Essai 157: Über rhetorische Tricks für Wichtigtuer

Manchmal will man gern Eindruck schinden, hat aber gar nichts Interessantes zu sagen. Das muss jedoch kein Hinderungsgrund sein, denn man kann auch Nichtssagendes eindrucksvoll aufplüschen, sodass es total wichtig klingt und keiner merkt, dass es nur heiße Luft ist. Oder zumindest: fast keiner – aber selbst, wenn da jemand im Publikum sitzt, der merkt, dass der Kaiser keine neuen Kleider, sondern gar nichts trägt, braucht man sich beim rhetorischen Aufplustern in der Regel keine Sorgen zu machen. Zumindest habe ich das noch nie erlebt, dass jemand in solchen Situation losgetrötet hätte: „Laaaangweilig, du laberst doch nur hohlen Stuss, komm‘ doch mal auf den Punkt!“ Das macht irgendwie keiner, vielleicht, weil es doch sehr unhöflich ist. Oder weil man, wenn man im Publikum sitzt und gezwungen ist, dem Wichtigtuer beim Phrasendreschen zuzuhören, normalerweise weniger wichtig ist und sich den Wichtigtuer nicht zum Feind machen möchte. Mit den Konsequenzen zu leben, sich einen ehrlichen, aber wenig konstruktiven und ziemlich unhöflichen Kommentar verkniffen zu haben, ist wohl einfacher, als eine wichtige Person gegen sich aufzubringen.

Wer auch mal mitmachen möchte beim Zirkus Richtig-wichtig-popichtig, für den habe ich heute ein paar Tipps parat. Ganz besonders wichtig: die richtige Haltung (oder auf Wichtigtuerisch „Attitude“). Damit der Unfug nämlich überzeugend rüberkommt und tatsächlich nur Wenige merken, dass man eigentlich keine Ahnung von der Materie hat (oder der „Craft“, wie einer meiner Lieblingswichtigtuer Herr T. S. sagen würde), muss man schon auch selbst davon überzeugt sein, dass man supertoll ist und die Erde auf der Stelle stillstünde, wenn man nicht da wäre, damit sie sich um einen dreht.

1. Mit Anglizismen jonglieren

Man findet Sachen nicht einfach gut, sondern man findet sie „nice“. Und wenn Dinge gar nicht gehen, dann sind sie ein „No-Go“. Anglizismen sind für Wichtigtuer unverzichtbar, denn das wirkt voll „internäschenell“ (also weltmännisch), wenn man alles Mögliche und Unmögliche mit englischen Phrasen aufbauscht. Da wird dann also vom „Commitment“ geschwafelt und davon, dass alles „no problem“ ist, weil das ja alles zur „Challenge“ dazugehört. Oder es wird von „Compliance“ gesprochen (das Wort musste ich erstmal ergooglen, heißt wohl so viel wie „Regeltreue“) und „values“. Übrigens macht es überhaupt nichts, wenn die Zuhörerschaft bei den ganzen Anglizismen höchstens die Hälfte versteht. Das soll so. Je weniger die Zuhörerschaft von dem Quatsch versteht, den man von sich gibt, desto geringer ist das Risiko, dass sie es als Quatsch erkennen. Die Chancen steigen, dass sie denken: „Wow! Ich versteh kein Wort! Also muss es unfassbar klug sein, was der Mensch da redet!“

Diesen Zweck erfüllen übrigens nicht nur Anglizismen, sondern auch andere Fremdwörter oder Fachbegriffe. Allerdings ist da die Gefahr gegeben, dass man übers Ziel hinausschießt und arrogant wirkt. Das will man auch nicht, denn Wichtigtuer sind ja noch einigermaßen erträglich, aber Streber kann keiner leiden. Bevor man also etwas „goutiert“, anstatt gut findet, oder von einer „cauchemardesken Atmosphäre“ anstelle einer „alptraumhaften Stimmung“ spricht, sollte man schauen, ob man dieses Ausmaß an Schnöselvokabular seinem Publikum zumuten kann. Befindet man sich unter einem Haufen hochkultureller Geisteswissenschaftler und Intellektueller, kann – ja, sollte – man sich so ausdrücken und vorzugsweise viele Gallizismen in seinem Geschwafel unterbringen. Wendet man sich als Mediziner an andere Mediziner, sollte man seinen Vortrag entsprechend mit lateinischen Fachbegriffen aufplustern, und so weiter.

2. Sich selbst loben

Ein Wichtigtuer, der etwas auf sich hält, hat nichts davon, wenn nur er selbst sich seiner eigenen Großartigkeit bewusst ist. Es schadet also nichts, es zwischendurch auch mal explizit zu betonen. Außerdem sollte man auch seine Untergebenen, äh, das Fußvolk, genauer gesagt, alle anderen, in seiner Eigenlobeshymne nicht unerwähnt lassen. Schließlich will man ja, dass die sich zu den „values commiten“ und die „Challenge“ „nice“ finden. Also sagt man dann, dass man ganz große Klasse ist, aber, dass man – selbstverständlich – nur so toll sein kann, weil man so eine wunderbare Unterstützung hat. Das muss man nicht unbedingt selbst glauben, das genügt völlig, wenn man das einigermaßen überzeugend äußert.

3. Hyperbolische Ausdrucksweise: Alles ist fantastisch (mindestens)!

Beim Selbstlob darf man übrigens auf keinen Fall bescheiden sein, sonst wirkt das unglaubwürdig. Man ist also nicht einfach nur soweit ganz in Ordnung oder nicht schlecht, auch nicht einfach nur gut – sondern fantastisch, „amazing“, „awesome“, großartig, phänomenal, superkallifragelistikextraalligetisch (Mist, jetzt habe ich mir selbst einen Ohrwurm verpasst!), … Das nennt sich hyperbolische Ausdrucksweise (ein Fremdwort, mit dem man unter Geisteswissenschaftlern ein bisschen Eindruck schinden kann) und heißt schlicht und ergreifend, dass man heillos übertreibt.

4. Körpersprache für Wichtigtuer

Wie gesagt, wer ein richtiger Wichtigtuer sein will, muss erst einmal die richtige, wichtige Haltung an den Tag legen. Dies bezieht sich nicht nur auf die innere Einstellung und Überzeugung, dass man etwas ganz besonders Tolles ist, sondern auch buchstäblich auf die Körperhaltung. Wer mit hängenden Schultern von „commitment“ und „amazing challenges“ schwadroniert, macht sich lächerlich und wird sofort durchschaut. Also: Brust raus, Bauch rein, Kopf hoch und sein Publikum mit dem Blick fixieren. Am besten stellt man sich breitbeinig hin, so nimmt man mehr Raum ein und wirkt gleich noch viel wichtiger. Die Hände kann man lässig an den Daumen in die Gürtelschnallen hängen, in die Hüften stemmen oder eindrucksvoll verschränken. Auf keinen Fall sollte man sie hinterm Rücken verstecken, das wirkt zu zurückhaltend und bescheiden.

5. Auf den Ton achten, der die Musik macht

Der Tonfall, mit dem man seinen aufgeplüschten Schwachsinn unters Volk bringen möchte, sollte ebenfalls allumfassende Wichtigkeit ausstrahlen. Man sollte alle „Ähs“ und „Öhms“, alle „eigentlichs“ und „Na jas“ sowie sämtliche anderen Denkpausenfüller und abmildernden Ausdrücke aus seinem Vokabular streichen. Stattdessen kann man aber prima Kunstpausen einbauen und dabei ganz wichtig auf sein Publikum herabschauen. Ansonsten spricht man am besten laut, deutlich und klar, so, als wäre man es schon sein Leben lang gewöhnt, andere herumzukommandieren. Es soll ja keiner das Schwafeln bemerken.

6. Was, wenn man wirklich etwas zu sagen hat?

Sollte man kein echter Wichtigtuer sein, sondern wirklich etwas zu sagen haben, braucht man die Punkte 1 bis 3 nicht. Allerdings empfiehlt es sich, an 4 und 5 zu arbeiten, denn dann hören die Leute einem eher zu und sind eher gewillt, das Gesagte aufzunehmen und für richtig und wichtig zu befinden.

Und, habt ihr noch ein paar Tipps für Wichtigtuer oder Menschen, die wirklich Wichtiges zu sagen haben?

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4 Antworten to “Essai 157: Über rhetorische Tricks für Wichtigtuer”

  1. maunzendemaus Says:

    Protip: bei Nachfragen, die auf eine praktische Schwachstelle in der eigenen Theorie zielen, einfach darauf hin weisen, dass das eine unkomplexe Frage sei. Übersimplifizierung. Durchblicken lassen, dass Populärwissenschaft Sache der TED Talks ist. Ja ja.

    Gefällt 1 Person

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