Essai 164: Über potenzielle Überlebenschancen in der freien Wildbahn

Nicht selten bekomme ich zu hören, dass ich zu viel nachdenke. Ich sei zu verkopft, heißt es dann. Das bringt mich dann schon ins Grübeln … 😛 Nee, Quatsch, das Ding ist, ich denke einfach gern nach und sehe überhaupt nicht ein, warum ich mir diesen Spaß verkneifen sollte. Gedankenspiele sind für mich ein wunderbarer Zeitvertreib und warum auch nicht? Nur, weil man an allen Ecken liest, dass man „loslassen soll“ und so’n Scheiß? Was materielles Zeugs angeht, von mir aus, da ist das äußerst wohltuend, ab und zu mal auszumisten, Platz zu machen und Sachen zu verschenken, die man kaum nutzt und die im Weg herumstehen. Und wie sagte einst ein weiser Mann namens Tyler Durden? „Alles, was du besitzt, besitzt irgendwann dich“, oder so ähnlich. Die Gedanken aber sind frei, und wenn es einem Freude macht, sie schweifen und Pirouetten drehen zu lassen, weshalb sollte man es dann lassen?

Eines meiner Lieblingsgedankenspiele ist: Was wäre wenn ich aus irgendeinem Grund in die freie Wildbahn geworfen würde? Wie stünde es um meine Überlebenschancen? Vermutlich mies, richtig mies. Ich schätze, ich wäre so – je nachdem wo es mich fernab der Zivilisation hinverschlägt – spätestens nach einer Woche verrückt oder tot. Oder erst verrückt und dann tot. Betrachten wir einige der möglichen Katastrophen und meine jeweiligen Überlebenschancen doch mal näher:

Szenario: Supervirus löscht Menschheit aus

Angenommen, ein ekliger Monsterkeim würde fast die ganze Menschheit ausrotten und ich wäre eine der Wenigen, die immun sind (ich empfehle Stephen Kings „The Stand“, um sich das vorzustellen). Am Anfang wäre ich natürlich erst einmal verwirrt, verängstigt und verunsichert. Ich würde mich in eine Ecke setzen und heulen. Dann würde ich mich aufrappeln, ein paar Vorräte packen, ein letztes Mal duschen, und mich auf den Weg machen. Mein Startpunkt wäre Hamburg, eine große Stadt mit vielen Läden zum Plündern und Vorräte aufstocken, vielleicht treffe ich auf noch mehr Überlebende.

Habe ich Glück und sie sind nett, halte ich es vielleicht sogar mehrere Wochen durch, ohne den Verstand oder mein Leben zu verlieren. Spaßig ist trotzdem was anderes, denn ich hasse Zelten, bin total etepetete mit dem Essen und wenn ich nicht täglich meine warme Dusche habe, kriege ich schlechte Laune und dann haben die anderen ganz schnell keine Lust mehr darauf, mich alberne Zimperliese mit durchzuschleppen. Sind die anderen Überlebenden Arschlöcher, bin ich gleich geliefert. Dann klauen sie mir meine Vorräte, verprügeln mich, lassen mich im Straßengraben liegen und dann habe ich auch echt keinen Bock mehr auf gar nichts. Bumms, tot, nach … vielleicht drei Tagen.

Szenario: Zombie-Apokalypse

Ich schau unheimlich gern die Serie „The Walking Dead“ und stelle mir dann vor, welcher von den Überlebenden ich wohl wäre. Dieses Szenario ist ähnlich wie das mit dem Supervirus, nur, dass hier noch mordlüsterne, hungrige Zombies mir ans Leder wollen. Ich vermute, diese Variante würde ich genau so lange überleben, bis mir der erste Zombie begegnet. Ich dann so: „Aaah! Ein Zombie! Igitt“ und der Zombie so: *röchelkrächzsabbergrunz* und schon beißt mir der Untote den Kopf ab und tut sich an meinem denkfreudigen Gehirn gütlich.

Es kann aber auch sein, dass ich es schaffe, mich lange genug zu verstecken, bis mich irgendein schießwütiges Raubein unter seine Fittiche nimmt und ich ihm erzählen kann, ich wüsste, wie man die Zombie-Apokalypse aufhalten und die Menschheit retten kann, damit er mich nicht in die Wüste schickt, sobald ich ihn nerve. Das Dumme ist nur, ich lüge sehr, sehr offensichtlich und das würde recht schnell auffliegen, und dann war’s das.

Szenario: Zeitreise läuft schief

Was wäre wenn ich eine Zeitmaschine finden und in die Vergangenheit reisen würde? Strande ich bei den Dinosauriern, frisst mich der nächstbeste Tyrannosaurus Rex zum Frühstück. Strande ich bei den alten Ägyptern, werde ich versklavt und beim Pyramidenbau vom Stein zerquetscht, sodass ich Jahrtausende später Archäologen mit meinen Gebeinen eine spannende Entdeckung beschere. Im Mittelalter würde ich als Atheistin auf dem Scheiterhaufen verbrannt, sobald ich den Mund aufmache.

Bis zu dem Zeitpunkt, wo Frauen eigene Entscheidungen treffen, studieren und einen Beruf wählen durften, ohne erst ihren Mann um Erlaubnis zu fragen, hätte ich mich schlichtweg zu Tode gelangweilt. Es ist meinen Überlebenschancen also ganz zuträglich, hier und jetzt zu leben und nicht zu einem anderen Zeitpunkt in der Vergangenheit.

Szenario: In der Dystopie auf der Loser-Seite gelandet

Und was wäre mit einem anderen Zeitpunkt in der Zukunft? Viele besorgte Bürger hätten ja ganz gern klare Verhältnisse und einen beinharten Staatschef, der ihnen sagt, wo es langgeht, was sie denken und was sie tun sollen. Dass wir das schon mal hatten, vergessen sie dabei leicht. Aber wenn der Besorgtbürgertraum wahr würde und wir hier in Deutschland irgendwann in der Zukunft wieder eine Diktatur, eine Dystopie haben, kommt es darauf an, auf welcher Seite man steht, wie gut man diese überlebt.

Da ich wie gesagt gern selbst denke und miserabel lüge, würde ich zwangsläufig relativ schnell als Staatsfeindin auffallen. Denunziation von der Nachbarin gegenüber, die mich auf dem Kieker hat, weil mein Freund und ich uns in unserem Schlafzimmer umziehen und das auch gemacht haben, als wir noch keine Vorhänge hatten (sie entrüstete sich ob unseres schamlosen Freikörperkults). Verhör bei der geheimen Militärpolizei. Knast. Tod.

Oder es wird eine Dystopie à la „Hunger Games“ – ich glaube kaum, dass meine Schwester für mich als Tribut antreten würde, das heißt, das bliebe an mir hängen. In der Arena: „Oh je, ich kann hier doch nicht meine Mitmenschen töt-“ – Zack, tot. Vielleicht werde ich aber nicht ausgelost und habe eine Schonfrist. Ich kann nicht jagen, nicht schlachten, habe keine Ahnung von Pflanzen (meine Zimmerpflanzen überleben meine Obhut für gewöhnlich genauso kurz wie ich die hier geschilderten Katastrophenszenarien) und würde wahrscheinlich verhungern oder mich versehentlich selbst vergiften, weil ich Tollkirschen und Johannisbeeren verwechselt habe. Ersteres würde etwas länger dauern, Letzteres ginge recht fix.

Szenario: Einsame Insel

Sollte ich mit dem Flugzeug abstürzen und auf einer einsamen Insel landen, kommt es darauf an, ob ich alleine bin oder mit mehreren, wie lange ich das durchhalte. Bin ich alleine, erfriere ich in der ersten Nacht, weil ich zu handwerklich unbegabt bin, um mir einen anständigen Unterschlupf zu bauen, und zu dusselig, um ein Lagerfeuer zu machen. Ist es eine tropische Insel, erfriere ich womöglich nicht sofort, sondern verhungere vorher. Möglich ist auch, dass mich ein wildes Tier frisst. Auf jeden Fall wäre das der Moment, um mein geisteswissenschaftliches Studium und meine Schauspielausbildung zu bereuen. Sind noch andere mit mir gestrandet, wird sicher irgendwann die Frage aufkommen, wen von uns man entbehren und essen kann – und das wäre dann wohl ich.


Und, wie rechnet ihr eure Überlebenschancen in der freien Wildbahn aus, wenn irgendeine Katastrophe euch dorthin katapultiert?

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4 Antworten to “Essai 164: Über potenzielle Überlebenschancen in der freien Wildbahn”

  1. Ma-Go Says:

    Ich schmeiß gerade weg! Worüber du dir Gedanken machst. 😀 😀 😀
    Hammer!

    Gefällt 1 Person

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