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Essai 180: Über Sexismus gegen Männer

21. Oktober 2017

Hurra, es ist mal wieder Zeit für eine Sexismus-Debatte! Wie prophezeit, ist der letzte Sexismus-Skandal um Herrn Brüderle recht schnell wieder in der Versenkung verschwunden. Und hat die Menschheit daraus irgendwas gelernt? Nö.

Dieses Mal ist es zugegebenermaßen etwas größer, da Hollywood-Größen zu den Tätern und Opfern gehören – und nicht bloß so ein deutscher Politstoffel und eine deutsche Journalistin. Und weil es dieses Mal auch nicht nur um Sexismus und leichte sexuelle Belästigung geht, sondern um schwere sexuelle Belästigung bis hin zu sexuellem Missbrauch.

Bevor ich über Sexismus gegen Männer schreibe (Ja, den gibt es, passt mal auf), möchte ich noch mal kurz die Begriffe klären. Die werden in der Debatte nämlich gern in einen Topf geworfen und auf der Grundlage kann man nicht vernünftig argumentieren, weil dann ein whataboutism und eine slippery-slope-Behauptung auf die nächste folgt. „Ja, dann darf man am Ende gar nichts mehr sagen!“ oder „Ja, und was ist mit diesen ganzen Feminazis? Die sind auch scheiße!“

Also, hier erstmal ein kleiner Exkurs zur Begriffsklärung:

Sexismus:

Bei Sexismus geht es nicht (!) um Sexualität, sondern um geschlechtsgebundene Diskriminierung. „Alle Frauen sind so-und-so“ oder „Alle Männer sind so-und-so“ – Das ist Sexismus. Das kann auch vermeintlich positiv sein, etwa „Frauen sind das schöne Geschlecht“ und „Männer sind das starke Geschlecht“. Oder „Echte Frauen haben Kurven“ und „Echte Männer weinen nicht“. Jedes pauschalisierende Vorurteil gegenüber Frauen oder Männern, das diese in eine bestimmte Rolle drängt und ihnen gleichzeitig die Möglichkeit abspricht, aus dieser Rolle auszubrechen, ist Sexismus. Alles klar? Gut.

Sexuelle Belästigung:

So, aber was ist denn dann sexuelle Belästigung? Hier verlassen wir den reinen Geschlechtsbezug und es geht um Sexualität. Sobald man jemandem seine sexuellen Wünsche verbal oder nonverbal mitteilt, ohne dass der andere darum gebeten hat, ist das sexuelle Belästigung. Das können anzügliche Blicke, schmierige „Komplimente“ oder ein Klaps auf den Po sein. Die Grenze zum sexuellen Missbrauch ist fließend. Ich denke, sie liegt darin, ob der Belästigte der Situation noch entkommen kann oder nicht. Bei letzterem kommt noch Nötigung hinzu und dann ist meines Erachtens die Grenze zum Missbrauch überschritten.

Das Knifflige an sexueller Belästigung ist, dass sie vom Kontext, vom Belästigenden und vom Belästigten sowie deren Tagesform und Stimmung abhängt. Also von lauter Faktoren, die sich eher mit Feingefühl erspüren, als kategorisch festlegen lassen. Und dieses Feingefühl scheint vielen Menschen zu fehlen. Ich würde als Faustregel zur Orientierung vorschlagen, dass man sich einfach jeden Poklaps, jede zweideutige Bemerkung, jedes Kompliment zum Aussehen des anderen und jeden anzüglichen Blick verkneift, wenn man sich nicht hundertprozentig sicher ist, dass das Gegenüber das charmant oder lustig findet. Man kann unter Freunden zum Beispiel ruhig etwas flapsiger miteinander umgehen, wenn man weiß, dass die Freunde den eigenen Sinn für Humor zu deuten wissen. Unter Kollegen oder Bekannten sollte man lieber etwas zurückhaltender sein. Und bei Fremden auf der Straße sowieso.

Sexueller Missbrauch:

Sexueller Missbrauch beinhaltet jede sexuelle Handlung, die nicht auf gegenseitigem Einvernehmen beruht. Dabei gilt sowohl „Nein heißt Nein!“ als auch „Alles, was nicht ‚Ja‘ heißt, heißt Nein“. Das sage ich deshalb, weil gerade in der Weinstein-Affäre oft ein Machtgefälle zugunsten des Missbrauchenden besteht. Da ist man als Missbrauchter in einer Situation, in der man völlig perplex und unter Schock ist, und dann vielleicht nicht so geistesgegenwärtig ist, eindeutig „Nein“ zu sagen. Und auch, wenn man „Ja“ sagt, aber dabei einen eindeutig ironischen Unterton durchscheinen lässt, ist das eigentlich ein „Nein, natürlich nicht, was denkst du denn?“ Beispiel: Louis CK, der allen Ernstes zwei Kolleginnen fragt, ob er ihnen seinen Penis zeigen darf. Und es auf ihr „Hahahaha, Ja, klar“ hin tatsächlich tut. Wobei, da könnte man noch drüber streiten, ob das sexuelle Belästigung oder schon Missbrauch ist …


Da das nun geklärt ist: Was ist denn nun Sexismus gegen Männer? Ein paar Beispiele wie „das starke Geschlecht“ oder „Echte Männer weinen nicht“ habe ich ja schon genannt. Es gibt aber noch mehr sexistische Vorurteile gegen Männer. Das Problem hierbei: sie wurden zum Teil schon so sehr verinnerlicht – von Männern sowie von Frauen -, dass wir gar nicht mehr merken, dass es Vorurteile und keine Wahrheiten sind.

Das Blöde ist aber, der Sexismus gegen Männer und der gegen Frauen hängen miteinander zusammen. Es kann kein „starkes Geschlecht“ geben, wenn es kein „schwaches Geschlecht“ gibt, kein „schönes Geschlecht“, wenn es nicht auch ein „hässliches Geschlecht“ gibt. Solange wir also erwarten, dass Männer die Führung übernehmen, die Entscheidungen treffen, sich um Wirtschaft und Finanzen kümmern, die Familie wirtschaftlich versorgen und diesen ganzen „starkes Geschlecht“-Scheiß bewerkstelligen, können wir nicht erwarten, dass Frauen ebenfalls diese Aufgaben übernehmen. Schließlich muss ja noch jemand den ganzen ruhmlosen, aber notwendigen Kram erledigen, wie Kochen, Waschen, Putzen und Einkaufen gehen. Und Männern können wir das ja wohl schlecht zumuten, wenn sie schon die Welt retten oder zumindest eine erfolgreiche Karriere machen (sprich: Einen Haufen Geld verdienen) sollen.

Aber ironische Überspitzung beiseite, sexistische Vorurteile ziehen sich tatsächlich durch die ganze Gesellschaft und beeinflussen auch unser Selbstbild und unsere Entscheidungen, die wir treffen. Bei Frauen bemüht man sich, das durch Aktionen wie den Girls‘ Day abzumildern, indem man versucht, die Mädchen für MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) zu begeistern. Ich denke schon, dass das ein bisschen was bringt, dass die Mädchen ermutigt werden, ihren beruflichen Werdegang nicht von Vorurteilen bestimmen zu lassen.

Es gibt zwar parallel dazu einen Boys‘ Day, der Jungs dazu ermutigen soll, soziale Berufe zu ergreifen. Der wird aber längst nicht so sehr gehypt. Außerdem bringt das nichts, wenn Jungs Lust bekommen, als Krankenpfleger oder Erzieher zu arbeiten, wenn diese Berufe gleichzeitig völlig unterbezahlt und nicht angemessen wertgeschätzt werden, sodass sich die Männer der „Vernunft“ halber doch für einen Beruf entscheiden, der sie dazu befähigt, im Fall der Fälle eine Familie wirtschaftlich versorgen zu können.

Warum aber werden soziale Berufe so schlecht bezahlt und so wenig gewertschätzt? Weil das ja meistens Frauen machen, und denen ist (Achtung! sexistisches Vorurteil) Geld ja nicht so wichtig, die machen das ja, weil sie von Natur aus empathisch und altruistisch veranlagt sind. Außerdem können sie ja immer noch den Arzt heiraten, dann müssen sie ja auch nicht mehr arbeiten, wenn sie nicht wollen. Aber Männer? Die können ja wohl schlecht eine Frau heiraten, die wirtschaftlich erfolgreicher sind als sie. Wie stehen sie denn dann da vor den anderen Kerlen? Hoppla, da war ich wohl schon wieder sarkastisch.

Interessant ist, dass Sexismus gegen Männer nicht nur von Frauen ausgeht, sondern vor allem auch von anderen Männern. Meine Vermutung ist, dass der Gruppenzwang unter Männern noch viel stärker ist als bei Frauen. Unter Frauen akzeptieren wir unterschiedliche Neigungen eher, ist so meine Erfahrung. Aber wehe, man entspricht als Vertreterin des „schönen Geschlechts“ nicht den allgemein als akzeptabel anerkannten ästhetischen Idealen. Dann wird gedisst, was das Zeug hält (Ironie). Aber ob die Freundin Mathe studiert oder Chemie oder Germanistik oder eine Ausbildung zur Bürokauffrau gemacht hat, das macht für uns keinen Unterschied, wir mögen unsere Freundin so oder so.

Männer dissen sich untereinander zwar weniger wegen Klamotten oder Gewichtszunahme (wobei letzteres durchaus vorkommt, aber das nehmen die sich gegenseitig meistens nicht so krumm, scheint mir), dafür sind aber Statusfragen viel wichtiger. Und das liegt daran, dass ihnen von allen Seiten – Familie, Freunde, Schule, Beruf, Gesellschaft, Politik, Werbung – eingeredet wird, dass für Männer der soziale Status das Wichtigste ist. Wer einen wirtschaftlich erfolgreichen Beruf in einer Führungsposition ausführt, kann sich vor schönen, jungen Frauen, die ihm zu Füßen liegen, gar nicht mehr retten. Dann kann man seiner evolutionären Bestimmung folgen, und seinen kostbaren Samen überall verspritzen, um seine unverzichtbaren Gene möglichst weit zu verbreiten. Und das ist ja schließlich die Aufgabe des Mannes. Verflixt, schon wieder Sarkasmus.

Nun gibt es tatsächlich auch ein paar biologische Unterschiede zwischen Männern und Frauen. So haben Männer beispielsweise mehr Muskelmasse als Frauen. Sie sind also von Natur aus tatsächlich im Durchschnitt körperlich stärker als Frauen. Und die unterschiedliche hormonelle Zusammensetzung macht sicher auch etwas aus. Das Testosteron soll – soweit ich weiß – risikofreudiger, aber auch aggressiver machen. Östrogen soll meines Wissens sensibler machen und bei Frauen kommt es zyklusbedingt oft zu Stimmungsschwankungen. Die sexistischen Vorurteile sind also nicht völlig aus der Luft gegriffen.

Das Problem liegt in ihrer Verallgemeinerung und in ihrer Ausschließlichkeit. Nur, weil Männer durchschnittlich stärker sind als Frauen, heißt das ja nicht, dass ich als Frau automatisch völlig unsportlich bin. Ich werde nie so stark wie ein Mann sein, das ist klar. Aber ich kann trotzdem Kraftsport machen und an meiner Ausdauer arbeiten und für meine Verhältnisse (!) fit sein. Und das muss ich nicht machen, um irgendeinem Vorurteil zu entsprechen, sondern, weil ich mich selbst dann besser fühle. Im Sportunterricht an der Schule wurde mir eingeredet, ich hätte sportlich nichts drauf. Das hat gedauert, sich von diesem sexistischen Vorurteil zu befreien.

Männern und Jungs wird eingebläut, mehr oder weniger unterschwellig, dass sie keine Gefühle, keine Schwäche zeigen dürfen. Das sei Frauensache. Und vielleicht fällt es uns Frauen tatsächlich leichter, uns empathisch zu verhalten und unsere Eigeninteressen zum Wohle anderer hinten anzustellen. Weiß ich nicht. Aber nur, weil es uns leichter fällt, heißt es nicht, dass Männer das gar nicht können. Und es heißt auch nicht, dass das schlecht ist, weil Männer das nicht so gut können.

Das Ergebnis ist, dass Männer glauben, ihre Gefühle für sich behalten, Probleme selbst und alleine lösen zu müssen, keine Schwäche zeigen zu dürfen. Das ist sehr, sehr anstrengend. Weil das dann zu solchen Situationen führt, dass die Herren der Schöpfung die Zähne nicht auseinander kriegen, wenn ihnen irgendwo der Schuh drückt. Und wenn sie nichts sagen, kann man ihnen auch nicht helfen. Oft fällt es Männern auch schwer, zuzugeben, wenn sie überfordert sind, etwas nicht alleine geregelt kriegen. Das könnte man in den meisten Fällen leicht lösen, indem man andere um Hilfe bittet. Kann ja nicht jeder ein Organisationsgenie sein. Oder auch einfach so mal von seinem Tag erzählen und ein wenig plaudern, das gilt dann auch gleich als unmännlich. Und als Frau redet man sich dann den Mund fusselig. (Selbstverständlich kann man auch das nicht verallgemeinern, ich schildere lediglich eine Tendenz)

Eine Welt ohne sexistische Vorurteile, also das Ideal, wäre ein „Alles kann, nichts muss“. Männer könnten dann auch mal weinen, wenn sie traurig sind, sich Unterstützung holen, wenn sie alleine nicht weiterkommen. Sie könnten einfach offen sagen, wenn sie sich mit etwas unwohl fühlen oder sich irgendwas wünschen, ohne dass man Rätselraten müsste. Sie könnten ihren Beruf ganz frei nach Neigung aussuchen, nicht nach Gehalt. Sie könnten ihren Freunden auch mal sagen, wenn die derben Frotzeleien zu weit gehen und sie verletzen. Ohne gleich befürchten zu müssen, symbolisch kastriert zu werden. Sie müssten es aber auch nicht, wenn sie nicht wollen oder keine Notwendigkeit darin sehen.

Nun wird es sicher Männer geben, die denken, ich will aber gar keine Gefühle zeigen. Da stellt sich die Frage: Wollen sie es wirklich nicht? Oder kommt es ihnen nur komisch vor, weil sie meinen, das wäre unmännlich? In dem Fall hätten sie das sexistische Vorurteil schon so sehr verinnerlicht, dass es zu einem Teil von ihnen geworden ist.

Zugegeben, es erfordert ganz schön viel Mumm, Mut und Stärke, auch mal Schwäche zu zeigen und Gefühle zuzulassen. Schließlich macht einen das verletzlich und angreifbar. Aber es gibt auch etwas zu gewinnen. Und zwar mehr Gemeinschaft, gegenseitige Unterstützung, Ehrlichkeit und eine viel unkompliziertere zwischenmenschliche Kommunikation. Man müsste sich auch nicht mehr quälen, wenn man krank ist, und könnte sich einfach von einem Arzt helfen lassen. Das gilt übrigens auch und vor allem für psychische Krankheiten.

Und wenn dann auch noch die Frauen mitmachen, und sich bemühen, sexistische Vorurteile abzubauen, dann wäre das Flirten und Daten auch nicht mehr so kompliziert. Dann könnte jeder den ersten Schritt machen und den anderen ansprechen. Dann könnte man sich abwechseln mit dem Rechnung bezahlen oder es zahlt halt der, der mehr verdient.

Und, was ist eure Meinung dazu?

Essai 179: Über Schweigen und Nichtreagieren in Konfliktsituationen

21. Oktober 2017

Normalerweise bin ich nicht sooo nachtragend. Finde ich. Es ist meines Erachtens relativ schwierig, mich richtig wütend zu machen, und relativ einfach, sich hinterher wieder mit mir zu vertragen. Es gibt im Grunde nur eine Sache, die man tun muss, um garantiert alles schlimmer zu machen, und das ist: nichts. Mich macht es kirre, wenn ich mir alle Mühe gebe, eine Meinungsverschiedenheit oder sonstigen Konflikt zu klären, und mein Gegenüber schweigt und ignoriert mich komplett. Wie soll man denn zu einem Kompromiss oder einer Einigung kommen, wenn ich nur meine Sicht der Dinge kenne, von der anderen Perspektive aber einen Scheiß erfahre?

Leider ist es ziemlich schwierig, das Menschen klar zu machen, die eine andere Konfliktlösungsstrategie als ich verfolgen. Wenn ich mich mit jemandem streite, will ich das so schnell wie möglich lösen, damit wir uns wieder versöhnen und den Streit zu den Akten legen können. Generell ticke ich eher so, Unangenehmes schnell hinter mich zu bringen, es abzuhaken, und mich dann wieder den schönen Dingen des Lebens zu widmen. Ansonsten kann ich nicht richtig abschalten, weil mir das Unangenehme die ganze Zeit wie ein Damoklesschwert über dem Kopf schwebt.

Dann gibt es aber noch die – sagen wir – Vogel-Strauß-Konfliktlöser. Sie stecken einfach den Kopf in den Sand und hoffen, dass das Unangenehme sich von selbst löst, bevor sie wieder auftauchen. Oft neigen sie generell zum Prokrastinieren (Aufschieben) und erledigen Unangenehmes – wenn überhaupt – auf den letzten Drücker, lassen Unordnung sich erst anhäufen, bevor sie aufräumen und sitzen Konflikte und Streitsituationen einfach aus. Und da frage ich mich, ob das wirklich jemals funktioniert hat? Muss es ja eigentlich, sonst würden sie es ja anders machen …

Na jedenfalls, ich versuche wirklich, Verständnis dafür aufzubringen, wenn jemand anders mit Konflikten umgeht als ich. Aber diese Vogel-Strauß-Strategie ist so total unlogisch und ineffizient, überhaupt nicht vorausschauend gedacht. Dabei ist es doch viel einfacher, man klärt ein Missverständnis gleich auf, bevor es überhaupt erst zu einem Streit mutiert. Man spart sich auch jede Menge Nervkram und Arbeit, wenn man Unordnung gar nicht erst entstehen lässt, und Sachen, die man benutzt, im Anschluss wieder an ihren Platz stellt. Das ist doch mit Rechnungen zum Beispiel genauso. Wenn man sie gleich bezahlt, ist alles fein. Wenn nicht, kommen mit der Zeit noch Mahnungen und Zinsen dazu und man muss mehr bezahlen als ursprünglich.

Das ist doch nun wirklich keine sonderlich zweckdienliche Vorgehensweise. Gut, manchmal geht’s nicht anders, aber was ich halt nicht verstehe, ist, wenn man prinzipiell und grundsätzlich diese Wenn-ich-das-Problem-nur-lange-genug-ignoriere-löst-es-sich-bestimmt-von-alleine-in-Wohlgefallen-auf-ohne-dass-ich-mich-dafür-anstrengen-muss-Strategie anwendet. Das regt mich echt auf. Und ja, schon klar, ich höre mich gerade wie der übelste Streber-Klugscheißer-Korinthenkacker an, aber ich hab ja wohl einfach recht, da kann ich doch nichts für.

Es ist nun mal eben langfristig betrachtet viel angenehmer und einfacher, Nervkram so schnell wie möglich zu erledigen, anstatt ihn sich anhäufen zu lassen. Sonst steht man da vor diesem Riesenberg an unangenehmem Zeug, und denkt sich: „Puh. Wo soll ich da jetzt anfangen?“ oder „Auweia, wie konnte es denn soweit kommen?“ – Da ist doch die Hürde plötzlich viel größer, vielleicht sogar zu groß, um sie zu überwinden. Und das ist nun wirklich nicht schwierig, diese Konsequenz des Nichthandelns vorauszusehen. Weil. Das. Verdammt. Noch. Mal. LOGISCH!!! Ist.

Das gilt nicht nur für Rechnungen, doofe Haushaltstätigkeiten, Hausaufgaben oder Arbeitskram, sondern auch für Meinungsverschiedenheiten und Missverständnisse in Beziehungen. Wenn man sich größere Streitereien und lästige Grundsatzdiskussionen und peinliche Beziehungsgespräche ersparen will (und wer will das nicht?), ist es besser, man redet kontinuierlich miteinander. Das heißt nicht, dass man ständig plaudern und plappern muss, das ist ja auch nicht jedermanns Sache. Aber wenn was ist, sollte man das einfach gleich sagen, bevor es einen so sehr stört, dass man es nicht mehr ertragen kann.

Zum Beispiel hatte ich neulich eine zunächst kleine Differenz mit meinem Freund. Normalerweise verstehen wir uns prima und können auch mal nicht reden und es ist trotzdem alles gut. Wir löchern uns jetzt nicht dauernd gegenseitig und bereden auch nicht jeden Pups. Nun war er aber für fast zwei Wochen weg und wir konnten nur übers Handy kommunizieren. Ich hasse telefonieren, weil ich nie weiß, ob mein Anruf nicht gerade nervt, also schreibe ich lieber.

Ich hatte ihm ein Foto meiner neuen Kameratasche für meine neue Kamera geschickt und mich darüber gefreut, dass sie so gut passt. Daraufhin meinte er sinngemäß, klasse, dann kann ich sie ja auf die nächste Reise mitnehmen. Ich dachte erst, das wäre ein Scherz, wies aber vorsichtshalber darauf hin, dass ich meine neue Kamera in dem Zeitraum gern selbst ausprobieren möchte. Darauf er, das muss ich erst klären, eventuell muss ich meine eigene Kamera hierlassen. Und dann war ich sauer. Weil ich dachte, was soll denn das, wieso klärt er das nicht erst mit mir, ob er meine Sachen ausleihen kann, und überlegt dann, ob er seine eigene Kamera verleiht?

Dummerweise bin ich nicht sehr geübt darin, wütend zu sein, wie gesagt, das passiert mir nicht so oft. Also habe ich ihm mitten in der Nacht eine ellenlange Schimpftirade geschickt, die inhaltlich aussagen sollte, klär das bitte erst mit mir, wenn du meine Sachen brauchen könntest. Aber das war zugegebenermaßen in ziemlich viele und sehr wütende Worte verpackt. Daraufhin wurde er erst einsilbig. Und dann, als ich mich wieder etwas beruhigt hatte, und zu dem Schluss kam, vielleicht ein kleines bisschen überreagiert zu haben, habe ich mich entschuldigt. Und dann kam das große Schweigen.

So, mittlerweile haben wir uns „ausgesprochen“ (dieser Ausdruck weckt in mir einen Widerwillen, das klingt so nach Beziehungskrisengespräch, Bäh!) und es hat sich herausgestellt, dass ich ihn offenbar missverstanden habe. Warum hat er das denn dann nicht gleich gesagt? Er hätte doch einfach nur zu schreiben brauchen, nach meiner Schimpftirade, Hoppla, da ist wohl etwas in den falschen Hals geraten, gemeint war das-und-das. Zack. Sache geklärt, Konflikt gelöst, alle sind zufrieden.

Angenommen, ich habe ihn mit meinem Wortschwall so überrollt, dass er quasi unter Schock stand und deswegen so einsilbig reagiert hat. Spätestens nach meiner Entschuldigung hätte er doch einfach nur zu sagen brauchen, ja, da haben wir uns wohl missverstanden, mir tut’s auch leid, hab dich lieb – und schon wäre wieder Friede, Freude, Eierkuchen. Aber stattdessen schweigt er und reagiert gar nicht. Und überlässt mir die Interpretation, was eine Scheißidee ist, weil meine hyperaktive Fantasie sonstwas in das Schweigen hineininterpretiert. Zum Beispiel, dass er beleidigt ist und mich bestrafen will, dass das irgendsoein blödes Machtspiel ist, um mich in meine Schranken zu weisen, dass er mich nicht mehr mag und sich längst eine Neue gesucht hat, dass er heimlich als Agent oder Auftragskiller arbeitet und gerade in Schwierigkeiten steckt, …

Schweigen ist finde ich einfach das Fieseste, was man machen kann in einer Konfliktsituation. Ich kann halt auch dieses „Ja, ich wusste nicht, was ich dazu sagen soll“ nicht nachvollziehen. Irgendwas wird man doch wohl von dem halten, was ich geschrieben oder gesagt habe. Und das kann man dann doch einfach ohne Vorwürfe sagen, dann kann ich wiederum schauen, was ich davon halte. Und entweder es stellt sich heraus, dass einer von beiden recht hatte, dann sehe ich kein Problem darin, das auch so zu sagen. Oder beide Standpunkte haben ihre Daseinsberechtigung und ihre sinnigen Argumente, dann trifft man sich halt in der Mitte.

Ist doch eigentlich gar nicht so schwer, oder? Was meint ihr dazu?


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