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Essai 182: Über die Schreckensherrschaft der Wüteriche

1. Juli 2018

Wenn man jemand ist, der gern Ärger vermeidet, kann man sich schon mal auf ein Leben voller Kompromisse einstellen, die zu den eigenen Ungunsten ausfallen. Ich weiß das, weil ich selbst zu diesen konfliktscheuen Harmoniejunkies gehöre. Und nein, ich bin nicht stolz darauf.

Das Problem ist, dass es manche Menschen gibt, die kein Problem damit haben, immer ein Theater zu machen, wenn etwas nicht nach ihrem Willen läuft. Und hat man sich ersteinmal einen Ruf als Wüterich erarbeitet, dann machen die meisten Menschen das, was man will, ohne dass man erst einen cholerischen Anfall simulieren muss.

Das lässt sich zum Beispiel in Familien gut beobachten. Oft gibt es ein bestimmtes Familienmitglied, das es sich zur Gewohnheit gemacht hat, stets einen Tobsuchtanfall zu bekommen, wenn irgendwer nicht nach seiner Pfeife tanzt. Aber generell gibt es in jeder größeren Gruppe einen solchen Kandidaten.

Und dann machen alle anderen lauter Sachen, auf die sie eigentlich nicht die geringste Lust haben, nur um nicht schon wieder angeschrien zu werden. Der Wüterich hingegen gewöhnt sich daran, dass er so viel Macht über die anderen ausübt.

Wie aber kann man diese Dynamik durchbrechen? Denn eigentlich fühlt sich ja niemand so wirklich wohl dabei, nehme ich an. Jedenfalls nicht die ganzen aufgescheuchten Hühner, die ihr Bestes geben, im vorauseilenden Gehorsam die Wünsche und Bedürfnisse des Cholerikers zu erfüllen, in der Hoffnung, dass er einigermaßen friedlich bleibt. Wie sich der Choleriker bei dem ganzen Theater fühlt, kann ich nicht beurteilen – auf dieser Seite der Macht stand ich einfach noch nie. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass einen das auf Dauer glücklich macht, wenn man zwar die Ehrfurcht seiner „Untergebenen“ genießt, aber gar nicht weiß, wie das geht, mal selbst einen Kompromiss einzugehen, gleichberechtigt zusammenzuarbeiten und es einfach zu genießen, dass nicht ständig Gewitterwolken über den Köpfen hängen.

Bloß denke ich, dass der Brüllaffe gar nicht weiß, wie Nachgeben funktioniert, weil das immer nur die anderen machen. Man wird also wohl als eingeschüchterter Konfliktvermeider hin und wieder aufmucken müssen. Ab und zu freundlich, aber bestimmt, eine Forderung des Wüterichs ablehnen (am besten dann, wenn man diese wirklich nicht erfüllen kann und will, dann fällt es leichter, überzeugt zu wirken) – dann merkt er, dass man sich nicht so einfach herumscheuchen lässt. Und vielleicht, wenn man das oft genug gemacht hat und andere mitziehen, lässt sich der Choleriker bändigen.

Ob’s funktioniert, weiß ich nicht. Ich nehme mir das zumindest vor 🙂 Das Komische ist, immer, wenn ich mir vornehme, mir ein bestimmtes Verhalten nicht mehr gefallen zu lassen, und dann entschlossen darauf warte, dass sich eine entsprechende Situation ergibt, um meinen Vorsatz in die Tat umzusetzen – dauert es ewig, bis wieder eine solche Situation eintritt. Und bis dahin ist diese „Mir reicht’s jetzt, nächstes Mal gibt’s aber richtig Stress!“-Stimmung auch schon wieder verpufft. Aber, wie heißt es doch so schön: Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Und, wie sind eure Erfahrungen mit Menschen, die jeden Ärger vermeiden wollen, und solchen, die ständig Ärger provozieren, um ihren Willen durchzusetzen? Gehört ihr mehr zu den Wüterichen? Oder mehr zu den Harmoniejunkies? Ich bin gespannt!

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