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Essai 161: Über rationale und emotionale Argumente

24. Juli 2016

Eigentlich bin ich friedfertig und habe gern meine Ruhe, aber manchmal kann ich einem gepflegten geistigen Duell einfach nicht widerstehen. Neulich zum Beispiel habe ich mich mal wieder mit einem Kerl auf Facebook gestritten (Spoiler: Ich habe gewonnen 😛 ). Es ging um einen Comic von Erzählmirnix, wo ein Mann einer Frau erklärt, dass der Unterschied zwischen Männern und Frauen darin bestünde, dass Männer rational argumentieren und Frauen mit Gefühlen. Die Frau sagt daraufhin: „Das stimmt nicht“ und der Mann konstatiert: „Siehst du, da haben wir wieder den Beweis: Ich stelle ganz rational Tatsachen fest und du als Frau weigerst dich, die Realität zu akzeptieren und argumentierst damit, was du lieber hättest.“ Da ich diesen Quatsch auch schon des Öfteren gehört habe, habe ich das natürlich kommentiert. Beim Scrollen durch die Kommentare fiel mir dann ein Beitrag auf, wo besagter Kerl spekulierte: „Ich meine mich zu erinnern, dass es mal eine psychologische Studie mit diesem Ergebnis gab 😉 Die mag natürlich falsch sein, aber wissenschaftlich gilt eine These bekanntermaßen, bis sie widerlegt wurde ^^“ Und da wollte ich ganz gern wissen, was es mit dieser Studie auf sich hat. Zunächst aber erzählte ich eine Anekdote, in der ich Parallelen zu seiner Argumentation sah. Ein Freund von mir, der sich ebenso gern geistig duelliert wie ich, hat mir mal von einer Studie berichtet, die beweisen soll, dass Frauen grausamer seien als Männer. In einem Versuch, wo die Probanden jemandem Stromstöße verpassen sollten, hätten die Frauen häufiger aufs Knöpfchen gedrückt als die Männer. Da wollte ich dann gern mehr Details zur Studie wissen: Wer hat sie wann unter welchen Bedingungen mit wie vielen Menschen durchgeführt? Wo kann man sie finden und das nachlesen? Wie war die Ausgangsthese und könnte es sein, dass Vorurteile eine Rolle gespielt haben? Antworten gab es keine.

Ursprünglich hatte ich diese Geschichte eigentlich nur erzählt, weil ich es amüsant fand, dass man eine Studie anbringt, um seine Argumentation scheinbar rational zu untermauern und tüchtig Eindruck zu schinden, bei näherem Nachfragen stellt sich dann jedoch heraus, dass man da irgendwie mal von irgendwas gehört hat, und eigentlich nichts Genaues weiß. Und das von Männern, die den Eindruck erwecken, sie argumentierten rational. Wobei implizit angenommen wird, dass rationale Argumente immer besser wären als emotionale Argumente. Da der feine Herr sich weigerte, mir den Link zur Studie zu schicken, sich in Widersprüchen verhedderte und lustigerweise ins Emotionale abdriftete und anfing, mich zu beleidigen, schlug ich einen Kompromiss vor: Männer und Frauen argumentieren beide emotional und rational, was davon jeweils überwiegt, hängt von der Persönlichkeit, Temperament, Situation, Kontext, persönlichem Hintergrund, Tagesform und Thema ab, weniger vom Geschlecht. Wenn es vom Geschlecht abhängt, ist es wahrscheinlich zum großen Teil der Erziehung geschuldet, die nach wie vor Männern „untersagt“ Gefühle zu zeigen und Frauen einredet, sie würden Schwierigkeiten haben, einen heiratstauglichen Göttergatten zu finden, wenn sie zu viele rational untermauerte Widerworte gäben. Da meinte er, das sei falsch, und überhaupt, er wisse doch auch nichts von der Studie, hätte nur gefragt, ob es eine solche nicht gäbe, sie sei ihm überdies völlig egal und außerdem hätten beide Personen im Comic unrecht. Da brachte ich den Einwand, dass nicht beide unrecht haben können, da Person A sagt „XY ist Fakt“ und Person B sagt „Das stimmt nicht“. Etwas kann ja nicht gleichzeitig Fakt und nicht Fakt sein. Ich meine, daraufhin wurde er wieder ausfallend … Jedenfalls, irgendwann war mir das dann auch zu blöd, da schlug ich ihm vor, wir könnten uns einfach einigen, dass ich das geistige Duell gewonnen hätte, woraufhin er mich als dumm und asozial beschimpfte. Höhöhö, ist mal eine nette Abwechslung, sonst kriege ich eher vorgeworfen, ich wäre ein Klugscheißer, Streber und zu nett (wobei wir ja alle wissen, wessen kleine Schwester das Wort „nett“ ist). 😀

So viel zur Vorgeschichte, weshalb es mich in den Fingern gejuckt hat, diesen Essai zu schreiben. Der Blödmann wollte nämlich partout nicht zugeben, dass er Schwachsinn verzapft und selbst keine Ahnung hatte, wovon er denn da redet, und … nun ja, der Vorwurf mit dem Klugscheißer ist wohl berechtigt. Selbst, wenn ich weiß, dass ich recht habe, höre ich es doch ganz gern, da fühle ich mich gebauchpinselt. Wir haben alle unsere kleinen Eitelkeiten *hüstel* Nachdem das geklärt ist, möchte ich gern wissen, was denn nun eigentlich genau rationale Argumente im Gegensatz zu emotionalen Argumenten sein sollen. Denn meiner Ansicht nach kann man gar nicht umhin, dass sich immer persönliche, emotionale Motive unbewusst in unsere Aussagen mogeln. Das merken wir in dem Moment nicht unbedingt, wenn es nur ganz subtile, leise emotionale Töne sind, aber da sind sie trotzdem. Man könnte höchstens sagen, dass in wissenschaftlichen Arbeiten, Studien und bei seriöser Berichterstattung im Journalismus sowie vor Gericht versucht wird, seine Emotionen weitestgehend in den Hintergrund zu schieben und sich auf die bloße Nennung der Fakten zu beschränken. Im Schriftlichen gelingt das sogar noch einigermaßen, aber sobald man etwas ausspricht, verraten Stimme, Tonfall, Betonung und Körpersprache etwas von der inneren Haltung. Aber sagen wir, dass in diesen Bereichen die rationalen Argumente überwiegen, so gut sie es eben können.

Sind emotionale Argumente denn im Gegenzug immer schlecht? Klar, wenn es um Wissenschaft, Recht und Berichterstattung geht, kann man nicht einfach schreiben oder sagen: „Ach, also ich habe das Gefühl, der Angeklagte ist ein dummes Stück Dreck, deswegen ist er meinem Empfinden nach definitiv schuldig.“ Eine gerechte Verhandlung wäre dann nicht mehr möglich. Aber angenommen, es geht nicht um Fakten und Taten, sondern um Befindlichkeiten, Meinungen und persönliche Vorlieben. Kann man da überhaupt rational argumentieren und wenn ja, ist das sinnvoll? Es entstehen dauernd Missverständnisse in zwischenmenschlichen Beziehungen, weil jeder einen unterschiedlichen Hintergrund, eigene Wahrnehmung und Perspektive, Gewohnheiten, Kenntnisse, Erziehung und so weiter hat. Wenn man dann seine persönlichen Ansichten als Fakten darstellt, kann man den Konflikt niemals klären. Weil dann beide auf ihrem Standpunkt verharren und diesen verteidigen, denn für beide erscheint der eigene Standpunkt als Wahrheit. Da ist es doch besser, man argumentiert ehrlich mit seinen Gefühlen, steht dazu, dass es Befindlichkeiten und keine Fakten sind und versucht, die Gefühle des anderen nachzuvollziehen oder zumindest zu akzeptieren.

Von daher finde ich, dass sowohl emotionale als auch rationale Argumente ihre Daseinsberechtigung haben und es das Beste ist, wenn man beides beherrscht und je nach Situation, Kontext und Diskussionspartner mal mehr in die eine oder andere Richtung tendiert. Das ist natürlich der Idealzustand, im wirklichen Leben platzt einem dann doch mal der Kragen und man schaltet auf stur und vergisst, dass die eigenen Gefühle keine Fakten sind. Das ist einfach menschlich, aber weder explizit männlich noch ausschließlich weiblich. Meiner Meinung nach könnten wir trotzdem ruhig mal etwas netter und nachgiebiger miteinander umgehen. Und uns vielleicht auch mal fragen, ob unsere Behauptungen wirklich eindeutig belegbar sind, oder eher als Überzeugung getarnte Meinungen und Befindlichkeiten sind. In diesem Sinne: Wer das nächste Mal als rationales Argument eine Studie aufs Tapet bringt, sollte vorher noch mal den Link zur Originalquelle heraussuchen – oder lieber schweigen.


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