Essai 180: Über Sexismus gegen Männer

Hurra, es ist mal wieder Zeit für eine Sexismus-Debatte! Wie prophezeit, ist der letzte Sexismus-Skandal um Herrn Brüderle recht schnell wieder in der Versenkung verschwunden. Und hat die Menschheit daraus irgendwas gelernt? Nö.

Dieses Mal ist es zugegebenermaßen etwas größer, da Hollywood-Größen zu den Tätern und Opfern gehören – und nicht bloß so ein deutscher Politstoffel und eine deutsche Journalistin. Und weil es dieses Mal auch nicht nur um Sexismus und leichte sexuelle Belästigung geht, sondern um schwere sexuelle Belästigung bis hin zu sexuellem Missbrauch.

Bevor ich über Sexismus gegen Männer schreibe (Ja, den gibt es, passt mal auf), möchte ich noch mal kurz die Begriffe klären. Die werden in der Debatte nämlich gern in einen Topf geworfen und auf der Grundlage kann man nicht vernünftig argumentieren, weil dann ein whataboutism und eine slippery-slope-Behauptung auf die nächste folgt. „Ja, dann darf man am Ende gar nichts mehr sagen!“ oder „Ja, und was ist mit diesen ganzen Feminazis? Die sind auch scheiße!“

Also, hier erstmal ein kleiner Exkurs zur Begriffsklärung:

Sexismus:

Bei Sexismus geht es nicht (!) um Sexualität, sondern um geschlechtsgebundene Diskriminierung. „Alle Frauen sind so-und-so“ oder „Alle Männer sind so-und-so“ – Das ist Sexismus. Das kann auch vermeintlich positiv sein, etwa „Frauen sind das schöne Geschlecht“ und „Männer sind das starke Geschlecht“. Oder „Echte Frauen haben Kurven“ und „Echte Männer weinen nicht“. Jedes pauschalisierende Vorurteil gegenüber Frauen oder Männern, das diese in eine bestimmte Rolle drängt und ihnen gleichzeitig die Möglichkeit abspricht, aus dieser Rolle auszubrechen, ist Sexismus. Alles klar? Gut.

Sexuelle Belästigung:

So, aber was ist denn dann sexuelle Belästigung? Hier verlassen wir den reinen Geschlechtsbezug und es geht um Sexualität. Sobald man jemandem seine sexuellen Wünsche verbal oder nonverbal mitteilt, ohne dass der andere darum gebeten hat, ist das sexuelle Belästigung. Das können anzügliche Blicke, schmierige „Komplimente“ oder ein Klaps auf den Po sein. Die Grenze zum sexuellen Missbrauch ist fließend. Ich denke, sie liegt darin, ob der Belästigte der Situation noch entkommen kann oder nicht. Bei letzterem kommt noch Nötigung hinzu und dann ist meines Erachtens die Grenze zum Missbrauch überschritten.

Das Knifflige an sexueller Belästigung ist, dass sie vom Kontext, vom Belästigenden und vom Belästigten sowie deren Tagesform und Stimmung abhängt. Also von lauter Faktoren, die sich eher mit Feingefühl erspüren, als kategorisch festlegen lassen. Und dieses Feingefühl scheint vielen Menschen zu fehlen. Ich würde als Faustregel zur Orientierung vorschlagen, dass man sich einfach jeden Poklaps, jede zweideutige Bemerkung, jedes Kompliment zum Aussehen des anderen und jeden anzüglichen Blick verkneift, wenn man sich nicht hundertprozentig sicher ist, dass das Gegenüber das charmant oder lustig findet. Man kann unter Freunden zum Beispiel ruhig etwas flapsiger miteinander umgehen, wenn man weiß, dass die Freunde den eigenen Sinn für Humor zu deuten wissen. Unter Kollegen oder Bekannten sollte man lieber etwas zurückhaltender sein. Und bei Fremden auf der Straße sowieso.

Sexueller Missbrauch:

Sexueller Missbrauch beinhaltet jede sexuelle Handlung, die nicht auf gegenseitigem Einvernehmen beruht. Dabei gilt sowohl „Nein heißt Nein!“ als auch „Alles, was nicht ‚Ja‘ heißt, heißt Nein“. Das sage ich deshalb, weil gerade in der Weinstein-Affäre oft ein Machtgefälle zugunsten des Missbrauchenden besteht. Da ist man als Missbrauchter in einer Situation, in der man völlig perplex und unter Schock ist, und dann vielleicht nicht so geistesgegenwärtig ist, eindeutig „Nein“ zu sagen. Und auch, wenn man „Ja“ sagt, aber dabei einen eindeutig ironischen Unterton durchscheinen lässt, ist das eigentlich ein „Nein, natürlich nicht, was denkst du denn?“ Beispiel: Louis CK, der allen Ernstes zwei Kolleginnen fragt, ob er ihnen seinen Penis zeigen darf. Und es auf ihr „Hahahaha, Ja, klar“ hin tatsächlich tut. Wobei, da könnte man noch drüber streiten, ob das sexuelle Belästigung oder schon Missbrauch ist …


Da das nun geklärt ist: Was ist denn nun Sexismus gegen Männer? Ein paar Beispiele wie „das starke Geschlecht“ oder „Echte Männer weinen nicht“ habe ich ja schon genannt. Es gibt aber noch mehr sexistische Vorurteile gegen Männer. Das Problem hierbei: sie wurden zum Teil schon so sehr verinnerlicht – von Männern sowie von Frauen -, dass wir gar nicht mehr merken, dass es Vorurteile und keine Wahrheiten sind.

Das Blöde ist aber, der Sexismus gegen Männer und der gegen Frauen hängen miteinander zusammen. Es kann kein „starkes Geschlecht“ geben, wenn es kein „schwaches Geschlecht“ gibt, kein „schönes Geschlecht“, wenn es nicht auch ein „hässliches Geschlecht“ gibt. Solange wir also erwarten, dass Männer die Führung übernehmen, die Entscheidungen treffen, sich um Wirtschaft und Finanzen kümmern, die Familie wirtschaftlich versorgen und diesen ganzen „starkes Geschlecht“-Scheiß bewerkstelligen, können wir nicht erwarten, dass Frauen ebenfalls diese Aufgaben übernehmen. Schließlich muss ja noch jemand den ganzen ruhmlosen, aber notwendigen Kram erledigen, wie Kochen, Waschen, Putzen und Einkaufen gehen. Und Männern können wir das ja wohl schlecht zumuten, wenn sie schon die Welt retten oder zumindest eine erfolgreiche Karriere machen (sprich: Einen Haufen Geld verdienen) sollen.

Aber ironische Überspitzung beiseite, sexistische Vorurteile ziehen sich tatsächlich durch die ganze Gesellschaft und beeinflussen auch unser Selbstbild und unsere Entscheidungen, die wir treffen. Bei Frauen bemüht man sich, das durch Aktionen wie den Girls‘ Day abzumildern, indem man versucht, die Mädchen für MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) zu begeistern. Ich denke schon, dass das ein bisschen was bringt, dass die Mädchen ermutigt werden, ihren beruflichen Werdegang nicht von Vorurteilen bestimmen zu lassen.

Es gibt zwar parallel dazu einen Boys‘ Day, der Jungs dazu ermutigen soll, soziale Berufe zu ergreifen. Der wird aber längst nicht so sehr gehypt. Außerdem bringt das nichts, wenn Jungs Lust bekommen, als Krankenpfleger oder Erzieher zu arbeiten, wenn diese Berufe gleichzeitig völlig unterbezahlt und nicht angemessen wertgeschätzt werden, sodass sich die Männer der „Vernunft“ halber doch für einen Beruf entscheiden, der sie dazu befähigt, im Fall der Fälle eine Familie wirtschaftlich versorgen zu können.

Warum aber werden soziale Berufe so schlecht bezahlt und so wenig gewertschätzt? Weil das ja meistens Frauen machen, und denen ist (Achtung! sexistisches Vorurteil) Geld ja nicht so wichtig, die machen das ja, weil sie von Natur aus empathisch und altruistisch veranlagt sind. Außerdem können sie ja immer noch den Arzt heiraten, dann müssen sie ja auch nicht mehr arbeiten, wenn sie nicht wollen. Aber Männer? Die können ja wohl schlecht eine Frau heiraten, die wirtschaftlich erfolgreicher sind als sie. Wie stehen sie denn dann da vor den anderen Kerlen? Hoppla, da war ich wohl schon wieder sarkastisch.

Interessant ist, dass Sexismus gegen Männer nicht nur von Frauen ausgeht, sondern vor allem auch von anderen Männern. Meine Vermutung ist, dass der Gruppenzwang unter Männern noch viel stärker ist als bei Frauen. Unter Frauen akzeptieren wir unterschiedliche Neigungen eher, ist so meine Erfahrung. Aber wehe, man entspricht als Vertreterin des „schönen Geschlechts“ nicht den allgemein als akzeptabel anerkannten ästhetischen Idealen. Dann wird gedisst, was das Zeug hält (Ironie). Aber ob die Freundin Mathe studiert oder Chemie oder Germanistik oder eine Ausbildung zur Bürokauffrau gemacht hat, das macht für uns keinen Unterschied, wir mögen unsere Freundin so oder so.

Männer dissen sich untereinander zwar weniger wegen Klamotten oder Gewichtszunahme (wobei letzteres durchaus vorkommt, aber das nehmen die sich gegenseitig meistens nicht so krumm, scheint mir), dafür sind aber Statusfragen viel wichtiger. Und das liegt daran, dass ihnen von allen Seiten – Familie, Freunde, Schule, Beruf, Gesellschaft, Politik, Werbung – eingeredet wird, dass für Männer der soziale Status das Wichtigste ist. Wer einen wirtschaftlich erfolgreichen Beruf in einer Führungsposition ausführt, kann sich vor schönen, jungen Frauen, die ihm zu Füßen liegen, gar nicht mehr retten. Dann kann man seiner evolutionären Bestimmung folgen, und seinen kostbaren Samen überall verspritzen, um seine unverzichtbaren Gene möglichst weit zu verbreiten. Und das ist ja schließlich die Aufgabe des Mannes. Verflixt, schon wieder Sarkasmus.

Nun gibt es tatsächlich auch ein paar biologische Unterschiede zwischen Männern und Frauen. So haben Männer beispielsweise mehr Muskelmasse als Frauen. Sie sind also von Natur aus tatsächlich im Durchschnitt körperlich stärker als Frauen. Und die unterschiedliche hormonelle Zusammensetzung macht sicher auch etwas aus. Das Testosteron soll – soweit ich weiß – risikofreudiger, aber auch aggressiver machen. Östrogen soll meines Wissens sensibler machen und bei Frauen kommt es zyklusbedingt oft zu Stimmungsschwankungen. Die sexistischen Vorurteile sind also nicht völlig aus der Luft gegriffen.

Das Problem liegt in ihrer Verallgemeinerung und in ihrer Ausschließlichkeit. Nur, weil Männer durchschnittlich stärker sind als Frauen, heißt das ja nicht, dass ich als Frau automatisch völlig unsportlich bin. Ich werde nie so stark wie ein Mann sein, das ist klar. Aber ich kann trotzdem Kraftsport machen und an meiner Ausdauer arbeiten und für meine Verhältnisse (!) fit sein. Und das muss ich nicht machen, um irgendeinem Vorurteil zu entsprechen, sondern, weil ich mich selbst dann besser fühle. Im Sportunterricht an der Schule wurde mir eingeredet, ich hätte sportlich nichts drauf. Das hat gedauert, sich von diesem sexistischen Vorurteil zu befreien.

Männern und Jungs wird eingebläut, mehr oder weniger unterschwellig, dass sie keine Gefühle, keine Schwäche zeigen dürfen. Das sei Frauensache. Und vielleicht fällt es uns Frauen tatsächlich leichter, uns empathisch zu verhalten und unsere Eigeninteressen zum Wohle anderer hinten anzustellen. Weiß ich nicht. Aber nur, weil es uns leichter fällt, heißt es nicht, dass Männer das gar nicht können. Und es heißt auch nicht, dass das schlecht ist, weil Männer das nicht so gut können.

Das Ergebnis ist, dass Männer glauben, ihre Gefühle für sich behalten, Probleme selbst und alleine lösen zu müssen, keine Schwäche zeigen zu dürfen. Das ist sehr, sehr anstrengend. Weil das dann zu solchen Situationen führt, dass die Herren der Schöpfung die Zähne nicht auseinander kriegen, wenn ihnen irgendwo der Schuh drückt. Und wenn sie nichts sagen, kann man ihnen auch nicht helfen. Oft fällt es Männern auch schwer, zuzugeben, wenn sie überfordert sind, etwas nicht alleine geregelt kriegen. Das könnte man in den meisten Fällen leicht lösen, indem man andere um Hilfe bittet. Kann ja nicht jeder ein Organisationsgenie sein. Oder auch einfach so mal von seinem Tag erzählen und ein wenig plaudern, das gilt dann auch gleich als unmännlich. Und als Frau redet man sich dann den Mund fusselig. (Selbstverständlich kann man auch das nicht verallgemeinern, ich schildere lediglich eine Tendenz)

Eine Welt ohne sexistische Vorurteile, also das Ideal, wäre ein „Alles kann, nichts muss“. Männer könnten dann auch mal weinen, wenn sie traurig sind, sich Unterstützung holen, wenn sie alleine nicht weiterkommen. Sie könnten einfach offen sagen, wenn sie sich mit etwas unwohl fühlen oder sich irgendwas wünschen, ohne dass man Rätselraten müsste. Sie könnten ihren Beruf ganz frei nach Neigung aussuchen, nicht nach Gehalt. Sie könnten ihren Freunden auch mal sagen, wenn die derben Frotzeleien zu weit gehen und sie verletzen. Ohne gleich befürchten zu müssen, symbolisch kastriert zu werden. Sie müssten es aber auch nicht, wenn sie nicht wollen oder keine Notwendigkeit darin sehen.

Nun wird es sicher Männer geben, die denken, ich will aber gar keine Gefühle zeigen. Da stellt sich die Frage: Wollen sie es wirklich nicht? Oder kommt es ihnen nur komisch vor, weil sie meinen, das wäre unmännlich? In dem Fall hätten sie das sexistische Vorurteil schon so sehr verinnerlicht, dass es zu einem Teil von ihnen geworden ist.

Zugegeben, es erfordert ganz schön viel Mumm, Mut und Stärke, auch mal Schwäche zu zeigen und Gefühle zuzulassen. Schließlich macht einen das verletzlich und angreifbar. Aber es gibt auch etwas zu gewinnen. Und zwar mehr Gemeinschaft, gegenseitige Unterstützung, Ehrlichkeit und eine viel unkompliziertere zwischenmenschliche Kommunikation. Man müsste sich auch nicht mehr quälen, wenn man krank ist, und könnte sich einfach von einem Arzt helfen lassen. Das gilt übrigens auch und vor allem für psychische Krankheiten.

Und wenn dann auch noch die Frauen mitmachen, und sich bemühen, sexistische Vorurteile abzubauen, dann wäre das Flirten und Daten auch nicht mehr so kompliziert. Dann könnte jeder den ersten Schritt machen und den anderen ansprechen. Dann könnte man sich abwechseln mit dem Rechnung bezahlen oder es zahlt halt der, der mehr verdient.

Und, was ist eure Meinung dazu?

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