich dabei nicht in Grund und Boden schäme und das Ende dieser Zwangsbespaßungsmaßnahme herbeisehne.

Im Prinzip bin ich durchaus ein sonniges Gemüt, optimistisch, fröhlich und mit Dauergrinsefresse ausgestattet. Aber wenn irgendwer mir vorschreiben will, was ich lustig und amüsant zu finden habe, finde ich das schon aus Protest doof. Zum Beispiel, wenn jemand auf einer Party eine Essensschlacht veranstaltet und plötzlich alle anfangen, sich Schokoküsse ins Gesicht zu klatschen und das ungemein komisch finden, dann denke ich nur: Die schönen Schokoküsse. Die isst doch jetzt keiner mehr. Und überhaupt gibt das garantiert Pickel, wenn man die klebrige Subsche nicht sofort abspült. Außerdem trage ich eine Brille und wenn die mit süßer Matsche vollgepampt ist, sehe ich nichts mehr und das nervt. Oder Kissenschlachten. Ich hasse Kissenschlachten. Habe ich schon immer gehasst. Hahaha, wie lustig, wir polieren uns jetzt mal mit Kissen die Fresse, Juhu. Das tut weh, verdammt!

Im Fernsehen gibt es ja nicht nur zu Karneval televisionären Gute-Laune-Terrorismus. Aber zum Glück kann man den dämlichen Gameshows üblicherweise gut aus dem Weg gehen. „Wetten dass..?“ ignoriere ich beispielsweise schon seit über zehn Jahren erfolgreich. Aber vor ein paar Monaten bekam ich dann doch mit, dass Tom Hanks gezwungen wurde, eine Katzenmütze aufzusetzen während Tausendsassa Markus Lanz Sackhüpfen um ihn herum vollführte. Mr. Hanks war not amused und ich glaube, in den USA haben wir damit die Klischees vom nichtvorhandenen Sinn für Humor in Deutschland nicht eben widerlegt. Das ist nämlich ein krasses Missverständnis, dass Sinn für Humor immer laut, schrill und plump zu sein habe. Nee, der kann auch mal heimlich, still und leise auf Samtpfötchen im Hintergrund umherschleichen.

Gute-Laune-Terroristen und Zwangsbespaßer sind jedoch diesem Irrtum aufgesessen, dass sie nur dann als lustig, humorvoll und infolgedessen als sympathisch herüberkommen, wenn sie möglichst laut, plump, schrill und unsensibel andere Leute zu ihrem vermeintlichen Glück zwingen. Dass manche Leute sich fantastisch amüsieren, wenn sie sich einfach in Ruhe, aber angeregt mit jemandem unterhalten, dass es für einige durchaus ein erfülltes Wochenende darstellen kann, wenn sie in Ruhe auf dem Sofa ihren Krimi weiterlesen können oder dass manche Leute das prima aushalten und es sogar genießen, nicht ständig von vielen lauten, penetranten, plumpen, unsensiblen Trampeltieren umgeben zu sein, kommt den Gute-Laune-Terroristen nicht in den Sinn.

Mir ist bewusst, dass sie ihre Zwangsbespaßungsmaßnahmen nicht böse meinen und ganz ehrlich und aufrichtig fest daran glauben, dass alle ihre Definition von Spaß und Unterhaltung teilen. Dass sie wirklich wollen, dass alle sich amüsieren und sich wohlfühlen und dass sie es wirklich nicht merken, wie sehr sie Anderstickenden damit auf den Wecker fallen. Aber ich würde mir manchmal doch etwas mehr Verständnis wünschen. Nur, weil ich es gern ruhiger angehen lasse, heißt das nicht, dass ich ein armes Würstchen bin, das ständig aus der Reserve gelockt werden muss. Ich komme da schon von alleine rausgekrochen, wenn man mich in Ruhe lässt und ich soweit bin. So. Das wollte ich einfach mal gesagt haben.

Essai 108: Über arrogante Intellektuelle

27. August 2013

Meine Tante warf meiner Mutter vor einiger Zeit vor, sie sei eine „arrogante Intellektuelle“. Ich weiß den Zusammenhang und den Grund dieser als Beleidigung gemeinten Feststellung nicht mehr, aber den Ausdruck fand ich hübsch und habe ihn mir gemerkt. Außerdem kann ich doch so eine schöne Bezeichnung nebst passendem Essai meiner werten Leserschaft unmöglich guten Gewissens vorenthalten. Nun, also was sind „arrogante Intellektuelle“ und gehöre ich eventuell sogar dazu? Schließlich fällt der Apfel bekanntlich nicht weit vom Stamm und vermutlich gehören meine Eltern und ich wohl zu einer gesellschaftlichen Schicht, die sich als Bildungsbürgertum etikettieren ließe, wenn man es wollte. Und wo sollten sich arrogante Intellektuelle sonst tummeln, wenn nicht in den Dunstkreisen des Bildungsbürgertums.

Für arrogante Intellektuelle ist „Niveau keine Hautcreme und sieht nur von unten aus wie Arroganz“, was natürlich eine total arrogante Haltung ist und vermutlich bei vielen Menschen reichlich Empörung verursacht. Aber wer ein richtiger arroganter Intellektueller sein will, der darf nicht grundlos arrogant und eingebildet sein, sondern braucht dazu das nötige intellektuelle Fundament. Idealerweise sind die Schlauberger also nicht nur einfach so eingebildet, sondern sind dies aufgrund ihrer höheren Bildung – damit es ganz besonders intellektuell ist, sollte diese am besten geisteswissenschaftlich orientiert sein. Natürlich können auch Wirtschafts- oder Naturwissenschaftler sich ganz schön etwas auf ihr Wissen einbilden, aber sie tun das nicht, weil sie sich für intellektuell – also vergeistigt – halten, sondern weil sie der Ansicht sind, ihr Wissen sei für die wirkliche Welt von enormer Bedeutung und für die praktische Umsetzung bestens geeignet. Das macht sie nicht weniger arrogant – schließlich blicken sie nicht nur auf das weniger gebildete Fußvolk herab, sondern auch auf die Geisteswissenschaftler, die zu dumm sind, was „Vernünftiges“ zu lernen und sich den ganzen Tag nur mit idiotischen Gedankenspielchen beschäftigen, die für die wahre Wirklichkeit keinerlei Relevanz aufweisen. Aber als hochgradig intellektuell lassen sich diese Zeitgenossen nicht bezeichnen.

Arrogante Intellektuelle sind demnach Geisteswissenschaftler, die sich etwas auf ihr theoretisches Wissen einbilden und auf Menschen, die weniger Ahnung von Theater, Medien, Film, Literatur, Philosophie und dergleichen haben, naserümpfend herabblicken und sie für dumme Asis halten, die den ganzen Tag nur „Unterschichten-TV“ gucken, wo andere dumme Asis die Hauptrollen spielen und irgendwelche dummen Asi-Probleme wälzen. Nicht gerade sonderlich liebenswerte Einstellung seinen Mitmenschen gegenüber, die diese arroganten Intellektuellen an den Tag legen.

Bin ich auch so? Oder meine Mutter? Immerhin, wir haben beide Geisteswissenschaften studiert, haben uns Berufe ausgesucht, in denen Geisteswissenschaftler bestens aufgehoben sind – meine Mutter in Richtung Sprachen, ich in Richtung Schrift – und sind seit jeher Bücherwürmer und Leseratten. Wir hinterfragen gern als etabliert geltende Normkonzepte und als selbstverständlich erachtete Standpunkte und Meinungen. Und wir sind – zugegebenermaßen – auch stolz darauf, haben unsere Freude daran und machen das gern. Es kann sein, dass wir gelegentlich mit Unverständnis reagieren, wenn jemand diese Begeisterung für geisteswissenschaftliche Themen, Fragestellungen und Tätigkeiten nicht teilt. Vielleicht wird man da auch mal ungeduldig oder reagiert etwas zu schockiert, wenn andere Wissenslücken offenbaren, die man nicht für möglich gehalten hätte. Das kann mit Sicherheit arrogant wirken. Vielleicht ist es das sogar, wenn auch unbewusst und nicht mit Absicht. Was die Sache für den anderen natürlich nicht besser macht. Möglicherweise wirke ich also tatsächlich gelegentlich wie eine arrogante Intellektuelle. Ich kann mir da manchmal einfach nicht helfen, wenn jemand Maria Callas nicht kennt oder Goethe und Schiller verwechselt (wahre Geschichte: Beim „Tabu“-Spielen habe ich nicht kapiert, dass „Wallenstein“ der gesuchte Begriff war, weil mein Erklärpartner die ganze Zeit darauf bestanden hat, es handle sich dabei um ein Stück von Goethe. Goethe? Wallenstein? *kopfschüttel*). Da bin ich manchmal aufrichtig bestürzt. Sollte ich damit jemandem auf den Schlips treten, so tut mir das leid. Zumindest ein bisschen.

Essai 106: Über die Du darfst-Mentalität

26. Mai 2013

Früher gab es mal eine ganz besonders nervige Werbung für angeblich kalorienreduzierte, figurenfreundliche Nahrungsmittel. Darin versuchten die Produzenten ihre Zielgruppe zum Kauf des Zeugs zu überreden, indem eine fröhliche Frauenstimme in einer munteren Melodie „Ich will so bleiben wie ich bin“ flötete und dann total sexy hinterherhauchte „Du darfst“. Weiß nicht, vielleicht gibt’s den Quatsch immer noch, aber ich hab den Spot länger nicht mehr gesehen. Über die Unsinnigkeit von vermeintlichen „Light“-Produkten will ich mich hier gar nicht weiter auslassen. Denn ich gehe davon aus, dass inzwischen hinlänglich bekannt ist, dass, wenn man viel Fett durch viel Zucker oder viel Zucker durch viel Süßstoff ersetzt oder einfach die Wurstscheiben dünner macht, das noch lange nicht automatisch zur idealen Bikinifigur führt. Worüber ich mich heute aufregen möchte, ist diese unsympathische Mentalität, die sich in dem Werbejingle äußert.

Mir ist schon klar, dass das nett gemeint ist, wenn man gesagt bekommt, man solle so bleiben wie man sei. Und als solches nehme ich das dann meistens auch auf. Aber wenn man mal so darüber nachdenkt, dann ist das doch ziemlich witzlos, wenn man sich sein Leben lang kein bisschen entwickelt. Niemand ist perfekt, das ist denke ich eine der wenigen Feststellungen, denen ich ohne einen Essai darüber zu schreiben, zustimmen kann. Infolgedessen gibt es immer etwas, das man an sich verbessern und woran man arbeiten kann. Wenn man eine bestimmte Schwäche hat, ist das völlig OK. So lange man versucht, das Beste daraus zu machen. Das ist ein aktiver, lebendiger Prozess und das kann ja auch Spaß machen. Wenn man einfach nur auf seinen vier Buchstaben hockt, dünne Wurstscheiben mit Süßstoff futtert und allen anderen die Verantwortung für das eigene Leben überlässt, ist das doch stinklangweilig. Und mit der Bikinifigur wird das auf diese Weise auch nichts. Natürlich hat man manchmal Pech, fiese Gene, schlechte Erziehung erhalten oder was es sonst noch so an gängigen Ausreden dafür gibt, dass irgendwas, das man gern hätte, nicht klappt. Doch muss das einen daran hindern, trotzdem – oder erst recht – ein Problem zu erkennen, zu überlegen, was man dagegen tun kann und es dann auch in die Tat umzusetzen? Beziehungsweise sich Hilfe holt, wenn man es allein nicht hinkriegt? Muss das sein, dass man sich dann schmollend hinstellt und patzig sagt: „Ich bin nun mal eben so“, anstatt mit kritischer Selbstreflexion auf Lösungssuche zu gehen?

Mir geht diese „Du darfst“-Mentalität nämlich unglaublich auf den Senkel, fast noch mehr, als dieser debile Werbespot. Da wird dann gejammert und lamentiert und immer sind die ominösen „Anderen“ an „allem“ Schuld und man selbst ist das arme kleine Opfer, das doch Ach so perfekt ist, aber keiner hat es lieb, weil die Welt ja so gemein ist. Das ist ja völlig OK, wenn das mal eine kurze Phase oder eine momentane Stimmung ist und man sich nur mal kurz ein bisschen ausheulen muss und dann ist auch wieder gut. Was nervt, ist, wenn das zur lebensbestimmenden Grundeinstellung wird. Wenn jemand dann mit so einem imaginären Selbstvertrauen durch die Gegend stolziert und innerlich summt „Ich will so bleiben wie ich bin“ und dann erwartet, dass ihm alle wohlwollend entgegenhauchen „Du darfst“. Na gut, dürfen tut man natürlich schon. Zumindest in dem Sinne, dass es legal ist, wenn man sich dusselig anstellen und dafür auch noch betüddelt werden möchte. Man darf sich rechtlich gesehen auch hinterher darüber wundern, wenn man nicht ständig mit Lob dafür überschüttet wird, dass man überhaupt nicht an sich arbeitet und sich gehen lässt. Nur, sollte man das deswegen auch, weil man es darf? Denn weder hat man selbst etwas davon, wenn man sich stur weigert, sich zu entwickeln und zu verändern, noch irgendjemand anders. Außerdem kann man sich da auch einfach mal ganz zynisch fragen, was das Leben überhaupt für einen Sinn machen soll, wenn nicht fließende Entwicklung statt Stillstand. Die Welt um einen herum bleibt ja auch nicht so wie sie ist. Und das ist auch gut so. Da sollte man sich dran anpassen, wenn man nicht als alter Mensch mit Reue auf sein Leben zurückblicken und feststellen will, dass man alle seine Möglichkeiten tatenlos hat verstreichen lassen.

Essai 96: Über die Kunst der Zicken-Bändigung

2. Dezember 2012

Die Welt ist voll von anstrengenden Mitmenschen, Narzissten, Egoisten und anderen Nervensägen. Das ist Fakt, aber kein Grund zum Verzweifeln. Das fällt den anstrengenden Zeitgenossen nämlich erstens sowieso nicht auf und zweitens – selbst wenn – es interessiert sie überhaupt nicht. Zwar kann das, was Nervensägen so anstrengend macht, die unterschiedlichsten Formen annehmen, aber eine Gemeinsamkeit haben alle Quälgeister auf dieser Welt: Es geht immer nur um sie. Dabei merken sie auch überhaupt nicht, dass sie nerven. Im Gegenteil, sie erwarten, dass man für ihre Riesen-Superprobleme ganz viel Verständnis und Rücksicht aufbringt und um Gottes Willen nicht auch noch das Gleiche im Gegenzug von ihnen erwartet. Dafür fehlt ihnen dann die Zeit oder sie haben dafür grad keinen Kopf und dieser Stress immer und überhaupt. Da möchte man am liebsten das Weite suchen, sich aufs Sofa kuscheln, eine flauschige Katze knuddeln und heiße Schokolade trinken und dabei einen spannenden Krimi lesen. Geht aber meistens nicht, Mist, Moppelkotze und Mäusedreck. Was also tun? Das Beste ist, man eignet sich den einen oder anderen kleinen Trick aus der Kunst der Zicken-Bändigung an, damit man mit anstrengenden Leuten so gut es geht auskommt. Denn ändern werden sie sich nicht. Meine Forschungen auf diesem Gebiet sind allerdings noch lange nicht abgeschlossen, das wird wohl eine lebenslange Aufgabe werden. Aber immerhin bin ich inzwischen zu alt, um jung zu sterben, also den einen oder anderen Kniff habe ich schon ausklamüsert.

1.) Nichts persönlich nehmen und innere Distanz wahren.

Das ist natürlich nicht immer einfach, gerade, wenn man mit der (weiblichen oder männlichen) Zicke, die sich gerade einen selbst als Opfer ihrer Nervattacken auserkoren hat, verwandt oder befreundet ist. Da nimmt man eher mal eine schnippische Bemerkung, eine Provokation oder eine Aufforderung zum Machtkampf persönlich und rutscht ins nervenzersägende Spielchen hinein, merkt es aber erst, wenn’s schon zu spät ist. Aber irgendwann weiß man ja, wie der andere tickt und weiß auch selbst, worauf man immer wieder anspringt. Beim nächsten Mal kann man dann versuchen, innerlich „Stopp“ zu rufen, sich daran zu erinnern, dass der andere eine Zicke ist und man ihn nicht wird ändern können und sich von der inneren Haltung her von der Situation distanzieren. Das klappt wahrscheinlich erstmal nicht auf Anhieb, aber wenn man das Problem erstmal erkannt hat und weiß, woran es liegt, kann man das jedes Mal üben und dann wird es mit jedem Mal ein bisschen besser. Immer daran denken: Der Zicke geht es nur um sich selbst, ihre Anfälle von Quälgeisttum sind nicht mein Problem, sondern ihr Problem.

2.) Ruhe bewahren und geduldig sein.

Ja, ich weiß, das fällt einem schwer. Da trampelt einer unermüdlich auf den eigenen Nerven herum und kümmert sich einen Scheiß um die Gefühle anderer Leute und das soll man nicht persönlich nehmen? Wie gesagt, das muss man üben, eventuell ein Leben lang. Aber mit jedem Versuch wird es ein bisschen besser. Oder zumindest weniger schlimm. Auch leichter gesagt als getan ist der zweite Tipp zur Zicken-Bändigung: Ruhe bewahren und geduldig sein. Es ist ja nicht persönlich gemeint, dass der andere so anstrengend ist. Der ist einfach so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass er wirklich glaubt, seine Probleme wären die größten, wichtigsten und schlimmsten auf der ganzen Welt. Eigentlich muss man mit den Zicken ja fast schon ein bisschen Mitleid haben. Aber man muss es ja nicht gleich übertreiben. Mit ihnen auskommen reicht ja fürs Erste. Da hilft es wirklich, sich nicht über den anderen aufzuregen und möglichst geduldig zu bleiben. Vielleicht entspannt sich die Zicke dann auch ein wenig und reduziert ihr Anstrengendsein auf ein erträgliches Maß. Viele Zicken sind nämlich deswegen so nervig, weil sie kein Vertrauen in ihre Mitmenschen haben und dann lieber von vorneherein kratzbürstig auftreten, nach dem Motto: Angriff ist die beste Verteidigung. Mit Geduld, Ruhe und Zeit gewinnt man jedoch allmählich das Zutrauen der Zicke und sie wird ein wenig netter. Aber nicht heucheln hier, ne, das ist geschummelt. Das merkt die Zicke und verliert noch mehr das Vertrauen und das macht logischerweise alles nur noch schlimmer. Also, tief durchatmen, bis zehn zählen, mental und mantraartig wiederholen „es ist nicht persönlich gemeint“ und der Zicke klar machen, dass sie nichts zu befürchten hat und dass ihre pampige, auf Krawall gebürstete Art, bei einem nicht nötig ist.

3.) Den anderen akzeptieren, wie er ist und Rettungsversuche unterlassen.

Ich kann es nicht oft genug wiederholen: Man kann andere Menschen nicht ändern, man kann nur sich selbst ändern. Bei Zicken ist das genau so. Es bringt also überhaupt nichts, zu hoffen, der andere würde von alleine weniger anstrengend oder sich vom Quälgeist zum Friedensengel entwickeln. Wenn man das einmal begriffen hat, ist man gleich viel entspannter, weil man ja sowieso nichts dagegen tun kann. Wenn man die Zicke jedoch akzeptiert wie sie ist und aufhört, ihr helfen, sie retten oder sie ändern zu wollen, dann fühlt man sich für ihre Ausbrüche von Querulantentum auch nicht mehr verantwortlich und quält sich nicht mehr so damit. Und wenn sie dann meckert, motzt und jammert, lässt man sie einfach machen und denkt sich seinen Teil (innere Distanz), wartet geduldig ab (Ruhe bewahren) und versucht nicht, sie zu ändern (sie so akzeptieren, wie sie ist), dann merkt sie vielleicht – ganz vielleicht – dass sie bei einem selbst weniger Grund zum Lamentieren hat. Und mit der Zeit wird vielleicht aus der Zicke ein Zicklein.

Hat sonst noch jemand Erfahrungen auf dem Gebiet der Zicken-Bändigung? Dann her mit euren Tipps! Bin gespannt, welche Tricks es da noch gibt, um mit anstrengenden Leuten klarzukommen.

Essai 77: Über chronische Entschuldigeritis und Rechtfertigungszwang

26. November 2011

Es tut mir schrecklich leid, das zugeben zu müssen, aber ich gehöre zu diesen unerträglichen Zeitgenossen, die sich ständig für alles entschuldigen müssen. Da bin ich wohl ein hoffnungsloser Fall.

Manchmal – das ist echt schräg – entschuldige ich mich auch für Dinge, für die ich nichts kann und dann entschuldige ich mich dafür, dass ich mich entschuldigt habe. Ein wandelnder Schuldkomplex, sozusagen. Schlimm.

Zum Glück ist mein Umfeld da durchaus tolerant. Häufiger heißt es da: „Hör auf dich zu rechtfertigen“ und dann sage ich immer: „Sorry, tut mir leid.“

Doof, ne?

Das ist so die Möbius-Schleife des Sich-Rechtfertigens. Das Gemeine an diesem Rechtfertigungszwang ist, dass man sich selbst damit zu einer leichten Beute für gewiefte emotionale Erpresser macht. Da reicht ein vorwurfsvoller Ton und – Zack – fühlt man sich wieder für alles verantwortlich. Man entschuldigt sich und ist wieder mittendrin im Verderben, im Hamsterrad der Selbstzerfleischung.

Tut mir leid, ich wollte das jetzt nicht so überdramatisieren. Ich bin wirklich der schlimmste Mensch der Welt, jetzt haben die armen emotionalen Erpresser bestimmt ein furchtbar schlechtes Gewissen, weil sie Leuten mit chronischer Entschuldigeritis ein so schlechtes Gewissen machen und das ist alles nur meine Schuld und dabei haben die das doch auch nicht leicht.

Manchmal wäre ich schon ganz gerne ein bisschen bösartig. Nicht durch und durch wie so ein fieser Filmbösewicht, nur ein bisschen, gerade so eben, dass ich einem emotionalen Erpresser auch mal ganz skrupellos sagen kann, er solle doch bitte die Klappe halten. Hach, wär‘ das schön.

Und nun entschuldigt mich…

Essai 71: Über Konsummüdigkeit infolge von omnipräsentem Überangebot an Nicht-Notwendigem

19. Dezember 2010

Weihnachten steht sozusagen direkt vor der Tür und die weihnachtsfeiernde Menschheit teilt sich – wie jedes Jahr – in zwei Lager. Auf der einen Seite haben wir die „Traditionalisten“, die das ganze Paket mit Liebe, Friede, Heiterkeit, Geschenken und prall geschmücktem Weihnachtsbaum bevorzugen.

Und auf der anderen Seite, die sich für ungemein originell haltenden, pseudo-rebellischen „Anti-Traditionalisten“, die total individuell gegen den weihnachtlichen „Konsum-Terror“ wettern, sich und ihren Lieben gegenseitig das – inzwischen schon zum Klischee verkommene – „Wir schenken uns nichts“ schwören und einen auf puristisch machen.

Eine Haltung, die mir – nebenbei bemerkt – reichlich auf die Nerven geht. In dem Versuch, dem einen Klischee zu entkommen, stürzt man sich voller Leidenschaft ins nächste. Nur dass die „Traditionalisten“ gar nicht erst so tun, als wären sie individuell, originell und was-weiß-ich. Die „Anti-Traditionalisten“ sind das schlimmste Klischee von allen und merken es nicht einmal. Das ist doch peinlich!

Außerdem, ich finde das schön, anderen etwas zu schenken, eine Freude zu machen und Liebe, Friede, Heiterkeit finde ich auch gut. Ja, ja, ich weiß, ich habe mich soeben als „Traditionalist“ geoutet, schon klar.

Bevor ich jetzt aber von den „Anti-Traditionalisten“ in der Luft zerfetzt werde, weil ich mit meiner Haltung den monströsen Konsumapparat des kapitalistischen Terrors personifiziert in der Figur des amerikanistischen Coca-C*la-Weihnachtsmannes unterstütze (Schleichwerbung ist pfui, daher das Sternchen), möchte ich ein großes „ABER“ hinzufügen.

ABER in einem Punkt haben die „Anti-Traditionalisten“ nämlich gar nicht so Unrecht und das ist die Sache mit dem „Konsum-Terror“. Ich würde es nicht unbedingt so martialisch als „Terror“ bezeichnen, aber schon als ein omnipräsentes Überangebot an Nicht-Notwendigem. Da wird man zum Beispiel mit riesengroßen Werbetafeln zugeballert, die die Zielgruppe „verzweifelter, weil unkreativer Mann mit weiblichem, charakterlich schwierigem Anhang“ anspricht und versucht selbiger allen Ernstes zu suggerieren, jede Frau wünschte sich so ein bescheuertes elektronisches Buch. Dann doch lieber einen Gutschein für die  Lieblings-Buchhandlung im Wert eines elektronischen Buchs. Das ist auch unkreativ, aber dann kann frau sich wenigstens aussuchen, was ihr Spaß macht und hat dann nicht so ein blödes Ding im Weg rumliegen, das sie dann auch noch benutzen muss, weil Männe sonst enttäuscht ist. Und womit Männe sowieso lieber herumspielt und sich voller Inbrunst in die Lektüre der Bedienungsanleitung stürzt, um dann hinterher mit treuherziger Penetranz seiner Angebeteten die Funktionsweise des blöden Dings zu erklären. Und sie darf sich dann nicht anmerken lassen, dass sie das überhaupt nicht interessiert und dass sie jetzt viel lieber ihr (echtes) Buch weiterlesen würde, anstatt den technischen Verbal-Ergüssen ihres Göttergatten mit unendlicher Geduld zu lauschen.

So, um aus den Untiefen des Gender-Stereotypen-Sumpfs wieder aufzutauchen, jetzt mal Schluss mit dem „Mann schenkt Frau elektronischen Firlefanz, den sie weder braucht noch will, er aber schon, und das ist auch der Grund warum er das verschenkt“-Gedöns. Ganz allgemein habe ich in letzter Zeit an mir beobachtet, dass ich ab einem bestimmten Punkt an Angeboten und Auswahlmöglichkeiten schlicht und ergreifend jegliche Lust verliere, mir überhaupt irgendwas zu kaufen. Und das ist natürlich in der Weihnachtszeit besonders extrem. Ich war zum Beispiel neulich mal im KadeWe in Berlin. Das war bombastisch, überall glitzerte und funkelte der Weihnachtsschmuck, große Kulleraugen gläserner Rehe strahlten mich an, dann überall Schokolade, Süßigkeiten, Kekse, Kuchen aus aller Welt, von der grandiosen Mode-Abteilung mal ganz zu schweigen. Es war überwältigend. Und ich wollte mir wirklich gerne irgendetwas kaufen, weil ich nicht so oft ins KadeWe komme und weil alles so fantastisch war. Aber ich wusste nicht was. Dieses Überangebot an Dingen, die zwar schön und toll sind, die man aber – rational betrachtet – nicht braucht, hat mich einfach total erschlagen. Und dann bin ich nach Hause gefahren, ohne mir etwas gekauft zu haben.

Was ich dabei festgestellt habe ist, dass das überhaupt nichts gemacht hat. Man muss nicht ständig irgendwas kaufen. Eigentlich braucht man doch viel weniger Zeug, als man glaubt. Also bin ich vielleicht doch eine verkappte „Anti-Traditionalistin“? Konsumverweigerung durch Konsummüdigkeit?

Neeeee… so einfach ist das natürlich nicht. Man kann nämlich auch hier einen Mittelweg finden. Wenn man zum Beispiel sich vorher überlegt, was man in etwa braucht, so eine grobe Richtung zumindest, dann kann man dem Konsumwahn entkommen, ohne gleich in das andere Extrem der Konsumverweigerung zu rutschen. Ich bin zum Beispiel in der Hinsicht ein großer Fan von Listen. Listen sind super. Und das macht so einen Spaß, kleine Häkchen hinter die erledigten Punkte zu setzen. Wenn man spontan etwas Geniales findet, kann man das ja trotzdem kaufen, aber man ist dann nicht so sehr erschlagen von dem omnipräsenten Überangebot, wenn man sich vorher einen groben Plan gemacht hat.

Soweit, so gut, ich wünsche dann noch allen Traditionalisten und Anti-Traditionalisten ein fröhliches, entspanntes Weihnachtsfest und lasst euch nicht vom Konsum-Monster terrorisieren.

Essai 66: Über das vorurteilsbedingte Zurechtbiegen nichtssagender Sachverhalte

12. August 2010

Ich bin mal wieder fündig geworden. In der Zeitung. Die ist fürwahr ein nichtversiegender Quell typisch menschlichen (grenzdebilen) Gebahrens. Heute möchte ich mal einen Artikel über die Schließung einer Moschee zum Anlass nehmen, mir die menschliche Eigenart vorzuknöpfen, jedes noch so nichtssagende Detail so zurechtzubiegen, dass es irgendwie ins eigene Weltkonzept passt, das man sich zusammengebastelt hat und aus welchem man seine Vorurteile speist.

Es geht um die Moschee, in der sich die Hamburger Attentäter vom 11. September häufiger getroffen haben. Nach jahrelanger Untersuchung steht jetzt fast fest, dass mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit in besagter Moschee „religiöse Fanatiker herangezüchtet“ worden sein sollen. Ob das nun stimmt oder nicht, will ich hier nicht weiter debattieren. Ich habe nämlich nicht die leiseste Ahnung, ob das stimmt oder nicht. Kann ich auch gar nicht wissen. Das ist auch egal, denn was mich interessiert, ist die Wirkung dieser – meiner Meinung nach sozial ungeschickten – Aktion.

In dem Artikel kamen nämlich die Nachbarn der Moschee zu Wort und die waren äußerst erleichtert über die Schließung (laut Artikel). „Die leben in ihrer eigenen Welt“ posaunte einem schon der Titel entgegen. Gesagt habe das ein Nachbar, der „aus Furcht anonym bleiben will“. Der verängstigte Nachbar weiß außerdem, dass „die“ (dem Artikel zufolge sind „die“, die Moschee-Besucher) sich „bewusst ausgegrenzt“ hätten. Begründung: „Für die deutsche Gesellschaft hatten die nur Verachtung übrig“. Beweis: „Das hat man gemerkt.“

Peng. Was soll man bloß gegen dieses hieb- und stichfeste Argument einwenden?

Aber es geht noch hanebüchener. Passt mal auf. Der furchtsame Anonyme fährt nämlich fort, dass bärtige, vermummte junge Männer bis spät in die Nacht vor der Moschee gestanden hätten, was „natürlich Unbehagen“ wecke. Schließlich sei er sich ja darüber im Klaren, was für „Verbindungen“ den „Leuten in der Moschee nachgesagt“ würden. Ja, sogar der Bundesnachrichtendienst sei dort „Dauergast“ gewesen, und das „spricht wohl Bände“. Unser anonymer Hasenfuß ist mit seinem Wissen nicht alleine. Weitere Nachbarn bewerteten die Besucher der Moschee als – jetzt kommt’s – auffällig unauffällig. Zum Beispiel seien die Gebete bis auf die Straße zu hören gewesen. Also, wenn die Fenster offen standen. Und das „klang […] schon merkwürdig“, stellt ein Nachbar fest, vor allem angesichts dessen, was den Moschee-Besuchern nachgesagt werde. Ansonsten habe er sich aber um seinen Kram gekümmert, und „die“ sich um ihren.

Ich kann mich einfach nicht des Eindrucks erwehren, dass auch der Autor des Artikels sich Nichtigkeiten so zurechtgebogen hat, wie es in seine vorgefertigten Meinungen passte. Jedenfalls macht er sich nicht die Mühe, diesen Quatsch zu entkräften. Dabei wäre es ein leichtes.
Nehmen wir zum Beispiel den Beweis von anonymer Feigling Nr. 1, „das hat man gemerkt“. Mit ein paar kleinen Gegenfragen kann man diese Art von Totschlagargumenten in der Luft verpuffen lassen: „Woran?“, „Wie kommen Sie darauf?“, „Können Sie ein Beispiel nennen?“, „Aber etwas Konkretes wissen Sie nicht?“, „Also was denn nun, vermummt oder bärtig?“, „Was hat denn nun auch noch der Bundesnachrichtendienst damit zu tun“, „Finden Sie nicht, dass Ihre Aussagen etwas – nun ja – paranoid anmuten?“ etc.

Oder der, der sich angeblich immer nur um seinen eigenen Kram gekümmert habe. Hat er ja nun ganz offensichtlich nicht. Sonst hätte er die Gebete, die „schon merkwürdig klangen“, gar nicht mitbekommen.

Ich hatte weiter oben erwähnt, dass ich diese Aktion als sozial ungeschickt erachte. Auf diese Art und Weise füttert, ja mästet, man die Vorurteile derer, die Fremdem gegenüber sowieso schon skeptisch sind. Außerdem füttert, ja mästet, diese Art der Berichterstattung die Vorurteile derer, die ohnehin schon skeptisch gegenüber der „deutschen Gesellschaft“ sind. Wie soll denn so jemals ein offener Dialog zustande kommen? Jeder fühlt sich in seiner wie auch immer gearteten Meinung bestätigt, die er sich schon lange vorher gebildet hatte. Und jeder ist der Meinung, Recht zu haben. Und leider ist das den meisten Menschen wichtiger als alles andere.

Essai 64: Über die nervtötende Kombination von Geltungssucht und Intelligenzmangel

1. August 2010

Sicher, niemand hat das gern, wenn er permanent von allen ignoriert wird. Allerdings besteht meiner bescheidenen Meinung nach ein kleiner Unterschied zwischen dem natürlichen Bedürfnis nach Aufmerksamkeit von Seiten derer, die einem selbst etwas bedeuten und dem Gieren nach Aufmerksamkeit von Seiten aller.

Die Aufmerksamkeitsgier – oder Geltungssucht – raubt den Mitmenschen nämlich den letzten Nerv. Wahrscheinlich kennt jeder diese anstrengenden Zeitgenossen, deren vorherrschende Haltung „Guck mal, guck mal, guck mal!!!“ nonverbal herauskrakeelt. Na gut, nicht immer nonverbal. Manchmal formulieren sie in genauso wenig pflegeleichter Art und Weise laut ihre Hauptmotivation, aus der sie ihre ausschließliche Daseinsberechtigung rechtfertigen. Nämlich dass sie der Mittelpunkt der Welt sind und auch erwarten, dass alle anderen das genauso sehen. „Ich… mein Problem ist… ich bin ja so der impulsive Typ… “ bla-bla-bla

Das ist ja schon kaum zu ertragen, wenn man es mit einem einigermaßen intelligenten Geltungsjunkie zu tun hat. Aber es geht noch viel, viel schlimmer: Kombiniert man Aufmerksamkeitssucht nämlich mit Dummheit, gehen diese Menschen auch noch in die Medien, um wirklich die ganze Welt mit ihrer Omnipräsenz zu beglücken.

Ich könnte jetzt einige mehr oder weniger prominente Beispiele nennen, aber ich habe mir vorgenommen, diese zu ignorieren. Ich gehe mal davon aus, dass dem geneigten Leser auch ohne mein Zutun bei der Erwähnung von Geltungssucht gepaart mit Dummheit so der eine oder andere Name einfällt.

Zum Beispiel die, die immer mal wieder irgendwelche abenteuerlichen Banalitäten zum Besten gibt, meist weniger im linken Spektrum angesiedelte, polemische Phrasen, die als Schlussfolgerung immer den Alt-68ern die Schuld geben, dass Frauen heutzutage doch allen Ernstes die gleichen Rechte wie die Männer einfordern. Zuletzt waren die Alt-68er Schuld an der Katastrophe der Duisburger Loveparade.

Oder die, die mit Anfang 20 einen beinahe 50-Jährigen geheiratet hat, sich von ihm neue Brüste hat spendieren lassen, um ihre – ähäm – „Karriere“ als „Gelegenheitsmodel“ anzukurbeln, dann lustig fremdknutscht und sich auch noch dabei medial erwischen lässt und sich dann tatsächlich auch noch wundert, wenn der Mann die Scheidung einreicht. Und dann sich einem Verhör Interview einer großen deutschen Unterhaltungs-Tageszeitung stellt, um einfach mal rumzuheulen, wie gemein die ganze Welt zu ihr ist.

Ja, da fallen einem sicher die einen oder anderen Individuen ein, die ständig mehr oder weniger ungefragt ihre nicht im Geringsten interessante, wissenswerte Meinung oder ihr nicht im Geringsten interessantes, wissenswertes Privatleben unter die Nase reiben müssen. Mehr oder weniger ungefragt deswegen, weil genau darin das Problem liegt. Es gibt immer wieder Trottel, die sie eben DOCH nach ihrer Meinung und ihrem Privatleben befragen. Die es sich nicht verkneifen können, diesen geltungssüchtigen Schwachmaten eine Plattform zu bieten. Natürlich tun dann die Leute, die den Fehler begangen haben zu fragen, so als würde es sie gar nicht interessieren, was die Intelligenzbenachteiligten an Debilitäten vom Stapel lassen. Als würden sie über diesen Kretins drüberstehen und sich über sie lustig machen.

Am besten aber wehrt man sich gegen Geltungssüchtige, indem man sie einfach reden und machen und ihnen auch nicht mehr Aufmerksamkeit zukommen lässt, als allen anderen auch. Der Trick liegt darin, dass man so tut, als sei man interessiert an des Selbstdarstellers neuesten Heldentaten, und sich seinen Teil dabei eben nur denkt, um Himmels Willen aber nie laut äußert. Hilfreich sind dabei dezentes Kopfnicken und ein freundliches „Mhm“ von Zeit zu Zeit. Und am Besten, man lässt dumme Aufmerksamkeitsjunkies keine Interviews geben. Und wenn sie auf irgendwelchen dubiosen Verschwörungsparanoiker-Verlagsseiten ihren geistigen Dünnpfiff verzapfen: Einfach ignorieren. Schließlich sind sie da unter Artgenossen und Gleichgesinnten und das ist schön. Aber den Rest der Welt damit beehren, das tut nun wirklich nicht Not.

Essai 63: Über unhöfliche Weltverbesserer und Gutmenschen ohne Manieren

21. Juli 2010

Es fasziniert mich immer wieder, wie Menschen so komplett von sich überzeugt sein können, dass sie überhaupt nicht merken, wie eklatant scheinheilig sie sich aufführen. Besonders ist mir das bei vermeintlichen Weltverbesserern und selbsternannten Gutmenschen aufgefallen. Und wehe dem, der ihre sowas von total uneigennützigen Motive in Frage stellt. Da ist man dann vorsichtshalber gleich mal eingeschnappt und wird patzig.

Ich muss gestehen, ich war etwas – na ja, nicht fies … – sagen wir direkt zu einem Vertreter dieser Spezies, als er mich letztens für einen bekannten Tierschutzverein begeistern wollte. Zu meiner Verteidigung möchte ich kurz hinzufügen, dass ich in der Innenstadt andauernd von solch idealistisch anmutenden Helden der Selbstlosigkeit belagert werde und sich nicht selten herausstellt, dass sich durchaus unlautere Absichten hinter der jovialen Art verbergen und man sich hinterher mit Einschreiben und Anwälten herumärgern muss, um das Zwei-Jahres-Zeitschriften-Abo, das man gar nicht wollte, wieder loszuwerden.

Besagter junger Herr also kam mir im ersten Moment noch bekannt vor, daher ließ ich ihn auf mich zukommen und sein breites Grinsen spazieren tragen, bis ein Ausweichmanöver oder eine umgehende Tarnmaßnahme unmöglich war. Und dann sah ich es: Scheiße, ein Klemmbrett!

Er ratterte quietschvergnügt seine gutgelaunten Floskelchen vom Stapel und wie toll doch dieser Verein sei und – habe ich schon erwähnt? – komplett uneigennützig und so weiter und so fort.

Als er nach fünf Minuten doch mal Luft holen musste (auch Gutmenschen sind nur Menschen und müssen ab und zu atmen), nutzte ich flux die Gelegenheit was zu fragen: „Ich vermute, Sie wollen Geld haben?“ plumpste mir dann verhältnismäßig unsubtil aus dem Mund noch ehe mir eine diplomatische Art und Weise dieses Thema in blumige Worte zu kleiden eingefallen war.

Ich fürchte, ich habe den armen Kerl ganz schön aus dem Konzept gebracht. Jedenfalls kam er verbal ins Straucheln: „Ja, nee. Ähm. Also, mir geht’s persönlich darum, dass… Öhm, also, Ähm…“ und während ich noch einer Beantwortung meiner Frage harrte, pampte es plötzlich von gegenüber: „Ach. Du hast da ja eh kein Bock drauf!“

Schwupps! Weg war er. Hat mich da einfach stehen lassen.

Ich finde das sehr unhöflich. Man kann doch wenigstens „Tschüss“ sagen. Aber das reine Effizienzstreben ist offensichtlich inzwischen auch schon bei den geistigen Nachfahren Mutter Theresas angekommen. Der hat wohl gedacht, bei der ollen blöden Kuh ist nichts zu holen, dann nichts wie weg hier. Bei der nächsten Kuh einen Melkversuch starten. Und wenn nicht einmal mehr die Weltverbesserer heutzutage Manieren haben, worauf kann man denn dann heutzutage noch zählen?

Ja, es ist traurig und ich bin betroffen. Ich würde ja gerne helfen, mit Tatkraft oder indem ich eines der bedrohten Tiere zu Hause aufnehme (eine bedrohte Hauskatze vielleicht, oder ein bedrohtes Meerschweinchen) oder mit moralischer Unterstützung oder so. Aber bei Geld weiß man ja gar nicht, ob das nachher auch bei den Tieren ankommt.

Oh Mist, ich hab es schon wieder getan: die edlen Motive der Heiligen des 21. Jahrhunderts angezweifelt und ihnen mangelnde Uneigennützigkeit unterstellt.Was soll ich sagen, ich bin eben kein Gutmensch. Aber ich tu wenigstens auch gar nicht erst so, als ob.

So. Und nun dürfen Tomaten auf mich abgefeuert werden.


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